Nora Gomringers jüngster Lyrikband „Moden“ umfasst 25 Gedichte, dazu ebenso viele Collagen von Reimar Limmer, ein Umschlagbild, das an ein Modemagazin denken lässt, Schnittbögen als Vorsatzblatt und eine Audio-CD, auf der Gomringer ihre Gedichte selbst liest. Karin Betz empfiehlt den Band.

Buchkritik

Kribbeln auf der Haut

Es ist so eine Sache mit den Nebensachen. Die so genannte schönste Nebensache der Welt ist ja auch keine. Vielleicht sucht man deshalb ständig nach den Nebensachen, wenn etwas zur Sache gesagt werden soll. Ich habe gesucht und gesucht – jedoch: dies ist ein Buch ohne Nebensachen. Jedes Accessoire an seinem Outfit sitzt.

Da stehen die wichtigen Dinge schon in der Modemagazin-Schrifttype, in der der Titel gesetzt ist: Moden blättert sich stilbewusst auf als Modejournal. Gar nicht nebensächlich auch der Denkzettel, den dieses schöne Journal dem Leser kurz vor dem Zublättern noch mit auf den Weg gibt: „Stil ist völlig unnötig, wenn man eine Mutter hat“. Sagt Nora Gomringer, die in lustvoller Aufdringlichkeit in diesem durchgestylten Lyrikband zu uns spricht.

Und schon ist etwas Falsches gesagt, denn nennt man dies einen Lyrikband, weil er tatsächlich 25 Gedichte umfasst, dann würde man die 25 Collagen dazu von Reimar Limmer, das Umschlagbild von Daniela Hoferer, die Schnittbögen als Vorsatzblatt, die Widmung der Autorin an die Frau Mama, die Zitate zum Auftakt und die CD mit Gomringers Stimme doch wieder zur Nebensache erklären.

Also am besten von vorn anfangen: Um Moden geht’s, nicht um Mode, in diesem Buch, das nach Morbus und Monster Poems Gomringers „Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten“ vollendet. Unsichtbar bleibt für den ungeübten Blick zunächst, dass das bunte Umschlagbild im Original gestickt ist, also schon hier feinste Handarbeit mit Nadel und Faden dem Inhalt eine Hülle gibt. Hoferer und ihrer Stick-Kunst ist das letzte Gedicht des Bandes, Seidenraupen, gewidmet. Ein paar Seiten weiter gibt eine Collage aus Zitaten von Schiller („Deine Zauber binden wieder …“), Goethe („Du bleibst doch immer, was du bist“), Madonna und Helen Court einen deutlichen Hinweis darauf, dass hier nicht nur die Dichtung zu Wort kommt, sondern auch der Stoff, aus dem sie gemacht wird und die Pose, die sie einnimmt. Und zu dieser Pose gehört natürlich, an der Oberfläche zu kratzen und mit wortgenauer Kunst bloßzulegen, was unter den Hüllen schlummert:

(…)
Was du trägst, das bist du heute so selten
wie noch nie, denn wer sich ständig häutet,
der ist wundes Tier. Schreibt hier die Eine,
die keinen Schrank durchschreiten muss
für das Betreten neuer Länder.
Schon davor steht sie in einem,
das sie als Fadenscheinige ausweist.

So endet das erste Gedicht Karl, Vivienne, Marc, und da ist ein erstes, mit Bedacht gesetztes Wort, das lange nachhallt: fadenscheinig. Ein selten gewordenes Wort, mit der schönen Doppeldeutigkeit von „offensichtlich unwahr“ und „abgenutzter Stoff“. Oberfläche und Unsichtbarkeit im Land der Fadenscheinigkeit. In diesem Sinn kann man es mitnehmen auf dem Weg durch die anderen Gedichte, die immer wieder vom Unsichtbarwerden handeln unter den Hüllen, die die Moden schenken, oder gleich vom Verschwinden, wie dem der Haare nach der Chemotherapie. Hair. Long as you can grow it heißt ein Gedicht, in dem so vieles steht, das direkt unter die Kopfhaut geht, dass man es sehr oft lesen muss. Und dabei feststellt, dass jede der acht Strophen davon selbst schon ein fertiges Gedicht ist, eine eigene Geschichte erzählt. Nur zwei davon:

„Schmückt es mich als Gladiatorin
wenn ich bei Aldi steh, Produkte in den Händen
drehe und prüfe, wann die Prophezeiung
dem Hering sein Ende zusagt.

Rapunzel, deine Haare, so lang! Und nun
der Eine, der sich daran hochziehen möchte.
Zu dir hinein. Denkt niemand an den Schmerz,
den dieser Eine dir Zug um Zug bedeutet?

Ein Gedicht wie dieses hätte auch in Gomringers letztem Lyrikband Morbus stehen können, in dem mehr der Körper und seine Vermessungen eine Rolle spielen als seine Hüllen, doch Abgrenzung des einen vom anderen hat die Autorin sicher gar nicht im Sinn. Das ist es ja, das Unheimliche an der Poesie von Nora Gomringer, wie sie in vermeintlich harmlosen Miniaturen wie der über eine Zirkustänzerin (Vom Zirkusleben) über kleine Wendungen immer wieder das große Ganze in den Blick nimmt. Und es nicht lassen kann, augenzwinkernd ein sozusagen konkretes Gedicht aus dem Hut zu zaubern, wie es sich gehört im Zirkus: „Schauen Sie her, sehen Sie selbst: Erst wird aufgezählt und dann gereimt!“ Wie schön dieses Gedicht wie das beschriebene Zirkusmädchen selbst wogt und sich im Kreise dreht, merkt man schon beim stillen Lesen, aber noch mehr beim Zuhören, wenn Gomringer selbst liest. Nora Gomringer, Bachmann-Preisträgerin 2015, ist ein Star des gesprochenen, aufgeführten Worts und es ist zum Glück ein selbstverständlicher Luxus, dass man sich von ihren Gedichten dank der beigelegten Audio-CD auch von diesem Band vielsinnig verführen lassen darf. Fehlte nur, dass man Chanel No. 5 in der Nase hätte, wenn man an den Seiten reibt. Und wer bis zum Ende zuhört, was man unbedingt sollte, bekommt auf der CD noch zwei Bonustracks mit auf den Weg aus der Lyrikboutique.

Optisch verführen Reimar Limmers augenzwinkernde Collagen zu jedem Gedicht, die zum Beispiel eine alte Schwarzweißaufnahme eines Soldaten in Hotpants stecken und mit gelbem Maßband vor dem Sternenhimmel vermessen. Daneben das Gedicht Uniform, das so endet:

Man reicht der Witwe eine Landesfahne,
wenn der Gatte in Ehren in der Erde liegt.
Die Knöpfe sind dann allesamt
sehr dunkle Sterne an der einen Form.

Eins der schönsten Gedichte in diesem Band ist Blaukraut, auch ohne die Illustration dazu (bläuliches Brautkleid) ist sofort der Zungenbrecher im Kopf: Brautkleid bleibt … Ein rätselhaftes Gedicht mit Motiven aus den Märchen, in denen immer wieder die Braut in weißen Kleid nur Metapher bleibt und vor allem eine Duldende, wie Schneewittchen im Glassarg. Dieses Gedicht besticht wie viele andere in Moden dadurch, wie es mit Rhythmus und Wortwahl immer wieder seinen Stoff von innen nach außen wendet, in den letzten Zeilen dann ins blauseidene Innenfutter des Bräutigamanzugs. Mode ist und war, vom Korsett bis zu chinesischen Lotusfüßen, immer auch Zwang und Schmerz in ihrem Namen. Viel und mit mal lächelnder, mal bösartiger Ironie wird in diesen Gedichten dieser empfindliche Schritt von der Verehrung zur Verbiegung der Frauen verhandelt. „Sogar das Brechen der Füße/steht in einem Regelbuch,/geschrieben nicht von Folterern./Geschrieben von Verliebten./Die hin und wieder dieselben sind. (…)

Doch diese schmerzhaften Zitate sollen nicht darüber hinwegtäuschen, wie witzig, schelmisch und spannend diese Lyrik ist. Vor allem sind die weisen Märchen, die sie erzählt, ganz im prosaischen Jetzt zu verorten, sie twittern, schauen The Walking Dead und dann führen sie wieder, wie in Nichts. Wirklich nichts, ins Drama der modernen Textilbilligproduktion und ihrer Sklaven.

Die Welt, die Nora Gomringer verhandelt und fühlbar macht, hat viele Stoffe und wie sehr sie eine Königin der Lyrik ist, merkt man, wenn man sich diese Gedichte anzieht wie ein Kleidungsstück. Wie sanfte Seide und raue Wolle fasst diese Poesie den Leser an. Es kribbelt ständig.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 06.4.2017

Nora Gomringer, Foto: Judith Kinitz
Nora Gomringer, Foto: Judith Kinitz

Nora Gomringer
Moden
Broschiert, 56 Seiten, mit Audio CD
ISBN: 9783863911690
Voland & Quist, Dresden 2017

Buch bestellen