Werner Pirchner (1940-2001) galt als Komödiant der österreichischen Musikszene. Dabei wäre der Autodidakt gerne als seriöser Komponist wahrgenommen worden. Das Eggner Trio hat nun die drei Klaviertrios von Werner Pirchner aufgenommen. Thomas Rothschild stellt die CD vor.

CD

Die Pflicht zum Ungehorsam

Werner Pirchner, der im Jahr 2001 mit nur 61 Jahren gestorben ist, war ein Original innerhalb der an Originalen nicht gerade armen österreichischen Landschaft, als ein austriakischer Gerard Hoffnung oder Victor Borge. Von Anfang an, seit „ein halbes doppelalbum“ von 1973, galt er als Komödiant der Musikszene. Dieses Image ist der Vibraphonist und Komponist aus Hall in Tirol – er selbst sprach stets von Hallitirol mit Betonung auf der zweiten Silbe – nie los geworden. Dabei wäre der Autodidakt gerne als seriöser Komponist wahrgenommen worden, der er ja auch war, wenn man Humor nicht für unseriös hält. Ganz unschuldig ist er selbst freilich nicht daran, dass ihm das Attribut des Komischen anhaftete. Auch bei den Gesprächsauszügen, die auf einer eben erschienenen CD enthalten sind, ist nicht eindeutig zu entscheiden, wann seine Äußerungen absichtsvoll und wann sie eher durch eine Fehlinterpretation von Pirchners Redeweise und seinem Tiroler Dialekt komisch wirken. Übrigens kam der sympathische, ebenso muntere wie bescheidene Musiker aus einer politisch engagierten Familie. Darüber freilich hat er nicht gesprochen. Das erfährt man, wenn man sich in Hall in Tirol umhört.

Einem breiten Publikum war der ungeheuer produktive Werner Pirchner bekannt durch die Jingles, die er, wie Wolfgang Dauner für den SDR, für den ORF schrieb, ohne dass es seinen Namen wissen musste. Das Eggner Trio, bestehend aus den Brüdern Georg Eggner an der Violine, Florian Eggner am Violoncello und Christoph Eggner am Klavier, hat nun die drei Klaviertrios von Werner Pirchner – ein viertes blieb unvollendet – für das Label Gramola aufgenommen. Zwischen 1988 und 1997 entstanden, tragen sie die Titel „Wem gehört der Mensch…?“, „Heimat?“ und „Heute…war Gestern Morgen. Heute…ist Morgen Gestern“. Sie bestehen aus drei bis sechs Sätzen von jeweils weniger als sechs Minuten Dauer, die sich wie unabhängige Miniaturen ausnehmen und wiederum jeweils eine Satzbezeichnung tragen mit teils politischer Implikation – „Zwentendorf – Wackersdorf. Ein Spaziergang nach Tschernobyl“, „Die Pflicht zum Ungehorsam“, „Die Regierung – unsere Angestellten“ –, teils parodistischem Akzent – „Drein sein – beinander bleibn…“. Eine CD aus dem Jahr 1986 trägt den Titel „EU“. Er signalisiert die Symbiose von E- und U-Musik, was immer man darunter verstehen mag.

Kennzeichnend für Pirchners Stücke sind die Brüche und äußerlich unmotivierten Sprünge auf allen musikalischen Ebenen – der Melodie, dem Rhythmus, den Harmonien. Dieses Aufeinandertreffen von scheinbar nicht Vereinbarem ist es auch, was in anderem Kontext Komik bewirkt. Die Kompositionen, die zum Teil vorausgegangene Bühnenmusiken zur Grundlage haben, zeichnen sich aus durch eine dramatische Suggestivität, eine gestische Bewegtheit, die fast naiv, jedenfalls ohne Berechnung daher kommt. Ihre fragmentarische Kürze, ihr aphoristischer Charakter lässt Ermüdung nicht aufkommen. Vielleicht fehlt ihnen auch der Raum, der Pirchner als Jazzmusiker, namentlich im Zusammenspiel mit dem Gitarristen Harry Pepl, bei seinen Improvisationen zur Verfügung stand.

Werner Pirchner hat zwar, wie er in dem erwähnten Gespräch erzählt, die Komponisten der Zweiten Wiener Schule und die „Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik“ studiert, aber er selbst verharrt im tonalen Bereich, nimmt auch schlichte Volksmelodien in seine Werke auf und verzichtet auf jegliches Imponiergehabe. Er will nichts beweisen. Er macht einfach nur Musik.

Kommentare


Lilo Mangelsdorff - ( 06-04-2017 01:59:21 )
und es gibt einem wunderbaren Dokumentarffilm über Werner Pichler D.U.D.A=Der Untergang des Abendlandes, bei absolut medien: https://absolutmedien.de/film/493/DUDA%21+Werner+Pirchner
Dies hätte auch einen Hinweis verdient.
Besten Gruß, Lilo Mangelsdorff

Thomas Rothschild - ( 12-04-2017 10:43:55 )
Liebe Frau Mangelsdorff,
hier meine Korrespondenz mit dem Regisseur des Films, Malte Ludin. (Dass der Film mittlerweile als DVD erschienen ist, ist mir leider entgangen. Aber man kann in einer Rezension auch nicht alles unterbringen.)

Lieber Herr Dr. Rothschild,

es freut mich sehr, dass Ihnen der Film gefallen hat. Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, ihn anzuschauen. Dank auch für Ihr Angebot für die DVD mit dem Film, so sie denn herauskommt, einen Text zu schreiben.
Ihr Hinweis auf die winzigen Untertitel in der DVD-Ausgabe ist hilfreich, denn sie können jetzt noch geändert werden.
Was die Äußerungen von Heller u. Hader betrifft, so hatten sie, denk ich, allein das künstlerische Schaffen im Auge, das sich gegen die Enge der Verhältnisse auflehnt. Für den Tiroler "Normalo" gilt das nicht, er nimmt die Beschränkung nicht wahr. Im Fall Werner Pirchner spielten sicher noch andere Faktoren eine Rolle, die die Einzigartigkeit seines Werkes mitbegründen. Aber ich wollte keinen biografischen Film machen. Deshalb fiel die Darstellung der pirchnerschen Lebensumstände unter den Tisch.
Ihre Mail habe ich an Bernhard Holzhammer von "Wildruf" in Volders, den Produzenten von DUDA, weitergeleitet. Er wird Ihre Hinweise dankbar aufnehmen. Soviel ich weiß, ist die DIAGONALE eh im Gespräch. Da in der BRD der Name Werner Pirchner nur wenigen "Eingeweihten" etwas bedeutet, rechne ich dem Film keine Festival-Chancen aus -nicht in Berlin oder Leipzig, noch weniger in Duisburg. Dafür fehlt ihm, fürchte ich, die "soziale" oder "politische Relevanz". Nyon dagegen läge schon wegen des gemeinsamen alpenländischen Kulturkreises näher. On verra.

Nochmal herzlichen Dank und
ebensolche Grüße

Malte Ludin



Am 11.12.2013 um 18:32 schrieb Thomas Rothschild <thomas.rothschild@ilw.uni-stuttgart.de>:

> Lieber Malte Ludin,
> Ihr Film hat mir ausgezeichnet gefallen - umso mehr, als ich ihn mir unmittelbar nach Svobodas hilflosem Wilhelm-Reich-Spielfilm angesehen habe. Einziger Einwand: die Schrift-Inserts sind zu klein. Auf der großen Leinwand mag das reichen, aber auf dem Monitor kann man sie kaum lesen. Und eine Kleinigkeit: Haders und Hellers Erklärungen aus dem Tiroler Milieu heraus sind nur die halbe Wahrheit. Ansonsten müssten ja alle Tiroler Pirchners werden. Ein kleiner Hinweis auf die Herkunft wäre hilfreich gewesen. Soviel ich weiß, war schon Pirchners Vater ein Außenseiter, der aus politischen Gründen angefeindet wurde.
> Wird der Film als DVD erscheinen? Dann werde ich gerne eine Besprechung schreiben. Dass der Film im Panorama, also in Berlin funktioniert, hätte ich bezweifelt, wenn dort nicht auch Murnbergers Filme mit Hader zu Riesenerfolgen geworden wären. Ich nehme an, Sie haben die Diagonale kontaktiert. Bis zur Viennale ist es halt noch sehr lange hin. Ansonsten würde ich es in Nyon und Duisburg versuchen. Für Saarbrücken und/oder Solothurn ist es wohl schon zu spät. Ein Nebengleis: die Ludwigsburger Schlossfestspiele haben ein Nahverhältnis zu Christian Muthspiel, und der Intendant Wördehoff ist ein Fan von Mnozil Brass. Der Film müsste ihm gefallen. Allerdings werden bei dem Festival eigentlich keine Filme gezeigt, und das Programm für 2014 ist schon weitgehend geplant, aber es gibt hier ja die Filmakademie und das Caligari-Kino - vielleicht ließe sich da etwas machen.
> Mit besten Grüßen
> Thomas Rothschild
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erstellt am 01.4.2017

Eggner Trio
Werner Pirchner. Piano Trios
Gramola 99121

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