Der autobiographisch motivierte Roman „Die große Heimkehr“ von Anna Kim ist ein Versuch, der komplexen Geschichte Koreas im 20. Jahrhundert Gehör zu verschaffen. Es ist die Geschichte einer Region, die über Jahrzehnte hinweg zerrissen blieb im Kampf um die politische Einflussnahme durch die USA gegen die Sowjetunion. Gudrun Braunsperger hat Kims Roman gelesen.

Buchkritik

Auf der Suche nach Wahrheit

Die „Große Heimkehr“, das ist ein Programm zur Aussiedlung der in Japan staatenlos gewordenen Koreaner, welchen das Regime unter Kim Il Sung im Norden der Halbinsel 1958 den Weg zurück in die Heimat offerierte. Ein verführerisches Angebot für die als Menschen zweiter Klasse behandelte koreanische Minderheit in Japan, vor allem für die Jugend mit ihrer großen Sehnsucht nach einem Leben, das gestaltet sein will und Hoffnung auf eine Zukunft verspricht. Dass die große Sympathie für die Idee einer gerechten Gesellschaft, wie sie die in Nordkorea verwirklichte kommunistische Idee in Aussicht stellte, einen Raum öffnet für die ideologische Kaderschmiede von Jugendlichen, für Machtmissbrauch und Manipulation durch eine Ideologie, die Menschen zu Feinden macht, Freunde dem Verrat preisgibt und Familien zerreißt, das ist nur eine Episode unter vielen in Anna Kims Roman „Die große Heimkehr“. Zentral ist jenes Kapitel im Leben des Protagonisten Yunho Kang deshalb, weil sich während seiner Emigration in Osaka die Fäden seines Lebensschicksals entwirren und er eine erschütternde Einsicht in Verstrickungen gewinnt, die die große Liebe seines Lebens zu Eve ebenso in ein völlig neues Licht rückt, wie die Beziehung zu seinem Freund aus Kindertagen, Johnny. Eve erweist sich als eine andere als die, für die er sie gehalten hat, Johnny konfrontiert Yunho mit einer Wahrheit über die Verbindung zwischen ihren Familien, die schwer zu begreifen und anzunehmen ist.

Unfassbare Ereignisse

Als alter Mann berichtet Yunho einer jungen Frau von den für ihn selbst immer noch unfassbaren Ereignissen. Es ist eine für die Generation der in den Dreißigerjahren Geborenen typische Lebensgeschichte, es ist die Geschichte eines Menschen, dem die politischen Umstände der Zeit, in die er hineingeboren wurde, beigebracht haben, dass Vertrauen gefährlich ist, weil es unmöglich ist, sich selbst zu trauen.

„Aber vielleicht übertreibe ich, vielleicht lüge ich? Glauben Sie nicht alles, was ich Ihnen erzähle. Glauben Sie nicht dem Gesicht, aus dem das Alter jede Schuld getilgt hat. Fragen Sie sich lieber: Missbraucht er mein Vertrauen? Missbraucht er mich, um die Wirklichkeit neu zu erfinden, die Geschichte umzuschreiben? Nutzt er seine Position, um etwas als unvermeidlich darzustellen, was vermeidlich war? (…) Da Sie ihm zuhören, da Sie ihm diese Macht zugestehen, kontrolliert er die Vergangenheit. Letztlich gehört Geschichte demjenigen, der sich Gehör verschafft.“

Der Roman von Anna Kim ist ein anspruchsvoller Versuch, der komplexen und widersprüchlichen Geschichte Koreas im 20. Jahrhundert Gehör zu verschaffen. Dreh- und Angelpunkt ist die Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit von Wahrheit und mit der Erkenntnis, dass sich diese nicht restlos ergründen lässt. Die Ich-Erzählerin, die den Bericht über die Erzählung des 78-jährigen Yunho Kang niederschreibt, ist in Deutschland bei Adoptiveltern aufgewachsen und hat sich ihrerseits auf die Suche nach der Wahrheit begeben. Sie ist auf den Spuren ihrer Herkunft nach Korea gereist, denn sie vermutet, dass ihre koreanische Verwandtschaft etwas zu verbergen hat. Sie wird Yunho als Übersetzerin eines Briefes vermittelt, in dem ihm die Todesnachricht seiner Jugendliebe Eve überbracht wird, die in einem amerikanischen Altersheim gestorben ist. Im Lauf ihrer Begegnung mit dem alten Mann erfährt die Erzählerin zu ihrem Erstaunen, dass auch er ein Heimatloser ist. Heimat als Ort sei eine Illusion, lässt er sie wissen, auch er habe keine Heimat, weil er immer auf der falschen Seite gestanden sei. In der Lebensgeschichte von Yunho erhält die Ich-Ezählerin einen tiefen Einblick in die wechselvolle Geschichte des Landes, in dem sie geboren ist, und in die schwierigen Existenzbedingungen, die ihre Eltern, die sie weggegeben haben, wohl vorgefunden haben müssen. Was der alte Mann da berichtet, lässt sprachlos zurück, und nicht zufällig verblasst die Rahmenerzählung dabei, bleibt unaufgelöst und liefert nur den Anlass dafür, dass jemand hier den Mund auftut. In diesem Roman wird die leidvolle Geschichte Koreas aus der Perspektive des Südens erzählt. Es ist die verworrene Geschichte eines politischen Gebildes auf dem holprigen Weg zur Demokratie, das sich nach dem Terror der japanischen Besatzung und nach den Schrecken des Korea-Krieges, als Nord und Süd zwischen den jeweiligen Ideologien aufgerieben wurden, lange nicht zu erholen vermochte.

Zerrissene Region

Es ist die Geschichte einer Region, die über Jahrzehnte hinweg zerrissen blieb im Kampf um die politische Einflussnahme durch die USA gegen den sowjetischen Feind, ein Kampf, der die Bevölkerung den opportunistischen Interessen der jeweils protegierten politischen Machthaber und deren brutaler Willkürherrschaft auslieferte. Wenn eine protektionistisch etablierte Politik den Gesetzen ihres Opportunismus gehorcht, dann etabliert sie ein System, das seine verhängnisvolle soziale Wirkkraft entfaltet: davon handeln die Schicksale der hier vorgestellten Protagonisten. Denn diese Willkür macht Gewalt, Betrug und Verrat zum Regelfall, und die Menschen, die ihren Alltag bewältigen und die Bedingungen ihrer Existenz organisieren müssen, können sich damit nur arrangieren, indem sie diese Kategorien verinnerlichen, indem sie Werte wie Vertrauen und menschliche Loyalität opfern, auch deshalb, weil die Vorbilder dazu fehlen: Davon erzählt die Geschichte der Dreiecksbeziehung von Yunho, Eve und Johnny. Yunho liebt Eve Moon, die Freundin von Johnny, das koreanische Call-Girl, das sich aus Sympathie für die Amerikaner einen englischen Namen zugelegt hat, und auch Johnny hat eigentlich einen koreanischen Namen und heißt Mino Kim. Johnny braucht Geld und gerät in Verwicklung mit der Nord-West-Jugend, einer antikommunistischen paramilitärischen Schlägertruppe, die unter dem Schutz des Präsidenten Syngman Rhee steht. Ein Verbrechen in den Tagen der Studentenunruhen, kurz bevor die Regierung zurücktreten muss, ist der Anlass, dass das Trio die Flucht ergreift und nach Osaka emigriert. Dort entwirren sich die Fäden, die die Dreiecksbeziehung zusammengehalten hat, als die Propaganda für die „Große Heimkehr“ nach Nordkorea die Jugend im japanischen Exil in Aufruhr versetzt und das Verschwinden der Tochter des Vermieters ein neues Licht auf Yunhos Freunde wirft.

Anna Kim hat sich in diesem autobiographisch motivierten historischen Roman eine große Aufgabe gestellt. Denn den Plot eines Polit-Thrillers einem Lesepublikum zu erzählen, das die historischen Voraussetzungen der Protagonisten nicht kennt, setzt eine entsprechende Vermittlung voraus. Diese Herausforderung steht der literarischen Qualität des Romans zuweilen im Weg. Der Wechsel zwischen Fiktion und Dokumentation vollzieht sich nicht immer glatt. Die Sprache wechselt zwischen einer stellenweise lyrisch anmutenden Prosa der Fiktion und dem nüchternen Bericht im journalistischen Stil der objektiven Berichterstattung aus dem Mund von Yunho Kang, der am Ende die eigene Objektivität in Zweifel zieht. Und das ergibt Stilbrüche, die Erzählung findet ihren Ton nicht, gibt ihn immer wieder auf, um zum Sachbuch über koreanische Geschichte zu werden. Ein Bericht, der Objektivität beansprucht, aus dem Mund eines auktoriales Ich, das seine Subjektivität unterstreicht – dieser Widerspruch lässt sich nicht mühelos überwinden. Darüber hinaus braucht man viel Geduld, um die historischen Voraussetzungen zu verinnerlichen, die, portionsweise zur Kenntnis gebracht, die Handlung und damit die Spannung regelmäßig unterbrechen. Wenn am Ende die Auflösung dann hinausgezögert wird, um den Geschichtsabriss im Hintergrund zu vervollständigen, steigert das den Effekt nicht, sondern dämpft ihn.

Um deutlich zu machen, warum die politischen Verflechtungen sich aus koreanischen Biographien des 20. Jahrhunderts nicht herauslösen lassen, dazu muss weit ausgeholt werden. Und das ist per se ein Verdienst dieses Buchs. Dieser Roman legt die tieferen Schichten frei, auf denen die ökonomische Erfolgsgeschichte der Heimat von Samsung, Kia und Hyundai gründet.

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erstellt am 29.3.2017

Anna Kim
Anna Kim

Anna Kim
Die große Heimkehr
Roman
Gebunden, 558 Seiten
ISBN: 9783518425459
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

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