„Nachtstücke“ heißt ein Ballettabend in Stuttgart, der drei Choreographien, darunter eine Uraufführung, vereint. Thomas Rothschild hat den mitunter keineswegs romantischen Abend besucht. Zudem berichtet Rothschild über ein Konzert des Klavierduos Katia und Marielle Labèque in Ludwigsburg.

Ballett und Konzert

Die Wahrheit des Elefanten

„Nachtstücke“ ist ein Begriff, der seit E.T.A. Hoffmann und Robert Schumann mit der Romantik assoziiert wird. Das Stuttgarter Ballett, von dem nebenbei bemerkt wenig übrig bliebe, wenn man auf Menschen mit Migrationshintergrund verzichten würde, hat seinem jüngsten Ballettabend diesen Titel gegeben, aber mit der Romantik hat er nur entfernt zu tun.

Am Anfang steht die Wiederaufnahme von Edward Clugs „Ssss…“ aus dem Jahr 2012 in der überarbeiteten Fassung von 2013, zu fünf Nocturnes (!) von Chopin, die diesmal von Alina Godunov, mit dem Rücken zum Publikum am Flügel auf der Bühne sitzend, gespielt werden. Das Solo, mit dem das halbstündige Ballett eröffnet wird, lässt sich als Ausdruck von Verzweiflung interpretieren – einem Seelenzustand, den man grosso modo mit der Nacht in Verbindung bringen kann. Dazu passen die Tänzer, die im Halbdunkel, allesamt in blauen Kostümen und umgeben von leeren Klavierhockern, auf ihren Auftritt warten.

Auf „Ssss…“ folgt die Uraufführung von Louis Stiens‘ nicht weniger rätselhaft übertiteltem „Qi“. Der Halbsolist der Stuttgarter Compagnie beginnt, gleichsam spiegelbildlich zu Clugs Ballett, mit einem weiblichen Solo. Hyo-Jung Kang, ein Liebling des Stuttgarter Publikums, darf sich in ihrer ganzen Eleganz und mit ihrer technischen Perfektion zeigen. Dann aber häuft Stiens – eine Begleiterscheinung seiner Jugend? – Einzeleinfälle aufeinander, als wolle er demonstrieren, was er alles kann, ohne zu einer überzeugenden Struktur zu finden. An einer Stelle schiebt ein Tänzer seiner Partnerin Kopfhörer auf die Ohren und sich selbst den Stecker in den Po – ein isolierter „Witz“, der zu nichts führt.

Der absolute Höhepunkt kam zum Schluss, und das war gut so. An den Anfang gestellt, hätte er den Rest des Abends tatsächlich nächtlich verdunkelt. Jiří Kyliáns „Falling Angels“, bereits 1989 am Nederlands Dans Theater in Den Haag uraufgeführt, ist ein Geniestreich, der sich durchaus mit Béjarts „Boléro“ vergleichen lässt. Acht Damen, größtenteils aus dem Corps de ballet, schreiten in Zeitlupe aus dem Halbdunkel des Hintergrunds nach vorne. Dann setzt, rechts vor der Bühnenrampe von vier Schlagzeugern live gespielt, die Musik ein: „Drumming Part 1“ von Steve Reich. Der Komponist hatte schon sieben Jahre vor „Falling Angels“ Anne Teresa De Keersmaeker und ihre Rosas zu einer ihrer aufregendsten Choreographien angeregt. Kylián geht ganz andere Wege als die zu Recht berühmte deutlich jüngere Belgierin, aber beide beweisen nur, wie fruchtbar die so genannte Minimal Music für das Ballett sein kann. Die Tänzerinnen nehmen das Prinzip der Phasenverschiebung auf, ohne die musikalischen Vorgaben einfach zu visualisieren. Als weiteres kontrapunktisches Element kommen wechselnde Beleuchtungen und vom Licht erzeugte Ausschnitte hinzu. Dass dies so perfekt funktioniert, verdankt sich der Präzision des Tanzes. Atemberaubend schön, keineswegs nachtstückhaft oder gar romantisch, aber mit stürmischem Applaus akklamiert. Bei „Falling Angels“ gibt es so viel zu entdecken, dass man sich einen Abend wünschen möchte, an dem dieses Ballett drei Mal hintereinander getanzt wird.

»Falling Angels«, Tänzer: Anouk van der Weijde, Aurora de Mori, Daiana Ruiz, Fernanda de Souza Lopes, Veronika Verterich, Ami Morita © Stuttgarter Ballett

Aus den Romanen des 19. Jahrhunderts kennt man die Aristokraten oder reichen Großbürger, die sich eine Loge fürs Ballett mieteten, weniger aus Begeisterung für den Tanz als aus voyeuristischen Beweggründen. Nach der Vorstellung erbaten sie sich Zutritt zu den Garderoben der Tänzerinnen und beschenkten sie in der Hoffnung auf erotische Gegenleistungen. Von Musikerinnen und Sängerinnen wurde derlei nicht erwartet. Ein Konzert von Vladimir Horowitz besuchte man gewiss nicht wegen seiner Schönheit. Seit einiger Zeit aber zählt auch bei Musikern das Aussehen. Die Schallplattenindustrie ging dazu über, Künstler aus dem Bereich der so genannten Klassik auf den Hüllen abzubilden, als wären sie Models oder Popstars.

Zu den ersten, die auf diese Weise vermarktet wurden, gehören die Schwestern Katia und Marielle Labèque. Mittlerweile sind sie 67 und 65 Jahre alt und immer noch hübsch anzuschauen. Das würde freilich nicht reichen, wenn sie nicht ein hervorragendes Klavierduo wären. Jetzt sind sie im Ludwigsburger Forum am Schlosspark aufgetreten, mit alter Kraft und Frische. Der Vorzug eines permanenten Duos ist die Vollkommenheit des Zusammenspiels, die Homogenität von Anschlag und Klangfärbung. Sinnfällig wurde das in der Kadenz des dritten Satzes von Mozarts Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur.

Zur Seite stand den beiden Französinnen das Württembergische Kammerorchester Heibronn unter seinem Leiter Ruben Gazarian. Es eröffnete das kunterbunte Konzert mit einem Concerto von Nino Rota, dem Komponisten der Musiken für die Filme von Federico Fellini, spielte nach der Pause Haydns Sinfonie Nr. 82 mit dem Namen „Der Bär“ und schloss den Abend ab zusammen mit den Labèques und mit Hannes Hellmann, der den Text zu Camille Saint-Saëns‘ „Karneval der Tiere“ auf herrlich altmodische Weise rezitierte.

Übrigens lernen wir von Saint-Saëns oder vielmehr von Loriot, dass auch afrikanische Elefanten etwas von Ballett verstehen. Schildkröten, meint einer von ihnen, fehlt zum Tanz die nötige Anmut. Da hat er wohl recht.

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erstellt am 26.3.2017

»Ssss…« Tänzer: Hyo-Jung Kang, Pablo von Sternenfels © Stuttgarter Ballett