Marie Luise Kaschnitz entstammte einer badischen Adelsfamilie; Kindheit und Jugend verbrachte sie in Potsdam und Berlin. Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin in Weimar und München arbeitete sie ab 1924 in einem Antiquariat in Rom. Den Wiener Archäologen Guido von Kaschnitz-Weiberg heiratete sie 1925; 1928 wurde die Tochter Iris geboren. Sie begleitete ihren Mann auf zahlreichen Studienreisen nach Italien, Griechenland, Nordafrika und in die Türkei. Von 1932 bis 1955 lebte die Familie in Deutschland und in Rom bis zum Tod ihres Mannes 1958.
Danach kehrte Marie Luise Kaschnitz nach Frankfurt zurück. In den dreißiger Jahren hatte sie zu schreiben begonnen: Romane, Erzählungen, Hörspiele, Essays, autobiographische Schriften, insbesondere auch Lyrik. Sie wurde u.a. mit dem Büchner-Preis (1955) ausgezeichnet; 1960 hatte sie die Gastdozentur für Poetik in Frankfurt am Main inne; 1966 wurde ihr die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt verliehen; 1968 die Ehrendoktorwürde durch die Universität Frankfurt. Zwischen diesen Daten, Zeilen, Ereignissen liegt ein Werk aus einem halben Jahrhundert.

Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz

Schreibend wollt' ich meine Seele retten.

Von Elisabeth Borchers

Marie Luise Kaschnitz, Wiesenau 8, Frankfurt am Main

Dieses Stichwort verweist, da ich in einem Verlag gearbeitet habe, in dem das Werk der Marie Luise Kaschnitz zuletzt veröffentlicht ist, auf Zugehörigkeit, auf Nachbarschaft, die einmal war und die immer noch gedacht wird. Und an die erinnert wird durch eine Erinnerungstafel: „In diesem Hause lebte Marie Luise von Kaschnitz 1941 -1974“

Als der Insel Verlag dem Kulturdezernat eine solche Tafel nahelegen wollte, war sie bereits angebracht. Doch nicht, wie es üblich ist, sichtbar angebracht, für die eine Handbewegung, und die Handbewegung genüge zur Auslöschung. An Mark Twain dachte ich nicht, als ich in Bollschweil war, dem Familiensitz. Nicht etwa zu einer ausdrücklichen Kaschnitz-Expedition; nein, wir folgten der liebenswürdigen Einladung eines Freiburger Freundes. Mit keinem Wort gab ich zu erkennen, dort schon einmal gewesen zu sein. Ich sah nur diese Verlassenheit, diese Leere des Ortes, niemand öffnete das Tor, geschweige denn die Tür; niemand machte Licht, wozu auch, es war schließlich ein sonniger Tag. Geöffnet war ein Scheunengebäude, unweit des Herrschaftshaus-Komplexes, vermietet zur Ausstellung und zum Verkauf alter Bauernutensilien, auch Funde aus der Römerzeit, die dort nicht selten gemacht werden. Ich erstand eine verrostete spannenlange Klinge – römisch – für fünfzehn Mark. Nicht weil ich auf verrostete römische Klingen spezialisiert wäre. Es war eine Art Tribut, den ich zu leisten hatte. Was ist seit dem Todesjahr geschehen?

In der Evangelischen Akademie Tutzing, zum Beispiel, fand zum 20. Todesjahr ein Symposium für Kaschnitz statt – auch anlässlich der Vergabe des von der Evangelischen Akademie gestifteten Marie-Luise-Kaschnitz-Preises, verliehen zu diesem Anlass an Ruth Klüger – Vorträge, Lesungen aus dem Werk, die Uraufführung einiger von Dieter Schnebel vertonter Gedichte, Podiumsdiskussionen, Diskussionen allgemeiner Art. Keine weihevollen schonenden Veranstaltungen. Man ging der sachlichen Frage nach: Wie viel literarische Gegenwart ist dem Werk der Marie Luise Kaschnitz geblieben? Oder: Woran lässt sich die Aktualität des Werkes ablesen? – Zum Beispiel an dem beachtlichen Zuspruch der annähernd zweihundert Personen, die zu jenem Wochenende an den Starnberger See gekommen waren.

Selbstverständlich gehört der Hinweis auf die im Verlauf von acht Jahren bis 1989 im Insel Verlag erschienene siebenbändige Ausgabe der Gesammelten Werke mit dem staunen machenden Umfang von insgesamt 5.722 Seiten dazu. Ergänzend wurden aus dem Nachlass die Tagebücher in zwei Bänden von 1936 bis 1966 mit einem Nachwort von Arnold Stadler veröffentlicht; noch mal etwa 1400 Seiten.

Seit 1992 liegt die von Dagmar von Gersdorff verfasste Biographie vor. In der Frankfurter Anthologie der FAZ erscheinen Gedichtinterpretationen, zum Beispiel auch das von Ruth Klüger interpretierte Gedicht „Die Katze“.

Ich erinnere mich sehr genau an die Buchmesse im Jahr 1974. Nichtsahnend nimmt man, am Stand, den Telefonhörer ab, und erfährt vom Tod in Rom. Einen Augenblick lang tat die Welt, was sie nie tut, sie blieb stehen. Marie Luise Kaschnitz sollte mit einer Rede die Messe eröffnen. Ihr Thema lautete: „Rettung durch die Phantasie“. Und der genaue Wortlaut dazu: „… in der Natur des Menschen ist … die Rettung durch die Phantasie vorgesehen.“ Eine kühne Behauptung. Und gar keine gute Idee war es, die Phantasie zur Retterin zu erklären und dann zu sterben. Vielleicht aber lag die Rettung, lagen die Rettungsbeweise schon hinter ihr, auf sehr vielen der bald sechstausend Seiten; und dieser Satz, in dem die Natur des Menschen die Rettung durch die Phantasie vorsieht, sollte ein Schlussstrich, ein Fazit, eine Dankbarkeitserklärung sein.

Ich las noch einmal das folgende Gedicht – und es erschien mir ganz neu:

SCHREIBEND

Schreibend wollte ich
Meine Seele retten.
Ich versuchte Verse zu machen
Es ging nicht.
Ich versuchte Geschichten zu
erzählen
Es ging nicht.
Man kann nicht schreiben
Um seine Seele zu retten.
Die aufgegebene treibt dahin und
singt.

Machtlos, wenn es hart auf hart kommt, wie im Falle von Mark Twain, wie im Falle der Retterin namens Phantasie, nimmt man Zuflucht zum Paradoxon.

Während sie schreibt und ihre Seele rettet, behauptet das Gedicht, sie könne nicht schreiben, um ihre Seele zu retten. Die Seele treibe dahin … ein Widerspruch, zu dem nicht nur die Schreibenden Zuflucht nehmen, nicht nur einmal, täglich vielleicht. „Es sieht schlimm aus in der Welt. Aber wie es aussehen würde ohne die jahrtausendelangen Anstrengungen der Schreibenden, wissen wir nicht“ schreibt Marie Luise Kaschnitz.

Das Schreiben setzt Verlust voraus, eine mittlerweile alt gewordene Weisheit. Jedes Gedicht eine Verlustanzeige. Seien wir großzügig und genau: Auch die Prosa stützt sich auf das Fehlende, auf den Schmerz. Denken wir doch bitte an die Erzählung „Das dicke Kind“ – und wer hätte nicht als Kind Notzeiten der Seele erlebt. Oder, später, alleingelassen durch den Tod ihres Mannes, an die Erzählung vom „Vogel Rock“, von dem ich mir einbilde, ihn auch erlebt zu haben, nicht ganz so echt und groß, nicht ornithologisch ganz so fragwürdig. Das ist der Wunsch, die Grenzen zwischen wahr und unwahr, zwischen hüben und drüben seien ungesichert, durchlässig. Und schon das Erkennen eines solchen Umstandes gereiche zur Auszeichnung, zur Nobilitierung durch die Dichtung.

Das Gesamtwerk – ob Prosa oder Gedicht – eine einzige Autobiographie; das Schreiben, das das Leben begleitet, die Begleitung des Lebens durch das Niederschreiben des Lebens. Der Versuch, sich zu retten. Man denke nur an den ersten Roman mit dem vielleicht irreführenden Titel „Liebe beginnt“, in dem es vielmehr um den Zorn, die Verbitterung einer dreißigjährigen Frau geht, neben ihrem Mann nicht wahrgenommen zu werden. Diese Erkenntnis machte sie ehrgeizig, unermüdlich, ja rastlos. Ihre Biographin hat diese sie zum Schreiben zwingende Motivation erkannt. Dass der Roman ihre Form nicht war, diese Erfahrung muss einer jungen Autorin zugestanden werden.

Während der nochmaligen Beschäftigung mit den Kaschnitz-Büchern wurde mir die Bedeutung eines der Höhepunkte ihres Werkes noch einmal auch auf eine neue Weise bewusst. Mit der „Beschreibung eines Dorfes“ – so der Titel des Buches, das, im Übrigen, auch verfilmt wurde – vergewissert sie sich ihres Heimatortes, also Bollschweil, als sei ihr das Wort von Carl Amery im Sinn gewesen: „Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben.“ Ungeachtet ihrer Stadt, der Stadt Frankfurt, die Stadt, die sie dezidiert zu der ihren erklärte, bestätigt sie sich, dass sie im Besitz einer Heimat sei, sie vergewissert sich der Rückkehrmöglichkeit – die sie dann auch wahrzunehmen hatte.

Und noch eines, eine Besonderheit: Kaschnitz gelingt auf eine geheimnisvolle Weise eine Verbindung zweier miteinander wetteifernder Unzumutbarkeiten: der des Märchens und der der Realität – zu einer beseligenden Unmöglichkeit und deren Überwindung. Nennen wir es die Residenz des machtlosen Widerstands, der Phantasie. Zum Beispiel in dem Gedicht „Machandelbaum“, einer Fortsetzung oder Variante zu einem der grausamsten Märchen der Märchenwelt:

MACHANDELBAUM

Alle Sehnen sind bloßgelegt
Alle Knöchlein
Beiseitegeschlossen
Reinlich mit Nummern versehen

Aber die Frage was jetzt
Erübrigt sich

Denn Zukunft
Kommt immer

Entgegengesprungen
Wie Quellwasser, diesen
Alten Bergabweg
Immer

Liegt, wenn
Es morgen wird
Unterm Machandelbau
Der Zusammengefügte

Mit glatter Haut
Mit heilen Gliedern
Die Augen voll
Von Morgenrot

In dieser wunderbar versöhnenden unmöglichen Geschichte wirkt nicht etwa ein Zauberspruch, nein, es sind jene Kräfte am Werk, die zu unserer Rettung bestimmt sind. Der Widerspruch ist es, der sie, die schreibt, stark macht, der Widerspruch gegen das Alltägliche, das Unheil, das uns nicht verschonen will.

Und „überströmend vor Dankbarkeit“, wie sie schreibt, möchte sie, wenn sie gehen muss, gehen.

Ein letztes Gedicht und ein letzter Beweis:

ZIEMLICH VIEL MUT

Ich finde doch, daß ziemlich viel Mut in der Welt ist,
Wenn man die Tage bedenkt, an denen es gar nicht recht hell wird.
Und die Jahre ganz ohne Hoffnung. Wenn man bedenkt,
Daß es gar niemanden gibt, der nicht seine Sorgen hätte,
Zumindest diese: Kind, was wird dir geschehen?
Und wir wissen doch alle, wie sehr wir mißtrauen
Dem Dach über unserem Kopf und der Erde zu unseren Füßen.
Und daß keiner von uns mehr sagen mag: Rose, Schwester
Und Bruder Tod und Heimat Ewigkeit.

Und doch hab ich heute sehen, wie einer die Buche
Pflanzte, den dürren Stecken, und sah zu ihr auf,
Als wölbe sich schon über seinem Haupte die Krone.
Den ganzen Tag hab ich Lastwagen fahren sehen
Voll Bretter und Schwellen, voll Balken und roter Ziegel.
Ich sah mein eigenes Gesicht im Spiegel
Als ich fortging, dir zu begegnen.
Wie war es voll Freude.

Dieser Text erschien erstmals anlässlich des hundertsten Geburtstags von Marie Luise Kaschnitz in der Literaturzeitschrift BÜCHNER.

erstellt am 18.5.2011

Marie Luise Kaschnitz
Marie Luise Kaschnitz, Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach

Marie Luise Kaschnitz, geborene von Holzing-Berstett, verheiratete Freifrau von Kaschnitz-Weinberg, wurde am 31. Januar 1901 in Karlsruhe geboren; sie starb am 10. Oktober 1974 in Rom.

Das Werk von Marie Luise Kaschnitz ist in den Verlagen Suhrkamp und Insel erschienen.