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1848, als sich Europa gegen die Restauration erhebt, entsteht in Paris die zeitkritische, frivole Operette, 1860 in Wien deren ambivalentes Gegenstück, das in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts museal geworden war. Hans-Klaus Jungheinrich ist nun auf die ‚kakanische’ Operette „The Student Prince“ von Sigmund Romberg gestoßen, die 1930 in New York uraufgeführt wurde, außerdem auf Werke, die zur selben Zeit für das Radio komponiert wurden.

CD

Von Kakanien nach New York

Auch elefantöse künstlerische Fußspuren können vergänglich sein. Um 1930 gab es am New Yorker Broadway ein Erfolgsmusical, dessen Beliebtheit alles bis dahin im Showbiz Bekannte übertraf. Den Titel „The Student Prince“ kennt heute indes auch in Amerika kaum noch ein Mensch. In Berlin wurde das Stück ein Jahr vor Hitlers Machtübernahme lanciert und dann jäh gestoppt – der Komponist Sigmund Romberg, ein aus Ungarn in die USA eingewanderter Jude, war in Nazideutschland sofort persona non grata, und so konnte sich hier ohnedies kein dauerhafter Ruhm für ihn etablieren. Nach 1945 wurde von den Hiergebliebenen gerne mit Neid und Häme auf gelegentlich auftretende „Wiedergutmachungskünstler“ wie den Geiger Roman Totenberg oder den Dirigenten Jascha Horenstein geschaut, aber von einer verbreiteteren Neugier auf „Entartetes“ konnte keine Rede sein – ein ehemals Verfemter wie der Komponist Berthold Goldschmidt konnte mit seinen beiden Meisteropern „Der gewaltige Hahnrei“ und „Beatrice Cenci“ als Greis um 1990 zwar seine Rehabilitierung in der ehemaligen Heimat noch selbst erleben, aber dem bereits 1951 verstorbenen Romberg widerfuhr Ähnliches nicht.

Dabei ist „The Student Prince“ so etwas wie eine maßstabsgerechte Musteroperette. Der Ausgangspunkt des Plots könnte amüsant vielversprechender kaum sein: Ein junger deutscher Prinz wird mit seinem verständnisvollen Hauslehrer für ein Jahr nach Heidelberg geschickt, um dort inkognito das normalbürgerliche Studentenleben kennenzulernen. Da braucht es nicht viel Phantasie, um sich die unterhaltsam klischeehaftesten Ver- und Entwicklungen vorzustellen. Erstaunlich übrigens, dass in einem musiktheatralischen Leichtgewicht der 1920er Jahre hier sich noch so gut wie keine Jazz-Ingredienzien einfinden – Romberg war musikalisch offenbar so von der Sphäre Kakaniens, also dem österreichisch-ungarischen Operetten-Habsburg der Strauß-Dynastie, Léhars und Robert Stolz‘ geprägt, dass er solch einer Aktualisierungsspritze gar nicht zu bedürfen glaubte. Und dem New Yorker Publikum wurde gerade so ein Alt-Heidelberg glaubhaft, das sich ihm mit diesem Opus als ein Zauberort voller Charme und aristokratischer Eleganz präsentierte – wer weiß, vielleicht war „The Student Prince“ mit ein Grund dafür, dass Heidelberg im kommenden Weltkrieg eine der ganz wenigen unzerstörten Städte Westdeutschlands blieb.

Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass eine lupenrein „kakanische“ Operette in englischer Sprache verläuft, kann man sich an einem ebenso vertraut-geläufigen wie einfallsreich modulierten und modifizierten Musik-Idiom erfreuen. Bereits die Ouvertüre, feudal jagdhörnlich anhebend und dann bald walzerisch-polkahaft abhebend, frappiert mit melodiöser Frische und einer verschwenderisch-quirligen Potpurri-Faktur, die spätestens alle sechzehn Takte einen Takt- oder Klangfarbenwechsel mit sich bringt – aus dem Kaleidoskop oder dem Ärmel geschüttelte Melodiemengen wie aus einem unerschöpflichen Reservoir. Und so geht es anderthalb Stunden weiter. Kein Wunder, dass sich die Interpreten und die Hörer der konzertanten Wiedergabe in Köln 2012 wunderten über die unerwartete Wiederkehr einer ebenso fulminanten wie fulminant vergessenen Partitur.

William Olvis singt die 'Serenade' aus „The Student Prince“

Eine Equipe leuchtender Solostimmen, der WDR Rundfunkchor und das WDR Funkhausorchester sorgten unter der in jedem Moment inspirierten Leitung von John Mauceri für eine optimale Wiedergabequalität. Der Strategie des auf Repertoirenischen geradezu spezialisierten Labels cpo entsprechend, ließ sich dieser Produzent aus Georgsmarienhütte eine solche musikhistorische Trouvaille ebensowenig entgehen wie eine umfangreiche Koproduktion mit dem Deutschlandradio Kultur und der Staatsoperette Dresden (einem der seltenen wohlgepflegten Überbleibseln aus Prachtzeiten des musikalischen Unterhaltungstheaters in Deutschland), die unter dem Titel „Plays & Operas for the Radio“ ebenfalls Werke aus den 1920er und 1930er Jahren enthält, also gewissermaßen eine Anthologie aus der Frühzeit des Rundfunks bedeutet. Eigenarten und Mankos dieses Mediums wurden damals durchaus auch im Sinne einer sich ausbildenden Medienideologie (die prägnante Formel „The medium is the message“ von Marshall MacLuhan lag noch in der Zukunft) mystifiziert. So spricht Heinrich Strobel über „das Problem originaler Rundfunkmusik“ und fordert 1930 in der Zeitschrift „Melos“: „Aber das steht fest: nur eine deutlich konturierte, klar instrumentierte, nur eine reinliche Musik setzt sich im Mikrophon durch“. Aus „reinlich“ konnte kurz darauf „reinrassig“ werden, auch bei Strobel, der ab 1933 der nationalsozialistischen Musikpolitik ebenso getreulich diente wie vorher dem medialen Fortschritt und viel später dann noch, etwa als Programmchef in Donaueschingen, der musikalischen Avantgarde.

Fast unfreiwillig komisch wirkt heute das ernsthafte Pathos, mit dem der 1944 in Auschwitz ermordete tschechische Jude Pavel Haas in seiner Radio-Ouvertüre „Predehra pro rozhias“ physikalische oder gegenständliche Phänomene wie den Klang, die Welle, das Mikrophon und den Lautsprecher personifiziert und durch ein vokales Männerquartett darstellt wie Allegorien in einer Barockoper. Andererseits frappiert gerade dieses Werk durch einen hellen, entflammten Sound, der noch sehr deutlich die Nähe zu Janáceks fanfarengesättigter „Sinfonietta“ erkennen lässt. Lustig ist auch, dass man den Schlusshymnus auf den italienischen Radiopionier Marconi bei etwas pauschalem Hören auch als Loblied auf „Mattoni“, die bis heute berühmte tschechische Mineralwassermarke (aus Kyselka/Gießhübel bei Karlsbad) identifizieren könnte. (Die Platzierung der deutschen und der tschechischen Fassungen dieses Stückes wurde gegenüber der Bookletinformation vertauscht).

Keine dieser radiogemäßen Raritäten, die nicht auf ihre Weise anregend wäre. So imponiert bei Paul Hindemiths Funkspiel „Sabinchen“ der fast improvisatorisch-lockere Umgang mit unorthodoxen Klangquellen und –effekten, die manchmal geradezu auf Mauricio Kagel vorausweisen. Walter Gronostays farcenhaftes Musikhörspiel „Mord“ scheint unüberbietbares Dokument damaliger Schnoddrigkeit und Kurzangebundenheit. Kurt Weills „Berliner Requiem“ mit Brechttexten, ebenso berühmt wie selten gespielt, erinnert daran, wie reich ausgebaut der frühe Personalstil dieses Komponisten war, der fast nur noch mit „Mahagonny“ und „Dreigroschenoper“ präsent ist. Idiomatisch unweit davon die Bänkel und Balladen von Wilhelm Grosz. Wiederum eine besondere Erlesenheit die gut halbstündige Märchenoper „Jorinde und Joringel“ für Radio, die der damals noch junge Schweizer Heinrich Sutermeister 1934 im Münchner „Reichssender“ unterbringen konnte. Das gestaltenreich aparte Stück lässt deutlich den Einfluss Carl Orffs erkennen, nähert sich auch dessen dramatischem Sprechgesang-Duktus, den man, wenn man will, als eine altmodische Form des Rap bezeichnen könnte (ich kann meine Frau immer furchtbar ärgern, wenn ich behaupte, der eigentliche Ursprung des Rap liege im gregorianischen Mönchsgesang). Doch sind die vokalen wie die instrumentalen Möglichkeiten Sutermeisters ähnlich vielfältig wie die des Orff-Schülers Cesar Bresgen in dessen ebenfalls märchenhaftem „Igel als Bräutigam“, und die finale Apotheose entfaltet einen geradezu betörenden Klangzauber.

Wie groß unser historischer Abstand zum frühen Radio von 1930 ist und wie weit entfernt auch die fixe Vorstellung einer wirklich „radiophonen“ Kunst – diese realisierte sich wohl erst mit der elektronischen Musique concrète, dann aber in erheblicher Distanz zur Unterhaltsamkeit –, zeigt eine „Zugabe“ der Radioanthologie, nämlich die etwas unvollständig erhaltene Ursendung von Hindemiths „Sabinchen“ aus dem Jahr 1930. Weit im akustischen Vordergrund (dahinter nur schemenhaft die komponierten Gestalten) tönt hier das wohlbekannte Mittelwellen-Brutzelgeräusch vor sich hindampfender Bratkartoffeln. Natürlich gibt es Liebhaber, für die gerade das „große Musik“ ist.

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erstellt am 26.3.2017

Sigmund Romberg
The Student Prince
Solisten, WDR Rundfunkchor Köln, WDR Funkorchester Köln, Dirigent: John Mauceri
cpo 555 058-2

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Plays & Operas for the Radio
(Werke von Hindemith, Weill, Haas, Sutermeister, Gronostay, Grosz)
Solisten, Chor und Orchester der Staatsoperette Dresden, Dirigent: Ernst Theis
cpo 777 839-2

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