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Der Frankfurter Kunstverein zeigt eine Gruppenausstellung junger aufstrebender Künstler aus der Städelschule und der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Die Kuratorinnen von „Things I Think I Want“ verzichten auf griffige Thesen und bieten den sechs Positionen Raum zur Entfaltung. Eugen El hat sich die Ausstellung angesehen.

Ausstellung in Frankfurt

Vielstimmigkeit und Präsenz

David Schiesser, „Icon Flex: Non-Permanent Templates“, 2017, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Foto: Norbert Miguletz

Die Ausstellung beginnt schon an der Außenfassade des Steinernen Hauses am Römerberg. Man erblickt dort Collagen, die fotografische Fragmente tätowierter Körper und figurative Linienzeichnungen verbinden. David Schiesser (geb. 1989) zeichnet auf Leinwand und Holz, realisiert aber auch raumfüllende Wandbilder. Zudem tätowiert er. Schiesser schöpft dabei aus unterschiedlichen Bildwelten, von der Antike über das Mittelalter bis hin zu Science-Fiction und zeitgenössischen Online-Bilddatenbanken. Für die Ausstellung „Things I Think I Want“ bespielt Schiesser die Fassade, aber auch den Eingangsbereich und das Erdgeschoss des Frankfurter Kunstvereins. In seiner Installation dominiert die menschliche Figur, mal als Umrisszeichnung, mal als Farbfotografie. Schiessers Studium beim Zeichner Manfred Stumpf an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) schlägt sich dabei nieder. Die Ausstellung versammelt insgesamt sechs junge Positionen. Davon kommen vier von der HfG und zwei weitere von der Städelschule. Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, hat die Schau in Zusammenarbeit mit Christiane Cuticchio, Leiterin des Atelier Goldstein, kuratiert. Nori möchte den jungen Künstlern die Erfahrung ermöglichen, sich in einer Institution zu präsentieren.

Körperliche Präsenz ist eine Klammer dieser Ausstellung, die auf die Formulierung einer griffigen Titelthese verzichtet. Der Parcours setzt sich im ersten Obergeschoss mit den Skulpturen von Hannah Levy (geb. 1991) fort. Levy hat an der Städelschule bei Tobias Rehberger studiert. Die in New York lebende Künstlerin arbeitet mit Materialien wie Metall, Silikon, Plastik und Latex. Im Kunstverein begegnet man Objekten, die kühl wirkende Metallstrukturen mit fleischlich anmutenden Elementen kombinieren. Zudem ist „Untitled“ von 2015 zu sehen, eine 75 Meter lange Silikonkette, die den Ausstellungsraum umspinnt und an eine Nabelschnur denken lässt. Befestigt ist die Silikonkette an Halterungen für Damenrasierer.

Hannah Levy, Untitled, 2015, Foto: Jessica Schäfer

Zwei filmische Arbeiten zeigt Aleksandar Radan (geb. 1988), der Film und elektronische Kunst an der HfG Offenbach studiert. Die neu entstandene Animation „Prophezeiung eines lächerlichen Avatars“ basiert auf vorgefundenem Bild- und Tonmaterial. Private Livestreams und YouTube waren unter anderem die Quellen. Franziska Nori spricht von einer „Anthropologie der Selbstdarstellung im Internet“. Die Stop-Motion-Animation setzt sich aus kurzen Sequenzen zusammen, die Radan aufwendig Bild für Bild gezeichnet hat. Es sind immer wieder Figuren und Körper, aber keine Gesichter zu sehen. Gewalt und Sexualität schwingen zuweilen mit. Die Animation wird in einem komplett weiß ausgekleideten Raum, einer Art White Cube, präsentiert. In einer Blackbox, einem komplett abgedunkelten Raum, wird hingegen Radans digitale Animation „In Between Identities“ (2015) gezeigt. Als Grundlage diente ihm das Computerspiel „GTA 5“. Radan veränderte und erweiterte den Code des Spiels, um dessen ursprüngliche Erzählstruktur auszuhebeln.

Im zweiten Obergeschoss präsentiert Jonas Englert (geb. 1989) sein fortlaufendes Videoprojekt „Zoon Politikon“. Er studiert an der HfG bei Heiner Blum und Alexander Oppermann. Faust-Kultur begleitet Englerts künstlerische Entwicklung kontinuierlich. 2013 sprach Englert mit uns über seine Projekte, über Zeitgenossenschaft und über seine Zukunftspläne. Für „Zoon Politikon“ hat Jonas Englert ausgewählte Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kunst gebeten, aus ihrem Leben als politisches Wesen („Zoon Politikon“) zu erzählen. Der Kulturwissenschaftler Ralph Fischer sieht Englerts Projekt als „Archiv und Gedächtnismaschine“. Tatsächlich liest sich die Teilnehmerliste von „Zoon Politikon“ wie ein geistiges „Who's Who“ der alten Bundesrepublik. Unter anderem sind Bazon Brock, Daniel Cohn-Bendit, Hilmar Hoffmann, Peter Iden und Rita Süssmuth dabei. Im Kunstverein laufen die für die Ausstellung ausgewählten sieben jeweils fünfzigminütigen Videos gleichzeitig. An der Decke angebrachte „Soundtubes“ fokussieren den Klang zwar, gleichwohl bleiben alle Filme im Raum hörbar. Dadurch entstehe, so Franziska Nori, eine „Vielstimmigkeit der griechischen Agora“. Und auch eine schon fast physische Präsenz der Interviewpartner. Alle Interviews [Es sind mittlerweile elf – Anm. d. Red.] lassen sich zudem auf zoonpolitikon.net ansehen.

YRD.Works, „Eins zu Eins“, 2017, Holz, Gipskarton, Farbe, Ausstellungseröffnung Frankfurter Kunstverein, 9.3.2017, Foto: Gabriel Poblete

Im dritten Obergeschoss hat der Städelabsolvent Adam Fearon (geb. 1984) eine ortsspezifische skulpturale Installation aufgebaut, die seine Videoarbeiten „Prompt“ und „Gyricon“ umfasst. Fearon schöpft für seine Videos aus seinem privaten Bildarchiv. Die Übergänge zwischen Analogen und Digitalem sind ein Thema in Fearons künstlerischer Arbeit. Zwischen diesen beiden Polen changiert auch die Raumintervention „Eins zu Eins“ des Offenbacher Künstler- und Gestalterkollektivs YRD.Works. Im Sommer 2016 haben Yacin Boudalfa (geb. 1987), David Bausch (geb. 1988) und Ruben Fischer (geb. 1987) die „Kressmann-Halle“, einen neuen Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst, eröffnet. Das baufällige Gebäude am Offenbacher Hafen setzten sie selbst in Stand. Nun haben YRD.Works den größten Raum des Kunstvereins exakt vermessen, am Computer in einzelne Elemente zerlegt und diese schließlich eigenhändig nachgebaut. Die neu geordneten und aufeinander gestapelten Raumelemente ergeben eine wuchtige Skulptur. Bei der Ausstellungseröffnung bewährte sich die Installation als eine Bühne und ein Möbel. Die Arbeit, die den Ausklang der Schau bildet, ist für alle Besucher begehbar.

Eine kürzere Version des Beitrags ist im SCHIRN MAG erschienen.

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erstellt am 23.3.2017

Jonas Englert, „Zoon Politikon“, 2014, fortlaufend, Multikanal Videoinstallation, Video jeweils 50 min, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, 2017, Foto: Norbert Miguletz

Ausstellung in Frankfurt

Things I Think I Want

Sechs Positionen zeitgenössischer Kunst

Jonas Englert, Adam Fearon, Hannah Levy, Aleksandar Radan, David Schiesser, YRD.Works

10. März – 7. Mai 2017

Frankfurter Kunstverein