Als düsteres Melodram, in dem es keine Helden und keine Gewinner gibt, hat Hendrik Müller Verdis Oper „Rigoletto“ in Frankfurt inszeniert. Auch wer sich über manche Regieeinfälle wundert, kann sich über einen herausragenden Musikabend freuen, meint Stefana Sabin.

Oper

Lauter dunkle Gestalten

Es ist düster auf der Frankfurter Opernbühne. Hohe hölzerne, gerüstartige gotische Bögen erinnern an eine Kathedrale, sollen aber den Herzogspalast in Mantua suggerieren, wo die Handlung von Verdis berühmter Oper „Rigoletto“ spielt. Es ist die Einheitskulisse, die Rifail Ajdarpasic für die Neuinszenierung von Hendrik Müller gebaut hat. Darin vertreiben sich die Höflinge die Zeit; schreitet Rigoletto, der Hofnarr des Herzogs, mit trauriger Clownsfratze; wird ein Kasten mit weißem Metallrahmen und Glasfront von oben heruntergelassen, der in der zweiten Szene des ersten Akts Rigolettos Haus sein soll, wo er seine Tochter abgeschirmt vom Hof behütet; wird eine Art Zirkuswagen hereingezogen, der im dritten Akt als Schenke von Sparafucile fungiert; und in ihr sinkt Rigoletto vor Verzweiflung nieder, als er seine Tochter als Opfer eines Auftragsmordes erkennt. Bei alledem bleibt die Bühne düster.

Denn Müller, der letztes Jahr mit seiner unkonventionellen Carmen-Inszenierung am Theater Regensburg Aufsehen erregt hat, inszeniert ein Drama, in dem es keine Helden und keine Gewinner gibt – nur dunkle Gestalten, die in ein Gewebe aus Lust, Verrat, Rache und Verzweiflung verstrickt sind. Der Herzog ist zu einem rücksichtslosen, unadligen Herumtreiber, seine Höflinge zu einer Gang herunterstilisiert, und die Anfangsszene ist kein Fest, wie in der Bühnenanweisung vorgesehen, sondern eine Rauferei. Die Höflinge sind dunkel gekleidet, mit Springerstiefeln und Lederjacken und stets gewaltbereit. Zuerst gehen sie auf den unglücklichen Graf Monterone los, dann verschwören sie sich gegen den ungeliebten Rigoletto und entführen seine Tochter. Rigoletto, seinerseits in dunkelroter Lederhose unter einem dunklen Mantel und mit einer leicht asymmetrischen Clown-Halskrause als Andeutung seines Buckels, nimmt an der gewaltgeladenen Stimmung sozusagen dienstlich teil, während er zugleich seine Tochter Gilda davon bewahren will und sie im Haus praktisch gefangen hält. Gilda wiederum wirft ihrem Vater dieses unerquickliche Leben vor, verspricht ihm gleichwohl Ehrerbietigkeit – und belügt ihn dennoch. Mit Gildas Lüge nimmt das Unheil seinen Lauf. Weder kann Rigoletto Gilda vor den Niederungen des Lebens retten, noch kann Gilda ihre Liebe zum Herzog ausleben – noch wird der Herzog durch Gildas unschuldige Liebe geläutert.

Denn das Melodram endet – wie anders?! – mit dem Tod der Frau, des Soprans. Zwar ist Gildas Todesarie kürzer als in anderen Verdi-Opern, aber umso ergreifender – und Brenda Rae, die großartige Sopranistin des Frankfurter Ensembles, gibt ein fulminantes Rollendebüt als Gilda. Mit großem schauspielerischen Einfühlungsvermögen zeigt Rae eine Gilda, die als einzige Figur eine Entwicklung durchmacht: von Naivität über Lebens(Liebes)lust zur Verzweiflung – und Katharina Weissenborn führt diese Entwicklung in den Kostümen vor: vom hochgeschlossenen roten Kleid mit weißem Kragen der Unschuld – ein Farbtupfer in dieser ansonsten monotonen Inszenierung! – zum schwarzen Taftkleid der Entehrten bis zum Kampfanzug des Mordopfers. Vielleicht sollten die drei Gilda-Figuren, die erstaunlicherweise im zweiten Akt auf der Bühne stehen, diese verschiedenen Stadien der Entwicklung suggerieren… Jedenfalls steht Gildas emotionale Wandlung in deutlichem Gegensatz zu Rigolettos Gefühlsstarrheit. Sowohl die Sorge um seine Tochter als auch der Hass auf den Herzog machen ihn blind und taub, und erst in der allerletzten Szene, als seine Tochter sich gewissermaßen im Tod von ihm befreit, wird er von verzweifelter Reue überwältigt. Der hawaiianische Bariton Quinn Kelsey verleiht Rigoletto eine ungeheure Bühnen- und Stimmenpräsenz.

Es ist eine herausragende musikalische Leistung, die die Solisten in Frankfurt bieten: allen voran Rae und Kelsey, aber auch Mario Chang als Herzog, der die berühmte Arie „La donna è mobile“ auf einem Zirkuswagen singen muss, und Önay Köse als Sparafucile, der einen geradezu majestätischen Auftragsmörder abgibt. Unterstützt werden sie durch das Orchester, das unter Carlo Montanaro, Generalmusikdirektor am Teatr Wielki in Warschau und regelmäßiger Gast in Frankfurt, seinerseits zur Hochform aufläuft. So wundert man sich ein wenig über manche Regieeinfälle wie die herunterschwingenden Käfige im ersten Akt oder die Parade christlicher Märtyrer im zweiten, bleibt aber dennoch gelassen angesichts eines derart gelungenen Musikabends. Der anhaltende begeisterte Schlussapplaus für Sänger, Chor und Orchester war genauso gerechtfertigt wie die Buh-Rufe für die Regiemannschaft.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 21.3.2017

Szenenfoto „Rigoletto“, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Oper

Giuseppe Verdi: Rigoletto

Oper in drei Akten
Text von Francesco Maria Piave nach dem Drama Le Roi sʼamuse (1832) von Victor Hugo
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Carlo Montanaro
Regie Hendrik Müller
Bühnenbild Rifail Ajdarpasic

Rigoletto Quinn Kelsey
Gilda Brenda Rae
Der Herzog von Mantua Mario Chang

Oper Frankfurt

Szenenfoto „Rigoletto“, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus