Piotr Beczała kann für sich zu Recht in Anspruch nehmen, einer der besten und gefragtesten Tenöre der Welt zu sein. Derzeit tourt er gemeinsam mit dem Pianisten Helmut Deutsch durch Europa. Am 14. März bewies Beczała im Rahmen eines Liederabends in der Frankfurter Oper einmal mehr, dass er wirklich ein ganz großer Opernsänger mit einer Riesenstimme ist, berichtet Andrea Richter.

Liederabend in Frankfurt

Kraft von Klavier und Stimme

Er singt die großen lyrischen und inzwischen auch die dramatischen italienischen, französischen und slawischen Partien. Vergangenes Jahr hat er mit Lohengrin (die „italienischste“ der Wagner-Opern) einen Schritt auf das deutsche Repertoire zugemacht. So gut wie immer (Ausnahme La Scala in Mailand) kann er sich großen Jubels des Publikums gewiss sein. Doch Beczała und Lied?

Das Lied gilt vielen berühmten Interpreten als Königsklasse des Gesangs. Obwohl oder gerade weil das Lied ein tricky Ding ist. Ursprünglich wurden Lieder nicht für Opernhäuser oder große Säle komponiert, wo sie heute oft aufgeführt werden. Eigentlich gehören sie in kleinere Räume mit einer begrenzten Zahl von Zuhörern. Dafür muss eine Stimme nicht riesengroß sein. Da kommt es im Wesentlichen auf die Interpretation an. Das gilt natürlich auch für große Foren, wie ein Opernhaus. Dort laufen allerdings kleine Stimmen Gefahr, verloren zu gehen. Jedes einzelne Lied erzählt eine ganze Geschichte mit all ihren Wendungen und Gemütszuständen. Das heißt, jedes Wort und jeder Gedanke zählt. Wie das bei Lyrik, auf der alle Liedkompositionen basieren, eben so ist. Freud und Leid, Lachen und Weinen, Liebe und Hass, Ablehnung und Begierde treffen im Lied viel direkter aufeinander als in der Oper. Es ist Aufgabe des Sängers, in kürzester Zeit die gesamte Geschichte zu erzählen und die Zuhörer zu fesseln.

Auf das Kleine und Feine kommt es insbesondere im deutschen Lied der Romantik an. Häufig ist das Piano entscheidender als das Forte. Ein eindringliches, klingendes und gleichzeitig raumfüllendes Piano ist schwer zu erreichen, ein zartes, leichtes, klingendes und raumfüllendes noch schwerer. In der dramatischen Opernliteratur spielt es eine untergeordnete Rolle. Tenöre wurden von den Komponisten überwiegend mit Liebes-, Schmetter- oder Schmerzarien bedacht. Genau mit solchen leichten, klingenden Piani hatte Beczała an diesem Abend in der „Dichterliebe“ Probleme. Sie kamen gehaucht und nicht gesungen, manchmal brüchig und vor allem nicht leicht. Seine Qual war ihm anzusehen. Er konnte einem fast leidtun.

Nach der Pause war ein wesentlich gelösterer Sänger zu erleben. Mit dem slawischen Repertoire fühlte er sich sichtlich wohler. Die zum Teil schwelgerisch, melodiösen sieben Lieder seines Landsmanns Mieczysław Karłowicz (1876-1909) lagen ihm hörbar und sichtbar mehr. Was sicherlich nicht mit Beczałas Sprachkenntnissen zu tun hat, denn er spricht fließend Deutsch, jedes Wort der Heinischen Dichtung bei Schumann war besser als bei manch deutschem Kollegen zu verstehen. Bei Karłowicz konnte er jedoch beginnen, seine lyrische Arien-Stimme und deren Höhe auszupacken. Mit Antonín Dvořáks (1841-1904) „Zigeunermelodien“ kam dann noch etwas hinzu: Kompositionsbedingtes Temperament. Sowohl im Gesang als auch im fordernden Klavierpart. Dvorak, der 93 Lieder schrieb, wollte mit dem Zigeunerzyklus weniger das Leben der herumziehenden Menschen, sondern die Hoffnungen des eigenen tschechischen Volkes auf Befreiung von der österreichisch-ungarischen Monarchie zum Ausdruck bringen. Die Zigeuner stehen als Synonym für Freiheit, die in den Gedichten von Adolf Heyduk beschworen wird, und die Dvořák mit slawisch-melodischem Schwung vertonte. Durchaus opernhaft und Beczała wie auf den Leib geschnitten. Erst recht das letzte der vier vorgetragenen Lieder von Sergei Rachmaninow, „Frühlingsrauschen“. Da bebte das Frankfurter Haus unter der Kraft von Klavier und Stimme. Große Oper. Ein Genuss. Genau wie die Zugaben, die den in jeder Hinsicht zweigeteilten Abend mit einem schmetternden „Habet Dank“ aus der „Zueignung“ von Richard Strauss beendeten.

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erstellt am 20.3.2017

 Piotr Beczala (Tenor) und Helmut Deutsch (Klavier) in Frankfurt, Foto: Wolfgang Runkel
Piotr Beczala (Tenor) und Helmut Deutsch (Klavier) in Frankfurt, Foto: Wolfgang Runkel