Faust-Gespräch mit Oleg Jurjew

Ich bin eher der andere

Für faust interviewte Bernd Leukert den Dichter Oleg Jurjew.

faust: Es gibt zwei Grundtypen von Schriftstellern, die mit der Eule der Minerva fliegen. Die einen fliegen in der Abenddämmerung, die anderen in der Morgendämmerung. Letztere stehen eben sehr früh auf und arbeiten und beschäftigen sich später am Tage mit Korrekturen oder anderen Sekundärtugenden. Die Ersteren fangen erst abends an, arbeiten die Nacht hindurch und schlafen tagsüber…

Oleg Jurjew: Also, was das Aufstehen angeht, – ich stehe nicht früh auf. Das steht fest. Aber ob ich nachts arbeite? – Ich weiß nicht, wann ich arbeite. Das ist für mich eigentlich ein Rätsel. Ich war immer, seit meiner Kindheit, als ich begann, Gedichte zu schreiben, Lyriker. Und das ist selbstverständlich keine Arbeit und verlangt nicht nach einer vernünftigen Tagesgliederung. Mit Mitte Zwanzig, also in den 80er Jahren, habe ich ein paar, genauer gesagt, vier Theaterstücke geschrieben, – sehr kleine, aber auch sie haben keine systematische Arbeit verlangt. Wenn man allerdings Dreißig ist, beginnt man, sich als arbeitender Mensch fühlen zu wollen, als Familienvater, der einer regelmäßigen Tätigkeit nachgeht und damit seine Familie ernährt, – wenn er Glück hat. Und da habe ich mit der Prosa angefangen mit der Utopie, ein richtiger Literat, also ein Mensch mit Beruf zu werden. Ich habe fünf Prosabücher geschrieben, davon drei Romane. Aber ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe. Ich habe jeden Tag versucht, mich zu Computer zu bringen und möglicherweise auch eine Norm, sagen wir, eine halbe Seite, zu schaffen. Aber im Prinzip hatte ich nie, wie etwa Thomas Mann, eine feste Arbeitstag-Struktur. Ab und zu schreibe ich tagsüber, ab und zu in der Nacht. Ich bin also ein Lyriker schlechthin geblieben, unter uns gesagt, und ich schrieb diese Romane aus reiner Inspiration, und nicht aufgrund eines Arbeitsethos’.

faust: Brauchst Du eine Stimmung, um zu schreiben?

Oleg Jurjew: Ja, das stimmt. Bestimmt stimmt das. Aber was dich anstimmt, weiß du nicht besser als was dich bestimmt. Das habe ich auch gemeint, als ich sagte, daß ich persönlichkeitsbildlich immer noch ein Lyriker bin und verstärkt wieder bin, weil ich ja meistens Gedichte schreibe zur Zeit und Essays. Aber ich glaube, daß jeder Schriftsteller eine Stimmung haben muß. Es ist eine andere Sache, wie man sich in diese Stimmung bringt, welche Techniken die Leute haben. Richtige Schriftsteller haben sie, ich nicht. Als ich diese Prosabücher geschrieben habe, war ich immer schutzlos gegenüber von Stimmungsschwankungen. Deshalb mußte ich immer mit meiner Idee oder meinem Bild des Buches beschäftigt sein, euphorisch sein und sicher sein, daß es etwas überdurchschnittlich Gutes ist. Daß das meine Pflicht sei, diese Bücher zu schreiben, die Pflicht mir gegenüber und der gesamten Menschheit.

faust: Aber brauchst Du auch eine bestimmte Stimmung, wenn Du Gedichte schreibst?

Oleg Jurjew: Gedichte schreiben sich selber. Ein russischer Lyriker, Joseph Brodsky, sagt in einem seiner früheren Gedichte: Ein Dichter bereitet einen Rapport vor, der andere sät ein gedämpftes Mißmutmurren, und der dritte begreift, daß er nur ein Lautsprecher ist. Und dieser dritte pflückt alle Blumen der Verwandtschaft. In der russischen Kultur ist das der richtige Dichter, der dritte, der die Blumen der Verwandtschaft pflückt. Wenn ich Gedichte schreibe, – sie kommen, und sie gehen. Das ist genauso wie im 19. Jahrhundert.

faust: Bevor wir noch mal zu den Blumen der Verwandtschaft kommen und zur Kultur, noch eine Frage zum Modus des Dichtens. Es gibt wieder die zwei antagonistischen Typen. Der eine schreibt sich in einen Rausch hinein. Er schreibt und schreibt, und es kommt auch ständig. Er ertrinkt geradezu in seinen Sätzen. Und dann muß er wegstreichen und kürzen, bis das eine Form bekommt. Der andere kämpft um jedes Komma, um jede Silbe, um jedes Wort.

Oleg Jurjew: Ja, ich bin eher der andere. Ich beneide die Menschen sehr, die so schreiben können. Die Schreiben physiologisch mögen, als Prozess meine ich. Das ist die Eigenschaft, die eigentlich unabhängig von der literarischen Begabung ist. Das ist eine Eigenschaft, die einige Menschen haben. Und wenn sie dazu noch eine literarische Begabung haben, dann sind sie beneidenswerte Personen. Ich würde in diesem Zusammenhang unseren alten Grafen Lew Tolstoj erwähnen, der absolut graphoman war. Er konnte einfach keine leere Stelle auf einem Blatt Papier sehen. Und er schrieb „Krieg und Frieden“, unzählige Male um. Und seine arme Frau musste das unzählige Male ins Reine schreiben. Er schrieb an dem Buch noch in den Korrekturen, die von der Zeitschrift kamen; als sie dann von dem Verlag kamen, beschrieb er auch diese Fahnen, bis es gar keine leere Stelle zwischen den Zeilen und an den Blatträndern zu sehen war. Interessanterweise kann man nicht sagen, daß er den Text damit wesentlich verbesserte (ab und zu schon, natürlich!). Wissenschaftler haben ein paar Erst- und Zwischenfassungen erschlossen. Und das sind sehr gute Texte! Und gottseidank kann man auch nicht sagen, daß er sie schlechter machte. Nein! Das waren einfach andere Bücher. Er wollte nur immer schreiben. Im Prinzip kann das auch zur Krankheit werden und sehr unangenehm im Leben. Aber im vernünftigen Ausmaß ist das eine gute Eigenschaft. Ich besitze sie eigentlich nicht. Ich muß mich immer dazu bringen anzufangen. Und dann muß ich immer alles korrigieren. – Und wenn ich auf Russisch schreibe, dann ist es fast unendlich. Und wenn ich auf Deutsch schreibe – und ich schreibe jetzt nicht immer nur Essays oder Artikel, sondern auch literarischere Texte – dann kann ich früher diesen Vorgang stoppen. Denn es hat sich herausgestellt, daß man in einer Fremdsprache eher das Ende der Möglichkeiten eines Textes bemerkt. Doch muß man natürlich all das in Relation sehen: für 37 kurze Texte meines Poems „Von Orten“, das ist mein erstes deutsches Buch, das keine Übersetzerbezeichnung auf sich trägt, habe ich vier Jahre „Korrigieren“ gebraucht.

faust: Wenn Du in Italien ein poeta bist, dann hast Du die Achtung nicht nur der eingeweihten Kreise, sondern Dir wird überall mit Achtung begegnet.

Oleg Jurjew: Auch von Mädchen?

faust: Nicht nur das. Wenn auf dem Land den Leuten angekündigt wird, daß ein poeta zu Besuch kommt, dann ist das schon etwas! Das gilt auch für Frankreich. Le poète ist eine herausragende Figur, – allein, weil er es ist. Es könnte sein, daß es in Russland auch so ist…

Oleg Jurjew: Das war so. Aber dazu kamen, wie immer, einige Details zur Geltung. Zur Sowjetzeit war der Autor, der Schriftsteller für die gebildete, aber auch für die allgemeine Bevölkerung derjenige, der als Sowjetschriftsteller im Schriftstellerverband organisiert war. Im Wörterbuch der Sowjetsprache war das synonym: Mitglied des Verbandes und Schriftsteller. „Ich bin Schriftsteller geworden“ bedeutete eben das. Für solche Leute, wie wir es waren, – die nichts publizierten und auch nicht in der Schlange standen, um Mitglied im Verband zu werden, die also eine vollkommen andere Existenz gewählt hatten, die gottseidank in dieser Zeit möglich war: eine Parallelgesellschaft, zumindestens eine Parallelkultur. Für die allgemeine Bevölkerung, inklusive unserer eigenen Familien, war das nichts! Für sie waren wir keine Schriftsteller! Aber natürlich, wenn man irgendwo in der Provinz ankommt und irgendwo in einem Kulturhaus Gedichte liest für acht Rubel siebenundzwanzig, – als populär-wissenschaftlicher Vortrag für die Gesellschaft „Das Wissen“ (eine Art Volkshochschule in der Sowjetunion) getarnt – was auch ab und zu bei mir der Fall war, weil ich auch in der Parallelgesellschaft irgendwie Geld verdienen musste – war man ein mehr oder weniger geachteter Mensch. Und jetzt, glaube ich, ist man das nicht mehr. Die Russen sind ein Volk, das sehr übertreibt. Sie haben den Kommunismus wesentlich übertrieben, jetzt übertreiben sie den Kapitalismus. Jetzt also, da sie sich für die Mammon-Religion entschieden haben, sind sie auch in diesem Falle extrem. Wir haben diese geänderte Einstellung gesehen, als wir in Russland bei unterschiedlichen Literaturfestivals waren oder überhaupt mit Kollegen zu tun hatten, mit jüngeren Kollegen. Sie manifestierte sich dadurch, daß sich ganz andere junge Menschen auf den Weg des angehenden Lyrikers begeben haben als früher. Grob gesagt, weniger schöne. Schöne Menschen haben, und sie wissen das seit ihrer Kindheit, mehr Chancen. Sie können wählen, und dementsprechend wählen sie Felder, wo sie tätig werden. Du kannst Dir Olga Martynova ansehen, sie ist eine Schönheit, sie könnte eine Schauspielerin werden, oder eine Nachrichtensprecherin im Fernsehen, oder eine Wissenschaftlerin… und sie ist eine Lyrikerin geworden! Heutzutage wäre das weniger wahrscheinlich… – Ich übertreibe natürlich. Es gibt vielleicht zu viele schöne Mädchen in Russland, und da gibt es immer noch junge Lyrikerinnen, die sehr schön sind. Aber junge Männer, die sich dafür entscheiden, das ist ein ganz anderer Zirkus als früher, das sind Menschen, die auch keine Siegerposition erringen. Solche gehen heutzutage in die Wirtschaft oder Unterhaltung und nicht in die Literatur. Das ist, glaube ich, auch in Deutschland so und nicht erst seit gestern.

faust: Das ist der Ökonomismus. In Deutschland kommt noch etwas anderes hinzu. Spätestens seit dem Ersten Weltkrieg verfällt das Ansehen der Lyrik. Benn ist selber noch von seinem Selbstverständnis her Dichter, der aber sich schon beim Schreiben distanziert von dem, was er tut. Und nach dem Zweiten Weltkrieg hast Du diese Trümmerliteratur, die sich reduziert auf die elementaren Dinge. Der nächste Schlag kommt eigentlich durch die Studentenbewegung in den 60er, 70er Jahren, wo man sich auf die Trivialliteratur bezieht und auch in diesem Sinne Gedichte macht. Und dann hört es eigentlich auf. Wenn Du heute Gedichte erwähnst, wirst Du belächelt.

Oleg Jurjew: Gut. Es gibt sehr, sehr viele Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die das mögen. Und wir treffen sie überall, wo wir, also Olga Martynova und ich, auftreten. Nirgendwo in der Welt gibt es so viele Literaturlesungen, und nirgendwo in der Welt kommen so viele Menschen zu diesen Lesungen, – insgesamt, meine ich, wenn wir deren Zahl in einem, sagen wir, Jahr summieren. Daß Lyriker ab und zu vor wenigen Menschen lesen, ist auch eine Kehrseite dieses unglaublichen Angebots an mündlichem Vortrag der Literatur, den es im deutschsprachigen Raum gibt. Es gibt sehr viele Menschen, auch junge Menschen in diesem Sprachraum, die sich für Gedichte interessieren. Das ist nur… privat. Man liebt Gedichte, aber man meint nicht, dass das eine gesellschaftliche Relevanz hat. In der letzten Zeit, wie wir beobachten, gibt es auch viele der jungen Generation, die sich aus welchen Gründen auch immer, dafür entschieden haben, Gedichte zu schreiben und das hauptberuflich. Und das ist, wie wir alle wissen, ein nicht allzu luxuriöses Leben, nicht nur materiell, sondern auch im Sinne einer „sozialen Perspektive“. Im 18. und 19. Jahrhunderten, wenn man sich für die „lyrische Karriere“ entschieden hatte, konnte man hoffen oder glauben, dass man am Ende „ein großer Dichter“ sein wird, dessen Werke in der Schule studiert werden, der von der gebildeten Schicht und sogar vom gemeinen Volk bewundert und in aller Ewigkeit im Gedächtnis behalten wird. Ein paar Plätze für so etwas gab es in jeder Generation. Am Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man als Lyriker zumindest die Stellung eines kleinen Papstes, wie Stefan George, erhoffen, – als Lokal-Goethe sozusagen. Und das ist eben jetzt nicht mehr so: Du beginnst als junger Lyriker, am Ende bist du ein alter Lyriker, das ist alles. Es ist natürlich nicht so, daß man keine soziale Perspektive hat. Doch, es gibt sehr viele Perspektiven in dieser reichen und differenzierten Gesellschaft, das Leben in der „literarischen“ oder „lyrischen“ „Community“ bietet ein reich strukturiertes Sozialleben an, mit vielen Möglichkeiten Erfolgs, Misserfolgs, Aufstiegs, Abstiegs usw. Aber fast ausschließlich – innerhalb dieser Community, man kommt aus ihr selten heraus. Für ein paar Tage vielleicht, wenn du stirbst (es gilt auch nicht für jeden, nicht wahr?) oder einen gesellschaftlich relevanten Preis bekommst. Aber wenn man sich als junger Mann oder als junges Mädchen auf diesen Weg begibt, weiß man eigentlich, daß man am ehesten nirgendwo hinkommt. Man versprich sich nichts. Man wird heutzutage Lyriker nur der Gedichte wegen. Um sie zu schreiben und sie zu lieben. Und das spricht andererseits sehr für die Lyriker unserer Tage – sie sind im Grunde genommen die Heiligen unserer Tage, würde ich sagen, wenn diese Bezeichnung von einer obskuren Kirche nicht in der fast identischen Form aufgenommen wäre.

faust: Und ich dachte, das ist das Loch in Deutschland – was die Lyrik angeht. Und bei unseren Nachbarn ist es überall anders. Da hat sie einen anderen Wert.

Oleg Jurjew: Aber in Deutschland achtet man immer noch Schriftsteller, also Menschen, die dicke Bücher schreiben.

faust: Das ist richtig. Die etwas mitzuteilen haben und dicke Bücher schreiben. Das ist wichtig. Die Quantität spielt eine große Rolle. Wer nicht viel schreibt, ist kein großer Schriftsteller…

Oleg Jurjew: Und ich fasste mich immer – mehr oder weniger – kurz.

faust: Du lebst jetzt seit 20 Jahren in Deutschland. Siehst Du kulturelle Unterschiede etwa zu Petersburg?

Oleg Jurjew: Nichts ist ähnlich. Das sind absolut andere Strukturen. Sie waren ursprünglich absolut anders. Und auch nach der Zerstörung der sowjetischen Gesellschaft hat es sich so entwickelt, daß es mit nichts zu vergleichen ist. Das ist eine einzigartige Katastrophe, die da passiert ist. Denn die alte Kultur hat sich eigentlich selbst zerstört. Sehr schön, sagen wir. Wir gehörten nicht dazu, zu dieser Sowjetkultur, und wollten nicht dazu gehören. Wir würden ihr nicht nachtrauern. Aber an deren Stelle, an den Ruinen, wurde provisorisch gebaut und ohne Überzeugung, daß das tatsächlich nötig ist. Alles existiert immer noch etwas provisorisch in der russischen Kultur, seit mehr als 20 Jahren übrigens! Die Idee, daß wenn man die Diktatur wegräumt und an deren Stelle – und die Deutschen müßten das auch gut wissen – etwas Schönes von selbst wächst, diese Idee ist blöd. Aber in Russland hat man sich nach dem Ende der Sowjetunion darauf verlassen, – wie in allen anderen Dingen auch: in der Wirtschaft in den 90er Jahren oder im Sozialen. Es schien, daß alles von selbst laufen muß. Und als alles nicht von selbst gelaufen ist, versuchte man das selber zu regeln. Und „Selber“ kann man immer nur sowjetisch. Das ist der Grund der Renaissance des Sowjetischen im heutigen Russland. Das ist nicht ideologisch und nicht in dem Sinne, daß man das zurück will. Aber man kann nichts anderes. Und es ist und wird auch nicht so, wie es in der Sowjetunion war. Das wäre auch absolut unmöglich mit einer Marktwirtschaft und dem Stellenwert des Geldes, der heute in Russland unermesslich hoch ist. Und ohne eine totale Ideologie, die alles erklären und steuern soll. Was daraus wird? Eine Parodie. Das wäre genauso in Deutschland gewesen, wenn man das nach dem Zweiten Weltkrieg einfach so hätte laufen lassen. Eine Parodie: Eine Nazikultur ohne Naziideologie (sogar mit dem Verbot einer solchen) und ohne entsprechende soziale Strukturen. Tatsächlich kann man Elemente von dieser Parodie in der westdeutschen Kultur (Massenkultur in erster Linie) der 50er Jahre beobachten, in den 60er Jahren wurden sie unter der „Jugend-Revolution“ begraben.

Noch ein „deutsches Beispiel“, um die russische Situation zu verdeutlichen: Man hat das gesehen nach dem Ersten Weltkrieg, wenn man eine autoritäre Kultur einfach so, unkontrolliert durch eine „freie Kultur“ ersetzt, in der Hoffnung, dass alles sich irgendwie schon regelt. Dann kann man auch – wie in dem Falle der Weimarer Kultur – glänzende kulturelle Ergebnisse kriegen, wenn man viele talentierte Menschen zu Hand hat, aber auch eine sehr gefährliche gesellschaftliche Situation, wo die scheinbar vorherrschende Kultur für die allgemeine Bevölkerung sehr fremd ist. Die biedere westdeutsche Kultur, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war, war in diesem Sinne ungefährlich. Und sie wurde auch immer kontrolliert, damit sie nicht Gefährliches mit sich bringt, nicht wieder dieselbe Scheiße… Jetzt ist Deutschland ein sehr reiches Land, das auch viel Geld mitbringt, weil es zum allgemeinen Verständnis gehört, daß man als Deutscher eine Kultur haben muß. Und nur darauf kommt es an. Das ist auch das Verständnis, das im Mittelalter oder bei den Renaissancefürsten mitgetragen wurde. Deshalb haben die Herren Fürsten und Päpste diese wunderbaren Bilder bestellt.

faust: Ich kann mich erinnern, einen Film gesehen zu haben, in dem man Jewgeni Jewtuschenko, der ein langes Gedicht im hohen Ton auf einem öffentlichen Platz vorträgt.

Oleg Jurjew: Ja, im Stadion haben sie gelesen vor 50.000 bis 100.000 Leuten. Das war in den 60er Jahren so. Das war die spezielle Situation der 60er Jahre. Das kann man mit Woodstock vergleichen. Man hat das auch Stadiondichtung oder Bühnendichtung genannt. Das war die sowjetische Entsprechung der Rockmusik dieser Zeit. Sie war natürlich sehr populär unter den jungen Leuten, die in den 60er Jahren die neue Zeit erlebten. Und weil die Dichter erfolgreich waren, wurden sie auch im Westen wahrgenommen. Ehrlich gesagt, messe ich dieser Dichtung keine allzu hohe literarische Qualität bei. Jewtuschenko und Co., das waren junge Lyriker, die die Möglichkeit bekommen hatten, die Worte, die vorher, zur Stalin-Zeit, staatseigen waren, etwas privater zu benutzen. Aber, im Grunde, nicht weniger primitiv. Wenn eine Gesellschaft, eine Kultur auf die Hundertprozentigkeit des Wortes gebaut ist – und das ist jede totalitäre Gesellschaft, jede Diktatur – muß alles ideal zusammenkommen. Deswegen sind das Gewicht und der Preis des Wortes höher. Und man kriegt viel seltener die Erlaubnis, das Wort zu benutzen, weil das eine der Grundlagen der Gesellschaft ist. Und wenn wir in dieser, also in der westlichen Gesellschaft Wörter nicht mehr zu den Grundlagen der Gesellschaft zählen, dann kann man sich erlauben, alles Mögliche zu sagen. Grob gesagt, wenn auch hier das Wort Handelsware geworden wäre, dann hätten wir die Situation mit der Wichtigkeit des Wortes wieder zurück.

faust: Gab es in Deiner Familie eine Person, von der Du Dein Selbstverständnis als Lyriker bezogen hast?

Oleg Jurjew: Nein, das war nicht so. Ich hatte keinen einzigen Menschen in meiner Umgebung, der mit Literatur zu tun hatte. Aber der Stellenwert der hohen Literatur war insgesamt sehr hoch. Und in der Schule hatte man ständig mit Gedichten und der klassischen Literatur zu tun. Die Gesellschaft vermittelte den hohen Wert der Literatur für jeden. Eine andere Frage ist, was die Gesellschaft damit meinte. Aber wenn man 10-11 Jahre alt ist, spürt man nur den hohen Stellenwert. Ich weiß nicht, aus welchem Grund ich die ersten kleinen Gedichte geschrieben habe. Aber seit dem 30. Januar 1970 habe ich mich mit nichts anderem beschäftigt als mit dem Gedichteschreiben und Gedichtelesen.

erstellt am 18.5.2011

Oleg Jurjew, Foto: © Wolfgang Becker
Oleg Jurjew, Foto: © Wolfgang Becker

Oleg Jurjew erhielt den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil.

Die Laudatio von Ursula Krechel und die Preisrede von Oleg Jurjew lesen Sie hier:

Harry Rowohlt liest aus
Oleg Jurjew: »Die russische Fracht«

Oleg Jurjew
»Die russische Fracht«
gelesen von Harry Rowohlt
Erschienen als Audiobook/CD
bei Kein und Aber, 2011.
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Siehe auch:
BUCHKRITIK: Oleg Jurjew, Russische Fracht