Die Handlung der 1735 entstandenen Händel-Oper „Ariodante“ beruht auf einer Episode aus Ariosts „Rasendem Roland“. In Stuttgart machen Jossi Wieler und Sergio Morabito aus der Geschichte über ein Rollenspiel eine Reflexion über die Schauspielkunst. In den Premierenapplaus mischten sich diesmal auch Buhrufe, berichtet Thomas Rothschild.

Oper

Die ganze Welt ist Bühne

Die verwickelte Handlung beruht auf einer Episode aus Ariosts „Rasendem Roland“, die auch Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ zugrunde liegt. Die Entstehungsgeschichte dieser Oper von 1735 macht deutlich, wie sehr Händels Schaffen von äußeren Umständen abhing. Viele Entscheidungen – etwa die Stimmlage einzelner Rollen – waren nicht künstlerisch begründet, sondern gingen auf das Konto des zur Verfügung stehenden Ensembles. Auch die Tanzeinlagen in „Ariodante“ sind nicht das Ergebnis dramaturgischer oder kompositorischer Überlegungen, sondern der banalen Tatsache, dass Händel die berühmte und für ihre Zeit revolutionäre Tänzerin Marie Sallé mit ihrer Truppe für die Aufführung anwerben konnte. Dass trotz solcher Zufälligkeiten ein homogenes Werk entstehen konnte, verdankt sich dem Genie des Komponisten, das allerdings nicht zu allen Zeiten erkannt und geschätzt wurde. Heute stehen Händels Opern ungeachtet ihrer nur schwer aktualisierbaren Libretti auf fast allen Spielplänen.

Jossi Wieler und Sergio Morabito freilich wären nicht, die sie sind, wenn sie nicht auch dem Stoff von „Ariodante“ einen Bezug zu grundsätzlichen Fragen abgewinnen könnten. Ginevra, die nachts von Polinesso zum Zweck der Intrige in ihrem Zimmer aufgesucht wird, ist in Wahrheit Dalinda, und die ist in Wahrheit Josefin Feiler. Nichts ist, was es scheint. Alles ist Täuschung. Wir kennen das aus fast allen Werken Shakespeares. „Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frau'n und Männer bloße Spieler.“ Verwechslung ist das Wesen des Theaters. Und deshalb lieben wir es: Wir wollen nicht nur zusehen, wie die Figuren auf der Bühne einander (und sich selbst) täuschen, sondern wir wollen uns auch selbst täuschen lassen.

Zugegeben: diese Erkenntnis ist nicht neu oder gar originell. Als dramaturgische Grundlage für die Inszenierung einer Händel-Oper freilich ist sie nicht alltäglich. Und so machen Wieler und Morabito aus der Geschichte über ein Rollenspiel eine Reflexion über das Rollenspiel, also über die Schauspielkunst.

Als Kronzeuge für die Schauspielproblematik und nebenbei der Geschlechterproblematik dient dem Regie- und Dramaturgiepaar Jean-Jacques Rousseau. In französischer Sprache, deutsch übertitelt, werden Passagen aus dessen Streitschrift „Brief an d‘Alembert über das Schauspiel“ von 1758, also 23 Jahre nach der Uraufführung von „Ariodante“ und fast zweieinhalb Jahrhunderte nach Ariosts „Rasendem Roland“ geschrieben, anstelle der von Händel vorgesehenen Tanzeinlagen vorgelesen. Was im Sprechtheater zurzeit gang und gäbe ist – die Hinzufügung von Fremdmaterial, das den Horizont erweitern und Assoziationsräume eröffnen soll –, wird hier also für das Musiktheater fruchtbar gemacht. Puristen mögen daran Anstoß nehmen – vielleicht waren sie es, die am Schluss das Regieteam gegen den Beifallssturm ausgebuht haben –, aber dass der musikalische Ablauf dadurch empfindlich gestört wurde, kann man kaum behaupten. Eher schon ließe sich einwenden, dass sich die Verlegung des Schlussduells in einen poppigen Boxring als etwas wohlfeiler Effekt darstellt. Bei der Verneigungsrunde schien sich Sergio Morabito halb tot zu lachen. Aus Erleichterung über eine gelungene Premiere oder als Verspottung der Buhrufer? Für ihn sind die Stuttgarter Projekte ja stets so etwas wie Forschungsvorhaben, deren intellektuelles Ergebnis, jedenfalls ohne Lektüre des Programmhefts, nicht ohne weiteres nachzuvollziehen ist. Wenn die Stuttgarter Oper 2016 wieder einmal zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde, dürfte das – bei aller Fragwürdigkeit solcher Rankings – auch an dem Bekenntnis zur Überforderung liegen. Sie ist allemal stimulierender als die übliche Unterschreitung eines ohnehin schon sehr niedrigen Niveaus.

Freilich: einen Händel nimmt man, auch in Stuttgart, nicht in erster Linie wegen des Librettos ins Programm. Es gibt nun mal, den heiligen Mozart ausgenommen, nicht viele Opernkomponisten, die eine solche Dichte an betörenden Melodien, an verführerischen Arien anbieten wie eben Händel. Sängerinnen und Sänger können bei ihm aus dem Vollen schöpfen, ihre Virtuosität unter Beweis stellen und werden dafür mit Szenenapplaus belohnt. Eine Händel-Inszenierung ist immer auch eine Nummernoper. Mit Diana Haller in der Titelrolle, Ana Durlovski als Ginevra und der jungen Josefin Feiler als Dalinda schmückt sich die Inszenierung mit drei Ensemblemitgliedern, die allesamt ihre Partien mit makelloser Sicherheit beherrschen und sich, salopp ausgedrückt, nicht viel nehmen. Die für die Barockoper essentiellen Koloraturen kommen so leichtfüßig, so selbstverständlich daher, dass man meinen könnte, sie bedürften keiner größeren Anstrengung als ein Handygespräch in der S-Bahn. Den Countertenor-Part des Polinesso singt Christophe Dumaux, die Tenor-Rollen Lurcanio und Odoardo wurden mit Sebastian Kohlhepp und Philipp Nicklaus besetzt, als König debütiert Matthew Brook in Stuttgart. Eine geschlossenere Ensembleleistung, die vervollständigt wird durch das um Barocksolisten ergänzte Staatsorchester unter Giuliano Carella, ist kaum denkbar.

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erstellt am 08.3.2017

Szenenfoto „Ariodante“, Oper Stuttgart: Christoph Kalscheuer

Oper

Ariodante

von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Empfohlen ab 14 Jahren

Musikalische Leitung Giuliano Carella
Regie und Dramaturgie Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne und Kostüme Nina von Mechow

Oper Stuttgart

Szenenfoto „Ariodante“, Oper Stuttgart: Christoph Kalscheuer