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Samuel Becketts „Glückliche Tage“ sind ganz großes Theater. Nun hat Armin Petras das Stück am Schauspiel Stuttgart inszeniert. Bei der Premiere durfte er sich den durch kein einziges Buh getrübten Applaus mit den Schauspielern teilen, ohne sich verleugnen zu müssen, berichtet Thomas Rothschild.

Premierenkritik

Ganz großes Theater

Neuerdings nennt man so etwas „ganz großes Kino“. Mit Kino hat es so viel zu tun wie eine Giraffe mit einem Kamel. Kino kann vieles, was das Theater nicht kann, aber das kann es nicht. Samuel Becketts „Glückliche Tage“ sind ganz großes Theater. Sie waren es von Anfang an, und sie sind es, auch in der patentierten Übersetzung von Erika und Elmar Tophoven, geblieben.

Franziska Walser, die wie ihr Mann Edgar Selge zum Ensemble des Schauspiels Stuttgart gehört, die aber wie er nur selten in Stuttgart zu sehen ist (Selge hatte seinen gefeierten Solo-Erfolg in Hamburg), spielt die Winnie, die zu den schönsten Herausforderungen der Bühnenliteratur gehört. Das Großartige an dieser Figur ist, dass sie die Kunst des Rollenspiels verlangt, das Gelingen aber nicht an der Realität gemessen werden kann. Die Figur entsteht im Spiel, sie bildet nichts ab, was außerhalb dieses Spiels existierte. Genau deshalb erwarb sich Becketts Theater das Attribut „absurd“.

Franziska Walser bewährt sich mit jeder Nuance ihrer Mimik, mit der differenzierten Intonation, der Melodie ihrer Sprechweise. Sie reiht sich ein in die Riege der großen Schauspielerinnen, die diese Rolle ausfüllen durften. Und weil es bei Winnie auf die Zwischentöne ankommt – was sonst stünde der bis zur Hüfte Begrabenen zur Verfügung? –, ist diese Rolle reizvoller als die wenigen anderen Rollen, die das Repertoire nicht mehr ganz jungen Frauen anbietet, Maria Stuart und Elisabeth (deren historische Modelle zum Zeitpunkt der Handlung gerade 25 und 34 Jahre alt waren), Bernarda Alba, Mutter Courage, oder Mary Tyrone in Eugene O‘Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, die in Stuttgart eben erst mit einem Mann besetzt wurde.

Den Partner Willie spielt Peer Oscar Musinowski. Regisseur Armin Petras entwirft ihn als einen anderen Caliban aus Shakespeares „Sturm“. Zwischendurch darf er diverse Verkleidungen anprobieren, als wäre der Rosenmontag nicht schon vorbei. Es ist, als habe Petras Furcht vor der Ereignislosigkeit von Becketts Drama. Kathrin Frosch hat ihm eine Bühne mit durchbrochenen weißen Papierwänden gebaut, hinter denen man die Projektionen von Rebecca Riedel sieht. Sie erinnern an Collagen und an Malereien von Max Ernst und von René Magritte. Einmal scheint auch ein Riedel-Video aus der Offenbach-Inszenierung von Armin Petras eine zweite Verwendung gefunden zu haben. Dazu erschallen Geräusche, die an Naturkatastrophen erinnern.

Der berühmte Erdhügel inmitten einer versengten Grasebene ist hier ein Haufen Plastikmüll, in den Winnie gegen Ende mit dick aufgetragener Schminkmaske noch tiefer versinkt, so dass sie ihren Kopf kaum noch bewegen kann. Den berühmten brennenden Sonnenschirm hat Armin Petras – aus Justament? – gestrichen. Auf einem Probenfoto war er noch zu sehen.

Armin Petras hat in der Vergangenheit viel Kritik einstecken müssen. Diesmal durfte er sich den durch kein einziges Buh getrübten Applaus mit den Schauspielern teilen, ohne sich verleugnen zu müssen. Ganz großes Theater.

Kommentare


Haible, Wolfgang - ( 08-03-2017 12:21:37 )
Ich überlege, ob man das „ganz großes Theater“ so lesen soll, wie das „Heute ist ein glücklicher Tag“ ; den Satz, den Winnie mehrmals von sich gibt als hätte sie ein Coaching Seminar (=Gehirnwäsche) besucht. Natürlich besteht Theater aus der schauspielerischen Leistung, aber ganz geht Theater ja darin nicht auf. So möchte ich zwei Fragen stellen bzw. Thesen vorstellen. 1. Nach der Inszenierung, 2. nach der Aktualität des Stückes.

1. Beckett hat das Stück, wie Sie ja schreiben, anders inszenieren wollen. Gewinnt das Stück, wenn man statt eines Haufens verbrannter Erde Winnie in einen Plastikmüllhaufen steckt? Ich denke, das ist eine bloß äußerliche „Modernisierung“, genauso äußerlich wie die Inszenierung von Willie. Der ist in eine Art postmodernen Zombie verwandelt werden, der blutverschmiert durch die Gegend taumelt. Auch die unvermeidliche Videoeinblendungen im Hintergrund und die „Musik“ finde ich zum Stück nicht passend. So als müsste man das Publikum permanent mit Reizen überfluten, auf dass sich ja kein Gedanke bilde. Beckett ist Reduktion auf das (Un-)Wesentliche, er verliert mit jeder „Verzierung“.

2. M.E. ist das Stück veraltet, auch durch eine Modernisierung nicht zu retten. Es stammt (bzw. passt in) aus einer stillgestellten Zeit, einer eindimensionalen Gesellschaft (Marcuse), einer Zeit ohne Fortschritt und Klassenkämpfe, die diese antreiben; es passt in eine Zeit nach dem Untergang, einer vergangenen Katastrophe, die nicht vergeht. Heute haben wir ein Aufflammen gesellschaftlicher Kämpfe, die nicht notwendigerweise die Gesellschaft nach rechts treiben müssen, auch wenn man den Eindruck hat. Es ginge auch anders. Das blinde (postmoderne oder postdramatische) Theater reagiert darauf mit einer Hektik, einer Reizüberflutung, einer Zumutung, die freilich keinen Gedanken und kein Gefühl entstehen lassen will, dass es auch anders ginge. Bei Beckett hätte dieser entstehen können, die Inszenierung in Stuttgart verhindert diesen.

Zusammenfassung: Respekt vor der schauspielerischen Leistung, die auch den Applaus verdient, aber ganz großes Theater war das nicht. Oder verlangt es die Pietät, Scheidenden eine gute Zeit – wo-auch-immer – zu wünschen?



Gonser - ( 09-04-2017 05:17:53 )
Also gestern war der brennende Sonnenschirm dabei.

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erstellt am 05.3.2017

Szenenfoto „Glückliche Tage“, Schauspiel Stuttgart: Conny Mirbach

Theater

Glückliche Tage

von Samuel Beckett

Regie Armin Petras
Bühne Kathrin Frosch
Kostüme Cinzia Fossati
Video Rebecca Riedel

Besetzung Peer Oscar Musinowski, Franziska Walser

Schauspiel Stuttgart

Szenenfoto „Glückliche Tage“, Schauspiel Stuttgart: Conny Mirbach