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Die Stuttgarter Kompanie Gauthier Dance feiert ihr zehnjähriges Bestehen mit sieben Stücken, die unter dem Titel „Big Fat Ten“ zusammengefasst wurden. Das inklusive Pause zweieinhalbstündige Programm zeigt die ganze Spannbreite der Möglichkeiten der am Theaterhaus Stuttgart beheimateten Ballettgruppe, berichtet Thomas Rothschild.

Tanz

Wörter und Bewegung

Gauthier Dance feiert sein zehnjähriges Bestehen mit sieben Stücken, die unter dem Titel „Big Fat Ten“ zusammengefasst und wie stets vom namensgebenden, nicht eben an einem Mangel an Selbstverliebtheit leidenden erfolgsverwöhnten Leiter der Compagnie ebenso charmant wie redselig eingeleitet wurden. Das inklusive Pause zweieinhalbstündige Programm zeigt die ganze Spannbreite der Möglichkeiten der seit der Gründung bei wechselnder Besetzung auf das Zweieinhalbfache angewachsenen Ballettgruppe, die ihre Heimat von Anfang an im Stuttgarter Theaterhaus gefunden hat.

Der Abend beginnt mit einem Solo und endet mit einem längeren Ensemblestück. Anna Süheyla Harms, die Prima inter pares, tanzt Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ in einer Choreographie von Marie Chouinard aus dem Jahr 1994 ohne menschliche Gegenüber, allein mit Lichtkegeln und in schreitendem Tempo parallel zur Rampe als brünstiges Exerzitium. Dabei greift Chouinard auf Nijinski und dessen Inspirationen durch antike Vasenmalereien zurück.

Der Vergleich des Violoncellos mit einer Frau, die vom Bogen karessiert wird, ist nicht ungewöhnlich. In dem kurzen Pas de deux „Violoncello“ von Nacho Duato, dem Ausschnitt aus einem abendfüllenden Ballett von 1999, wird das Instrument tatsächlich von einer Frau getanzt, während der sie umarmende Cellist in barockem Kostüm kaum beweglich auf einem Stuhl sitzt und den Bogen für allerlei Figuren der Tänzerin bereit hält.

Für die Komik im Ballett ist, wie schon in früheren Programmen von Gauthier Dance, Itzik Galili zuständg. In „My Best Enemy“ wird verbale Sprache direkt in Bewegungen übersetzt – wie übrigens in der Gestensprache von Taubstummen. Zwei Conférenciers reden über das Ballett, preisen sich selbst an und tanzen zugleich, was sie sagen. Ein Marilyn Monroe-Imitat hält eine Digitaluhr hoch, die die Sekunden von 60 bis 0 herunterzählt, während die beiden Herren die Zeit tänzerisch sekundengenau begleiten. Mit „My Best Enemy“ hat die im Sprechtheater inflationär um sich greifende Publikumsbeteiligung das Tanztheater erreicht. Die Zuschauer werden angehalten, die letzten 5 Sekunden bis zur explosiven Pointe laut mitzuzählen.

Die Wechselbeziehung zwischen – in diesem Fall: gesungenem – Wort und Körperbewegung spielt auch in Johan Ingers „Sweet, Sweet“ eine Rolle, wenn die drei sich, sozusagen quer zum „Faun“, von hinten nach vorne und von vorne nach hinten bewegenden Tänzerinnen lippensynchron Jeff Buckleys atemberaubendes „Sweet Thing“ artikulieren wie Allison Janney „The Jackal“ in der Fernsehserie „The West Wing“.

Erich Gauthier selbst hat „Ballet 102“ beigesteuert, eine Weiterführung seines „Ballet 101“, in dem Positionen des klassischen Pas de deux auf Zuruf von deren Nummern durch einen Lautsprecher aneinander gereiht werden. Wie weit sich das moderne Tanztheater von diesen klassischen Positionen entfernt hat, wird deutlich in „Streams“ von Andonis Foniadakis. Hier, wie in Alejandro Cerrudos „They‘re In Your Head“, einer düsteren Endzeitvision mit in einander verkeilten Männern, aus deren Rücken Rauch aufsteigt, als Abschluss vor der Pause, kommt das Ensemble zu Zug, das sich im Kontrast zu einzelnen Tänzern durch gewagte choreographische Konstellationen und Geschwindigkeit zur Maschinenmusik des französischen Komponisten Julien Tarride profilieren kann. „Streams“ ist auch ein Bekenntnis zum abstrakten Ballett. Seine Schönheit bedarf keiner Story. Die Körper in Bewegung „übersetzen“ hier keine Wörter. Sie sind die Botschaft.

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erstellt am 03.3.2017

Gauthier Dance, Big Fat Ten, Foto: Regina Brocke

Gauthier Dance

Big Fat Ten

Eine Produktion von Theaterhaus Stuttgart

Mit Choreographien von Alejandro Cerrudo, Nacho Duato, Marie Chouinard, Andonis Foniadakis, Itzik Galili, Eric Gauthier und Johan Inger

Künstlerische Leitung / Choreograph Eric Gauthier

Theaterhaus Stuttgart

Gauthier Dance, Big Fat Ten, Foto: Regina Brocke