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Paul Verhoevens jüngster Film „Elle“ mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle kreist um eine Vergewaltigung. Warum man „Elle“ trotzdem als eine stellenweise erstaunlich feministische Produktion sehen kann, erklärt Riccarda Gleichauf.

Filmkritik

(K)ein Opfer

ELLE. Der Filmtitel verweist direkt auf sein zentrales Thema, stellt sie, also die Frau, in den Mittelpunkt der Handlung. Eine stellenweise erstaunlich feministische Produktion Paul Verhoevens, der Schwierigkeiten hatte, eine Hauptdarstellerin zu finden, weil keine der großen Hollywooddamen in einer Vergewaltigungsszene mitspielen wollte. Mit Isabelle Huppert hat er den perfekten Griff getan – schon in „Die Klavierspielerin“ nach dem Skandalroman Elfriede Jelineks (Regie: Michael Haneke), hatte sie keine Probleme damit, in entwürdigenden Situationen gefilmt zu werden.

Aber warum ist „Elle“ feministisch, wenn eine Frau vergewaltigt, also unterdrücktes und gedemütigtes Opfer eines Triebtäters wird?

„Elle“ beginnt mit einem Überfall, dessen Wirkung jede Frau zerstören würde. Michèle, die Protagonistin, hat allerdings ihre Strategien, sich in der Männerwelt trotz Opferstatus zu behaupten. Mit emotionaler Kaltschnäuzigkeit managt sie eine ganze Firma voller testosteronerfüllter Gewaltspieleprogrammierer. Zusammen mit einer guten Freundin bestimmt sie über die Produktion und entscheidet, wann ein Spiel blutrünstig genug ist, um es auf den Markt zu werfen. Sie ist die Herrin im Haus und wem das nicht passt, wird in seine Schranken verwiesen. Auch wenn dieser Jemand ein großer, starker und selbstbewusster Mann ist, der es kaum erträgt, Kritik von einer zierlichen, alternden, aber dabei ungemein energetischen Frau zu bekommen.

Über die Vergewaltigung spricht sie zunächst mit niemandem. Tatsächlich denkt sie direkt nach dem Überfall an profane Dinge und bestellt sich Sushi. Nur der Hauskatze macht sie Vorwürfe, dass diese den Täter nicht gebissen, sondern das Geschehen fast mit Interesse betrachtet habe.

Ähnlich objektfixiert wie ihre Katze, beobachtet sie Tage später den attraktiven Nachbarn von Gegenüber mit dem Fernglas, und masturbiert dabei lustvoll. Dies ist eine der vielen Szenen des Thrillers, der mehr und mehr an Spannung gewinnt, in denen sonst oft als „männlich“ besetzte Verhaltensweisen radikal dekonstruiert, d.h. völlig authentisch von einer Frau vollzogen werden. Wenn auch vordergründig die gefährliche Präsenz des Vergewaltigers immer wieder Ängste in der Protagonistin schürt, weil sie weiterhin von ihm bedroht wird und zunächst nicht weiß, wer er ist, verschieben sich die Rollen zwischen Opfer und Täter Stück für Stück. Nachdem Michèle erkennt, wer ihr Peiniger ist, geht sie nicht etwa zur Polizei, sondern tanzt vor ihm, als schwaches Mäuschen getarnt, um ihn in eine Falle zu locken. Ratio und Trieb, gepaart mit familiär begründeten, freudianisch-unterfütterten Schuldgefühlen, machen den Charakter der Protagonistin in „Elle“ aus. Ihr Umfeld besteht zusätzlich aus Frauen, die durch ihre bestimmende Art den Widrigkeiten des Lebens immer wieder positiv begegnen, und die Männer auf der Strecke bleiben.

Letztlich ist es die psychologische Tiefe, die den männlichen Nebenfiguren (Laurent Lafitte, Christian Berkel u.a.) fehlt, um die Gefahr zu erkennen, die von Frauen ausgeht, die begriffen haben, dass das Spiel von denjenigen gewonnen wird, die ihr Gegenüber durchschauen.

Filmtrailer „Elle“

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erstellt am 02.3.2017

Isabelle Huppert, Foto: Nicolas Genin / Wikimedia Commons
Isabelle Huppert, Foto: Nicolas Genin / Wikimedia Commons