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Im Herbst 2017 jährt sich die russische Oktoberrevolution zum 100. Mal. Im selben Jahr erscheint auch Vougar Aslanovs historischer Roman „Dekabristen“. Der Autor zieht im Gespräch mit Hansgeorg Marquard eine Verbindung zwischen dem Aufstand in Sankt Petersburg im Dezember (Russisch: декабрь – Dekabr’) 1825, den man wegen des Monats des Ereignisses als Dekabristenaufstand bezeichnet, und der Oktoberrevolution.

Gespräch mit Vougar Aslanov

»Aus dem Funken wird das Feuer entflammen«

Hansgeorg Marquard: Herr Aslanov, wie kamen Sie auf die Idee, den Roman „Dekabristen“ zu schreiben?

Vougar Aslanov: Unter anderem habe ich in Deutschland das Slawistik-Studium aufgenommen, hauptsächlich an der Uni Mainz. Ich habe dabei Glück gehabt, denn ich konnte dort jahrelang die Seminare und Vorlesungen sehr guter und bekannter deutscher Slawisten wie Prof. Dr. Frank Goebler und Prof. Dr. Rainer Goldt besuchen. Das hat mir sehr geholfen, vieles wieder neu zu überdenken. In meiner Sowjetbildung hatte der Dekabristenaufstand einen besonderen Platz. Für die deutsche Slawistik ist das allerdings nicht so wichtig und in der deutschen Gesellschaft kennt man die Dekabristen kaum. Hier kam mir die Idee, einen historischen Roman und dazu einen möglichst objektiven zu schreiben. Denn die Dekabristenbewegung verdient es wirklich, literarisch dargestellt zu werden.

Wie war die Arbeit selbst? Wie viel mussten Sie recherchieren, um die historischen Nachweise für den Roman zu finden? Wie haben Sie es überhaupt geschafft, denn die historischen Dokumente dafür sollen in Russlands Archiven gelagert sein, nicht wahr?

Die Recherche nahm wirklich viel Zeit in Anspruch, und sie war nicht einfach. Einerseits hatte ich schon Basiskenntnisse zum Thema durch meine Bildung und mein Studium in der Sowjetzeit, andererseits brauchte ich die historischen Dokumente für die Romanentwicklung. Es war nicht einfach, an diese zu gelangen, weil sie tatsächlich in den Archiven Russlands liegen. Deswegen nahm das auch viel Zeit. Ich habe aber in den Archivdokumenten viel mehr gefunden als ich selbst erwartete. Von privaten Notizen, Briefwechseln und Erinnerungen der Dekabristen bis zu deren Verhörprotokollen durch die spezielle Staatliche Kommission.

Warum sollte dieser Aufstand, der vor knapp 200 Jahren in Russland stattgefunden hat, auch für die deutschen Leser interessant sein?

Weil diese Bewegung sehr wichtig ist, um Russland, seine Geschichte und Kultur, sogar auch die Gegenwart zu verstehen. Hier geht es unter anderem noch um einige historische Verbindungen zwischen Russland und Deutschland. Auch einer der Anführer und der wichtigste Ideologe der Dekabristen, Paul Burkhard Pestel, russisch Pavel Pestel, war ein Deutscher lutherischen Glaubens: die Pestels kamen Ende des 17. Jh. aus Sachsen nach Russland. Der Urgroßvater wurde später zum Postamtspräsident in Moskau. Aus der Pestel-Linie stammten später auch viele Postamtspräsidenten in Moskau und Sankt Petersburg, so auch der Vater des Dekabristenanführers. Pavels Vater heiratete eine junge Frau aus Dresden und holte sie nach Petersburg. Er wurde später sogar Generalgouverneur von Sibirien. Paul oder Pavel Pestel war der älteste Sohn in der Familie.

Pavel kam als Jugendlicher nach Dresden zur Großmutter, absolvierte dort das Gymnasium und wollte an der Berliner Universität Philosophie studieren. Damals lehrte Hegel in Berlin und Pavel wollte auch seine Vorlesungen hören. Im letzten Moment entschied er sich jedoch anders: er kehrte nach Russland zurück und ging in die Pagenschule, die unter der Aufsicht des Zaren Alexander des Ersten stand.

Was denken Sie, was könnte dabei Pestels Entscheidung beeinflusst haben? Seine Eltern wollten doch, dass er in Deutschland bliebe oder?

Seine Eltern wollten, dass er und sein jüngerer Bruder in Deutschland blieben. Hier ist aber noch die Frage nach der Heimat wichtig, denke ich, noch genauer, welches Land man für seine Heimat erachtet. In meinem Roman ist Pestel zunächst sehr begeistert vom Leben in Deutschland und will in Deutschland leben. Vor dem Abschluss auf dem Gymnasium kommt er jedoch zu einer anderen Idee: er braucht ein Feld zur Selbstverwirklichung, und er sieht für sich dieses Feld in Russland, aber nicht in Deutschland, und er kehrt also zurück. In seiner Familie waren die deutschen Traditionen sehr wichtig wie auch der evangelisch-lutherische Glaube. Ich gehe davon aus, dass er früher Deutschland für seine Heimat hielt, aber später sprach er nur noch von Russland als seiner Heimat. Nachdem Pestel vom Gericht des Zaren zum Tode verurteilt wurde, betonte er dies nochmals in seinem Abschiedbrief: „Es tut mir sehr leid“, schrieb er an seine Eltern, „dass Ihr wegen mir viele Leiden ertragen musstet. Was ich aber getan habe, tat ich nur wegen der großen Liebe zu meiner Heimat“. Also er nennt hier Russland seine Heimat. Trotzdem unterstützt er nicht die Idee, Russland dereinst zu einem Orthodoxie-Reich zu entwickeln. Damals waren viele russische Intellektuelle und Offiziere von den Ideen bewegt: Russland solle ein Orthodoxes Reich und das Zentrum einer Slawischen Föderation werden. Pestel träumte jedoch von einem anderen Russland; von einem Russland, das die europäische Aufklärung mit dem Besten zusammenbringen sollte, das Russland in seiner Geschichte erreicht hatte. Darunter verstand er auch die Wetsche, das Volksparlament aus Nowgorod, und ihm war der gemeinsame Besitz der russischen Gemeinden wichtig. In seinem Verfassungsentwurf unter dem Titel „Russisches Gesetz“ (so hieß die Sammlung russischer Ordnungs- und Strafregeln im Mittelalter), den er für die künftige Republik Russland verfasste, schrieb er all das nieder. Dieser Entwurf beinhaltet, aus heutiger Sicht, einige negative Äußerungen auch und vor allem bezüglich der in Russland lebenden Völker. Im Ganzen ist jedoch Pestels „Russisches Gesetz“ ein kompliziertes, vielfältiges und progressives Dokument: ein Dokument der Aufklärung, das sich auf die ganze folgende Geschichte Russlands auswirken sollte. Pestel war auch dafür, dass Polen wieder unabhängig werden solle und hatte Verbindung zu den polnischen Revolutionären.

Spielen auch die russisch-polnischen Beziehungen im Roman eine Rolle?

Ja. Zunächst durch Pestels Unterstützung des polnischen Geheimbundes, der in Russland einen Aufstand organisiert hatte (dieser fand später, – 1831 -, statt und wurde niedergeschlagen). Im Roman gibt es auch einen Rückblick auf die russisch-polnischen Beziehungen in der Zeit des ersten russischen Zaren Iwan des Schrecklichen und nach seinem Tode.

Pestel ist also die wichtigste Figur in Ihrem Roman oder gibt es noch weitere wichtige Figuren?

Die wichtigsten Figuren des Romans sind die fünf Anführer der Dekabristen, die gehenkt wurden. Von denen wird auch von Pestel und Kondrati Rylejew öfter erzählt.

Kondrati Rylejew war ein Dichter. Kann man von seiner Bedeutung in der russischen Literatur sprechen? Und welche Rolle spielte er dazu noch in der Dekabristenbewegung?

Kondrati Rylejew ist einer der wichtigsten Vertreter der russischen Poesie in der ersten Hälfte des 19. Jh. Er war aber auch, wie Pestel und viele andere Dekabristen, ein Held des Krieges gegen Napoleon. Viele von diesen Kriegsveteranen waren auch Intellektuelle, die in der Armee dienten. Während der Feldzüge gegen Napoleon hatten sie viele Kontakte zu den europäischen Völkern und Kulturen gehabt, viel davon nahmen sie mit nach Hause. Sie wollten das russische Volk von der Leibeigenschaft befreien, Russland zur Republik oder zur Verfassungsmonarchie erklären. Rylejew begnügt sich zunächst damit, die russische Wirklichkeit in seinen Gedichten zu kritisieren. Sein Patriotismus, der einerseits von der europäischen Aufklärung, andererseits von der Heimatgeschichte begeistert war, ist auch konstruktiv. Er schließt sich der geheimen Nordgesellschaft erst 1823 an; bald wurde er zu deren Anführer und führte auch den Aufstand durch, der in der Geschichte als Dekabristenaufstand überliefert ist.

Welche Bedeutung hat die Dekabristenbewegung für die Geschichte Russlands?

Die Ideen der Dekabristen gingen nicht verloren, obwohl das alles mehrere Jahrzehnte streng verboten war. Alexander Herzen war jemand, der gerade die Ideen der Dekabristen fortsetzen wollte. In London gründete er in den 1850er Jahren die Zeitschrift Polarenstern, auf deren Umschlag immer die Portraits der fünf hingerichteten Dekabristenanführer abgebildet waren. Herzen gilt als Vater „des russischen Sozialismus“, gerechterweise wäre dann aber Pestel als der Großvater „des russischen Sozialismus“ zu bezeichnen. Denn die ersten Ansätze des russischen Sozialismus sehen viele in Pestels Verfassungsentwurf „Russisches Gesetz“. Herzen selbst griff auch gerade auf die Ideen aus Pestels „Russisches Gesetz“ zurück: besonders diente der von Pestel erwähnte gemeinsame Besitz der russischen Gemeinden und die Aufteilung des größten Teils der Güter unter den Bauern für Herzen zur weiteren Entwicklung des russischen Sozialismus. Die von Herzen vom Ausland aus verbreiteten sozialistischen, antizaristischen Ideen und Werke führten in den 1860er Jahren zu einer Studentenbewegung in Russland, die gleichzeitig von den Werken des anderen Vertreters des russischen Sozialismus, – Nikolaj Tschernyschewski –, begeistert war. Aus dieser Studentenbewegung entwickelte sich in den 1870er Jahren eine Terrorgruppe namens Volkswille. Der „Volkswille“ tötete viele Minister, Polizei- und Gendarmerie-Chefs und andere hohe Beamte, ohne sein Hauptziel zu erreichen: im März 1881 verletzte eine Gruppe der Volkswille-Anhänger unter der Leitung der Sofia Perowskaja, der Tochter des ehemaligen General-Gouverneurs von Sankt Peterburg, den Zaren Alexander den Zweiten tödlich. Sechs Jahre später wurde der ältere Bruder Wladimir Uljanows (also Lenins), Alexander, auch ein Volkswille-Anhänger, wegen des Mordversuchs an dem nächsten Zaren aufgehängt. Von den Dekabristen bis zum Aufhängen von Lenins Bruder kann man eine Linie beobachten. Das kann man auch unter dem Blickwinkel der Geschichte des russischen Sozialismus betrachten. Mit dem Beginn der Tätigkeit Lenins als eines Marxisten in den 1890er Jahren wird der russische Sozialismus aus der politischen Szene Russlands verdrängt und zur Seite geschoben. Aufgegeben wurde er aber nie. Unter dem Namen Partei der Sozialrevolutionäre (SR) setzten sie ihren Kampf später gegen die Bolschewiki fort, bis schließlich 1918 deren Anhängerin Faina Kaplan durch mehrere Schüsse Lenin schwer verletzte. Lenin, der danach die SR-Partei verbieten ließ, kehrte später selbst wieder zum russischen Sozialismus zurück, nachdem er sich endgültig vom Marxismus getrennt hatte. Er führte im Jahr 1922 die Neue Ökonomische Politik ein, diese basierte auf den Ideen des russischen Sozialismus. Was Lenin dabei eingeführt hatte, wurde früher vom oben erwähnten Tschernyschewski entwickelt: Kapitalismus und Sozialismus gleichzeitig existieren zu lassen. Das bedeutet, die kapitalistischen Firmen einerseits und die sozialistischen Genossenschaften und Kooperative andererseits müssen einen Konkurrenzkampf führen.

Was war der Grund Lenins für seine Trennung vom Marxismus?

Zur ersten Trennung kam es mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Lenins Aufruf an die Sozialdemokraten Europas „die Bajonette gegen die eigenen Regierungen zu richten“ hat Karl Kautski, der damalige SPD-Vorsitzende, nicht unterstützt und erklärte, dass seine Partei in diesem Krieg auf der Seite ihrer Regierung stehe. Die gleiche Position hatten auch die meisten anderen sozialdemokratischen Parteien. Das führte zur Trennung zwischen den Bolschewiki, als einem Teil dieser Bewegung, und der europäischen Sozialdemokratie. 1916 entwickelte Lenin einen Zweig des Marxismus: Marx spräche vom Frühkapitalismus, der Kapitalismus sei nun aber in einem anderen Stadium. Das ermögliche den Sieg der sozialistischen Revolution nicht gleichzeitig auf der ganzen Welt, sondern in einem einzigen Land. Und dieses Land solle Russland sein. Zur endgültigen Trennung vom Marxismus kam Lenin 1920, drei Jahre nach der Oktoberrevolution. Kommunismus funktioniere nicht, – das war jetzt seine Überzeugung -, und auch der Grund für seine Rückkehr zum russischen Sozialismus.

Wollte Lenin denn nicht diese beiden Richtungen, den Marxismus und den russischen Sozialismus, zusammenbringen?

Diese verweigern sich gegenseitig. Es ist bekannt, wie negativ sich Marx gegenüber den Vertretern des russischen Sozialismus geäußert hatte. Er rief sogar offen zum Kampf gegen einen von ihnen, – den Anarchisten Michail Bakunin auf. Seinerseits beschrieb der oben erwähnte Herzen in seinen Memoiren selbst Marx und seine Anhänger als sehr verwerflich. „Diese nicht entdeckten deutschen Genies“, mit denen er gleichzeitig in London gelebt hatte, und ihre Ideen nannte er sogar gefährlich.

Jetzt aber zurück zu unserem Thema: Was verbindet die Dekabristen mit der Oktoberrevolution?

Durch Lenin wird die Linie von den Dekabristen bis zu den Ideologen des russischen Sozialismus, also die Entwicklung des russischen Sozialismus unterbrochen. In der russischen Linken-Szene herrscht danach eine fremde Ideologie – der Marxismus. Trotzdem war Lenin selbst von den Dekabristen sehr begeistert. Einer Zeile aus dem Gedicht „In der Tiefe der sibirischen Erze“, das der russische Dichter Puschkin den Dekabristen widmete (1829), entlehnte Lenin als Epigramm für seine Untergrundzeitung Iskra (Funke): Aus dem Funken wird das Feuer entflammen! Die Dekabristen und die russischen Sozialisten (außer Bakunin) schätzte Lenin hoch: ihre Tätigkeit sei sehr nützlich für Russland gewesen. Aber seiner Überzeugung nach hätte alles andere mit dem Auftritt des Marxismus auf der russischen politischen Szene seine Bedeutung verloren. Dass Lenin, wie ich schon oben erläutert habe, nach seiner endgültigen Trennung vom Marxismus im Jahr 1920, wieder zum russischen Sozialismus kam, kann man auch als Wiederherstellung der unterbrochenen Linie der Entwicklung des russischen Sozialismus sehen: von den Dekabristen bis zu Tschernyschewski. Obwohl das nicht lange überdauerte: Stalin kehrte nach seiner Machtergreifung wieder zum frühen Lenin oder zum Marxismus-Leninismus zurück und tilgte Lenins spätere Reformen. Das ist aber eine andere Geschichte, die Geschichte des Stalinismus.

Das Gespräch führte Hansgeorg Marquard, M.A., Soziologe und Publizist.

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erstellt am 28.2.2017

Dekabristenaufstand, Dezember 1825, Sankt Petersburg

Zur Person

Vougar Aslanov ist 1964 in der Aserbaidschanischen Teilrepublik der UdSSR geboren. Seit 1997 lebt er in Deutschland. Im Berliner Verlag Wostok und im Frankfurter Verlag Größenwahn sind mehrere der Prosa-Bücher Aslanovs erschienen.