Frankfurter Lyriktage: 24. – 28. Mai 2011

24 Lyrikerinnen und Lyriker stellen in zehn Veranstaltungen an fünf Tagen während der Frankfurter Lyriktage 2011 ihre Werke vor. Unter dem Dach »experiment, lyrisch« finden sich nicht nur Lyrik-Fusionen mit Musik, den neuen Medien und dem Film, sondern auch Diskussionen über Erkenntnisse aus Übersetzungswissenschaft und Hirnforschung.

»experiment, lyrisch« startet am Dienstag, 24. Mai um 20 Uhr in der Evangelischen Stadtakademie mit einer Lesung und einem Gespräch des Lyrikers Raoul Schrott und des Kulturwissenschaftlers Gert Scobel. Moderiert von Hubert Winkels (DLF) diskutieren sie über das Buch »Gehirn und Gedicht« von Raoul Schrott und Arthur Jacobs. Am Freitag, 27. Mai um 20.30 Uhr steht in der Historischen Villa Metzler die Übersetzung von Gedichten im Zentrum. Der Frankfurter Lyriker, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Klaus Reichert wird mit den Lyrikern und Übersetzern Uljana Wolf und Matthias Göritz Übertragungsvarianten eines Gedichtes betrachten. Ein spannende Vergleichsstudie, die Kenntnisreichtum und Freude an feinsten Details verlangt.

Abschluss der Frankfurter Lyriktage ist „Die lange Lyriknacht“ am Sonnabend, 28. Mai um 19 Uhr in der Evangelischen Stadtakademie Römer9. An diesem Abend ist auch Franz Mon zu Gast, der in diesem Monat seinen 85. Geburtstag feiert und als bedeutender Vertreter der konkreten Poesie die experimentellen Grenzen der Lyrik bereits seit Jahrzehnten kunstvoll auslotet. (poll)

Frankfurter Lyriktage 2011

Dichter tasten sich an die Grenze sprachlichen Ausdrucks heran. Im Kontext der Frankfurter Lyriktage geben zeitgenössische Lyriker einen Einblick in ihr Werk. Eine Auswahl stellt faust hier in Hörbeispielen vor. Den Anfang macht der Lyriker Matthias Göritz.

Drei Gedichte von Matthias Göritz

Café Karma

Dies war ein Tag,
der aus Staub bestand,

unser Leben
in einer Nußschale;

wirklich
sind nur die Dinge

draußen,
die Hand,

die das Kleingeld
abräumt

noch vor den Tassen.

Matthias Göritz

Loops

8

Gedichte gehn ins Blau
das Monster zeigt

noch bin ich nicht
im Nichts

die schöne Stelle hier
im Blau

zeigt mir das Monster an
das sagt

ich bin
im Bau

an dieser Stelle hier
entsteht

noch
ein Gedicht

Berceuse Des-dur op. 57

Das Jahr 44 war wirklich bemerkenswert.
Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen erscheint.
Zwischen New York und Baltimore errichtet Samuel Morse
die erste Telegrafenanlage der USA.
Griechenland erhält seine erste Verfassung.
In Berlin wird der erste Zoologische Garten Deutschlands eröffnet.
Und in Schlesien, sagt man, konnte man Blut riechen.

Die Verleger hatten die Löhne gekürzt. Die Weber
aus Peterswaldau zogen vor die Firma der Zwanzigers
und sangen ihr Lied vom „Blutgericht“. Zwanziger schickte Diener aus,
die Weber wurden geknüppelt. Altdeutschland wir weben dein Leichentuch, wir weben
und weben. Daraufhin Festnahmen, weiterer Aufruhr, es flogen Steine,
man plünderte, rief nach gerechterem Lohn. Dann kam das preußische
Militär, Erschießungen fanden statt (darunter auch eine Frau), es ging in Festungshaft, es gab Auspeitschungen, Zuchthaus und Heine: wir weben…

und weben. Mitte Mai
fahren sie nach Nohant, sie schreibt, er kuriert. Später, wieder allein in Paris,
steigt Gott in seine Finger, Chopin
schreibt seine mysteriöseste (schönste)
Musik: die Berceuse.

Vielleicht ist etwas von George Sand in ihr.

Wie wenig unterscheiden sich Zeiten,
wie sehr.

Es ist seltsam wie in der Geschichte,
der prosaischsten aller Zurichtungsformen
das Herz auftaucht, das komplizierteste Wort der Poesie.
Die Schwester Chopins, schmuggelte es nach Warschau zurück,
in ihrem Unterrock.

Als 1944 die Stadt von den Einheiten der SS dem Erdboden gleichgemacht
wurde, rettete ein deutscher Offizier das Herz
aus der Kirche.

Was soll uns das sagen?
Wir könnten Milosz fragen
Herbert, Szymborska.

Aber mir ist lieber,
es gibt keine Antwort.

erstellt am 13.5.2011