Ein Geschichte aus »Leichtes Beben«:

Smiling Fish

Von Peter Henning

Hoffmann trat in das Halbdunkel des Restaurants, machte einen Schritt und hielt inne, weil seine Augen sich langsamer als erwartet auf das Zwielicht einstellten.

Auf dem kleinen, an der Eingangstür angebrachten Schild hatte er gelesen: SMILING FISH. Japanisches Restaurant. Täglich geöffnet von 12 bis 24 Uhr. Durchgehend warme Küche. Obwohl er bereits häufiger hergekommen war, um Chanko-nabe, ein schmackhaftes japanisches Eintopfgericht, oder Kushiage, an Bambusspießen serviertes paniertes und anschließend frittiertes Fleisch und Gemüse, zu essen, zu dem er jeweils den nussig schmeckenden Namazake trank,  war ihm das Schild noch nie aufgefallen.

Er warf einen Blick auf seine Uhr. Sie zeigte neunzehn Minuten nach zwölf. Trotzdem war er der einzige Gast.

Hoffmann spielte mit dem Gedanken, kehrtzumachen und später, wenn er sicher sein konnte, dass mehr Betrieb war, noch einmal wiederzukommen. So alleine fühlte er sich, als stünde er auf einer schlecht beleuchteten Theaterbühne, schutzlos und ausgestellt. Doch im selben Moment sprangen die an den hellen, mit japanischen Schriftzeichen verzierten Wänden angebrachten Lüster an, die Beleuchtung des imposanten, seitlich an der Wand stehenden Aquariums flammte auf und riss die eben noch im Dunkel verborgenen und jetzt buntschillernden Zierfische aus der Schwärze. Der Raum erstrahlte nun in taghellem Licht, als habe man ruckartig einen schweren dunklen Vorhang beiseite gezogen.

Zum Umkehren war es jetzt spät. Mit einem Lächeln auf den dünnen, zartrosa geschminkten Lippen trat ihm Fräulein Ogata entgegen.

„Guten Tag!“, sagte sie, und streckte Hoffmann in leicht vorgebeugter Haltung ihre zierliche Hand hin.

Gemeinsam mit Herrn Nishi, ihrem schätzungsweise sechzigjährigen Tokioter Onkel, führte sie seit einigen Monaten das kleine Restaurant. Das hatte Fräulein Ogata Hoffmann in einem ihrer ersten Gespräche anvertraut und dabei auf eine kindliche Art und Weise gelächelt. Und sosehr Hoffmann inzwischen Gefallen gefunden hatte an den mit Oktopus gefüllten Omelettebällchen, dem frittierten Huhn oder den Rollen aus Seetang, war es vor allem anderen dieses zarte, nun erwartungsvoll vor ihm stehende Geschöpf, das ihn seit einiger Zeit regelmäßig hierher trieb.

„Nehmen Sie Platz!“, sagte Fräulein Ogata, die seine Unsicherheit offenbar bemerkt hatte, und wies auf einen Tisch neben dem Aquarium.

„Ja, gerne“, sagte Hoffmann und schob sich vorsichtig an ihr vorbei. Und da war er wieder, dieser frische, an süßlichherben Sommerflieder erinnernde Duft. 

Hoffmann war überrascht gewesen, als er ihn das erste Mal wahrgenommen hatte. Denn eigentlich hatte er geglaubt, Japanerinnen würden anders riechen. Weniger europäisch. Nach Orchideen vielleicht. Oder nach Zitronengras.

Nachdem er das letzte Mal hier gewesen war und Gyoza, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen gegessen und anschließend diverse Okashis, japanische Süßigkeiten, probiert hatte, war er, betäubt vom Namazake und Fräulein Ogatas Geruch, aus dem Lokal getaumelt und zu Hause von erotischen Phantasien erfüllt schläfrig auf die Wohnzimmercouch gesunken.

Weil er seit ein paar Wochen eine neue Untermieterin hatte, eine Berufsmusikern, die es sich bald nach ihrem Einzug zur Gewohnheit gemacht hatte, nachmittags auf ihrem Cello zu üben, waren seine Gedanken von dessen schweren, gedämpft zu ihm herunter dringenden Klängen untermalt worden.

Jetzt hielt ihm Fräulein Ogata lächelnd die Speisekarte hin. Dabei fiel sein Blick auf ihre feingliedrigen Finger, kleine, wie aus weißem Porzellan gefertigte Gebilde, nach denen er am liebsten auf der Stelle gegriffen hätte.

Keinen Meter von ihm entfernt, vollführten die bunt leuchtenden Fische in der blau schimmernden Enge des Aquariums ihre immergleichen schwerelosen Pirouetten. Manchmal stiegen da oder dort Luftbläschen auf.

Hoffmann war im Begriff, die Karte aufzuschlagen, als Fräulein Ogata plötzlich einen ebenso kurzen wie irritierenden Laut von sich gab, näher an das Aquarium herantrat und noch einmal „Oh!“, rief.

Dabei verengten sich ihre ohnehin schmalen Augen, und mit argwöhnischem Blick auf die lange Seitenscheibe des Beckens sagte sie: „Na warte!“ Dann machte sie kehrt und verschwand in der Küche.

Hoffmann verstand nicht. Doch als Fräulein Ogata wenig später zurückkehrte, in der einen Hand eine Sprühflasche Fensterputzmittel, in der anderen ein helles Tuch, da begriff er. Offenbar hatte sie an der Scheibe einen Schmutzfleck entdeckt.

Entschlossen sprühte sie mit zwei, drei Stößen aus der Flasche einen feinen blauen Regen an die Scheibe. Die Perlen blieben kurz haften, bevor sie zerliefen. Fräulein Ogata fing sie durch kräftiges Hin- und Herreiben mit dem hellen Tuch auf.  Sie polierte und wischte. Bis sie zuletzt prüfend ihren Kopf leicht schräg legte, blinzelte und schließlich zufrieden lächelnd sagte: „Anko! Rote Bohnenpaste. Von den Kindern.“

„Ah ja“, sagte Hoffmann, der sie die ganze Zeit beobachtet hatte.

Geschickt wand sich Fräulein Ogata zwischen Tisch und Aquarium heraus, wobei sie einen unsichtbaren Duftschleier hinter sich her zog. Hoffmann inhalierte den Geruch mit in den Nacken gelegtem Kopf. Dabei umfasste er mit den Fingern seiner rechten Hand die in einer hellen Papiertüte steckenden Stäbchen.

Bei seinem ersten Besuch hatte er versucht, mit ihnen zu essen. Doch weil sein Hunger größer gewesen war als sein Interesse am Erlernen neuer Fähigkeiten, hatte er die Stäbchen kurzerhand mit der Serviette abgewischt und neben seinen Teller gelegt.

Hoffmann überflog ruhelos die Speisekarte. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er Tampura, frittierte Meeresfrüchte mit Reis und Gemüse, oder doch lieber Donburi nehmen sollte, gegartes Fleisch und Gemüse auf einer Schale Reise.

Beim letzten Mal hatte ein Kosovo-Albaner an seinem Tisch gesessen, ein kleiner Mann mit spitzem Kinn und dunklen Ringen unter den nicht sehr großen Augen. Wenn er aß oder sprach, konnte Hoffmann seine schadhaften, schwärzlichen Zähne sehen.

Sie waren zunächst nur stockend ins Gespräch gekommen,  denn schon damals hatte Hoffmann nur Augen für Fräulein Ogata gehabt. Doch als der Mann, der ihm plötzlich seinen Reisepass hingestreckt hatte, vom Jugoslawienkrieg zu erzählen begann, hatte Hoffmann aufgehört zu essen und beklommen den Schilderungen seines Gegenübers gelauscht.

Stojan Vitina, so hatte der Name des Mannes gelautet, hatte Anfang der achtziger Jahre in Belgrad seinen Wehrdienst abgeleistet und war anschließend in sein Dorf in der Nähe von Pristina zurückgekehrt, wo er das Geschäft seines Vaters, einen kleinen Elektroladen, übernommen hatte. Seine Tochter Edina und sein Sohn Ibrahim waren damals noch klein gewesen.

Stojan hatte seine Familie mit den Einkünften, die ihm sein Laden einbrachte, versorgen können. Doch dann war der Krieg ausgebrochen, und den Tag, an dem die Serben ihr Dorf überfielen, würde er nie vergessen.

Ein ehemaliger, allerdings serbischer Kamerad, mit dem er damals in Belgrad gedient hatte, hatte plötzlich mit vorgehaltenem Gewehr brüllend in seiner Wohnung gestanden. Doch Stojan, der den anderen sofort wiedererkannt hatte, hatte geistesgegenwärtig gerufen: „He, Milan, kennst du mich nicht mehr? Ich bin’s, Stojan! Stojan Vitina! Dein alter Kamerad!“

„Halt’s Maul!“, hatte der andere geschrien und wild mit dem Gewehr herumgefuchtelt. Doch Stojan, der spürte, dass sein Leben davon abging, ob sein Gegenüber ihn wiedererkannte, ließ nicht locker und rief:

„Mensch, Milan, weißt du noch, wie wir damals die beiden Mädels in den Kalamegdan Park abgeschleppt haben, na, komm schon! Du erinnerst dich doch! Du hattest die Blonde mit dem Adler-Tattoo auf dem Arm und ich die Schwarze. Als wir am nächsten Morgen unseren Rausch ausgeschlafen hatten und die beiden verschwunden waren  haben wir in der Save gebadet!“

Daraufhin hatte der Serbe kurz innegehalten, den Lauf des Gewehrs sinken und leicht auspendeln lassen und Stojan ein paar Sekunden lang durchdringend angesehen.

Stojan waren diese Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden sollten, unendlich vorgekommen. Irgendwann hatte der andere irgendetwas gebrüllt, blitzschnell seine Kalaschnikow hochgerissen und mehrere Salven in die Wand hinter Stojans Rücken gefeuert, der sich mit schützend vors Gesicht gehaltenen Händen im letzten Moment zu Boden geworfen hatte.

„Er hat mich am Leben gelassen, obwohl er mich hätte töten müssen!“, hatte Stojan zu Hoffmann gesagt, der ihm die ganze Zeit wortlos zugehört hatte. „Die Geschichte mit den beiden Huren hat mir das Leben gerettet. Das Massaker, das Milan und seine Leute in unserem Dorf angerichtet haben, war unbeschreiblich. Und manchmal denke ich: Hätte er mich doch bloß damals auch getötet! Dann wäre ich heute ein betrauertes Kriegsopfer und nicht die traurige Gestalt, die vor Ihnen sitzt.“

Hoffmann hatte damals betreten auf seinen Teller gestarrt und mit seiner Gabel im Reis herumgestochert. Nachdem der andere bezahlt hatte und wortlos verschwunden war, hatte er sein Essen nahezu unberührt beiseite geschoben.

Plötzlich stand Fräulein Ogata wieder vor ihm und sagte auf ihre immer freundliche Art: „Haben Sie gewählt, Herr Hoffmann?“

Unschlüssig klappte er die Speisekarte zu, suchte Fräulein Ogatas Blick und sagte schließlich: „Ich nehme einmal Tempura, bitte!“

„Eine gute Wahl. Und was möchten Sie trinken? Sake vielleicht? Oder heute lieber grünen Tee?“

„Grüner Tee ist gut!“, antwortete Hoffmann.

„Sehr wohl!“, sagte Fräulein Ogata und wandte sich mit einem Lächeln ab. Da sagte Hoffmann: „Ihr Onkel? Wie geht es ihm?“

„Gut, glaube ich!“, antwortete Fräulein Ogata. Sie sprach nicht mehr so leise wie bei ihren ersten Begegnungen. Anfangs hatte Hoffmann sie kaum verstanden, wenn sie sich miteinander unterhielten.

Hoffmann sah Herrn Nishi im Geiste vor sich. Nebenan in seiner Küche, mit von der Hitze und den Dämpfen gerötetem Gesicht über Pfannen und Töpfe gebeugt. Manchmal erschien er plötzlich im Gastraum, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Über seine  Schildpattbrille hinweg spähte er in den Raum und ging von Tisch zu Tisch, um sich höchstpersönlich von der Zufriedenheit seiner Kunden zu überzeugen.

Fräulein Ogata nahm die Speisekarte, drehte sich um und lief mit kleinen flinken Schritten davon, als husche sie barfuß über glühende Kohlen hinweg, davon.

Hoffmann blickte ihr nach. Wäre er zwanzig Jahre jünger gewesen, hätte er sich wohl eingestanden, verliebt zu sein. Doch er war einundfünfzig und seit Jahren Witwer.

Nachdem Fräulein Ogata ihm seine frittierten Meeresfrüchte und auch den grünen Tee serviert hatte, überlegte Hoffmann, während er die köstlich riechenden Garnelen mit dem Messer zerkleinerte und unter den ebenfalls leicht süßlich duftenden Gemüsereis mischte,  wie er es anstellen konnte, sie zu einer Verabredung zu überreden. Er starrte in die kleine Unterwasserlandschaft, in welcher die Fische schwerelos umher schwammen.

Nachdem er zum Abschluss noch einige Okashi probiert hatte, bat Hoffmann um die Rechnung. Als Fräulein Ogata dann vor ihm stand, verließ ihn der Mut, und er verwarf seinen Plan, ihr ein Treffen außerhalb des Restaurants vorzuschlagen. Stattdessen sagte er: „Das Essen war wieder ausgezeichnet. Sagen Sie das bitte Ihrem Onkel.“ Nachdem er bezahlt hatte, zog er sich hastig seinen Mantel über, drückte flüchtig Fräulein Ogatas kleine Hand und lief hinaus.

„Auf Wiedersehen, Herr Hoffmann!“, hörte er sie hinter sich sagen. „Kommen Sie bald wieder!“

Nach ein paar Schritten blieb er stehen, fuhr sich mit der Hand ein paar Mal übers Gesicht und rief gegen den Lärm des Straßenverkehrs: „Ich Idiot!“ Und da nahm er es wahr. Er konnte ihr Parfüm so deutlich riechen, als hätte sie ihm ein paar Tröpfchen davon auf die Hand gesprüht so wie die blaue Reinigungsflüssigkeit.

Nachdenklich lief er die Straße entlang, vorbei an wechselnden Schaufenstern, ohne von ihnen Notiz zu nehmen. Bis er vor der Auslage einer Parfümerie stehenblieb, kurz überlegte und entschlossen hineinging.

Hoffmann war ganz benommen von den Tausenden Gerüchen. Ihm war, als stehe er in einem tropischen Garten voll unsichtbarer Blumen und als müsse er nur nach einer von ihnen greifen, und schon würde sie sichtbar werden.

„Haben Sie das hier?“, sagte er und streckte einer Verkäuferin seine Hand hin. „Dieses Fliederparfüm?  Sommerflieder, genauer gesagt!“

Zögerlich roch die Verkäuferin daran und sagte: „Augenblick“, um sogleich zielstrebig eines der Regale anzusteuern. Daraus griff sie einen rubinrot glänzenden Flakon, auf den ein goldener Zerstäuber geschraubt war, zog einen eierschalfarbenen, hauchdünnen Papierstreifen aus einem Behälter und sprühte eine unsichtbare Duftwolke darauf. Anschließend wedelte sie mit dem Papierstreifen ein paar Mal hin und her, hielt ihn Hoffmann hin und sagte. „Wie wäre zum Beispiel das hier?“

Vorsichtig entwand er der Verkäuferin den Streifen und hielt ihn sich unter die Nase. Er schloss die Augen und roch daran, einmal, zweimal. Doch dieser Geruch, so fein und betörend er auch sein mochte, erinnerte nicht einmal entfernt an Fräulein Ogatas Sommerfliedergeruch.

„Nein!“, sagte er entschieden. „Das ist es nicht. Es muss riechen wie das hier.“

Erneut streckte er der Verkäuferin die Hand hin, die noch einmal daran roch. „Okay, Moment mal“, sagte sie und lief mit dem roten Flakon davon.

Nach einer weiteren halben Stunde, er hatte inzwischen auf einem der mit schwarzem Kunstleder bezogenen Hocker Platz genommen, stand ein Dutzend verschiedenfarbiger Flakons vor ihm auf dem Tisch. Daneben lagen ebenso viele Papierstreifen.

Erfolglos hatte die Verkäuferin ihm immer neue Vorschläge gemacht. Bis sie ihm, inzwischen sichtlich genervt, einen hellroten, der Form eines Obelisks nachgebildeten Flakon hinhielt und sagte: „Also wenn es das nicht trifft, bin ich mit meinem Latein wirklich am Ende!“

Entschlossen zog sie die dunkelrote Verschlusskappe ab und besprühte einen weiteren Papierstreifen. Hoffmann las, was in goldenen Lettern auf dem Flakon stand: ANNAYAKE. Matsuri. Und wie die vielen Male zuvor nahm er auch diesmal den Papierstreifen in die Hand, schloss die Augen und roch daran. Und plötzlich war ihm, als rieche er nicht mehr an einem dünnen Papier, sondern an Fräulein Ogatas zierlichem Handgelenk.

„Ja!“, rief er erfreut. „Ja, das ist es!“

„Na, Gott sei Dank!“, sagte die Verkäuferin erlöst und erhob sich.

Zu Hause nahm er auf der Wohnzimmercouch Platz, zog die Schachtel aus der Plastiktüte, löste die Plastikfolie über der Verpackung, öffnete sie und ließ den schlanken Flakon behutsam in die andere Hand gleiten. Aus der Wohnung im ersten Stock war das Cellospiel von Fräulein Bernheim zu hören.

Vorsichtig zog er die Verschlusskappe ab und hielt sich den Flakon unter die Nase. Berauscht von dem intensiven Fliedergeruch, träufelte er die Essenz in die zur Kuhle geformte linke Hand und stellte den Flakon vor sich auf den Tisch. Anschließend rieb er sich ausgiebig die Hände, presste sein Gesicht dagegen und badete es mit geschlossenen Lidern in der stark riechenden Lotion.

Dabei stellte er sich vor, Fräulein Ogatas kleine Brüste zu liebkosen, ihren Hals und ihre runden Schultern. Und ihr Gesicht immer neu mit Küssen zu bedecken. Mit dem Gefühl, ihr ganz nah gekommen zu sein, ließ er sich gegen die Rückenlehne der Couch sinken und schlief irgendwann ein.

Als Hoffmann zwei Tage später das „SMILING FISH“ mit einem kleinen Blumenstrauß in der Hand betrat und auf den freien Tisch neben dem Aquarium zusteuerte, kam Fräulein Ogata auf ihn zu und sagte mit bekümmertem Gesicht: „Guten Tag, Herr Hoffmann!“

„Der ist für Sie“, sagte er stolz und hielt ihr den Strauß hin.

„Danke schön“, sagte Fräulein Ogata und ergriff den Strauß. Doch der bekümmerte Ausdruck in ihrem Gesicht blieb.

„Was ist denn mit Ihnen?“, fragte Hoffmann irritiert.

„Mein Lieblingsfisch ist gestorben“, antwortete Fräulein Ogata und wies mit der freien Hand auf das Aquarium.

„Oh, das tut mir leid!“

„Ein Schmetterlingsbuntfisch“, sagte Fräulein Ogata. „Er war nicht sehr groß und vielleicht auch nichts Besonderes. Aber ich habe ihn geliebt und für seine Schönheit bewundert. Ich bin sehr traurig.“

Hoffmann aß die bestellten Takoyaki. Und nachdem er lange in das Aquarium gestarrt hatte,  ohne dem ruhelosen Treiben größer Beachtung zu schenken, legte er das Geld auf den Tisch, nahm seinen Mantel und verließ das Restaurant.
 
„Ich möchte einen Schmetterlingsbuntfisch“, sagte Hoffmann zu dem Verkäufer mit Blick auf die zahllosen hell strahlenden Aquarien. Der Mann, der einen verwaschenen hellgrünen Kittel trug, sah ihn freundlich an und sagte: „Sie meinen wahrscheinlich einen Schmetterlingsbuntbarsch?“

„Ja, genau“, sagte Hoffmann.

Sie gingen in einen angrenzenden Raum, wo der Verkäufer vor einem größeren, auf einem braunen Rollwagen stehenden Becken innehielt, in dem eine Reihe kaum zehn Zentimeter großer Fische schwamm, über deren vordere Körperhälften sich jeweils schwarzglänzende Streifen zogen.

„Mikrogeophagus ramirezi“, sagte der Verkäufer. „Kommt aus dem Orinoco-Delta. Nichts für Anfänger.“

„Ah ja“, sagte Hoffmann, beugte sich interessiert nach vorn und besah sich die Fische etwas genauer. Silbrig hin und her huschende Schatten, die, sobald sie sich ins Licht drehten, bunt aufleuchteten. 

„Ich nehme einen von denen“, sagte Hoffmann und verließ den Laden wenige Minuten später mit einem prall mit Wasser gefüllten und zu einer Kugel aufgeblasenen Klarsichtbeutel. Immer wieder warf er einen prüfenden Blick auf den kleinen Buntbarsch darin.

In einem ihrer ersten Gespräche hatte Fräulein Ogata Hoffmann von ihrer in Tokio lebenden älteren Schwester Megumi erzählt, einer Seiyu, auf die alle in der Familie sehr stolz seien. Auf Hoffmans Frage, was denn eine Seiyu sei, hatte Herr Nishi, der seine kleine Küche verlassen und ihr Gespräch offenbar belauscht hatte, gesagt: „Eine Schauspielerin, die im Fernsehen anderen ihre Stimme leiht.“

„Sie meinen eine Synchronsprecherin“, hatte Hoffmann ergänzt.

„So ist es“, hatte Fräulein Ogata gesagt und lächelnd genickt. „Megumi ist in Japan eine Berühmtheit. Sie ist der Stolz unserer Familie. Eine wunderbare Person. Alle lieben sie.“

Hoffmann musste, während er ging, daran denken, wie stolz Fräulein Ogata ausgesehen hatte, als sie über ihre Schwester gesprochen hatte. Es hatte ihm imponiert, wie selbstverständlich sie sich am Erfolg ihrer Schwester freuen konnte. Ohne jede Spur von Neid oder Missgunst. Im Gegenteil. Sie schien vielmehr für ihr eigenes Leben Kraft daraus zu schöpfen. Wer konnte so etwas hierzulande schon von sich sagen? Dass er neidlos Kraft aus dem Erfolg eines anderen bezog. Ein Heiliger allenfalls. Oder einer, der den Verstand verloren hatte.

Hoffmann blickte wieder auf den Barsch in dem Beutel, der darin haltlos hin und her wogte. Irgendwo hatte er gelesen, dass  asiatische Restaurantbetreiber, die bereit waren, Schutzgelder an die japanische Mafia zu zahlen, dies damit zum Ausdruck brachten, dass sie Aquarien in ihren Restaurants aufstellten. Doch Hoffmann konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Herr Nishi, wenn auch gegen seinen Willen, mit der japanische Mafia Geschäfte machte. Herr Nishi ein Handlanger der Yakuza, der mit seinen Zahlungen deren Existenz indirekt bejahte? Unvorstellbar!

Hoffmann bog in die Straße ab, in der sich Herrn Nishis kleines Restaurant befand. Kaum hatte er die Eingangstür geöffnet, wich er auch schon zurück, und der mit Wasser gefüllte Beutel pendelte an seiner Hand langsam aus. Wie seinerzeit die auf Stojan Vitina gerichtete Kalaschnikow des Serben.

Fräulein Ogata stand auf Zehenspitzen neben dem Aquarium,und hatte einem jungen, deutlich größeren Asiaten beide Arme um den Hals gelegt. Ihr Kopf ruhte schutzsuchend an seiner Brust. Die Augen hielt sie mit einem Lächeln geschlossen. Langsam drehten sich beide im Kreis.

Hoffmann warf einen Blick auf den Barsch, löste seine Finger von dem Griff der Tür, die langsam zuklappte, und lief davon.

Als er Stunden später in seiner Wohnung auf der Couch saß, den zerdrückten Klarsichtbeutel aus der Zoohandlung neben sich, während der Buntbarsch mit dem Bauch nach oben in der halb mit Wasser gefüllten, vor ihm auf dem Tisch stehenden Glasschale trieb, dachte er, dass es wichtig sei, Freunde zu haben. Oder eine Schwester wie das wunderbare Fräulein Megumi. Jemanden, dem gegenüber man sich öffnen konnte. Das konnte auch ein Hund sein. Nur kein Fisch. Fische lächelten nicht und starben viel zu schnell.
[…]

Der neue Roman von Peter Henning: „Leichtes Beben” erscheint Ende August 2011 im Aufbau Verlag, Berlin

Peter Henning

erstellt am 13.5.2011