Von den schönen Dingen des Lebens und ihren Mühen

Ich liebe Schaufensterbummel

Von Shirin Kumm

Schöne Dinge stimmen mich froh, auch wenn ich sie mir nicht leisten kann. Oder ich kann sie mir leisten, denke aber, es muss nicht sein. Mit anderen Worten, ich bin vernünftig. Nicht immer. Dann und wann verliebe ich mich in etwas und das Gefühl lässt mich nicht los, ich muss dieses Objekt meiner Begierde besitzen, koste es, was es wolle.

Sonst bin ich tot unglücklich, geradezu unausstehlich und versinke in eine scheinbar unheilbare Melancholie. Es wird plötzlich zu einer
existenziellen Frage, kauf oder stirb.

Und ich kaufe.

Denn ich will nicht sterben, noch habe ich Freude am Leben und noch
gibt es eine Menge schöner Dinge in Schaufenstern dieser Welt.
Das Paradoxe ist, dass niemand diese schönen Dinge bewundern kann, ich lade niemanden in meine Wohnung ein. Also, diese schönen Dinge
bewundert niemand außer mir. Zuweilen kommen mir leise Zweifel, denn
es könnte auch sein, dass niemand außer mir sie schön findet.
Alfons sieht sie zwangsläufig. Seine Kommentare ignoriere ich aber lieber.

Es war nicht immer so. Am Anfang gab es deswegen Beziehungskrisen.
Dieser Stuhl von Boris Siebeck zum Beispiel, in den ich mich Hals über Kopf verliebte und alles daran setzte, ihn zu besitzen.
Ich schlendere in der Einkaufszone einer hübschen Universitätsstadt in Südhessen und denke an nichts Böses. Urplötzlich bleibt mein Blick an einem märchenhaften Objekt im Schaufenster eines noblen Möbelgeschäfts hängen. Es ist eine Fee in Gestalt eines Stuhls. Sie ist mit einem hellen, glänzenden, kurvenreichen Rock aus Ahorn bekleidet, der sorgfältig über ihre auberginefarbenen Beine fällt, ihre Arme schwingen nach vorne und zeichnen magische Pirouetten in der Luft.

Sie ruft nach mir.

Ich stehe regungslos da und traue meinen Augen und Ohren nicht. Ich
höre sie förmlich, wie sie mich auffordert: Nimm mich.
Wer schon ruft einem heutzutage noch nach, nimm mich?
Also, ich nehme sie.

Zu teuer für mein Portemonnaie, kein Problem, es wird ab jetzt nur
noch gespart. Kein Auto zum Transport, kein Problem, wozu hat man zwei Hände?

Schon am Telefon schwärme ich Alfons die Ohren voll.
Ob der Stuhl auch bequem sei, will er wissen.
Bequem? Darauf hatte ich gar nicht geachtet, wer denkt an Bequemlichkeit, wenn so ein Fabelwesen im Raum steht?
Als ich ihm am Wochenende voller Stolz mein Juwel zeige, zwischen allen IKEA-Möbeln und Entrümplungsstücken glänzend, bemerkt er spöttisch, er gleiche mehr einer kühnen Erfindung für eine orthopädische Klinik.

Jenes Wochenende verbrachte ich alleine.
Mit der Zeit langweilten mich die immer häufiger werdenden einsamen
Wochenenden, und ich beschloss, seine Kommentare einfach zu
ignorieren.

Hin und wieder stehe ich aber vor meinem Stuhl und muss zugeben, dass er tatsächlich einem orthopädischen Stuhl nicht unähnlich ist. Dann ärgere ich mich um so mehr darüber, dass er dies zwar auf den ersten Blick wahrnimmt, ihm aber die märchenhafte Schönheit des Objekts gänzlich verborgen bleibt.

In solchen Augenblicken plane ich wieder einige einsame Wochenenden.

Shirin Kumm

erstellt am 08.8.2010