Nach 1945 stand er auf einer alliierten Liste gesuchter Kriegsverbrecher. Während der Nazijahre hatte Claus Peter Volkmann die Laufbahn des Verwaltungsjuristen im besetzten Polen eingeschlagen. Unter dem Namen Peter Grubbe brachte es Volkmann in den Nachkriegsjahrzehnten zum sogenannten ´linksliberalen` Reporter beim „Stern“. Johannes Winter rekonstruiert Volkmanns Lebensweg.

Der Fall Claus-Peter Volkmann alias Peter Grubbe

Vom Nazi-Beamten zum »Stern«-Reporter

1. La Begude – Blaue Stunde auf der Terrasse

Wie eine glühende Scheibe glitt die Sonne dem Horizont entgegen, hinterließ dem Himmel einen allmählich verglimmenden Saum. Das Rhone-Tal dampfte unter den Schwaden eines Atomkraftwerkes. Schwalben sausten sirrend um den Donjon des mittelalterlichen Bergdorfes – auf der verschatteten Terrasse zwei Herren beim Rosé. Peter Grubbe, Stern-Reporter aus Hamburg, gab den Gastgeber. Am Tisch mit Ernest Jouhy; der Pädagoge aus Frankfurt leitete ein deutsch-französisches Bildungs- und Begegnungszentrum, das er im Dorf gegründet hatte. Auch er schätzte die Köstlichkeiten des Südens.

Sie waren Jahrgang 1913, sie waren Nachbarn in La Begude de Mazenc in der oberen Provence. Mit höchst unterschiedlichen Biografien.

Es mag ein Abend in den siebziger Jahren gewesen sein, als die beiden zusahen, wie der Tag verging. Grubbe mit seinem Inkognito. Denn er bewahrte ein Geheimnis: Während der Nazijahre hatte er als (gebürtiger) Claus Peter Volkmann die Laufbahn des Verwaltungsjuristen im besetzten Polen eingeschlagen. Im galizischen Städtchen Kolomea südlich von Lemberg amtierte er als Kreishauptmann/ Landrat, während in seinem Amtsbereich SS-Kommandos die jüdische Bevölkerung an Gruben trieben, um sie nackt hineinzuschießen.

Nach 1945 stand er auf einer alliierten Liste gesuchter Kriegsverbrecher. Guter Rat war teuer. Ein neuer Name nicht. Er nannte ihn sein „Pseudonym“.

Ernest Jouhy, Spross der jüdischen Berliner Familie Jablonski, war, noch jugendlich, der KPD beigetreten. Floh 1933 vor den Nazis nach Frankreich, wurde in Paris Aktivist der Résistance. Verschrieb sich, mit Französisch klingendem Tarnnamen, der Rettung jüdischer Kinder. Nach Kriegsende behielt er ihn bei, kehrte nach Deutschland zurück und arbeitete als Lehrer an der Odenwaldschule, bevor er an der Frankfurter Universität einen Pädagogik-Lehrstuhl übernahm.

Unbekannt, worüber der einstige Nazi-Gegner und der ehemalige NS-Beamte beim Aperitif auf der Terrasse sich austauschten.

Grubbe war Volkmanns Alter Ego, er schrieb, so camoufliert, auch im „Merian“, über sein Feriendorf. Schwelgte von der Provence – „es riecht nach Ginster und Fenchel und Lavendel“ –, verkitschte das Dorfleben zum „Spiel vom Schatzsucher und vom Hausbauer“. Erwähnte auch, ohne dessen Namen zu nennen, Ernest Jouhy, aus dem er „einen ehemaligen Buchhändler, den die Nazis vertrieben hatten“, machte. Der hingebungsvoll dabei gewesen sei, „aus alten Steinen eine Außentreppe zu seiner Terrasse“ zu bauen.

Der ehemalige Kreishauptmann hatte es, als sich die beiden in der provençalischen Abendsonne gegenübersaßen, zum sogenannten ´linksliberalen` Reporter beim „Stern“ gebracht, zum Buch- und Fernseh-Autor. War prominent geworden, stand in makellosem Licht – vom Dritten Reich zur Dritten Welt. Seine postfaschistische Leidenschaft, in zahllosen Beiträgen ausgelebt, galt den Armen und Unterdrückten, für die er sich nicht nur publizistisch einsetzte.

Ernest Jouhy starb in den achtziger Jahren. Sein Bildungs- und Begegnungszentrum hat ihn überlebt, es existiert noch heute.

Die große Aufregung in La Begude erlebte er nicht mehr. 50 Jahre nach Kriegsende platzte eine Entlarvung in die Idylle: Grubbes Volkmann-Identität wurde aufgedeckt, durch eine Recherche der taz. Seine Vergangenheit holte ihn ein. Der Pensionär blieb dabei, er sei „kein Mörder“ gewesen. „Ich bin mit mir im Reinen“, sagte er dem „Spiegel“ und nahm Zuflucht zu einer sophistisch klingenden Notlüge, deren ebenso schlichte wie schamlose Logik immer noch verblüfft: „Von meiner Tätigkeit im Generalgouvernement habe ich in Deutschland nur sehr wenigen Leuten etwas erzählt – weil mich nie jemand gefragt hat.“

Die Nachbarn in La Begude, wo Grubbe seiner Vorliebe für französische Lebensart nachgegangen war, kamen sich betrogen vor. Der Pensionär verschwand; und mit ihm die Idee, in seinem Ferienhaus eine „Trinkstube für heiße Sommerabende“ einzurichten. Im hohen Alter starb er in seinem Haus an der Ostsee.

2. Krakau – Begegnung auf dem Schloss

Claus Peter Volkmanns berufliche Laufbahn hatte im besetzten Polen begonnen. Dort, wo Hans Frank residierte, der oberste NS-Funktionsträger, Amtsbezeichnung „Generalgouverneur/GG“. Dessen jüngster Sohn Niklas, nach seiner Kindheit befragt, weiß noch, wie er sich als kleiner Junge in den riesigen Räumen und Fluren des Königsschlosses in Krakau austoben durfte, auf dem Wawel, dem Schloss der polnischen Könige, Anfang der vierziger Jahre.

Zu jener Zeit hatte der italienische Schriftsteller Curzio Malaparte in seiner Eigenschaft als Kriegsberichterstatter Niklas´ Vater, dem Generalgouverneur – Selbstbild: „Deutscher König von Polen“ – einen Besuch abgestattet. In seinem Roman „Kaputt“ erzählt Malaparte, mit der Haltung des Reporters kokettierend, von einem der üblichen Festgelage, einem Gala-Dinner, das ihm vorgekommen sei, als befände er sich an einem italienischen Renaissance-Hof: der GG-Hofstaat beim Prassen, im Zentrum dessen, was im zeitgenössischen Berlin „Franks Reich“ genannt wurde oder auch „Gangster-Gau“. Livrierte Kellner servierten, auf der Speisekarte frisch erlegtes Wildschwein. Auch Malaparte trug ziemlich ´dick` auf:

„Frank saß vor mir, auf einem Sessel mit hoher starrer Lehne, als säße er auf dem Thron der Jagel-lonen und Sobieskis. Die Haut des Gesichtes war mit einem leichten Schleier von Schweiß bedeckt – das Licht der großen holländischen Leuchter und der silbernen Kandelaber längs der Tafel, das sich in böhmischem Kristall und Meißener Porzellan widerspiegelte, ließ das Gesicht wie von einer Zellophanmaske verschleiert erscheinen…

Die ganze gewaltige Masse des Wawel, den ich vor zwanzig Jahren in königlicher Nacktheit gesehen hatte, war jetzt, vom Keller bis hinauf zur höchsten Turmspitze, mit Möbeln überfüllt, die aus den Palästen des polnischen Adels gestohlen worden oder Frucht der wohlüberlegten Raubzüge waren, welche die Kommissionen der Antiquare und Kunstsachverständigen aus München, Berlin, Wien, die den deutschen Heeren durch Europa folgten, in Frankreich, Belgien, Holland durchgeführt hatten. Grelles Licht entströmte den großen Kronleuchtern, prallte ab an den mit leuchtender Lederfüllung bekleideten Wänden, an den Porträts von Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und anderer Größen.“ Dem Knaben Niklas mag der Zugang zum Saal verwehrt geblieben sein. Wohl aber war Brigitte Frank anwesend, seine Mutter, gleich ihrem Mann Inbegriff exzessiver Habgier, die selbsternannte „Deutsche Königin von Polen“. Niklas Frank hat jedem seiner Eltern lange nach ihrer beider Tod ein Buch-Porträt gewidmet, in dem er sich auf so drastische wie schonungslose Weise an ihnen abarbeitet. Einer in der Runde auf dem Wawel durfte nicht fehlen: Hans Franks Staatssekretär Dr. Josef Bühler, zuständig für die praktische Regierungsarbeit im Generalgouvernement, wo der Massenmord an den europäischen Juden vollzogen wurde. Der promovierte Jurist Bühler sollte sich wenig später auf der Wannsee-Konferenz (20.1.1942), die den „Gesamtplan“ für die sog. „Endlösung“ verabschiedete, als Vertreter des GG in herausgehobener Rolle zu Wort melden. Laut Protokoll bekundete er, „daß das GG es begrüßen würde, wenn mit der Endlösung … im GG begonnen würde“ – in den Vernichtungslagern Treblinka, Sobibor, Majdanek und Belzec. Bühler wurde 1948 an Polen ausgeliefert und gehenkt.

Malaparte hatte den Staatssekretär offenbar vor Augen, als er ihn in seiner „engsitzenden grauen Uniform und mit den roten Armbinden mit schwarzem Hakenkreuz“ an Franks Tafel platzierte, ganz der Lakai des „Königs“, der am Kopfende thronte.

Bühler war es auch, dem in seinem Amtssitz ein persönlicher Referent zur Hand ging. Der junge Mann, Jurist, hatte sich in den Vorkriegsjahren in diversen Organen und Gruppierungen der Nazi-Partei bewährt und für Höheres empfohlen. Ein Ehrgeizling, schon als Student die Karriere des Juristen im Visier, engagierter Nazi, der sich, frisch examiniert, umgehend von einem seiner Göttinger Dozenten, einem SS-Hauptsturmführer, an das Besatzungsregime in Polen vermitteln ließ. Sein Name: Claus Peter Volkmann.

Krakau wurde seine erste Station im GG (ab Nov. 1939), sozusagen seine Praktikumsstelle, ehe er – Karrieresprung – als jüngster Kreishauptmann mit 26 Jahren begann, in Städten wie Radzyn, Kolomea oder Lowicz die zivile Besatzungs-Verwaltung zu leiten. Morast und Kälte, Blut und Tod des Landser-Lebens im Schützengraben hatte er die Bequemlichkeit einer nicht-militärischen Laufbahn vorgezogen. Ein „kleiner König“, dem Willkür und Selbstherrlichkeit zupaß kamen.

Ist es vorstellbar, dass sich damals in den Fluren des Wawel die Spuren des Knaben N. und des Referenten V., dass sich in der Krakauer Königsburg die Wege von Tretroller und Aktenmappe gekreuzt haben?

3. Galizien – Unter Kameraden in Kolomea

Volkmanns Jahre im Generalgouvernement, im Schatten des Krieges, einschließlich einer Unterbrechung bei der Wehrmacht – wie funktionierte der Assessor in einer Mittel-Behörde, die den Massenmord flankierte? Im Juni 1941 war die Wehrmacht in der Sowjetunion eingefallen. Der – im deutschen Jargon – Russlandfeldzug begann. In jenen Tagen besuchte der Jurist Gerhard von Jordan im besetzten Galizien (heute: Westukraine) den Studienfreund Claus Peter Volkmann. Der hatte in Kolomea für ein Jahr das Amt des Kreishauptmannes (Landrat, russisch ´Starost`) inne. War der oberste Verantwortliche eines Landkreises, ein Herrenmensch mit Sendungsbewusstsein, über alles Geschehen bestens unterrichtet. Ließ Anordnungen aushängen, die mit seiner Unterschrift versehen waren, wie der über das „Tragen des Judensterns – ab sofort“.

In seiner Schrift „Polnische Jahre“ – ein seltenes Dokument – schwelgt Freund Jordan noch vierzig Jahre später vom angenehmen Leben im besetzten Galizien, gemeinsam mit dem Kumpel namens „Klaus Pollmann“:

„Ich fand das Leben hier draußen faszinierend. Wir lebten sehr angenehm. Es gab mehr zu essen und zu trinken als im Reich. Es gab polnische Bedienstete, Autos, Pferde. Wir ritten auf zwei köstlichen Araberstuten, die im benachbarten Gestüt standen, und jagten mit dem Grafen Potocki. Die Sauen, die wir eigentlich schießen wollten, waren nicht da, aber wir jagten Enten und Schnepfen.“

Umstandslos machte Volkmann seinen Freund Jordan zum Kreislandwirt und zu seinem Stellvertreter. Man schätzte Stil, der einen abhob, ging Reiten, man ging auf Reisen, am liebsten in die Distrikthauptstadt Lemberg, wo sich Amtskollegen gern zum Plaudern und Schmausen trafen. Zum engeren Freundeskreis zählten bald auch Mogens von Harbou, der Kreishauptmann von Tarnopol, und Franz Josef Schöningh, dessen Vize.

In der Nachbarschaft von Kolomea entdeckten die Freunde Jordan und Volkmann ein Gebirge. Am Rande der Karpaten fiel ihr Blick, den mitgebrachten Rasse-Vorstellungen gemäß, auf einen „besonders sympathischen Volksstamm“, die Huzulen, deren „Begabung für Kunsthandwerk“ mit Kolonialherrenblick wahrgenommen wurde. „Kirchgang war ein zauberhafter Anblick.“ Für Jordan unvergesslich: der Anblick „gewalkter Wollhosen und Lammfellwesten“.

Man ließ sich Brot und Salz zur Begrüßung kredenzen und bezog im nahen Kurort Kosów ein “zauberhaftes“ Wochenendhaus, wo Jordan, Pollmann=Volkmann und dessen Frau Ada gerne „in einfachen huzulischen Pelzwesten“ herumliefen (und sich dabei knipsen ließen). Im Schrank hing die grün-graue Uniform des NS-Amtsträgers, der für die Umsetzung der „Endlösung“ seinen Beitrag lieferte, in „Verbundenheit mit den Einheimischen“, den Huzulen, welchen nahe gebracht wurde, worum es den arischen Amtsträgern ging: sich am Mord an den jüdischen Nachbarn zu beteiligen.

In seinen „Polnischen Jahren“ ist Jordan eines Tages auf der Jagd. Er wird Augenzeuge einer „Judenaktion“. Verschweigt sie nicht: „Ich jagte bei Kosów auf Krähen und hörte Schüsse in einem nahe-gelegenen Steinbruch. Da liefen weit entfernt Menschen klein wie Mäuse. Schüsse knallten, deren Schützen ich nicht sah. Menschen warfen sich hin oder fielen. Jetzt waren die Deutschen am Werk.“ Auch Jagdgenosse Volkmann, der ihn begleitet, versteht sich aufs Schießen. Dass er mit seiner Pistole eigenhändig zwei „renitente“ jüdische Dorfbewohner umgebracht habe, wie sich Zeugen später erinnern, bestreitet er hartnäckig. Dementiert auch, jemanden durch Peitschenhiebe, Fußtritte, Ohrfeigen oder Backpfeifen misshandelt zu haben.

Klaubte später nochmal in seinen Erinnerungen und wurde fündig. Sagte wortwörtlich, er habe die Erschießung – in Begleitung von Jordan und anders als der – nicht beobachten können, denn es sei „schon dunkel“ gewesen, er habe sie „nur gehört“. Im Übrigen habe er den Eindruck gehabt, „als würde auf mich geschossen“ – ein Schauder, den sich der Augenzeuge fünfzig Jahre später von seiner Phantasie geborgt hatte.

Seinen Verdiensten „auf dem Gebiete der Ernteerfassung wie auch bei der Erfassung von Arbeitskräften“ – Stichworte: Raub und Menschenjagd – verdankte der Kreishauptmann ein „Verdienstkreuz“. Wichtigster Teil seiner Arbeit war indessen die logistische Hilfe für den Holocaust. Sie bewirkte, dass vor Ort wurden während seiner Ära 20.000 Menschen ermordet wurden. Laut dem Simon-Wiesenthal-Zentrum „die höchste Zahl ermordeter Juden in einer Stadt Europas“.

Volkmanns „Weisungsbefugnis“ führte zur Errichtung des Ghettos von Kolomea. Unter seinen Augen wurden 40.000 Menschen eingepfercht, um sie der Spirale von Zwangsarbeit, Typhus, Verhungern und Erschießungen preiszugeben; mit dem Kalkül, die dann noch Lebenden ins nächstgelegene Vernichtungslager Belzec zu deportieren.

Volkmanns, des willfährigen Vollstreckers galizische Karriere aber bekam einen Knick. Es war seine geradezu hemmungslose Raffgier, die Freund Jordan auch noch später nicht umhinkonnte, bei ihm dingfest zu machen, in seinen Worten „Großmannssucht“. Knud von Harbou, Sohn des Kreishauptmannes von Tarnopol und selbst lange Jahre SZ-Redakteur, hat über einen der SZ-Gründer geforscht, über Franz Josef Schöningh, den ehemaligen Kreishauptmann-Vize seines Vaters.

Bei seinen Recherchen stieß Harbou auch auf Volkmann. Er entdeckte Dokumente, aus denen sich ergab, warum dessen Laufbahn im Osten einen Rückschlag erlitt. Der Kreishauptmann, so Harbou, sei „wegen offenkundiger Kleptomanie im Amt“ in Kolomea entlassen und der Wehrmacht überstellt worden.  Ein Überlebender erinnerte sich später, bei Volkmann „Marmeladengläser voll Schmuck aus jüdischem Besitz“ – neben einem Schrank mit Pelzen für die Dame des Hauses – bemerkt zu haben.

Bereicherung per „Kontribution“ durch Erpressung: ein goldenes Zigarettenetui, eine silberne Zuckerdose oder eine Nerzstola gegen drei Tage „Rückstellung unter Androhung der Todesstrafe“. Wie der Herr so ´s Gescherr – siehe Hans Frank, der da Vincis „Dame mit dem Hermelin“ aus einem polnischen Museum rauben, auf den Wawel und schließlich, wie sich Sohn Niklas erinnert, auf den Bauernhof am Chiemsee schaffen ließ.

Nach einem Jahr war die Zeit beim „Kommiss“ überstanden, teils in Dux bei Teplice/Böhmen, teils im Lazarett in Dresden (Selbstauskunft: „Nierenentzündung“). Volkmann verließ die Wehrmacht, als, wie er es später nannte, „kleiner Gefreiter“ – auch sein alleroberster Chef schmückte sich gern mit diesem Titel. Von höchster Bedeutung aber war der Entlassungsschein, auf dem das begehrte „Frontdienstuntauglich“ vermerkt war.

Im Mai 1943 meldete er sich dienstfähig und ging zurück in die Besatzungswelt des GG. An seinem neuen Einsatzort Lowicz ordnete er „Durchkämmungsaktionen“ an und ließ „arbeitsfähige Elemente“, die „sich herumtreiben“, in das eigens eingerichtete Zwangsarbeitslager Malsziyce verschleppen. Unermüdlich dazu beitragend, dass alles „Minderwertige“ seiner Bestimmung zugeführt wurde, bis zum letzten Tag der Besatzung.

Der Entlassungsschein sollte ihm nach Kriegsende wertvolle Dienste erweisen. Ermöglichte er ihm doch, seine „Verwendung in Polen“ im Fragebogen für die Anhörung vor der Spruchkammer zu verschweigen. Galizien hatte er damit aus seiner Biografie entfernt, die Jahre als Kreishauptmann aus-radiert.

Gemessen an Heinrich Himmlers, des obersten SS-Führers berüchtigter Posener Rede, in der dieser einerseits „das moralische Recht, dieses Volk (der Juden) umzubringen“ für SS und Helfershelfer reklamierte, und andererseits in einem Atemzug fortfuhr: „Wir haben aber nicht das Recht, uns auch nur mit einem Pelz, mit einer Uhr, mit einer Mark oder Zigarette zu bereichern“ – gemessen daran hat Claus Peter Volkmann in seiner von Habgier, Bereicherungssucht und Korruptheit geprägten Praxis als Kreishauptmann noch nicht einmal Himmlers pervertiertem Ideal einer ´anständigen` SS entsprochen.

4. Tübingen – Kumpane fürs Überleben

Kreishauptleute waren NS-Amtsträger gewesen, hinter denen nicht nur die Alliierten her waren. Auch in Polen war das Interesse, ihrer habhaft zu werden, ausgeprägt. So sollte Knud von Harbous Vater Mogens, ehemaliger Amtskollege Volkmanns in Tarnopol, nach Warschau ausgeliefert werden. Dem kam der zuvor und brachte sich um: Nazi-Karrieristen fühlten sich, je nach Gusto, in Lebens- oder in Todesgefahr. Was Jahre lang für „Untermenschen“ in Volkmanns Amtsbezirk Gewissheit gewesen war, stand ihm nun vor Augen.

Indes war die Situation für einstige Täter bzw. Mittäter nur ungemütlich. Sie wussten sich zu helfen. Es winkten die Vorteile von Geborgenheit, von Vertrauen, wie der Kreishauptmann sie im GG unter seinen Amtskollegen kennengelernt hatte – ein Vorgeschmack darauf, dass die Ehemaligen sich auch künftig auf ihre guten Dienste, vulgo Amtshilfe, verlassen konnten.

Volkmann also ging mit Frau und Tochter auf die Flucht, zurück ins Reich, und fand einen ersten Unterschlupf auf dem Harbou´schen Landgut in Thüringen. Begann, Verbindungen zu knüpfen. Beschrieb das Anwesen in einem Artikel für die SZ. Eifrig wurde gegeben und genommen, teils konspirativ, teils kollegial ging es im Dunstkreis des Münchener Blattes zu. Samt gesellschaftlichem Leben auf benachbarten Jagdhütten im oberbayrischen Bernried.

Aus „ein paar Fäden“ (Jordan) wurde das Netzwerk der Kumpanei, die Hängematte der Unterstützung geknüpft. Sie hielt und begann sich mit einer Vielzahl von Entlastungserklärungen – unnachahmlich: Persilscheine – zu bewähren. Nach dem Prinzip der Drei Affen. Tipps für das Auftreten vor Spruchkammern, gegen drohende Auslieferungsgesuche wurden ausgetauscht. Adressen gegeben, Ratschläge, wie man all dem entgehen, wie man sich ins Ausland absetzen könnte. Ein Reinwaschkartell auf Gegenseitigkeit. Offizielle Bezeichnung: „Freundeskreis der ehemaligen Beamten des GG“. Effizienz war sein Markenzeichen beim Errichten und Instandhalten der ´Mauer des Schweigens und Leugnens`.

Ein Beispiel für den Korpsgeist: Georg von Jordan, Kumpel aus GG-Zeiten, quittierte Volkmann 1948 in einer eidesstattlichen Erklärung „seine Lauterkeit und Aufrichtigkeit“. Er sei „ein gutes Beispiel abendländischer Gesittung, seine Tätigkeit für die einheimische Bevölkerung segensreich“ gewesen. Und fügte an, der Mord an der jüdischen Bevölkerung von Kolomea, der Mord an den Juden von Kosów, mithin der Mord an jedem zweiten Einwohner – den zu erwähnen er nicht umhin kam – sei „seiner (Volkmanns) amtlichen Tätigkeit völlig entzogen“ gewesen. – Der Mann war für diesen Teil seiner Biografie lebenslang der Unwahrheit verpflichtet.

Irgendwann hatte Peter Grubbe den Claus Peter Volkmann abgestreift, ihn mit ziemlichem Aufwand recycelt und hinter sich gelassen. Nicht einfach, wenn man Kreishauptmann im Dienst eines Mörderregimes war, der als Kriegsverbrecher gesucht wurde. Zumal es lebensgefährlich gewesen wäre, von den Alliierten dingfest gemacht und an das Land seiner vierjährigen Tätigkeit ausgeliefert zu werden. Das konnte am Galgen enden. Man musste gewitzt sein, findig, um den allfälligen Nachforschungen der Spruchkammern zu entgehen. Den berühmten Fragebogen galt es, mit Geschick auszufüllen. Volkmann war ein allseitig aktiver Volksgenosse gewesen, der sich, als die Niederlage des Nazi-Reiches feststand, zügig daran machte, soviel Aufwand wie möglich zu betreiben, bis der braune Pelz gewaschen war, ohne dass der Träger nass geworden wäre. Es war nicht nur seine Methode. Etliche der früheren Kollegen im „Generalgouvernement“ verfuhren ähnlich. Die Kumpanei der Ehemaligen in der Nachkriegszeit war erstaunlich, sie war unübersehbar, sie war Alltag. Sie bot Vorteile.

Ihre meist erfolgreiche Suche nach gehobenen Jobs zeigte: auch und gerade bewährte Nazi-Kader kamen unter, auch und gerade in Zeitungshäusern. Wenn nicht in der FAZ, dann bei der Welt, der Süddeutschen, bei der ZEIT, beim Spiegel. Mit Lizenzen der Alliierten gegründet, boten Printmedien als Auffangstationen für Nazi-Aktivisten beste Bedingungen, eine neue Karriere zu starten. Ob das Vorbild des Vaters Erich Otto Volkmann, der, ursprünglich preußischer Generalstabsoffizier, in den dreißiger Jahren ein bekannter Autor militaristischer Schriften wurde, darunter eines Bestsellers über „Drückebergerei“ im 1. Weltkrieg, ob dies für den Sohn der Anstoß für seine zweite, für die Publizisten-Laufbahn war?

Die Nachkriegszeit, geprägt von Hunger, Schwarzmarkt und ´Beziehungen`, als Vorschule der bundesdeutschen Nation: sich durchschlagen, um auf die sichere Seite zu gelangen. Mit List und Tücke, mit Leugnen und Lügen, bei Grubbe noch eine Prise Kaltschnäuzigkeit. Ein falsches Geburtsdatum durfte nicht fehlen. Getrieben von der Angst, es könne ihm ergehen wie seinem ehemaligen Büro-Chef Dr. Bühler. Gelang aber der Sprung in die Schublade ´Mitläufer`, wie Volkmann ihn hinbekam, war das Ärgste überstanden. Man besorgte sich eine lebenswichtige „carte d´ identité“ der französischen Besatzer. Diverse Begegnungen mit amerikanischen Vernehmungs-Offizieren ließen es gleichwohl ratsam erscheinen, nicht nur den Ort zu wechseln, sondern das Land zu verlassen. Zumal es bei den Kriegsverbrecher-Prozessen in Nürnberg juristisch zur Sache ging. Volkmanns ehemaliger oberster Chef Hans Frank wurde gehenkt; so erging es auch seinem Krakauer Vorgesetzten Joseph Bühler (in Polen) und ebenso dem verantwortlichen SS-Offizier aus seinem unmittelbaren Umfeld in Kolomea mit Namen Leideritz.

Umso dringender war es geboten, einen Pass fürs Ausland zu ergattern. Auf dem Schwarzmarkt. Die Ausreise nach England – Grubbe nannte sich später stolz ´erster westdeutscher Korrespondent mit Akkreditierung` – wurde zum Indiz für das Raffinement, mit dem er zu Werke ging. Eine Schwester in London als Adresse angeben zu können, steigerte die Chance des Neuanfangs erheblich. Dass Peter Grubbe es hinbekam, in der englischen Hauptstadt eine jüdische Emigrantin, eine Überlebende des Holocaust zu heiraten, hatte indes etwas Beklemmendes.

5. London – Korrespondent als Jongleur

Die Weltstadt an der Themse wurde zum rettenden Ufer, zehn Jahre lang. Claus Peter Volkmann arbeitete zunächst für die FAZ. Als Korrespondent unter dem Namen „Peter Grubbe“. Ob der Eine oder der Andere – er war der Prototyp des Karrieristen, dem nicht der Aufstieg innerhalb einer Hierarchie am Herzen lag, sondern das – freizügige – Dasein des gut dotierten Autors. Zumal er über Tugenden verfügte, die Kontinuität sicherten wie Ehrgeiz und Hingabe, Gewissenhaftigkeit, Disziplin und Effizienz, Selbstverleugnung und Selbstaufopferung – für eine „höhere Sache“. Über den 8. Mai 1945 hinweg.

Unter der Bedingung, schweigen zu können. Die geschätzte Tugend jener Jahre, mit der er sich in bester Gesellschaft befand, bei der schweigenden Mehrheit.

Denn in Volkmanns Personalakte, geführt im Reichsinnenministerium, abgelegt im Bundesarchiv, war eine beachtliche Liste seiner Mitgliedschaften, Zugehörigkeiten, Funktionen und Engagements nachzulesen:

seit 1.12. 1930 Mitglied der Hitlerjugend, seit 1.5. 1933 Parteigenosse, auch Blockwart, seit 1.11.1933 Mitglied der SS; nicht zu vergessen den NSRB/Nationalsozialistischer Rechtswahrerbund sowie den BDO/Bund deutscher Osten, Hochschulgruppe München, die völkische Speerspitze für die Eroberung Osteuropas auf der Grundlage eines Herrenmenschentums, das für „Untermenschen“ wie Juden, Russen, Polen keine Existenzberechtigung vorsah. In leitender Funktion. Hatte sich Claus Peter Volkmann als „völkischer Idealist“ gesehen, oder war er nur ein „kühler Schnösel“ (P. Sloterdijk)? Der junge Mann gehörte jedenfalls einer Generation an, von der viele die Chance einer Karriere auf NS-Ticket mit Begeisterung ergriffen. Sloterdijk: „Die wurden später Kampfflieger oder Systemjuristen, noch später Demokraten.“

Im März 1950 beschert der Londoner Korrespondent den Lesern der FAZ ein Kleinod in Gestalt einer Theater-Rezension, Überschrift: „´Nazis` auf der Bühne“. Die Lektüre bietet einen beinah atemberaubenden Drahtseilakt. Wir sehen dem Nachkriegsautor Peter Grubbe zu beim Jonglieren mit dem Nazi Claus Peter Volkmann, mit der eigenen Vergangenheit. Seine Ideale, die er sich als junger Mann angeeignet hat, von denen er noch immer zehrt, kommen ihm dabei nicht in die Quere, im Gegenteil, sie bringen ihn voran, denn sie sind im Zeitgeist zuhause.

Es tritt auf „Der ehemalige Nationalsozialist, dem es gelungen ist, unterzutauchen, sich verborgen zu halten, und der heute unter falschem Namen und mit falschen Papieren irgendwo ein ´zweites Leben` führt“ – so der Rezensent wörtlich über die Titelfigur des Stückes. Das ist für den mit mehr als einer Prise Chuzpe ausgestatteten Volkmann-Grubbe „ein lockendes Thema“. Doch lägen „diese Ereignisse“ – unbenannt, wie in jenen Jahren üblich – „zeitlich noch zu nahe, um ein objektives Urteil zu ermöglichen, und die Gefahr einer Verzerrung (sei) auch für den Gutwilligen groß.“ – Mit welch galanter Geschwätzigkeit sich einer die Verbrechen der jüngsten Vergangenheit vom Halse zu halten vermochte!

Das Stück „Der Leopard“ von Dorothy Lang kommt bei Grubbe denn auch nicht gut weg. Der Autorin werden etliche „Ausfälle“ vorgeworfen – ohne dass ein einziger zum Beleg vorgeführt wird. Sie verfalle, so Grubbe, „der Schablone und der politischen Doktrin“.

Überhaupt enthalte das Stück „eine Unzahl seltsam wirrer und törichter Reden über Deutschland, den Führer, das Hakenkreuz und andere Dinge, wie ein SS-Führer sie heute (i. e. 1950!) wohl nicht mehr halten würde“. Ein erstaunlicher Satz.

Ohne es zu bemerken, verfängt sich Grubbe in seiner Vergangenheit. Die ihm gebietet, einen „SS-Führer“, immerhin Mitglied der in Nürnberg geächteten staatlichen Verbrecherbande, umstandslos zum Zeugen anzurufen. Zum Zeugen gegen die Autorin, der er vorwirft – man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen -, eine „blutarme, nur auf dem Papier erdachte Figur“ auf die Bühne gebracht zu haben. Wie wohl ein gemäß Volkmann-Grubbe „politisch korrekt“ dargestellter SS-Mann aus-gesehen hätte?

Dorothy Lang hätte beim Schreiben ihres Stückes, so will Peter Grubbe offenbar seinen Lesern in Nachkriegs-Deutschland sagen, gefälligst den NS-Intimus Claus Peter Volkmann zu Rate ziehen sollen. Der, sein Alter Ego, hätte ihr sicherlich geraten, „die Gestalt des fanatischen, zu Wotan betenden und das Horst-Wessel-Lied singenden Nazis möge endlich einmal von der englischen Bühne verschwinden“.

Grubbe übersah, dass „Der Leopard“ des Titels eine Anleihe beim englischen Sprichwort „the leopard cannot change its spots“ war – der Leopard kann seine Flecken nicht in Streifen verwandeln. Da war ihm für einen Moment die Tarnkappe verrutscht, so dass er beim Tanz auf dem Seil des Londoner Bedford-Theaters ins Straucheln geriet.

Später, beim „Stern“, wird er sich vor dem heiklen NS-Thema hüten. Schreibt über menschenwürdiges Altern, wirft sich hellsichtig auf die Dritte Welt, ein modisches Thema, unverfänglich, geht ganz im Fremden auf, das ihm ermöglicht, der eigenen Geschichte aus dem Weg zu gehen. Das Uneingestandene, das er in sich trägt, unter der Decke zu halten. Er macht sich das eindeutig Gute zunutze, sein Gewissen scheint sich zu rühren, er müht sich, etwas gegen seine Vergangenheit in die Waagschale zu werfen. Grubbe mit seinem Riecher für attraktive und unverdächtige Themen. Hunger und Elend anzuprangern, erregte bei den Lesern Gefühle, es zeugte von Menschenfreundlichkeit. Hilfsaktionen wie die für Blinde in Bangladesch brachten Pluspunkte und Aufstieg in der Skala öffentlicher Anerkennung. Nicht zuletzt: Solches Engagement stärkte das Image verdachtsfreier Integrität.

6. Hamburg – ein Gespräch über „verweigerte Schuld“

Anfang der sechziger Jahre war es gewesen, als Grubbe nach Deutschland zurückkehrte, er ging nach Hamburg. Ende der sechziger Jahre fand die bundesdeutsche Justiz – hier das Landgericht Darmstadt – schließlich Gelegenheit, die Vorermittlungen gegen Volkmann einzustellen, ihn „außer Verfolgung“ zu setzen. Unerkannt war Grubbe, während nebenan in Frankfurt der Auschwitz-Prozess geführt wurde, mehrfach von Hamburg zu Vernehmungen ins Hessische gefahren, um vor der Staatsanwaltschaft ´Volkmanns Geschichten` auszubreiten.

Ein halbes Jahr vorher, im Mai 1968 (!), hatte der Bundestag – von der Öffentlichkeit unbemerkt – die Verjährung des Tatbestands der “Beihilfe zum Mord“ (betr. Angeklagte in NS-Prozessen) bestätigt. Gleichsam im Verschwiegenen hatte das Parlament das sog. Dreher-Gesetz durchgewinkt, benannt nach Eduard Dreher, einem Justiz-Karrieristen vor wie nach dem 8.5.45.: in der Bundesrepublik hoher Ministerialbeamter im Justizministerium in Bonn, während der NS-Zeit als Staatsanwalt in Innsbruck verantwortlich für zahlreiche Todesurteile. Nutznießer der verschleierten Generalamnestie war nicht nur Dreher selbst; auch der ex-Kreishauptmann profitierte davon.

Großes Aufatmen wehte durch die Reihen der ehemaligen NS-Aktivisten. Für Grubbe war die Luft endgültig rein, die erfolgreiche Verwandlung vom Juristen zum Journalisten scheinbar spurlos vollzogen. Frei von jedem Risiko strafrechtlicher Drangsal, frei von Gewissensbissen lebte Peter Grubbe ein erfolgreiches Leben als Publizist, zwischen der Hamburger Medien-Szene – mit den „Stern“-Kollegen Erich Kuby und Sebastian Haffner Tür an Tür –, dem Zuhause an der Ostsee, Recherche-Reisen in die Dritte Welt, dem Ferienhaus in der Provence pendelnd.

Welcher Zufall aber hatte Regie geführt, daß es ein Menschenalter nach den Tagen auf dem Wawel, dem Königsschloss in Krakau, zu einer Wiederbegegnung in Hamburg kam, flüchtig zwar, aber auf dem gleichen Flur? Auch beim „Stern“ lösten die Generationen einander ab, ein Jüngerer nahm den Platz eines Reporters aus der alten Garde ein. Es war, als hätten die beiden – an einem Jahreswechsel – einander die Klinke in die Hand gegeben. Am selben Arbeitsplatz berührten sich die Wege von Peter Grubbe alias Claus Peter Volkmann und Niklas Frank noch einmal. Der junge Frank bei der Hamburger Illustrierten, die der alte Grubbe am Tag zuvor verlassen hatte.

Eine Begegnung, wie geschaffen, das Geheimnis des Älteren im GG aufzudecken. Redaktionskonferenzen als Gelegenheit, sich ins Gesicht zu sehen. Was für eine Vorstellung, dass Grubbes alter ego Volkmann beim Namen „Frank“ im Bauch seiner Erinnerung ein bedrohliches Rumoren verspürt hätte. Doch nichts dergleichen. Peter G. „rettete“ womöglich seine Pensionierung. Er ging dem Jüngeren, dem Träger des Namens Frank, rechtzeitig aus dem Weg.

Niklas F. dagegen blieb nichtsahnend. Altersunterschied und Mimikry verhinderten jegliche Ahnung, wer der Kollege war.

Dass die DDR-Zeitschrift „Sinn und Form“ ihn als „Kreishauptmann Volkmann“ im GG überführt hatte, wurde in der Bundesrepublik geflissentlich ignoriert. Erst die taz hob (1995) den Deckel über den frühen Jahren des inzwischen alten Mannes.

Kurz vor seinem Tod ließ Peter Grubbe sich von seinem ehemaligen „Stern“-Kollegen Ulrich Völklein zu seiner Tätigkeit im GG, in Galizien vernehmen. Völklein war ein recht unerbittlicher Fragesteller, er ließ sich so leicht nichts vormachen, war gut präpariert, um halbverweste Erinnerungen auszugraben. Grubbe aber hatte es sich hinter seinen Zinnen bequem gemacht. Sein Schutzwall wirkte stabil. So kam es, wie es kommen musste. Kein Durchkommen. Auch mit Mitte Achtzig wahrte der ehemalige Kreishauptmann die Contenance, behielt die Kontrolle über seine Vergangenheit, nutzte sein professionelles Rüstzeug, wußte um jeden juristischen Fallstrick, so dass niemand mit Bestimmtheit hätte sagen können, was bei ihm auszuschließen war.

Wie er sich durch das Gespräch in seinem Haus in Trittau bewegt, illustriert exemplarisch eine Szene des Dialoges. Auf die Frage, warum er nach seinem Jahr bei der Wehrmacht, das nach Volkmanns Version aus dem Bemühen zustande kam, dem mörderischen Einflussbereich der SS in Kolomea zu entgehen – und nicht wegen, so die offizielle Begründung, „exzessiver Korruption“ –, warum er sich zurück ins GG begab, zurück in die Region des Massenmords, sagt Volkmann: „Ich kam als Kreishauptmann nach Lowicz (bei Krakau), dort lebten (im Sommer 1943) keine Juden.“ Und Völklein fühlt sich verpflichtet zu ergänzen: „… es lebten dort keine Juden MEHR.“

Grubbe: wortgewandt, geschickt formulierend bis ins Detail. Er schwieg nicht, sondern redete. Be-zweifelte, was nicht belegbar war. Geschmeidig feilte er am Selbstbild des menschenfreundlichen Anti-Nazi. Smart, würde man heute sagen. Gelang es, etwas von der Schicht darunter freizulegen, tauchte der regimetreue Opportunist auf, der darauf aus war, das Geschehen in Galizien seinem taktischen Verhältnis zum eigenen Gedächtnis unterzuordnen.

„Vielleicht war ich einmal im Ghetto, aber ich habe keine Erinnerung daran/kann ich heute nicht mehr angeben/entsinne ich mich nicht/weiß ich nicht/ist mir nicht bekannt“ – es wirkte wie eingeübt, dieses Sich-raus-Reden, Sich-die-Absolution-erteilen, dieses Sich-Suhlen im „lange her“.

Grubbe verlegte sich aufs Vergessen, wo es ihm opportun erschien. Ausgiebig das Recht derer anwendend, die sich angeklagt fühlen. Hatte Entlegenes parat, wo es ihn freisprach. Ungewollt bestärkte er einen Eindruck: er war ein anderer geworden, und er war derselbe geblieben.

Dass es im Generalgouvernement möglich war, sich menschlich, sogar mutig zu verhalten, belegt die kleine Liste von Rettern mit Zivilcourage: der Manager Berthold Beitz in Boryslaw, die Offiziere Albert Battel und Max Liedtke in Przemysl, der Hauptmann Wilm Hosenfeld („Der Pianist“) in Warschau, der Unternehmer Oskar Schindler („Schindlers Liste“) in Krakau.

Jüngere Forschungen der Zeitgeschichte, gestützt auf die Auswertung von Aktenfunden in polnischen Archiven, lassen eine Besatzungs-Wirklichkeit erkennen, die eng mit den Strukturen des Massenmords verzahnt war. Die Verantwortung der Kreishauptmänner im Vernichtungsprozess wird deutlich. Ihre Tätigkeit im besetzten Polen kann – im Sinne der historischen, das alte Dreher-Gesetz von 1968 geradezu aufhebenden Revisionsentscheidung im Fall des Auschwitz-Buchhalters Oskar Gröning, die der Bundesgerichtshof im November 2016 gefällt hat – nicht anders denn als „Beihilfe zum Mord“ gewertet werden. Auch Claus Peter Volkmann war kein Rädchen im Getriebe, er war ein Rad.

Im Licht dieser Dokumente wurde Grubbes Bemühen um das Bild des hilflosen Saubermanns zunehmend aussichtslos. Je mehr Material, desto düsterer seine Rolle, desto unglaubwürdiger seine Strategie, sich zu verteidigen, sich reinzuwaschen. Empfindungen wie Selbstmitleid jedem Anflug von Schuldbewusstsein vorziehend, blieb er bis zum Ende unfähig, für die Opfer zu empfinden. Was Grubbe zu spüren einräumte, war, „gescheitert“ zu sein.

Kommentare


eva demski - ( 16-02-2017 01:08:33 )
unglaublich gut. danke.

Eva-Maria Mayer - ( 17-02-2017 12:40:03 )
eine unfassbare Biographie - prägnant, beeidruckend dargestellt

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erstellt am 12.2.2017

Demonstration jüdischer Anwohner in München, 10. August 1949.
Demonstration jüdischer Anwohner in München, 10. August 1949. Foto: bpk, Bayerische Staatsbibliothek, Archiv Heinrich Hoffmann