Fromental Halévys „La Juive“ in der Regie von Peter Konwitschny ist an der Straßburger Opéra national du Rhin angelangt. Zuvor war die Oper in Gent und Mannheim zu sehen. Konwitschny inszeniert „La Juive“ nicht als Kostümspektakel, sondern als soziale Struktur, als Folge von Oppositionen, berichtet Thomas Rothschild.

»La Juive« in Strassburg

Oper mit Sprengkraft

Wenn man früher im Sprechtheater von einer Inszenierung sprach, dachte man an die szenische Umsetzung eines Textes durch einen Regisseur mit ganz bestimmten Schauspielern. Zu der berühmten Inszenierung des „Faust“ im Deutschen Schauspielhaus gehörte Gustav Gründgens als Regisseur ebenso zwingend wie Will Quadflieg in der Titelrolle, Gründgens als Mephisto und Elisabeth Flickenschildt als Frau Marthe. Peter Zadeks Wiener „Kaufmann von Venedig“ ist ohne Gert Voss ebenso wenig denkbar wie Peter Steins Version der „Drei Schwestern“ ohne Edith Clever, Jutta Lampe und Corinna Kirchhoff. Wenn die Schauspieler ausfielen, wurde, jedenfalls in Mitteleuropa, auch die Inszenierung aus dem Programm genommen. Das ist nicht überall so. In Russland behält man legendäre Inszenierungen mit verjüngtem Ensemble über Jahrzehnte im Repertoire, und auch Giorgio Strehlers „Diener zweier Herren“ hat seine Darsteller überlebt.

Im Opernbetrieb entspricht es schon lange der Norm, dass eine Inszenierung im Repertoire bleibt, die Rollen aber mit wechselnden Reisestars besetzt werden. Neuerdings geht man den umgekehrten Weg. Koproduktionen großer Theater und finanziell gut ausgestatteter Festivals helfen, die hohen Kosten zu senken. Man zeigt eine Inszenierung an mehreren Häusern, übernimmt das Bühnenbild und ersetzt jeweils die Orchester, die Chöre und die Solisten. So auch bei Fromental Halévys „Jüdin“ in der Regie von Peter Konwitschny. Nachdem sie bereits an der Flämischen Oper in Gent und am Nationaltheater Mannheim zu sehen war, ist sie nun in der Straßburger Opéra national du Rhin angelangt. Von den Sängern wurde lediglich der Genter Éléazar Roberto Saccà übernommen, aber auch der wurde bei den ersten zwei Vorstellungen durch den fabelhaften Roy Cornelius Smith ersetzt.

Eine Folge von Oppositionen

Konwitschny, dieser große Analytiker des Musiktheaters, legt das Skelett von Halévys Meisterwerk über religiöse Intoleranz frei. Er inszeniert es nicht als Kostümspektakel, nicht als Reißer, der es ja auch ist, sondern als soziale Struktur, als Folge von Oppositionen. Da ist der Gegensatz zwischen Juden und Christen, überdeutlich markiert durch blaue und gelbe Hände. Da ist die schon durch die Stimmlagen vorgegebene Opposition zwischen dem zum Täter sich wandelnden Opfer Éléazar und dem zum Opfer werdenden Täter, dem Kardinal Brogni. Und da ist die Opposition zwischen den Solisten und dem Chor, der in schrecklicher Weise die vom Tod bedrohten Juden verspottet. „Das Volk ist ein Minotaurus, der wöchentlich seine Leichen haben muss, wenn er sie nicht auffressen soll.“ („Dantons Tod“)

Dass die Saallichter angehen und sich Schauspieler unter das Publikum begeben, ist im Sprechtheater ein nicht mehr ungewöhnliches Verfahren, um anzudeuten, dass die Bühnenhandlung auch die Zuschauer unmittelbar angeht. In der Oper ist es eher selten. Konwitschny schickt den Chor, dann auch die „Jüdin“ Rachel und ihren vermeintlichen Vater Éléazar zwischen die Stuhlreihen, von wo sie auf die Bühne hinauf gegen ihre Gegner ansingen. Für die Rivalin, die Prinzessin Eudoxie aber, die den gemeinsamen Geliebten Léopold retten will, wird Rachel zur Partnerin: Die beiden Kontrahentinnen waschen ihre Hände in einem Eimer, bis sie nicht mehr durch die blaue und gelbe Färbung unterscheidbar sind, nicht mehr Christin und Jüdin, sondern liebende Frauen.

Diese Symmetrie freilich ist bei Halévy bereits angelegt. Rachel und Eudoxie, in Straßburg auch typmäßig einander ähnlich, sind Soprane, Éléazar und Léopold – an der Opéra national du Rhin eher lyrische als dramatische – Tenöre. Dem Kardinal als einzigem teilt der Komponist die Stimmlage des Basses zu, die traditionell den Bösen kennzeichnet. Er ist es, der am Ende durch die Vergeltung des keineswegs idealisierten und dem Klischee des alttestamentarischen Rächers entsprechenden Éléazar bestraft wird.

Im deutschen Kontext mag man bei der „Jüdin“ von 1835 und dem Libretto von Eugène Scribe an „Nathan der Weise“ denken, beim Schluss auch an Kleists „Michael Kohlhaas“. Konwitschny setzt eine visuelle Chiffre für die Aktualität des Stoffes. In einer stummen Szene verpackt und verschickt der Chor serienweise Sprengstoffladungen. Rachel trägt einen Sprengstoffgürtel unter dem Gewand. Zur Sprengung kommt es nicht. Aber die Oper, wer hätte es gedacht, enthält heute vielleicht mehr Sprengkraft als zur Zeit ihrer Entstehung.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 08.2.2017

„La Juive“, Opéra national du Rhin, Straßburg, Foto: Klara Beck

Oper

La Juive

Von Fromental Halévy
Libretto von Eugène Scribe

Musikalische Leitung Jacques Lacombe
Inszenierung Peter Konwitschny
Bühnenbild und Kostüme Johannes Leiacker

Produktion der Flämischen Oper Antwerpen/Gent und des Nationaltheaters Mannheim

Opéra national du Rhin Straßburg

„La Juive“, Opéra national du Rhin, Straßburg, Foto: Klara Beck