Wohnen im Bungalow

Richard Neutra in Europa

Von Isa Bickmann und Fotos von Peter Loewy

Die Bauform Bungalow erlebt zurzeit eine Renaissance, ob als Neubau oder aus ihrer Hochzeit in den sechziger und siebziger Jahren stammend, diese Häuser sind heute auf dem Immobilienmarkt sehr begehrt. Deckenhohe Fensterfronten, weitläufige, helle Räume vermitteln Großzügigkeit, ihr Äußeres, zumeist unscheinbar und grün bewachsen, verkündet Understatement. Nachteilig erweisen sich die Zusatzkosten beim Erwerb von Häusern dieser Bauweise: Flachdächer müssen in der Regel erneuert und isoliert werden. Doch die in der Regel eingeschossige Bauweise ist ein schlagendes Argument in einer alternden Gesellschaft. Selbst Kellerabgänge sind oft sehr bequem zu begehen.

Der Begriff Bungalow stammt aus dem Anglo-Indischen und beschreibt eine ebenerdige Wohnform. Mit Deutschland scheint diese aufs Engste verbunden, auch wenn ihre Rezeptionsgeschichte noch nicht geschrieben wurde, ist das Land doch seit 1964 bis zum Umzug nach Berlin von einem solchen Gebäude aus regiert worden. Mehr oder weniger, denn mancher Regierungschef fühlte sich im „Bonner Kanzlerbungalow“ hier durchaus nicht wohl. Nur Helmut Kohl hielt es über seine Amtszeit hinweg 16 Jahre dort aus. Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude entstammt einer Zeit, in der es auch darum ging, bei ausländischem Besuch von der Freiheit und Bescheidenheit des Nachkriegsdeutschlands zu künden. Die Bauform empfand man als amerikanisch, sie vermittelte Modernität und Weltoffenheit.

Richard Neutra

So gelang es dem 1892 in Wien geborenen amerikanischen Architekten Richard Neutra, zahlreiche Gebäude im deutschsprachigen Raum zu realisieren. Eine bei DuMont erschienene Publikation, entstanden anlässlich der im Marta Herford und vom Frankfurter Architekturmuseum übernommenen Schau, zeigt sowohl etliche zeitgenössische Fotografien der Projekte, Zeichnungen, Pläne von Neutras Hand und Zeugnisse der Zusammenarbeit mit den Bauherren.

Richard Neutra studierte bei Adolf Loos, arbeitete in Berlin bei Erich Mendelsohn und später nach seiner Auswanderung in die USA 1923 eine kurze Zeit bei Frank Lloyd Wright. Als sein erstes Meisterstück gilt das „Lovell Health House“ in Los Angeles, wichtiges Beispiel für den „International Style“. 1932 wird er mit Mies van der Rohe, Walter Gropius und Le Corbusier an der berühmten Ausstellung „Modern Architecture“ im Museum of Modern Art in New York beteiligt. Neutra baute fortan vor allem Wohnhäuser. Dieser sog. „Kalifornische Stil“ fand große Aufmerksamkeit in Europa. Seine erste Vortragsreise 1948 durch verschiedene europäische Länder wurde ein „Triumphzug“ (Kat. S. 16). Zu seiner Popularität und den nachfolgenden Bauaufträgen verhalf ihm vor allem seine Deutschsprachigkeit und die Arbeit der Amerikahäuser, denen daran gelegen war, „das verführerische[s] Bild einer modernen amerikanischen Lebensweise“ zu vermitteln (ebd.). Es entstehen in der Schweiz, in Deutschland und Frankreich ab Ende der fünfziger Jahre folgende Häuser: die Casa Grelling „Casa Tuia“ in Ascona, Schweiz, das Haus Rang in Königstein, das Haus Rentsch in Wengen, Schweiz, die Häuser Kemper und Pescher in Wuppertal, das Haus Tillmanns-Schmidt in Stettfurt, Schweiz, das Maison Delcourt in Croix, Frankreich, und die Casa Ebelin Bucerius oberhalb von Locarno für den ZEIT-Verleger. Auch zwei Siedlungen in Mörfelden-Walldorf und Quickborn werden verwirklicht. Der Architekt stirbt während einer Vortragsreise beim Besuch des von ihm entworfenen Hauses Kemper 1970 in Wuppertal.

Dem Bedürfnis nach Gemütlichkeit, das sich für die deutschen Kanzler im Bonner Bungalow nicht erfüllte, setzte Richard Neutra eine oft beschriebene Sinnlichkeit entgegen mit einer Lust am Stofflichen der Materialien, Holzverkleidungen und visuellen Elementen wie Wasserflächen („Reflecting Pools“) und Spiegeln. Typisch sind die „Spider Legs“, frei aus dem Gebäude hervorkragende Träger. Für seine Entwürfe studierte er intensiv die Lebensgewohnheiten der künftigen Bewohner und reagierte auf die im Gelände vorhandenen Gebäude und Landschaften. Auch die Akustik von Materialien, z.B. die Tatsache, dass Kinder bevorzugt auf dem Fußboden spielen, wurden in die Planungen mit einbezogen. Unterschiedliche Raumhöhen zeugen vom Erbe Adolf Loos‘. „Biorealismus“ nannte Neutra seine Methode: Ziel war die Versöhnung des Menschen mit der Natur. Energetisch waren und sind die Häuser problematisch, allein aufgrund der großen Fensterflächen. Auch die Dichtigkeit der Flachdächer war nicht völlig kontrollierbar so wie die „Reflecting Pools“ auf Dächern und vorkragenden Bauelementen, die eher für kalifornische Temperaturen als für Gebäude in den Schweizer Bergen geeignet waren und bei Frost für Bauschäden sorgten. Trotz der Begeisterung für sein Haus in Königstein im Taunus hatte Prof. Dr. Martin Rang, damaliger Direktor des Pädagogischen Seminars der Frankfurter Universität und einer der ersten Bauherren eines Neutrabaus in Deutschland, mit dem undichten Flachdach und Bruchsteinmauerwerk zu kämpfen. Auch die großen Glasscheiben ließen Kälte durch, ein Problem, das die Hauseigentümer in der Bewobau-Siedlung in Mörfelden-Walldorf nachträglich zum Einbau von Wärmedämmverglasung veranlasste.
Jene Siedlung, die seit 1991 unter Ensembleschutz steht, unterliegt einem Gartenstadtkonzept. Sie war für den Mittelstand gedacht, verkaufte sich damals sehr schlecht, wie auch die Häuser eines weiteren Siedlungsprojektes in Quickborn. Der Spiegel berichtete in der Ausgabe vom 28.8.1964 unverhohlen kritisch: „Bewobau-Direktor Wilhelm Krüger sinniert: ‚Der Kreis der Menschen, die solche Häuser kaufen, ist doch sehr klein.‘ Tatsächlich sind die Neutra-Wohnstätten nur für finanzkräftige und zugleich ‚Intellektuell anspruchsvolle‘ Kunden (Krüger) interessant. Der fortschrittsfreudige Amerikaner Neutra, der die Arbeit des Architekten als einen ‚Auftrag für morgen‘ sieht, verlangt von westdeutschen Eigenheimern ein ganz neues Wohn-Bewusstsein: Statt weithin sichtbarer Repräsentativ-Villen inmitten ausgedehnter Grundstücke entwarf er eng zueinander geordnete Häuser, die sich auf kleine Wohngärten öffnen.“

Der Schriftsteller Peter Härtling, seit 44 Jahren in einem der Neutrahäuser in Mörfelden-Walldorf wohnend, begründete dem Architekturmagazin A & W in seiner Januarausgabe 2011 gegenüber: „Der Bau bestach meine Frau und mich durch seinen wunderbar strengen Umgang mit Licht und Raum: mit den großen Scheiben zum Garten, den Lichtbändern zur Straße und dem offenen Treppenhaus.“

Das Buch, das alle realisierten und geplanten Projekte Richard Neutras in Europa beschreibt und dokumentiert, sei hier empfohlen. Im Anhang finden sich Aufnahmen des Fotografen Iwan Baan vom aktuellen Zustand der Häuser:
Richard Neutra in Europa.
Klaus Leuschel (Hg.)
240 Seiten, 235 s/w und 79 farbige Abb.
22 × 30,5 cm Hardcover
Buch bestellen

erstellt am 13.5.2011

Das unterschiedliche Wohngefühl in den Neutra-Häusern der Bewobau-Siedlung Mörfelden-Walldorf hielt Peter Loewy mit der Kamera fest. faust-kultur zeigt hier erstmals einige seiner Aufnahmen.

Neutra-Haus, Foto: Peter Loewy
Neutra-Haus, Foto: Peter Loewy
Neutra-Haus, Foto: Peter Loewy
Neutra-Haus, Foto: Peter Loewy
Neutra-Haus, Foto: Peter Loewy
Neutra-Haus, Foto: Peter Loewy
Neutra-Haus, Foto: Peter Loewy
Neutra-Haus, Foto: Peter Loewy