Auf den Frankfurter Litprom-Literaturtagen waren französisch schreibende Autoren eingeladen, denn das diesjährige Thema lautete: „Weltwandeln in französischer Sprache“. Dort nahm u.a. auch der algerische Schriftsteller und Friedenspreisträger Boualem Sansal teil. Petra Kammann wollte von Sansal erfahren, warum er Französisch schreibt und welche Bedeutung die Sprache für ihn selbst hat wie auch für den Maghreb und insbesondere Algerien, das von den ideologischen Sprüngen im 20. Jahrhundert, die es erfahren hat, beeinträchtigt ist.

Gespräch mit Boualem Sansal

Die Sprache – ein Palimpsest?

Petra Kammann: Auf der Tagung erfuhr ich, dass Sie eigens das klassische Hocharabisch studiert haben, um den Koran im Kern zu verstehen. Sie selbst wurden in Algerien französisch erzogen. Die Berbersprache wie auch das Arabische machen also einen Teil Ihres kulturellen Hintergrunds aus. Denken, leben und schreiben Sie nur in einer Sprache?

Boualem Sansal: Nach und nach habe ich die verschiedenen Sprachen für mich entdeckt. Dabei habe ich zunächst einmal lediglich versucht, sie zu verstehen.

Empfinden Sie eine bestimmte Sprache als Ihre Muttersprache? Und wenn ja, ist es das Französische? Es war ja wohl Ihre Mutter, die aus der Stadt stammte, wo man eher Französisch sprach, während Ihr Vater vom Land kam. Die ersten sechs Jahre Ihres Lebens sind Sie bei ihm, bzw. bei den Großeltern aufgewachsen. Da war das Französische, das in den algerischen Städten gesprochen wurde, doch sicher kein „reines“ Französisch?

Meine Brüder und ich, wir haben zunächst einmal mit unseren Großeltern gelernt.

Und was sprachen die: Arabisch oder Berberisch?

Mein Großvater war in dieser Zeit sehr vom Französischen her beeinflusst. Das entsprach einfach seiner Einstellung zum Leben. Er war äußerst begeistert von der europäischen Lebensart, die er in der französischen Kultur und Zivilisation als sehr organisiert empfand. Frankreich stand für ihn insgesamt vor allem für Fortschritt und Modernität.

Algerien wird zu den Maghreb-Ländern gezählt. Aber was genau war denn anders in Algerien als in Marokko oder Tunesien?

Marokko ist tatsächlich ganz anders als Algerien. Es ist eines der ältesten Länder, das – so wie es heute strukturiert ist –, seit weit mehr als 1000 Jahren existiert und natürlich sehr viel älter ist als der französische Staat. Marokko ist im Gegensatz zu Algerien niemals kolonisiert worden. Das Land hatte immer einen König mitsamt Hofstaat und einer zentralen Verwaltung.

Dennoch war es ein Protektorat, in dem Französisch gesprochen wurde.

Nicht einmal das. Nur, als einmal der König im Exil war. Da hat Frankreich das Land verwaltet. Marokko hat immer in seiner eigenen Kultur gelebt.
Es war ein Protektorat, das sich in eine bestimmte Richtung entwickelt und nur auf die neue Situation reagiert hat. Da viele Franzosen in das Land kamen, wurden für diese Franzosen eigens Schulen gebaut. Und bei dieser Gelegenheit wurden dann auch bestimmte Viertel für die Europäer modernisiert. Das fanden die reichen und noblen marokkanischen Familien interessant, weil es ihnen neue Möglichkeiten eröffnete.

Habe ich es richtig verstanden, dass die französische Kultur für die Marokkaner etwas Exotisches hatte?

Das kann man so nicht sagen. Sie haben sich einfach sehr gut überlegt, dass sie ihren Kindern mit dem Französischen und indem sie sie im französischen Umfeld haben aufwachsen lassen, so etwas wie eine Zusatzausbildung ermöglichen konnten. Das war mit keinerlei Zwang verbunden, sondern bot lediglich eine weitere Variation. Aber das blieb eben auch eher an der Oberfläche. Denn außerhalb der Schule blieben die Kinder in ihrem alten und vertrauten Umfeld, das in den verschiedenen Phasen von ganz unterschiedlichen Stämmen beeinflusst war. Einige von ihnen waren fünf Jahrhunderte lang römisch, zwei Jahrhunderte lang byzantinisch, zwei Jahrhunderte lang arabisch, vier Jahrhunderte lang ottomanisch, anderthalb Jahrhunderte dann französisch. Dabei sind die Römer nie dagewesen, die Byzantiner auch nicht, während die Araber dann den Islam und ein bisschen Arabisch mitgebracht haben und schließlich die Franzosen das Französische. Das war in Algerien ganz anders. Das Land existierte schlicht nicht. Man kann vielleicht die Situation mit Amerika vergleichen, bevor die Weißen kamen.
Ich selbst stamme aus einer Region außerhalb von Algier, wo es sehr urban und multikulturell zuging, weil dort diese Völker miteinander lebten: Römer, Byzantiner, Spanier, Ottomanen, Araber, Franzosen, und da herrschte ein sehr modernes Bewusstsein.

So entstand also sprachlich und kulturell in Algerien so etwas wie ein kultureller Palimpsest, ähnlich einer Manuskriptseite, die man immer wieder bereinigte, um sie dann neu beschreiben zu können.

Na ja, es ist tatsächlich wie mit einem Blatt Papier, auf dem man etwas wegradiert, um etwas Neues darüber zu schreiben. Nur unter den Römern war es anders. Da war das Land nämlich keine Kolonie, sondern einfach römisch, weil es zum Imperium Romanum gehörte. Wie gesagt: nicht so Marokko, während Algerien, Tunesien und Libyen römisch und entsprechend romanisiert waren. Da wurde Italienisch gesprochen.

Also fällt es Ihnen deshalb auch leicht, Französisch zu sprechen, weil diese Sprache ja auch auf dem Romanisch-Lateinischen fußt?

Als 1839 die Franzosen kamen, fanden sie ein Algerien vor, das kulturell von den Türken beeinflusst war. Zu dieser Zeit wurde dort Türkisch gesprochen. Entsprechend waren die Algerier auch in Kaftan und Fes gekleidet, und die Gebäude waren im ottomanischen Stil erbaut. Das hat uns immerhin sechs Jahrhunderte lang, also seit dem 14. Jahrhundert beeinflusst. Die Kultur der Berber war verschwunden, außer in den Bergen und im Süden, wohin die Türken nicht gekommen sind.

Und die wiederum haben nichts Schriftliches hinterlassen. Sie waren so eine Art Nomadenstamm?

Nein, Nomaden waren sie nicht. Es waren Bauern im Landesinnern, während am Meer die Fischer lebten. Nur die Berber im Süden sind Nomaden geblieben. Ihr Land ist die Sahara und nicht Algerien. D.h. ihr Gebiet erstreckte sich vom Nil bis zum Atlantik und reichte im Süden bis hin zur Sahel-Zone. Ihr Land ist immerhin zweimal so groß wie Europa. Aber darin leben nur einige Tausend Menschen. Keiner der Kolonisatoren, gleich ob Portugiesen, Spanier oder Römer, ist bis an ihre Grenzen gekommen. Deshalb sind die Berber „rein“ geblieben und fühlen sich sehr frei. Sie waren im Norden geblieben und an der Küste. Als die Muselmanen kamen, haben die sie nicht kolonisiert. Erst als die Franzosen ins Land kamen, geschah etwas, das niemals vorher anvisiert war. Sie haben dem Gebiet Algerien feste Grenzen gegeben und dem Land eine rationelle Administration verpasst, die dann auch gesetzlich festgeschrieben wurde. Da gab es zum ersten Mal so etwas wie ein festgeschriebenes Eigentum. Das war natürlich etwas absolut Modernes.

Sie selbst waren zunächst Maschinenbauingenieur und Berater im algerischen Handelsministerium und ministerieller Generaldirektor in der Industrie.
War es diese moderne Struktur Algeriens, die Sie zunächst gereizt hat, in der Administration, im Ministerium, zu arbeiten?

Nun ja, ich habe zunächst einmal auch eine sehr gute Ausbildung à la française gehabt.
Als ich aufgewachsen bin, gehörte Algerien noch zu Frankreich. Und damals hatten wir die besten Gymnasien. Das große Lycée Bugeaud (heute Lycée Émir Abdel Kader) in Algier, in dem auch Albert Camus war, stand in Frankreich an dritter Stelle und gleich nach dem renommierten Henri IV in Paris. Und aus der Universität von Algier sind verschiedene Nobelpreisträger hervorgegangen. Die Medizinfakultät von Algier war in der ganzen Welt berühmt. Frankreich – das kann man wohl so sagen – hat dieses Land wirklich geliebt und dort auch viel Geld investiert. Algerien war ein außerordentlich prosperierendes Land. Als ich geboren wurde, haben sich die Franzosen auch darum gekümmert, die „Einwohner“ auszubilden.

Meinen Sie die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg?

Es hat schon nach dem Ersten Weltkrieg angefangen. 1920 war L’Etoile nord-africaine die erste algerische Partei. Damals war das Land sehr strukturiert. Die Menschen nahmen an den Wahlen teil. Es gab eine Nationalversammlung mit Deputierten. Frankreich hat gesehen, dass man alles bekam, was man brauchte, um erfolgreich zu sein. Und dann reklamierten die Algerier die Rechte für sich. Der Anspruch lautete: Es sollte nicht mit zweierlei Maßstab gemessen werden. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Prozess noch einmal beschleunigt. Da bildeten sich verschiedene Parteien und eben auch solche, die auf die Unabhängigkeit aus waren. Die Franzosen versuchten dann, sie zu beschwichtigen und sagten ihnen neue Rechte zu. Aber das funktionierte nur in einigen Fällen, vor allem bei denjenigen, die aus großen Familien stammten, während dem gemeinen Volk die Rechte nicht gegeben wurden. Das konnte ich damals noch nicht so genau sehen, weil ich erst acht, neun Jahre alt war. In meinem Dorf, das sehr französisch war, bemerkte man davon nichts. Da sah ich die Rechte der Urbewohner natürlich noch nicht.

Welche Rolle spielten denn damals die „Pieds Noirs“, die Schwarzfüße?

Die „Pieds Noirs“ und die Muselmanen hatten in etwa den selben Lebensstandard, es waren kleine Leute, Bauern, die auch schon mal im Rathaus in der Verwaltung auftauchten, die nur deshalb berühmt waren, weil sie da waren. Erst, als wir aus familiären Gründen zu meiner Mutter nach Algier gezogen sind – die Geschichte, die ich in „La Rue Darwin“ erzähle – trafen wir gleich auf eine historische Situation. Da fand dann ausgerechnet die Schlacht von Algier statt.

Und das war zunächst ein Schock für Sie oder waren Sie wie ein Schwamm, der die neue wundersame Atmosphäre aufsaugte?

Algier war zunächst einmal eine riesige faszinierende Großstadt. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Und die Soldaten! So etwas kannte ich gar nicht. Und dann gab es dort den weltberühmten Garten von Algier, den 300 Hektar großen Botanischen Garten (El-Hamma) mit Zoo und Vergnügungspark. Dahin strömten die Menschen am Wochenende. Da sah ich dann zum ersten Mal in meinem Leben Giraffen und Löwen und ganz seltene und seltsame Pflanzen. Daneben fuhren in der Stadt große Busse herum, es gab eine große Schule und neue Schulkameraden. Aber gleichzeitig herrschte dort auch Krieg.

Haben Sie da auch andere Sprachen als das Französische kennengelernt?

Mit den Kameraden draußen auf der Straße sprach man einfach alle möglichen Sprachen. Die „Pieds Noirs“ waren in der Regel nämlich keine Franzosen. Sie waren nicht aus Frankreich nach Algerien gekommen, lediglich diejenigen, die in der Verwaltung die besseren Positionen hatten. Der Rest waren Spanier, Italiener, Malteser, Portugiesen, Cyprioten, Griechen, Russen, Schweizer, Iren, Bulgaren, sephardische Juden: all die Armen aus Europa waren nach Algerien gekommen, weil die Franzosen sie dazu eingeladen hatten. Da herrschte eine solche Aufbruchsstimmung, die mit der im amerikanischen Wilden Westen vergleichbar ist. Sie hatten den Einwanderern Ländereien und Arbeit versprochen. So kamen Abertausende von armen Leuten. Man hatte ihnen gesagt, dass dort die Misere unter der Sonne leichter zu ertragen wäre. Vor allem hat Frankreich sie auch sofort naturalisiert und ihnen Kredite gegeben, mal eine Kuh, mal ein Stück Land. Wenn sie Schreiner werden wollten, dann hat man ihnen kleine Maschinen zur Verfügung gestellt. So war das Volk der „Pieds Noir“ entstanden. Und plötzlich stand eine kleine Minderheit von alteingesessenen sehr wohlhabenden Familien einer großen Schicht relativ armer Siedler gegenüber. Und es herrschte ein großes Durcheinander und ein Sprachengewirr wie im babylonischen Turm.

Ja klar, aber es war doch auch eine farbig gemischte Multikulti-Gesellschaft. Oder nicht?

Mehr oder weniger. Die verschiedenen Gemeinschaften lebten in ihrem je eigenen Viertel, ein bisschen so wie in New York. Die Franzosen, die sie gerufen hatten, bestanden darauf, dass sie so schnell wie möglich Französisch lernten. Da wurden Kurse organisiert. Die Kinder gingen in die französische Schule. Selbst den Älteren hat man Kurse angeboten. Und wenn sie dem nicht folgen wollten, mussten sie das Land wieder verlassen. Insofern ging es dann sehr schnell mit der Französisierung.

1962 folgte dann nach großen kriegerischen Auseinandersetzungen um eigene Rechte der Kampf und schließlich der Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens.

Da mussten tatsächlich die „Pieds Noirs“ das Land verlassen. Diejenigen, die dablieben, waren französischsprachige Algerier, die schließlich die Macht übernommen haben. Das waren vor allem Ärzte, Ingenieure, Juristen, Verwaltungsspezialisten, Berufsgruppen, die gebraucht wurden.

In gewisser Weise so eine Art Verwaltungselite, die das Land wieder zum Laufen bringen sollte?

Ja, aber dann gab es auch noch die kleinen Leute, die sie erst einmal haben machen lassen. Doch konnte man im Laufe der Zeit feststellten, dass sich die Verwaltungselite immer stärker bereicherte, während die Armen immer ärmer wurden. Und das führte natürlich zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen und Konflikten. Die Bauern schoben die Schuld auf die Städter. Die Islamisten sagten, dass nun nicht mehr die islamischen Gesetze respektiert würden, dass keiner mehr Gott respektiere. Solche Vorurteile entstehen immer dann, wenn die Arbeitslosigkeit groß ist, so findet man immer einen Sündenbock.

Und es entstand so etwas wie ein Aufruhr in der Gesellschaft?

Vor allem war die Korruption auch sehr groß. Und es gab gewaltige kulturelle Unterschiede zwischen Berbern und Arabern, zwischen Religiösen und Atheisten, zwischen Islamisten und Liberalen. Und dann gab es einen Moment, wo wir uns neue Gedanken über die Macht machten. Wir waren der Meinung, dass, wenn man die Unterschiede vereinigen wollte, wir uns Europa annähern müssten, dass man das Französische als Einheitssprache behalten, die Frauen emanzipieren und sie an den Wahlen beteiligen müsste. Aber diese Meinung wurde nicht von allen geteilt.
Manche wollten „das Französische“ unter allen Umständen austreiben. Und die Frau sollte zu Hause bleiben. Und alle sollten islamisiert werden. Und man wollte einen rebellisch-offenen Kommunismus à la Mélenchon einführen. Aber das machte die Sache nicht besser. Und es gab keine vernünftige Antwort. Ich versuchte also, die Situation zu analysieren und stellte meine eigene Diagnose. Aber ich musste einsehen, dass meine Auffassung leider keiner Partei entspricht, und dass die Schriftsteller daher für verrückt gehalten werden. Heute ist die Situation so, dass die Linke keine Kraft mehr hat und die anderen zu konservativ sind. Sie wiederum stehen unter der Knute des großen Kapitals. So gelangt man eben zu assoziativen Lösungen. Insofern habe ich mich persönlich jetzt kleineren Gruppen (associations) angeschlossen. Und da ich auch eine Universitätskarriere hinter mir habe, habe ich mich vor allem da engagiert, wo es um den Fortschritt der Wissenschaft geht, oder aber in ökologischen Gruppen, wo es allerdings auch oft sehr wild und chaotisch zugeht.

Sie selbst haben ja zunächst einmal eine Karriere im Wirtschaftsministerium gemacht und erst mit 50 angefangen zu schreiben. Was war denn der Auslöser?

Soziale Krisen gibt es natürlich überall. Aber bei uns war es wirklich ein Krieg. Die Gruppe der Islamisten wurde plötzlich ganz groß. Und mit ihnen konnte man nicht mehr diskutieren. Es entstanden immer mehr Moscheen.

Wie hat denn das Ganze begonnen? Gab es einen konkreten Auslöser?

Es war genau am 5. Oktober 1988, in dem Viertel, in dem sowohl Camus als auch ich gewohnt hatte, als plötzlich 20, 30 von wem auch immer gesteuerte Jugendliche auf der Bildfläche erschienen und alles auf dem Boulevard zerschlugen, was sich ihnen entgegenstellte. Sie hatten zunächst ihre Wut auf den Handel und Konsum ausgelebt. Dabei waren in dieser Zeit die Läden so leer wie seinerzeit in der Sowjetunion. Es gab einfach nichts zu essen. Dann haben sie das Ministerium und alle öffentlichen Gebäude abgefackelt. Sie haben für alles und jedes den Staat verantwortlich gemacht und alles verbrannt, was zum Staat gehörte. Am Nachmittag hatte sich dieses Wüten in ganz Algier ausgebreitet. Am nächsten Tag haben sie auf die Polizisten geschossen. Und das ist dann auch auf andere Städte übergeschwappt. Schließlich waren einfach alle gegen alle. Da kamen dann aus allen Ecken die Islamisten hervorgekrochen, um ihre „Hilfe“ anzubieten, die da lautete: „Wir sind die Lösung des Problems“. Da bekam die Regierung es mit der Angst zu tun und hat ab dem fünften Tag nachgegeben. Die Hütte brannte in ganz Algerien und kein Ende war in Sicht. Die Armee, die Luftstreitkräfte haben angefangen, auf das Volk zu schießen, damit die Leute nach Hause gehen und sich zu Hause verschanzen. Etliche wurden festgenommen und anschließend gefoltert. Und dann wurde eine sehr mächtige Partei gegründet. Die Regierung wollte Zeit gewinnen und hat ihnen Versprechungen gemacht. Sie haben versucht, die Leute mit Geld zu korrumpieren. Das war natürlich der Anfang einer großen Welle von Gewalt. Viele haben ihre Schlüsse daraus gezogen und sind nach Kanada, nach Australien und auch nach Frankreich emigriert. Und als Australien die Grenzen geschlossen hat, in die USA.

Und Sie wollten in dem Chaos in Algerien bleiben?

Natürlich hatte auch ich Angst. Und ich habe mich mit einer kleinen Gruppe von Intellektuellen zusammengeschlossen, u.a. auch mit einem Freund aus dem Gymnasium, mit dem ich später am Ministerium zusammen gearbeitet habe, mit dem Schriftsteller und Wirtschaftsprofessor Rachid Mimouni. Wir lebten sogar im selben Wohnblock. Dazu kamen auch andere Schriftsteller wie Tahar Djaout. Er gehörte zu den ersten Intellektuellen, die von den Islamisten ermordet wurden. „Wenn du redest, stirbst du. Wenn du nicht redest, stirbst du auch. Also sprich und stirb“, hatte er kurz vor seiner Ermordung formuliert. Wir versuchten zu verstehen, was da vor sich ging und was man dagegen tun könnte. Wir waren eine kleine eingefleischte Gruppe von Rechtsanwälten, Menschenrechtsverteidigern und ein paar großartigen Journalisten. Rachid Mimouni wurde dann bei einem Attentat verletzt. Er floh nach Marokko, dann nach Frankreich. Ich war mit Rachid Mimouni eng befreundet, der mir auch immer gesagt hat: Du musst schreiben!, und es war vermutlich einfach ein Anstoß, ein Auslöser, der nötig war, um diese dieses Vorhaben in Gang zu setzen. So entstand mein erster Roman: „Der Schwur der Barbaren“.

Sie verließen das Ministerium und wurden dann von einem auf den anderen Tag zum Schriftsteller? Geht so etwas? Am Ministerium mussten Sie sicher jede Menge Papiere verfassen. Aber kann man darum auch Romane schreiben?

Jeder kann schreiben, wenn er des Schreibens mächtig ist. Man muss nur anfangen und dann die Geduld aufbringen, um bis zum Ende durchzuhalten. Und dann muss man halt die Sprache auf die Personen zuschneiden. Die Schwierigkeit besteht eher darin, einen Verleger zu finden. Und da habe ich wirklich Glück gehabt, dass Gallimard mein Manuskript sofort akzeptiert hat. Die Übung des Schreibens hatte ich wirklich aus dem Ministerium, wo ich zahlreiche Projekte beschreiben musste. Und ich hatte das Glück, dass wir in unserem Kreis enorm viel gelesen und auch über Literatur gesprochen haben. Und das war schon so bei meiner Mutter und bei meinem Großvater, die einen hohen Sinn für literarische Qualität hatten.

Sehen Sie sich denn auch in der Tradition von Albert Camus, dessen Mutter mit Ihrer Mutter befreundet war und der auch in Ihrem Viertel, in Belcourt lebte, wo Ihr Roman „Rue Darwin“ spielt?

Absolut. Wir haben uns in der gleichen Ausgangslage befunden. Er war ein einfaches Kind aus dem Volk und sein ganzes Leben lang dazu verdammt, sich hochzuarbeiten und das dank eines Lehrers, der ihn gefördert hat. Er war Journalist, hat geschrieben und hat sich perfektioniert. Durch Camus bin ich zum Schriftsteller geworden, weil ich gesehen habe, dass auch das Schweigen ein großes Verbrechen ist. Er hat auf die gleiche Weise ein Drama erlebt im Bürgerkrieg. Er stand zwischen Franzosen und Algeriern.

Entsteht daraus auch die Erfahrung des sich fremd Fühlens, wie es in Camus’ Roman „L’étranger“ zum Ausdruck kommt?

Nach einem Krieg braucht es mehrere Generationen, bis ein Land zu seiner Identität wieder zurückfindet.

Ich meinte die Rimbaud‘sche Erfahrung der Distanz, des „Je est un autre“ – „Ich ist ein anderer“?

Auf jeden Fall. Ich arbeite als Schriftsteller wie ein Wissenschaftler und versuche, das Problem erst einmal gedanklich zu erfassen. Ich stelle mir sehr präzise Fragen und arbeite dann eine Methode aus. Und wenn das Manuskript geschrieben ist, dann überarbeite ich es noch einmal, arbeite poetische oder humorvolle Elemente ein. Natürlich erfinde ich auch ein paar Wörter, um eine Erzählung persönlicher zu gestalten, so wie ich demnächst versuchen werde, meinen neuen Roman „2084“ als Theaterstück umzuarbeiten.

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erstellt am 05.2.2017

Boualem Sansal, Foto: Petra Kammann
Boualem Sansal, Foto: Petra Kammann

Der algerische Schriftsteller und Friedenspreisträger Boualem Sansal hat seinen neuen Roman „2084 – Das Ende der Welt“ – wie seine anderen Bücher auch – auf Französisch geschrieben. Darin zeichnet er, ähnlich wie George Orwell in seinem Roman „1984“, eine düstere Dystopie. Dabei geht es um ein neues Land namens Abistan, das von einer religiösen Diktatur beherrscht wird, wo der Hass im Land auf die Demokratie groß ist, die Bevölkerung militarisiert und bespitzelt wird. Hier sollen alle eine neue Sprache erlernen, das „Neusprech“ („Abilang“), während die frühere Sprache ausgemerzt wird. Geschildert wird eine Gewaltherrschaft mit Helden- und Führerkult.

Boualem Sansal
2084. Das Ende der Welt
Roman
Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky
Gebunden, 280 Seiten
ISBN-13: 9783875363210
Merlin Verlag, Gifkendorf-Vastorf 2016

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Weitere Veröffentlichungen

Der Schwur der Barbaren
Roman. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe, Merlin Verlag, Vastorf 2010

Rue Darwin
Roman. Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Merlin Verlag, Vastorf 2012

Maghreb – eine kleine Weltgeschichte
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe, Berlin University Press

Boualem Sansal, Foto: Petra Kammann
Boualem Sansal, Foto: Petra Kammann