Der Stuttgarter Ballettintendant Reid Anderson pflegt den Wechsel von abendfüllenden Handlungsballetten mit gemischten Ballettabenden. Bei letzteren liebt er es, Neuzugänge ins Repertoire mit der Wiederaufnahme von Erfolgsstücken zu kombinieren. Der jüngste Ballettabend stand unter dem Motto „Verführung“, berichtet Thomas Rothschild.

Ballett

Krückstock des Narrativen

Reid Anderson pflegt den Wechsel von abendfüllenden Handlungsballetten mit gemischten Ballettabenden, und er liebt es bei letzteren, Neuzugänge ins Repertoire des Stuttgarter Balletts mit der Wiederaufnahme von Erfolgsstücken aus der Vergangenheit zu kombinieren. Bei der jüngsten Premiere setzte er Maurice Béjarts „Bolero“, der in Stuttgart seit 1984 regelmäßig für Jubel sorgt, mit dem ebenfalls auf Begeisterung abonnierten Friedemann Vogel als Solisten ans Ende. Nun sorgt die Betitelung eines Ballettabends dafür, dass man auch abstrakte Ballette als Handlungsballette interpretiert. Diesmal sollte das Stichwort „Verführung!“ Publikum und Kritik auf die thematische Fährte locken. Aber ist damit etwas gewonnen, was dem Ballett gerecht würde? Ist diese Suggestion, im Zusammenhang mit dem „Bolero“, nicht ein Pleonasmus? Ist Tanz nicht per se Verführung? Immer schon, und über den „Bolero“ hinaus? Man muss nicht erst an Salome denken. Wozu dieser Krückstock des Narrativen? Warum ordnet man Béjarts suggestives Tanzstück nicht unter der formalen Kategorie „Crescendo“ ein oder unter „Repetition“? Hat es nicht mehr mit Steve Reich oder mit Thomas Bernhard zu tun als mit „Cyrano de Bergerac“?

Voraus gingen dem Béjart-Klassiker die Stuttgarter Erstaufführung einer musikalisch mit Zutaten von Nitin Sawhney erweiterten Version von Debussys „Prélude à l‘après-midi d‘un faune“ von dem zurzeit hoch gehandelten belgischen Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui, die Deutsche Erstaufführung von Marco Goeckes „Le Spectre de la Rose“ und Katarzyna Kozielskas „Dark Glow“. Cherkaouis Duett vor dem konventionellen Hintergrund eines gemalten, mit Nebel aufgefüllten Waldes erschöpft sich in Romantizismen, die die Konturen verwischen und in starkem, nicht unbedingt vorteilhaftem Kontrast stehen zu den strengen Linien und den raumfüllenden Konstruktionen der sie umgebenden Ballette von Kozielska und Goecke.

„Dark Glow“ © Stuttgarter Ballett

„Dark Glow“ bildet mit seinem Wechselspiel von Solistin – Alicia Amatriain –, Paar – Elisa Badenes und Constantine Allen – und zweiteiligem Corps de ballet eine ideale Synthese mit der faszinierenden Auftragskomposition von Gabriel Prokofiev, einer Fusion aus Orchestermusik und Elektronik. Hat die Ballettmusik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts entscheidenden Einfluss gehabt auf die gerade sich entwickelnde Filmmusik, so steht die zeitgenössischen Ballettmusik unüberhörbar unter dem Diktat der Filmmusik. Katarzyna Kozielska aber lässt sich nicht zu einem filmischen Hybrid verleiten, sondern liefert, mit Reminiszenzen an das klassische Ballett, hochmodernes Tanztheater in einem fast puristischen Verständnis. Als Ergänzung zu den Tänzern reicht ihr eine mit Scheinwerfern bestückte rechteckige Platte, die sich langsam schräg von oben auf die Gesichter neigt (Licht: Damiano Pettenella). Ein Effekt, der nicht bloß Effekt bleibt, sondern den Körpern im Raum Plastizität verleiht. Mit Katarzyna Kozielska hat das Stuttgarter Ballett (wieder einmal) aus den eigenen Reihen eine erstklassige Choreographin hervorgebracht. Es fällt nicht schwer, ihr eine Karriere vorauszusagen, wie sie andere aus diesem „Stall“ bereits beschritten haben.

Marcus Goecke wiederum bleibt seinem Personalstil der raschen zitternden oder flatternden Bewegungen, insbesondere der Hände, treu, dem er immer neue Reize abgewinnt. Dafür benötigt er nicht einmal Musik. Es dauert eine ganze Weile, ehe Carl Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“ erklingt, und es endet nicht, wenn die Musik verstummt. Man könnte Goecke den Herbert Fritsch des Balletts nennen. Wie dieser holt er sich beim Stummfilm Anregungen, wie dieser operiert er mit Komik, wie dieser verdonnert er die Akteure auf einer leeren, fast dunklen Bühne zu Haltungen und Bewegungen, die der Logik der Anatomie zu widersprechen scheinen. Und wie sich in Ravels und Béjarts „Bolero“ eine Phrase in Variationen wiederholt, so wiederholen sich in Goeckes Gesamtwerk tanztheatrale Verfahren, die mit dem „Schwanensee“ kaum noch etwas gemein haben. Sehr zur Freude derer, die ohne „Giselle“ auskommen können. Dabei ist „Le Spectre de la Rose“ ein „Remake“, eine Art Kontrafaktur eines mehr als hundert Jahre alten Balletts von Michail Fokin, allerdings in der Sprache unserer Zeit. Nur noch Zitate erinnern an das berühmte Original. Und keiner ruft nach Texttreue. Glückliches Tanztheater.

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erstellt am 05.2.2017

Friedemann Vogel in „Bolero“ © Stuttgarter Ballett

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Verführung!

Choreographien von Katarzyna Kozielska, Sidi Larbi Cherkaoui, Marco Goecke und Marurice Béjart

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