30.04.2017 - Wie soll das gehen?

Das Unmögliche möglich machen – wie oft hören wir diese Formel, wenn scheinbar aussichtslose Situationen wieder gewendet werden, so dass sie eine Perspektive bekommen. Dabei ist der Satz logisch unsinnig, viel törichter als die strukturgleiche… weiterlesen

29.04.2017 - Der Einfachheit halber

Der Künstler von morgen wird in der Musik, der Malerei, aber auch in der Politik, in Wirtschaft, Sport oder Gesellschaft wirken: als ein Mensch, dessen Talent sich in der Fähigkeit zeigt, eine wachsend überkomplexe Welt… weiterlesen

28.04.2017 - Riskiertes Leben

Was ein Gespräch genannt zu werden verdient, hat mit dem, was für gewöhnlich „Kommunikation“ heißt, schon deswegen wenig zu tun, weil sich in ihm zwei Menschen so aufeinander einlassen, dass sie riskieren, ihr Leben ändern… weiterlesen

27.04.2017 - Da ist was faul

„Ich denke nicht mehr, als ich muss“, sagt der eine. „Und ich handele nicht mehr als nötig“, meint der andere. Eine Weile sitzen sie stumm am Tisch. Der eine äußert sich nicht, der andere tut… weiterlesen

26.04.2017 - Der Diminutiv

„Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Paar und einem Pärchen?“, fragt sie unvermittelt. „Das ist doch nicht dasselbe wie bei Bär und Bärchen. Oder?“ Er überlegt kurz. „Das Bärchen hast du genascht; das Pärchen hat… weiterlesen

25.04.2017 - Einmaleins des Wissens

Nicht die Idee, aber der Respekt vor ihr ist, was eine Erneuerung nachwirkend zu entzünden vermag. Ein Gedanke besteht seine Realitätsprobe in dem Maße, wie hinter ihm ein Vielfaches an Einsichten sich versteckt hält, das in… weiterlesen

24.04.2017 - Philosophie der Liebe

Verliebtheit: das ästhetische Verhältnis zur Liebe. Die Begeisterung darüber, dass sich die Liebe zur Liebe als Liebe zu einem Menschen leben lässt. Treue: das logische Verhältnis zur Liebe. Die Einsicht, dass nicht zwingend lebensverändernde Konsequenzen… weiterlesen

23.04.2017 - Ich habe keine Angst vor der Zukunft

Anthropologisch, nicht psychologisch, ist der Satz Unsinn: Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Psychologisch, nicht anthropologisch, lässt sich auch anderes denken als: Eine Zukunft haben bedeutet, vor ihr Angst zu haben.

22.04.2017 - Gewiss, gewiss

Das Gift, von dem unsere Gesellschaft schleichend gelähmt wird, ist der fortdauernde Verlust von Gewissheiten.

21.04.2017 - Formel für die Tagesform

Zum Erfolg gehört essentiell, dass er nicht folgerichtig erklärt werden kann (obwohl es das Wort selber nahelegt). Wo Stimmungen, Lust- oder Unlustgefühle, Tagesformen ihren Einfluss maßgeblich ausüben, durchkreuzen sie den Versuch, aus erbrachten Leistungen ein Ergebnis… weiterlesen

20.04.2017 - Politisches Fieberthermometer

Der zuverlässigste Gradmesser für die Präsenz des politischen Populismus ist die Zahl der Vorurteile, die es braucht, um etwas Wahres über die Zeit zu sagen.

19.04.2017 - Take it easy

Grundgesetz für glückliche Gemeinschaften: der Einstieg muss um ein Vielfaches schwerer sein als der Ausstieg (und nicht umgekehrt). Um die Aufnahme wird streng verhandelt; der Abschied wird schlicht erklärt.

18.04.2017 - Postskriptum zu Ostern

Nachtrag zu Ostern: In den Geschichten wird der Auferstandene stets mit den durchbohrten Händen, den Verletzungen durch die Kreuzigung vorgestellt. Um die Identität des einen zu bezeichnen, der lebt, obwohl er starb? Vielleicht ist die… weiterlesen

17.04.2017 - Jahre, ins Land gegangen

Eine der wichtigsten Enttäuschungen fortgeschrittener Jahre ist die Entdeckung, dass der Jungbrunnen nicht allzu tief ist. Dennoch hält er für jede Daseinsphase unterschiedliche Altersformen diskret bereit. Dass der gut Sechzigjährige sich zuweilen mit einem verwechselt,… weiterlesen

16.04.2017 - Ja

Jedes „Ja“, das wir einander zusprechen, bezieht sich auf anderes: die Frage, zu der es die Antwort sein will, ein „Nein“, das zuvor gesprochen wurde, auf all das, was es ausschließt, indem es sich der… weiterlesen

15.04.2017 - Künstliche Intelligenz

Erregt von einem kurz aufgeflammten Konflikt schreibt er schnell eine Nachricht an sein Gegenüber, das ihn mal wieder nicht versteht. Zum Schluss noch die Pointe, mit der er seinem Ärger Luft machen und die seiner Sache die Krone… weiterlesen

14.04.2017 - Das Wort vom Kreuz

Es ist die paradoxe Aufgabe der Deutung, die Erinnerung an ein Geschehen in dem Maße genau aufrecht zu erhalten, wie es durch dessen Interpretation den Fakten die Fähigkeit zuschreibt, zur Botschaft zu werden.

13.04.2017 - Passionszeit

Es gibt keinen größeren Verzicht als den auf sich selbst. Theologisch: Weil der Schöpfer als uneingeschränkt Handelnder einstimmt, zum Erlöser zu werden durch vorbehaltloses Leiden, wird dem Tun das Mandat entzogen, irgendetwas beitragen zu können zur Vollendung… weiterlesen

12.04.2017 - Bällebad

Dass im Bällebad des Kinderparadieses von Kaufhäusern die Kleinen darauf warten, abgeholt zu werden, vernimmt der Besucher des Geschäfts gelegentlich über die eindringliche Stimme aus dem Lautsprecher. Nun, kurz vor dem christlichen Hauptfest, tönt es ähnlich… weiterlesen

11.04.2017 - Nicht nötig

Die Überzeugung, es nicht nötig zu haben, zeichnet den Snob aus. Im Unterschied zur gepflegten Eitelkeit als einer Kunstform, ist der heutige Snobismus meist nur noch schnöselig. Ihm fehlt es an vielem, an Selbstgefälligkeit, an… weiterlesen

10.04.2017 - Rückbau

Der Wunsch, dem Haus mit alten Materialien, gebeilten Eichenbalken, Rosettengarnituren aus dem Historismus oder handbemalten Wandkacheln samt nachgebautem Alkoven, seine frühere Anmutung zurückzugeben hat etwas vom Romanschreiben: Es wird eine Geschichte erzählt, die es so… weiterlesen

09.04.2017 - Vernichtungsstrategie

Bevor man die zerstörerischen Absichten des Hasses herausstreicht, gilt es, sein schöpferisches Talent nicht zu unterschlagen, das im Phantasiereichtum und der Kaltschnäuzigkeit des strategisches Geschicks dem kreativen Kopf in nichts nachsteht.

08.04.2017 - Finanz-Hypochonder

Unter den Vermögenden existiert nicht selten ein Typus wehklagender Geldgeber, denen stets jene letzte Summe fehlt, die aus ihrem Engagement eine zwar riskante, aber auch vielversprechend starke Beteiligung werden lässt. Halbherzig sind sie mit Gleichgesinnten kaum… weiterlesen

07.04.2017 - Fluchttiere

Man muss den Einfall fangen. Sonst entflieht er so plötzlich, wie er gekommen ist. Was könnte ein Hirn erinnern, das ja nicht ausgefallen ist, sondern nur nicht schnell genug gewesen, die Idee festzuhalten? Solchen Geistesblitzen… weiterlesen

erstellt am 03.2.2017

Kolumne

NOTIZEN von Jürgen Werner

In der Kolumne NOTIZEN schreibt der Philosoph Jürgen Werner täglich Gedankensplitter nieder, nicht auf Papier, aber in seinem Blog. Faust-Kultur gibt sie regelmäßig in Auszügen wieder. Die Kurzform ist die Kunst derer, die keine Zeit haben. Aber auch das Maß der Verdichtung, das ein Gedanke oder eine Beobachtung verträgt. So mag sich später entscheiden, ob der rasch skizzierte Satz nach einer Auslegung verlangt, die beiläufige Bemerkung vertieft werden will. Notizen sind unentschlossen. Am meisten faszinieren sie, wenn der Zufallsfund genau konstruiert ist und die knappe Art aussieht, als sei alles gesagt. Von Jürgen Werner ist jüngst im Frankfurter Verlag tertium datur das Buch »Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens« erschienen, ein Band, der mit erhellenden Reflexionen und aphoristischen Pointen dem Selbstverstehen des Menschen den Weg bereitet. (Texte © Jürgen Werner)