André Hellers neuer Roman erzählt von Julian, einem „fleißigen Taugenichts“ im Nachkriegsösterreich, den es in den Süden zieht. Peter Strasser hat „Das Buch vom Süden“ kritisch gelesen, nicht ohne die Kultur der Heller-Claqueure zu würdigen. Das Buch hat sich, laut Verlagsangabe, bereits mehr als fünfundsiebzigtausendmal verkauft.

André Hellers »Buch vom Süden«

Feine Sehnsuchtsmischung

Kürzlich beschrieb mir ein Freund, ausgewiesener Kenner der schönen Literatur, wie es war, als André Heller eine Lesung aus seinem „Buch vom Süden“ gab. Heller kam direkt von Marrakesch, braungebrannt, mit kurzer Zwischenstation – ja wo? Im Caféhaus natürlich, wo eine handverlesene Runde dem urwienerischen Weltenkind Heller lauschte. Ergebnis: „Das Schönbrunner-Deutsch lebt! Er kann unglaublich viele ausgestorbene oder überhaupt nie gelebt habende Wörter verwenden und zu einem Glockenspiel zusammenfügen, das einen an die Getreidegasse gemahnt. Er kann einen schwindlig machen mit seiner Akrobat-schön-Literatur aus Bonmots. Das ist literarisches Varieté …“

Jetzt war ich, der Rezensent ante portas, auf das Beste eingestimmt. Ich liebe das literarische Varieté. Bevor ich mich in die Lektüre stürzte, um an Hellers Glockenspiel teilzuhaben, informierte ich mich anhand des Klappentextes, worauf ich handlungsmäßig gespannt sein durfte: Julian, der Protagonist, ist ein „fleißiger Taugenichts“. Nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, wächst er als Sohn des stellvertretenden Direktors des Wiener Naturhistorischen Museums auf, im Dachgeschoss des Schlosses Schönbrunn (wo sonst?), um vom „Süden“ zu träumen: „Erst in der Villa Piazzoli am Gardasee scheint er zur Ruhe zu kommen und begegnet den Frauen seines Lebens. Und doch zieht es ihn wieder weiter …“

Wirklich bündig lässt sich nicht sagen, worum es in Hellers Wortorchideendschungelprosa, die vor lauter Geschichtenerzählerseligkeit überquillt, eigentlich geht. Das mag mit einer Eigenschaft Julians zusammenhängen, über welche sich die Mama gelegentlich ihre Gedanken macht: „Der Julian aber ist aus Molekülen der Ferne gebaut.“ Julian seinerseits erkennt recht bald, „dass das Leben nicht langweilig ist“, vor allem, seit er zum Geburtstag vom Vater eine Prachtmuschel erhielt, ein sogenanntes Tritonshorn. Fortan lebt er „in dem Glück, zuhause von der Stimme der Ozeane nie weiter als ein paar Schritte und eine Handbewegung entfernt zu sein.“ Das klingt vielversprechend, leider bleibt Julian dann, im Laufe der „mäandernden“ Erzählung, ein Schemen, Produkt einer verblasenen literarischen Sehnsucht.

Dafür sprudeln unzählige Passagen im „Buch vom Süden“ wie das Kracherl, das bei Heller nicht fehlen darf. Über Hermann Görings offenes Hosentürl wird berichtet – ich habe keine Ahnung, warum –, er hätte es ruhig zumachen können, weil: „Ein Toter braucht ka Luft.“ Kaum hat man sich von dieser Pointe über Görings Gemächt erholt, erfährt man – es ist ein wahres Hops und Plops der anekdotischen Kuriositäten –, dass der Diakon Zacherl, Gott hab ihn selig, der „ausgschaut hat wie ein Gruftspion“ und immer um den Kardinal Innitzer „herumwurlte“, dem selbigen während eines Requiems den Messwein in die Augen spritzte, und zwar wegen der „Schnackerln“, die ihn wieder einmal plagten.

Dazwischen gestreut sind die Lebensweisheiten des Grafen Eltz, der schwach, sehr schwach an den legendären Rittmeister Freiherrn von Eulenfeld erinnert. Unter Eltzens Wortspenden finden sich Plattheiten, die ein verantwortungsbewusster Lektor wohl weggestrichen hätte: „Manchmal geschieht auch in Österreich das Richtige, aber leider fast immer unabsichtlich.“ Hier fällt Heller hinter sein Kracherl-Niveau zurück, das die Geschmacksknospen des Connaisseurs der k. u. k. Witzetradition zum Aufblühen bringt.

»In Nichtösterreich wollte er leben«

Sei’s drum, es gibt Anekdoten über praktisch alles und jedes, nicht zuletzt übers Nazi-KZ (todtraurig). Heller unterhält, so oder so; weil er indes übers Unterhalten hinausmöchte, wirkt das Ganze zum Schluss – man gestatte mir nun den ausdrücklichen Hinweis auf Österreichs monumentalen Bedichter dicker Damen – wie ein flachbrüstiger Heimito von Doderer. Kurz: Es fehlt dem „Buch vom Süden“ jene inspirierte Tiefe und innere Kohärenz, die das große Romanwerk auszeichnet. Dazu könnte man anmerken: Na und? Und man könnte an Hellers Prosa den ab sofort unsterblichen Maßstab unserer Jazz Gitti nach ihrem Ausscheiden aus dem jüngsten Dancing-Star-Zirkus anlegen: „Ich habe für die Menschen getanzt, die sich nicht bewegen können.“

Während ich vor Jahrzehnten meine Frau in einer Grazer kleinbürgerlichen Nachmittagstanzveranstaltung namens Coke Club – Krawattenpflicht! – kennenlernte, ist es nur recht und billig, dass Julian in der Villa Piazzoli (lustiger Name, anspielungsreich) die „Frauen seines Lebens“ trifft. Frauen, Plural! Gewiss nicht langweilig, aber so kurzweilig kann das Leben gar nicht sein, als dass Julians Moleküle der Ferne zur Ruhe kämen. Immerfort gilt bei (und für) Heller: „In Nichtösterreich wollte er leben“, und dieses „Nicht“ treibt seinen Helden immer weiter an, weiter in den Süden, der, so viel sei doch verraten, letztendlich zu einer inneren Gegend wird, spirituell sozusagen. Das macht die Frage der Himmelsrichtung ein wenig prekär. Der Geist weht schließlich, wo er will.

Als ich Hellers belletristische Umsetzung des Prinzips Sehnsucht meiner Frau gegenüber erwähnte, hob sie die Augenbrauen. Denn wir beide waren in unseren Teenagertagen Heller-Fans gewesen. Damals, im neu gegründeten Musikradio Ö3, las Heller der österreichischen Junghörerschaft, welche gerne allerlei Schlager-Trallala konsumierte, die Leviten. Kongenial übersetzte er kryptische Bob-Dylan-Texte. Außerdem zerbrach er Schallplatten vorm Mikrofon, um seinem Publikum zu demonstrieren, dass in Vinyl gepresster Kitsch nie und nimmer zu tolerieren sei.

Freilich, nicht nur wurden wir älter, sondern Heller außerdem reifer und – exquisiter. Vergleichbar dem Peter Handke schien er zu spüren, dass man mit Frechheit und einer experimentellen Laune die Leere des Nachkriegswohllebens im postnazistischen Österreich nicht füllen konnte. Handke wurde Goetheaner, Heller verlegte sich auf die – wie er nasal prononcierte – „Nostalschie der Nostalschie“.

Die Nostalgie der Nostalgie entstammt dem Songtext über Rudolfo, „Rudolph“, Valentino, einen Stern am Stummfilmfirmament, dem das Opus Der Scheich (1921) und ein früher Tod ewigen Schwarzweißruhm bescherten. Ihn besang Heller mit den XXL-lyrischen Worten: „Auf einem arabischen Schimmel, in jeder Hand eine Nachtigall, schwarzgekleidet wie ein Infant, so seh ich dich vor mir …“ Das ist ein prophetisches Selbstporträt – Heller, der zum Hohepriester des Einst- und Fernwehs emportraumwandelt: ein Mister Bombastik der Seelenwunderkammerromantik.

Heute ist Heller die Maraschino-Kirsche auf der literarischen Crème de la crème. Er liest am Burgtheater. So auch aus seinem „Buch vom Süden“. Kein Zweifel, Heller gehört zum Pflichtprogramm einer jeden Kulturfeinverkostung. Bon appétit!

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erstellt am 28.1.2017

André Heller
Das Buch vom Süden
Roman
Fester Einband, 336 Seiten
ISBN 978-3-552-05775-3
Zsolnay Verlag, Wien 2016

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