Kurzes Stück

Selbstbedienung

Selbstbedienungsladen. Lautsprechermusik. Ein Kunde,
ein hagerer Mann im schwarzen Anzug mit weißem, offenem Hemd
hält demonstrativ eine Kognakflasche hoch.

KUNDE Tiefkühlbohnen! Erbsen in der Dose, Dosenmilch, Mehltüten, Tiefkühlgans: innen weich! Kaffeebüchsen, Teebüchsen! Oder hier: Spirituosen! Brot, Wurst, Kabeljau, Butter! Der gemeinsame Nenner: Alles innen weich.

VERKÄUFERIN Dann nehmen Sie jetzt bitte das Körbchen wie alle oder stellen Sie die Flasche zurück!

KUNDE Alles Zellen! Alles Energiezellen! Alles Batterien!
VERKÄUFERIN Dann nehmen Sie jetzt das Körbchen! Das ist hier ein Selbstbedienungsladen.

KUNDE Und ob! Und ob das ein Selbstbedienungsladen ist. Ein Laden, der selbst bedient, ist ein Selbstbedienungsladen. Früher, vor dem totalen Sieg der organisierten Selbstbedienungsladenketten, haben die Verkäufer den Laden bedient, heute bedient der Laden selbst. Er bedient nicht nur die Kunden, er bedient auch die Verkäufer. Er schaltet euch ein als Kontrolleure und als Nachfüller, denn die Batterieständer dürfen nie leer werden. Dicht an dicht gepackt, das gibt Kraft.

VERKÄUFERIN Oder Sie stellen die Flasche wieder ab!

KUNDE In Mark und Pfennig ist der Schaltplan aufgedruckt.

VERKÄUFERIN Ob Sie die Flasche jetzt abstellen oder nicht?

KUNDE Schaltplan, Batteriezelle, Magnetfeld, Ladenkette.

VERKÄUFERIN Herr Herbert! Herr Herbert! Fräulein Zibulski, Herr Herbert soll sofort aus dem Lager kommen, ich kann hier nicht weg!

ZIBULSKI – kann hier nicht weg. Ab.

KUNDIN Können Sie mir ein Kilo Birnen abwiegen?

VERKÄUFERIN Ich kann hier nicht weg.

KUNDE zur Kundin Sie kann hier nicht weg. Sie ist die Wächterin des Feldes. Sie ist ganz verzweifelt, das sehn Sie ja, aber sie kann wirklich nicht weg. Mir machts auch kein Spaß, aber das müssen wir eben gemeinsam durchstehen, das ist eben der Verbrauchermarkt, der die Leute verbraucht, wenn ein kleiner Scherz erlaubt ist. Meine Frau liegt seit einem Jahr krank im Bett, sonst hat sie immer eingekauft, jetzt bin ich gezwungen, den Beweis anzutreten. Singt übertreibend einen Schlager mit. Warum die Musik? Um das Summen des Magnetfeldes zu übertönen, oder ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass Sie hier oft an Bekannten vorbeilaufen, ohne sie zu erkennen.

ZIBULSKI zurück Warum der Herr Herbert kommen soll?

VERKÄUFERIN Der Kunde hier quatscht Kundinnen an wegen Musik und Magnetfeld und stellt die Flasche für 29 Mark nicht zurück.

ZIBULSKI Magnetfeld. Ab.

KUNDE Wohlgemerkt, das ist nur die Exekutive, dieses Magnetfeld. Was dahinter steckt, kann ich auch nicht genau angeben, da mir der Einblick verwehrt wird. Aber eins müssen Sie mir doch bestätigen, gnädige Frau. Wenn Sie das Magnetfeld durch die Magnetschleuse betreten, verspüren Sie einen ersten Impuls, der Sie zwingt, ein Magnetkörbchen zu ergreifen, welches dann, meinen Vermutungen nach, die Verbindung zwischen dem Korbträger und den Batteriezellen, Knäckebrot, Schichtkäse, intensiviert und kontrolliert. Als Anhaltspunkt für meine Hypothese erwähne ich, dass, wer eine Batterie zu lange aus ihrem Lager nimmt und sie nicht gleich mit dem Magnetkorb in Verbindung bringt oder sie gar unter seinen Kleidern verbirgt, einen unangenehmen Impuls erhält.

ZIBULSKI zurück. Leise Herr Herbert könnte momentan nicht kommen, er wäre noch im Lager aufgehalten.

KUNDE Nur laut! Nur Mut! ›Im Lager aufgehalten.‹

VERKÄUFERIN Jetzt nehmen Sie gefälligst die Flasche als freundliches Geschenk der Firma und lassen Sie sich hier nicht mehr blicken, sonst hole ich die Polizei.

KUNDE Ja holen Sie die Polizei! Damit das Protokoll aufgenommen wird. Heute lass ich die Bombe platzen. Singt einen Schlager mit. Jetzt reiße ich die letzten Verbindungen zum Kyborg ab. Mit dieser Flasche ritz ich deine Haut, Dämon dieses Daseins! Hebt die Flasche höher, lässt sie fallen.

KUNDIN schrill Das hat er extra gemacht!

KUNDE betrachtet gelassen die drei in unterdrückter Wut bebenden Frauen Wie sie widerlich zucken und zappeln. Stellt die Alarmschaltung ab, dann gibts Ruhe, dann könnt ihr mir zuhören! Die Frauen fallen ihn an. Sie verstehn mich nicht. O Heidelberg o Heidelberg.

Auszug aus: FRANKENSTEIN. AUS DEM LEBEN DER ANGESTELLTEN.
© Verlag der Autoren
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erstellt am 13.5.2011

Wolfgang Deichsel
Wolfgang Deichsel