Eine Ära geht zu Ende. Mit einem Riesenerfolg. Einem Triumph für die Schauspieler.
Und am Anfang vom Ende gleich ein (falsches?) Zitat.
„’Das Leben ist sehr lang’. T.S. Eliot“. Der Abend war es übrigens auch, nahezu vier Stunden (Mit Beifall, eine gute Viertelstunde, um es genau zu sagen: 3.57 Std.).
Nur: Am Ende dieses Abends stürmischer Beifall, für die Schauspieler, für den Regisseur, den am Ende dieser Spielzeit nach Berlin wechselnden Intendanten Oliver Reese.
Reese hat mit dieser, seiner letzten Inszenierung in Frankfurt eine Visitenkarte hinterlassen (wollen), auf der sich ablesen lässt, was gutes Theater mit besten Schauspielern heute noch sein kann, und, mit zarter Schrift und klein geschrieben: was nicht. Man wird ihm, das lässt sich heute schon sagen, nachtrauern. Denn Reese hat das Theater gut durch die vergangenen Jahre gebracht.

Oliver Reeses letzte Inszenierung in Frankfurt

Schaustück für Schauspieler

I

Das Wort „Familienbande“ habe, so meinte Karl Kraus einmal treffend, den „Beigeschmack von Wahrheit“. Aus dieser Einsicht generierten speziell die Dramatiker des späten neunzehnten und des nahezu ganzen 20. Jahrhunderts ihren Stoff. Familientragödien. Von Ibsen und Strindberg und Tschechow bis hin zu Edward Albees schriller Hinrichtung der Kleinfamilie in seinem Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Lebenslüge aufgeflogen. Beziehung kaputtgegangen. Bis hin zu Albee war dieser Prozess kondensiert. Bei Letts ist er suspendiert.

II

Das Wichtigste vorweg. Es ist vor allem ein Stück für die Schauspieler. Gut, fast perfekt gebaut, mit einer exakt kalkulierten Dramaturgie. Tracy Letts ist ein Routinier, in jeder Hinsicht. Das Stück ist geschrieben von einem Schauspieler – für seine Schauspieler. Und zwar gleich für ein ganzes (kleineres) Ensemble mit zwölf Darstellern plus einer, immer noch beachtlichen Nebenrolle, dem Sheriff (Isaak Dentler), der aber auch sein Schicksal erzählen darf. Jeder hat seine eigene, wie auf den Leib geschnittene, Rolle, seine eigenen großen Auftritte. Jeder hat seine starken Pointen. Und jeder steht für eine eigene Geschichte. Nur die Hauptfigur nicht. Beverly Weston tritt nach seinem ersten Auftritt endgültig ab. Seine Geschichte fügt sich zusammen aus den Bruchstücken, die seine herbeigeeilte Familie, vor und nach seiner Beisetzung, beisteuern. Es sind große Rollen, auch wenn sie nur kleine Tragödien transportieren und die Gebrauchsspuren zeigen, den Verschleiß, den das Leben mit sich bringt. Aber großartig auf die Bühne gebracht. Allen voran von der Mutter und nun Witwe Violet und ihrer ältesten Tochter Barbara, gespielt von Corinna Kirchhoff und Constanze Becker. Wie Corinna Kirchhoff die zerfallende Ruine einer ehemals hübschen und attraktiven Frau mit tapsig unsicheren Schritten und einer gebrochen erstickten Stimme über die Bühne schleppt, wie Constanze Becker am Ende mit ihrem ganzen Körper in einem T-Shirt hängt, da zeigt sich noch einmal etwas von dem faszinierenden Schrecken des großen Theaters: der (Rück-)Blick auf ein gescheitertes Leben.
Der Triumph des Stücks auf den amerikanischen Bühnen, Pulitzer Preis und Tony Award (2008) und schließlich die gelungene Verfilmung mit der grandiosen Meryl Streep und der ebenso eindrucksvollen Julia Roberts (2013), diese Erfolgsgeschichte hat sich bei uns fugenlos fortgesetzt. Acht deutsche Theater haben „August: Osage County“ unter dem deutschen Titel „Eine Familie“ erfolgreich in ihr Programm aufgenommen.

III

Das Bühnenbild – fehlt. Eine kluge, ja raffinierte Entscheidung. Das intime Drama wird damit transparent. Offen, ausgestellt nach allen Seiten.
Die vielleicht knappe Hälfte des Publikums sitzt auf der Bühne, in engen, steil ansteigenden Reihen. Die andere Hälfte in den mittleren bis hinteren Reihen des großen Zuschauerraums. Anstelle der etwa ersten sechs Reihen ist ein von Wand zu Wand reichendes großes, freistehendes Podest aufgebaut. Auf der (von der Bühne aus) linken Seite ist eine Band platziert, die gelegentlich mit ihren Songs den Gang der Handlung unterbricht, manchmal mit leisen Klängen auch nur untermalt. An der Rückwand, hinter der letzten Reihe ist eine quer über die ganze Wand laufende Leinwand gespannt, auf der gelegentlich, in unregelmäßigen Abständen die Landschaft von Oklahoma sichtbar wird, oft aus fahrenden Autos heraus, die breite, endlos lange, schnurgerade Straße. Prärie, kein Baum, kein Strauch. Mit Hilfe dieser Elemente wird das Stück rhythmisiert. Es ist immer was los. Oft ist es die Ruhe nach dem Sturm, ein kurzes Innehalten nach stürmischen Ausbrüchen.
Die Protagonisten kommen und gehen. Der Fernsehapparat läuft. Auch das Drama geht seinen Gang. Wie einst bei Beckett, tritt es auf der Stelle. Es gibt keine Entwicklung mehr, die Brüche, die vorhanden sind, werden nach und nach sichtbar. Gescheiterte Biographien.

IV

Nach und nach treffen die Familienmitglieder ein, in dem in der flachen Landschaft des mittleren Westens auf weiter Flur freistehenden Haus in einem gottverlassenen Kaff, weit weg von überall, irgendwo in Oklahoma. Die Sommerhitze liegt über dem Land. Eine Klimaanlage ist entweder nicht vorhanden, oder sie funktioniert nicht. Wer kommt, der schwitzt. Wegen der Hitze. Auch, natürlich, wegen der Situation. Violet (Corinna Kirchhoff), krebskrank (Mundkrebs) und tablettensüchtig, dazu Kettenraucherin, versammelt nach und nach die gesamte Familie um sich. Sie ist körperlich völlig kaputt, aber dennoch, wie sie glaubt, noch fähig, die Fäden der Handlung in der Hand zu halten. Drei Töchter, zwei Ehemänner, ein Freund dazu, Schwager, Schwägerin, deren Sohn. Langsam, wie bei einem Grundstücksverkauf, decken die Protagonisten in einem Zug-um-Zug-Geschäft ihre Blößen auf. Es entwickeln sich keine Konflikte, im Gegenteil. Das, was die Familienmitglieder mitgebracht haben, legen sie nur auf den Tisch. Was bleibt, ist auch buchstäblich, nachdem Ivy (Verena Bukal), die jüngste Tochter angefangen hat, das Geschirr zu zerdeppern, ein Trümmerhaufen. Und so wie sie gekommen sind, nach und nach, verschwinden sie alle wieder. Zurück bleibt nur Barbara (Constanze Becker), die älteste Tochter, die als Bild des Jammers kaputt in ihrem Hemdchen hängt. Allein Joanna, das Indiandermädchen, trägt die Fahne der Hoffnung, wenn auch nur in Form einer Bratpfanne, mit der sie einen geilen Specht von der Verführung eines jungen Mädchens treffsicher abbringt. Die vom Dramaturgen Michael Billenkamp vorgeschlagene Deutung dieser Tatsache verdient vielleicht eine Tapferkeitsmedaille, doch keineswegs Zustimmung. Die „Ureinwohnerin“ spende „Trost“, weil auch nach dem Ende des „amerikanischen Traums“ das Vermächtnis ihres Volkes überdauern werde. Wer einmal durch ein Reservat gefahren ist, die verfetteten Schnapsleichen in den Kneipen rumhängen sah, kann darin allenfalls das Spiegelbild der verrotteten Familie Weston, aber keinerlei Hoffnungsschimmer erkennen.
Barbara, allein mit Joanna im dem sonst leeren Haus zurückgeblieben, erweist sich als legitime Erbin ihrer Mutter. Sie wirft sich deren Tabletten ein und stiert vor sich hin.

V

Die Trostlosigkeit der Figuren wird von dem Witz ihrer Dialoge konterkariert. Mit wohlgesetzten Pointen wird die Handlung vorangetrieben. Wie angedeutet, die Handlung schreitet voran, doch eine Entwicklung findet nicht statt. Nach dem Prolog, zu Beginn des Ersten Akts ist alles vorbei. Beverly Weston, Ehemann, Vater, Schwager, ist tot. Doch schon vor seinem Tod hatte er nicht mehr gelebt, sondern mit T. S. Eliot geklagt, dass das Leben „sehr lang“ sei. Diese Feststellung gilt auch für den Rest seiner Familie. Sie wird sukzessive verifiziert. Bei Eliot hingegen ist das Leben nur „lang“. Vielleicht steckt in dieser kleinen Ergänzung der große Unterschied.

VI

Ein gutes Stück? Sicher! Ein großes Stück? Ich weiß es nicht. Es könnte auch perfektes Kunsthandwerk sein. Oder doch mehr? Auch gut möglich. Auf jeden Fall war es eine perfekte Aufführung. Grandiose Akteure. Straffe Regie. Und gut gesetzte Pausen. Nach dreidreiviertel Stunden fünfzehn Minuten stürmischer Beifall.

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erstellt am 15.1.2017

Szenenfoto „Eine Familie“, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

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Eine Familie

Von Tracy Letts
Deutsch von Anna Opel

Regie Oliver Reese
Bühne Hansjörg Hartung
Kostüme Elina Schnizler

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto „Eine Familie“, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld