Buchkritik

Feindliche Landnahme

Ein israelischer Roman über die zionistische Besiedlung Palästinas

Von Stefana Sabin

Seit den späten achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts haben die israelischen „Neuen Historiker“ um Benny Morris und Ilan Pappe das zionistische Narrativ hinterfragt und die etablierte Geschichtsschreibung entmystifiziert. Dass die palästinensische Bevölkerung nicht freiwillig ausgewandert sei, sondern vertrieben wurde, ist eine Kernthese der Neuen Historiker. Da die Vorstellung von der ‚unschuldigen’ Entstehung Israels ein fundamentales Element des nationalen Konsenses ist, wirkte diese These wie eine Provokation – gerade in der von der Intifada aufgeheizten Stimmung der letzten Jahre, als schon das arabische Wort, mit dem die Palästinenser die Gründung Israels bezeichnen, in der öffentlichen israelischen Rhetorik zum Unwort deklariert wurde: nak’ba, ‚Katastrophe‘, ‚Unglück‘.

Damit wird im arabischen Sprachgebrauch die Flucht von etwa 700.000 Palästinensern aus dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina, das am 14. Mai 1948 zum Staat Israel erklärt wurde, bezeichnet. Mit Aufsätzen und Vorträgen trugen die Neuen Historiker die Debatte über die Legitimation der Kriege (des palästinensisch-jüdischen Kriegs von 1947 und des arabisch-israelischen Kriegs von 1948), die aus israelischer – und europäisch-amerikanischer – Sicht als ‚israelischer Unabhängigkeitskrieg‘ angesehen werden, und über die Gründe, die zur Flucht der arabischen Bevölkerung führten, in die Öffentlichkeit, jedenfalls in die Feuilletons. Aber der Historikerstreit, den sie anzettelten, wurde dennoch im akademischen Milieu ausgefochten.

Erst vor zwei Jahren schwappte dieser Historikerstreit tatsächlich in die kulturelle Öffentlichkeit über, als der angesehene „Sapir Prize for Literature,“ der aus den Geldern der nationalen Lotterie finanziert wird, dem Roman „Das Haus der Rajanis“ von Alon Hilu erst zuerkannt und am Tag nach der Preisverleihung gleich wieder aberkannt wurde. Denn Hilu, 1972 in Jaffa geboren und schon renommierter Schriftsteller, hatte bei der Preisverleihung zur Empörung der Honoratioren das Unwort ausgesprochen und erklärt, sein Roman handle von der nak’ba.

„Die Lektorin hatte mich ausdrücklich gebeten,“ erzählt Hilu, „das Wort nicht auszusprechen. Aber ich konnte nicht anders.“ Wir sitzen in einem schön gestylten Restaurant im renovierten alten Bahnhof von Neve Shalom zwischen Jaffa und Tel Aviv, da wo Einwanderer und Landarbeiter aus dem Norden oder Osten ankamen – ein Schauplatz auch im Roman von Hilu. Seine Aufregung über die Preisverleihung und die Auseinandersetzung, die ihr folgte, wirkt immer noch frisch. Er erzählt von dem Druck, unter dem die Politik den Kulturbetrieb setzte und von der Solidarität, die ihm andere Schriftsteller und sogar der Staatspräsident zeugten. Die Aberkennung des Sapir-Preises bescherte dem eher zurückgezogenen Romancier eine ungewohnte Popularität und dem komplexen Roman einen beachtlichen Verkaufserfolg. Soeben ist dieser Roman, „Das Haus der Rajanis,“ in deutscher Übersetzung erschienen.

Der Roman, der ein Panorama Palästinas am Ende des 19. Jahrhunderts malt, kommt als Quellenfiktion daher. In einem „Vorwort des Herausgebers“ wird angekündigt, vorgefundenes Material, nämlich zwei parallele Tagebücher – das eine die Notizen eines jüdischen Einwanderers, das andere die Geschichten eines arabischen Jungen – bearbeitet zu haben. Dementsprechend ist der Roman in einer archaisierenden, bildreichen, manchmal auch manierierten Sprache gehalten, die die deutsche Übersetzung immer angemessen wiedergibt.

Die Erzählungen der beiden Tagebuchschreiber laufen nebeneinander her, so dass dasselbe Ereignis immer aus zwei Perspektiven dargestellt wird. So entsteht ein Geflecht von reziproken Gefühlen und antagonistischen Empfindungen, wird jede Handlung durch ihren Reflex wieder gespiegelt und das Geschehen in Schleifen langsam vorangetrieben. Dieses Geschehen ist durchaus dramatisch, denn es geht im Roman um das zionistische Projekt der aggressiven Besiedlung Palästinas durch europäische Juden und um die hilflose Wut der Palästinenser – eben um die nak’ba. Es geht um Isaac Luminsky, der im Sommer 1895 im Hafen von Jaffa landet, und um Salach Rajani, der auf seinem Anwesen bei Jaffa zurückgezogen lebt. Salach, ein verstörter Junge, der ohne Vater aufwächst und unter Wahnvorstellungen leidet, sieht in dem blonden, blauäugigen, kräftigen Juden einen väterlich fürsorglichen Freund und einen guten Engel, der ihm Lebenskraft gibt. Luminskys Optimismus, seinem Lebenswillen und seinem Realitätssinn werden Salachs Melancholie, seine Apathie und seine Fantasterei entgegengesetzt.

Denn als sein Vater überraschend zurückkehrt und ebenso überraschend stirbt, glaubt Salach, dass der Jude den Effendi, den Gutsbesitzer, ermordet habe, um seine Mutter zu verführen und das Gut zu übernehmen. Von da an ist der gute Engel ein böser. Zerrissen zwischen seiner – homoerotischen – Zuneigung zum schönen Juden und seinem Hass auf den gierigen Kolonisten, verfällt Salach seinen Fantasien. Den Mord an seinem Vater fantasiert er nach bewährtem literarischem Muster als Vergiftung (das Gift wird dem Vater ins Ohr geträufelt) und passend dazu sieht er den Geist seines Vaters, der ihn zur Rache anhält – Hamlet in Jaffa. Während Luminsky sich um das Gut kümmert, die Ernte eintreibt und die Felder neu beackert (die zwei Landarbeiter, die er einstellt, sind seine Rosencrantz und Guildenstern!), verfällt Salach immer mehr seinen Schreckensvisionen von Enteignung, Vertreibung und Krieg.

Salachs Prophezeiungen geben dem Roman eine durchdringende Suggestivkraft, indem sie die erzählte Zeit auf die Erzählzeit projizieren und sozusagen retroaktiv die feindliche Landnahme der Zionisten vorführen. „Der Anbeginn der Zerstörung,“ prophezeit Salach, „wird der Verlust unseres Landes an jene sein, die uns bedrängen, die unter den Völkern der Welt verstreut lebenden Juden, unter denen schon bald Denker und Philosophen sich erheben und ihr Volk leiten werden, die Häuser, in denen wir wohnen, zu erobern, doch nicht mittels der Kraft des Armes und der Kriegsfanfaren, da dieses Volk wahrlich nicht bekannt für seine Heldentaten im Kampfe und seinen Wagemut, sondern durch List, Betrug und Hintergehung, wie Fäden, die von einer Heerschar grünäugiger Spinnen gewoben.“

Salach beschreibt seine Visionen als „unumstössliches, sicheres Wissen um das, was die Zukunft wird bringen.“ Er sieht voraus, wie die Juden ein Dorf „mit Schlamm und Ziegeln pflastern,“ um dort „eine grosse Stätte für die Wissenschaften“ zu erbauen – das ist die Tel Aviv University in Ramat Aviv. Er sieht voraus, wie an Jaffas Küste Obstplantagen Hotels Platz machen – und tatsächlich säumen Luxushotels die Meerpromenade zwischen Jaffa und Tel Aviv. Er sieht voraus, wie sein eigenes Anwesen platt gemacht wird für hohe Türme – diese Türme, einen runden, einen rechteckigen und einen dreieckigen, sind als das Tel Aviver Azrieli Center wieder erkennbar.

So beschreibt der Roman, wie aus der ländlichen Topographie Jaffas die Stadtlandschaft von Tel Aviv wurde, und wie im Verlauf dieser Entwicklung die eingesessenen Gutbesitzer und Landarbeiter vertrieben wurden. Die alten Gassen der Altstadt von Jaffa, durch die Hilu mit uns geht, erinnern noch an die arabische Vergangenheit der Stadt. Sonst wurden die Spuren der vorisraelischen Geschichte im nationalen Narrativ verwischt. Das enorme Interesse, auf das Hilus Roman in Israel stiess, zeigt die Bereitwilligkeit einer verunsicherten Nation, ihre Gründungsmythen zu hinterfragen. Vielleicht zeigt der Erfolg des Romans von Alon Hilu auch, dass das aufklärerische Potential der Literatur stärker ist als jeder Historikerstreit.

Stefana Sabin

erstellt am 13.5.2011

Alon Hilu, Foto: Itzick Biran
Alon Hilu, Foto: Itzick Biran
Alon Hilu
Alon Hilu mit deutschen Journalisten in der Altstadt von Yaffa

Alon Hilu
Das Haus der Rajanis
Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
C.H.Beck. München 2011. 355 Seiten.

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