Das Neujahrskonzert, das die Junge Deutsche Philharmonie seit 1998 in der Alten Oper Frankfurt veranstaltet, hat inzwischen eine eigene Tradition – und auch ein treues Publikum. Unter der Leitung des taiwanesischen Dirigenten Tung-Chieh Chuang boten die Jungen Philharmoniker dieses Jahr ein besonderes Programm, berichtet Stefana Sabin.

Neujahrskonzert in der Alten Oper Frankfurt

Moderne Musik aus dem Geist des Barock

Die Geschichte des Neujahrskonzerts beginnt am 31. Dezember 1939, als die Wiener Philharmoniker als Teil der Goebbelsschen Propagandamaschinerie ein Konzert dem kurz zuvor gegründeten Kriegswinterhilfswerk widmeten. Inzwischen ist das Neujahrskonzert eine Tradition geworden, die weit über Wien hinaus reicht. Ob renommierte Orchester oder Laienensembles, ob in üppigen Konzertsälen oder in bescheidenen Provinztheatern – überall in der deutschsprachigen Musiklandschaft gibt es in den ersten Januarwochen Neujahrskonzerte. Zwar ist das Wiener Neujahrskonzert nach wie vor das berühmteste, aber manch andere Veranstaltung dieser Art hat sich in den letzten Jahren profiliert. So hat das Neujahrskonzert, das die Junge Deutsche Philharmonie seit 1998 in der Alten Oper Frankfurt veranstaltet, inzwischen eine eigene Tradition – und auch ein treues Publikum.

Wie in früheren Jahren boten die Jungen Philharmoniker, diesmal unter der Leitung des aufstrebenden taiwanesischen Dirigenten Tung-Chieh Chuang, ein besonderes Programm, das eindrucksvoll zeigte, wie aus dem Geist des Barock moderne Musik entsteht. So nahm Benjamin Britten in „Young Persons’ Guide to the Orchestra“ ein Thema von Henry Purcell auf und kombinierte es mit einer eigenen Fuge. Bruno Mantovani griff auf ein Madrigal von Carlo Gesualdo zurück und entwickelte aus den Akkorden das harmonische Raster seines „Time Stretch“. Und das Konzert für Orgel, Streicher und Pauken von Francis Poulenc ist eine Hommage an Bach und zugleich ein Versuch, die barocke Gattung des Orgelkonzerts in moderne Musik hinüber zu retten.

Dieses Konzert, das im Sommer am 1939 in Paris uraufgeführt wurde – und also ebenso alt ist, wie die Neujahrskonzerte! –, gehört zu den meistgespielten Werken Poulencs und ist gewissermaßen ein Klassiker der Orgelliteratur. Beim Neujahrskonzert in der Alten Oper Frankfurt saß der höchstrenommierte Organist Martin Lücker an der Orgel und fand in den Jungen Philharmoniker ebenbürtige musikalische Partner. Vom ersten Orgelsolo zu Beginn über die lyrischen Soli und die fallenden Tonleitern im weiteren Verlauf des Konzerts bis zu dem letzten Triller der Orgel war Lückers Spiel konzentriert, so dass die Bach-Hinweise ebenso herauskamen wie der Farbenreichtum modernen Orgelklangs. Es war vor allem das gelungene Zusammenspiel zwischen dem routinierten Solisten und dem jungen Orchester, dass sowohl bei den großen Effekten, die Poulenc vorgesehen hat, als auch in den leisen Tönen, die dem Konzert auch eine melancholische Dimension verleihen, beeindruckten.

Auch das letzte Stück im Programm, Respighis „Pini di Roma“, ist voller musikalischer Effekte und endet mit schmetternden Akkorden. So war das Programm des Neujahrskonzerts dem Anlass gemäß durchaus feierlich – eine Feierlichkeit, die das mehrheitlich freizeitbekleidete Publikum leider vermissen ließ. Aber es war von der Musik ergriffen und dankte dem Solisten und dem Orchester mit anhaltendem Applaus.

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erstellt am 09.1.2017

Tung-Chieh Chuang, Foto: Harald Hoffmann
Tung-Chieh Chuang, Foto: Harald Hoffmann
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