Das Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters gehört in der baden-württembergischen Hauptstadt zu den festen Traditionen. Die besondere Qualität eines Kammerorchesters zwischen symphonischem Aufwand und der filigranen Kammermusik kleinerer Formationen und von Solisten konnte man auch dieses Jahr in vollen Zügen genießen, berichtet Thomas Rothschild.

Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters 2017

Eine besondere Qualität

Was für den Geiger die Violinkonzerte von Beethoven, Tschaikowski und Max Bruch, sind für den Cellisten die Cellokonzerte von Haydn, Dvořák und das 1. Konzert für Violoncello und Orchester von Camille Saint-Saëns: Sie stehen über Jahrzehnte hinweg im Zentrum der Konzert- und Schallplattenrepertoires. Kaum ein Solist verzichtet auf sie. Das verdankt sich wohl in erster Linie dem Reichtum und der Süffigkeit an eingängigen Melodien, ihrer unmittelbaren Zugänglichkeit und in zweiter Linie der Gelegenheit zur Virtuosität und zu dem damit verbundenen Beifall beim Publikum, die sie dem Interpreten anbieten. Vielleicht ist es auch diese Popularität, die – zumindest im Fall von Bruch und Saint-Saëns – zu sehr unterschiedlichen Beurteilungen durch die Fachwelt geführt hat. Schostakowitsch, immerhin, der selbst zwei bedeutende Cellokonzerte geschrieben hat, gehörte zu den Bewunderern von Saint-Saëns.

Nicolas Altstaedt zählt zur ersten Riege der Cellisten der jüngeren Generation. Mit Saint-Saëns‘ erstem Cellokonzert stand er im Zentrum des diesjährigen Dreikönigskonzerts des Stuttgarter Kammerorchesters im Beethovensaal der Liederhalle. Und seine technische Perfektion, die eindringliche, jedes eitle Showgehabe entbehrende Konzentration in den Solopartien, das makellose Zusammenspiel mit dem Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Matthias Foremny machten einmal mehr einsichtig (genauer: einhörig), warum dieses Konzert so beliebt ist.

Das Stuttgarter Kammerorchester

Das Stuttgarter Kammerorchester hat nach seiner Gründung im Jahr 1945 und unter seinem langjährigen Leiter Karl Münchinger an der Geschichte dieser Ensembleform mitgeschrieben. Nach Münchingers Abgang drei Jahre vor seinem Tod 1990, als längst zahllose Kammerorchester mit einem Schwerpunkt auf Alter Musik entstanden waren und sich erfolgreich etabliert hatten, war es vor allem Dennis Russel Davies, der das Profil des Ensembles verändert, für ein moderneres Repertoire geöffnet hat, wobei man nicht vergessen darf, dass die Kontinuität von Orchestern weitgehend ein Konstrukt ist: Längst sitzt eine neue Generation von Musikern an den Pulten, die von anderen historischen und musikalischen Erfahrungen geprägt ist als das Gründungsensemble.

Das Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters, seit einigen Jahren unter der Ägide der rührigen Kulturgemeinschaft, gehört in der baden-württembergischen Hauptstadt mittlerweile zu den festen Traditionen des 6. Januar wie das Dreikönigstreffen der FDP. Es ist so etwas wie der besinnliche Nachklang zu den übermütigen Veranstaltungen zum Jahreswechsel.

In diesem Jahr umfasste das Programm ein Jahrhundert, und zwar in umgekehrter Chronologie, vom Impressionismus zur Wiener Klassik. Am Anfang stand Ravels Orchestersuite „Le Tombeau de Couperin“, darauf folgte der Saint-Saëns und nach der Pause Schuberts 6. Symphonie in C-Dur. Eine Klammer zwischen diesen doch sehr verschiedenartigen Werken bildete die eher undramatische Interpretation, die Bevorzugung der Klangfarbe gegenüber der Dynamik – bei Ravel sowieso, aber auch bei den beiden Kompositionen des 19. Jahrhunderts. Dabei muss die Sanftheit, die Einfühlsamkeit der Holzbläser hervorgehoben werden. Ohnedies kommen sie in einem Kammerorchester besser zur Geltung als in einem Symphonieorchester. Aber auch die Streicher profitieren von der kleineren Besetzung. Sie ermöglicht eine Transparenz, die durch Masse eher torpediert als gefördert wird.

Ravels Orchestersuite, die George Balanchine 56 Jahre nach ihrer Entstehung für eins seiner berühmtesten Ballette verwendet hat, basiert ja auf vier Sätzen der gleichnamigen Suite für Soloklavier. Ravel erweist sich hier als jener Meister der Instrumentation, als der er einem breiteren Publikum durch seine drei Jahre später erfolgte Bearbeitung von Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ bekannt ist. Aber die vom Komponisten für ein Kammerorchester vorgeschriebene Besetzung kommt dem schlanken solistischen Ausgangsmaterial wiederum näher als ein Symphonieorchester.

Kein einziges Kammerorchester hat es bei Umfragen unter internationalen Musikkritikern 2008 auf die Liste der zwanzig, 2015 auf die der zehn angeblich besten Orchester der Welt geschafft. Die besondere Qualität eines Kammerorchesters zwischen symphonischem Aufwand und der filigranen Kammermusik kleinerer Formationen und von Solisten: am Dreikönigstag (aber nicht nur dann) kann man sie in Stuttgart in vollen Zügen genießen.

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erstellt am 08.1.2017

Nicolas Altstaedt, Foto: Marco Borggreve
Der Cellist Nicolas Altstaedt, Foto: Marco Borggreve
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