An der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hat Christoph Marthaler einen Abend eingerichtet unter einem Titel, der Botho Strauß verballhornt: „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. An der Schaubühne wurde Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ vom Premierenpublikum euphorisch bejubelt. Thomas Rothschild berichtet aus dem Berliner Theaterleben.

Theater in Berlin

Sprache, Bilder und die UNESCO

Mitten hinein in die litaneihafte Beschwörung des (Stadt-)Theatertodes platzt die Nachricht, dass Deutschland seine Theater- und Orchesterlandschaft für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes nominiert habe. In der Tat: sieht man sich in dieser Landschaft um, stellt man fest, dass sie, allen Menetekeln zum Trotz, höchst lebendig, aber auch schützenswert ist.

Das Sprechtheater ruht von Anfang an auf zwei Säulen: der Sprache und dem Bild. Beide, mal eher die eine, mal eher die andere, können sich nach wie vor gegen Versuche, sie abzuschaffen und durch Leihgaben aus anderen Künsten zu ersetzen, behaupten. Eben erst wurde an der Berliner Schaubühne ein sprachlastiges Stück wie Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“, das seine Spannung aus dem Austausch wohlformulierter Argumente bezieht, euphorisch bejubelt – jedenfalls vom Premierenpublikum, das hier sicher nicht so konservativ ist wie anderthalb Kilometer weiter östlich am Kurfürstendamm. Es besteht der Verdacht, dass jene Kritiker, denen „Professor Bernhardi“ verstaubt erscheint, einfach das Gefühl haben, dass sie das Thema nichts angeht. Bei der Lektüre einiger Rezensionen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Empathie der Kritiker eher Bernhardis Gegenspielern gehört als dem Ideologieskeptiker, dem Gerechtigkeit vorenthalten wird, weil ein Wort mehr zu seinen Gunsten „einer wahrhaft heiligen, ja, der mir heiligsten Sache unermesslichen Schaden zugefügt hätte“, weil „es Höheres gibt im öffentlichen Leben, als ein Wort zu halten“.

Im Bildertheater bestimmen seit einiger Zeit zwei Regisseure den Ton: Christoph Marthaler und Herbert Fritsch. Von der vorangegangenen Generation, von Robert Wilson oder Achim Freyer, unterscheiden sie sich durch einen Hang zum Grotesken. Man könnte auch sagen: ihre Bilder wurden mit Musik imprägniert und sind durch die Waschanlage des Pop hindurchgegangen, ohne in ihr, wie die Bühnenerfindungen geringerer Talente, stecken geblieben zu sein.

Wie sehr Marthaler und Fritsch ihre Spuren auch bei Kollegen hinterlassen haben, die ihrerseits schon eine eigene Handschrift entwickelt hatten, kann man, ebenfalls an der Schaubühne, an der mittlerweile drei Jahre alten Inszenierung des „Tartuffe“ durch Michael Thalheimer, den Spezialisten für die Skelettierung von Klassikern, studieren. Was sich da vor den Augen der Zuschauer abspielt, ist ein visuelles Erlebnis der Sonderklasse. Ob es der spezifischen Komik Molières gerecht wird – darüber mag man sich streiten. Wie hier aber in einer Mischung aus Grand Guignol und Trash, in einem fast mechanischen Ablauf für die Bühne erobert wird, was man dem Stummfilm vorbehalten wähnte, ist, solange es nicht von Epigonen verflacht wird, ein weiteres Argument für den Antrag an die UNESCO.

Szenenfoto »Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter«
Szenenfoto »Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter«, Volksbühne Berlin: Walter Mair

So sehr Thalheimer in diesem speziellen Fall von Marthaler beeinflusst sein mag: Marthaler bleibt ein Unikum. Darin besteht auch eine Gefahr: Wenn er beginnt, sich selbst zu plagiieren, könnte eine Ermüdung eintreten. Noch ist das nicht passiert. Noch erfreuen sich die Fans jedes neuen Anlaufs, wie die Fans von Leonard Cohen bis zu dessen Tod die Wiederkehr des immer Gleichen genossen und feierten. An der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die zurzeit weniger mit Theater als mit dem Theater um das Theater Schlagzeilen macht, hat Marthaler nun einen Abend eingerichtet unter einem Titel, der Botho Strauß verballhornt: „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. Den Marthaler-Getreuen mussten nicht nur die Gefühle und die Gesichter, sondern auch die Situationen bekannt vorkommen. Gleich zu Beginn gleitet ein Fahrstuhl an der Hinterwand auf und ab. Die einzelnen Mitspieler werden aus Kisten und Plastikfolien gepackt und aufgestellt wie Exponate in einer Ausstellung (hallo, Botho Strauß!). Zwischen allerlei skurrilen Aktionen – eine Frau schwingt sich kopfüber durch ein kleines Fenster, aus der Rückwand eines Pianinos werden eine zersägte Violine, ein Stiefel, ein Teller mit Essbarem gebohrt etc. – bewährt sich das Ensemble wieder einmal betörend schön mit Händel, mit Mozart und mit Schönberg, mit „In einem kühlen Grunde“ und mit „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“. Ein kurzes „Danke“ am Schluss erinnert die Eingeweihten an Marthalers Debüt an der Volksbühne vor 23 Jahren. „Ja soll denn etwas so schönes nur einem gefallen/ Die Sonne, die Sterne gehören doch auch allen.“ Eben.

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erstellt am 20.12.2016

Szenenfoto »Tartuffe«, Schaubühne Berlin: Katrin Ribbe

Professor Bernhardi

Von Arthur Schnitzler

Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer
Regie Thomas Ostermeier
Bühne Jan Pappelbaum
Kostüme Nina Wetzel

Schaubühne

Szenenfoto »Professor Bernhardi«, Schaubühne Berlin: Arno Declair

Tartuffe

Von Molière

Deutsch von Wolfgang Wiens
Regie Michael Thalheimer
Bühne Olaf Altmann
Kostüme Nehle Balkhausen

Schaubühne

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter

Regie Christoph Marthaler
Bühne Anna Viebrock
Kostüme Anna Viebrock

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz