Der syrische Philosoph Sadik J. Al-Azm hat sich immer auch als politische Stimme verstanden und früh die verlorene Notlage seiner Heimat erkannt. Die Warnungen, díe er im Gespräch mit Andrea Pollmeier im Sommer 2014 formulierte, sind heute erschreckende Realität. Sie dokumentieren die kritische und vorausschauende Analyse des Philosophen, der am 11. Dezember 2016 im Exil in Berlin gestorben ist.

Gespräch mit Sadik J. Al-Azm

Der Islam ist grundsätzlich in der Lage, sich anzupassen

Andrea Pollmeier: Was könnte man von internationaler Seite im Moment noch tun, um den zivilen Entwicklungsprozess in Syrien zu unterstützen?

Sadik J. Al-Azm: Ich denke, es ist bereits zu spät. Man hat zu lange zugelassen, dass sich der Aufstand und die Unterdrückung des Aufstands in Syrien verfestigen konnten. Wir alle wussten, dass hierdurch eine Menge junger Männer und Frauen radikalisiert werden und sie sich dann den Islamisten zuwenden würden. In unserer Gesellschaft ist es üblich, dass man sich in schwierigen Augenblicken oder in Zeiten einer tiefen Krise Gott zuwendet. Wenn die Menschen sich an Gott richten, finden sie Trost und Beständigkeit, es kann sie aber auch zum Dschihadismus, zu Selbstmordattentaten und zu anderen Formen des Extremismus führen. Mit extremen Mitteln versuchen sie, sich dem Extremismus des Unterdrückungsregimes entgegenzustellen. Hoffnung könnte es jetzt nur noch geben, wenn man die Freie Syrische Armee unterstützen würde. Man müsste ihr so helfen, dass sie überleben kann. Diese Armee hat sich bisher nicht radikalisiert, sie ist nicht zu irgendeiner Form des Islamismus gewechselt. Um zum Zustand des frühen bürgerlichen Aufstands zurückzugelangen, ist es inzwischen jedoch zu spät.

Denken Sie, dass militärische Unterstützung geleistet werden sollte?

Ja, unbedingt! Das Regime erhält durch Russland und den Iran jedwede Art der Unterstützung, inklusive Bodentruppen. Die Gruppe der „Freunde Syriens“ spricht zwar immer wieder davon, militärische Hilfe leisten zu wollen, sogar Barack Obama hat darüber gesprochen, dass man mehr Ausbildung und mehr Unterstützung geben müsse, aber niemand hat irgendetwas in die Tat umgesetzt. Es gibt jedoch viele Möglichkeiten, wie man die Freie Syrische Armee und die moderaten Kräfte der Revolution unterstützen könnte. Sie reichen vom Sammeln nachrichtendienstlicher Informationen bis hin zum Versenden geeigneter technischer Waffen, um den russischen Sukhoi-Jets und MIGs entgegenzuwirken. Doch hat die Freie Syrische Armee bisher nur wenig Hilfe erhalten. Wäre sie wirklich unterstützt worden, hätte die Situation in Syrien nicht in einem Wiedererstarken von ISIS und der Errichtung des Kalifats geendet.

Viele Beiträge in dem vorliegenden Buch beklagen, dass sich die Menschen in Syrien von der internationalen Öffentlichkeit alleingelassen fühlen. Auch Sie sprechen in ihrem Essay von einer „Verschwörung des Schweigens“ und von der internationalen Realpolitik, deren Haltung ist: „Lasst Syrien bluten“. Warum haben die internationalen Mächte auf diese passive Weise reagiert?

Oberflächlich betrachtet, meint man, dass die Hisbollah gegen Al-Kaida kämpft und der Iran finanziell und militärisch durch die Unterstützung Syriens ausgelaugt wird. Mit anderen Worten: Die traditionell antiwestlichen Kräfte im Nahen Osten scheinen sich in Syrien gegenseitig zu schwächen oder sogar zu zerstören. Für den Westen ist es fast natürlich zu sagen: „Was geht uns das an?“ Dieses Verhalten ist eine Form der Realpolitik. Kürzlich hat Netanjahu ganz offen in einer Pressekonferenz gesagt: Die beste Position für Israel ist es, dabeizustehen und zuzuschauen, so werden sich die Mächte, die nicht für oder sogar gegen Israel sind, gegenseitig zerstören. In diesem Moment gilt: Lasst das Regime die Revolution und die Revolution das Regime schlagen. Diese Form der Realpolitik hat sich – wie von vielen Seiten vorhergesagt– als kurzsichtig erwiesen.

Die zivile Gesellschaftsbewegung in Syrien orientiert sich an Idealen der westlichen Gesellschaft. Jeder, der an diese Ideale glaubt, ist nun entsetzt, dass die westlichen Mächte so passiv bleiben. Können Sie angesichts dieses Verhaltens selber noch an diese westliche Politik und an diese westlichen Ideale glauben? Sind diese Ideale noch ein ernst zu nehmendes Entwicklungsziel für Ihre Gesellschaft?

Als Syrer kann ich mit Blick auf die Folgen, die jetzt im Irak und in Syrien erkennbar werden, nichts anderes als „Schadenfreude“ im Hinblick auf den Westen und dessen kurzsichtige Realpolitik empfinden. Er hat die Kräfte, die sich für ein bürgerliches Gesellschaftskonzept und für die Menschenrechte eingesetzt haben, rundum verraten und sich in einem Moment abweisend und passiv verhalten, als Passivität schlimmere Folgen erzielte als direktes konkretes Handeln. Obama und die westlichen Regierungen haben sich geweigert, zu handeln und auf die Stimmen zu hören, die vorausgesagt hatten, dass Nichthandeln zu Radikalisierungen führen würde. In Syrien und im Irak sind diese Folgen jetzt Realität: Es gibt mehr radikalen Islamismus, mehr Al-Kaida und deren Ableger sowie mehr religiös motivierten Terrorismus. Das jetzt errichtete Kalifat ist die verdiente Antwort auf diese westliche Realpolitik. Sie ist zynisch und hat tief enttäuscht. Dennoch benötigen unsere Gesellschaften weiterhin demokratische Regelungen, ansonsten drohen Stagnation, Diktatur und allgemeine Religionskriege.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor? Wie würde ein „Worst Case Scenario“ aussehen?

Die schlimmstmögliche Entwicklung wäre, wenn die Situation so bleibt, wie sie ist, und es von westlichen Teilen der Welt für Syrien keinerlei Unterstützung gäbe. Es würde dann vermutlich dazu kommen, dass dschihad- oder talibanartige islamische Bewegungen Syrien dominieren und die Macht ergreifen. Ich habe jedoch die intuitive Vermutung, dass der Westen es sich an irgendeinem Punkt nicht mehr erlauben kann, in Ländern wie Syrien und Irak den talibangeprägten Islam die Macht ergreifen zu lassen. An irgendeinem Punkt werden sie irgendetwas unternehmen, auch wenn es sich um eine direkte Intervention handelt nach der Art, wie Frankreich in Mali oder in Zentralafrika einmarschiert ist. Die Franzosen haben, als sie dies taten, niemanden um Erlaubnis gefragt. Sie fragten weder das Parlament noch den Sicherheitsrat oder die Vereinten Nationen. In Syrien und im Irak wird jeder willkommen sein, der auf diese Weise eine Intervention durchführt, um das schlimmstmögliche Szenario zu verhindern.

Sie haben öfter auch von der Wirkung der „Assabiya“ gesprochen, des „Gemeinschaftsgeistes“, der u. a. die Stammeszugehörigkeiten und die Parteiverbindungen umfasst. Welche Bedeutung hat dieser Gemeinschaftsgeist für die Lösungsfindung in der jetzigen Lage?

Durch die Polarisierung der Gesellschaft, die gegenwärtig in Syrien und im Irak stattfindet, ändert sich das Solidaritätsempfinden mit dem eigenen Stamm, Klan oder mit der eigenen religiösen Gruppe und wirkt nicht mehr als Solidarität, sondern als mörderischer Fanatismus, Chauvinismus und Starrsinn. Das maßgebliche Motto lautet jetzt: Egal, ob falsch oder richtig, auf „Teufel komm raus“ zählt nur meine Religionsgemeinschaft, mein Stamm, mein Klan. Diese Haltung fragmentiert die national geprägten Gesellschaften und Länder wie Syrien und Irak. Religions- und stammesbezogene Einzelgruppen treten an die Stelle von einheitsstiftenden syrischen und irakischen Gemeinschaften, die gerade dabei sind, sich zu entfalten. So verwandelt der jetzt stattfindende Polarisierungsprozess die bestehende soziale Textur der Gesellschaft.

Sind diese Gruppen Teil der militärischen Szene und wirken sie mit ihr gemeinsam einem demokratischen Wandel entgegen?

Ja, dieser gesellschaftliche Trend ist antidemokratisch und strebt die Dominanz in Politik und Gesellschaft an. Er militarisiert und politisiert die natürlichen Unterschiede, die zwischen ethnischen und religiösen Gemeinschaften sowie Stammeszugehörigkeiten bestehen. Als Folge dieses Trends entsteht statt einer nationalen Einheit Streit zwischen den Gruppierungen. Der Streit steigert sich zu einem allgemeinen Bürgerkrieg und zerstört in diesen Gesellschaften jegliches Bemühen um eine demokratische Entwicklung.

Denken Sie, dass Assad und seine Familie heute noch Teil einer langfristigen Lösung in Syrien werden können?

Sie müssen unterscheiden zwischen der Religionsgemeinschaft der Alawiten, der Assad-Familie und den alawitischen Offizieren, die jetzt für die Unterdrückung verantwortlich sind. Der Kompromiss muss mit jenen Alawiten geschlossen werden, die fürchten, dass sie die Macht verlieren werden. Ich denke jedoch nicht, dass die Assad-Familie noch irgendeinen Nutzen für die Zukunft Syriens haben kann. Selbst wenn die Revolution gestoppt wird, ist es undenkbar, dass die Assad-Familie Syrien weiter regieren kann.

In welcher Weise kann Kultur in dieser Lage noch zu einem positiven Wechsel beitragen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass kulturelle Aktionen die Ereignisse im Moment noch unmittelbar verändern können. Der Einfluss und die Wirkung von Kultur erfolgt meiner Ansicht nach nur im historischen Kontext, also auf lange Sicht. Wenn wir zurückschauen auf den Damaszener Frühling und auf solche Werte wie Menschenrechte, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Fortschritt, die der Damaszener Frühling thematisiert hat, kann man erkennen, dass diese Werte ihre Wurzeln in einer langen arabischen Geistestradition haben. Intellektuelle, Poeten, Theaterautoren und Aktivisten – fast alle haben die Notwendigkeit dieser Werte und die Unvermeidlichkeit dieser Ideale gepredigt. Die Werte des Damaszener Frühlings sind nicht in einem Vakuum entstanden, sondern basierten auf einer langen Wertetradition, die die Konzepte der zivilen Gesellschaft, der Demokratie und der Freiheit betont hat.

Entwickelten sich diese Traditionen im Inneren der islamischen Kultur oder kamen sie von außerhalb?

Es gab bereits eine schwache Reformbewegung des Islams, diese erhielt jedoch starken Gegenwind, als das militärische, politische und kulturelle Arabien im Juni-Krieg 1967 durch Israel geschlagen wurde. Das dadurch entstandene Vakuum wurde durch fundamentalistische Strömungen des Islams, die sich modernen Werten und zeitgenössischen Idealen widersetzten, gefüllt.

Der historische Islam war im Gegensatz zum dogmatischen Islam immer variabel genug, um sich an die vielen unterschiedlichen Gesellschaftsformen anzupassen, egal ob es sich dabei um eine Stammesgesellschaft, eine imperiale, feudale oder eine kapitalistische Gesellschaftsform handelte. Dieser Anpassungsprozess entstand durch eine von innen und außen initiierte Islamkritik und -revision. Der dogmatische Islam, wie er im Talibanismus besteht, hat sich solch einem Anpassungsprozess immer widersetzt. Westliche Ideale stehen jedoch nicht im Widerspruch zur islamischen Tradition Syriens, sondern würden lediglich zur Modernisierung des Landes beitragen. Der Islam ist grundsätzlich in der Lage, sich anzupassen.

1 Sadik J. Al-Azm: Syria in Revolt: http://scpss.org/en/?p=1821

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

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Schwerpunkt Syrien

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erstellt am 14.12.2016

Sadik J. Al-Azm. Foto: © Larissa Bender
Sadik J. Al-Azm. Foto: © Larissa Bender
Zur Person

Sadik J. Al-Azm

Sadik J. Al-Azm (1934-2016), lehrte Philosophie in Yale, Beirut und Damaskus. Er war emeritierter Professor für Geschichte der modernen Philosophie an der Universität von Damaskus und Gastprofessor für Zeitgenössisches Arabisches Denken an zahlreichen Universitäten weltweit. Er wurde mit vielen Preisen geehrt. Insbesondere seine Werke aus den 1960er Jahren („Die Selbstkritik nach der Niederlage“ und „Kritik des religiösen Denkens“) wurden in der arabischen Welt mit großer Anerkennung, aber auch mit viel Kritik aufgenommen. Seit Beginn der Aufstände in der arabischen Welt hat Sadik J. Al-Azm sich immer wieder zu den Entwicklungen insbesondere in Syrien geäußert.

Larissa Bender (Hg.)
Innenansichten aus Syrien
Broschiert, 296 Seiten, mit Abbildungen
ISBN: 978-3-9815893-7-5
Edition Faust, Frankfurt am Main 2014

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