Erinnerung an Wolfgang Deichsel

Der Frankenstein-Deichsel

Wolfgang Deichsel hat wie kein anderer Autor in den vergangenen 40 Jahren das Theaterleben in Frankfurt geprägt. In den letzten Jahren allerdings wurde er hier aufgrund der äußerst erfolgreichen Aufführungen im Rahmen von „Barock am Main“ im Bolongarogarten nur noch mit seinen Molière-Bearbeitungen als „hessischer Molière“ wahrgenommen. Das war und ist gewiß eine Ehrenbezeichnung. Abgesehen davon, daß ich Michael Quast und seiner Fliegenden Volksbühne natürlich keine Konkurrenz machen kann, ich wäre sicherlich – wenn ich jetzt zumindest ein bißchen hessisch könnte – verführt, Ihnen wenigstens ein oder zwei der wunderbaren, treffenden, weil leicht paradoxen, und eben deshalb abgründigen Sätze aus seinem Tartüff oder seinem Menschenfeind oder aus Der Schule der Frauen zu zitieren. Aber nicht nur weil ich dieses spezifische Idiom nicht beherrsche, möchte ich Sie an einen ganz anderen Deichsel erinnern, sondern auch weil ich mit Wolfgang Deichsel ein Werk verbinde, das ebenso scharfsinnig ist, dabei aber weit weniger gemütlich lustig, nämlich Frankenstein. Aus dem Leben der Angestellten. Obwohl dieses Stück bei den Theaterleuten etwas in Vergessenheit geraten ist, ist es immer noch höchst aktuell, und zwar inhaltlich wie formal.

Wolfgang Deichsel setzte sich über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren mit dem Thema „Frankenstein“ auseinander. In dieser Zeit entstanden insgesamt sechs Frankenstein-Stücke. Alle erzählen auf unterschiedliche Weise von Angst und Fremdbestimmung, von dem hoffnungslosen Versuch Ordnung zu machen, einen Sinn zu finden. Ihr Witz kommt aus einem Grauen, daß einem das Lachen nicht mehr so recht gelingen will.

Wolfgang Deichsel wurde im März 1939 in Wiesbaden geboren, er wuchs im Krieg auf. Kein Wunder möchte man sagen, daß er uns die Welt als eine zersplitterte beschreibt, in der keine großen sinnvollen Handlungsbögen mit einem Anfang und einem sich folgerichtig entwickelnden Ende mehr existieren. Deichsel definiert dann auch seinen zentralen Frankenstein-Text nicht als Schauspiel oder Komödie im Untertitel, sondern lapidar: „Aus dem Leben der Angestellten“, wobei die Bezeichnung „Aus dem Leben der Angestellten“ der Metapher für Fremdbestimmung „Frankenstein“ nicht untergeordnet ist, sondern gleichberechtigt neben ihr steht.

In einem Konvolut von knapp 100 Szenen werden wir mit der Welt der kleinen Leute, der Angestellten, Polizisten und Kriminalkommissare, der Verkäufer und Bankangestellten konfrontiert, die in Unordnung geraten ist. Wie die Szenen zusammenzusetzen sind, in welcher Reihenfolge mit welchen Zwischenstücken, ob Wiederholungen oder nicht, diese Frage nach der Ordnung muß jede Inszenierung neu beantworten. Deichsel stellt sie explizit den jeweiligen Regisseuren anheim. Lediglich die Reihenfolge der Szenen mit Kommissar Lape darf nicht verändert werden. Er ist die einzige durchgehende Figur. Kommissar Lape ermittelt, versucht Licht ins Dunkel zu bringen. Aber wer ist verdächtig? Und warum? Die Indizien, die er gesammelt hat, das Telefon, der Hutkoffer, die Dachantenne, das anatomische Gehirnmodell, die Frisierhaube, der Sturzhelm, die Bestrahlungslampe, die Axt und das Fernsehgerät geben keine Auskunft darüber, was hinter ihnen steckt. Die Puzzleteile lassen sich nicht mehr zu einem sinnvollen Bild zusammensetzen, die Intrige wird nicht aufgedeckt, die Handlung bezieht ihre Spannung nicht aus der Frage: wer wars? Wolfgang Deichsel hat bewußt die Form der Splitter, der kurzen Einblicke, der die Pointe verweigernden Sketche, der Fragmente gewählt. Sie ist Ausdruck für die aus den Fugen geratene Welt. In einem Gespräch mit Horst Laube sagte er: „Ein Konflikt auf der Höhe der Zeit darf in einem Stück nicht lösbar sein.“ – Alles andere wäre auch naiv oder falsch.

Um die zentrale Bedeutung des gesamten Frankenstein-Komplexes für das Werk Wolfgang Deichsels deutlich zu machen, möchte ich die Zeit seiner Beschäftigung mit diesem Stoff kurz skizzieren.
Erste Entwürfe für sein erstes Frankenstein Stück, Frankensteins Braut entstehen bereits während seines Studiums in Wien 1961, nachdem Deichsel im Kino den berühmten Frankenstein-Film von James Whale gesehen hat. Fertig wird das Stück 1962 in Marburg, wo Wolfgang Deichsel sein Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie fortsetzt. 1965 bricht er sein Studium ab, geht nach Berlin und arbeitet weiter an seinem Frankenstein. In der Werkausgabe seiner Stücke, die, herausgegeben von Karlheinz Braun, im Verlag der Autoren erschienen ist, heißt es: „Deichsel denkt von Anfang an den Stoff in zwei Richtungen: einerseits Frankenstein als Metapher für ein dezidiert sozialkritisches Theater, andererseits als Material für trivial-romantische Horrorstücke in der Nachfolge von Shelley und Whale.“ Nach Frankensteins Braut entstehen in Berlin 70 Szenen, die dem ersten Strang, dem Entwurf eines sozialkritischen Theaters zuzurechnen sind. 1969 wird Deichsel von Peter Löffler als Hausautor ans Zürcher Schauspielhaus engagiert, wo dann 1970 in der Regie von Peter Stein 14 Szenen von eben diesem Frankenstein, unter dem Titel Frankenstein. Aus dem Leben der Angestellten uraufgeführt werden. Dramaturg ist Klaus Völker, der im Programmheft schreibt: „Das Stück Frankenstein will also den Androiden als Metapher einführen, ihn als verwechselbar mit dem heutigen Menschen zeigen. Die merkwürdigen Verhaltensweisen, denen wir hier gegenüberstehen, sollen den Zuschauer aufmerksam machen auf gesellschaftliche Prozesse, auf Beeinflussungen und Manipulationen, denen der Mensch ausgesetzt ist und die ihn in seinen Handlungen und seinem Verhalten prägen.“ Die Intendanz von Peter Löffler in Zürich dauert nur ein Jahr, die junge Mannschaft fliegt auseinander. Wolfgang Deichsel landet in Frankfurt, wo er zusammen mit dem Dramaturgen Wolfgang Wiens die Leitung des TaT übernimmt. Dort schreibt er in kürzester Zeit einen nächsten, dieses Mal „romantischen“ Frankenstein, den sogenannten experimenta-Frankenstein. Über die Uraufführung schrieb der Kritiker Botho Strauß in der Frankfurter Rundschau vom 1.6.1971: „Wolfgang Deichsel hat das zentrale Horrorerlebnis seines Stücks in den Spekulationen und Experimenten der neueren Humanbiologie gefunden: der Horror, daß man aus dem Proteinkern einer einzigen lebenden menschlichen Zelle einen kompletten neuen Menschen züchten und gleichzeitig genetisch programmieren kann. (…) Um die Politisierung einer bewußten Schreckenserfahrung, ist es Deichsel wohl zu tun.“

Nur drei Monate später folgt dann am TaT die zweite Inszenierung von Frankenstein. Aus dem Leben der Angestellten, dieses Mal werden insgesamt 22 Szenen gespielt. Günter Rühle berichtete darüber in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. 11. 1971: „…Eine Revue der Unmenschlichkeiten. Besser gesagt: der kleinen Unmenschen, der kleinen entmenschten Menschen, Ein Mensch verschluckt sich, weil ein anderer ihn beobachtete, ein Vater wehrt die Fragen seines Jungen ab, weil ihn der Fernsehapparat beherrscht, einer bringt einen anderen zum Polizisten, weil er bei Rot über die Straße ging. Kurze Schlaglichter auf Situationen der Fremdbestimmung, der Aufhebung natürlicher Reaktionen durch Instrumente, Regeln, Kontrolleure. Deichsels Szenen machen den Infratest auf die Frage: Wie menschlich sind wir noch?“

1972 erscheint im Wagenbach Verlag die 1. Buchausgabe von Deichsels Frankenstein. Aus dem Leben der Angestellten mit insgesamt 50 Szenen. 1979 eine zweite Auflage mit weiteren 7 zusätzlichen Szenen.
1980 kommt eine Aufführung des Frankenstein am Schauspiel Frankfurt, hier im Kammerspiel, wie es damals hieß, heraus. In einem Gespräch mit Horst Laube beschreibt Wolfgang Deichsel seine Intentionen bei der Inszenierung 1971 am TaT und was sich nun, fast 10 Jahre später, geändert hat:
„Wir wollten mit Ulk und Horror verständlich sein. So war es dem Zufall überlassen, ob wenigstens ein Zuschauer das Vergnügen am erklärt Unklaren empfand, was mich zur Herstellung der Texte angeregt hatte. (…) Ich versuche nun, dem Spiel mit dem kalkulierten Dunkel wieder mehr Raum zu schaffen. Die Absicht war, nicht nur über Wahnsinnige, die sich als leblos, zerstückelt, neu zusammengesetzt und ferngelenkt empfinden, zu reden, sondern diesen Wahn durch Verwirrung des Intellekts im Hirn des Zuschauers, der sich darauf einlassen will, zeitweilig zu erzeugen. (…) Denkbar, daß für die Bühne eine geschlossene Dramaturgie, in der im Widerstreit von Verbergen und Entlarven aus ein Geheimnis schließlich enträtselt wird, wirksamer wäre. Doch wollte ich die offene Dramaturgie erhalten, in der wie bei Gängen durch fremde Städte, immer neue Figuren in neuen Situationen erfaßt werden müssen, da sie der Wahrnehmungsform der Figuren entspricht.“
Und für die Inszenierung am Bayerischen Staatsschauspiel 1981 in der Regie von Ruth Drexel schließlich, schreibt Deichsel weitere Szenen, 18 Telefonate als Verbindungselemente zwischen den Szenen.

Nun folgt eine relativ lange Frankenstein-Pause, in der Wolfgang Deichsel 1985 von Günter Rühle an die Städtischen Bühnen engagiert wird, und zwar als Schauspieler, Regisseur und Hausautor. Wolfgang Deichsel schreibt für Schauspiel Frankfurt Midas. Nachtstücke. Es sind gut zwei Dutzend Sketche und szenische Cartoons, die von der Vergeblichkeit und Absurdität kleinbürgerlicher Sehnsüchte handeln, von Menschen, die vor lauter Wunschträumen vergessen haben zu leben. Und ganz besonders wichtig: Deichsel lernt Michael Quast kennen, der ebenfalls dem Ensemble angehört.
Und dann nach einer langen, fast 20-jährigen Pause kommt das letzte der Frankenstein Stücke Rott. Das Monster im Verhör. Wolfgang Deichsel schreibt es Michael Quast auf den Leib. Es wird im Sommer 1999 in Weimar im Rahmen eines ganzen Frankenstein-Festivals uraufgeführt. Die Figur Rott tauchte das erste Mal in einer der Szenen Aus dem Leben der Angestellten auf. Die Szene heißt „Auch einer von denen“. Hier wird Rott von einem Bekannten begrüßt mit der Frage: Rott, geben Sies doch zu! Sie sind doch auch einer von denen? Rott: was ist los? – Sie sind doch auch einer von denen! Rott: Was denn? Was denn? – Ich sage, daß Sie auch einer von denen sind. Rott: Was soll denn sein, Schrader? Ich hab doch nichts gemacht! – Sehen Sie! Rott ängstlich: Von denen! Von denen! Von wem denn? – Sehen Sie! Typisch. – Ende der Szene. Und hier setzt das Stück Rott an. Die Titelfigur Heinz Rott weiß nicht, wer er ist. Er ist eine Persönlichkeit, die aus vielen Facetten besteht, und die sich auf alles einstellen kann, ohne faßbar zu sein. Ein Monster eben.

Das Kernstück des Deichselschen Frankenstein-Systems Frankenstein. Aus dem Leben der Angestellten wurde seit seiner Uraufführung 1970 von 37 Bühnen nachgespielt. Zuletzt 2004 vom Badischen Staatstheater in Karlsruhe und 2005 von der Theaterhochschule in Malmö.

Und Wolfgang Deichsel? Wer war er? Er lebte für das Theater. Die Unterscheidung beruflich und/oder persönlich-privat existierte für ihn nicht. Das Theater war seine Familie. Seine Lebensgefährtin Ilse Träbing war auch die Bühnenbildnerin seiner Stücke. Gleichzeitig bedeutete Schreiben für den Perfektionisten Deichsel, im Erfassen der Welt Ordnung herzustellen. Und weil das so schwierig war, brauchte er dazu wiederum einen zumindest sorgsam geordneten Schreibtisch. Die zersplitterte Welt in einem Stück zusammenzufügen wurde für ihn immer schwieriger, und etliche Stückprojekte fielen diesem Drang nach Perfektion zum Opfer, wurden einfach nie fertig. Allerdings gibt es, wie ich gehört habe, einen umfangreichen Nachlaß mit vielen, vielen Szenen, Fragmenten und vielleicht sogar ganzen Stücken. Die Schatztruhen müssen noch geöffnet werden.

Im Gegensatz zu den Bearbeitungen und Fassungen, der Stücke nach Molière und Labiche, ist es Wolfgang Deichsel in seinen Frankenstein-Stücken, und besonders in den Szenen aus dem Leben der Angestellten gelungen, einen ganz eigenständigen wie hellsichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Dramenliteratur zu leisten. In seiner Kunst, unseren Alltag in knappen Szenen zu verdichten, in seinem Versuch den Realismus auch in die Form zu übertragen, spiegelt sich die Unübersichtlichkeit unserer Welt. Das Kaleidoskop seiner Dramaturgie wirkt wie ein Brennglas; es verstärkt diese Unübersichtlichkeit und macht sie gerade dadurch rezipierbar. Daß die offene Dramaturgie es möglicherweise schwer hat, sich auf den deutschen Bühnen zu behaupten, war Wolfgang Deichsel natürlich bewußt. Selbst in Frankfurt ist dieser Frankenstein-Deichsel heute nicht mehr präsent, sondern der hessische Molière. Dabei ist in Zeiten von Finanzkrisen und Umweltkatastrophen sein Frankenstein. Aus dem Leben der Angestellten aktueller denn je.

Rede, gehalten anlässlich der Gedenkfeier für Wolfgang Deichsel im Kleinen Haus des Schauspiel Frankfurt.

erstellt am 01.5.2011

Wolfgang Deichsel mit Michael Quast

Wolfgang Deichsel mit Michael Quast,
Foto: Fliegende Volksbühne Frankfurt Rhein-Main e.V.
Barock am Main

Ein kurzes Stück von Wolfgang Deichsel
lesen Sie hier:
Wolfgang Deichsel, Selbstbedienung