Die Bayerische Staatsoper zeigt Dmitrij Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Die Regie führt Harry Kupfer. In der Titelrolle brilliert Anja Kampe. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Kirill Petrenko bewegt sich bei Schostakowitsch in seinem Element. Zudem berichtet Thomas Rothschild über eine Inszenierung von Pier Paolo Pasolinis „Schweinestall“ im Münchener Residenztheater.

Oper und Theater in München

Grausamkeiten aus zwei Jahrhunderten

Fangen wir mit einem Namen an, der gemeinhin in Opernkritiken nicht genannt wird, mit dem Namen des Lichtregisseurs, den man neuerdings auch gelegentlich als Lichtdesigner bezeichnet. Jürgen Hoffmann ist einer der Besten seines Fachs. Wie er in der Münchner „Lady Macbeth von Mzensk“ die Chöre ins Halbdunkel taucht und die Gesichter der Solisten differenziert hervorhebt, als wolle er die Partitur visualisieren, ist schon die halbe Miete. Dass die Lichtregie kaum je erwähnt wird, hat einen Grund: Sie soll in der Regel ebenso wenig auffallen wie die Musik im Film, trägt aber ebenso wie diese ganz wesentlich zur Wirkung bei.

Das weiß wohl auch Hans Schavernoch, der wieder einmal ein faszinierendes Bühnenbild entworfen hat. Im Vordergrund sieht man die für die Handlung unverzichtbare Kammer der Katerina Ismailowa, einen schäbigen, über eine steile Treppe erreichbaren Verschlag, der sich auf- und abwärts bewegen lässt. Im Hintergrund aber erkennt man eine ausrangierte Fabrikhalle. Entsprechend ist Katerinas Schwiegervater Boris im Kostüm von Yan Tax kein ungehobelter russischer Kaufmann mit Pelzmütze und Schuba, sondern ein bürgerlicher Industrieller, der eher durch sein Verhalten als durch seine Kleidung auf die Epoche der literarischen Vorlage von Nikolaj Leskow verweist.

Nach der Pause, im Dritten Akt, wird die Bühne hell ausgeleuchtet, und die Halle öffnet sich nach hinten. Ein Steg führt ins Nichts und deutet auf das wieder verdunkelte Ende voraus, in dem Katerina ihre Rivalin Sonjetka in einen Fluss stößt, ehe sie sich selbst hinein stürzt. Bei Schavernoch sieht der Fluss eher wie ein Meer unter schweren Wolken aus.

Die Regie führt Harry Kupfer, mittlerweile 81 Jahre alt und einer der letzten „Schüler“ von Walter Felsenstein. Er scheint geradezu demonstrativ beweisen zu wollen, dass das realistische, den Text nicht weniger als die Partitur ernst nehmende Musiktheater nach wie vor funktioniert, dass Gegenwartsrelevanz nicht Geschichtsvergessenheit bedeutet. Interessant an „Lady Macbeth von Mzensk“ ist ja nicht, dass eine Frau bedingungslos um Selbstbestimmung und ihr Lebensglück kämpft – das wäre beim Stand der Dinge banal –, sondern dass sie das in einer zurückgebliebenen Gesellschaft, lange vor dem Entstehen einer Frauenbewegung, auf sich allein gestellt, tut. So sehr Harry Kupfer – wie zu Lebzeiten die etwas ältere Ruth Berghaus, wie heute noch der jüngere Peter Konwitschny – in historischen und politischen Kategorien denkt, so sehr gelingt ihm, wie auch den Genannten, die Umsetzung musikalischer Modelle in Bewegung und szenische Aktion, exemplarisch, wenn er das Tänzerische der musikalischen Zwischenspiele auf der Bühne aufnimmt. Das geht nicht auf Kosten der Details. Wenn Katerina am Ende des Zweiten Akts zu ihrem Geliebten Sergej sagt: „Jetzt bist du mein Ehemann“, schaut der in Harry Kupfers Regie Katerina überrascht an, wendet sich ab, lächelt, zündet sich eine Zigarette an. Sein Spiel verrät mehr als der Text.

Kirill Petrenko in seinem Element

Apropos Text: Die Übersetzung in den Übertiteln und im Programmbuch, in dem auch das russische Original in lateinischer Transkription (!) abgedruckt ist, kann nicht immer befriedigen. Das Verb „skučat‘“, mit dem sich Katerina und Sergej gegenseitig ihres Zustands versichern, ist mit „sich langweilen“ nur unzulänglich wiedergegeben, und „gor‘ko“, mit dem man einem Hochzeitspaar zutrinkt, entspricht zwar sinngemäß der Aufforderung „küsst euch“, aber die wörtliche Bedeutung „bitter“, die im gegebenen Kontext essentiell ist, geht verloren.

„Lady Macbeth von Mzensk“ ist eine Oper und nicht, wie Alexander Ostrowskijs fünf Jahre vor Leskows Erzählung entstandenes thematisch verwandtes „Gewitter“, das wiederum Leoš Janáčeks „Katja Kabanowa“ zugrunde liegt, ein Schauspiel. Und die Musik von Dmitrij Schostakowitsch gehört zu den dramatischsten Opernkompositionen des 20. Jahrhunderts. Sie verfehlt ihre Wirkung nicht, ist auch für ein „naives“ Musikverständnis zugänglich, ohne faule Kompromisse zu schließen. Der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und künftige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko, der zwar mit 18 Jahren seine Heimat verlassen hat, aber der russischen Musik weiterhin verbunden blieb, bewegt sich bei Schostakowitsch in seinem Element und holt aus dem Staatsorchester all die Klangfarben, die dynamischen Differenzierungen, die Crescendi heraus, an denen das Werk des damals noch blutjungen Komponisten so reich ist. Dabei lässt ihn das zu einem großen Teil russische Sängerensemble, allen voran Anatolij Kotscherga als Boris Ismailow, nicht im Stich. In der Titelrolle jedoch brilliert die Deutsche Anja Kampe, deren Intonationssicherheit und vokale Power nicht einen Augenblick lang nachlassen. Diese Katerina Ismailowa bestätigt gesanglich, was die Geschichte vorgibt: die Kraft und die Entschlossenheit einer Frau, die durch die gesellschaftlichen Umstände dennoch ein Opfer bleibt.

Es ist bekannt und gehört zu den Versatzstücken der Geschichte des Stalinismus, dass Stalin 1936, zwei Jahre nach der Leningrader Uraufführung, eine Vorstellung der „Lady Macbeth von Mzensk“ besucht und nach dem Dritten Akt kommentarlos verlassen hat. Über die Gründe rätseln nicht nur die Schostakowitsch-Biographen bis heute, und sie beziehen sich dabei auf einen kurz nach dem Vorfall in der „Prawda“ erschienenen anonymen Artikel, der für die Oper und ihren Komponisten katastrophale Folgen hatte. Lag Stalins Reaktion wirklich an der Musik? Könnte es nicht jene satirische Szene auf der Polizeistation gewesen sein, in der die Polizisten als dumm und bestechlich charakterisiert werden, was dem Diktator missfallen hat? Bei Harry Kupfer bewegen sich die Polizisten, Zeitung lesend, auf rollenden Bürostühlen über die Bühne, Ordnungshüter und Bürokraten kafkaesken Zuschnitts zugleich. Da steckt mehr Gogol drin als Sozialistischer Realismus, der bekanntlich 1932 zur Doktrin erhoben worden war.

Ein Meilenstein der Filmgeschichte

Nur wenige Schritte von der Bayerischen Staatsoper entfernt, im Marstall, der zweiten Bühne des Residenztheaters, wird man von den Grausamkeiten des 19. Jahrhunderts in jene des 20. Jahrhunderts versetzt. Hier hat der kroatische Regisseur Ivica Buljan Pier Paolo Pasolinis „Schweinestall“ („Porcile“) inszeniert. Pasolini selbst hat aus dem Stoff 1969 einen Film gemacht, der einen Meilenstein der Filmgeschichte darstellt. In diesem Film, der den Italiener in eine Riege mit solchen intellektuellen Filmemachern wie Godard, Resnais oder Rivette einreiht, ist der im Westdeutschland der sechziger Jahre spielende Handlungsstrang nur lose mit einem zweiten Strang verknüpft, der einen mittelalterlichen Kannibalen durch eine öde Wüstenlandschaft streifen und sich in atavistische Kämpfe verwickeln lässt. Dieser Strang fällt auf der Bühne – notwendig? – weg. Aber Buljan entscheidet sich zudem für Hektik, permanente Bewegung und dann wieder für Zeitdehnungen, wo Pasolini auf strenge Stilisierung achtete. Das bekommt dem Stück ebenso wenig wie die Überfrachtung des ohnedies schon gedankenreichen Textes mit zusätzlichem Material. Der politische Kern – die Wiedergeburt der alten Nazis und deren fatale Auswirkung auf die folgende Generation – wird so im doppelten Wortsinn verspielt. Auch die assoziative Verwendung von Songs trägt nicht wirklich zur Problematik bei, erscheint vielmehr als Zugeständnis an eine grassierende Mode. Bleiben die hervorragenden Schauspieler, allen voran Sibylle Canonica als Spinoza, denen man gerne zuhört und -sieht und die ergänzt werden durch drei veritable Schweine, die sich den Eindringlingen in ihrem Gatter ganz respektlos nähern.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 03.12.2016

Szenenfoto Lady Macbeth von Mzensk, Bayerische Staatsoper: Wilfried Hösl

Oper in vier Akten und neun Bildern

Lady Macbeth von Mzensk

Komponist Dmitri D. Schostakowitsch
Libretto von Alexander G. Preis und vom Komponisten nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolaj S. Leskow

In russischer Sprache mit deutschen Untertiteln

Musikalische Leitung Kirill Petrenko
Inszenierung Harry Kupfer
Bühne Hans Schavernoch

Bayerische Staatsoper

Szenenfoto Lady Macbeth von Mzensk, Bayerische Staatsoper: Wilfried Hösl

Szenenfoto Der Schweinestall, Residenztheater: Matthias Horn

Theater

Der Schweinestall

Von Pier Paolo Pasolini
Deutsch von Heinz Riedt

Regie Ivica Buljan
Mitarbeit Regie Robert Waltl
Bühne Aleksandar Denić

Philip Dechamps Julian
Genija Rykova Ida
Götz Schulte Vater Klotz

Residenztheater