Jürgen Habermas ist sicher der bekannteste der lebenden deutschen Philosophen und Soziologen. Viele seiner Begriffe und Thesen sind in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen, ohne dass uns das bewusst wurde. Dass kommunikatives Handeln etwa eine starke Ich-Identität voraussetzt, war auch Otto A. Böhmer klar, – bis er den Denker auf einer Abendgesellschaft sah.

Der Philosoph Jürgen Habermas

Sancho Pansa und Prometheus

Der Philosoph Jürgen Habermas war anlässlich einer ihm kurz zuvor angehefteten größeren Auszeichnung in den Amtssitz des Landtagspräsidenten gebeten worden, wo man ihm zu Ehren mit einer kleinen, aber feinen Abendgesellschaft aufwarten wollte. Der Philosoph, dem Veranstaltungen dieser Art eher lästig waren, hatte seinen Verleger gebeten, ihn zu begleiten. Dieser, ein erfahrener Party-Löwe, verstand es vorzüglich, die Gespräche an sich zu ziehen und dem Philosophen lästige Frage- und Bittsteller vom Leibe zu halten. In der Villa des Landtagspräsidenten, dem die Aufgabe oblag, den Ministerpräsidenten zu vertreten, der sich zu einem Staatsbesuch in Obervolta aufhielt, wurden sie von einigen Herren des gehobenen Dienstes in Empfang genommen und zur Festtafel geleitet, an der schon andere wichtige Menschen, die es als Ehre empfanden, geladen zu sein, Platz genommen hatten. Endlich erschien auch – mit gerötetem Gesicht und leicht schwankendem Gang – der Landtagspräsident.

„Er wirkt derangiert“, flüsterte der Verleger dem neben ihm sitzenden Philosophen zu. „Hoffentlich geht da nichts schief.“ Der Landtagspräsident suchte nun offensichtlich nach dem Manuskript seiner Tischrede. Als er dieses nicht fand, stieß er, zur Verblüffung der anwesenden Gäste, einen kurzen, aber scharfen Pfiff aus, worauf sich einer seiner Referenten in den Nebenraum begab und alsbald mit einem Manuskript zurückkam, das er seinem Dienstherrn flüsternd überreichte. Der Landtagspräsident räusperte sich und begann dann mit seiner Ansprache. „Meine sehr verehrten Damen und Herren“, rief er, und es war unschwer festzustellen, dass er zuvor wohl schon den einen oder anderen Aperitif zu sich genommen hatte, denn seine Aussprache war vergleichsweise knödelig und keineswegs von gewohnter Präzision. „Meine Damen und Herren“, sagte er jetzt noch einmal leiser und schien sich einen innerlichen Ruck zu geben. „Ich freue mich, Octavio Paz als Träger des diesjährigen Friedenspreises des deutschen Buchhandels in unserem kleinen Kreise begrüßen zu dürfen – und ich bin froh, Sie, Herr Paz, an der Seite Ihres deutschen Verlegers zu sehen, der – das ist bekannt – gerade Ihr literarisches Werk von Anfang an mit großem Engagement, mit Zustimmung und nicht unerheblichen verlegerischen Anstrengungen begleitet hat …“

Habermas lächelte: Das kann ja durchaus heiter werden, dachte er. Seinem Verleger allerdings war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen, und er umklammerte mit beiden Händen das vor ihm stehende Glas. Der Landtagspräsident leckte sich die Lippen; er schien Durst zu haben. Derselbe Adlatus, der ihm das Manuskript zugesteckt hatte, reichte ihm ein großes Glas Wein, das der Parlamentschef in einem Zug leerte. Danach schien es ihm besser zu gehen, und er fuhr fort: „Die Literatur, meine Damen und Herren, erzielt ihre Wirkung nicht auf dem Markt der öffentlichen Meinungen, sie arbeitet, und das ist gut so, eher im verborgenen – sie setzt uns zu, sogar im stillen Kämmerlein, das auf einmal, wenn das Nachdenken greift, gar nicht mehr so still bleibt und sich mit Leben füllt, vielleicht jenem ganz anderen Leben, dem die Politik bislang noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt hat. – ‚Dichtung ist Erkenntnis, Rettung, Macht, Verlassenheit‘, haben Sie, verehrter Octavio Paz, einmal gesagt. ‚Als ein Verfahren, das die Welt zu ändern vermag‘, so schrieben Sie weiter, ‚ist die dichterische Tätigkeit ihrem Wesen nach revolutionär; als geistige Übung ist sie eine Methode zur inneren Befreiung …‘ Die Dichtkunst, meine Damen und Herren, bringt die innere und die äußere Existenzweise des Menschen zusammen – zwanglos, durch die Macht des Wortes, durch die Überzeugungskraft der dichterischen Sprache. So gesehen, ermöglicht uns die Literatur auch einen anderen Blick auf die eigene Geschichte. Sie, Octavio Paz“ – der Landtagspräsident wurde nun zusehends kühner, schaute von seinem Manuskript auf und den Philosophen Habermas an, der ihm freundlich zulächelte –, „Sie haben einmal gesagt: ‚Geschichte ist eine unbeschriebene Gegenwart, ein verschwommenes Antlitz. Der Dichter muss diesem Gesicht wieder menschliche Züge verleihen!‘ – Nicht nur der Dichter, möchte ich hinzufügen; auch der Politiker, der sich nicht verschließen darf vor dem, was andere ihm zu sagen haben. Wenn es stimmt, dass der heutige Mensch eine ‚Mischung von Sancho Pansa und Prometheus ist‘ – ich kann dieser Feststellung von Ihnen, Octavio Paz, nur zustimmen – und es, wie Sie schreiben, ‚immer mehr Dinge und weniger Sein‘ gibt, dann sind wir alle aufgerufen, uns auf das Wesentliche zurückzubesinnen. Wir können den Blick, meine ich, wieder freibekommen, den Blick auf das Wesentliche, und die Literatur trägt mit dazu bei, uns die Augen zu öffnen. – Mag sein, dass wir erst dann vernehmen, was die Landschaften des Menschen wirklich zum Reden bringt. Dieses ist unsere Hoffnung, die Sie, verehrter Herr Paz, in Ihrem Gedicht ‚Jenseits der Liebe‘ so ausgedrückt haben: ‚Jenseits von uns / an den Grenzen von Sein und Dasein / fordert ein Leben uns / das mehr als Leben ist …‘ Lassen Sie mich schließen, meine Damen und Herren – ich sehe die Erleichterung in Ihrem Gesicht –, mit einem Zitat des bekannten Philosophen Jürgen Habermas: ‚Die gelungene Ich-Identität bedeutet jene eigentümliche Fähigkeit sprach- und handlungsfähiger Subjekte, auch noch in tiefgreifenden Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur, mit denen sie auf widersprüchliche Situationen antwortet, mit sich identisch zu bleiben …‘ – Bleiben wir mit uns identisch, meine Damen und Herren, und schüren wir unsere Neugier auf das Neue! Ich danke Ihnen.“ Der Landtagspräsident ließ sich erleichtert auf seinen Stuhl plumpsen, und man klatschte höflich Beifall.

„Zeigen Sie Haltung, mein Lieber“, flüsterte Habermas dem Verleger zu, der mittlerweile aussah wie einer, der ausgezogen war, gewalttätig zu werden. „Selten bin ich gewinnträchtiger über mich selbst belehrt worden. In Veranstaltungen wie dieser wächst das Pfund, mit dem wir wuchern dürfen …“

Kommentare


dieter kaufmann - ( 08-12-2016 10:43:04 )
toll.

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erstellt am 02.12.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Der Philosoph Jürgen Habermas
Der Philosoph Jürgen Habermas