Kapitel 6 aus

Falscher Frühling

Von Sascha Reh

Sie kam eben von der Toilette zurück, als das Essen gebracht wurde; inzwischen hatte sich das Restaurant etwa zur Hälfte gefüllt. Hatte sie sich so lange die Hände gewaschen? Wenn ja, aus welchem Grund? Sie hatte sich lange auf diesen Abend gefreut, war wieder und wieder verschiedene Szenarien durchgegangen, wie er verlaufen könnte. Sie mochte Philipp.
Es war angenehm, in seiner Gesellschaft zu sein, er war ein vollendeter, professioneller Gesprächspartner. Es gab nie einen Hänger, erst recht keine extremen Spitzen oder Ausfälle; er wusste, wie man es anstellte, eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen. Er fragte sie nach ihrem Leben, hörte aufmerksam zu, erzählte nur von sich, wenn es passte, und auch dann nur in Maßen, so als dürfe man die Wörter nicht leichtfertig verschwenden.
Lothar hatte nie Fragen gestellt, und wenn, dann nur grundsätzliche. Nicht: Wie geht es dir heute, sondern: Wie kommt es, dass es dir immer gut geht und mir immer schlecht? Er hatte geredet und geredet und darauf gewartet, dass sie sich an seinen Worten festhielt und mitreißen ließ. Wenn sie miteinander stritten, sprach sie leise, während er herumschrie und beleidigend wurde. Je sachlicher sie argumentierte, desto wilder schlug er um sich. Es war seltsam, dass sie nie Angst vor ihm gehabt hatte. Respekt ja, auch Achtung, aber keine Angst. Dabei hatte sie vor vielem Angst. Zum Beispiel davor, sich in einem Restaurant darüber zu beschweren, dass das Essen nicht heiß ist.
»Das musst du aber sagen«, sagte Philipp.
»Gleich. Wenn der Kellner kommt.«
Sie schnitt ihr Fleisch, setzte ihr tapferstes Lächeln auf und begann mit dem Essen. Im Hintergrund fi edelte eine Geige; plötzlich war ihr alles peinlich. Sie versuchte, das Gefühl abzuschütteln, es passte jetzt ganz und gar nicht hierher. Sie schüttelte auch wirklich den Kopf, und Philipp sagte: »Geht es nicht?«
Sie schnitt demonstrativ ein großes Stück von ihrem Lammcarrée ab und stippte es in die Sauce. Sie hatte keinen Hunger.
»Das Fleisch ist toll. Willst du mal?«
»Nein, ich bin …«
»Ach ja, immer noch Mohammedaner?«
Er stockte einen Augenblick, anstatt, wie er eigentlich
sollte, nachsichtig zu lachen. Sie biss sich auf die Lippe: Schon
wieder schief gegangen. Er lächelte gequält.
»Genau.«
Sein Carpaccio vom Frühlingsgemüse sah besser aus als ihr Kotelett, sie fühlte jeden Bissen kalt und hart in ihren Magen fallen. Als das Klappern des Bestecks und die Geräusche, die ihre Kiefer beim Kauen machten, unerträglich wurden, wollte sie sich entschuldigen, egal wofür, Hauptsache, etwas sagen, da sagte Philipp:
»Bist du mit dem Wagen gekommen?«
»Ja, mit dem Lancia. Von Lothar.«
»Ach, auf den konnte er heute mal verzichten?«
Emilie machte eine Bewegung wie ein Fernsehtechniker im Studio, der signalisierte, dass man nicht mehr auf Sendung ist.
»Was denn, schon wieder?«, fragte Philipp.
»Und ich glaube, diesmal für länger.«
»Wieder Alkohol?«
Sie nickte, nahm wieder einen Bissen, jetzt ging es etwas leichter. Sie fragte: »Haben sie dich eigentlich schon mal angehalten mit deinem … wie heißt das?« Philipp hatte ihr per Mail ein Foto von seinem Alltagsvehikel geschickt, ein quietschgelbes carbonverkleidetes Liegefahrrad, das aussah wie eine Zigarre oder auch ein Torpedo.
»Velomobil.«
»Genau. Du bist so ein richtiger …« Öko, oder?, wollte sie sagen, aber im letzten Augenblick – er hatte gerade die Flasche Wasser gehoben und verharrte jetzt in der Bewegung – bekam sie die Kurve und verzichtete darauf, sich vollends unmöglich zu machen.
»Du wolltest auch noch, oder? Was bin ich?«
»Nichts, schon gut«, sagte sie schnell. »Danke.«
Er schien froh zu sein, dass der Kellner in Sichtweite kam. »Bitte, kann ich noch einen Merlot haben?«, sagte Philipp, dann sah er Emilie an.
»Entschuldigung, ich …«, begann sie. Das wäre jetzt der Moment, um es zu sagen. Sie öffnete den Mund.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte der Kellner. So ein junger Kerl. Er konnte doch nichts dafür; am Ende würden sie ihn entlassen.
»Nein nein, es ist sehr gut. Nur …«
Sie sah hilfesuchend Philipp an, doch Philipp machte keine Anstalten, sich in die Sache einzu mischen. Er sah aufmerksam von ihr zum Kellner und wieder zurück, beobachtete sie interessiert und ein wenig spöttisch. Nein, nicht spöttisch. Nur interessiert. Er beobachtete sie genau. Sie spürte, wie sie nervös wurde, natürlich wegen der peinlichen Situation, in der sie plötzlich steckte. In die sie sich selbst gebracht hatte.
»Das Essen ist sehr gut«, sagte sie wieder. Die Pause legte nahe, dass das als Einleitung zu einem »aber« gemeint war, der Kellner wartete. Allerdings hatte er nicht ewig Zeit, und so ging er schließlich genauso vorbei wie der peinliche Moment. Kurz blitzte eine Erinnerung auf, ein geräucherter Aal Ende der Achtziger an der Ostsee, vor dem sie sich so sehr geekelt hatte, dass sie bei jedem Bissen gegen ihren Brechreiz ankämpfen musste, bis Lothar, der ihrer grausamen Selbstquälerei nicht länger zusehen mochte, ihr plötzlich das Besteck aus der Hand gerissen und seine Serviette über den Kadaver ihres Essens gebreitet hatte wie ein Leichentuch. Sie war ihm damals dankbar gewesen für diese Entmündigung.
»Jetzt musst du es kalt essen«, sagte Philipp.
»Ja«, sagte sie und schämte sich.
»Ich meine das jetzt nicht …«
»Nein, ich bin …«, unterbrach sie.
»Pädagogisch.«
»Ich bin selbst schuld. Ich hab da einfach … keine Ahnung.
Franziska sagt mir das auch immer.«
»Was sagt sie dir immer? Wie geht es Franziska eigentlich?«
»Gut. Dass … Entschuldigung. Dass ich zu rücksichtsvoll
bin. Und dass ich ihr manchmal vorkomme wie diese Nachkriegsfrauen, die immer nur machen und ertragen und stillhalten und darüber total vergessen, wer sie eigentlich sind. Wenn sie es jemals wussten.«
»Das scheint mir stark übertrieben zu sein.«
»Ich mach überall den Mund auf, also beruflich, nur nicht da … Ich weiß auch nicht. Das ist auch, ich meine: deswegen natürlich der ganze Krampf. Mit Lothar.«
»Sagt Franziska?«
»Sagt natürlich auch Franziska. Schmeckt aber auch kalt ganz gut.«
»Das kann ich mir kaum vorstellen«, sagte Philipp unverbindlich, als hätte Emilie eine Frage gestellt. Aber woher sollte er auch Genaueres wissen? Er wusste von der Scheidung. Aber er war immer zu diskret gewesen, um sie direkt nach ihrer Ehe zu fragen.
»Ich kann immer bis zum Ende durchhalten. Mir ist keine Kritik zu hart. Aber selber kritisieren …«
»Hört sich an, als würdest du gerne leiden.«
»Nicht gerne. Aber ich hab da eine höhere Schmerzgrenze …«
»Es ist kein Wettbewerb. Du bekommst keine Punkte dafür.«
»Ich weiß.«
»Wo man dann irgendwas gewinnt am Ende.«
»Ich weiß.«
»Was ist denn mit dir?«, fragte Philipp.
»Was soll mit mir sein?«
»Wo bleibst du dabei?«
»Hier. Ich bin jetzt hier.« Sie nahm seine Hand, es kam ihr
nicht gestellt vor.
Sie aßen, tranken Wasser und Wein. Besteck klapperte, im Hintergrund das Anschwellen und Abebben der Unterhaltungen, die die übrigen Gäste miteinander führten, essende Ehepaare, deren Blicke ruhelos im Raum umhergingen. Sie hatten das Thema nicht beendet; es war ein Thema, das sich seine Ruhepausen selbst verordnete. Sie genossen die Stille. Als er sich die Mundwinkel abtupfte, fragte Philipp: »Weiß Lothar, dass du heute Abend … dass wir uns treffen?«
Sie hasste es zu lügen, besonders, wenn es keinen Grund dazu gab. Sie hasste es genauso wie kaltes Essen, das schließlich gekocht worden war, um heiß gegessen zu werden.
»Natürlich«, sagte sie.

Auszug aus dem Roman „Falscher Frühling“, © Schöffling & Co.

erstellt am 01.5.2011

Sascha Reh
Falscher Frühling
Roman
368 Seiten. Gebunden
Schöffling & Co., 2010
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