D. H. Lawrence – 125. Geburtstag

„… die verborgensten Aspekte des Lebens enthüllen“ – David Herbert Lawrence

Von Stefana Sabin

„Eine merkwürdige Mischung aus Industrie und dem alten landwirtschaftlichen England“ soll die Gegend von Nottinghamshire am Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein – wie David Herbert Lawrence, am 11. September 1885 in Eastwood, Nottinghamshire, geboren, einmal schrieb. In diesem Bergbaugebiet in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, erkrankte Lawrence schon in jungen Jahren an Tuberkulose, und sein Leben war von Krankheit gezeichnet. Wegen der Krankheit mußte er den Lehrerberuf aufgeben, den er kurze Zeit ausgeübt hatte, und nachdem erste Gedichte in der „English Review“ veröffentlicht worden waren, entschied er sich, als freier Schriftsteller zu leben. Zwischen 1910 und 1911 schrieb er mehrere Gedichte und einen Roman, der 1913 veröffentlicht wurde und einen Skandal verursachte. Denn schon in diesem ersten Roman, „Söhne und Liebhaber“, verarbeitete Lawrence den Konflikt zwischen Intellekt und Instinkt, der fortan sein ganzes Werk kennzeichnet. In einem Brief formulierte er 1913 zum erstenmal seine Bluttheorie, nach welcher der Mensch nur in der Befriedigung seiner vitalen Instinkte Erfüllung finden könne; er wandte sich gegen die Überbewertung des Intellekts und postulierte die Macht des Gefühls. „Meine tiefe Religion ist der Glaube, dass das Blut, das Fleisch klüger sind als der Verstand“, schrieb er. „Wir können uns in unserem Geist irren. Aber was unser Blut fühlt und glaubt und sagt, ist immer wahr.“ Auch die Bilder, die er in dieser Zeit malte, spiegeln insofern diese vitalistische Lebenshaltung wieder, als sie Elemente der naiven Malerei, des Fauvismus und des Symbolismus aufgreifen: klare Konturen, vereinfachte Darstellung der menschlichen Gestalt, starke Farben für die Darstellung der Landschaft, wobei die Hektik des Pinselstrichs die Spontaneität der Bewegung wiedergibt und die Komposition antinarrativ ist, weil sie eine Befindlichkeit suggeriert.

Der existentiellen Einstellung, dass man seinem Instinkt folgen müsse, entsprach die stürmische und skandalöse Liebensgeschichte mit Frieda Weekley, der Tochter eines deutschen Adligen und Ehefrau eines englischen Professors, mit der Lawrence wenige Wochen, nachdem sie sich kennengelernt hatten, auf den Kontinent reiste und die er 1914 heiratete. Für das Manuskript von „Söhne und Liebhaber“ bekam Frieda von der Salonlöwin und Kunstmäzenin Mabel Dodge, die sowohl in den Kreisen der amerikanischen Expatriierten in London und Paris als auch in den Künstlerkreisen in New York verkehrte, eine Ranch im US-Staat New Mexico geschenkt, die Lawrence mit Wandmalereien dekorierte. „The Mabel Dodge House,“ das Frieda nach Lawrences Tod der Universiy of New Mexico als Künstlerhaus schenkte, steht für die Doppelbegabung des D.H. Lawrence: Als Würdigung seiner erzählenden Kunst erhielt er die Ranch und verwandelte sie in ein Werk der bildenden Kunst.

Zwar gab Lawrence die Malerei nie – und sei es zeitweise – auf, aber es war die Literatur, in die er seine schöpferische Energie investierte. Immer wieder verstießen seine Romane gegen die puritanische (Doppel)Moral und brachten ihm nicht nur Erfolg und Ansehen, sondern auch juristische Verfolgung ein. So wurde „Der Regenbogen“, der im September 1915 erschien, schon im November wegen Obszönität verboten. Dieser Roman, fast durchweg im Stil des inneren Monologs gehalten, stellte das Streben nach einer harmonischen Beziehung durch sexuelle Erfüllung in den Mittelpunkt der Handlung. Als obszön wurde empfunden, dass mehrfach eine inzestuöse Beziehung angedeutet und die Selbstverwirklichung der Figuren als immer neue erotische Erfahrung beschrieben wird. Mit dem Verbot dieses Romans begann Lawrence‘ Auseinandersetzung mit den englischen Behörden und mit der öffentlichen Meinung – eine Auseinandersetzung, die seinen künstlerischen Werdegang begleiten sollte.

Aus gesundheitlichen Gründen für kriegsuntauglich erklärt, blieb Lawrence die Erfahrung des (Ersten Welt)Kriegs, die viele seiner Schriftstellergeneration prägte, erspart. Als er nach Kriegsende England endlich verlassen durfte, zog er mit Frieda in den Süden: nach Sizilien und Malta, dann nach Sardinien, und immer wieder kehrte er in die Toskana zurück. Vor allem die Tantiemen aus den USA trugen in dieser Zeit zu einer gewissen materiellen Stabilisierung bei, und vielleicht nicht zuletzt aus materiellen Gründen fing er an, Reiseberichte zu schreiben, in denen er einen neuen Stil suchte – und manchmal fand – zwischen Beschreibung, Ethnologie (er unternahm Fernreisen nach Ceylon und Australien), Zivilisationskritik, Erfahrungsliteratur und Erzählung. Die ästhetischen Eindrücke der Reisen hinterließen auch in seinen Gemälden Spuren: Die Farben wurden stärker und ihre Kombination gewagter, während die Konturen verschwammen. Entsprechend den Themen seiner Romane – Liebe, Macht, Religion – stellte er auch in seinen Gemälden immer wieder Liebende dar und griff auf Motive aus dem ikonographischen Fundus religiöser Überlieferungen zurück.

Nachdem die amerikanischen Ärzte Tuberkulose diagnostiziert hatten, kehrte Lawrence im September 1925 aus den USA nach England zurück, von wo er nach einem kurzen Aufenthalt mit Frieda weiterreiste nach Italien. In einem sowohl physisch als auch psychisch labilen Zustand beschloss er, keine Romane mehr zu schreiben, aber kaum, dass es ihm besser ging, schrieb er doch wieder einen Roman, „Die gefiederte Schlange“, der 1926 erschien und den er selbst für seinen bedeutendsten hielt. Darin geht es um den Gegensatz zwischen der von Vernunft und Geist geleiteten europäischen Gesellschaft und einer von Instinkt und Gefühl bestimmten exotischen (mexikanischen) Gesellschaft, deren Symbol die gefiederte Schlange ist.

Nach einem kurzen Aufenthalt in der Gegend seiner Kindheit fuhr Lawrence nach Italien zurück, wo er großformatige Ölbilder malte und trotz wiederholter Krankheitsrückfälle drei Versionen desjenigen Romans verfasste, der sein letzter werden sollte: „Lady Chatterley,“ für den sich aber kein Verleger fand und der in tausend Exemplaren als Privatdruck in Florenz erschien und in England nur subskribiert werden konnte. Die englische Presse verriss diesen Roman als obszön, aber in London war er ebenso schnell ausverkauft wie in Paris. Im Kielwasser der Auseinandersetzung um „Lady Chatterley“ wurde im Sommer 1929 auch die Ausstellung von Lawrence‘ Gemälden in der Londoner Warren Gallery zum Skandal: die Polizei beschlagnahmte mehrere Bilder. Schockierten die Romane inhaltlich durch die Hervorhebung der sinnlichen Erfüllung als Lebensziel und formal durch die Verwendung des inneren Monologs und durch eine suggestive Metaphorik, so schockierten die Gemälde formal durch den pulsierenden Farbauftrag und inhaltlich durch die Inszenierung esoterischer Motive als diesseitige Erfahrung.

Obwohl sich sein Gesundheitszustand rapide wieder verschlechterte, schrieb Lawrence in kurzer Zeit mehrere Essays, darunter „Pornographie und Obszönität“, worin er „Lady Chatterley“ verteidigte und sich gegen die Verpönung der Sexualität als „schmutziges kleines Geheimnis“ wandte. Die erzählte Geschichte ist eigentlich banal: ein Bediensteter hat eine Affäre mit der Frau seines Herrn. Was die Lawrencesche Geschichte von den vielen ähnlichen Romanhandlungen unterscheidet, ist die Intensität der Liebesbeziehung und ihre moralisch-psychologische Verankerung. Lady Chatterley und ihr Geliebter setzen sich über gesellschaftliche Normen hinweg, weil sie Maßstäben gehorchen, die sie für moralisch höher halten, nämlich ihren eigenen Instinkten. Es ist der Gegensatz zwischen der „mind consciousness” und der „blood consciousness,” also zwischen Geist und Blut, Verstand und Gefühl, der die Lawrensche Lebensphilosophie ausmacht. Nicht zufällig sollte der Roman ursprünglich „Tenderness”, Zärtlichkeit, heißen.

Um so empörter war Lawrence, als der Roman als obszön und unmoralisch verpönt wurde, propagierte er doch keineswegs die sexuelle Freizügigkeit, sondern machte im Gegenteil die Liebe zur Bedingung sexueller Erfüllung: In der Beziehung zwischen Lady Chatterley und ihrem Geliebten ist der harmonische Ausgleich von Geist und Körper als Verwirklichung der „wahren Liebe“ inszeniert. Aber eine von der viktorianischen Moral tabuisierte Ausdrucksweise und detaillierte erotische Beschreibungen schockierten die Öffentlichkeit und machten den Liebesroman zum Skandalon – noch 1960 mußte der Penguin-Verlag die Ausgabe der ungekürzten Fassung gerichtlich durchsetzen. Indem der Skandal den Roman mit der Aura des Verruchten umgab, sicherte er ihm einen dauerhaften Erfolg: „Lady Chatterly“ ist heute Lawrence‘ berühmtestes Werk.
Als sich das Publikum in den angelsächsischen Ländern noch mit einer gekürzten Fassung abfinden musste, brachte der renommierte Pariser Verlag Gallimard schon 1932 eine Übersetzung des ganzen Textes heraus. In einem Vorwort stellte André Malraux das Buch in die Tradition solcher klassischen französischen Romane wie Laclos' „Gefährliche Liebschaften“ und Stendhals „Rot und Schwarz“, und wie diese Romane ist auch „Lady Chatterley“ ein Klassiker geworden. Richtig gehandhabt, schrieb Lawrence selbst kurz vor seinem Tod, kann der Roman „die verborgensten Aspekte des Lebens enthüllen: denn in den leidenschaftlich verborgenen Aspekten des Lebens muß die Wahrnehmung von Gefühlen Ebbe und Flut, Reinigung und Erneuerung erfahren“.

In diesem, seinem letzten Roman ist Lawrence‘ Lebensphilosophie zur reifsten Darstellung gelangt. D.A. Lawrence hatte, als er, noch keine fünfundvierzig Jahre alt, 1930 in Vence starb, ein umfangreiches literarisches Werk veröffentlicht: zu den etwa fünfzig Bänden, die zu seinen Lebzeiten erschienen waren, kam nachgelassenes Material für weitere zwanzig. Obwohl er auch Essays, Gedichte, Reisebücher und Theaterstücke geschrieben und Öl- und Wandgemälde geschaffen hatte, sah er sich selbst vor allem als Romancier. „Der Roman”, schrieb Lawrence, „ist das strahlende Buch des Lebens.”

Stefana Sabin

erstellt am 08.8.2010

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