Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick hat aufgeräumt. Seine Protokolle und Erinnerungen aus aller Welt und aus jeder Zeit haben sich zu einer unordentlichen Szenen-Folge mit dem Titel »Hessenmeister« zusammengefunden, die schräg und witzig ins Textland auf Faust-Kultur fließt.

Textland von Jamal Tuschick

Hessenmeister

12. Mai 2017

Hessenmeister

Bier war ihr Hasch

Mücke war Fahrschülerin, das schloss sie aus. Wegen schlechter Verbindungen musste sie stets zu früh weg. Sie verkehrte in der Lottoannahmestelle an ihrer Haltestelle. Daneben war eine Backwarenverkaufsstelle. Der Verkaufsstellenleiter handelte ferner mit Gebrauchtwagen. Er sah aus wie der Geiselgangster Dieter Degowski und war eine Nummer Eins in seiner Welt.

1685 machte Ludwig XIV. Schluss mit dem protestantischen Unfug in Frankreich. Er schuf die reformierte Kirche ab und kurbelte so die Wirtschaft in den Nachbarländern an. Landgraf Carl von Hessen-Kassel (1654 – 1730) gewährte den Hugenotten Siedlungsfreiheit. Die Flüchtlinge bauten sich unter ihm zu Kassel die Oberneustadt. Sie revanchierten sich, indem sie in der Residenz den Merkantilismus modellhaft auf die Spitze trieben.

1723 kam in London eine Königstochter zur Welt. Maria wurde als Gattin von Friedrich II. Landgräfin von Hessen-Kassel. Ihr Mann war der einzige Katholik auf dem kurhessischen Thron seit der Reformation. Er hätte die Hugenotten nicht ins Land gelassen, der Fortschritt wäre an Hessen vorbeigezogen.

Graf und Gräfin trennten sich. Von einer Scheidung sah man ab. Man schaffte Maria, übrigens eine Tochter der Caroline von Brandenburg-Ansbach, mit ihren Plagen nach Hanau, um sie in der Reinheit des Protestantismus und in der Lieblichkeit der Mainsenke vor allen katholischen Übeln zu bewahren. In Hanau schlug die Stunde des 1743 zu Kassel geborenen Wilhelm IX. Mit siebzehn wurde er Graf von Hanau.

Der Siebenjährige Krieg (1756 – 1763) zog Schneisen wie ein Holzvollernter. Die Entwurzelten fanden zu den Gewissheiten und Orten ihrer Herkunft nicht mehr zurück. Landgraf Friedrich II. erkannte im Leiden seines Volkes einen Ursprung des wissenschaftlichen Fortschritts. Armut hielt er für ein medizinisches Problem.

Soldaten wurden zu Invaliden und Vagabunden, ein Tross von Witwen und Waisen lebte prekär. Groß war die Zahl unehelicher Kinder. Deren Versorgung war nicht geregelt. Jedes Jahr fanden Hinrichtungen von Kindsmörderinnen statt. Ein beruflich versprengter Angehöriger eines hugenottischen Baumeisterklans brachte den Missstand als erweiterten Schwangerschaftsabbruch in die Literatur. Mit seiner Denkschrift folgte er einer fürstlichen Aufforderung. Er beriet noch Friedrichs Sohn Wilhelm, der es zum Kurfürsten brachte, als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation sich gerade in die letzte Kurve legte und es keinen Kaiser mehr von Kurfürsten zu wählen gab. Kurfürst Wilhelm I. verkaufte seine Leute an den englischen König. Gern wäre er selbst König (der Chatten) geworden, so wie er im Ganzen rückwärtsgewandt empfand. Stärker als am Schicksal verworfener Weiber, die von der absolutistischen Wohlfahrt nicht zu mäßigen waren und gar nicht selten ein Alkoholproblem hatten, interessierten Wilhelm Überlegungen zum (ganz bei der Krone ankernden) ius representationis omnimodae. Listig traktierte die Zukunft die fürstliche Alleinmacht mit klärenden Begriffen. Ein Zauberwort lautete auswärtige Gewalt.

Hannes Fleckenstein hatte auf einem Hochsitz über die auswärtige Gewalt nachgedacht. Die Jagd war zu Ende, der Jäger schnitt einen Laborbatzen Muskelfleisch aus. Jahre nach Tschernobyl überstrahlten Wildbret und Maronenröhrling in der Wetterau noch die zulässigen Werte. Kein Mensch verlor ein Wort deswegen, es herrschte die Omertà der Interessenverbände, zwei Thunderbolts brachen einen Tiefflug ab und stiegen steil auf – low level abort. Man nannte den Flugzeugtyp Warthog wegen seiner gedrungenen Gestalt.

Zuerst isolierte John Locke die auswärtige Gewalt (zumal als Gewalt über Krieg und Frieden) von sämtlichen Staatstätigkeiten zu einer Zeit, da man jedwedes staatliches Geltungsstreben natürlich fand. Alfred Hänel (1833 – 1918), ein Mann der Deutschen Fortschrittspartei, griff das Thema auf. Er beleuchtete das Postulat der grundsatzlosen Zweckmäßigkeit (als einziger Konstante außenpolitischer Entscheidungen). Jeder Souverän achtete vertragliche Bindungen nur so lange, als er sie nicht genuinen Interessen zuwiderlaufend betrachten musste. Die brüchigen Beziehungen waren familiär. In Europas hohen Häuser kam vieles wie aus einem Schoss.

Carly Thunderbolt, die jüngste und schönste Försterstochter, stellte sich mit einer Thermoskanne ein. Burschikos kniff sie Hannes in den Arsch. Kein Zweifel, sie warb um ihn. Ihr Vater, der eminente Schwarzwälder Stonewall Thunderbolt, hatte Staatschefs beraten, ihre Chieftans ausgebildet und die Französische Revolution für Western Daily in Paris beobachtet. Der Unsterbliche zählte zu den Texasgründern. Der verlassene Stern auf seinem Abzugshandrücken flammte wie ein Komet. Freunde nannten Stonewall Thunderbolt altes Gewehr. Feinde bezeichnete er als Covenanters. Das war eine gelehrte Schmähung.

Carly drängte Hannes eine Kappe Tee auf. Sie war eine andere melange afrique. Hannes versperrte sich mit nachlassender Kraft der Vorstellung, darin Verbindendes zu erkennen. Mit seinem Samen sollte kein Stamm gegründet werden. Er wollte keinem Kind zumuten, ein Leben gegen automatische Ablehnung zu gewinnen. Aber Hannes wusste doch, dass sich Carly nicht vergeblich nach ihm sehnen würde. Sie stand ihm so nah, dass sich eine doppelköpfige Einheit in einer Aura der Zuversicht zu ergeben schien.

Hannes rückte ab, verdrossen von der Hitze, die sich in ihm auslebte. Er kehrte im Staatsrecht ein. Völkerrechtliche Verträge unterschieden sich grundsätzlich von anderen staatlichen Verabredungen. Oft hatte eine Partei als facta bruta hinzunehmen, was ihr rechtswidrig erschien. Nicht durchsetzen konnte sich eine Auffassung, nach der nur demokratisch legitimierte Regierungen anerkannt werden durften. Hannes stimmte jenen zu, die sagten, in der auswärtigen Gewalt sei die Demokratiemechanik gehemmt worden, im Geist feudaler Geheimdiplomatie.

Carly verfolgte ihn mit selbstbewusster Anhänglichkeit. Sie spielte mit dem Kannenpfropf. Das war ein mit Plastik verbundener Korkballen. Ein Freiraum zwischen Bäumen wiederholte das Oval eines Brückenbogens.

„Du weißt, dass mein Vater dich gern öfter sehen würde”, sagte Carly. „Du vernachlässigst uns.“

Eine amorphe Mittelklasse stieg in ihre zivilen Hummer. Der im Kampf gegen die linksfaschistische Max Wood/Arthur Harris/Max Pfeifer/Scum-Wankermax Fartwoodshit & Arno Frank Allianz graduierte NKLL-Aktivist Hannes betrachtete sie als Trittbrettfahrer der Freiheit. Die Kaufleute vermieden außerfamiliäre und nicht berufliche Bindungen. Ihre Gruppenerlebnisse hatten sie in Vereinen. Sie bevölkerten Kleinstadtränder, versorgt von aufgerückten Dienstleistern. Für sie war die Welt Dekor.

Andere brachten sich in Status verweigernden Autos unter. Sie fuhren gereizt ab. Dem erloschenen Jagdfieber folgte ein Kater, die Ausgelieferten fühlten sich von der Gegenwart in den Dreck gezogen. Die Regierung handelte familienfeindlich. Den Staat kümmerten seine Bürger weniger als die Fremden von überall. Dass vereinzelt Werte bis zu 1115 Becquerel pro Abschusskilo gemessen wurden, spielte keine Rolle. Die Gefahr ließ sich weder riechen noch schmecken. Sie überstieg das menschlicher Maß und überlistete den Instinkt.

Hannes reichte Carly die Kannenkappe. Sie setzte und schloss den Pfropf kompetent ein. Hannes fand den Weg zurück nicht mehr zu der Saumseligkeit seines akademischen Spaziergangs in der Freiheit des Waldes. Er war mit allen Sinnen zu früh bei Carly angekommen. In Frankfurt warteten Steffi und Sprotte und einige noch, die für Abrieb sorgten (im Namen eigener Bedürfnisse). Die Zeit war nicht reif für la sacra conversazione – die heilige Unterhaltung.

Im Budo Business

Hannes Fleckenstein erzählt.

Wir trainierten täglich. Für uns war die Gefahr real, Wankermax Shitfartwoods gemeiner, auf drei Ebenen effektiver Zusammenschluss griff an. Das gab Tungs sino-vietnamesischem Gong-fu seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Waffenlose Systeme dienen dem Ausgleich eines Mangels. Praktiziert werden sie von Unterprivilegierten, die in schwierigem Gelände keine Waffen führen dürfen. Vor diesem Hintergrund ist alles interessant, was sich unauffällig funktionalisieren lässt, angefangen beim Kugelschreiber. Die Kunst besteht darin, die Angriffsenergie gegen den Angreifer einzusetzen (sich vom Gegner stark machen zu lassen) und zugleich in einem beinah antinomischen Vorgang, dem Angriff zuvorzukommen und in Verteidigung & Angriff harmonisierenden Durchbrüchen die Führung zu übernehmen.

Man darf dem Feind nicht anschaulich werden.

„Spiel ihn schwindlig”, empfahl Tung. Er lachte wie ein verrückter Gartenzwerg/wahnsinniger Pavian. Der Rat war ihm gewiss gerade eingefallen. Tung improvisierte. Er nutzte die Gunst der Stunde. Er konnte sein Glück nicht fassen.

Tung hatte sein Gong-fu von einem dreischenkligen Onkel, den er General nannte. Der General war Schüler eines schweigenden Mönchs gewesen, der weiter nichts als Nachahmung zugelassen und meine Fantasie beflügelt hatte. Er war den Amerikanern nach Kalifornien gefolgt, als Vietnam geräumt wurde, und lebte nun auf den Philippinen. Plötzlich hieß es, der General will dich sehen. Steffi machte ein langes Gesicht, Tung zuckte mit den Achseln. Er und ich flogen nach Manila, der General wirkte offen hinterhältig. In chinesischen Eastern sahen so wie er die abgefeimten Japaner aus.

Im Land herrschte eine mörderische Kanaille. Ständig stürzten halbfertige Häuser ein, man ließ dem Beton nicht genug Zeit zum Abbinden. Da die Arbeiter in den Rohbauten schliefen, wurden die Baustellen zu Gräbern. Soldaten erzwangen die Fortsetzung der Bauarbeiten. Leichen wurden kurzerhand einbetoniert. Vermutlich steckte auch in unserem Hotel nicht nur Arbeit.

Wir zogen von einem bewachten Anwesen zum nächsten. Unterwegs gerieten wir in einen Kampf, bei dem die Gegenseite kalte Waffen einsetzte. Du bist jetzt Spieler, erklärte Tung später. Spieler kontrollierten oder betrieben Restaurants, Bars, Sportstudios, Wach- und Schließgesellschaften. Sie spielten sich selbst in Filmen. Sie garantierten Sicherheit und Vergnügen. Man wandte sich vertrauensvoll an sie. Es war eine Art Franchise System mit dem General an der Spitze oder kurz davor. Auch Tung existierte in dieser Abhängigkeit. Ich war kein Mann des Geldes und der Machenschaften.

Manche Spieler gründeten keine Familie, die als neuer Ast an einem Stamm begrüßt werden konnten. Solche Spieler waren leer. Auch nannte man sie Mönche. Ab und zu sah ich einen leeren Spieler, nie kam er mir unglücklich vor. Ihm lachte das Nichts.

Sprottes Vater tauchte auf. Er hatte nur bei der Zeugung eine Rolle gespielt, die Vaterschaft angezweifelt und sich bis zum letzten juristischen Winkelzug gewunden. Er war bei den Schwaben mit Schrauben zu einem Vermögen gekommen. Eines seiner württembergischen Wunsch- und bestimmt auch Wunderkinder war nach einer Operation nicht mehr aufgewacht. Daraufhin hatte er Gott getroffen. Sprotte sah einen reichen Irren, der Irre versprach Sprotte einen Berg Schwarzgeld. Den ersten Batzen sollte sie sich in der Schweiz abholen. Ich begleitete sie, das Zieldorf lag unter Gipfeln, an den Hängen drohte Geröll. Auf der Hand eines Riesen hätte es ausreichend Platz gehabt. Überall Natur wie mit Pauken und Trompeten.

Wanderlust bedeutet Fernweh auf Englisch. Rasch gelangten wir an ein anderes Ende der Welt. Das war eine Klippe über der See vor Schottland. Der Wind schlug zu. Ein paar Häuser waren von der hingerichteten Vegetation kaum zu unterscheiden. Ich notierte: Wenn die Menschen dort Holz haben, sitzen sie von einem Morgen bis zum nächsten vor ihren Kaminen. Selbst die Schafe sahen displaced aus. Wir entdeckten ein aufgesprengtes Tonnengewölbe, sammelten Granatsplitter und erwogen das Für und Wider (to study the pros and cons) eines Banküberfalls in Edinburgh. Darüber war noch zu reden, als wir eines Nachts unsere Rucksäcke auf eine Wiese stellten. Erstmal eine rauchen. Im Freien ließ sich nicht gut durch die Nacht kommen. Wir freuten uns über die Einladung eines Bauern. Sein Hof lag da wie eine mittelalterliche Allegorie von Schlaf und Entlegenheit. Unser Gastgeber hatte den Betrieb eingestellt. Traktor fuhr er nur noch zum Spaß. Wir waren an einen Wahnsinnigen geraten.

Ich lebte in einem Schwarm. Alle hatten miteinander zu tun und hingen gemeinsam ab. Man kam kaum durch und irgendwo an in Orgien des Gemeinsinns, der Eltern einschloss und andere Ältere und auch noch diese und jene arme Haut. Die Geschiedenen und ledig Gebliebenen mit Kindern, Einzelgänger und Halbblinde, Lispler und Stotterer, die kellnernden Schauspielerinnen und sämtliche Paulas. Niemand entging dem Schwarm samstags beim Tanz in der Burg. Ich ging mit Peggy Sue nach Hause. Sie wohnte in einem Tempel mit maurischem Hof und Handläufen von Mahagoni. Ihr Zimmer lag da wie ein gestürzter Bogen. In dieser Umgebung bedeutete Action Painting Jackson Pollock und nicht in-deinem-Zimmer-darfst-du-die-Farbgebung-selbst-bestimmen.

Peggy Sue erklärte, wie LSD wirkt und weshalb ihr Freund CDU wählte, für mich unfassbarer als Gruppensex. Sie machte mich in der Küche an, ich sollte stillhalten. Ihr Vater zeigte sich mit seiner Pfeife als friedlicher Spinner, die Tochter ließ sich nicht stören. Er murmelte eine Entschuldigung in seinen Bart, bevor er sich (vielleicht mit Hunger oder einem unerfüllten Wunsch) verzog. Dann tauchte der CDU-Wähler auf, ich wurde vor das Tor geschoben. Am nächsten Tag bekam ich Liebesmale zu sehen. Peggy Sue führte sie mit dem Stolz des Ringers auf sein Blumenkohlohr im Raum der Schülerselbstverwaltung vor. Sie investierte in eine nacherzählende Choreografie.

Sie verbrachte viel Zeit im Schwarzburg Zweiundachtzig, wo sie gegen Weltmeister im Tischfußball antrat. Champion war der Sizilianer Giuseppe, so hoch wie ein Beistelltisch und so breit wie eine Couch. Er war hundert Jahre älter als wir. Ich fragte mich, warum der Champ sich mit Schülern abgab, so einfältig war ich. Sein würdigster Gegner und Partner im Doppel war Kurt. Frankfurts schnellster Schüler rauchte im Schwarzburg Zweiundachtzig ein Pfund Pall Mall und trank einen Eimer Blue Curaçao zur Vorbereitung auf Olympia.

Ich schiebe eine Fingerübung meines Bruders ein

Das Antichambre spielte keine Rolle. Der Fürst brauchte den Abstand nicht, den die Scham fordert. Er empfand keine Scham. Gegebenenfalls regierte er mit heruntergelassenen Hosen. Besucher geierten durch seine Schlafzimmer. Besonders schick war das Marmorbad im Superb der Orangerie. Solche Besichtigungen zählten zu den Schätzen, die man bis zum Ende eines Lebens in Erzählungen sicherte.

Im Stadtschloss hingen Mitte des 18. Jahrhunderts tausend Bilder. Das war ein Museum of Modern Art, zugleich Schauplatz alter Meister. Altdorfer, Dürer, Rubens, Frans Hals, Rembrandt, Tizian, Tintoretto, Caravaggio. Die bronzierten Fußleisten in den Kabinetten dienten der Bewunderung als Gegenstände. Beim Anblick mehrstöckiger und vielschichtiger, von federnder Mechanik bewegter Schreibtische wurde der Wunsch nach „Experten“ laut. Sie sollten dem Betrachter die Dinge im Detail erschließen. Der Hof hielt Domestiken als Spezialisten-Darsteller für einen Groschen oder zwei in der Hinterhand. Das wird heute vom Fernsehen nachgeahmt. Da hat auch jeder Sender Experten.

Unter jenen, die auf ihrer Grand Tour von Hof zu Hof Cassel erreichten, verkörperte Teichmann die aufwühlende Erscheinung mit Geniefrisur. Er rühmte Bettpfannen, Haarbürsten, Hausschuhe und Kleiderständer, das Zeug musste nur in fürstlichem Gebrauch sein. Teichmann lobte die sklavische Duldsamkeit der Dinge, er knatterte Gedichte zu Gegenständen („die heitere Dinglichkeit des Pantoffels“) die weiterverbreitet werden bis auf den heutigen Tag.

Im Museum Fridericianum nahm Teichmann Notiz von jeder Säule, jedem Basrelief, jeder Nachbildung eines Arc de Triomphe. Es war üblich, Künstler in Hauptstädte zu schicken und sie da alles Mögliche kopieren und in Kork nachbilden zu lassen. Unter den überlebensgroßen Marmorstatuen von Apoll, Minerva, Herkules und Paris stauten sich Büsten von Homer, Seneca und Aristoteles.

Teichmann beschrieb die einseitige Bebauung der Bellevuestraße. Sie bot freye Aussicht nach der Orangerie, der Aue und dem Felde. Das Schloss bestand aus dem alten Palais eines zur Regentschaft nie berufenen und bedeutungslos verschiedenen Landgrafen Friedrich und zwei Häusern, die man architektonisch zur Einheit gepresst hatte. Die erweiternden Bauten waren Quartiere für die Schlosswache und die Besatzung der Sternwarte. Eine frey stehende Communikations=Arcade wünschte ihre Erwähnung. Die Arkade erlaubte den beschirmten Gang von einem Portal zum nächsten.

In der Oberneustadt nahm den ersten Rang unter allen Bauten sowohl in Rücksicht seiner Bestimmung als seiner inneren Pracht das Palais Seiner Königlichen Hoheit ein. Es lag am nördlichen Saum des Friedrichsplatzes. Das Palais kehrte seine Hauptfassade dem Platz zu, während die Seitenfassaden der Königs- und Karlsstraße bestaunte Begrenzungen boten. …

Bier war ihr Hasch

Mücke war Fahrschülerin, das schloss sie aus. Wegen schlechter Verbindungen musste sie stets zu früh weg. Sie verkehrte in der Lottoannahmestelle an ihrer Haltestelle. Daneben war eine Backwarenverkaufsstelle. Der Verkaufsstellenleiter handelte mit Gebrauchtwagen. Er dirigierte ein Aufkäufergeschwader am Telefon. Er sah aus wie der Geiselgangster Dieter Degowski und war eine Nummer Eins in seiner Welt.

Bier war ihr Hasch, ich übernachtete bei Mücke und frühstückte mit der Familie. Ihr Schlosservater fand mich in Ordnung. Er donnerte gegen Drogen. Bier galt aber als Lebensmittel. Verweigerte ich das Bier zur Begrüßung, wunderte sich der Schlosser. Biste krank?

Er zeigte eine Einliegerwohnung, die er für Mücke gebaut hatte. Damit alles in der Familie blieb und das Kind nicht in die böse Welt mußte. Der Schlosser hatte früh geheiratet, das nie bereut. Es ging nichts über ein geregeltes Familienleben. Kinder brauchten junge (unverbrauchte) Eltern. Den Säufer und den Hurenbock frors noch im dicksten Winterrock. Draußen holte man sich Appetit, gegessen wurde daheim. Der Kasten Kulmbacher im Keller ersetzte die Kneipe. Endlich verstand ich, warum Mücke ihrem Vater nicht widersprach. Ihr war die Welt zu groß und zu viel. Ihr fiel immer gleich alles aus der Hand. Sie trug mir sich und ihr Erbe an, ohne ein Wort.

Haus und Garten verlangten Einsatz. Jeder baute, bastelte und buk, nur Mücke blieb apathisch. Sie strickte vor dem Fernseher, während die Sonne schien, ihr Vater heimwerkte und die Mutter beim Einkochen telefonierte. Besuch faßte mit an. In der Nachbarschaft grassierte die Verwandtschaft. Allmählich fragte ich mich, wie der hyperaktive Schlosser die stillgelegte Tochter ertrug. Warum dieser Paranoiker mich in seinem getäfelten Reich so herzlich willkommen hieß.

Meister Tung liebte Weihnachtsbäume und Ostereier. Er hielt uns an, christliche Traditionen und deutsche Tugenden zu achten. Die Tung Familie beging jeden Geburtstag trilierend an einer Kuchentafel. Fröhlichkeit war Pflicht. Mücke gefiel die Trainingsgemeinschaft. Trotzdem blieb sie passiv. Sie konnte stundenlang vor der Tür eine rauchen.

Tung lud zwar jeden ein, zum Klan aufzuschließen, heimlich zog er aber Gräben. Wir waren im Budo Business, der Dojang (unsere heilige Halle) verwandelte sich in einen Sportartikelladen. Damals gab es noch nicht alles sonntags an der Tankstelle und es wurden auch noch keine Verträge am Telefon rechtskräftig. Ein Bäcker verkaufte kein Bier. Tung ging der Zukunft voran, indem er Leuten suggerierte, man bräuchte Dinge für zweihundert Mark, um fit zu werden.

Steffi und ich machten Energie auf dem Dach. Wir wurden immer weicher. Während wir eine Grenze überschritten, kehrten die ersten um. Sie verbanden Kampftechnik mit Krafttraining. Sie übersetzten Qi mit Flow. Sie gründeten Kickbox-Schulen. Die Polizisten am Stammtisch fragten sich, wie Tung einen Kampf mit Schwarzenegger bestehen würde. Sie hatten nichts verstanden und waren längst wieder bei ihren Hanteln im Partykeller angekommen.

Tung hatte das vorausgesehen. Er machte ein Restaurant an der Bornemann Avenue (Glauburgstraße) auf. Er fragte Mücke, ob sie helfen wolle. Mücke wollte gar nichts anderes mehr. Sie übernachtete ständig bei mir.

Die ist eingezogen, sagte Steffi.

Mücke entging nichts mehr. Sie sah Tung aus Steffis Zimmer kommen, sie mochte seine Frau. Sie spürte die Spannung zwischen Steffi und mir. Die Séancen auf dem Dach nannte sie Trockenficken. Sie drehte sich schnell weg, morgens klebte sie aber an meinem Rücken. Abends kellnerte sie. Sie knobelte mit einem Blinden, der oft gewann und auch am Automaten, mit einem Ohr an der Maschine, Erfolg hatte. Eines Nachts erlag sie dem Charme eines Korsen und folgte ihm auf der Stelle.

Der Korse, der ganze Mann ein Brustkorb, führte ein Bordell direkt neben dem alten Raketenstartplatz von Colomb-Bechar (in Algerien). Auf dem vormals französischen, 1967 aufgegebenen Cape Canaveral weideten Schafe. Sie verschwanden in Wolken aus Geschmeiß. Die Schwärme loopten mit der Startakustik von Tornados.

Die Freier erachteten Mücke als etwas Besonderes, sie erwarteten sonst nur einheimische Frauen im Zustand der Teilnahmslosigkeit. Es herrschten Drogen, Läuse, Pilze, Depressionen, Langeweile, um jetzt nicht von schwerwiegenden Dingen anzufangen. Vor dem Puff verelendete Oleander. Ein nie angebrachtes Geländer lag wie abgebrochen neben der Veranda. Wind raschelte durch Stacheldraht. Die Wüste rückte auf.

Der Korse hielt Trinitrotoluol im Haus. Er verstieg sich in Experimenten auf dem Dachboden. Der Sprengstoff versöhnte ihn mit der Wüste. Er widerstand jedem Versuch eines guten Einvernehmens mit den Nachbarn. Er unterstützte Mücke in ihrer Lethargie. Eine madige Blässe machte sie zur Schönheit. Sie speckte gut auf. Der Korse ölte das zunehmende Bauchfleisch. Er unternahm Ausflüge zu Mückes Falten. Er würde seine Beute nicht lebend davon kommen lassen. Das versprach er.

Die Freier sehnten sich nach Europäerinnen. Die weiße Frau bot sich einer Obsession an. Man offerierte dem Korsen das Doppelte und Dreifache, sollte er Mücke herausgeben. Eines Abends unterbrachen Reisende die Palaverroutine. Erschienen waren zuerst die linksrassistischen Stimmenrauscher Max Pfeifer, Wankermax Shitwood und Scum Fartwood-Arthurharris in Verkleidungen der Isabelle Eberhardt. Verfolgt wurden sie von Irvine Welsh. Er äußerte sich später so: It wasn’t meant as a slap in the face, though the people of Bechar felt it was. Die Stimmenrauscher waren außer sich auf ihren Schleimpfaden zum gemeinsamen Ich. Von Gipfeln der Sinnlosigkeit riefen sie:

nicht genug daß berlin mit kulturjauche überzogen wird

die das image der quartiere vergolden soll bis der letzte

einheimische proll vertrieben und jedem anständigen fau-

lenzer das gallefaß überläuft jetzt infizieren die ehrgeiz-

linge unter den hochkulturschaffenden noch ihre abseits

gelegenen rückzugsräume mit ihrem friedefreudeeiermist

a là lausommernachtslunaparkamseefeuerwerksgekehle

deutschland braucht wieder lager – weitab alles proletarischen

zieht sich der intellektuell angehauchte berliner bürger aufs land

aufs feudale zurück in die romantik seiner grafen und in die idylle

adretter gutshöfe des freiheitskriegsiegfriedensaufbauprogramms

der ambitionierte schriftsteller und autorendichter folgt ihm dorthin

andächtig trägt er seine produkte hinternach und dann dort vor bei

fürstenwerders bülowssiege nordwestuckermark ein wortgarten

mehr als noch mehr friedland in friedland auf burg friedland

nicht zu verwechseln mit bombenfriedensfriedlandlager

oder dem friedland unseres nächsten camps

osterei

(vorsicht, gammelig wie vonletztjahr!)

wieder ist frühlingspest

noch gruseliger als jahreswechsel

radioeinsrbb & a.merkel auf dem höhepunkt

ihrer arbeitsverweigerung

“der ja leider auch nich mehr unter uns is”

nee, nich lattenpitt…

näselweißer gentleman führt d.brown ein

nachricht von oben

knietief im knickei

twixter nennen twitter

kurznachrichtendienst

sign o’ the times

bombing von der höhe

flash crash trash bash

ashes to ashes

vatikan ist weltwaffenschmiede

& franz furzt orbisegen raus

& mob fackelt asyl ab

& merkel beißt zähne zusammen

sie pulverisieren das system

3. Mai 2017

Hessenmeister

Wandlitzer Gettoprivilegien

Die Mauer hat im zweiten deutschen Staat ein Klima konserviert, in dem sozialistische Kleinbürgerlichkeit ungelüftet überdauern konnte. Ngô Hung Tung

Anspruch auf die Wahrheit haben die eigenen Genossen, nicht unsere Gegner. Günter Guillaume

Hannes Fleckenstein erzählt.

Am 28. Februar 1986 sah ich die Premiere von Thomas Bernhards „Einfach kompliziert“ am Westberliner Schillertheater. Bernhard Minetti spielte einen ausrangierten Schauspieler vor der letzten Niederlage. Er wartet auf nichts mehr. Selbst sein Starrsinn ist sinnlos geworden. In jeder Erinnerung steckt Widerwillen, wenn nicht Hass. Einmal sagt er: „Das Geborenwerdenverbrechen/ ist nicht zu verzeihen.“ Ein paar Jahre später wäre die Sache im Deutschen Theater oder im Berliner Ensemble über die Bühne gegangen. Sechsundachtzig redete man noch vom Stillstand der Geschichte in ewiger Eiszeit. Ich war einundzwanzig. Kaum, dass ich mitbekam, wie einer auf der Premierenfeier, in meinen Augen ein „Ball der Alten“, sagte: „Sie haben den Palme umgelegt.“

Das war Jargon einer linksbürgerlichen Paranoia. Das Pronomen sprach selbstverständlich einen Staat an, der unter demokratischen Bezügen und amerikanischen Einflüssen zum Monstercock im Wald der Furcht wurde. Im Fall von Olof Palme funktionierte das erstaunlicherweise auch. Der schwedische Ministerpräsident (und linke Leuchtturm) war mit seiner Frau und ohne Leibwächter im Kino gewesen und danach in der Stockholmer City, nah der UBahnstation Rådmansgården, erschossen worden. Zum Täter erklärte man den polytoxikomanen Beschaffungskriminellen Christer Pettersson. Er wurde erst schuldig und dann frei gesprochen. Daraus machte er eine Nummer, mit der er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 tingelte. Pettersson war für die Schweden eine Enttäuschung als alter Groschenjunge, den kein Dunkelmann von Format auch nur zum Einparken seines Jaguars eingesetzt hätte. Der Mann bot sich als Beispiel für moralischen Lochfraß an. Die Aufregung um ihn bezeichnete er in einem Interview als språngbräda – Sprungbrett.

Die Ermittlungen hatten eine Reihe von Sonderkommissionsleitern verschlissen. Am Abenteuerlichsten erschien der Stockholmer Polizeipräsident und Wasalaufveteran Hans Holmér. Er machte die PKK für den Mord verantwortlich. Holmér berief sich zumal auf einen Agenten, der sich Lazar Kagan nannte und die PKK-Theorie mit den Mitteln eines Romanciers stützte. Die PKK habe sich zu einem Auftragsmord hinreißen lassen und keine eigenen Interessen verfolgt. Ich glaubte Kagan kein Wort. In New York traf ich Bess Myerson*, sie sagte: „Ach, der arme Olof.“

  • Bess Myerson, die erste und einzige jüdische Miss America, kam aus der Bronx. Man fand das Kind russischer Einwanderer gawky – unbeholfen, staksig eher als schlaksig, vielleicht im Sinne von bambi’esk. Auf ihrer Miss America Tournee 1945 wurde sie mit No catholics, no jews, no dogs Schildern vor den Kopf gestoßen. Das gab ihrem Leben den aktivistischen Drive. Man nahm sie wahr als Löwin der Gemeinde. Sie überlebte Eierstockkrebs und einen Schlaganfall. Sie half Edward Irving Koch Bürgermeister von New York zu werden. Siebenundachtzig verlor Myerson ihr Amt als NY-Kulturbeauftragte. Sie stürzte in den Abgrund einer Anklage. Als Angeklagte in einem Verfahren, das von Verschwörung handelte, fiel das Rollenvorbild von Millionen Amerikanerinnen unter die Ratten. Der Bürgermeister gab als Zeuge im Prozess eine klägliche Figur ab. Ed Koch sagte gegen seine Vertraute aus und kündigte Myerson öffentlich die Freundschaft. Das machte sie fertig.

1990 fand eine Sehnsucht nach Exotik neue Ziele im Osten. Es gab noch die DDR mit Lothar de Maizière als Kohls Statthalter. Das westliche Interesse wurde schon als Heimsuchung empfunden. Die Bundesbürger versauten mit ihrer Währung die Ostpreise. Sie erschienen wie Landsknechte in Tanzlokalen, wo man Aufforderungen mit höflicher Ansprache verband und egokompakte Alleingänge unbekannt waren. Da war er plötzlich, der Malle erfahrene Manta Tiger mit seinen zwo Mille nach allen Abzügen. Daran gewöhnt, Rede und Anwort zu stehen, wo es um die Frage ging: Und was hast du so auf der Naht? Stand kein Aschenbecher parat, wurde die Kippe auf dem Flor flachgetreten. Dagegen erhobene Einwände waren unzulässige Bevormundungen von viel zu lange Bevormundeten. Man musste über achtzig sein, um sich als DDR-Bürger an eine freie und geheime Parlamentswahl erinnern zu können: vor der CDU Party am 18. März. Seit der Reichstagswahl vom 6. Nov. 1932 kannte der zum Behufe der Beitrittswilligkeit hart gefreite Ossi nur den Strich der Parteilinie.

Manta Tiger durfte nicht einfach die Kerzen auf dem Tisch anzünden. Die Anzünderin erschien zur festgesetzten Zeit und wehe, man griff ihr vor. Besondere Beilagenwünsche wurden als unangebrachte Extrawürste abgewürgt.
„Bei uns bestellt man die Gerichte so, wie sie auf der Karte stehen.“
Das schrieb die sozialistische Tischordnung vor, sie musste mit Humor genommen werden. Manche Usurpatoren zündeten sich Zigaretten mit Ostmarkscheinen an. Traktor kaufte einen ZT 320 und stellte die Landmaschine fahrtüchtig in eine Remise an der Bornemann Avenue (vormals Glauburgstraße). Unsere besten Künstler traten in eine Phase westöstlicher Geschlechtsverbindungen ein. Das war zu der Zeit, als die Rolling Stones Überraschungskonzerte gaben. Die Gruppe hatte sich Sechsundachtzig aufgelöst. Ihre Wiedervereinigung überragte als Weltereignis die anstehende Aufhebung der deutschen Teilung. Kolumbianische Kartelle entdeckten die DDR als Rückzugsraum. Polizei stellte zentnerweise Verbotenes sicher, Pablo Escobars Devise plata o plomo – Silber oder Blei (entweder lässt du dich bestechen oder erschießen) rangierte unter den Ersten Zehn der Leipziger Losungsolympiade. Unbescholtene Narco Nosotros bezogen Quartiere an der Ostsee. Da erschienen Korpulenzen, die wie Pinguine watschelten und einen bürgermeisterlichen Habitus hatten. Sie ließen sich und ihre Familien von israelischen, südafrikanischen und britischen Söldnern bewachen. In aller Gemütlichkeit trachteten sie der kolumbianischen Justizministerin Mónica de Greiff nach dem Leben. Ausgesetzt war ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar. Die Lebensspanne der Politikerin lieferte einen Wettgegenstand. De Greiff übte ihr Amt vorübergehend in Washington aus, wo ihre Familie jahrelang als Verfolgte lebte. Das Thema begegnete mir in einem Seebad, wo ich einen Einnistungsversuch der Republikaner unterwanderte. Der bevorstehende Beitritt sorgte bei Berufsschlesiern für Auftrieb. Nach revisionistischem Rechtsverständnis konnte über die polnischen Westgrenzen erst nach der Wiedervereinigung entschieden werden. Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war folglich vorläufig, Deutschland in den Grenzen von 1937 möglich. Der republikanische Manta Tiger kam aus einem fränkischen Spessartdorf und hatte von den Eltern ein Vertriebenenschicksal geerbt, das sich in Empfindungen erschöpfte. In einem Kursaal empfahl er den Sacro egoismo – den heiligen Egoismus für Deutschland. Wolfgang Schäuble hatte ein paar Tage zuvor im Streit mit einem Spitzer der Ost-SPD die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als notwendiges Begleitübel der Vereinigung beinah zähneknirschend festgestellt. Ich hatte ihn schon Mitteldeutschland zur DDR sagen hören. Manta Tiger sagte selbstverständlich Mitteldeutschland. Seine Zuhörer freute das. Ich wunderte mich über die vielen jungen Ex-Pioniere, da saßen keine Ewiggestrigen.
Der Bonner Vertrag von 1955 sei erpresst worden, erklärte Manta Tiger. Im Verhältnis zu dem ausstehenden Friedensvertrag dürfe man alle älteren Verabredungen als vorläufig und egal betrachten. Die Bundesrepublik hielt Manta Tiger für keine geringere Lüge als die Deutsche Demokratische Republik. Ich fragte mich, ob die Leute im Saal dazu in der Lage waren, totgeglaubte Gebietsansprüche wiederzubeleben.

Mitte der Neunziger saugte die Burg Thomas S. an. Er sah aus wie Wolfgang Petry und ging nach der Probezeit als Vokuhila durch. Die Gemeinheit der Eingeschweißten, in der Weisheit ätzte, setzte ein Taqiyya* vor das Vokuhila.

  • Die Verheimlichung des wahren Glaubens in Gefahr – Taqiyya-Vokuhila verbarg gewiss viel vor den siegreichen Klassenfeinden. Das waren wir. Er hatte an der Humboldt Universität auf Diplom-Kriminalist studiert und war Chef einer Ostberliner Mordkommission gewesen, bis zu seiner Suspendierung im Januar Neunzig. Irgendwann kannten alle die Geschichte, in der Vokuhila seine rumänische M 74, ein misslungener Walther Nachbau, abgeben musste, weil sein Vater, der haftverschonte Spitzenfunktionär, ihm zum Genuss Wandlitzer Gettoprivilegien verholfen hatte.

Keine Spur von Unrechtsbewusstsein. Vokuhila gab den ganz und gar Umgänglichen. Er hatte nur. Das war seine Story. Sie warb für ungebremsten Opportunismus. Sie schwappte auf einer Woge zudringlichen Menschelns in die Burg. Der Ex-Major trug einen federfeinen Pennälerpornobalken, der sein unscharfes Wesen auf den Punkt brachte. In Bielefeld gab es zwei Kinder und eine an Vokuhila nicht mehr interessierte Angela. Nachts kreisten Familienfotos. Höhepunkte der Kollektion waren Modellaufnahmen der Ehefrau, aparte Überinszenierungen, die unter den Eingeschweißten im Leichenschauraum der Burg Ratlosigkeit hervorriefen. Sie stammten von einem Friseur, der sich auf häusliche Erotik spezialisiert hatte. Ich stellte ihn mir zuerst wie eine beliebige Stummfilmschattenfigur vor. Ich wurde genauer und legte mich auf Nosferatu  Symphoniker des Grauens fest. Ich fahndete nach Vokuhilas verlorenem Leben. Die Signale waren schwach. Ein Volkskammerausschuss hatte Vokuhila wegen Amtsmissbrauchs zerlegt, es war spießig um die Finanzierung eines Fertighauses vom Typ Stralsund für 90.000 Ostmark, eines Mazda 322 GLX 1.5 (Neupreis 25.000 Ostmark) und eines Peugeot 305 (Neupreis 44.000 Ostmark) gegangen. Vokuhila und Angela hatten in Wandlitz gratis getankt, den Funktionärsservice (des VEB Spezialbau nicht zuletzt) genutzt und am korrupten Ohr von Bauminister Junker gekaut. Sie waren auf Staatskosten in die Ferien geflogen. Deshalb hatte Vokuhila den Anschluss an die neue Zeit verpasst, während seine Kollegen Hauptstadtpolizisten geblieben waren. Er betonte, gegen keine Strafrechtsnorm verstoßen zu haben. Er erfand einen alten Satz neu. Was früher Recht war, kann heute nicht Unrecht sein, wuchs als Ausrede auf seinem Mist noch einmal. Vokuhila war als Privatdetektiv gescheitert. Nun half er Gemüse-Tung auf Wochenmärkten. Tung war als Schiffsbrüchiger vor Malaysia erst an Bord des Hospitalschiffs Helgoland und dann in das Grenzdurchgangslager Friedland gelangt. Weihnachten 1978 hatte er in Gesellschaft des niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht auf einer Gala in Hannover verbracht. Ich hatte seine Flucht und Ankunftsgeschichte als Schülerreporter in der Frankfurter Rundschau verbreitet, wir waren uns federnd begegnet. Ich fand Tung witzig.

Eines Abends steckte mich Steffi ein, in ihrem Käfer flogen wir von Ampel zu Ampel bis zu ihrer Wohnung im Sandweg. Sie wohnte unter einem Flachdach, auf dem sie manchmal schlief. Neben ihr verkam ein Greis, der behauptete, in Spanien gegen die Faschisten gekämpft zu haben. Er fürchtete, nicht schnell genug zu sterben, um dem Heim zu entgehen. Steffi kümmerte sich sporadisch, aus der Mansardenhöhle stank es nach Verwesung. Gebunkerte Lebensmittel schimmelten in Verstecken.
Am nächsten Morgen tauchte Tung im Sun-Yat-sen Anzug auf. Er war extrem willkommen, vielleicht übersah ich mit Absicht ein Zeichen. Tung bewegte sich wie ein Hausherr in der Küche. Meine Zeit war abgelaufen. Ich ging trotzdem nicht.
Steffi verschwand und kam in einem Dobok (Taekwondo Anzug) wieder. Sie verständigte sich an mir vorbei, Tung hob die Schultern.
„Komm“, sagte er.
Ich folgte den beiden über eine Lukenleiter. Tung stellte mich vor die Wahl, schweigend zuzusehen oder schweigend mitzumachen. Ich nahm zwei Schritte Abstand, so zeremoniell wie ich es im Kino gesehen hatte.
Steffi und Tung dehnten sich gegenseitig. Sie feilten an einer Form (To-san Hyong), die Steffi lernte. Sie tanzten einen Kampf, das wollte ich unbedingt genauso können.
Tung führte Steffi weit über die Kante ihres Vermögens. Ständig war ihr Gleichgewicht bedroht, die Faust nicht richtig geschlossen, eine Stellung falsch. Tung korrigierte und agierte wie in einem Atemzug.

„Je vais t'apprendre à vivre – Ich werde dich lehren, zu leben. Das bedeutet, manchmal mit einem drohenden Unterton: Ich werde dich formen, ja dich dressieren. Allerdings – und das Doppeldeutige dieses Spiels ist mir besonders wichtig – öffnet sich der Seufzer auch einer noch schwierigeren Fragestellung: Leben, kann man das lernen? Kann man das lehren? Kann man durch Disziplin oder durch Lernen, durch Erfahrung oder durch Experimentieren lernen (oder lehren), das Leben zu akzeptieren, ja mehr noch: zu bejahen? Diese Beunruhigung hinsichtlich des Erbes und des Todes klingt das ganze Buch [Spectres de Marx, 1993] hindurch an. Sie treibt sowohl die Eltern als auch ihre Kinder um: Wann wirst du verantwortlich werden? Wie wirst du schließlich die Verantwortung für dein Leben und für deinen Namen übernehmen?
Um ohne weitere Umschweife auf Ihre Frage zu antworten: Nein, ich habe niemals leben-gelernt. Ganz und gar nicht! Zu leben lernen, das müßte bedeuten, zu sterben lernen, zu lernen, der absoluten Sterblichkeit (ohne Heil, weder Auferstehung noch Erlösung – weder für sich selbst noch für den anderen) Rechnung zu tragen, um sie zu akzeptieren. Seit Platon lautet der philosophische Imperativ: Philosophieren heißt sterben lernen. Ich glaube an diese Wahrheit, ohne mich ihr zu ergeben. Und zwar immer weniger. Ich habe nicht gelernt, den Tod zu akzeptieren. Wir alle sind Überlebende mit einer Aufschubsfrist.“ Jacques Derrida, zum 85sten; aus einem Gesprächs mit Jean Birnbaum, in: Lettre International Nr. 66, Herbst 2004. Zitiert nach Stimmenrausch.

Tung kam vom Taekwondo, er beherrschte mehr. Sprach er darüber, schweifte er aus. Der Text klebte am Honig der Mysterien. Das war eine Jahrhunderte alte Leier, von der sich Tung nie verabschiedete. Sie diente gleichermaßen der Verschleierung und der Erklärung.
Ich raffe Informationen, greife vor. Steffi und ich lernten schnell im Feenfeuer der erotischen Faszination. Mit Tung bildeten wir ein Dreieck der Anziehung. Tung lehrte fassadenhafte Freundlichkeit. Er hatte in Saigon Lederjacken ausgebildet. Ein Gerücht wusste, daß er wenigstens einen Việt Nam Cộng-sản aus dem Hubschrauber gestoßen hatte. Ich konnte Tung darauf nicht ansprechen, ich war sein Schüler. Er hatte mich auseinandergenommen, nun standen wir beide vor der Aufgabe, mich neu zusammenzusetzen. Aus Tungs Schule gingen keine Bruchtestspezialisten hervor. Das Primat der finalen Technik passte nicht zu ihm. Die Makiwara-Liebhaber aus den Karateabteilungen verstanden die Welt nicht mehr, wenn sie uns zusahen.
Sie sagten: Ihr tanzt. Das kam aus einem Abgrund der Verachtung (und der Ahnungslosigkeit).

Wir waren kein Verein. Wir waren Tungs Familie. Je näher man Tung kam, umso mehr Gong-fu mischte er auf seiner Palette. Zwar liebte er hohe Fußtechniken, er lehrte Hyongs, später Poomsae. Taekwondo war für ihn trotzdem eher ein Spiel und zugleich eine Möglichkeit der Ordnung. Schlüsselsätze lauteten: Kampf ist Kopfsache. Geschwindigkeit tötet. Stör den Spirit des Gegners. Nicht Aggression, sondern Entspannung führt zum Ziel. Die Kunst besteht nicht darin, zu treffen, sondern darin, nicht getroffen zu werden.
Ständig mußte ich mir das anhören: Du hast zu viel Druck im Körper. Relax dich (O-Ton Tung).

Relax dich. Auch mal: Relax dich, alte Socke.
Die alte Socke hatte er von seinen Stammtischbrüdern. Sie versorgten Tung mit idiomatischen Auswüchsen, deren Bedeutungen er kaum erfasste und die ihm oft auch noch verfälscht beigebracht wurden. Ich war zu jung für den Stammtisch und eifersüchtig auf die alten Männer. Am Tisch saßen Polizisten, Grenzschützer und hängengebliebene Amerikaner. Tung bewegte sie, seine Verwandtschaft, Schüler und Freunde wie Spielfiguren. Steffi erledigte seinen Schriftkram und ging mit auf die Ämter. Wurde Tung herablassend behandelt, regte das nur Steffi auf. (Doch konnte Tung auf eine originelle Art auch impulsiv sein. Natürlich war er verheiratet, die Harmonie dieser Ehe ein Mysterium.)

In Steffis Garage lagen Einzelteile einer Kawasaki. Steffi hatte ein zerlegtes Motorrad gekauft, ich weiß nicht mehr, mit welcher Erwartung. Jetzt suchte sie eine Bastlerin, die das Puzzle abholte. Steffi neigte zu Spontanfehlkäufen und unhaltbaren Versprechen. Sie kaute auf Kalenderweisheiten herum. … Mit dem Geld ihrer Eltern kaufte sie einen Pavillon im Hinterhof. Das Teehaus erfüllte seit Jahren Lagerfunktionen. Vermutlich war es nie anders genutzt worden. Steffi gründete darin ihre Ugly Casting Agentur, die Geschäftsidee wollte sie geträumt habe. Im Vorderhaus war schon das Willie’s und Willie war auch das erste Modell, das Steffi unterbrachte. Die Wirtin besaß den Liebreiz einer Wildsau. Sie prahlte mit ihrem Übergewicht. Sie fand sich von Herzen schön und begehrenswert. Sie trug einen umwerfenden Stolz zur Schau. Sie sammelte Engländer, die in ihrer Kneipe Fussball guckten.

Ausgerechnet Sprotte meldete sich wegen der Einzelteile. Wir schafften sie gemeinsam in die Rotlintstraße. Keiner wusste, wie ihm geschah, jedenfalls waren wir dann wieder zusammen für die kurze Spanne der letzten Sommerferien unserer Schulzeit. Wir trampten gen Spanien. In Frankreich dienten Turnhallen als Herbergen, um die Unternehmungslust der Kinder Europas in geordnete Bahnen zu lenken. Wer keine Lust hatte, in einer Halle zu schlafen, übernachtete bei x-beliebigen Leuten, die auch noch für Abendbrot und Frühstück sorgten. Vor Lyon stiegen wir zu einem Mann ins Auto, den unsere routinierte Übernachtungsanfrage begeisterte. Die französische Sprache machte uns zu Stümpfern, Appartement klang wie Wohnung. Wir kamen in einen Raum, der kaum größer war als das Bett darin. Klo, Bad und Küche waren Gemeinschaftseinrichtungen. Sprotte flennte fast vor Mitleid. Ich riet zum Aufbruch, unser Gastgeber bestürmte uns. Sprotte wollte bleiben, wir waren uns nie einig. Der Mann kam mir besonders dumm und gemein vor. Alles lief auf immediate return hinaus, Sprotte sollte das Gastgeschenk sein. Sie begriff nichts. Ich legte mich dann zwischen die beiden. Sofort ging das Palaver los. Ob wir etwas gegen ihn hätten? Ich sage jetzt nicht: fragte unser Gastgeber. Ob Sprotte ihn nicht wenigstens ein bisschen gern haben könne? Ob wir das fair fänden? Sprotte argumentierte über mich hinweg in ihrem armen Französisch. Sie zeigte guten Willen. Der Mann wurde wehleidig, seine Wünsche schrumpften. Mich störte das Verständnis, das Sprotte für ihn aufbrachte. Ich fühlte mich zurückgesetzt. … Wir erreichten Spanien. In Figueres sammelte uns eine schicke Seniorin ein, die nach Cadaqués fuhr. Unterwegs dämmerte es mir, wir saßen mit Gala Dalí in einem Auto. Ich konnte ein Gedicht von Paul Éluard auswendig. Tage später hatten Sprotte und ich (wieder in Frankreich) die Wahl, uns noch einmal richtig sattzuessen und abzureisen oder mit Kohldampf drei Tage am Meer herauszuschinden. Sprotte verlangte eine ordentliche Mahlzeit. Sie machte mir klar, dass sie die Mahlzeit auch ohne mich haben konnte. Mir fiel ein, wie angenehm sie dem penetranten Lyoner gegenüber geblieben war. Während ich nach der Devise Friss Vogel oder stirb abgespeist wurde. Wut stieg auf …

Immer sang einer zur Gitarre. Immer traf man einen oder zwei aus der Schule. Ein Lift auf der Route du Soleil reichte bis zum deutschen Herbst. Immer gab es einen Perser, der deutsche Tugenden rühmte, und einen Sven auf der Flucht vor Gläubigern. Den Boris im Alimente-Rückstand, ungefragt Besserung gelobend. Es gab falsche Fröhlichkeit und echten Neid. Soziale Wucherungen, die Bildung von Randgewächsen und ein vehementes Aufkommen von Verfallserscheinungen. Wochenmärkte fanden nachts statt. Kegel von Flakscheinwerfern unterhielten sich über den Leuten. Genossen nahmen die Hitze zum Vorwand, um das Bekleidungsminimum zu unterschreiten. Dagegen schritt der Freiwillige Heimatschutz ein. Trotzdem traf man Angehörige der neuen Stämme mit barocken Abweichungen. Ich erinnere an die Barfüßer, die sich weder waschen noch rasieren durften. Ich zog zu Steffi, wir lernten uns noch einmal mit anderen Augen kennen.

Ein Frontier an der Linie zwischen studentischem easy listening und politischem Stress trat in unseren Kreis, beim Bund war er Funker gewesen. Er konnte russisch. Zwei, drei Mal besuchten wir ihn in einem Haus voller Wohngemeinschaften. Gleise führten daran vorbei. Es war die Zeit der Hausbesetzungen. Das große Wort führten in Berlin lebende linksradikale Bielefelder, wie wir noch keine linken Bielefelder und Berliner je auf Agitationstournee erlebt hatten. Manche sahen aus wie Burschenschaftler. Alle trugen sich bürgerlich und machten Karriere. Sie saßen voll im Fett der Gesellschaft. In Redaktionen, Kommissionen und Kammern. Heimlich gründeten die Unterwanderer rote Zellen zur Fortsetzung der Roten Armee Fraktionstätigkeit mit aktualisierten Mitteln. Sie hassten und missachteten die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Dritten Reichs. Die Modalitäten des Rechtsstaats waren für sie Spielmaterial. Oft kam die Rede auf den „spielerischen Umgang“. Die Aktivisten plädierten für direkte Demokratie, als garantiere jedes Plebiszit nicht rechte Ergebnisse. Das war vermutlich ein Superloop. Zum ersten Mal erlebte ich nationalistische und rassistische Linke. Keine Ahnung warnte mich vor ihrer Korkst. Der Funker sprang vom Trainingszug ab, er hatte sich mehr von Steffi als von Meister Tung versprochen. Wieder ging mir die Zugänglichkeit nach, mit der Steffi auf den Fremdkörper reagierte. Beim ersten Zorres der (von Nihan Jiménez geführten) Nordend-Kanakstar-Lauf-und-Lerngruppe (NKLL) mit Linksrassisten, war der Funker ambivalent auf Deck. Er verschwand in der norddeutschen Tiefebene, wo er die Windkraft schön redete, bis er in Windkraftanlagen die großen Krankmacher unserer Zeit erkannte. Das weiß ich, weil er Steffi jahrelang auf dem Laufenden hielt. Ihr schmeichelte, dass er ihre Erscheinung wie eine Gedankenfolie auf alle Frauen legte, denen er Geschlechtsverkehr abluchsen konnte. Ich behaupte nicht, dass Steffi den Wahn des Funkers nachhaltig förderte, doch konnte sie zweifellos dem fernen Ständer etwas Geschichtliches abgewinnen. Zum Schluss noch ein Lied aus der Stimmenrausch-Terrorkeimzelle von Max Pfeifer, Wankermax Shitwood und Scum Fartwood-Arthurharris. Die drei Luftpumpen sangen:  

touristische hochschaukeleien und imagebildende kiezveranstaltungen
strudeln jedes jahr zunehmend menschen mit närrischer tobsucht durch
unsere straßenschluchten.
myfest kulturenkarneval muckerfestivals freßmeilen bis zum würgen…
zur langen buchnacht spielen wir das spiel mit, weil wir zeigen können,
daß es uns auch noch gibt.
oft sind es absurde spektakel oder gar reine konsumschlachten und es
ist beschämendes paradox,
daß die, die am meisten gerackert haben, als erste von der verdrängung
betroffen sind, die sie selbst mit ihrer kreativen lebenshaltung angestoßen
und nachhaltig befördert haben.
ein zustand der eben nicht verschämt abgenickt, sondern zu ankurbelung
privater umsätze und eiskalt zur turbobeschleunigten mietzinseskalation
ins kalkül gezogen wird.
trotzdem machen die macher so weiter und die dichter lassen in engster
umklammerung mit der geschäftswelt die hosen runter für ein null offert…
 
stilvolle selbstausbeutung
heißt, es gibt in dem “selbstorganisierten programm”, so offiziell durch
den kakao gezogen, wie immer einige lohnenswerte entdeckungen: …ach so, am sa, 30sten mai
 

26. April 2017

Hessenmeister

Rektale Illuminationen

Eine Avantgarde reitet vor den Feind wie in ein Verderben. Anscheinend bemerkt sie den Fehler zu spät, wendet im Galopp und zieht die Verfolger in einen tödlichen Trichter. Mongolische List

Die Erfindung des Pulvers zeigt, dass die im Begriff des Krieges liegende Tendenz zur Vernichtung des Gegners von Bildung keineswegs abgelenkt wird. Clausewitz

Bewege dich nur, wenn ein Vorteil zu erreichen ist. Befähige dich, lässig warten zu können, während der Feind sich abmüht. Sue Tse

Hannes Fleckenstein erzählt.
Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen-Kassel führte eine Ehe zur linken Hand mit Gertrude geb. Falkenstein, verh. Lehmann, erhoben zur Fürstin von Hanau und zu Hořowitz so wie zur Gräfin von Schaumburg. Aus der Verbindung gingen neun Kinder hervor. Ein wegen der morganatischen Ehe seiner Eltern nicht nachfolgefähiger Karl zeugte als Unterleutnant im Leibgarde-Regiment eine Tochter mit dem Tresenwunder Minette Teichmann. Das doppelt illegitime Geschöpf hatte erst einmal nichts zu erwarten als den sauren Atem barmherziger Schwestern. Doch gewann Elisabeth in ihrer Blüte die Zuneigung des Ritters von Fleckenstein-Dörnberg, einem jüngeren Verwandten jenes Wilhelm von Dörnberg, genannt „der Aufstandsdörnberg“, der mit Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Oels in den Farben des Braunschweiger Corps gegen Napoleon geritten war. Als Black Brunswickers standen die Braunschweiger in britischen Diensten noch, als Napoleon schon Geschichte war. In Darstellungen sind sie ein Rebellenhaufen, der Furore macht. In der Rolle des schneidigen Bräutigams stiftete der Schwarze Braunschweiger eine bourgeoise Mode. Das Genre variierte Mitte des 19. Jahrhunderts liebeslyrisch Beliebtes. 

Napoleon hatte Wilhelm von Braunschweig aus dem Sattel seiner Amtsgewalt gehoben und das Herzogtum dem Königreich Westphalen zugeschlagen. In Europa gab es Kräfte, die mit Napoleons Neuordnung mehr anfangen konnten als mit den dynastischen Kleinlichkeiten, die Wilhelm von Braunschweig zum bedeutenden Spieler machten. Das anbei. Claus Ritter von Fleckenstein-Dörnberg war ein Motor protestantischer Wohlfahrtspolitik. Er wachte über die von Philipp dem Großmütigen im 16. Jahrhundert gestifteten Hohen Hospitäler zu Haina und Merxhausen. Als Kind seiner Zeit rechnete Claus Zuchthäuser zu den altruistischen Einrichtungen. Er ließ jeden sächsischen Landstreicher ausweisen, verelendete Landeskinder durften aber bleiben. Man konnte noch so sehr von Armutsakne gezeichnet sein, als Hesse hatte man Anspruch auf einen Platz in einem hessischen Zuchthaus. Dem Ritter unterstanden die Armenvögte. Ich nenne Vogt Vollgrind Bonamessi. Der Gastsozialarbeiter, geboren auf Cazzofai, diente der Volksfürsorge, wenn er eine Lüderliche zum Spinnhaus oder einen Müßiggänger nach dem Stockhause führte. Er registrierte die Almosenempfänger. Er strich mit der Armenbüchse um die Ecken, klapperte durch Wirtshäuser oder bummelte durch die Arkaden des in den 1770er Jahren auf dem Wilhelmsplatz als Refugium für Refugees nach Plänen des Stadtbaumeisters Simon Louis du Ry entstandenen HÔPITAL DES FRANCOIS REFUGIÉS, wo in großen Runden gezockt wurde. Der solvente Bürger verbrachte keinen Tag seines Lebens in so einer zwischen Kranken- Armen- und Findelhaus changierenden Kaschemme. Doch der Bedürftigkeit lieferten bed & breakfast so wie die Aussicht nicht zu erfrieren bereits einen Vorgeschmack auf das Paradies. Da gingen alle Lampen der Begeisterung an. Es gab reichlich ausgesetztes Gesinde. Von ihren Herrschaften auf die Straße getreten. Eine Institution des Fortschritts war der Drehkasten zur anonymen Säuglingsabgabe. Die Findelinge starben in Ammenobhut wie die Fliegen. Nicht zehn von Hundert erreichten das vierzehnte Lebensjahr.

Ritter Claus kam nicht umhin, einen Missbrauch der kurfürstlichen Großzügigkeit festzustellen. Dirnen, manche hässlich wie die Nacht, erreichten Kasseler Gnadenstationen aus dem Ausland so wie dem Kurfürstentum Hannover, um sich von ihrer Zuchtlosigkeit entbinden zu lassen.
Ein Kavalier unterschied erst gar nicht nicht zwischen Arbeit und Sklaverei. Das Leben wollte von der passablen Seite genommen werden, die Wände des Fleckenstein’schen Wohnzimmers waren von carrarischem Marmor, den Plafond trugen acht Säulen. Der Ritter ergab sich dem Raumgefühl auf vierhundert Fuß Länge, sechzig Fuß Breite und zweiundvierzig Fuß Höhe. Die Öfen waren mit größter Kunst in der Henschel’schen Gießerei aus Bronze gearbeitet worden. Sie hatten stückweise fünftausend Rthlr. gekostet. Fünf Kronleuchter illuminierten die Pracht. Jeder besaß eine Peripherie von dreiunddreißig Fuß. Unter diesen Umständen verfasste Claus eine „Abhandlung zur Verhütung des Bettels“. Die Studie gipfelte in der Idee, jeden, der auf Kassels Straßen ein Almosen begehrte, ins Arbeitshaus zu stecken.

Claus unterschied a) Arme, denen es an Gelegenheit zur Arbeit fehlte, von b) Müßiggängern und c) bettelnden Kindern.
Wie dämmt man die Bettelei ein? war eine Frage von zentraler Bedeutung. Claus bestellte Koryphäen. Die Anhörungen fanden im Alten Teehaus am Elbenknick statt. Das Rittergeschlecht der Elben ließ sich zurückverfolgen bis zu der Zeit früher fränkischer Besiedlung der Thüringen vorgeschobenen Gebiete. Das älteste Teehaus Hessens war ein Kleinod der Gartenarchitektur und ein Geschenk des japanischen Spitzendiplomaten Taifun Mushasi, das europaweit Schule gemacht hatte. Da entwickelte Claus eine Agenda zur Beseitigung der sichtbaren Armut. Dem Fürsten riet er zum Bau einer „Werkhaus-Anstalt“. Er setzte Waisenkinder an Baumwollspinner, diverse Seminaristen unterrichteten das Gesindel an der Spindel.
Der Fürst empfing die Delegierten der Armutskonferenz in seinem egyptischen Zimmer. Eine pharaonische Grablege-Phantasie in Ebenholz, Marmor, Gold und Bronze überließ den Besucher einem Zustand zwischen Schauer und Entzücken. Das egyptische Zimmer vereinte eine Staffel von Kabinetten, die den Eindruck von Pracht und Düsternis buchstäblich vertiefte. Man sah Männer, die den Teufel nicht fürchteten und sich einer direkten und ungetrübten Abstammung von Edlen gewiss sein durften, den Schweiß von der Stirn tupfen, ob der phantasmagorischen Erregungen vor Ort. Ein Löwe an der Leine Seiner Königlichen Hoheit trug zu allgemeinem Unbehagen bei. Der Fürst befahl den Zwölfstundenarbeitstag für Bedürftige. Sogleich gründete Claus das reformirte Waysen- und Armenhaus an einem Unterneustädter Rand als koedukatives Institut. An das zusammengefegte Elend richtete er Klippundklapp einen Versorgungsauftrag. Die Waisen versorgten fortan Alte und andere unauffällig in ihren Wohnungen verwahrte, jedenfalls zu keiner Sache zu gebrauchenden Arme. Zum Waisenhaus kam eine Manufaktur und eine Maulbeerplantage. Claus ließ spinnen, weben, stricken und sticken. (Das Militär war wichtig als Abnehmer von Socken.) Bei einer Inspektion gefiel dem Ritter besonders Elisabeth und da machte er aus der falsch Geborenen eine ehrliche Frau. Elisabeth wurde Stammmutter der im 20. Jahrhundert auf den bürgerlichen Hund gekommenen Fleckensteins, die Historiker als unbedeutende Seitenlinie der Hesselbachs abtun. Ich bin ein angenommener Fleckenstein, entstanden als Ausrutscher meiner Mutter, die sich, wie alle wissen, bäuchlings auf einer Eschersheimer Mülltonne vor vierunddreißig Jahren Wayne Blackbear Raymond überließ, mit dem sie zuvor kein Wort gewechselt haben will. Bei meiner Zeugung sei eine Anziehungskraft von kosmischer Gewalt im Spiel gewesen, die meine damals kaum drei Monate verheiratete Mutter in dem Nachclub Zum Grauen Star vom Hocker riss und alles zum Erliegen brachte, was man ihr beigebracht hatte. Nach einem kurzen Sternenschauer habe sie den hessenweit aktiven cunt hunter überhaupt nicht mehr begehrenswert gefunden, dafür aber ihren Fritz F. um so mehr. Meine Mutter rühmt den dunklen Humor des Mannes, dem ich als leiblicher Sohn untergeschoben werden sollte. Ich kann mich an keinen Augenblick erinnern, in dem ich mich nicht vollends als seinen Sohn gefühlt hätte, während mir Waynes Bemühungen manchmal bedrohlich und oft seltsam erschienen. Er fand Gelegenheiten, mich einer Jagdgemeinschaft im Wald seines Försterfreundes Stonewall Thunderbolt unter den Vorzeichen männlicher Bewährung anzupassen. (Stonewall Thunderbolts jüngste Tochter wartet seit Jahren darauf, von mir geheiratet zu werden. Dazu später mehr.) Das Revier des unsterblichen Trappers ist ein historisches Gefechtsfeld, auf dem Nägel und Beschläge als Artefakte von Kampfhandlungen aus der Zeit der Domitianischen Grenzneuordung Germaniens gefunden wurden. Um seine Glücklosigkeit zu überspielen und sich einen besseren Ruf zu verdienen, hatte Domitian im Jahr Dreiundachtzig unserer Zeitrechnung einen Krieg gegen meine Ahnen mütterlicherseits angezettelt. Domitian erreichte die chattische Sohle, wo wir seine Marine (Legio I Adiutrix) empfingen. Eine der großen Unterschlagungen der akademischen Geschichtsschreibung verweigert den Chattensiegen die Überlieferung. Geschmäht als Wanker Maximus Verrucosus Cunctator (auf Deutsch circa: Größte Wichserwarze/Feiges Arschloch/Dummes Dreckschwein) aka Spuma Bionda, verbarg sich der schwer gekränkte Domitian hinter Stacheldraht und Selbstschussanlagen in der Wetterau.

Der Hauptschauplatz meiner Initiation ragt als Geländesporn über das ursprünliche Val d’Anniviers. Da endet der südlichste Zipfel jener Hessischen Senke, die Kräften des Jungpaläozoikums nachgab. Wikipedia sagt: Die Wetterau gehört zu einer Schwächezone, die im Tertiär einknickte. Sedimentschichten des Tertiärs sammelten sich mächtig an. Sie bestehen aus schluffigem Staub, der seiner landwirtschaftlichen Nutzung entgegen fiebert. Die Stonewall Thunderbolts Forstschloss nächstgelegene Siedlung ist ein Ortsteil von Schlierberg, benannt nach einer Burg des 1497 erloschenen Grafengeschlechts der Katzenelnbogen aka Cattimelibocus. In diesem Namen finden wir wieder einen Hinweis auf die Chatten (lat. Catti), deren Nachkommen heute Hessen bevölkern und wegen ihrer angenehmen Art Ansehen in der Welt genießen.
Der NSA-Agent WBR tauchte in den Wohngemeinschaften der Frankfurter Häuser- und Straßenkämpfer um Trebes, Koenigs, Beltz, Fischer, A. Sorrento, Ulricus de Dargun, Klein Klein, Little Joe, Schmuddel Willi, Orgetorix, Dany le Rouge und den gefährlichen James und Fränk Wolff-Brüdern als angeblicher Deserteur auf, den der Vietnamkrieg aus der Fassung gedreht hatte. Er zeigte den Kombattanten den Blood Stained Banner auf seiner Brust. Darunter steht bis auf Weiteres Expect no mercy. Wayne spielte mit den Anfängern Fußball im Ostpark und Tischfußball in der Burg. Er begattete die Frauen der Bewegung. Den Brauchbarsten zeigte er, was Realness im Kampf bedeutet. Wayne ist das Überich einer reiner Frauenschule für Selbstverteidigung. Die Meisterschülerinnen drehen mit ihm (und ihm zu Ehren) jedes Jahr an einem schönen Tag im Juno die Feldbergrunde mit Allemdabei in ihren Rucksäcken, die rückstandsfreies Recycling gestatten. Dann reden sie über den Spirit und die Sensationen der ersten Entriegelungen im Kampf.

Es steckt alles in euch. Ihr müsst es nur rausholen.
Wo Wayne herkommt, lässt man Kinder mit Gewehren wie mit Puppen spielen, dass sie jede Scheu und Hemmung verlieren und die Automaten als Ich-Erweiterungen begreifen. Selbstverständlich flossen in Waynes Angebote Einsichten aus Sue Tses Die Kunst des Krieges. Das gehörte so sehr zu ihm, dass ich erst als Erwachsener ganz begriff, dass Wayne nicht Sue Tse ist. Ich lernte schwimmen, reiten und schießen in seiner Parallelgesellschaft. Polizisten, die das Gesetz verachteten, diskutierten die Lagerfeuerfrage: Wie bombt man mit Semtex ein Zwiebelmuster in die Rabatte?
Ich fuhr in einem Zug zum Höheren. Mich interessierte Geschichte, Geografie und Petrographie, Sprotte interessierte sich für Musik und Sex und wer was gesagt hat. Übertreibungen von Damenhaftigkeit und Nachahmungen von Blasiertheit traten in unserer Umgebung wie Epidemien auf. Travestie lag Sprotte fern. Sie griff überall zu, ließ sich alles zeigen. Zeigte selbst alles. Ihr Zeigestolz war monumental. Sprotte verursachte Aufregungen zu ihrem Vergnügen. Sie bewies Mut in der Opposition. Dem Genre der Raserei lieferte sie neue Tapetenkompositionen und Tafelbilder.
Ich pauste Landkarten ab und lernte englische Phrasen. Ich verfolgte meinen Trainingsplan. Viel Leben kam aus dem Fernseher. Das Paar, das Sprotte und ich kurz abgaben, bestand aus Leuten, die sich gegenseitig in Erstaunen versetzen konnten. Ich gefiel Sprotte „optisch”, das kannte ich noch nicht. Wir überließen es anderen, exotisch aufzutreten … oder wild und bewegt … oder als Schrat mit kiffendem Schäferhund. Wir trödelten, Sprottes furchtloses Wesen forderte den raschen Vollzug, auch zur Besiegelung unserer Freundschaft.
Sprotte nahm die Pille, also worauf warten. Sie machte herbe Scherze, zwanghaft kehrte ihre Rede zu Szenen in einem Porno zurück, den wir in einem größeren Kreis gesehen hatten.
Sprotte setzte einen Termin fest. Sie wählte einen Tag, an dem ihre Familie außer Haus sein sollte. Als ich zur festgesetzten Stunde auf der Matte stand, waren alle da, in lärmender Ungezwungenheit. Sprotte juxte: Was du heute kannst besorgen … so jung kommen wir nicht mehr zusammen.
Ihre Schwestern waren bekennende Quastenschuhträgerinnen. Wo sind sie geblieben? Die Eltern jubilierten mit den Töchtern um die Wette. Es gab Kaffee und Kuchen, die Gräfin Mariza und einen Wintergarten am Nachmittag in einer Tour. Die Sonne schien auf eine Terrasse. Überall lagen Riesenkiesel. Riesenkiesel waren der letzte Schrei. Ein Garten ohne Riesenkiesel konnte einpacken.
Froh zu sein bedarf es wenig, doch wer froh ist, ist ein König, schrie Sprottes Vater. Sprotte fuhr mir mit dem Ellenbogen in die Rippen. Sie kringelte sich, sie fand ihren „Erzeuger“ enorm unterhaltsam. Sie hat einen Sprachfehler, die Zunge stößt sich an den Zähnen. Sprotte sprühte mich ein. Zwei Tage nach unserer „Premiere“ auf einem Egon Eiermann Sofa schloss sie sich einem siebzehnjährigen CVJM-Aktivisten mit der Gemütlichkeit und dem Wanst eines Mannes in mittleren Jahren an. Anregungen bezogen die Debütanten aus einem Magazin. Sprotte berichtete wie im Fieber von rektalen Illuminationen, die sie dem Riesenbaby verschafft hatte. (Siehe Analfisting nach Orion Erotic: „Heute im Angebot: Die Schließmuskel-Dehnungs-Anleitung mit chinesischen Essstäbchen (ja, ihr habt richtig gehört). Doch bevor Ihr Euch sofort begeistert ans Werk macht, solltet Ihr unbedingt weiterlesen, um ernsthafte Verletzungen zu vermeiden. Für die Analdehnung mit Essstäbchen braucht Ihr genau wie für alle anderen Anal-Anwendungen erstmal ein gutes Gleitmittel, einen verlässlichen Partner – und eben einen ganzen Haufen Essstäbchen. Diese sollten jedoch auf keinen Fall aus Holz oder Bambus (Splittergefahr!), sondern ausschließlich aus Plastik und ohne scharfe Kanten sein. Desinfiziert die Stäbchen zunächst mit einem Sextoy Reiniger, um Bakterien & Keime abzutöten. Der zu dehnende Partner kniet sich auf allen Vieren auf den Boden und entspannt sich so weit, wie möglich.“) Dass sie mich verletzen konnte, lag als Vorstellung hinter ihrem Horizont.
Ich sah Sprotte in der Anstalt. Sie wurde von Fremden abgeholt, sie knöpfte sich einen Schulsprecher vor. Seine Eltern waren Iren, für mich machte das einen Joyce beinah aus ihm. Sprotte wurde selbst Schulsprecherin. Es gab Anläufe, Vorformulierungen und Wiederholungen im Raum der Schülerselbstverwaltung so wie in der Raumkapsel, einem konfessionellen Jugendclub, der wie ein Magnet auf Russlanddeutsche wirkte, die in Plattenbauten auf dem Frankfurter Berg wohnten und uns außerirdisch erschienen.
Effekte kollidierten planvoll in der Raumkapsel. Trieb man es assoziativ weit genug, erinnerte das Spektakel an televisionäre Weltraumerschließungen der Sechziger, mit Attrappen aus Bügeleisen und Teelöffeln, die als Geräte der Zukunft angesehen werden sollten. Das futuristische Dekor war Prägungskulisse. In der Raumkapsel absolvierte ich meine ersten Thekendienste. Dahin führte ich Ausgetauschte aus Frankreich und England und platzierte sie auf zusammengetragenen Sofas mit diskutierten Verschleißrissmustern. Ich lernte, dass französische Konfektionsgrößen umgerechnet werden müssen. Plakate erinnerten an das Fernweh der Achtziger. Es gab Kampagnen im Geist der Völkerverständigung auf Englisch: Social Sunday is tomorrow and that means … come on and be social. … Sprotte und ich badeten in einem Altarm des Mains, nahe der Versehrtensportanlage. Kaputte Männer beobachteten uns. Das war Sprotte angeblich egal. Vielleicht spitzte sie das Publikum an.
Sprotte hatte einen enormen Schauwert. Ihre Schichten in der Burg waren ausverkauft. Die zwanghafte Anzüglichkeit singender Bäcker machte ihr nichts aus, die Zoten fielen wie aus einer Automatenklappe. Die Zoten hatten mit innerem Geschehen nichts (mehr) zu tun. Zum Traum wurde Sprotte für alleinstehende Männern, die gern „unkomplizierte Partnerinnen“ gehabt hätten.

Zwischendurch etwas von dem im Galopp vergreisenden Rassisten Max Pfeifer und dem Kollegen Bert Papenfuß (publiziert im stimmenrausch, dem Zentralorgan der Linksrassisten unter Wankermax Shitwood und Scum Fartwood-Arthurharris)

Straßenschäden behoben, Menschen weggezogen, Leute zugezogen …

Die vitalen Impulse des kulturellen Prenzlauer Bergs wurden mit Bio durch Öko erstickt, und umgekehrt. Spätgebärende Schwabendohlen brauchen Biokosmetik für ihre Schwabbelkörper, brauchen verlogenen Ökofraß, brauchen mundgeknüpfte Trikotagen und ausgetüftelte dreigliedrige Kinderwagen für ihre rassistischen Zwillingswaldorfblagen. Brauchen, brauchen, brauchen – vor allen Dingen ihre Ruhe. Bert Papenfuß

Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt.

keine mitleidsnummer
nur unappetitliche nachbetrachtung
 
wenn ich heute feststellen mußte daß
ich in den letzten fünf jahren mit laufen
mehr erleben durfte an freude und leid
an abgrundtiefen und höhepunkten als
im vergleichszeitraum mit entsprechender
anzahl an events im bettsport dann liegts
nicht an nachlassender spritzigkeit auch
weil der strahl des angestochenen blut-
wasserprallen kleinen zehs hoch über die
bücherberge eruptierte wie zum orgasmus
beim einlauf ins olympiastadion durch das
marathontor mein herzchen hochschnellte

Der alte Michael Wundersamen grunzte mit den Achseln vor Freude über die neue, nach Lübecker Marzipan riechende Attraktion in seinem IX. Reich. Seine Leute hatten andere Leute immer schon einfach abgekocht. Kaum je Gewalt und niemals Raffinesse hatte es gebraucht. Die greisen Gebietsgranden verehrten den Wirt als Diamanten-Michel. Die Dynastie der Wundersamen hatte nach dem Krieg manchen Edelstein für ein Pfund Gelberüben eingezogen. Man handelte noch mit Nazi-Devotionalien. Der Führer hing in einem geheimen Raum an der Wand als Jux mit Trauerflor. Michels Consiliere, Ottozwo, ging als stille Hand durch das Nordend. Verschwendung hasste er so sehr, dass er einen Mann beschäftigte, der nachts die Mülltonnen abklapperte. Ottozwos einziger Sohn war von Michael gezeugt worden, es hätte deswegen beinah Tote gegeben. Es gab noch einen Otto, Revierchef an der Eisernen Hand. Polizisten-Otto kannte Hinz und Kunzelmann und die meisten Häuser im Viertel von den illegalen Brennbuden im Keller bis zu den Dachböden der Bordsteinschwalben. Nach dem Krieg war das Nordend Trümmerland gewesen, der Aufbau ging dann Hand in Hand. Wer nicht spurte, wurde renoviert, viele Nutten hießen Hildegard. Von daher kannte der herrschende Wundersamen zum Beispiel Sprottes Oma wie seine eigene Westentasche. Oma Hildegard las jeden Sonntag ein Buch aus der katholischen Leihbibliothek, obwohl sie evangelisch war. Sie unterbrach sich dabei auch beim Hühnerfüttern nicht. Angeblich hatte Oma nichts, woran sie sterben konnte. Sie starb trotzdem. Wie sollte man das verstehen?

Man hielt Hühner und freute sich allgemein über jedes Ei. Man freute sich, dass kein Krieg war. Dass keiner die Hühner klaute. Die Eier der anderen schmeckten nach Fischmehl, unsere Eier aber nicht.
In späten Runden wurde jedes Frühdienstgesicht übersehen. Die letzten Gäste wuchsen an der Theke fest. Sie hatten alle Verpflichtungen des nächsten Tages so weit verschoben, dass erst einmal nichts anlag. Nichts lag ihnen ferner, als sich zu beeilen. Jeder Aufbruch zog Entrüstung nach sich. Immer schaute noch jemand vorbei, der allen bestens bekannt ist und heftig aufgenommen wurde. Einer zählte auf, was man zum Sportkegeln alles braucht. Einer erstaunte mit dem Wort Artikulationsfitness. Einem fiel ein, dass die Pretty Things als ernstzunehmende Konkurrenten der Stones gegolten hatten. Um seine Runde in Rage zu bringen, erhob einer das Glas auf General Vogel von Falkenstein, der am 16. Juli 1866, von Hanau kommend, die freie Reichsstadt Frankfurt am Main eingenommen hatte. Rocker in der zweiten Lebenshälfte tranken auf die Schlagkraft der amerikanischen Militärpolizei. Ihre Erinnerungen umkreisten die Ära der Besatzung. Auf der Strecke geblieben war mancher. Ob Freund oder Feind spielte schon keine Rolle mehr.
Jedes Wochenende rollte MP Sachsenhausen auf. Es gab keine Verhandlungen und keine Unterscheidungen. Die MP kam, sah und drosch.
Viele hatten versuchten, unsolide klarzukommen. Man trug nun am Bauch, zersetzt vom Schichtdienst. Immer mal wieder eine betrunkene Verwechslung von Masse und Kraft.
„Wenn hundertzehn Kilo in Wallung kommen.“
„Weißt du denn nicht mehr, dass der Baader, als er schon lange zur Fahndung ausgeschrieben war, seinen geklauten De Tomaso Pantera (hellblau metallic) vor Molly´s Pinte voll auf dem Bürgersteig parkte, und die Bullerei fuhr einfach vorbei?“
„Nur Schweine trinken alleine.“
Sprotte schleppte Kisten und Kannen. Die Kannen hießen Stützen. Überall waren Türen verschlossen in der Burg und wurden nur auf Nachfrage geöffnet. Mit ihren langen Bärten verhießen die Burgschlüssel Macht. Sie hießen auch so. Michael sen. trug die Macht am Gürtel. Michael „Mike“ jun. (unser König) beneideten ihn darum.
„Man muss das Dicke mit dem Dünnen nehmen“, erklärte das dicke Kind. Viele sagten noch Dicker zu ihm. Im Stoßgeschäft verlangte Mike für sich persönlich ein Nackensteak vom Schwein mit ertrunkenen Kohlrabi und den guten Bratkartoffeln. Die meisten Gäste waren nicht gut genug für die guten Bratkartoffeln. Ihnen tat man die vorgebratenen, im Herd warm gehaltenen und matschig gewordenen Bratkartoffeln auf den Teller. Das wusste jeder im Gebiet. Trotzdem ließen sich genug Leute so abspeisen. Das beschäftigte Sprotte, darüber redete sie mit mir, stehend (und sich biegend) oder sitzend (und sich zausend) auf einer Gebietstreppe.
Wir kürzten Bratkartoffeln mit BK ab. Für eine Bratwurstbestellung setzten wir SbZ wie Sowjetisch besetzte Zone auf den Zettel. KP war Pü mit Kraut. Kraut war immer Sauerkraut.
Ich lehrte und erklärte die Abkürzungen auch Peggy Sue. SbZ kam daher, dass unsere Bratwurst Thüringerin war. Da, wo Thüringen die deutsche Teilung erduldete, war nach Wundersamens Weltauffassung die SbZ.
Peggy Sue hätte fast genauso geil wie Sprotte sein können, wäre sie nicht auf dem alarmgefärbten Kurzhaartrip gewesen. Sie kämpfte mit Wörtern. Sie klaubte den Ramsch der Gegenwart auf. Ein Faulatem der Trägheit blähte ihre Rede. Ihre Feststellungen versteckten die Frage, wieso in ihrem Leben alle Türen klemmten. Sie pries sich an und glaubte sich kein Wort. Obwohl Kurzhaarbunt für ihn nicht in Betracht kam, ließ es Hannes eines Nachts im Leichenschauraum (den Alteingeschweißten noch bekannt als Etappe der Menschheit und Lagerraum 3) zum Äußersten kommen. Seine Konzilianz fragte prosaisch: Ist das so gut? Peggy Sue bedankte sich mit dem Tipp: Geh danach, wie es sich anfühlt.
Sie ertüchtigten sich. Nicht, dass sie sich wie mit Handschuhen in die Taschen griffen. Der Akt besaß nachbarschaftliche Handfestigkeit. Man half sich im Geist generationsgenossenschaftlicher Solidarität. Kein Gedanke daran, dass man einmal absteigen würde in Gossen ungefalteter Arschlosigkeit, wo Verachtung jedes Entzücken erschlägt und man der Scham einen Riegel vorschieben muss. Noch brachten einen die Geschlechtsmerkmale gattungskonform zur Geltung. Der Leichenschauraum dokumentierte einen Übergang von Mangel zu Fülle. Unbewältigt geblieben war die Unfähigkeit: Dinge wegzuwerfen oder sich wenigstens das Aufklauben zu verbieten. Stehengeblieben war Geschirr, ein Dippchen halbvoll Musik (zum Handkäs (Banauseninfo)). Aus der Küche wehte ein kalorienreicher Dunst. Ein Hauch von Remoulade über einem nahrhaften, von Mäusen belebten Bodenbelag. Hannes war bereit, sich zehn Punkte zu geben. Er fand sich insgesamt besser als Peggy Sue. Das partnerschaftliche Fleisch gab nach wie die Wetterau im Jungpaläozoikum nachgegeben hatte, um zu einer Grube für schluffigen Staub zu werden.

Ich lebte auf dem Grund eines ozeanischen Beckens, auf einer vor hundertundfünfzig Millionen Jahren gesunkenen Scholle. Das Nordend war die längste Zeit ein namenloses Flussbett gewesen, bis der Main und die einst amazonasbreite Nidda es freigegeben hatten. Nun fand an Stränden viel statt. Sprotte genoß Jungen ab einsfünfundneunzig, die Mark hießen und offensiv affig waren. Männliche Pin-ups, an Land gezogen auf Sportfesten. Sprotte und ich sprachen über jeden Mark, irgendwann gab Sprotte zu, dass sie am liebsten mit mir zusammen war. Die Marks waren nur Betthasen. Als Sprottes beste Freundin stoppte ich ihre Zeiten im Günthersburgpark. Ich machte hundert unvollständige Liegestütze, bei den Sit-ups stieg Sprotte ein. Ihr Rumpf schnellte wie eine Eins über die Ideallinie des Ablaufs. Keine halben Sachen und immer noch eine Schippe drauf. Ich spürte Sprottes Gewicht bei Partnerübungen, ich liebte den Geruch in ihren Laufschuhe. Ich hielt ihr Fahrrad, während Sprotte schnell noch mal dahin zurückkehrte, wo sie was vergessen hatte wie jedesmal egal wo, ob auf einem Tisch oder auf einer Wiese.

20. April 2017

Hessenmeister

Revenge Lyrik

Zur Erinnerung. Hannes, der auf einer Eschersheimer Mülltonne ohne Vorgespräch gezeugt wurde, befruchtet Tanja in vergleichbarer Lage an der Rio Grande Grenze zwischen dem Nordend und Bornheim. Noch weiß im Gebiet keiner außer dem allwissenden Erzähler von der Schwangerschaft. Während Hannes und Tanja sich einander zuversichtlich anvertrauen, finden weitere Annäherungen statt. Die merkwürdigste Paarung verkörpern Paula und Nafri, genannt Alter Nasenschweiß. Auf das Nagelbett ihres Glücks legen sich gewiss keine zwei anderen freiwillig.

Warum was wie ist, ist doch immer wieder anders und egal. Paula möchte Scheinsubjekt eines valenzlosen Pieselns sein. Sie fühlt sich vernichtet. Das ist ihr Zustand ohne Ausweg. Da hilft keine Psychologie und nicht die von Gleichgültigkeit gesicherte Rücksicht der Vielen. Die Rücksichtslosigkeit eines Einzelnen überschattet jeden Trost. Als drastischer Liebhaber schlich sich Gero in das Leben einer für die Metaphern der Hörigkeit Empfänglichen. Er meldet nun der Welt den kalbenden Morgengeruch, die welke Haut und das verblassende Arschgeweih einer Frau, die kaum auf sich achtet. Er macht Kneipenprosa aus der Person, die ihm so und so erschien, jedenfalls anders, als sie ihm erscheinen wollte. Trotzdem soll Gero zurückkommen, wenigstens in Momenten. Paula stellt ihn sich auf einer Wallfahrt nach Canossa vor, wo sie ihren (gelernten) Metzger mit gemischten Gefühlen erwartet. Sie erfindet sich eine Macht, die ihr Gero gefesselt und verdroschen zuführt. Sie erschießt sich vor seinen Augen, um ihn zu interessieren.

Als Furie versagt Paula. Jeder im Gebiet kennt die Geschichte, die im Mantel des wiederholten Liebesscheiterns zur Geschichte ihres Lebens wurde. Paula sperrt und wehrt sich mit Revenge Lyrik auf den Klowänden im Horizont, im Backstage und in der Burg. Ihre Poesie befestigt eine poröse Verteidigungslinie, die keinen ernsthaften Ausfall der Baumeisterin über sich ergehen lassen muss. Paula bleibt in ihrem Verhau Opfer und Objekt. Sie splittert unglücklich freidrehend im falschen Azorenhoch von mother’s little helper. Sie putzt Kacheln der Verzweiflung, sie versichert sich der glänzenden Aussichten eines Lebensabbruchs. Sie fürchtet ihre Verwandlung in eine Arabeske. Sie denkt ihre Gebärmutter mit Scheiße zusammen. Sie hasst ihre Scheide, den Aussfluss, die Gerüche.
Paula erlebt die Etappen eines Zusammenbruch als Ausdauerleistung. Der Mangel an Mitteln frappiert. Die Mutter griff früh zu Fertiggerichten, die Sachen schmeckten besser als alles Hausgemachte in seinen Halbfertigsoßen. Die Frau berücksichtigte Vorlieben beim Einkauf auch der Freunde ihrer Tochter. Man dankte es ihr mit kotigen Zuschreibungen, wie gesagt. Paula erwähnt im Gespräch mit Nasenschweiß gewaltige, ständig aufgestockte Vorräte, Theaterbesuche in großer Besetzung mit anschließenden Festessen, häusliche Filmabende, die in der Küche endeten, Vorträge in Wohnzimmern voller Sitzkissen, nach einem Fondue oder ungezählten Toast Hawaii. Straßen und Plätze wurden mit argantischen Lampen (nach Aimé Argand) und Réverbères erleuchtet. Un réverbère ou lampadaire extérieur est un dispositif d’éclairage public placé … Nasenschweiß begehrt Paula auf einer Schautreppe der Anteilnahme. Zugleich beweint er die Kochallüren seiner totalitären Mutter. Immer alles frisch. Nichts aus der Dose. Saisonal & regional. Wurzelgemüse. Löwenzahnsalat. Die Nudeln hausgemacht. Das Schwein liebevoll abgeschlachtet.
Nasenschweiß betete zum Kopfballungeheuer Horst Hrubesch, wenn nach dem fünften Teller Warmwurstsuppe die Blase bei striktem Aufstehverbot zu platzen drohte. Ob Hrubesch oder Polanski: in Nafris Leben herrscht das Assoziative im Verein mit einer randlosen Unschärfe.

In den Feuchtgebieten der Organisationsform Familie sumpfen ursprünglichste Informationen. Man staunt, wie klein jene Gruppen waren, die unseren Anfang im Jungpleistozän überlebten. Nomadische Beutemachergemeinschaften betrieben (waffenlose) Ausdauerjagd nach dem Prinzip andauernder Beunruhigung. Man scheuchte das Wild, bis es sich der Erschöpfung ergab. Heute noch hetzen isolierte Ju/’Hoansi-Gruppen im Nordosten Namibias Tiere zu Tode.
„Die besten Menschen bewahren sich einen nackten Hintern“, glaubt Paul Theroux. Die „goldfarbenen“ Ju/’Hoansi erschienen mit asiatischen Zügen in ihren angestammten Verbreitungsgebieten als Nachfahren von Migranten. Man weiß nicht, wen sie verdrängten, doch kennt man ihre europäischen und indigenen Verfolger. Sie überlebten in Vermeidung schwerer Auseinandersetzungen als Spezialisten für trockene Gebiete, um nun in Fetzen aus deutschen Altkleidersammlungen an Stadträndern zu verelenden.

Goyas Weg zum Strand ist beinah ein Alleingang in raumgreifender Besinnungslosigkeit. Der Kreis zwischen Kind und Greis schließt sich im Wechsel von zu spät und gar nicht. Der Kindgreis fühlt sich von Hannes einmal mehr überflügelt und sogar beschädigt. Tanja winkt mit dem Versprechen, den Bruder aufrücken zu lassen in die Liga der Familienväter, wo Leute leben, die sich ihre Töchter und Söhne gegenseitig anvertrauen und sich achten als Nachfolger ihrer Eltern und Vorläufer ihrer Kinder.

An Khans Kiosk hängt ein Bembel in seinem grünen Kranz. Der Kranz ist das Zeichen selbstkelternder Wirte. Das Zeichen an einem Wasserhäuschen hätte es früher nicht gegeben. Rocko mischt sich unter die Zocker an Khans persönlichstem Tisch, Goya nimmt den Ehering ab, verheiratet war er gestern. Im Nachtschatten lauern die antideutschen Aktivisten Wankermax Shitwood und Scum Fartwood-Arthurharris, von kleinbürgerlichem Wuchs alle beide. Seit Jahren pirschen sie im Verein mit Max Pfeifer, Arno Frank und Leo Fischer hinter Goya her. Malka kreuzt auf (als Agentin und doch aus freien Stücken: ihre Jugend erheischt innere Zerrissenheit) und verlangt Auskunft über den bürgerlich geborenen Kapitän zur See Jean-François de Galaup, der im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg für die Abtrünnigen stritt und 1785 von Ludwig XVI. mit den verschwisterten Fregatten Astrolabe und Boussole zum Großeinkauf nach Ozeanien geschickt wurde. Zum letzten Mal sah man ihn im März 1788 vor Neukaledonien. The expedition vanished mysteriously, glaubt Malka. Les deux navires disparaissent. 1789 querte Arthur Phillips, ein Hesse in britischen Diensten, die nach Luis Váez de Torres benannte Meerenge zwischen Australien und Neuguinea. Auf einer Admiralitätsinsel erschreckte er Nachfahren hundert Jahre zuvor gestrandeter Chinesen.

„Nicht nur Artefakte belegten die Herkunft. Auch die Sprache des neuen Stammes bewahrte Wörter aus einer anderen Welt. Die Leute gingen nackt wie ihre Nachbarn. Was sie unterschied, schien sie auszuzeichnen und bei anderen Furcht hervorzurufen. Kein Abkümmerling der Schiffbrüchigen hatte je die Zivilisation gesehen und doch steckte sie in jedem”, schrieb Phillips in „Kommodore Phillip’s Reise nach der Botany-Bai auf Neuholland. Nebst einer genauen Nachricht von der neuen englischen Niederlassung zu Jacksons-Port und einer kurzen Geschichte und Beschreibung von Neuholland“.

Im folgenden Jahr erreichte Phillips die Salomonen, wo man ihm von einem weißen Schiffsbrüchigen erzählte, der bald nach seiner Rettung starb. Man zeigte ihm Gegenstände französischer Provenienz. Philipps entdeckte Schlachtengemälde auf abgezogener Menschenhaut. Er hielt sich mit den Skarifizierungen seiner Gastgeber auf. Ihren Gefangenen öffneten sie mit Spezialwerkzeug der Bauch. Als besondere Delikatesse galt der Schädel.
„Um an das Gehirn zu kommen, schlug man den Schädel mit einem Stein auf.”

Ein von Wut entstelltes Gesicht wurde als schön empfunden. Köpfe und Glieder von Feinden reichte man Kindern zum Spielen. Kanus taufte man mit Blut. Bei einem Überschuss an Menschenfleisch beschränkte man sich auf die Extremitäten und verschleuderte die Rümpfe. Späteren Reisenden stellt sich die Situation auf den Salomonen ganz anders dar. Sie schildern Völkerschaften von paradiesischer Gutartigkeit, schnell erschrocken. … Tahitische Szenen. Eine Glocke, die in Brest gegossen gegossen worden war, ging mit bestem Gruß ab nach London als Katastrophensouvenir.

Die Killergnome im Unterholz erheben sich zum Stimmenrausch:
todesstrafe ist keine strafe
exekution ist mord
 
da bellt er wieder
muttis bester fiffi
kläfft lauter moral
auch
steinmeier verurteilt
kritisiert todesurteil
gegen ex-präsident
 
„deutschland lehnt diese form der strafe kategorisch ab”
 
abgesehen von einmischung zu den immer falschen zeiten…
 
kategorisch oder nicht kategorisch?
 
gilt das nur für schreibtischtäter
in schwellenländern wie selbstverständlich
und nicht für terroristische einzeltäter
in hochzivilisierten frontstaaten?
 
und wenn obrigkeitsstaatlicher vergeltungsmord
als solcher verwerflich ist,
spricht einer da nicht seine bedenken
zuallerst dem freunde aus?
 
dummheit oder lüge in der politik?
immer stellt sich die gleiche frage
 
Wankermax Shitwood und Scum Fartwood-Arthurharris belagern Goya auch zu Trainingszwecken. Sie üben die von Tobias Morawski in „Reclaim your city. Urbane Protestbewegungen am Beispiel Berlins“ propagierten Methoden. „Mittel der Gegenwehr sind physische Aneignungen wie Haus- und Platzbesetzungen, Blockaden von Bauvorhaben oder Zwangsräumungen, aber auch Demonstrationen und Verfremdung von Werbung, kritische Kartierung und Erstellung von Leerstandsmeldern. (Das Buch) beschreibt den Wandel der Städte im Neoliberalismus und stellt den Kampf um Macht und Teilhabe im städtischen Raum dar.“ (Max Pfeifer aka Niggerkiller Pfeifermax im Stimmenrausch)
Hört Malka die Stimmen ihrer Herrn? Oder ist sie frei: zu entscheiden, wer sie in Geschichte unterrichtet? Goya bedeutet ihr, einen Augenblick mit dem Rest vorlieb zu nehmen. Sein Selbstbewusstsein steigt bei Gefahr wie die Säule im Thermometer. Er spielt den Gleichgültigen, umgeht die Stinkwoods harmonisch pfeifend und … ich will mich mit einer Nacherzählung des unmittelbar Folgenden nicht langweilen. Im Anschluss hilft Goya Malka aus der Hose. Sie wirft sich gegen die (von einer Buche zum Engtanz gezwungene) Linde über dem Schatz der Nibelungenschänke. In ihren Händen erwacht das Wissen, wie man einem Mann den Kopf bis zum Anschlag verdreht, während Paula sich mit Nasenschweiß in die Flutlichtzone der Nachtspieler verzieht – Boule um halbzwei.

„Ich allein in seinen Händen? – Gut, lassen sie mich nur. – Ich will doch sehn, wer mich zwingt, – wer der Mensch ist, der einen Menschen zwingen kann.“
Paula kennt Emilia Galotti aus der Schultheater-AG, Nasenschweiß verspricht ihr einen Auftritt in seinem Theater.
Versprochen ist zu viel gesagt. Hingerissen von fleischlicher Überschwemmung, dem eiligen Untergang geweiht, stellt Nasenschweiß Paula einen Auftritt im Rahmen des nächsten Jederdarfmalabends in Aussicht. Das ist ein Anfang. Nun kann sich Paula mit Nasenschweiß vermählen.

Sturm und Drang des Bewahrens – Wer hat den Schlüssel für die Schatztruhe der Nibelungenschänke?

Stella ist wieder da. Zu ihrer Freude spielt Paula in Goyas Museum keine Rolle mehr, soll sich die Schabe doch bei Nasenschweiß in der Hesselbach Allee (Humboltstraße) festsetzen und nie mehr abgehen vom Belag. Von Malka weiß Stella nichts, aber was weiß denn Goya. Er prosperiert im Augenblick, das reicht. Goya serviert heiße Milch mit Rum (Tanjas Seemannsmischung) in einem Erniebecher aus einem Wohngemeinschaftshaushalt der europaweit gesuchten Mutter, zum Beweis, dass Stellas Postkarten als zu Herzen gehende Handschriften richtig zugestellt wurden in den unpersönlichen Zeiten von e-mail.
Etwas heraufbeschwörend, dass Goya nichts sagt und doch abstößt wie Schweißfüße, berichtet Stella von einem Wiedersehen mit Nina G., die, gefangen einst im Widerstreit zwischen Bewunderung und Herabwürdigungswünschen, das Wort von Stellas schönem Gehirn prägte – und so die Anpassungsanstrengungen einer Zugezogenen untergrub. Die Neue war mit der Elastizität eines Gummitwistbandes zwischen Brandenburg und der Welt gespannt. Außer ihr wusste vor Ort kein Mensch, dass man gerade in Mode gekommene Etuis Clutch nannte. Nichts war darin richtig aufgehoben, abgesehen von einem übriggebliebenen Hemmnis aus vulkanisiertem Kautschuk. Die Landschaft und das Wetter fielen flach als Gegenstand von Erörterungen, wenn man jung war und zu jenen gehörte, die nichts wie weg wollten.
Es war alles so suizidal, könnte Stella sagen. Doch als Unkomplizierte redet man nicht so.
In Stella wurde ein Schmerz gravierend. Nun ist sie bereit, in Goya ihren künftigen Mann zu sehen, einen niedlich unterbelichteten Autochthonen, der im Familienfett der Hesselbachs/Fleckensteins/Wagners komfortabel überleben wird. Goya zieht die großäugige Fremde auf Omas Ottomanen an sich, ihr Hintern hat die alerte Festigkeit und den Geschmack von Seeteufelbäckchen, die Milch schwappt über den Reliktrand und erweitert ein Fleckenmuster, das eine unbürgerliche Nutzung auszeichnet. Goya pfeift aus dem letzten Loch, zum Asthma kommt eine Chlorallergie, schnappt sich seine Luft und nimmt auch viel Lust weg. Er schwimmt trotzdem, so wie er alles Mögliche trotzdem macht, mit einer Atemnot im Hirn. Vor dem Sofa verrottet ein Schaffell, plötzlich erscheint Stella die Fellentfernung dringend. Goya untersucht Stellas besitzergreifende Nachgiebigkeit, indem er sie mit Geschichte langweilt. Den halben Tag beging er mit Überlegungen zu einer Kuriosität der Kolonialgeschichte: der wiederholten Entdeckung. Manches Land wurde in den Jahrhunderten zwischen Magellan und Cook mal von dieser, mal von jener europäischen Macht entdeckt und manchmal mehr als einmal von derselben. Australien war bereits im 16. Jahrhundert ein europäisches Ziel, blieb aber zweihundert Jahre lang Niemandsland in der europäischen Perspektive. Es gab eine ozeanische Vergesslichkeit, die einsetzte, wenn kein Missionseifer und keine wirtschaftlichen oder strategischen Interessen Engagement forderte; wenn nicht Eifersucht und Konkurrenz zwischen Staaten der Alten Welt stimulierend wirkten. Manchmal reichte ein Besiedlungsungeschick, um eine Insel von der Karte zu nehmen.
Der niederländische Kapitän Abel Tasman bezeichnete die begehbaren Flächen im Pazifik als vorbewusste Räume der Welt. Er fand schlafende Länder, Stein- und Traumzeitreservate, die der Empfindung Vorschub leisteten: in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Er passierte Inselflure und beschrieb sie als poly nēsoi. 1642 erreichte Tasman Neuseeland, nachdem er das seit der Antike sagenhafte Südland (terra australis) umfahren hatte. Er segelte für die Dutch East India Company von Batavia aus, wieder ging es um Durchgänge und Abkürzungen … Arthur Phillip kannte das 1855 nach Tasman benannte Land noch unter dem Namen eines Generalgouverneur von Niederländisch-Indien – Van Diemen’s Land (Vandiemensland). Phillip erreichte Van Diemen’s Land 1788, er vermutete sich auf der südlichsten Festlandkante Australiens. Phillip beaufsichtigte siebenhundertzweiundneunzig Verbrecher. Macquarie Harbour Penal Station bestimmte er zur Heimat für solche, die in überseeischer Gefangenschaft straffällig wurden. Man isolierte die Energischen von den in der ersten australischen Kolonie New South Wales nahe Port Jackson (Sydney) Deportierten. Phillips meldete das in seinem Bericht „Kommodore Phillip’s Reise nach der Botany-Bai auf Neuholland. Nebst einer genauen Nachricht von der neuen englischen Niederlassung zu Jacksons-Port und einer kurzen Geschichte und Beschreibung von Neuholland“. Schatzmeister Goya imponiert Stella mit dem Dokument, ersteigert auf einer Auktion von Simon für den Ziehsohn für viertausend Pfund. Dreißigtausend Australier überlebten die britische Invasion im ersten Durchgang von 1778 bis 1805. Ihnen begegneten die Verdammten Großbritanniens. Vornehmlich warem das junge Männer aus Elendsquartieren, die Krone exportierte den Youth Bulge. Ein Sträfling machte an der Ostküste, nahe der Bucht, die 1770 James Cooks Endeavour aufnahm und seitdem Botany Bay heißt, einen paläontologischen Fund. Phillip war sofort zur Stelle. Er verifizierte das fast vollständiges Skelett eines reißzahnbewehrten Beutelsäugers mit dem Aussehen einer Säbelzahnkatze. Seit Thylacoleo carnifex hat es in Australien nichts in der Art (von Sparassodonta) gegeben, doch weiß das noch kein Mensch.

Die Erfindung eines im Pleistozän auftretenden Raubbeutlers überzeugte wegen der vielen Koalas und Kängurus. Die Fossilien blieben lange unbestimmt, zuerst im Haus von Philip Gidley King, dem dritten Gouverneur von New South Wales. Er unterhielt in die Vaterschaft führende Beziehungen zu einem weiblichen Sträfling, 1827 landete der Fund auf dem Dachboden des Australian Museum. Später ordnete man ihn dem Riesenbeutler Diprotodon zu, der an einem Megafaunamassensterben teilnahm. *„Wir gehen noch lang nicht nach Hause, wir sind ja noch munter und frisch, und wenn wir uns endlich erheben, dann fallen wir unter den Tisch.“ *

Es ist wieder um halbzwei, die Eingeschweißten trinken eiskalten Mesa Mayor und La Calzada. Nobel geht die Welt zugrunde. Die letzten Zahlgäste haben die bösen Gesichter kleiner Leute, die nur noch die Aussicht auf ein Grab kennen. Ihre Ranzigkeit baut sich im Schankraum Nester. Ein Däniken für Headbanger erzählt von den Aliens auf der Zeiselstraße in ihren Cellophaniglus. Ferner da ohne Auftrag und Liebreiz sind Pudeldude, ein berühmter Thalamusinfarktpatient, Arno Arschloch Frank (er verbietet sich die Anführungszeichen) und jener mit Ringen unter den Augen in Bulgarien zur Welt gekommene Zauberer, der als Kellner im Grauen Star arbeitet.
„Wie meinst du das?“
„Ich meine gar nichts“, antwortet der König. Das hat er nicht nötig. Er überblickt seine Epoche und treibt sie an. Manche sehen ihn auf einer Stufe mit Theoderich, dem Big Spender der Goten. Angeblich war er schon als Junge kühl und mit den richtigen Leuten auf Tuchfühlung. Früh am Zocken und mit achtzehn gleich ein großes Auto.
Selig sind die geistig Armen. Besser im Dunklen tappen als auf dem Trocknen sitzen. Toni (Apfelweinkönigin auf Lebenszeit) erinnert den König im Augenblick an Annette Haven, eine jener Goldenagerin, wie sie einem nun ständig begegnen in verbesserten Streifen. Ein Versager im Gernegroßrandgeschehen war früher im Erwachsenenfilmgeschäft. Er vergleicht Toni nostalgisch mit der Königin von Saba. In drei Reihen standen Leute am Burgbuffet vor ihrem Dekolleté Schlange. Glücklich war, wer der Königin Feuer geben durfte für eine Lord Extra. Nacht für Nacht betrogen Männer ihre Frauen in Gedanken mit der Königin von Saba. Sie bedient nun die Frühschoppenrentner in der Kaschemme gleichen Namens.
Erinnert sich noch jemand an die Vertrauensspiele im alternativen Sportunterricht? Ob Toni schon einmal bei Beate Uhse eingekauft hat? Die Suhrkampsachen stehen bei ihr gesondert. Die Wände sind monothematisch mit Porträts der Apfelweinkönigin tapeziert. Das weiß der König nicht nur vom Hörensagen.
Traktor leidet öffentlich. Sprotte findet den Ex pushy. Keiner Frau könne sein Einfaltspinsel genügen. Das nicht nur halblaut. Sprotte trägt einen Kapuzenpullover mit einer Wolfsangel als unkorrektem Emblem. Sie bringt in einem Satz zwei ungewöhnliche Wörter unter: Perpendikel und Schawellche. Toni liefert ergänzend Parapluie. Unbedingt muß man die Frankfurter Aussprache in Anschlag bringen und das Wort auf der ersten Silbe betonen, will man alles richtig machen.
Toni kann sogar mit Sauhund Igor. Sie greift ihm leicht unter die versifften Arme, hilft dem Benehmen auf. Päppelt es. Gibt ihm einen Ansporn zum sittlichen Aufschwung. Der Fürst gehört zu der bekennenden Ich-brauch-eine-Frau-nur-zum-GV-Fraktion, die ab dem vierten Ring um den Glutkern der Besserinformierten gar nicht so schlecht ankommt bei überlasteten Alleinerziehenden.
„Selbst der Schwan lebt nicht monogam“, verkündet der drahtige Eparch (mit reichlich Tagesfreizeit) im Tonfall des Alleinunterhalters im leeren Festzelt. Er redet vom Leid des Heilands, dem schon so viele in den Schmerz folgten: freiwillig wie die Flagellanten und unter Zwang wie die ersten Christen in Rom. Er führt ein Gerät vor, das sich unter dem Druck einer Feder im Mund ausbreitet. Dem Vernehmen nach weiß er alles über das Wesen des Schmerzes als einer Perversion erregter Nerven. Nur woher weiß er das? Vielleicht war er doch beim tschechischen Geheimdienst.
Wer spricht, hat das Sagen. In Leibeigenschaft Verstummte, erleben ihre Entmündigung buchstäblich. Sie versteinern und verwittern an Geselligkeitsrändern. Tanja und Hannes walzern aus dem Gernegroß in die Burggaststätte. Sie singen: „Komm doch, liebe Kleine, sei die Meine, sag nicht nein! Du sollst bis morgen früh um neune meine kleine Liebste sein. Ist es dir recht, na dann bleib ich dir treu.“
Sie wandern weiter in die Küche zu Goya und Stella. Goya haut Lammrückenfilets in die Pfanne, gibt Knoblauch und Minze dazu. Privat isst man in der Burg nicht à la carte. Ein Schmauch aus Erbsen und Frühlingszwiebeln ist Hausmannskost für Leute, die ein Vermögen mit derbem Essen gemacht haben. Der König riecht den Braten. Er wuchtet sein Übergewicht ins Zentrum des Geschehens und drückt einen Daumen ins Fleisch.
„Tant de bruit pour une omelette“, sagt er. Die Frauen wenden sich wie auf Anruf ihren Männern zu, als wäre das vor langer Zeit verabredet worden. Dann drehen sie sich zum König, ihre Brüste bilden eine Viererkette. Zutiefst sind wir Bauchredner, denkt Goya wie betäubt von all dem, was er begreift, ohne den Zwang, es wissen zu müssen (als reicher Spuk).

12. April 2017

Hessenmeister

Guerilla Gardening

Goya packt Fleischwurst und Sauerkraut auf die in Ascea am Strand von Nordafrikanern gekaufte, floral motivierte Küchentischdecke. Paula begutachtet den Beifang eines prallen Vormittags. Sie trägt einen Ehering, das Gegenstück liegt auf dem Küchentisch. Für den Rest des Tages möchte Paula verheiratet sein. Die Gravur nennt einen Namen, der Goya nichts sagt.
„Immer ich“, sagt Goya. „Bei dir muss immer ich daran glauben.“

Das „immer ich“ erinnert an einen in der Reduktion intensivierten Garagenflohmarktexperten, der Immerich genannt wurde. Er endete als Faktotum im Grössenwahn. Paula führt Goya zur Fundstelle, Goya hatte die Kiste zur Sichtung nur einmal in der Hand. Sie bewahrt in die Erbmasse eingegangene Zeugnisse fremden Lebens – Krawattennadeln, Ehrenansteckzeichen, Uhrenketten. – Einen Schuhlöffel in der Gestalt einer Schrumpfhand. Ein Messingschild mit der Inschrift Pecunia non olet.

Ascea in der Provinz Salerno war ein NKLL-Lehrgangsschauplatz. Die Ferienhausvermieterin betrieb eine Tanzschule, ihr Gatte hatte Geld geheiratet und gab den ironisch zurückhaltenden Lokalhistoriker.Ein unerwartet teurer Friseurbesuch (in einem pittoresken Salon, der alte Meister trug Kurzhosen unter dem Kittel, die Waden stachen wie Gebrechensmerkmale hervor), eine fadenscheinige Fröhlichkeit auf skulpturalisierten Wellenbrechern, die lieblos geführte Marktbude einer Fischerkooperative, von der sich alle zu viel Sozialismus versprochen hatten, die Betroffenheitsautomatik der Nachwuchsaktivisten mit der (ihnen von Jiménez eingeimpften) Empört-euch-direktdemokratisch-Flamboyanz, eine Sundownerszene mit Friede und einem römischen Art Consulter, der sie im Bentley nach Pisciotta zu Künstlerfreunden in der Sommerfrische mitnehmen wollte. Sich daran anschließende Eifereien, die Friede über die verpasste Gelegenheit hinweg trösten sollten, eine besondere Air de vie zu atmen. Glitschige Rückgriffe auf Vertrautes. Die Rubbellose der Gewohnheit. Das Vertraute bot aber keine Befriedigung mehr, sowenig wie der von Hannes ins Spiel gebrachte TWA-Quark: Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein. Streit in einem staubenden, von Abfall punktierten Weinberg. Ob man etwas abstrakt nennen kann, dass in der Natur kein Vorbild hat. Plötzlich war die Gleichgültigkeit da, mit der sich lückenbüßerischer Sex in Einklang bringen ließ – und das Ende der Verbindung noch einmal hinausgeschoben werden konnte.

Goya bemerkte natürliche Amphitheater, die von Eidechsen bespielt wurden wie zur Erinnerung an ihre gigantischen Vorgänger: die Motivlieferanten für die Albträume der Menschheit. Er deckt den Tisch, Paula sagt, wie er sein soll. Sie möchte mit keinem Zunichtsgut verheiratet sein. Ihr Mann zählt zu den Tüchtigen. Das Paar begibt sich mit den besten Absichten zu Tisch, es isst die Fleischwurst und das Sauerkraut. Die Wurst isst es einträchtig mit mittelscharfem Senf. Keine Extrawurst eines abweichenden Geschmacks.

„Unser Leben ist gut gewürzt“, sagt Paula. Sie sagt: „Zuhause trage ich meine Mutter auf, auf der Straße bin ich ein anderer Mensch.“
„Warum trägst du die alten Sachen?“
„Sie bringen mich über die Runden.“
Wurde eine Romanverfilmung in Klassenstärke gesichtet, las Paulas Mutter mit. Ihre Ansichten dienten der Missachtung. Sie gab nicht auf, stürmisch ging sie gegen unseren Hochmut vor. Die Grobheit ihres Mannes zog nicht richtig, die Frau glaubte, die Bösartigkeit sei nur geprahlt. Sie zupfte ihn verspielt. Der Vorsitzende fand seine Frau so weit prima, sie sollte sich bloß nicht äußern. In ihren Dreißigern trat Paulas Mutter als Winnetous Schwester auf, sie verkörperte Uschi Glas zwischen Nscho-tschi und Apanatschi. Paula ahmte ihre Mutter nach.

Sie drückt Sauerkraut unter ihre Nase.
„Fu Manchu.“ …
„Siehst du, jetzt musstest du lachen, obwohl du gar nicht wolltest. Du willst mir immer nur deinen Griesgram zeigen und dir dabei überlegen vorkommen.“
Paula Geistesgegenwart überfordert Goya. Paula steigt aus dem Wahnsinn, dann steht sie wieder mit bedrohtem Gleichgewicht auf einer schiefgetretenen Bewusstseinsstufe. Sie zählt die Mädchen und Frauen auf, mit denen Goya zusammen war. Oft fand er am Anfang noch etwas von seinem Vorgänger, einmal eine Unterhose in einer Ritze, in die Geld gerutscht war. Manchmal war der Vorgänger noch gar nicht weg und versuchte seine Glück als Rivale. Trennungsträge Typen blieben wochenlang in Rufweite, nicht immer hofften sie vergeblich. Manche Standby-Schaltungen funktionierten. Entspannte Trennungen gab es nicht. Zuneigung führte zu Abneigung.
Paulas Liebesroutine geht über Unterscheidungen hinweg, die Goya macht, es war immer ein Mann da, Paula war immer verliebt, aber nicht immer in den Mann, der da war. Günstig war, wenn der Mann aus einer erschöpften Verbindung kam und Paula von seinem Selbsterneuerungswillen erfrischt wurde. Häufig war der Wunsch, noch einmal mit Sport anzufangen. Zu dem Wunsch gehörten neue Laufschuhe. Die Schuhe verschwanden mit dem Ehrgeiz. Der Ehrgeiz entlarvte sich als Unvernunft.
Die Erwartungen nahmen ab. Männer, die gar nicht mehr damit rechnen konnten, für eine Frau in Frage zu kommen, hatten wie aus heiterem Himmel eine Freundin namens Paula. Im Gebiet hieß sie Ach-die. Paula versprach sich trotzdem alles. Wunder wurden immer erforderlicher. Mit der Wirklichkeit ließ sich immer weniger anfangen.
Der Nachmittag geht in die Verlängerung, kein Abend in Sicht. Stella ruft an, um sich zu beschweren, das Goya nicht anruft und nicht auf ihre Nachrichten reagiert. Eine halbe Erektion vereitelt, dass Goya sie abbügelt. Da scheint noch was zu sein. Nur was?
„Was hat sie?“ fragt Paula als interessierte Ehefrau.

„Wenigstens verliebt will ich sein“, sagt Paula. „Sonst kriege ich Knoten im Kopf.“
Die Dinge im Museum stammen von Leuten, die jede Frage mit Arbeit beantworteten. Für sie war das Leben keine Angelegenheit, die man zu persönlich nehmen durfte. Das Leben widerfuhr einem, Wohlstand milderte Härten. Wohlstand war Gottes Antwort auf das Gebet. Am Ende blieb alles unvermeidlich.
Goya sucht seine Einstellungen in einem Porträt von Philipp I. (1504 – 1564), genannt der Großmütige. Er verfügte die Aufteilung Hessens unter vier Söhnen. Das Prunkstück Hessen-Cassel erhielt der älteste Sohn Wilhelm IV. Ohne die dynastische Zersplitterung wäre Hessen so wie Preußen ein europäisch eindrucksvoller Militärstaat geworden.

Paula kann nichts für sich tun. Sie erlebt sich nur in der Aufmerksamkeit eines anderen. Sie atmet ein und aus im Takt eines anderen.
Paula gibt ihr Leben ab. Sie fragt nicht, ob Goya es haben will.
Die Neumieterinnen beschimpfen Besucher auf dem Balkon. Goya hört Entrüstung, eben waren die Männer noch obenauf, Ricco (Sprottes Neuer) verlangt Ruhe wie ein Hausherr. Sprotte kichert, der Isländer schaltet sich ein.
Goya muss wissen, was zur gleichen Zeit auf der Rotlintstraße geschieht. Die Straße kommt ihm im Augenblick nicht länger vor als sein Ausblick. Vor dem Paulaner macht einer Gymnastik, während er telefoniert. Offensichtlich hält der Mann das Gespräch nur aus, wenn er sich dehnt. Seine Bewegungen sind exakt wie bei einem Berufstänzer, er steigert sich. Die Mimik ist so beweglich wie der Körper.
Den Fernsprecher schützt keine Zelle. So sieht die Zukunft im Design aus. Jemand trägt Halbzeug vor die Tür, schon ist jemand zur Stelle, der es gebrauchen kann.

Das Paulaner ist seit Jahren geschlossen. Seit die Paulaner in den Musikantenweg gezogen sind. Sie führen die Oma Rink der Lulu Schwarz (geb. Rink) weiter. Lulu fuhr nach dem Krieg das erste für eine Frau zugelassene Auto. Das Wurzelwerk der Platanen in ihrem Garten bricht durch den Keller der Wirtschaft. Kraft der Natur, der junge Schwarz wurde nicht alt.
Erschossene Hessen tauchten mit Sitzkissen und Deckelchen in Lulus Garten auf. Mit den Deckelchen hinderten sie das Geschmeiß, in Apfelwein zu ertrinken. Jahrelang löste Goya das Kreuzworträtsel in der (von Indern monopolistisch ausgetragenen) Rundschau am Abend in der Rink. Ein Pate regiert die Zeitungsinder. Er konferiert mit anderen Vorsteherfiguren des Frankfurter Randgeschehens. Man steckt seinen Claim ab: in einem Untergrund der Profite. Da ist ein rumänischer Rosenprinz, der in Gaststätten kindlich timid und bis zur Wehrlosigkeit beschränkt erscheint. Er tritt auf wie ein Versprengter, dem niemand angehört. In Wahrheit ist er Vizechef einer Familie, deren Gravitation sich auf die Höchster Altstadt auswirkt. Seine Frau ist höchstens annähernd erwachsen und mehrfache Mutter in einem Kreis zu Müttern gemachter Schwestern und Cousinen. Der Prinz begleitet sie aufseherisch auf ihren vorstädtischen Wegen.

Paula möchte ausgeführt werden, sie mischt Stellas Badezimmerdinge im Geist der Verschwendung. Sie führt sich als neuer Mensch vor, wie sehe ich aus? Wie findest du mich? Paula trägt eine Spange, die von Friede übriggeblieben ist und von Tanja verbannt wurde. Goya rettete die Spange aus dem Müll, er packte sie zu Verschlüssen, Öffnern und Gummibändern in verschiedenen Stärken. Das Fach muss man erst mal finden, offenbar durchkämmt Paula den Haushalt.
„Wir gehen in einer Stunde“, bestimmt er. Der Ehemann will auf dem Balkon Zeitung lesen. Das Abonnement läuft immer noch auf den Namen der Mutter. Paula bleibt Goya auf den Fersen, sie verfolgt seine erfundenen Gewohnheiten genauso interessiert wie den wahren Schlendrian.
„Du warst schon einmal verheiratet und zwar mit meinem Bruder“, erzählt Goya ein Märchen. „Mein Bruder ist auf dem Weg zu seiner Geliebten tödlich verunglückt. Nach seinem Tod musstest du feststellen, dass er pleite war. Du bist zu mir gekommen und ich bin für die Schulden meines Bruders aufgekommen. Ich habe dich vor der Schande unqualifizierter Erwerbstätigkeit bewahrt. Zweifelhaft, ob du überhaupt in der Lage gewesen wärst, dich in einem Supermarkt als vormals was Besseres von jedermann mit kleinen Spitzen beschämen zu lassen.“
„Das hast du schön gesagt“, sagt Paula. „Ich werde dankbar sein.“
Goya muss morgen zur Bank. Ab Donnerstag soll das Wetter schlechter werden. Die Wetterfeen werden immer schöner, zum Film wäre auch keine Chance für Paula gewesen.
„Erinnerst du dich noch an die getrüffelte Kirschquarkcreme im Café Heidinger am Merianplatz?“ fragt sie. „Die hat der Heidinger gar nicht selbst gemacht. Die kam aus dem Blindenheim in der Adlerflychtstraße.“
„Gut zu wissen“, antwortet Goya, Hölderlin wanderte durch die Heide zum Adlerflycht Hof, der Adlerflycht Hof war ein Sommersitz.
„Würdest du mir ein frisches Hemd herauslegen?“ fragt Goya. Der Gattenton hat Luft nach oben.
„Gewiss“, kommt Paula Goya auf einer Spottspur entgegen.
Das müssen wir noch üben, denkt Goya. Er könnte sich, rein vom Bedürfnis her, schon wieder die Zähne putzen. Paula hat ein Hemd herausgesucht, das Goya entfallen war. Sie will zu Eis Christina an der Eckenheimer Landstraße.

Goya schwebt ein Gattengang über die Neuhofstraße vor, als junges Ehepaar alter Schule. Paula und Goya treffen Ricco im Treppenhaus, Sprotte hat ihn beauftragt, leuchtendes Entenschissgelb für den nächsten Anstrich aufzutreiben. Die Traktorära scheint als Episode dritten Ranges (ohne Schreierei) zum Erliegen gekommen zu sein.
Auf der Neuhofstraße reden Goya und Paula über die beste Bratwurst der Welt als einem Premiumprodukt der Landmetzgerei Sinning. Die Landmetzgerei liegt von jeher in der Stadt. Das Anwesen war unversehrt geblieben, stehengeblieben als Labyrinth und Kinderparadies und Schreckenskammer mit Vorhöllencharakter, bis man an tierische Leichen in der Gestalt von Rinderhälften komplett sich gewöhnt hatte. Nicht jeder durfte, aber Goya kam aus dem richtigen Stall. Ungemeldete Schusswaffen im Haus, der Nachwuchs wurde herangezogen zur Geheimniskrämerei und auf die Probe gestellt vom militanten Opa, der fand, dass man den Krieg besser gewonnen hätte mit einem Separatfrieden. Für den Führer nur Verachtung, über das Heilige Vaterland ging nichts. Solche gedanklichen Nussschleifen ergeben sich aus der Erwähnung der Landmetzgerei Sinning, man müsste die Sinnings aus ihrer Festung heraus kaufen und sich selbst darin verschanzen.
Nur bekannte Gesichter vor der Eisdiele. Goya schickt eine unbestimmte Armbewegung in Tanjas, auch von Hannes bevölkertem Gebiet. Falls jemand lieber übersehen werden möchte, hat er quasi nicht gegrüßt. Goya entspannt sich in der Schlange vor dem Verkaufsfenster. Paula rückt neben ihm vor, inzwischen sind sie bei einem Film angekommen, den sie gemeinsam gesehen haben, ohne sich an den Titel erinnern zu können. Im Film will ein Südstaatenoberst die Niederlage der Konföderierten nicht wahrhaben, er kämpft weiter auf eigene Faust bloß mit seinen Söhnen und einer Saloonschönheit als Armee. Das Mädchen zieht sich zum Baden in Tennessee aus. Tennessee ist ein Wort indianischen Ursprungs wie Mississippi. Paula bestellt monoton drei Kugeln Schokieis.

Goya und Paula setzen sich zu Tanja und Hannes. Die Stühle sind neu. Die aufgegebenen Modelle büßen als überführte Designlüge in einer Ecke.
„Seit wann seid ihr verheiratet?“ fragt Tanja.
„Seit heute Morgen. Der Vertrag endet in vier Stunden.“
Tanja zieht die Beine an, Goya spürt der Regung nach. Vermutlich hat sie nichts zu bedeuten.
Goya stellt sich den Bruder mit Tanja in einem Hotelzimmer vor, die Heimatfickfilme haben das Lebensgefühl der Eingeschweißten verändert. Gero grüßt von einem Rand des Geschehens, Paula hat ihren Frieden mit ihm gemacht, er kann nichts dafür. Goya glaubt, dass Paula glaubt, es sich nicht leisten zu können, nachtragend zu sein. Seine Stadtstreicherin geht ohne Vorwarnung in die Offensive einer allgemein gehaltenen Beschimpfung. Eine flammende Empörung, die nur in Bewegung auszuhalten ist. Die Stadtstreicherin transportiert ihren Haushalt in einem Einkaufswagen, den sie auf der Eckenheimer Landstraße zwischen Autos quer geparkt hat. Der Wagen ist das Ziel. Zeternd zieht sie den Wagen aus der Lücke, das Gespann hört man lange. Nasenschweiß und Rocko treiben Keile in die Viersamkeit von Goya, Tanja, Paula und Hannes. Rocko trägt einen gerade gefundenen Staubsauger. Er präsentiert ihn Tanja, sie könnte nicht gleichgültiger reagieren. Sie schlägt Paula vor, mit Goya ins Kino zu gehen.
„Das macht man so in einer glücklichen Ehe.“
Am geschmiedeten Geländer einer Freitreppe hängt ein Hund wie stranguliert. Eine Frau sagt: Mein Sohn sieht aus wie Christian Klar als Jugendlicher und er heißt auch Christian. Nasenschweiß redet schlecht über Amerika. Goya und Hannes ignorieren ihn atlantisch. Goya will erst gehen, wenn Tanja bereits gegangen ist. Schon irritiert ihn die Vorstellung, Paula mitnehmen zu müssen.

Zwischen Rocko und Tanja stimmt nichts mehr. Die beiden schließen nicht einmal mehr ihre Fahrräder zusammen. Goya verfolgt die Abkopplungsmanöver. Aus diesem und jenem macht Tanja für Rocko eine haarige Angelegenheit. Die Hitze singt ihr Lied vom Schweiß. Die Fasellappen Max Pfeifer (Stimmenrausch), Arno Arschloch Frank (taz) und Leo Fischer (titanic) springen nach einer schlichten Choreografie aus ihren Mülltonnen (Habitaten) und salbadern:

wer will denn diesem katholenguru
seine kritische attitude abnehmen,
wenn er einen fetzen schmutziges leinen anbetet,
während seine konzernorganisation u.a. mittels
krimineller machenschaften an welthunger und “bürger”kriegen mitverdient?
mir fällt das schwer.
das sind lippenbekenntnisse, die das hörige volk friedlich- und hinhalten sollen.
er quasselt soviel wie merkel nichtssagt. tun tuen sie nichts. oder das gegenteil.
solche demagogen sind mitverantwortlich dafür, daß die welt den bach runtergeht,
ohne daß menschen sich noch politisch verantwortungsvoll zu wort melden wollen.
wenn es die kirchen nicht gibt, die ihre tore den flüchtlingen offenhalten,
denen zuflucht zu gewähren, die staatlicherseits nicht anerkannt werden,
dann ist ihr marketingmäßiges glockenläuten
als mitleidskundgebung wie zur gewissensberuhigung ihrer untertanenklientel
eine beleidigung der überlebenden, der zurückgebliebenen, der aufbegehrenden
und der toten sowieso. so wie jeder instrumentalisierte totenkult, einschließlich
der scheußlichen und ethisch fragwürdigen vorstellung des eitlen zentrum f.p.s.
tut was und/ oder macht euch überflüssig!
 
Das Publikum fährt aus der Haut, diese abgeschmackte Religionskritik stößt im Nordend auf den Widerstand nicht nur der NKLL. Unsere jungen Leute verwandeln, zwei Titanictitel zitierend, Max Pfeifer, Arno Frank und Leo Fischer ruckzuck in drei eingenässte Gabrielen. Geharnischte Gymnastiasten treiben die Publizisten durch Randgemarkungen aus der Stadt. Da liegen Wüstungen in Schwermut brach- und danieder. Zerfallene Kirchen und Burgen – in Ruinen geht der Nachwuchs auf Sauenhatz. Er jagt mit Hunden, halben Bestien, nach alter Art speert er das Wild. Keltenwehre bieten sich im Wechsel mit mittelalterlichen Ruinen historischen Fantasien an. Das Volk der Gegend erzählt sich vom Burgmann Rotger, der im 12. Jahrhundert aus den Nebeln der Niddaauen aufgetaucht und zum Wiedergänger geworden war. Rotger besorgte einem Herrn nach dem nächsten die Mätressenwirtschaft, er schloss jeden üblen Handel ab. Er war verheiratet mit Hilleke, einer Unsterblichen aus dem Geschlecht des geknickten Liebreizes jener Burgfrömmigkeit im Wolfsthal des Spessarts. Selbst nach der ersten Jahrtausendwende ritten durchs Wolfsthal noch chattische Partisanen. Ihre Padischahs hatten den Franken schon unter Karl dem Großen die Gefolgschaft verweigert. Sie lebten so urhessisch, dass ständig eine Schwarte krachte.
Die Nacht verwandelt Frankfurt, wir wandern zum Strand. In Verhauen ergraute Häuserkämpfer stehen auf den Bordsteinen der Bornemann Avenue (Glauburg Straße) Spalier und erscheinen wie vergessene Kontingente Soleier in stillgelegten Pilsstuben.
„¡No pasarán!“
Wir existieren auf einer Kontinentalspitze. Da separiert Hannes Tanja in einen Hof. Eine Geschichte wiederholt sich in geänderter Besetzung. Wieder findet sich ein zum spöttischen Ansporn bestellter Zeuge des Zeugungsakts im Lausch eines illegalen Steinobstspaliers. Guerilla Gardening ist der letzte Schrei. Wein überrankt die Brandschutzmauer. Das Leben erneuert sich wie geschmiert im alten Reinraus. Tanja erschaudert, als habe sie vor Hannes keiner erkannt.

5. April 2017

Hessenmeister

Im Schatten der Bornheimer Sphinx

„Natürlich war ich erst einmal so eine, die auch noch allein auf dem Klo gut aussehen wollte. Nur für mich“, erzählt Paula. „Ich fand mich legendär in meiner Eitelkeit. Nur du hast das nicht mitgekriegt.“

„Erinnerst du dich an den Eisen-Leiser in der Heidestraße? Er sang im Bäckerinnungschor.“

Da gelitten wegen der Obermeisterschaft seines Vaters, des Bäcker-Leisers. In der Heidestraße steht die Straßenbahnwagenhalle Bornheim. Die lebenden Fossile nennen den Betriebshof das katholische Depot (zum Andenken an die vielen aus Unterfranken zum Bau bestellten katholischen Maurer). Die Bombenlücke gegenüber wurde nie geschlossen. Schon wieder Abend, Paula fintiert vor der Schüssel, daheim im Glauben und im Mangel. Ein Lappen fährt in rasierte Achseln.

Goya verschweigt sich gemischte Gefühle. Die letzte Nacht hatte keine Taschen. Die Meister singen immer noch jeden Mittwoch in der Burg. Leiser war ein Verehrer der Schwestern Franz und Toni in ihrer Jugendblüte, seine Zuneigung blieb Jahrzehnte Thema. Die Schwestern schätzten ihn, er wäre für beide in Frage gekommen. Leiser gewährte jedem Hesselbach Preisnachlass. Im Rabatt ging die Minne weiter. Leisers Frau arbeitete im Geschäft, ihr kann die Unterströmung nicht entgangen sein. Goya erinnert Leiser als Feind jeder Hast. Er denkt an einen Mann im grauen Kittel, umsichtig, leise, überlegen. Manchmal überheblich. Er verkehrte im Solzerkreis mit Söhnen von Meistern, die ihren Stammtisch beim Solzer und den jungen Solzer selbst in ihrer Mitte hatten. Heute ist der junge Solzer der alte. Die alten Meistersöhne fahren immer noch einmal im Jahr gemeinsam auf ihren Harley Davidsons in den Vogelsberg.

Paula plappert mit Puppen. Sie erzählt ihnen, was Goya gesagt, getan und gegessen hat. Sie beschwert sich, dass Goya ihr nicht antwortet.

„Wenn du nicht gleich betest, musst du es allein tun.“
„Hört ihr, so streng will er sein.“
Die Puppen empören sich, Goya hört die Kellertür, wie sie sich öffnet. Dass in der Nacht jemand in den Keller kommen könnte, lag außer Reichweite seiner Vorstellungen. Goya erwartet einen Abstieg, er legt die schnelle Hand ans Messer. Aber da ist jemand an der Tür erst stehengeblieben und dann umgekehrt. Die Tür fällt ins Schloss. Stille breitet sich aus.
„Ist das schon mal passiert?“
Paula verschanzt sich hinter ihren Puppen, ihre überlebensgroße Angst nimmt reale Bedrohungen nicht ernst. Sie hält die Hand vor den Mund und wispert hinter dem Schild wie verrückt.
„Du kannst nicht im Keller bleiben“, entscheidet Goya, als müsse er Paula einen verseuchten Spielplatz verbieten.
„Darf ich baden?“
Leicht könnte Paula eine andere sein, hätte sie ein Bad wie alle Welt. Goya stellt das Nötige bereit. Er versteht, dass Paula nur bürgerlich einziehen kann. Im Museum endet die Trennung von Wohlfahrt und Wohlleben.

Paula wechselt den Existenzrahmen. Goya baut ein Bett ins Wohnzimmer. Er kontrolliert seine Nachrichten. Als habe sie den Mund voller Kirschen, so beschreibt Stella ein fernes Glück, es läuft auf dem Fließband des Textes aus. Das Verschwiegene verrät sich in der aufgetriebenen Formulierung. Goya hat keine Lust zurück zu schreiben und die Versicherung für Regentage zu bestätigen. Er vermisst eine Nachricht von Malka. Das macht man doch so, auch wenn es nichts besonderes war. Allerdings könnte sich Goya auf ein eigenes Versäumnis ansprechen. Ein Streit auf der Straße lockt ihn ans Fenster. Die Nacht dient der Tageshitze als Speicher.

Goya wünscht sich eine Ewigkeit zum Leben. Im Bett stellt er sich tot. Paula vermutet ihren Platz in seiner Seite. Sie schließt sich lückenlos an. Goya bedenkt Blößen, die er sich Malka gegenüber gegeben haben könnte. In der Vergegenwärtigung: Sie scheint mit Interesse bei der Sache zur Abrundung eines gelungenen Abends mit aufregend klingenden und langweilig schmeckenden Getränken. Malka will nicht im Museum übernachten, Goya begleitet sie die paar Meter zum Friedberger Platz, der nach einem Markttag übel aussieht. Manche Schnapsleichen bewegen sich noch. Malka raucht nicht. Sonst könnte man noch eine vor dem entgültigen Aus.
„Ihr deutschen Hipster lebt doch alle in Berlin. Warum du nicht?”
„Wer sind schon alle?”
„Was ist das hier? Ich finde Frankfurt nicht.”
Malka fehlt ein Wort.
„Findest du Berlin aufregend?”

Bevor Malka die Falle erkennt, schnappt sie zu. Sie ist ganz bestimmt eine Parteigängerin der Gegenseite, eine Drecksau in der Max Pfeifer Suhle. Goya beschimpft sie exorzistisch in Gedanken. Er geht die Stimmenrauscher Scheißlappen der Reihe nach durch.

Er wendet sich Paula zu. Wie in einer überbelichteten Diaschau erscheinen in dem verschwindend kleinen Raum zwischen den Gesichtern die gesichtslos gewordenen Manish Boys und Nordend Defender, mit denen Paula gegangen ist. Nach dem zwölften Schoppen saß sie plötzlich immer noch da. Was war geschehen und wo waren die anderen? Die anderen standen vor den Automaten oder am Kicker oder guckten Fußball im Backstage. Oder sie waren sogar nach Hause gegangen. Sie verfolgten Ziele, bis zur Leitung von Filialen reichte ihr Ehrgeiz. Goya, Traktor, Mandelstam, Babu, der Germanen-Gero, die Mamba, die schwarze Hand und der braune Johnny standen der Zielstrebigkeit skeptisch am Tresen gegenüber. Sie blieben Manish Boys und beschallten mit ihren Angeberanlagen weiter das Gebiet. Sie stolzierten durch Lieferanteneingänge. Sie wussten, wie Wurst und Wein gemacht werden. Sie beherrschten kreative Kneipenbuchhaltung. Ihre Interessen wahrten sie mit Händen und Füßen, nicht immer nur, wenn es sein musste.

Was zuvor geschah. Am Ende ihrer Kräfte angelangt, baten die linksrassistischen Stimmenrauscher um Max Pfeifer, Leo Fischer, Arno Frank und Darkshit Wankermax-Fartwood die Chefin einer geheimen Frauengruppe Malka Dajan um Unterstützung im Kampf gegen die Frankfurter Supertruppe NKLL ( Nordend-Kanakstar-Lauf-und-Lerngruppe) unter Deutschlands schönster Lunte am Explosivkörper Migration Nihan Jiménez und ihren willigen Vollstreckern Goya-Tecumseh Hesselbach aka Texas Double Action Thunderbolt und Hannes Fleckenstein aka Grandslam Coogan. Malka folgt Anweisungen in Kapitel III. des Handbuchs für Frauenspezifische Methoden, indem sie sich selbst auf den extrem unerwachsen wirkenden Goya ansetzt. Außerdem setzt sie einen Killer auf Paula an, um mit einer sinnlosen Bluttat alle zu verwirren.

Am Morgen setzt die Gewöhnung ein. Paula erzählt, was ihr zuletzt beim Konditor Kronberger passiert ist. Vorgestern wäre sie beinah in Schlappen vor die Tür gegangen. Goya kennt das. Er hat schon im Bademantel seine Nachtasyle abgeklappert. Das war doch auch verrückt und ganz normal, denkt er. Hat man Geld, werden einem Erscheinungen des Wahnsinns als Grillen ausgelegt. Goya zeigt Paula einen Bund, an dem kein Schlüssel hängt, dessen Schloss noch existiert. Mit den Schlössern sind viele Türen verschwunden, aber die Häuser stehen. Paula spielt mit dem Schädel des Triceratops, den Goya noch lebend sah, kurz vor dem Einschlag. Der Schädel war dann lange Burgaschenbecher. Man könnte mit dem alten Aschenbecher die Neumieterinnen vermutlich nicht erschrecken. Sie haben einen Hampelmann mit Strapon an ihrer Balkonbrüstung aufgehängt. Ob jemand aus ihrem Gefolge im Rahmen der Kellertür zur Umkehr sich entschlossen hat?

Was es alles nicht mehr gibt. Die Metzgereifachverkäuferin war auch in der Anstalt, Grund genug, sich zu duzen und groß was bezahlt kann man auch nicht sagen, dass Goya über Gebühr zur Kasse gebeten wird. Komisch, dass er nie zuvor oder vorher. Also, eine Wurstfachverkäuferin mit Abitur ist natürlich die Tochter des Chefs und kann sich nicht beklagen. Bei wem auch? Sofortiges Interesse stellt Goya bei ihr fest. Das Gernegroß liegt um die Ecke, wie alles im Gebiet. Tanja kippt Prosecco aus Valdobbiadene ab, Goya hat Tanja noch nie Prosecco trinken sehen. Die XXL Consulting Group bespielt mittags um elf das Theater im Tanzsaal der Burg. Ihre „Kernkompetenz“ besteht darin, „neue Technologien zu bewerten“. So steht es geschrieben auf einem Wisch. Das Unternehmen feiert sich selbst, eine an höchster Stelle akkreditierte Botschafterin der guten Laune hält die Ansprache. Leolutscher Fischer verspricht eine halbe Stunde voller Gefühle. Leitende Herren stehen grundsätzlich im Weg. Mit erpresserischer Süße verkaufen Engel Lose. Nicht erkennen lässt sich, ob die schwebenden Jungfrauen eingeflogener Firmennachwuchs sind oder in Frankfurt gemietet wurden. Mittlere Managerinnen in Frontkostümen schreien Tanja an. Goya ätzt zurück, die Managerinnen verachten ihn sturzbachartig. Nasenschweiß verwarnt Goya, er verlangt Unterwerfung von Tanja. Sie eskaliert lautlos, während Nasenschweiß eine Schleimspur bis zu den Bassinrandschwimmern in der Firmenleitung zieht.

Goya lascht zur Gaststätte Frank. Der Berliner Rassist Max Pfeifer deklamiert vor der Tür auf der Bornemann Avenue (vormals Glauburgstraße):

auch sonst hat der fernsehkater spuren hinterlassen…
u.a. diese perle von wahrer geistesgröße zeugend
und einem ostasiatischen meister in nichts nachstehend:
 
„Denn keine Lösung dient Niemandem.” (14. Juni 2015)
 
es wird das intellektuelle niveau, welches politiker dem letzten nochwähler,
dem vielleichtdochnichtnichtwähler oder einem wiedermalwähler zubilligen,
zum eigenen. (so vom k- und sumokandidatendickerchen laut vorgetragen.)
  
etwa muße?
regen von oben?
zeit zum denken?
presse auf fernseh-
tv auf presseniveau?
entspannt bis ausgeleiert?
und dann kein gutes buch zur hand?
wenn dich ein analoger nachbar gerade (nicht) nervt,
greif zum beruhigenden klapplesegerät und zieh dir die wiener erkenntnis rein.
grill mal wieder die eigenen zellen und erfrisch dich an stammwürze mit:

 
 
oder genieße bei freiem eintritt im freundlichen filmsalon in mitte…
 
Leute bewerfen Max Pfeifer mit Abfall. Sie rufen Hauab du Kleinescheiße, du Lappenlusche, du Arschloch, du hauptamtliche Null. Wie kann man nur so unbeliebt sein? Der Stimmenrauscher macht sich aus dem Staub. Im Abgang von sich gibt er:

leichtsinnsübermut
es ist gut wenn überflüssige tabus aufgelöst werden
es ist gut wenn über die politische speerspitze der
lockerung von sexualtabus unter psychohygienischen
gesichtspunkten neu nachgedacht wird und praxissex
unter dem aspekt ware & ausbeutung so wie in dieser
gesellschaft verkostet für kinder ausgeschlossen wird
sonst wär die verquickung von liebe und sex heut eine
sackgasse unterwegs zur entwickelten persönlichkeit
so wie ein umdenken unter neuen erkenntnissen oder
rahmenbedingungen grundsätzlich vonnöten sein kann
genauso gehört endlich explosionsmotoranhängenden
autonazis das rasen auf deutschen autobahnen vergällt
nicht aus lustfeindlichkeit nichtmal unter ökozwängen
sondern um agressives recht des stärkeren zu hindern
im ideologischen kampf gegen “das rauschgift” dauerte
die fällige neuausrichtung auch schon allzu lange hin
legalisiertem vollsuff eine rauschende empfindsamkeit
an die seite zu stellen tut humaner entwicklung nur gut
 

Malka trifft über dem Auspuff eines Motorrads mit Berliner Kennzeichen ein. Der anonyme Wankermax Shitwood blastert vor ihr an seiner Taucherglocke herum. Das wird doch wieder nichts, denkt Goya. Malka befiehlt Fartmax zu warten. Sie zieht Goya in den Schatten der Bornheimer Sphinx, Goya sehnt sich nach Stella, wie kommt das? Ich denke, es ist einfach so, dass sie ihn erregt. Das Personenschützerische an Malka mit ihrer über Motorhauben sich abrollend in der Hyperkoordination zum Double Action Swing einladenden, im Dreifachsalto ein leergeschossenes Magazin ersetzenden, gleichzeitig Filipino Martial Artig zwei Macheten virtuos einsetzenden Persönlichkeitsstruktur, erscheint dem Minimalisten Goya des Guten zu viel. Lieber setzt er Gegenstände des Alltags als Waffen ein und baut Fallen wie ein Steinzeitler aus einem elastischen Ast und einem Faden der Natur.
In Malkas Hände erwacht das Wissen, wie man einem Mann den Kopf bis zum Anschlag verdreht. Toni schlappt vorbei und kann sich die Bemerkung nicht verkneifen: „Je oller, desto doller.“ Vielleicht sagt sie auch: „Das muss Liebe sein.“

29. März 2017

Hessenmeister

The winning combination

The Israel Defense Forces continues to draft more women into combat with the opening of a new coed battalion. 150 recruits drafted to the newest IDF coed combat unit last week. The new unit will be under the IDF’s Central Command …

Jiménez pfeift. Wie ein Mann geht die Gruppe zu Boden. Liegestütze. Klappmesser. Liegestütze. Die Vorsitzende zählt krumm: „Bir buçuk, iki buçuk, üç buçuk. Yallah, meine Häschen.“

Neben Goya schnellt Malka auf die Füße. Sie kam in Ashkelon zur Welt, zehn Jahre nach dem größten Augenblick im Leben ihres Vaters. 1967 hatte er Shlomo Goren nach Jerusalem begleitet, wo der General zum Zeichen des Sieges (im Sechstagekrieg) das Schofar blies, während Juliette Gréco in Paris für Israel sang; 1973 wurde er an der Bar-Lew-Linie von ägyptischen Streitkräften überrannt. Bei Malka muss sich keiner fragen, ob oder ob nicht. Sie hat. Sie könnte für die Zahal Modell gestanden haben, den Vollautomaten vor der Brust. Israel inszeniert den Wehrdienst als schicke Sache. Goya kennt Israels (ungünstige) Militärgeographie aus dem Effeff und Malkas Familiengeschichte immerhin so gut, wie Google es ihm eingab. Malka rechnet einen Bar Giora Gründer (Zionistischer Selbstverteidigungsclub in der Osmanischen Palästina Periode) und sogar Grandmaster MoD zu ihren Genetischen. (Als Ben Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv Israel ausrief, stand Moshe Dajan in Galiläa und wartete auf die Syrer. Er formte die Haganah zur Zahal (IDF) wie Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden.) Malka durchlief das Testprogramm für das Caracal Bataillon (in Gründung). Es wird bald mit einem Frauenanteil von siebzig Prozent die Grenze zu Ägypten sichern. In ihm wird sich die erste Araberin, Elinor Joseph, an israelischen Kampfeinsätzen beteiligen und auch noch in Kriegsbemalung christlich erscheinen.

Malka stellt eine gammelige Lässigkeit zur Schau, die ein Kommentar zu Jiménez’ maskulinem Stalinostil sein könnte. Natürlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Die Bahnen der Meisterinnen kreuzen sich erst seit Wochen, angeblich sucht Malka (neu in Frankfurt) Anschluss an eine frauendominierte Gemeinschaft. Sie testet noch andere Verbindungen mit amerikanischer Unverbindlichkeit. Ihr wurde ein Zimmer in der feministischen Prominentenwohngemeinschaft am Friedberger Platz ohne Vorgespräch eingeräumt. Sie soll auf der Dachterrasse die Nase gerümpft haben.

Alle buhlen um Malka. Goya hat sie einmal in Berlin gesehen, gemeinsam mit Karine „die Locke“ Tuil im Schlosspark von Schönhausen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie auf der Gegengerade balanciert und von dem Drecksrassisten Max Pfeifer und seinen Stinkwoods so wie den Fuscherluschen unter Leo Fischmax zum Spionageeinsatz nach Frankfurt geschickt wurde. Doch da ist dieses Misstrauen. Goya lässt sich bis zum Ende der Gruppe zurückfallen, um ihre Dynamik einzuatmen und die unbewussten Anschlüsse zu registrieren. Schon sucht Dirk (der an seinen Nerven gescheiterte, wegen Jiménez in Scheidung lebende Panzergrenadier) nicht mehr ständig die Nähe unserer Königin. Der ihm zuliebe abgehalfterte Pepe läuft gelöst neben Friede. Er verbessert sich nach unten, im Vorgriff auf seine mittleren Jahre, die ihn höchstens noch als Schlaumichel in Academia gelten lassen werden. Malka mobilisiert sich in einem Hatschepsutgedränge, mit einer an Ablehnung grenzenden Gleichgültigkeit für die Sonderstellung. Auf ihrem Textilrücken steht: Let us make our future now. Als radikale Intervention mit einer Othering-Krawallnuance versteht die Äußerung nur, wer weiß, dass die transsexuelle israelische Eurovision Song Contest Gewinnerin Dana International Let us make our future now zu ihrem Slogan gemacht hat.

Die Gruppe passiert den Strand (des Günthersburgparks), Goya läuft staatsmännisch durch die Gasse zwischen Sitzenden. Von Jahr zu Jahr zieht sich die Gasse länger hin. Ein Bauarbeiterdekolleté sticht Goya ins Auge; Ekel schießt hoch und trifft auch den grau gähnenden Vollbart darüber. Wie unter Schenkeldruck setzt Goya der Anstrengung Tempo zu, zu schwer atmend für die gelinde Steigung. Wieder pfeift Jiménez, Goya fällt auf die Hände. Er verschärft für sich das Programm, der Wunsch, in Form zu bleiben, wenigstens halbwegs mit dem Asthma und den kaputten Knien, versteckt mehr Sehnsucht als Ehrgeiz. Er beneidet jedwede leptosome Leichtfüßigkeit. Er träumt von Läufen in der Vergangenheit. Lange lag zwischen Laufen & Leben wenig mehr für ihn als Sex, Kampfkunst und die hessische Landesgeschichte. Goya macht Klimmzüge an biografischen Seitenästen. Über nachbildlichen Erinnerungsschneematsch wälzt sich die Vergangenheit wie eine in grauen Schächten kasernierte Armee. Eine in ewiger Abwesenheit unbekannt gebliebene Autonomie taucht als dunkles Begehren auf.

„Yallah, meine Damen.“

Malka stürmt vor wie ein Wide Receiver. Sie überläuft Jiménez, die das nicht begrüßt. Goya fällt ein, wo er noch nachschauen könnte. In Pankow bestehen zwei Vereine, die von Stimmenrauschern und Arnofrankisten als Auxiliarreserven missbraucht werden. Vielleicht hat Malka da Spuren hinterlassen.

Sobald man eine Abdeckungslücke entdeckt hat, wird das Übrige zum pompösen Rest. Goya gönnt sich ein Essen vor dem Fernseher. In dem totalitären Fürsorgeregime, das bis zum Ablauf seiner weltlicher Verweildauer herrschen wird, kann das nicht zur Gewohnheit werden. Seine Mutter, beide Väter, Mara, Jiménez, Tanja, Sprotte und Stella lehnen TV-Lunchereyen ab. Goya hört Horst und Heike auf dem Balkon. Er hört das Steuerberaterpaar. Kinder des Isländers und hausfremde Kinder. Stella meldet sich von ihrem Menschenrechtskonferenz genannten Brandenburger Rave. Sie klärt Goya ab aus sorbischer Ferne. Goya googelt nebenher: VVN-B-BT 63 Berlin-Pankow. Volltreffer. Malka poussiert auf dem Aufreißerfoto des Nordostberliner Vereins vor einem Motorrad nicht nur als Gerüchtefigur und genderreflektierend vermarktete Stimmenrauscherin. Goya lässt das Bild stehen, bis Stella es aufgegeben hat, ihn mit bindender Wirkung zu erreichen.

„Du musst bleiben, bis ich gebetet habe.“

Das ist ein neuer Tick, es muss gebetet werden. Die überall abgemeldete, im Keller untergekrochene Paula schließt Goya in ihr Gebet, da Goya sich weigert, Gott selbst anzurufen. Da bleibt ganz schön was hängen an Paula. Goya hat ein Kreuz auf den Rohputz gebracht, Paulas Zustände fördern seinen Pragmatismus. Was hilft, ist gut. Das können auch Pfannkuchen sein, schön mit Puderzucker, und Paula erzählt dazu, wie der Puderzucker mit einem Löffel(chen) durch das Sieb gerührt wurde in ihrer Kindheit. Und wo das Sieb gekauft worden war. Ob es das Geschäft noch gibt oder was die Stelle des Geschäfts eingenommen hat.

Auf ihren Hochseefahrten zu den Häfen einer oft erfundenen Vergangenheit nutzt Paula das Waschgeschirr und die Bettpfanne aus dem Museum; Vorkriegsemaille, angeschlagen, aber funktionstüchtig. Goya betrachtet eine Zeichnung des im 19. Jahrhundert nach Texas ausgewanderten deutschen Freigeists Hermann Lungkwitz. Ein in der Versenkung abgetauchtes Gemeinschaftsgeschenk der Väter. Wayne lieferte die Legende (mit Bleistift auf steifer Pappe), die Liebe zu einem anderen Leben spricht sich aus: With the light of eve waning on the Wild Horse Desert of the Texas Gulf Coast, two vaqueros lead this raunchy cow to the trailer. The lead man keeps a wary eye on the wily gal as her body language speaks of dissidence in being lead out of the grassy plain and to incarceration.

Sollte Wayne nur wegen seiner von anderen Männern aufgezogenen Söhne in Deutschland geblieben sein? Lieber hält Goya seinen leiblichen Vater für einen NSA-Spion. Paula schindet Zeit, indem sie Goya an ihre Eigenarten leint. Goya will auf ein Update in die Burg, er fühlt sich von Paula ausgenutzt. Paula versucht sich irgendwie ins Spiel zu schmieren, Goya überbrückt die erzwungene Verlängerung, indem er Sprotte, Tanja und Malka einem gründlichen Vergleich unterzieht. Zum ersten Mal fragt sich Goya, ob man Paula überhaupt noch allein lassen kann. Wie krank ist das denn.

Nasenschweiß predigt Bio und scheißt Aldi. In veralteter Frische salbadert er vor dem eingedrückten Lattenzaun zwischen Gourmet und Gourmand. Wer was falsch ausspricht oder nicht richtig weiß. Grammatische Lücken zum Beweis authentischer Idiotie. Nehmt Traktor zum Beispiel. Bei ihm klingt Weight wie Whale. Whale Watchers. Wie kann man nur so schlecht Englisch können. Alle anderen sind froh, dass der Sündenbock des Abends gefunden wurde, bevor es sie treffen konnte.

Keiner trägt bessere Schuhe als Nasenschweiß, das macht er mit Absicht. Tanja nickt kompromisslos das Gehabe ab. Sie unterwirft sich in Akten, die nicht zu übersehen sind. Sie klärt die Lage für den länger abwesenden Rocko. Warum soll Rocko nicht zukünftig einen indigenen Gernecrossie ersetzen? Rocko sagt ffm statt Frankfurt und zwar so, dass man die Kleinschreibung hört. Sein „Made in Brasil“ behauptet sich als Synonym für jeden letzten Scheiß. Gar nicht so selten macht er mit den Eingeschweißten der Burggaststätte weiter, wenn im Gernegroß Schicht ist. Von allen am längsten kann Rocko den Tresenbembel am gestreckten Arm halten.

Wenn Randy, Ricco und Rocko …

Tanja und Rocko, Sprotte und Traktor: noch gilt das. Der Kunstwelttyp Randy Chop, eine Figur zwischen Elton John und Truman Capote, bietet sich als Garant von Sprottes Wohlergehens an. Es scheint von der Tagesform abzuhängen, ob sich Randy als Mensch oder als Qualle erlebt. Sprotte sieht sich nach anderen Gesprächspartnern um. Randy bleibt als eine Verkörperung ohne Bart und Beispiel auf Tuchfühlung. Er flüstert Sprotte die Namen der zahlenden Gäste ins Ohr, verkündet Meriten und Laster.

Zoe von Sowieso putzt Straßen von einer Platte in der Gernegroßkünstlergarderobe. Tanja tanzt mit einem Besen durch die Garderobe in den Technikerraum. Techniker Ibu versucht die Aristokratin für seine Diplomarbeit zu interessieren. Ich zitiere: Im Bestand hat die Messung des Wärmedurchgangskoeffizienten an den Fenstern U-Werte von 1,7 W/(m²∙K) im besten und 5,2 W/(m²∙K) im schlechtesten Fall ergeben. Das nur nebenbei. Ricco erlöst Sprotte, indem er sie Randy einfach abnimmt. Bis ihn die Frankfurter Nacht verschlucken wird, bleibt Ricco ihr schönster Clubchef. Er ist so markant wie ein Rasierwassermodell. Frauen vergehen vor ihm am Tresen. Wie Vögel auf der Rinne hocken sie da. Ricco hat ein demokratisches Verhältnis zu seinen Vorzügen. Er macht keine Staatsaktion daraus. Er kommt vom Ort. Weil er keiner zumuten will, sich mit Kleinigkeiten aufzuhalten, markiert er den Frankfurter. Ricco war verheiratet, das ist ein Drama mit zwei Kindern und einem Hund. Mit Ricco unterzieht Sprotte sämtliche Sitzgelegenheiten einer Bequemlichkeitsprüfung. Die beiden teilen sich ihre Beobachtungen mit. Sie promovieren über einen Herrn: Ein unbestimmter Eindruck zuerst, als müsse man sich seine Gesichtszüge erst ausdenken. Als würde der ganze Mensch nur von seiner Betrachtung zusammengehalten. Ein fehlgeschlagener Versuch. Aufgegeben.
Traktor weiß nicht, was er von der Zwiesprache halten soll. Goya weiß es auch nicht. Schließlich ist er mit älteren Rechten eifersüchtig auf jeden Sprotteversteher. Gleichzeitig wäre Ricco der Richtige, um Traktor auf seinen angestammten Platz zurückzustumpen. Die Dinge entwickeln sich mal wieder anders als erwartet. Aber trotzdem gut. Wer hätte mit einem Gentledom der Freßgass im Nordend gerechnet?

Türen bestehen aus einem fest mit der Wand verbundenen Rahmen (auch Zarge genannt) und einem beweglichen Türblatt (Türflügel).

Estriche sind Bestandteil der Boden- und Deckenkonstruktion gemäß DIN 13318 „Estrichmörtel und Estriche – Begriffe“ und DIN 18560 „Estriche im Bauwesen“. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Estrichen, beispielsweise synthetic resin screed, die derzeit noch nicht in einer Norm erfasst sind.

Aus Ibus Diplomarbeit

Die letzten zahlenden Gäste beenden ihr Studium der Verhältnisse im Theater. Goya kontrolliert die Lage in der Burggaststätte nebenan, prollt kurz mit dem König, lässt für Igor ein Bein stehen und macht es extra lang. Er sichtet den liegengebliebenen Kleinkram in einer Zigarrenschachtel, die seit die Welt losging im Glasschrank (mit seinen Butzenscheiben) hinter dem Buffet Knist ansetzt und immer noch schmoddriger wird. Er bemerkt Anhänger, Knipser, Kleinleuchten, Fahrradnippes. Vergessene und verlorene Feuerzeuge, Flaschenöffner und Zigaretten werden stets dem Betriebskreislauf zugeführt. Deshalb sieht man Igor Fürchterlich, seines Zeichens geschäftsführender Fürst der Finsternis, manchmal eine Lord Extra rauchen. Der Nebenerwerbsrauschgifthändler nutzt die leeren Packungen als Etuis für seine Kolonialwaren.

Goya achtet darauf, das alte Betriebsfleisch und die lebenden Fossile nicht aus dem Schlaf zu reißen. Er küsst Lila, die am Stammtisch den heiligen Aschenbecher einascht.

„Benim tavşan.“

Das hält Lila für eine sexuelle Ansprache. Egal. Im Leichenschauraum sitzen Gretes neue Serviererin Finja und Jiménez’ neuer Stecher Panzerdirk äffisch traut an einer Tischkante. Dies bedenkend, kehrt Goya (schweren Herzens) zurück an den Gernegroßtresen. Da wird er von Malka angenehm berührt und direkt zu einem Seitensprung eingeladen. So heißt ein Getränk, selbstverständlich steht auch Orgasmus auf der Karte. Das ist kalter Kaffee dann vielleicht doch nicht, weil Tanja wegen Malka Eis crushen und eine Flasche Dings beim König gegen einen Liter von Tonis Tittenterror eintauschen muss. Traktor sieht zerlaufen zu, wie Sprotte, die jetzt (wie im Kindergarten) auch unbedingt einen Seitensprung braucht, auf Ricco einsteigt.

„Wo du schon mal dabei bist.“ – Auch wenn du kotzt, liebe Tanja. Tanjas Telefon liegt sehnsüchtig neben den Zwillingstiefbecken. Rocco hat sich den ganzen Abend nicht gemeldet. Das wissen alle atmosphärisch Informierten. Also alle. Vermutlich ist Rocco schon in einem Steilküstenkneipennebel abgestürzt. Malkas Mutter hat sich 1965 beinah für eine Makkabiade qualifiziert, bei der Mark Spitz vier Goldmedaillen gewann. Das sei Thema in der Familie geblieben, die vielen, von der Welt nicht beachteten Spitzsiege vor Zweiundsiebzig. Das auf den Spitz gekommene/das von Spitz mit sieben olympischen Goldmedaillen auf die Spitze getriebene Weltmuskeljudentum. Goya weiß so was, das ist kleines Tennis, die Zweiundsiebzigerspiele kann Goya auswendig einschließlich der nachfolgenden GSG 9 Gründung. Er wird nie verstehen, wie Jassirs Halbehemden Männer wie Mark Slavin und David Mark Berger kleinkriegen konnten. Malka will kein Bad in einem fremden Wissensfluss nehmen und sich auch nicht an seinen Ufern von ihren Abneigungen trennen. Es gibt ein dämliches Zuviel und einen guten Wille, der obszön ist. Goya käme viel besser an, wüsste er weniger, um das Wenige dann auch noch für sich zu behalten. Malka wendet sich dem Auditorium zu, angeweht von einem Gelächter, mit dem eine Bemerkung belohnt wurde. Auf ihrer Brust steht Wherever Israel Stands I Stand. Nasenschweiß fährt auf. Er ist durch und durch Palästinamann, bereit und in der Lage nächtelang Israel als Nachfolgestaatsunwesen des Dritten Reichs zu kritisieren. Er war auf der Fridtjof Nansen Schule für angewandten Journalismus und kennt sich deshalb in Israel aus. Da herrscht Gleichberechtigung in der Armee.

„Das ist eine seit 1948 veraltete Information“, entgegnet Malka. „Seitdem heißt es: Die besten Männer fürs Cockpit, die besten Frauen für die Kampfpiloten.“

Betretenes Lachen. War das ein Judenwitz? Die Klärung wird stillschweigend vertagt, bis man wieder unter sich ist. Malka möchte aufs Klo, Goya erklärt ihr die Alternativen. Sie kann das Klo für stinknormale Gäste (diese Pisser_innen) nutzen oder das Künstler_innenklo oder das Klo im Techiker_innenraum. (Es gibt noch zwei klandestine Klos in komplizierten Burgecken. Die sind nur für Fortgeschrittene.)
„Wo willst du am liebsten?“ fragt Goya.
Als Malka zurückkommt, glänzen ihre Lippen draufgängerisch. Holla die Waldfee, bedenkt Goya sämtliche Aspekte einer neuen Lage. Nasenschweiß sagt gute Nacht. Er besteht nur bei Tanja auf eine ordnungsgemäße Verabschiedung.
„Macht mir keine Sputzen.“
„Ist das euer Obermotz?“ fragt Malka.
„Über ihm steht nur der König.“
Goya hält es für einen Charakterfehler, im Nordend nicht Bescheid zu wissen. Er vergleicht gewissenhaft Malka mit Sprotte und Tanja. Er zerlegt die Frauen, Goya kommt es auch auf die Arme an. Schmale unbehaarte Arme sind gut. Kräftige Arme lassen sich unter Umständen in Kauf nehmen. Dicke Arme gehen gar nicht. Goya nimmt die Feindin an seiner Seite Partie für Partie durch. Malka neigt zur Fülle, wie vormals Übertrainierte oft. Sie sagt: „Allmählich versteh ich, warum du einen Schlag bei Frauen hast. Bei dir wirkt das Arschlochhafte so natürlich.“
Goya von Ignoranz und Ismirwurscht fragt, obwohl er es besser weiß: „Hattet ihr Deutsch in der Schule?“
„Wer ist jetzt ihr.“
Ihr wisst es längst, so redet man, wenn man ficken will, obwohl es besser wäre, die Beine in die Hand zu nehmen. Zum Schluss noch was vom Retrorassisten Max „Isch bim Niggerkiller Oi Oi“ Pfeifer, dem vollkreisdrehenden Scheißlappen:

unser durst
& die mentalität adolfwars
 
denen weißen im westen
ihre privilegien zu erhalten
al driss ferres ben seppels
dosis wirkt wie weichkind
blatternopfer à l’hoeneß
ränke à la strauss-kahn
in die knie twittern oder
shitstormen à la dreyfuss
zu dissen ein volkssport
tendenz- & qualitätspresse
dichter in der produktion
reigen im stimmenrausch
gemeinsam begehen wir
jedem mob seine entlast-
entsprechenden rufmorde
 
 
armenpäpste negerpräsidenten o.a. lupenreine roben-
oder kitteldemagogen, schon gar die uniformbejackten
werden nienix heilen am legitimen mafia-kapitalismus
unsere buhrufe sind gehandelte im intern. machtpoker
nicht verschenkte
die buhs&bähs waren schon im voraus bezahlte durch
grillschürzen mit maskottchen  panini-ischen-bildchen
eintritt beim p-viewing und bierpreisen in der sportsbar
jetze dürfen wir weitergröhlen für einen sauberen sport
mit artigrassisten homooutings & sanktioniertem dope
dieses korrupte system noch ein weilchen zu stützen
jedenfalls solange ersterklassehanseoten zeigen wie
der trick mit dem schopf und dem sumpf eintlich funzt
 

22. März 2017

Hessenmeister

Undogmatischer Rassismus

Sprache ist Arena, verkündet die Erste Vorsitzende in der NKLL-Sitzung vom 03. August 1998. Sie schlägt einen Bogen vom Neolithikum über die Funktionsmoderne zu Francos Spanien/ diesem Sack voll schmutziger Geheimnisse. Jeménez setzt Stalin auf das Spielfeld ihres Gedankenlacrosse. Der Bürgerkrieg hätte einen anderen Ausgang gefunden, wenn. Bereits 1924 berief sich Stalin auf Lenin, in einer Begründung des Unvermeidlichen. Für unvermeidlich hielt Stalin den Untergang des Kapitalismus im Imperialismus (in einem dreigliedrigen Begründungsaufbau). Schon wieder ein analytischer Dreisprung. Warum drängt die Schablone sich so oft vor? Goya, Herzog von Hesselbach und Marienfelde so wie Admiral der Nordendeismeerflotte, geht müßig in der Betrachtung des Bandes „Cassel im 18. Jahrhundert“. Gern möchte er die mehrläufigen autobahnbreiten Treppen einer landgräflichen Wohnung der Renaissance überlassen. Solche Treppen baute man aber erst, nachdem der zeremonielle Auf- und Abstieg zum politischen Akt geworden war. Die TV-Showtreppe ist ein politischer Wurmfortsatz. Erster Gegenstand der Regierung war der fürstliche Haushalt mit seinen devitalen Hohlräumen des Pomps. Goya zieht Imelda Marcos begehbare Kleiderschränke als zeitgemäße Ergänzung imperialer Häuslichkeit heran. Die Neue, Finja heißt sie, erscheint mit einem Tablett (die Gläser stehen betreten im Überschwapp) im „Gretes Besenkammer“ genannten Spielzimmer einer Gaststätte, die ihre Anschrift im Namen trägt wie zum Beweis falscher Bescheidenheit. Das Schwarzburg Zweiundachtzig existiert seit dreißig Jahren als Nachfolgerin der Schwarzburg Stuben, die einer milden Form der Hausfrauenprostitution den Rahmen lieferten, bevor die Studenten kamen und das Nordend in die erste Umlaufbahn der Gentrifizierung schossen. Bald saugten drei griechische Schwemmen an der Ecke Schwarzburg- Weberstraße die neue Leichtigkeit an. Das Publikum kämmte Flöhe der Ähnlichkeit aus sehr verschiedenen Pelzen.

Finja sieht sich schläfrig genau im Kreis der Aktivist_innen um. Grete pfeift sie an den Tresen, Finjas Freund sitzt im Gefängnis. Das finden andere schlimmer als sie. Finja bleibt ihm vorläufig treu, weil der Gefangene sie so sehnsüchtig sein lässt.

Wulli will stilles Wasser.

Montagnachmittag kommen die Patienten zu Grete, Fünfzigjährige, die Wasser trinken. Hinter ihnen liegen Ehen und Krankheiten, an denen man sterben kann, und das Gefühl der Unverwüstbarkeit. Die Männer waren früher gut beieinander, man ahnt es noch. Sie bekleideten Posten. Sie sind nun ausgesteuert. Das sagen sie so. Sie arbeiten nicht mehr, abgesehen von Wulli, der Taxi fährt, weil er das braucht. Wulli erfüllt besondere Aufgaben in der Gemeinschaft. Er vermittelt zwischen den Patienten und den Gesunden, die man sich sonst verächtlich vom Hals hält. Die Patienten separieren sich an der Nebelbank, bekannt auch als Tisch 9, wo sie ihre Krankengeschichten durchhecheln von den frühen Symptomen über das Stadium der Ungläubigkeit nach den Diagnosen, den vergeblichen und den hilfreichen Operationen bis zu den ersten und den sich daran anschließenden Erlebnissen der Invalidität, die sie zu Kennern der Materie und der Wartezimmer gemacht haben, so wie zu Spezialisten der Fernsehprogramme, zu gewieften Zeitungslesern und umsichtigen, jede Veränderung ihrer Umgebung skeptisch aufnehmenden Spaziergängern. Alle Patienten teilen die Erfahrung, plötzlich nichts mehr zu melden gehabt zu haben. Die Entfremdung von den Kollegen, der widerwillige, von ihnen selbst angestaunte Eintritt in die Invaliditätssphäre, gleicht dem Verlust der bürgerlichen Rechte. Der Prozess wurde von Hoffnungen unterbrochen, kurzfristigen Übergängen auf die andere, lange immer noch vertrautere Seite … und von späten Kämpfen. Inzwischen ist man klüger. Man rechnet mit nichts mehr, was sich ernsthaft als Verbesserung beschreiben ließe. Man diskutiert vielmehr die Tagesform. Man ist froh, schmerzfrei sitzen zu können. Man ist Betrachter der Gestalter und des Gestalteten. Von solcher Lethargie wissen die NKLL-Aktivist_innen unter der Knute von Komandantin Jeménez-Guevara noch nichts. Hannes-Geronimo Custer-Fleckenstein nimmt dem Halbbruder den Prachtband weg. Hannes hat den „Bembel des Todes“ erfunden und seine Cousine Valerie C. Hesselbach, deren erster Beischläfer er war, zum Star gemacht. Was macht der Könner unter uns undichten Nachläufern? Valerie klemmt zwischen ihren Verwandten in evaluierten Verbindungen. Der Hoheit erheischende leibliche Überschwang erinnert Hannes an Ausflüge zum Edersee als schweißtreibend ausschweifende Heimatkunde. Jungen und Mädchen, die anzuschauen waren wie Grimms Kinder, so unverbunden mit der Gegenwart, verbargen ihre Neugier angesichts der Andersartigkeit der Hesselbache und ihrem Fleckenstein. Die Flecken ihrer Heimat, ich erwähne Gotttreu und Gewissensruh, waldenserten im Wesertal. Die Waldenser hießen nach dem Prediger Waldes und waren Franzosen so lange wie möglich gewesen. Der reformierte Landgraf Karl hatte die Standfestigkeit der Leute geachtet und vierundzwanzig Flüchtlingsfamilien mit kurhessischem Land im Reinhardswald beschenkt. Die Nachkommen zeigten sich gesellig in ihren Schützenvereinen. Hannes lernte, eine Armbrust zu spannen. Ein aus der Wetterau eingerittener Förster zeigte ihm, wie man das macht. So lernte Hannes den unsterblichen Stonewall Thunderbolt kennen. Thunderbolt nahm ihn mit in die Vergangenheit. Gemeinsam stiegen sie in die Casseler Oberberg- und Salzwerksdirektion auf, den Dienstag bestimmten sie zum Sitzungstag. Man versammelte sich in einem Geschäftslokal an der Oberen Carlstraße (101). Direktor Johann Rudolph Sigmund Fulda, Ober-Bergrat Eduard Dunker, Berg-Inspektor Julius Heinrich Des Coudres und Referent Carl von Buttlar trafen zusammen, um zu hören was ihnen Stonewall Thunderbolt und Hannes von Fleckenstein & Horenmoore auch als doppelte Rittmeister der kurhessischen Gardes du Corps zu sagen hatten. Die Buttlars hatten das östlich der Stadt Cassel vorliegende Bettenhausen von dem Rittergeschlecht der Elben übernommen und zählten zur Althessischen Ritterschaft. Ein Buttlar war auch einem so überragenden Manne wie Fleckenstein angenehm und erschien beinah ebenbürtig. Anders als Wilhelm Carl Reinhard. Der Nepositar stand der Repositur vor. Er war starker Raucher und süchtiger Kaffeetrinker. Er ging zu Frauen, die gemalt wurden und in Zeitungen vorkamen und trotzdem so zweifelhaft waren, dass Gouverneur Coogan, Geheimrat Thunderbolt und Konstabler Goya sie am liebsten vor dem Leipziger Tor in den Kasematten neben dem Waisenhaus interniert hätten.

Ich spreche von Schauspielerinnen. Da war man doch lieber Buchhalter und hieß Wilhelm Fiedler. Oder man war Probator so wie Nikolaus August Egeling. Zum Pedell bestellt, wurde Anton Vossenberger in Pantinen diensteifrig. Dem kurfürstlichen Aufzeichnungswahn ging kein Name durch die Lappen. Ich könnte Listen ausgeben, in denen jeder Mann im Münzamt von 1512 bis 1866 genannt würde. Die Oberberg- und Salzwerksdirektoren inspizierten die Bergämter. Sie begannen mit dem Bergamt zu Bieber. Dazu gehörte selbstverständlich die gewerkschaftlichen Braunkohlewerke in Rückers und Eichenried. Gewerkschaft verwies ausschließlich auf Gewerk, das war noch kein politisches Wort. Thunderbolt und Fleckenstein beobachteten den Fortgang von Schürf- und Versuchsarbeiten in Steinbrüchen und Tongruben der Bezirke Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern so wie der Ämter Großenlüder und Neuhof. Sie reisten zu Pferde, nicht mit der Kutsche wie die Warmduscher, und beanspruchten überall das beste Haus und die meiste Verpflegung. Inzwischen bat der König von Preußen Prinz Goya von Hessen-Cassel ins Stadtschloss an der Spree. Berlin war noch ein Brandenburger Marktflecken gewesen, als das Schloss seine Karriere als Zwingburg der Hohenzollern begonnen hatte. Es endete als Ruine, die 1950 gesprengt wurde. Auf dem freien Platz entstand der Palast der Republik als Wundertüte der Asbestverseuchung. Goya und Hannes kämpften und siegten in der Gegend gegen Stimmenrauscher, Tazisten, Arnofrankisten so wie die übrigen Arschlöcher und Deppen etc. Sie machten Akupunktur nach Zimmermannsart. Stimmenrauscherinnen und Arnotazfrankistinnen warfen sich in den Pausen an die Hälse der hessischen Helden. Die preußischblauen Pussys wollten Kinder von Glorreichen.

Vermisst man Herrschaft, versteckt sie sich nur in der repressiven Toleranz tückisch mutierender Demokratien. Jeménez verlangt, das Wort mehr zu achten als seinen Effekt. Aus Effekt wird im laufenden Quartal Begriff. Wen kümmert das. Ein Sinn geht stiften, ein anderer entsteht im Echo der Fehlschaltungen. Friede übernimmt die Rolle der Vortragenden. Sie äußert sich zum diskursübergreifend undogmatischen Rassismus der Stimmenrauscher. Die Linksrassisten halten den Rechtsstaat für einen Aspekt der westdeutschen Usurpation seit Neunundachtzig. Sie fühlen sich in der repräsentativen Demokratie nicht repräsentiert und deshalb zu Selbstermächtigungen berufen. Ihr Lieblingswort ist Empowerment. In Pankow haben sie ein Achtsamkeitszentrum aufgezogen. Achtsamkeit ist ihr Wort für Jagd auf people of color, die sie Nigger oder Dunkeltiere nennen. Ihren Rassismus halten sie für eine kulturelle Offenbarung.

Sie geben der Fiktion Raum, um eine Gruppenidentität aufzubauen, analysiert Friede. Sie halluzinieren ostdeutsche Homogenität in Bezirken, wo längst großdeutsche Heterogenität herrscht. Aufeinander reagieren sie im High-Expressed-Emotions-Modus. Ihr Überwachungsstil ist monumental. Wir haben sie überall an der Backe, sie setzen den Investigativpool der utz, der Prenzlauer Berg Vollpfost_in und der Deutschen Apotheker Post ein. Einfache Mitglieder der Partei folgten NKLL-Granden mit Stettin’schen Sonnenschirmen und Pfauenfederwedeln.
Die Stimmenrauscher erfinden sich ein Volumen im Zustand der Schwerelosigkeit und einer beschränkten Haftung. Viele trollen in der Anonymität. Wenige sind bereit, sich mit Hand und Fuß auf das Konfliktkreuz nageln zu lassen wie Christian Römer und Max Pfeifer. Friede exponiert die Prozesse der Angelegenheit. Sie deutet das Wankermax Shitwood-, Dirtpigmax Arthurharris-, Mexmax Fartwood- Leo Fuschermax- und Arno „Isch bim gern ein Arschmax” Frank-Engagement als Aufstandsbegehren. Friede fragt: Wie verhält sich das Begehren zur Literatur im Netz? Das Netz erweitert Möglichkeiten, Kunstfiguren mit Prothesenfunktionen in die Welt zu setzen und so das Spektrum, in dem Illusionen ihrem Gegenteil bis zur Ununterscheidbarkeit nahe kommen.

Arno Frank auf der taz-Wahrheitsseite: „Ich bin ein Arschloch. Tut gut, das einmal so rundheraus einräumen zu dürfen, frei „von der Leber weg“. … Mein Talent zum Arschloch war mir schon in die Wiege gelegt, denn meine Eltern waren beide ebenfalls Arschlöcher. Arme Arschlöcher, wohlgemerkt.”

Max Pfeifer:

brandstiftung nicht ausgeschlossen
sperrt die augen auf
was ist los in diesem land
einer nichtversammlung facebookabgestumpfter hohlköpfe
die aufforderung der politik asylbewerberheime anzuzünden
ist unserer verfassung angemessen?
was auf der hand liegt
wird unter den tisch gekehrt
und alle schauen zu
helloderndes wird gern genommen
grillen ist deutsches kulturgut
spektakuläre kost
sollte ich diesem bösartigen volk
nicht den rücken kehren
wenn ich nicht in der sprache meine heimat hätte
müßte ich mir das gründlicher überlegen
asyl zu beantragen in griechenland
oder mit meiner bibliothek auf cuba ein eigenes heine-institut aufzumachen
soll ich warten bis ich als abweichler pathologisiert werde
oder der hass meine leber aufgefressen hat
nie ist eine skizze so schnell entstanden und vor veröffentlichung unredigiert geblieben
dank nach wien
selbstentzündung nicht ausgeschlossen

Hannes befasst sich wissenschaftlich mit der Frage, wie entsteht und wie wirkt weibliches Genie. Seine Betrachtungen stellen Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir in einen Rahmen.

Das sind die üblichen Verdächtigen seit Schulzeiten, mault Jeménez. Sie wirft dem letzten Referenten des Nachmittags vor, als im Ernst dilettierender, das Magazin der Verführungsrhetorik leichten Herzens ausräumender Böhmermann der Seichtigkeit Vorschub zu leisten.

Hannes unterstützt seinen Beitrag mit einem Jugendbild von Hannah Arendt. Jeménez wischt es von der Projektionsfläche. Als erste Voraussetzung für weibliches Genie nennt sie die Bereitschaft, „ein schweres Schicksal als Aufgabe anzunehmen“.

Dazu gehört die Kraft zur Zurückweisung elementarer Zuschreibungen. Luxemburg wollte weder auf ihre jüdische Herkunft noch auf ihr Geschlecht und schon gar nicht auf eine fast lebenslange Behinderung angesprochen werden. In einer „überfordernden Außenwelt“ enwickelte der „Adler“, Lenin über Luxemburg, ein Konzept der Stärke bis zur Unberührbarkeit. Obskur fand Luxemburg die Frauenfrage. Das macht Jeménez zu schaffen. Sie hält die Frauenfrage für zentral. Was Hannes anbringt, ist „holzig gedacht“, ein Vorwurf der sie als eifersüchtige Geliebte in Paris selbst traf. In einem Gedicht an sie schrieb Heiner Müller in seinem vorletzten Jahr, als er sich noch wegstehlen konnte, eine Einladung vorschützend: „Immer bleiben die Engel aus am Ende.“

Aber wer war sie dann, wenn nicht Müllers Engel am Ende?
„Wenn du mich noch einmal sehen willst“ murmelte Müller im Café Tuil auf eine Karte an einen hundertjährigen Spanienkämpfer. Der Greis wohnte in Clichy-sous-Bois ohne Telefon. Bis zum Schluss verweigerte Müller seinem letzten Verhältnis eine olympische Platzierung. Gewiss war Jeménez die Wagenknechtigste, seit die DDR aufgehört hatte. Der Reiz einer klugen Geliebten ging jedoch mit viel Nachlassendem verloren; es fiel Müller schwer, sich auf die Liebe zu konzentrieren, während Jeménez die Liebe als Ablenkung von der Angst und den Schmerzen des alten Mannes Selbstbetrügerisches abverlangte. Sie kannte den Weg zum Kino in der Rue de Champollion. Müller wollte im Reflet Médicis „Hamlet Goes Business“ von Aki Kaurismäki sehen. Den Film hatte er 1987 mit Liebeskummer (wegen Margarita Broich) schon einmal in Paris gesehen.

Müller, weit ausholend: „Der Hildesheimer hat gesagt, daß er es für sinnlos hält, heute noch zu schreiben … (da es keine Nachwelt mehr gibt.) Das ist etwas ganz Defätistisches. Wenn ich eine Arbeit mache, dann mache ich sie doch, weil ich diese Arbeit gern mache, weil ich sie so gut machen will wie ich kann. Da ist es doch uninteressant, ob das fertige Produkt morgen in einem Museum steht oder wie eine Flaschenpost im Atlantik treibt.“

In der Flaschenpost steckt der Auftrag, Selbstermächtigung und Neubeschriftung. Müller vergleicht die eigene Gattung mit den Silberfischen in seinem Badezimmer. „Aber manchmal, morgens, wenn ich ins Bad komme, hat sich wieder einer die Wanne hochgearbeitet. Den spül ich dann weg; drei Tage später ist wieder einer da, wahrscheinlich nicht derselbe, die leben ja irgendwie kollektiver. Für den Silberfisch ist das, was sich da abspielt, Geschichte. Aus hinreichend astronomischer Entfernung ist unsere Geschichte auch nichts anderes als der Versuch, an den Rand der Badewanne zu gelangen. Was die Silberfische nie schaffen, solange die Wohnung bewohnt ist.

Bleibt die Frage, wer wohnt gegen uns?
Das ist die Sinnfrage. Dieser Drang nach oben ist in uns drin. Wie bei den Silberfischen. Dabei haben sie es doch gut in den Leitungen. Was treibt sie aus der Wanne? Überdruß am Alltag, Lust auf Abenteuer, Grenzüberschreitung? Lust auf Schuld und Sühne?“
Müller dichtet französisch, nachzulesen auf einer Serviette:
Jambon et melon: c’est bon.
Petits Fours con Cigarette: c’est une fête.

Cidre avec Tarte au citron: c’est bon.
Vin rouge dans le nombril de mon amie: c’est une fête.

Eclairs sans chocolat: c’est une catastrophe.

Der Dichter spielt mit den phonetischen Chancen zwischen „dans“ – in – und „sans“ – ohne – mit mehr Intuition als Französisch. Es ist der letzte Müllerabend für Jeménez. Jetzt besetzt Dirk eine Stelle äußerster Erwartungen und sucht seine Einstellung zum Besenkammertheater. Er verschweigt sich ein Unbehagen. Sein Blick sucht das Weite. Er schleicht ihm nach in den Schankraum, mit achtundzwanzig übermannt schon vom Alter. Finja fragt sich, ob er wegen ihr nach vorn gekommen ist. Für das billige Vergnügen, sie springen zu sehen.

15. März 2017

Hessenmeister

Erotischer Ehrgeiz

Der erste Weltkrieg im dritten Jahr. Eine Tankbesatzung steigt aus, vier Männer desertieren. Sie landen in Mülheim an der Ruhr, Bertolt Brecht schrieb Mülheim mit unpassendem Mühlen-h. Er wurde nicht fertig mit seinem Fatzer. „The plot centers around soldiers who desert from the war and hide out in Mülheim, waiting for a revolution”, schreibt der amerikanische Kritiker Morgan Fuller in einer Morgenröte der Revolutionserwartung.

„Wendet euch um und/verwandelt den krieg der Völker in/den krieg der klassen“, fordert Fatzer. 

Brecht kam 1953 auf das Fatzer-Fragment zurück, nach dem Aufstand vom 17. Juni. Pompös quittierte er die Lage: „Zum ersten Mal hat die Klasse gesprochen.“

Brecht entdeckte die Feme-Fressen von 1918 in der Erhebung. Visagen des Faschismus, Brecht sagte das so. Das war die falsche Sorte Amoralität. Fatzer schien Brecht im Jahrzehnt seines Todes akut zu sein. „Die Grundfrage lautet: Wer frisst wen?“

Am Ende frisst die Mannschaft den Egoisten Johann Fatzer. Am Anfang ist Fatzer Mannschaftsführer: „von uns allen bin ich / durch gehirn und physis am fähigsten / durchzukommen als einzelner“. Den kriegsmüden Kameraden ruft er zu: „jetzt nehmt eure / schädel in die hände und paßt / auf, heute am mittwoch gehe ich / fatzer und ihr büsching, koch und kaumann von diesem krieg weg, / der uns nichts mehr angeht.“

1955 weigerte sich Rosa Parks ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen. Das führte zu ihrer Festnahme und einem Boykott der Busse. Der „Busboykott von Montgomery“ startete das Civil Rights Movement. Ein Motor dieser Bewegung war die „Southern Christian Leadership Conference“ (SCLC). Ihr Führer, ein chrismatischer Baptistenprediger aus Atlanta, bekam 1964 den Friedensnobelpreis. Jeménez nimmt sich MLK für ihre nächste Predigt vor. Sie ermächtigt sich zu einer Steigerung – MLKX. X wie Malcolm. Vor dem Spiegel und unter einer Trockenhaube zweifelt sie an ihrem Charisma. Pepe, der schon mit achtzehn aussah wie Theo Lingen mit achtzig, und über Gudrun Ensslin promoviert, wünscht sich die Chefin ihm zugewandter. Jeménez braucht ihn kaum noch. Ihre Ladestationen sind die (solidarische) Kritik und (ungehaltene) Bewunderung der Schneider- und Taekwondomeisterinnen in der Halbdistanz ihres Lebens. Man sieht Jeménez im Fernsehen, sie berichtet aus Afghanistan, die Modalitäten und das Vokabular humanitärer Missionen überformen den militärischen Auftrag einer Kompanie, die Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt. Der Kommandant erscheint wie ein Brunnenbohrer vom Technischen Hilfswerk. Seine Soldaten sprechen ihn an, als wäre er der Abteilungsleiter. Jeménez beobachtet einen intellektuell ehrgeizigen, seelisch strebsamen, zum Ausgleich entschlossenen, heimwehkranken Mann. Wie kann so einer Soldat sein?
Das Camp verödet zwischen Verhau und Pfadfinderlager. Jeder Schritt vor die Schleuse löst Angst aus. Der Kommandant führt zu oft Patrouillen an. Er hält sich mit den Eheproblemen, Liquiditätsengpässen, kranken Eltern und schwierigen Kinder der Untergebenen auf. Er stützt die Schwachen, sie dürften überhaupt nicht da sein, wo sie alle gefährden. Der Kommandant überbrückt ihre Schwächen. Das führt zu gefährlicher Retardation, ein Zug gerät in einen Hinterhalt. Die Evakuierung eines Verletzten verhakt sich im Gefecht. Der Kommandant fordert Erdkampfunterstützung an. Er veranlasst die Bombardierung einer Baracke, in der er Taliban vermutet. Jeménez ist als Beobachterin eingebettet, angegriffen von Panik, teilt sie die Einschätzung des Kommandanten, ohne einen Gedanken fassen zu können.
Unerträglich wirken die Aufnahmen ziviler Opfer auf das Empfinden im Prozess, der Monate später ein Kriegsverbrechen verhandelt und Versorgungsansprüche klärt. Als Angeklagter hat der Kommandant mehr als nur das Mitgefühl der Zeugin. Jeménez vermeidet es, ihn zu belasten. Die Forderungen der Zivilgesellschaft an ihre Soldaten verrücken die Realität und geben ihr ein wahnsinniges Format, notiert sie, befremdet von der eigenen Wahrnehmung und abgestoßen von Darstellungen, die den Kommandanten als Schlächter zeigen. Zum ersten Mal rutscht Jeménez auf der Schmierseife ihrer Zweifel aus. Morgens um fünf konsultiert sie Goya, den Stella im Museum an eine elaborierte Sexualität heran führt. Zurzeit feiert sie aber in einer national befreiten Ostzone. Sie hält sich mit Schuhen in Erinnerung, die sie im Museum Schauobjekten werden ließ. Ihr Fetischcharakter entgeht Goya.

„Wir können jemanden jederzeit unwiderruflich ausschalten.“ J. Edgar Hoover 1955 im Oval Office-Gespräch mit Lyndon B. Johnson nach dem Vorfall in Montgomery, Alabama.

„Die NKLL hat drei harte Nigger*innen. Einer ist’ne Fotze. Ich glaube, wir müssen uns nur um die Dunkeltiere kümmern, dann knickt der Rest weg.“ Scum Fartwood 1998 in einer Bielefelder Stimmenrauschgeheimratssitzung. Schreibweise nach der Abschrift der Mitschrift. Beide Fassungen stammen vermutlich von Silli Wokosky aka Rete Stocko.

Goya dient Jeménez als taktisches Gewissen. Er weiß, wie viele Bälle in einem Spiel gehalten werden können. Er nennt Brechts Fatzer zum Beispiel. Sein Trauma, der Maschinenkrieg, mit den Materialschlachten, Gasmasken und Geistesstörungen war Science Fiction. Die Soldaten folgten dem obsoleten Komment der kaiserlichen Kavallerie & Infanterie in ein wie von Ufo-Besatzungen angerichtetes Inferno, das sich in Zeitgenossenschaft gar nicht begreifen ließ. Die Wahnsinnigen hielt Wilhelm für Simulanten und den Krieg für einen Hammer, der aus Gründen der Völkerhygiene gelegentlich aus dem Kabinett geholt werden musste. Was blieb einem übrig? Man wäre als Kaiser auch lieber mit den englischen und russischen Cousins zum Segeln gefahren, anstatt ihre Kanonenboote versenken zu lassen.

Brecht traute den Verelendeten nicht viel zu. Er schmiss die Klamotte der Verzweiflung wie eine Drehorgel an. Zirkus in der Kneipe, Pepe stürmt das Museum, seine Not ist vom Elfenbein der feinsten Eifersucht, Heiner Müller wollte Brecht in einer Peepshow erleben. „Wenn man Brechts pornografische Gedichte liest, fällt auf, dass er immer wieder die Notwendigkeit des Duschens nach dem Beischlaf betont.“

„Die Verbindung von Harnröhre und Geschlechtskanal – so etwas konnte nur einem Schwein einfallen.“ 

Auch Goya sympathisiert mit dem Kommandanten, der plötzlich als Dirk am Gespräch teilnimmt. Dirk erklärt Pepe die neue Hackordnung. So sorgsam belehrt, wickelt sich Pepe in die eigenen Ohren, und ruft zum Abschied leise Falafel. Dirk ignoriert die Anrufe seiner Frau im Museum, wo man ihn als Verstärkung begrüßt: im Kampf gegen die Stimmenrauscher und ihre antideutschen Verbündeten. Ich erwähne nur die Tazisten hinter Arnofrank, Wuschi Berg und Rete Stocko so wie die Nacktschnecken unter Leo „Ich bim Redakteur” Fuscher. Goya hat ein arrangiertes Verhältnis zu den erstarrten Konturen des Kolossalstreits. Manche Nacktschnecken kombinieren Fellatio mit einer Abneigung gegen Araber. Diese Abneigung schließt Palästinenser zwangsläufig ein. Wie geht das bei Linken? Wenigstens tausend Aktivisten stehen hinter einer Avantgarde von vierzig bis fünfzig halbverbluteten Fanatikern, während die Nordend-Kanakstar insgesamt keine dreißig Schwestern zusammenkriegen. Immer ist eine wegen Liebeskummer oder Unikram nicht zu gebrauchen. Viele sind zur Antonio Amadeu/Heinrich Böll Stiftung abgewandert oder kämpfen lieber direkt gegen die Völkischen als Überläufer im 1. Antideutschen Landsturm. Dahin geht allgemein die Reise, die in seltsamen Verschwisterungen mitunter endet. Das Vokabular der Linksfaschisten um Scum „The Wanker“ Fartwood, Max „Urinal” Pfeifer und dem grundgrausamen Deadhead Arthurharris unterscheidet sich kaum von völkischem Text. Das Credo der Fartwoodies lautet: Wer Kinder kriegt, hat recht. Was zählt, ist Fertilität – sind die demografischen Parameter, die eine Gesellschaft nicht vor die Hunde der Kinderlosigkeit gehen lassen. Zumal die Stimmenrauscher unter dem alten Max Pfeifer aktualisieren das Getriebe des abendländischen Patriarchats mit feministischer Attitüde. Stimmenrauschsprecherin Silli Wokosky im Interview: Machos sind die besseren Feministen; so wie Rechte die besseren Linken zumindest sein sollten. Wen ich nicht will und brauchen kann, das ist der durchschnittliche Europäer, den es schon anstrengt, sich die Butter vom Brot streichen zu lassen. Unfähig, sich jenen entgegenzustellen, die vom Mangel geformt, von keinem Verzicht überrascht, angekommen und aufgenommen in der Überpersönlichkeit einer Idee, überall zu unseren Fressfeinden werden.

Die Idee, das ist der Islam. Er wurde vom Kapitalismus beschleunigt, jetzt wirkt er selbst als Turbo – Silli verweist auf Rom zu Konstantins Zeiten. Eine entschlossene Minderheit pumpte Leben in einen anachronistischen Staat. Ihre Symbole avancierten zur Signatur der Herrschaft. Legionen zogen mit dem Kreuz auf ihren Schildern los. Natürlich will Silli unter keinem Kreuz gebären. Eine neue Zeichenlehre vereint den schwarzen Stern der Anarchie mit dem kommunistischen Hammer und der gemeinen Alraune. Fehlen nur noch Wolfsangel, schamanischer Schlangengruß und heidnischer Segen. Die Kombattant_innen vereint ein Selbstverständnis, das Segregation in die Nähe eines Naturgesetzes rückt. Für sie geht wieder einmal das Abendland im Ansturm der Barbaren unter.
Die Geburtsschmerzen einer neuen Zeit lassen die bleiche Fratze der antideutschen Linksrassist_innen grimassieren, verkündet Jeménez in Oma Hesselbachs Ehebett. Sie erwartet Befruchtungen an sozialen, geografischen und ethnischen Rändern. Goya erwartet gar nichts. Außer einem neuen Halsband, das Stella sich von ihm wünscht und das er bei einem Versanddienst bestellt hat, der nicht liefert. Soll er reklamieren? Goya überlässt Jeménez und Dirk das Museum, die beiden hoffen das Grauen des Krieges in Omas Bett überwinden zu können. Die NKLL-Führerin ruft Goya nach: „Vergiss bloß du deine Rede nicht. Sag mir deinen point of view später.”

Punkt acht steigt Goya im Panorama Bad ins Wasser. Jeden Tag schwimmt er in den Schmerz, wenn er seine viertausend Meter absolviert, als gäbe es sonst nichts. Er mobilisiert sich und hält sich an seiner Form fest. Er betrachtet sich wie man eine vom Einsturz bedrohte Baracke betrachten könnte.
Im Wasser spielt er mit der Gedankenlosigkeit und Fetzenhaftigkeit von Spruchweisheiten und den ihnen verwandten stereotypen Halbsätzen, die aus den Ätzbädern der Niederliegen keinesfalls zum Trost, wohl aber betäubend aufsteigen. Alles halb so. Nichts wird so. Morgen ist auch noch. Früh krümmt sich. Was du heute kannst. Fast nichts formuliert sich zu Ende im Dauerlauf von Rollwende und Tauchphase. Fast nichts mehr ist der individualisierenden Rede wert, es sei denn die Frühstückseikonsistenz. Jederzeit könnte Goya, was auch immer, ebenso gut lassen wie tun.
„Ein alter Mann, der immer noch denkt, ist eine Groteske. Greise müssen fertig sein”, sagt Gottfried Benn. In der räumlichen und zeitlichen Umgebung der ertüchtigenden Praxis imaginiert Goya eine halbtrockene Geilheit. Er lockt die unschön schrumpfende Libido in einer veralteten Frische hinter dem Ofen hervor. Er animiert den Restposten mit jungen Müttern, die so gut wie arschbloß zuhauf unter sich und den Rentnern sind, bis die Schule aus ist und ein Radau der losgelassenen Pubertät den nächsten Umsturz ankündigt. Hallende Wasserklangbilder untermalen die Stunden des geschwätzigen Ausschlusses elementarer Störungen.
Goyas vom Chlor und von der Anstrengung getrübter Blick schnappt sich aus Versehen eine Mutter mit dem Bewegungsbild eines Kampfhundes. Rete Stocko guckt auch bissig zurück. In Zukunft wird man sich mit Frauen schlagen können. Vereinzelt sind sie schon so weit. Der gepanzerte Thorax der antideutschen Spiegelonlinefeministin raubt Goya das Interesse. Rete kommt für ihn aus der untersten Schublade des Seins. Er will sie gar nicht begreifen. Goya steigt in das Warmwasserbecken um und macht noch Gymnastik.

Jede Säuferampel wirkt wie ein Analeptikum und alle Tristesse zitiert Edward Hopper. Dirk könnte mit einer posttraumatischen Belastungsstörung ein Alleinstellungsmerkmal erwerben und damit die anderen Jeménez-Jünger ausstechen. Das bedenkt Goya unter Gretes Aufsicht im Schwarzburg Zweiundachtzig. Er betankt die Salzstreuer mit Zucker. Grete überträgt ihm kleine Aufgaben zur Bestätigung seiner Sonderrolle im Gebiet. Die Aschenbecher hat Goya schon ausgewischt und die Dreiliterasbachflasche, die mit dem Hals zum Boden am Buffetschrank festgemacht ist, rituell angetippt. Neben ihm bildet sich Igor mit liegengebliebener Lektüre. Er trägt eine getönte Stasibrille. Stasi ist nicht fies genug. Mit der Brille sieht Igor aus wie seinerzeit Unhold Jaruzelski. Ausgerechnet auf Jaruzelsks Pullover steht Love. In Lovestory-Lettern so altmodisch. Der Fürst weiß nichts von Ironie. Er spart. Der Pullover stammt aus dem Gernegroßfundus. Ein ausgemustertes Stück aus einer Siebzigerjahreklamotte, die Nasenschweiß einst einem Schneewittchen auf den Leib geschrieben hat. Das Schneewittchen gibt es nicht mehr. Auch das osmanische Reich gab dem Verfall nach. Erstaunlich, wer alles vormittags im Schwarzburg Zweiundachtzig abhängt, als wäre da sein Arbeitsplatz. Ab fünf kann man die Belegschaft in der Burg als der Arbeit entronnene Feierabendtrinker bieder treffen. Ein Mysterium mehr im sagenhaften Nordend. Interessant bleibt die Frage, ob schon mal einer Grete auf ihrem Tresen untersucht hat, zum besseren Verständnis der Wirtin. Dem Vernehmen nach soll das nie vorgekommen sein. Nur, wie kann das sein?
Der Zigarettenautomat auf halbem Weg. Das Klo zufrieden im Hof. Der Hof betoniert. Der Beton befriedigend grau. Die Teppichstange als ungebrauchter Gegenstand mitten im Hof. Davor eine Stiege klumpendes Fallobst. Merkwürdig. Was macht die Stiege auf den Hof? Ins Klo passt eine Kneipe. Eine Beobachtung, die jedes Mal aufs Neue erstaunt. Wenn Pissrinnen erzählen könnten.

Im Schwarzburg Zweiundachtzig hängt immer noch ein Telefon an der Wand. Neben einer Turnertafel aus dem Jahr Neunzehnhundertzwölf als Denkmal eines anderen Gesellschaftslebens, das sich vor Ort nie abgespielt hat.

„Können Wasserkocher einsam sein?”, fragt Winnie, das Klo. Eben noch in der Sponti-Reiterstaffel und jetzt bloß noch Staublunge und schmerzhaftes Abhusten. Herr hilf. Der Herr hilft Winnie nicht und sonst auch keiner. So sehr unter sich war man seit gestern schon lange nicht mehr. Goya schüttelt sich wie ein nasser Hund. Die Wahrheit ist kein Kopfschmerz für Tabletten. Kein Mensch findet es nötig, dem Klo eine Antwort zu geben.

Grete wirkt sich auf ihre Verhältnisse aus wie der Korken im Flaschenhals. Sie erlaubt keinen Übermut und pariert jede Bemerkung, die sie einfangen soll. Das Zurechtweisende wird immer mehr zu ihrem Markenzeichen. Sie überkront die Plörre in Gläsern, die unter den Hähnen stehengeblieben sind. Sie verkauft auch das in den Leitungen über Nacht schal gewordene Bier. Keiner wagt die schlechte Bierbehandlung zu beanstanden. Keiner versucht sich auf dem schmalen Grat vom Eichstrich zum Eichelstich hervor zu tun. Goya riecht die Ausdünstungen der Beflissenheit. Grete feudelt da, wo er sitzt. Auch ihn lässt sie ihre Gleichgültigkeit spüren.

Der Wurstwagen auf dem Supermarktparkplatz als Sinnbild einer verfehlten Existenz – Kurt bindet den ganz normalen Wahnsinn zu einem Bouquet wermütiger Heiterkeit. Ein mit der schwarzen Hand an der Zange konkurrierender Elvisimitator, der nicht singen kann und dem Original über die Korpulenz hinaus auch nicht ähnlich sieht und mit einer verschwitzten Vorliebe für Audrey Totter in der abgerockten Daseinswüste des seelisch verkarstenden Vinylfetischisten nie auf einen grünen Zweig gekommen ist, muss seine Vernichtung am Tresen über sich ergehen lassen. Seine stets studiobraune Mutter war 1976 siebte Siegerin im Miss Friedberg Schönheitswettbewerb. Das ist Schwäche, denkt Goya, diese Weinerlichkeit wegen irgendwelcher Mumien in längst trockengefallenen Brunnen. Auch im Schwarzburg Zweiundachtzig erwarten die Geweihten die Herrin der Hähne jeden Morgen mit der speichelnden Vorfreude unserer vierbeinigen Freunde. Um über die Runden zu kommen, mussten sie vortrinken, das Büchsenbier von nebenan. (Konkurrenz belebt das Geschäft.) Es folgt die Druckbetankung, ab Nachmittag beamt sich Lord Jim ins Geschehen und gibt die Schlagzahl an. Wann Nachmittag ist, hängt vom Empfinden ab. Der Diminutiv ist Chef im Ring. Gesponsert von Woody Gorbatschow. Goya macht sich Gedanken über das Innere eines Säufers, er stellt sich die beschleunigte Gärung in ihrer Prozesshaftigkeit vor.
„Hauptsache Prost“, sagt Gero zum brackigen Kord seines Unbehagens. Er trägt die Zimmermannshosen von Schambach. Im kommenden Jahr will er sich neue Zähne einbetonieren lassen als praktische Lösung. Ein Metzger, der wusste, wo es lang ging, weigerte sich, seine Tüchtigkeit weiterzugeben an Geros Vater, dessen zweitliebster Spruch lang für lustig galt: Jeden Morgen steht ein Dummer auf. Goya denkt an eine, die schon todkrank und auf vielen Rückzügen an den Endpunkten war, als das Leben in ihr die Neustarttaste drückt. Die Sieche trug ein Kind von Gero auf einem niederhessischen Höhenzug aus. Sie nannte es Hans, vielleicht nach einem Großvater. Im Gebiet kursierte sie als die mit der halben Brust. Ihr war eine Brust abgenommen worden und der Volksmund hatte daraus, so gedankenlos wie gemein, Halbebrust gemacht.
Geros mondgesichtige Nachahmungen männlicher Schaffenskraft können keine mehr täuschen. Gero ist der krumme Hund als toller Hecht mit Klepperzelt, Gulaschkanone und sputnikförmiger Zigarettendose im zweistöckigen Kellerdurcheinander und einer Kesselschlacht als falscher Erinnerung im Gedächtnis. Er schläft mit einem Gewehr im Bett, wähnt sich aber ständig selbst im Fadenkreuz. Sein Sein leuchtet im Strahlenkranz der Paranoia, aber das wisst ihr ja.

Es stinkt nach verrauchter Greisenscheiße im Schwarzburg Zweiundachtzig. Gero bestellt Macaroni in Jägersoße, eine Gretekreation für Dreimarkzwanzig. Der Stammtisch schlägt an wie ein Kettenhund angesichts einer Erscheinung. Goyas Ziehvater, der noble Simon Hesselbach, fließt ins innere Vorfeld. Dem Protegé tritt vor Freude der Schweiß auf die Stirn. Goya ungetrübtes Verhältnis zu Simon leidet unter einer blöden Scham. Unnötiger könnte nichts sein in diesem einseitig von Verlässlichkeit und vorausschauender Fürsorge befestigten Verhältnis. Simon tritt mit einer angenehmen Gleichgültigkeit für alles Ausgesuchte auf. Er hat die süffelige, über Beschwerliches hinweggleitende Art einer sanften Planierraupe. Etwas Wässriges geht von ihm aus (sei wie das Wasser: Bruce Lee).

Simon ist so anders als seine verrannten Brüder, die auf dem Niveau andauernder Rage durchdrehen. Er will nur mal wieder eine Bier mit dem Armleuchter trinken, den er großgezogen hat und nebenbei Grete Löcher in den Bauch starren. Aus keinem was geworden, bilanziert Simon Goyas Abiturjahrgang. Einige haben Selbstmord begangen, das waren die Vernünftigsten. Der Einsame an der Wolga (Tisch 3) bespricht vergriffene Bücher. Einer (am Stammtisch) manipuliert erwerbsmäßig Automaten, nur nicht im Schwarzburg Zweiundachtzig, abgeschirmt von den Russen, und deshalb noch im Geschäft. (Die als Spätaussiedler getarnten Russen bauen immer gleich zehn Häuser auf einmal wegen der Rabattmargen und Mengenpreisnachlässe.) Ihre Bauingenieure, Architekten und Immobilienhaie kennt Simon alle auswendig mit Namen und – bis zum Bindestrich – genauer Geschäftsanschrift. Er wüsste auch jederzeit ihre Telefonnummern. Ihm reicht, dass sein Telefon sie weiß. Weiß überhaupt noch einer, was ein Telegramm ist? Simon pfeift falsch, eine von seinem Vater übernommene und im Häuserkampf perfektionierte Unart.

8. März 2017

Hessenmeister

Extremfeministische Raumgreifungen

Es war wie immer, wenn ein Mythos entsteht oder eine neue Insel aus dem Meer steigt. Erst redeten Leute darüber an den internationalen Lagerfeuern, eine Art Höhlenzeichengeschichte kursierte wie ein zugespitzter Holzschnitt, die Relativierungen gingen los. Sich widersprechende Einschätzungen überholten sich. Das Ghetto und seine Fiktionen seien Blackviolets Referenzen, behauptete die skandinavische Framing Fraktion der Post-Situationalisten. Sie begriff den internationalen Feierzug als politische Maßnahme, die sich im Theater verlängerte. („Was auf dem Theater gesagt wurde, kann nicht zurückgenommen werden.“ Heiner Müller) Für sie diente Blackviolet einer Sprache des Aufstands als Promoter. Sein „Uns mutiert die Zukunft“ war Parole. Für andere war Blackviolet der Fotzenbart mit dem abstoßenden SM-Vokabular. Gegenüber den Verwertern der Bewusstseinsindustrie bestand Blackviolet auf Street Credibility. Das war natürlich lustig gemeint. Eingeigelt in lauter mittelständige Herkunftsgewissheiten, räumte er die Tanzböden ab. John Travolta grüßte aus der Fieberkurve.

Blackviolet sah sich als Wegelagerer an den Strecken einer Frau, die ihn nur zu ihrer Beunruhigung zuließ. Ihre Reserve provozierte den Wunsch, die Festung zu schleifen. Blackviolet ging die Wände hoch. Er zerlegte meine Rückzugsräume. In einer Villa mit Blick auf Christiania spielte ich die Sachliche, wie sie aus ihren Schalen geschlagen wird. Unsere Gastgeber hatten die Trennung von Arbeit und Leben aufgehoben. Sie führten einen Club im Kollektiv und eskalierten in schwankenden Konstellationen. Abwechselnd lagen sie sich in den Haaren. Gegen jeden Vorwurf versicherten sie sich mit hedonistischer Offenheit, das gestattete ein hartes Vorgehen. Ihren Sicherheitsdienst setzten sie wie ein Rollkommando ein. An der Clubpforte arbeiteten Frauen in Mangakostümen. Sie unterhielten eine Kampfschule, in der sie auch Theater spielten.

Die Unternehmerinnen beschäftigten einen deutschen Knecht. Steffen verkörperte die Suse mit markantem Kinn und diente zugleich einem unverkrampften Element als Ärmelschoner. Er changierte zwischen Schnorrer und Heiler. Ihm zur Hand ging das Faktotum Würm. Es glich einem mutierten Salamander im Damenstrumpf. Würm bebte vor Ergebenheit und sinistrer Schläue. Er ernährte sich von Schleim, den das Kollektiv für ihn extra in Vorrat hielt. Den kriegte sonst keiner, er wäre anderenfalls tot umgefallen.

Ein El-Hedi-ben-Salem-Verschnitt hatte Kinder von zwei Frauen, die in der Kommune lebten, obwohl er schwul war. Er spielte den Hahn im Korb. Die Kommunardinnen sahen ihm einen männlichen Lebensstil nach. Sie mästeten ihn. Vollversammlungen begossen sie mit ruinösen Mengen Bier. Sie wollten Blackviolet für ihre Lebensgemeinschaft gewinnen und waren bereit, mich in Kauf zu nehmen. Für uns ging die Party aber in Sankt Petersburg weiter. Eine im Tischtanzmilieu abgestorbene Artistin namens Deschanel gehörte zur Reisegruppe. Ich begriff nicht immer, wie Blackviolet zu seinen Leuten kam und was sie sollten. Deschanel erschien wie Amy als Wanderhure im Weinhaus. Sie neigte zu sprachlichen Notdurftverrichtungen.

Nostalgie verdunstete in Russland auf jedem Heimweg. Vom Stolz verhaftet, erwarteten die Raver das Urteil der Zeit. Über HIV redete sie wie über einen Schnupfen. Die Folgen einer Heroinsucht waren bis eben unbekannt geblieben. Es hatte keine Vorwarnung gegeben. Die Stadien der Verwandlung in einen lebenden Leichnam beschrieben manche mit selbstironischer Schadenfreude. Sie nannten sich Überlebende der Generation Perestroika. Überlebende in Anführungszeichen.

Allgemein herrschte das Faustrecht. Die Unterworfenen duckten sich vor den anderen, die lungernd und lauernd Treppenaufgänge besetzt hielten. Der Petersburger Film hatte schicke Stellen, Tanzeinlagen zu Freude schöner Götterfunken in geschwärztem Eisblau. Unser Gewährsmann hieß Jurjew. Der Germanist schmachtete mich an, er war auf der Suche nach dem Feuer und der Stille bei Schiller. Er erzählte von Rotarmisten, die mit dem Ruf „Für Luise“ ins Trommelfeuer der weißen Garden gerannt waren. Aus allem machte Jurjew kleine Erzählungen. Er tuschte mehr als er pinselte, und es kann schon sein, dass ich es interessant fand, wenn Jurjew mir die Bedeutung von „Kabale und Liebe“ für die sowjetischen Revolutionäre vor Augen führte. Mit Blackviolets Fürstenfaust im Nacken und der eigenen laschen Patschhand in der Tasche, kam er dann doch nicht viel weiter. Zu sehr blieb er Kujonierter, geboren im falschen Bett.

Blackviolet liebte mich noch aus vollem Hals, es gab ein Wir (ohne Deschanel) im Kosovo. Das Leben am Ibar schien in Rohbauten steckengeblieben zu sein. Es glich einer Arbeit, die nicht zu Ende gebracht worden war. Entweder waren die Häuser alt und fertig oder neu und unfertig. Die Maurer hatte der Krieg gefressen. Nachts bombardierte die Nato mit Uranmunition.
Die Kinder spielten mit strahlendem Abfall, die Nato dementierte. Auf der einen Seite der Ibar patrouillierte die Befreiungsarmee des Kosovo, auf der anderen Seite standen Serben im Dienst der jugoslawischen Streitkräfte. Darkwhisper Messen fanden in einer Ruine statt, die Eingeweihten nannten sich Dabbawalas. Das ist ein indisches Wort für Leute, die mit Kochgeschirren Wolkenkratzer bauen. Das Wir hielt in Kalifornien, wo ein Clubbesitzer der Acid-Ära Anschluss an die Gegenwart gefunden hatte. Sein Beatschuppen war vierzig Jahre eine dümpelnde Angelegenheit gewesen. Dann hatte ihn die Darkwhisper-Welle mitgenommen in die Erfolgszone, wo eine Umdeutungsautomatik gestartet wurde.

Alle und alles klimperten wie Zündschlüssel am Garagenbrett in einem Windstoß vergangener Zeiten. Wir wohnten in einem Hotel wie es auch für die Nationalmannschaft eines sportlich unbedeutenden Landes für gemeinschaftlich begangene innere Einkehr in Betracht gekommen käme. Ein paar Dinge verbreiteten den Charme von Pensionen an der Schwelle zu Jugendherbergen. Willfährig trabte ich über einen Parcours von Verboten und Gewährleistungen. Das erschien selbstverständlich. Ich war auf Probe und zur Bewährung Geliebte. Die näheren Umstände verkarsteten zwischen Kommunion und erotischem Frost. Alle Freiheitsversprechen verrieten ihre Konfektionsgrößen. War alles nur von der Stange und wäre als Maßarbeit eine noch größere Lüge gewesen.

So sprach ich mir zu. Ich machte meine Zeitung mit der Schlagzeile auf: Enthusiastin täuscht Gefühllosen mit lauen Kältedarstellungen. Trotzdem hätten die meisten Darkwhisperinnen sofort mit mir getauscht.
Das kalifornische Chapter hatte eine steile Hierarchie.

Hausgemeinschaften trieben Stämme aus und verharkten sich im Streit. Nur ganz oben konnte man alles unter sich lassen. Da residierte ein pensionierter Paradepenis des Golden Age of Porn, der erst nach seiner Filmkarriere in einer Kleinanlegerstelle als Pennystocker reich geworden war. Den Aberwitz bemäntelte Mr Beeler, genannt Uncle Bee, mit einem Wort von R.D. Laing: Der Verzicht auf Ekstase ist ein Verrat an unseren wahren Möglichkeiten.
Blackviolet zitierte Laing. Er besang den Sommer im Herbst. Wer sich widersetzte, verschied räudig oder krepierte ein Leben lang. Es gab diesen Augenblick, da zeigten sich Blackviolet und Uncle Bee abgefeimt wie Sohn und Vater in einem Lamborghini. Umringt von mumifizierten Migranten, die aussahen, als hätte man sie direkt von den kambodschanischen Killing Fields eingeflogen.

Bildungsfernes Fernsehen reichte Uncle Bee. Seine Botschaften verbreitete er auf musealen Langspielplatten und in einfach gezeichneten Geschichten. Für Blackviolet schüttete er jederzeit und überall das Kumpelkissen auf, meinetwegen auch am Peso Pussy Tuesday in einem Maison Close der Dritten Welt.

Es war ganz einfach. Man wurde geboren, machte den Führerschein, erfand eine Religion, abonnierte Trainingseinheiten einer weltweit operierenden Fitness Company … und heiratete die Frau, mit der man in einer Hofreite irgendwo in Nordeuropa oder in der Schweiz Kinder aufziehen wollte. Voraussetzung für diese Variante war ein Grundkurs in Verschmelzungstechnik.

Blackviolet taute mich ab wie einen Kühlschrank, ich schmolz nicht richtig. Er gab sich alle Mühe. Bask in my glory, sagte Blackviolet in Berlin. Da gehörte ihm ein Club zur Hälfte. Er bereitete mich auf kultische Handlungen vor, bis ich das Sicherheitswort schrie und es peinlich wurde. Er verlangte, dass ich über meine Grenzen schriftlich nachdachte und in einem förmlichen Rahmen Selbstkritik übte. Das schaffte ich nicht. Ich tat ihm wohl leid. Jedenfalls ließ er mich nicht verenden. Er kümmerte sich um eine Wohnung, überwies Geld. Die Summe nannte meinen Wert in seinem Leben. Ich hatte mit weniger gerechnet. Am Abend der Übergabe aßen wir im Sonamu. Ein Anruf rief Blackviolet vor die Tür. Er blieb ewig weg. Als ich nachsah, lag er auf dem Bürgersteig. Keine Woche später starb er im Krankenhaus. Außer mir hat ihn keiner mehr besucht.

Ich feierte in kontinentalen Exzessgemeinschaften. Manche besetzten mich als hohe Witwe in ihren Räuschen. Ab und zu flog ich zu einem Rave auch auf eine Insel. Ich traf Steffen wieder, er schien seit Kopenhagen gewachsen zu sein. Er sah immer noch leidend aus, wie viele, die nicht die Tarife der offenen Visiere bezahlen können. Seine Erzählungen dynamisierenden Herkunfts- und Identitätssuchanfragen wie Erziehungsvorwürfe, die ein Vierzigjähriger im Damalsrausch seinen Eltern macht. Steffen lebte in einer Gemeinschaft, die dem geplatzten Traum vom Lebensraum im Osten als einer Großfantasie des Dritten Reichs nachtrauerte und ihren nationalsozialistischen Grundstock mit der Wolfsangel schmückte. Ich folgte ihm in eine national befreite Zone meiner alten Heimat. Nordischer Zinnober und Irminsul-Zauber hatten einen unscharfen Erkennungswert. Als Besucher auf den Volkshöfen war man nicht sicher vor Fehldeutungen. Die Betriebe unterschieden sich kaum von linken Selbstversorgern, übersah man Wandervogelchichi und Zopfkranzzüchtigkeit. Viele Subkulturen hatten Rechtsausleger, von den Grottenolmanbeter bis zur nordhessischen Erdheilungsbewegung. Wie Rot und Grün auf braunen Ideenhochzeiten zusammenspielten, erkannte ich in Steffens Gemeinschaft. Da wirtschafteten (verhaftet wirkende) Linke und (auftrumpfende) Rechte gemeinsam. Die Linken näherten sich ideologisch den Rechten, die früher selbst links gewesen waren. Die Eingemeindung erhöhte die Schlagkraft der Verbindung in alle Richtungen.

Steffen verlor mich an DJ Artaman. Nun kam mir einer mit Ackern auf deutscher Scholle als Kulturauftrag und Selbstverwirklichung. Auch das innere Gelände musste gerodet und mit Disziplin eingefriedet werden. Fortgeschrittene kontrollierten ihre Körpersprache im Geist von Bruce Lee. Sie stellten die Mimik ein und erschienen undurchdringlich. Artaman war der geborene Gruppenführer. Geschickt verbarg er eine Abweichung. Seine Schollenpersönlichkeit hatte Lücken. Er zog Traditionslinien zu den agrarromantischen Artamanen der Weimarer Republik, die 1934 gleichgeschaltet – und deren Besitzungen im alten Geist ab 1990 neu bezogen wurden.
Die ursprünglichen Artamanen betrieben eine sendungsstarke Ansiedlungspolitik und empfehlen sich uns so der Nachahmung. Das erklärte Artaman den Schwestern und Brüdern. Sie folgten der Idee rassischer Überlegenheit, die noch in einem kosmischen Stahlgewitter unter Beweis gestellt werden musste. Demokratie war Dreck. Alle waren hilfsbereit und paranoid, auch Gunda, eine im Abstiegskampf strapazierte Kebse des großen Artaman. Gunda störte mich nicht. Als Seherin und weise Frau war sie in die Gemeinschaft gekommen, hatte aber ihre Bedeutung rasch verloren. Ihr Weltuntergang hieß Überfremdung. Die Überfremdung rückte auf. Es gab eine extremfeministische Siedlungsbewegung. Ich rede von Netzwerkerinnen wie Ava Oyelowound, Ledisi Anibade und Nihan Jeménez, deren Gravitationen noch in Waren an der Müritz spürbar waren. Ihre Losung lautete: Raus aus den Städten, rein in die aufgegebenen Gebiete. Lasst uns Raum greifen, der nicht verteidigt wird. Die Fachwelt sprach von radikalen Raumgreifungen. Die Meisterinnen stießen auf den Widerstand völkischer Siedler, die nach dem selben Schema kolonisierten. Sie taten Gutes in strukturschwachen Gegenden. Sie brachten Geld, einen hohen Organisationsgrad und Formate lebbarer Gemeinschaftsverbindlichkeit mit. Öffentliche Einrichtungen wurden unterwandert, das kommunale Element zurückgedrängt oder umgebogen. Landsmannschaftliche Feststellungen konnten als transportable Light- und Folklore-Versionen nationalsozialistischer Verfestigungen faschistisches Treibgut (auch mit Erkennungsmelodiecharakter) austreten lassen, das sonst unter dem Kameradschaftsdeckel blieb. Ein Steckenpferd der Siedler war die Wiederbelebung alter Nutztierrassen. Darin einen Beitrag im Kampf um ein rassisch homogenes Deutschland zu erkennen, gelang nicht einfach. Tatsächlich gab es viele Möglichkeiten der gemeinsinnigen Verblendung von Absichten, die sich rassebewusst gegen Volksfremde richteten.

Artaman lobte meinen rassereinen Leib. So hatte ich mich nie betrachtet. Ich war es leid, dass einer, nur um eindrucksvoll zu erscheinen, für eine Bizarrie am Ende eines Seitenweges einen Kolossalprospekt errichtete. Ich brauchte so viel grotesken Humor, Selbstüberhebung und Airportair nicht mehr. Doch auch Artaman zeigte Ehrgeiz vor laufenden Kameras. Die Leuten taten, als würde er angebrütete Küken schlürfen, aber sie wollten ihn sehen. Später am Buffet wurde der Schulterschluss geübt. Schließlich trifft sich immer zwei Mal im Leben. Womöglich war Artaman doch der Informationsminister einer Untergrundpartei … einer neuen außerparlamentarischen Opposition, die in zehn Jahren die Regierung stellen würde.
Wer konnte das ausschließen? Artaman nahm jeden Unmut begeistert an. Belagert wie ein Star, diktierte er seine Ansagen. Manchmal entledigte er sich seiner üblichen Aufmachung und glitt in eine andere Rolle. In einem Gewand der Antideutschen traf Artaman bürgerlich getarnte Linksfaschisten in Pankow. Artaman bewunderte ihr Unterwanderungsgeschick. Sie hatten ihre Leute überall. Sie höhlten den Staat aus und verdienten dabei gut. Seine Verbindungen zu Frank Arno, Wanker Shitwood, Max Stimmenrausch Pfeifer, Max Holz und Massmurd E.Rer Harris schienen beinah familiär.
Der Nordosten Berlins überzieht eine jugendliche Endmoränenlandschaft voller Erlenlöcher und Kesselmoore mit verdichteter Unterschiedlichkeit. Wo man sie ließ, trat die kolonisierte Natur massiv auf. Nachts tobten die Antideutschen (zugleich standen sie der Multikultur feindlich gegenüber) im Schlosspark von Schönhausen. Ihre fiebrigen Texte taggten alle Flächen; Ineinssetzungen der Berliner Topografie mit moribunden Vergleichen und lyrischem Flausch trafen ins Schwarze. Max Pfeifer schrieb im Stimmenrausch:

was sich derzeit in der dt. hauptstadt zuträgt, ist ungeheuerlich.
… 
schlimmste zustände in sammellagern,
ähnlich denen von ghettos und isolationscamps der weltkriege
oder slumquartieren in den molochen von schwellenländern,
sind menschenunwürdig
und schaffen grundlage für abscheu auf allen seiten,
der jede, also auch unsere, multiethnische gesellschaft immer weiter auseinandertreibt.
die obstruktion der zuständigen institutionen, sprich arbeitsverweigerung,
sei es aus trägheit, geistesarmut, vorgeschobener finanzschwäche, berechnung oder rassismus,
ist an zynismus kaum zu übertreffen.
 
das sicherste zeichen für untergehende zivilisation ist mangel an solidarität.
… 
der rassismus in diesem land ist von oben angeheizt.
 
ja, wieder heiß heute…

Die Antideutschen maskierten ihren Rassismus als kapitalistischen Auswuchs. Die Rassisten verkauften sich als Rassismuskritiker. Sie sprachen sich frei in verdrehten Wendungen; jeder hatte einen Türken, der seine Toleranz beschwören konnte. Sie redeten von politischer Justiz und farceförmigen Prozessinszenierungen wie die Völkischen. Sie machten sich über Jack Wolfskin Fleecejackenträger lustig, obwohl feststand, dass sie selbst, die sie zum Beweis ihrer Originalität Fettstifte ins Zentrum seitenlanger Delirien rückten, im Wolffleece einmal ihre letzte Stunde schlagen hören würden. Sie hielten sich für sapiosexuell. Das kannte ich noch nicht. Max Pfeifer verehrte mich:

ich weiss nicht hinter welcher sauber verputzen Stallwand
oder goldig gepflegter Hortensie du dich versteckt hattest
gestern auf Bülowssiege
aber Deine eben erhaltenen Saetze
sprechen ganz parallel meinem Empfinden
alles saturierte Befindlichkeits Egomanie
nun weiss ich auch warum ich mich nicht fuer Georg Klein oder Ingo Schulz interessierte
einzig Karsten Krampitz 
ausserdem das set up
oben auf dem Huegel hinterm Gutshaus : die graefliche Familie unter Sonnenschirmen
unterhalb die Zuhoererschaft auf Bierbaenken
kaum war ich wieder vor meiner Haustuer wollte ich jeglichem Nicht deutschen Touristen um den Hals fallen 

Max Pfeifer war käsig angegangen. Schrammen erzählten wie in Runenschrift vom Alltag in einer failed area mit der Gewürznote Balkantrash. Da herrschte der Golem im Plural der lehmigen Erscheinungen.

Max Pfeifer schnitt mir die Cour wie ein Wassersüchtiger. Das war lächerlich. Artamans Zurückhaltung gab mir allerdings Rätsel auf. Sollte Artaman Spion der Stimmenrauscher und anderer antideutscher Mumienverbände sein?

1. März 2017

Hessenmeister

Generation Perestroika-Überlebende in kontinentalen Exzessgemeinschaften

Goya aber sitzt da (an Gretes Tresen) und denkt über einen leidenschaftlichen Freibeuter nach. Erst war Martin Frobisher Pirat im Kampf gegen die englische Krone, dann stellte er sich obsessiv in ihre Dienste. Die Krone trug eine Tochter des Blutsäufers Heinrich VIII. als Jungfrau auf dem Thron. Elisabeth I. (1533 – 1603) stammte aus einer vom Papst verurteilten Verbindung mit Anne Boleyn, während es eine römisch legitimierte Konkurrentin gab – Maria Stuart. Elisabeth zementierte ihre Macht nicht nur im Ausbau der Anglikanischen Gemeinschaft, diesem konfessionellen Trollhaus nach Heinrichs Plaisir. Sie nahm auch Verwandte gefangen, so wie sie selbst eine Gefangene von Verwandten gewesen war.

Vor Elisabeth stand Mary Grey (1545 – 1578) in der Thronfolge: als Großnichte des letzten Königs, Enkelin einer französischen Königin und Schwester der englischen Kurzzeitkönigin Jane Grey. Heimlich heiratete sie den unpassenden Thomas Keyes. Elisabeth fürchtete den Nachwuchs, deshalb ließ sie Mary festsetzen.

Auch für Mary gestattete sich Macht unabänderlich als eine Frage der Herkunft. Die von der Freiheit ab- und von der Natur kleingehaltene Anwärterin verbreitete den Irrsinn ihrer Zeit. Marys Korrespondenz spiegelt das Elisabethanische Gomorra. Wird man im Beat weggeschossener Beine, verdreckter Beischläfer, bekennender Päderasten und anderer Kloaken erst einmal vom Rhythmus der Pest und Pocken erfasst, dann flutscht die Lektüre wie auf einer Wendelrutsche im Spaßbad. Jede Lady ist eine Macbeth, wie sie durch die Tudorrose spricht. Das Zeitalter hält sich die Nase zu, um nicht von Flöhen zum Niesen gebracht zu werden. Wo das Blut fließt und die Ratte springt, da geht der Unterschied zwischen affektiv und affektiert gegen Null. Der Stuhlgang rülpst nach Mahlzeiten, die zu kalt, zu fett, zu opulent oder vergiftet auf die Tische kommen. Man spuckt auf Perser und rotzt in Hermelin. Schlechtes Wetter macht Epoche. Spanien scheitert 1588 bei dem Versuch, die Insel einzunehmen. Die Armada unterliegt dem englischen Wetter (und der britischen Flotte). Das spanische Desaster befördert England zur Großmacht. Britannia rule the waves … und was trinkst du so außer Ouzo? fragt Sprotte, die Unerwartete.

Andrzej Stasiuk entdeckt in seiner Marcopologie „Der Osten” das Echo einer von Absichten kaum beschwerten Expansion. Man eroberte, um die Pferde in Gang und die Männer in Form zu halten, ritt Fleisch unter dem Sattel mürbe, zerstörte, was den Weg verstellte, und stellte dann doch nur wieder eine Jurte zwischen rauchenden Ruinen auf. „Gleichgültige Blicke, reglose Gesichter. Genauso müssen die Mongolen vor siebenhundert Jahren ausgesehen haben, als sie von ihren Sätteln herab auf die vor Schreck erstarrten Bewohner der unterworfenen Gebiete blickten.”

Grete kommt nach den Eroberern. Sie ist Falke, Sturm und großer Gesang (ungefähr Rilke). Immer weiß sie genau, was sie will. Das löst Begehren aus. Das Begehren diffundiert. Grete erzählt, dass Winnie sie gestern Nacht darum gebeten hat, ihn als Toilette zu benutzen. „Das waren seine Worte“, betont sie. Bei ihren Gästen unterscheidet Grete zwischen Biebern, Lauchgemüse und Lappen. Ihre direkte Ansprache verstört die Sissys aller Geschlechter. Stammgäste schwören aber auf Grete und haben sie zur Umsatzkönigin gemacht. Nehmen wir das Klo. Es ist immer gut für zehn dunkle Weizen. An jedem Greteabend hat Winnie seine dreiunddreißig DM Minimum auf dem Deckel, und wenn Grete Zeit hat und gut aufgelegt ist, lässt sie ihn noch einmal für wenigstens die Hälfte seiner üblichen Zeche komischen Text aufsagen. Dabei steigert er sich.

„Ich kann dir jetzt schon sagen“, sagt Grete, während sie die federleicht aufgeschlagene Sprotte umarmt und Doktor Mansour zu verstehen gibt, dass er lästig wird, „demnächst will er, dass ich mir Schuhe mit hohen Absätzen zulege und ihm die Absätze, einen nach dem anderen, nach Feierabend behutsam ins Arschloch schiebe.“
Sie äußert sich so ohne Verachtung und Erstaunen.
Vieles liegt im Argen, aber der Anzug sitzt. Doktor Mansour nimmt Anlauf. Er prahlt mit seiner einzigen Veröffentlichung. Er bietet pompöse Formulierungen auf. In der Wüste seiner Kindheit wurde jede Regung einem gewalttätigen Gemeinschaftsdienst zugeführt. Nur für Ideale gab es einen Markt. Man hatte zu glühen. Doktor Mansour erlöste sich davon in Frankfurt, während Kommilitonen den bewaffneten Kampf gegen ihren Staat erwogen. In den besetzten Häusern des Westends nannte man ihn Kalaschnikoff. Er kannte sich schon mit Maschinenpistolen aus, als deutsche Studenten waffentechnisch noch in der Steinzeit lebten. Joschka Fischer ließ sich von ihm beraten. Später entdeckte Doktor Mansour die deutsche Pilsstubengemütlichkeit und stieg zum Ayatollah von Bornheim auf. Manche finden es lustig, den Saufbruder aus dem Morgenland Schweinebacke zu nennen. Das kommt für Goya nicht in Frage. Mit dieser zärtlichen Zuschreibung bedenkt er immer noch und ausschließlich einen Freund, der als Metzgersohn, über die Grundschulzeit hinaus, Fleisch unter seinen Fingernägeln verrotten ließ. Obwohl Frank Sinning nach Aas stank, hielt Goya jahrelang neben ihm aus. Goya aß sogar die Fettbomben des anderen. Frau Sinning hatte mit ausgewogener Ernährung nichts am Hut.

Erinnerst du dich an die echte Schweinebacke? fragt Goya seine Nachbarin, die einfach so erwartungsfroh im Schwarzburg Zweiundachtzig Schenkel breit sitzt. Viel zu schön für den Laden, findet sie Goya. Sprotte lässt sich zu Wasduwillst einladen, sie will außerdem noch in diese Galerie, die an sich …
„Kommste mit?”

Beamte richten ihre Schienbeinschützer mit der Konzentration von Spielern, die sich auf ein Match vorbereiten. Ihre Gegenspieler erscheinen nicht weniger uniformiert auf der Bornemann Avenue. Sprotte trägt ihren Tiroler Strohhut durch einen schwarzen Block, sie täuscht Sorglosigkeit vor. Die Politpunks gehen sie nichts an. Wo ist jetzt noch mal die Galerie? Nasenschleim sagte doch, man müsse lediglich …
Die Galerie ist im richtigen Leben ein Geschäft für gehobene Alltagsgegenstände in einem seit Jahren eingerüsteten Haus. Das Haus wirkt betrübt wie ein Eckensteher. Alle haben es schon einmal erst einmal nicht gefunden. Goya geht an allen vorbei auf die Bilder zu. Von Kontakten zu Kunstleuten verspricht er sich gar nichts. („Beliebige Rekombinationen fieberhafter prekärer Aktivität haben das politische Bewusstsein verdrängt.” Franco Berardi)
Sollte die Evolution den Rückwärtsgang eingelegt haben? Der Künstler spielt mit seiner Tochter, außer Goya schaut sich kein Mensch Bilder an. Sprotte unterhält sich mit hageren, truthahnigen, halsstarrigen Wochenmarktfetischisten. Der Faltenwurf der Haut passt zum verknitterten Leinen.
Jemand setzt nackte Füße als Instrumente des Terrors in Flipflops ein. Die Lust am stillen Krawall, Sprotte kennt Gründe, um zu bleiben. Goya verhehlt sich eine Sehnsucht, bis er im Gernegroß am Tresen steht und sich vorkommt wie ein Beschenkter, weil Tanja für ihn die Seemannsmischung zubereitet. Die Mischung wird als ganzjähriges Wintergetränk geführt. Goya erinnert Tag und Stunde seiner Initiation. Doch ist das Geheimnis der Mischung bei ihm nicht gut aufgehoben.
Tanja schlägt Kronbergerkuchen aus dem Papier, Goya wettet mit sich, wem sie zuerst ein Stück anbietet, vor den Fenstern streitet Winnie mit der Finsternis. Fürst Igor verwandelt die Burggaststätte in eine Hehlerhöhle. Er verhökert Restposten aus Haushaltsauflösungen. Haushaltsauflösung ist sein Wort für Einbruch und Diebstahl.
„Ist doch egal“, munkelt Nasenschweiß. Er hat Groupies, das sind abgekämpfte Frauen mit starken Gebissen. Im Augenblick sind Margarete Berg und Silli Wokosky am Start. Silli berichtet vom letzten Handstand im Katzenklo, sie wollte mit Urin einen Hirnbrand löschen. Sie ist schon aus einigen Wohngemeinschaften geflogen, wegen exorbitanter Aktionen und sozialunverträglicher Stunts.

Silli trägt eine kunstvoll gekniffene Gemüsetüte auf modischer Halbglatze. Goya sah sie als Tulla Pokriefke in einer Inszenierung an der Ernst-Busch-Schauspielschülerbühne. Das war eine Sache im Marinestil, die als Danziger Seestück haften blieb und manchen Pastiche nach sich zog. Jede Zeile aus dem Leben gegriffen. Fern der Geschichtsbücher aufgeschnappt und abgeschrieben vom doppeltbegabten Halbbruder.
Szenen, die sich einprägen, da sie nicht explizit sind. Goya hält Silli für eine mit frauenspezifischen Methoden verdeckt operierende Arnofrankistin. (Arnofrankisten aka Fränkische Arnoiten bilden eine Abteilung der Maxfartwood & Arthur Harris-Antideutschenallianz.) Genauso gut könnte Silli eine Stimmenrauscherin der 2. Generation sein. Ziehtochter von Max Pfeifer, dem allmählich die Luft ausgeht. Der Gründungsopa des linksrassistischen Zirkels lahmt im Freizeitstress. Siehe den letzten Erguss:

„das hatte ich mir so nicht gewünscht. das läßt sich auch nicht schönertrinken. seit stunden pladdert der regen aufs zeltdach. draußen hängt die wäsche tropfnaß und ich hab kaum noch trockenes. es ist hell geworden, meint tageslicht an einem sechsten september morgens vor acht. ein sonntag und alles halb so schlimm, wäre nicht abreisetag. gestern schon bin ich auf dem rad durchgeschwitzt und später unterwegs von eiskaltem dauerschauer durchtränkt worden. ich konnte es sportlich nehmen, hinterher heiß duschen, in der abendsonne zurückradeln zum platz an der peenemündung und mit dem genuß von ein paar flaschen export den tag glücklich ausklingen lassen.
jetzt steht das frühstück vor mir. schrippe, hartgekochtes ei, ein aufgeklaubter apfel, ein becher schleckerschnee, ‘n rest orangensaft und elfentrank von capri-sonne, basentabletten, salz. vielleicht zur abrundung und stärkung noch ein röhrchen l-carnitin… ich werde es mir munden lassen und auf besseres wetter warten. andere camper starten ihr auto zum brötchenholen.
na denn, vor dem zelt steht auch noch eine fast halbvolle flasche federweißer. hätte ihm gern mehr zeit oder wärme zum gären gelassen. mein luxus ist die serviette. die frucht ist wurmstichig wie die vorigen, aber ich bin geübt im ausschneiden. das brötchen ist feucht und zieht sich nach dem auseinanderreißen wieder zusammen wie ein vergehender embryo. es schmeckt, mit salz das leckerei und der herzhaft-süße apfel wie vom paradiesbaum, so nur aus einem garten oder von der straße, nie je in einem flachpreismarkt. von dem zur zitronen-mousse. ich werde sie mit dem messer löffeln müssen. umwerfend. kühl und köstlich wie das letzte gletschereis, dabei gelb wie das papiertuch, der o-saft und das zeltplanengefilterte licht. bei der vorstellung wird es gleich heller. bleibt der von künstlichen inhaltsstoffen freie, dabei irrwitzig kitschig aufgemachte, kindertrank aus dem sportler-care-paket und macht mich hoffen, elfen seien mit feen verschwistert und ich bekäme einen wunsch frei. ich wüßte nicht, ob ich mir einen der beiden hübschen laufhasen von gestern oder gleich die capri-sonne herbeiwünschen sollte. am besten aber beide und beides. ich verschiebe den alukelch auf später und bemerke, daß der wind weiter auffrischt und der regen dabei nachgelassen hat. also beschließe ich, mich der morgentoilette zuzuwenden und nach dem hinaustreten ein schlückchen most zu verkosten. eine heftige böe rüttelt am tuch wie neptun persönlich und in geringer höhe überfliegen uns schreiend hunderte gänse. ich reiße das zelt auf, der himmel ist hoch, wolkig mit blau. die farben des meeres, kühl und frisch wie der wein und mein neuer mut.
ja, schnee von gestern, die wirklichkeit der stadt holt mich ein wie die drahtzaunumfriedete lagermentalität der verkorksten euroeuropäer…”

Wochen ohne Streit, Wochen, in denen Paulas Persönlichkeitskernschmelze zu stocken scheint. Paula tropft vor Dankbarkeit, sie spricht laut zu sich. Sie will als Kind gesehen werden, schnell beleidigt und beschämt. Stella gewährt ihr die Neutralität einer Wärterin von Wesen ohne Verstand. Gibt sie sich dazu her, Paulas unglückliche Beine zu strecken, darf sich kein Nachteil ergeben. Goya führt die Familie zusammen, er holt Bruno an den Strand, Khan überlässt der armen Irren und ihrem Hagen den Tisch, an dem er seine Freunde frei hält. Das Kind möchte mit der Mutter vernünftig reden, Paula sperrt sich. Goya findet das nicht schlimm, die Boule-Eltern in der Hallgartenstraße halten Bruno gerade. Gero fährt mit seinem Transporter vor, auf der Ladefläche Wurst für die schwarze Hand. Er sieht die Bescherung und legt den Rückwärtsgang ein. Das Getriebe kracht. Kurt kommt aus seinem Wagen: „Was war das denn?“
Alles halb so wild. Es wird nichts so heiß. Stella erscheint, halbwegs schon in Ausübung von Rechten und auf dem Solosprung zu einem Rave, Goya möchte gar nicht wissen, wen oder was sie erlebt hat auf ihren Butterfahrten für Brandenburger Halsbandfetischisten. Vampirismus, Vulkanismus, Vulva-Okkultismus – die Magie der Möse, Feldenkrais, Tantra-Yoga. Schwarzer Lippenstift. Stella wartet vor roten Ampeln wie eine ABC-Schützin. Sie kann dramatisch und ungehalten in Sorge sein. Die Sorge erlebt Goya noch als Anspruch ohne Berechtigung.
Kurt guckt interessiert, dem Goya sein unverschämtes Frauenschwein gibt Rätsel auf. Der König hatte auch mal eine mit Halsband, sie kam dem Viertel abhanden und wurde schließlich hinter dem Bahnhof gefunden.
An allem selbst schuld ist jede sowieso. Goya gibt den Mann im Mond. Ihm geht die durchtriebene Harmlosigkeit eines Jungen durch den Kopf, der mit ihm denselben Schulweg hatte. Des Mitläufers Vater baute Joints zum Feierabend und begab sich auf einen Ho-chi-minh-Pfad im Wohnzimmer. Die Mutter schwebte (Kräuter) züchtend und (Beeren) zupfend durchs Leben. Der Sohn fühlte sich von der elterlichen Egomanie ausgestrichen, er verpflichtete sich und wurde Fallschirmjäger.
Wayne kreuzt auf, mit seiner aufgepappten, leicht abzunehmenden Gesellschaftsfähigkeit. Er drängt zwischen Paula und Stella und quirlt wie eine Teigknetmaschine, ohne Anstoss zu erregen.

Generation Perestroika-Überlebende in kontinentalen Exzessgemeinschaften

Ein Mann, den nicht erst das Alter bedächtig gemacht hat, bemerkt Stella am Boden. Er offeriert der Gefallenen seine Gebrechlichkeit als Stütze und seine Wohnung als Asyl. Da erzählt sie ihm ihr Leben.
Ich komme richtig vom ostdeutschen Finsterwalde her, alle Hinterweltklischees treffen zu. Der zum Halbbürger degenerierte Landarbeiter fährt im Ressentiment aus dem Triebstau und auch wieder hinein. Sein Hitlergruß ist eine Currywurstigkeit. Mir war die DDR egal, daran hat die Wende nichts geändert. Gleich nach der Ausbildung bin ich mit einem Faschingsdom auf Durchreise nach Berlin abgehauen. Die Affäre schleppte sich durch einen Sommer. Im Herbst verliebte ich mich in den Bloodhammertranceact Knife Nymoman. Er sammelte Fahrpläne. Man konnte in seiner Gegenwart nicht in sich gekehrt sein. Nymoman stärkte den beliebigsten Gemeinschaftssinn. Er kriegte Fremde dazu, ihn von ihren Tellern essen zu lassen. Seine Aufgeschlossenheit war ein Einbruch.

Er nahm mich mit nach Paris. Jeder Augenblick war eine abschüssige Fläche. Kein Mensch schien sich da halten zu können, wo wir mehr oder weniger ohne Orientierung waren. Die Chefs blafften sogar Nymoman an. Ich war auf dem direkten Weg in die Gosse. „Die Mädchen“ wurden in Apartments konzentriert und saßen auf Abruf bereit. In manchem monologue intérieur geisterte eine kranke Großmutter als letzter Halt vor der Endstation Prostitution. Männer, die hohe Dosen Schmerz brauchten, vergewisserten sich bei mir, an der falschen Adresse zu sein. Ich ließ mich in Restaurants beleidigen, die Richtlinien für Aquarien folgten. Nymomans Interessenvertreter redete über weibliche Geschlechtsteile wie über Haushaltsgegenstände. Er schickte uns nach Bílý Potok ins Altvatergebirge. Die Stadt verlor ihre Form wie ein im Regen weich gewordener Karton. Das Leben war allgemein ein Schuss ins Dunkle. Nymoman legte in einem Club auf, der im Warschauer Pakt ein Sanatorium für Staatsfeinde gewesen war. Die Gefangenen mischten sich als Gespenster unter das Publikum. Die Leute heizten mit Wodka. Sie waren außer Kontrolle in stroboskopischer Genügsamkeit.

Die tschechische Episode würfelte zwei Dutzend Charaktere und ein Dutzend Straftaten auf den Tresen der Ereignisse. Sie knallte die Gesichter von Freundschaft und Verrat auf die Platte. Das Protokoll sah vor, dass gemeinsam getrunken und eingeworfen wurde im Einklang von scheißegal. Man brach Autos auf, ohne andauernde Aneignungsabsicht, und räumte jenseits der Grenze ohne Not Getränkeschuppen aus. Jeder ritt durch eine andere Art Sturm.

Das verstand ich, so buchstabierte sich der Osten. Nymoman spezialisierte sich auf seriellen Sex, ständig verschwand er mit wenigstens einer Anhängerin auf einem Klo oder sonst wohin. In der Zwischenzeit bemühte sich Darkwhisper Blackviolet um meine botanische Bildung mit Herbarium und Eschenkult. In der nordischen Mythologie steht die Esche für den Kosmos.

Der Schwede lud mich nach Tiflis ein, wo man ihn im kleinen Kreis verehrte. Georgisch klingt wie ein Mix aus Türkisch und Persisch. Ich erwartete Moscheen zu sehen. So einfach ist das, wenn man nichts weiß. So automatisch laufen die Erwartungen der Ahnungslosigkeit hinterher. Georgien hat eine orthodoxe Prägung. Blackviolets Verehrer waren dreißigjährige Christen, die bei ihren Eltern lebten und ihre Zurückhaltung nie ablegten. Sie trafen Frauen oder Männer am Bahnhof und gingen mit Fremden ins Hotel, um sich schweigend bekannt zu machen. Nichts brach sie vom Sockel ihrer Lethargie. Alle verbrachten viel Zeit am Schwarzen Meer, manchmal war es am Strand so regnerisch, dass sich eine offenbar von Freiluftgier gelenkte Gesellschaft unter einer Plane einrichtete. Obwohl ein Restaurant gleich daneben geöffnet war. Das sah nach bewußtem Leben aus, blieb aber unverständlich.

Blackviolet übernahm Kopenhagen, seine Popularität verschaffte ihm überall freien Eintritt. Das erregte mich. Es ging darum, ohne Rücksicht auf fremde Verluste leicht zu leben. Ich trug Sachen, die Blackviolet gefielen. Bei Gelegenheit nannte ich ihn Meister, auch Meister Ole oder einfach nur Ole, wenn ich karamellisierte Rüben servierte, entzückt von der getunten Androgynität meines Geliebten. Auf Anruf war ich ein Trauerspiel; eine Lasur, die eine langweilige Untermalung unerwartet zum Leuchten bringt. Das hölzerne Destillat einer Pornopoesie.

22. Februar 2017

Hessenmeister

Narziss Sokatscheff spielt Maxfartwood

Seit grauer Vorzeit verteilten dreihundert Familien unter sich alle hohen Ämter Roms. Der Senat war ihre Börse. Dort handelten sie aus, wer von ihnen auf der Senatsbank, wer auf dem Richterstuhl, wer auf dem Schlachtross, und wer nur auf dem Landgut sitzen sollte. Bertolt Brecht

Das Wesen jeder feudalen und aller bürgerlichen Ordnung ist Repräsentation. Nach Stuart Hall ergibt sich im 20. Jahrhundert „eine kulturelle Revolution mit dem Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation“. Brecht zeigt in die andere Richtung. In dem Fragment gebliebenen Roman „Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar“ analysiert er eine Karriere mit dem Besteck des historischen Materialismus. Brecht nimmt Caesar die heroischen Attribute. Die Plünderung von Völkern, der Sklavenhandel und die Korruption konstituieren die Macht des Tribuns. Brecht konstatiert Imperialismus ohne Zweifel (an seiner Rechtmäßigkeit).

Soll es schiefgehen, aber es muss was getan werden! A.S. Makarenko

Narziss Sokatscheff spielt Maxwood Dirtpigharris mit dem Flair des Weltmannes. Sokatscheff hat die Statur eines 00-Agenten. Er sieht aus wie der geborene Verächter von Götterspeise und Zitronenkäse. Das macht ihn zur perfekten Fehlbesetzung. Hannes Fleckenstein und Nafri Nasenschwein (als Kollaborateure kursieren sie unter dem Teambrand Hafri) amüsieren sich hochdosiert im Kampf gegen Stimmenrauscher und arnoitische Allmachtspinscher. Allmählich nehmen die narrativen Prisen überhand. Hannes schrieb das propethische Drehbuch zu „Berlin im Kreuzverhör“, er hatte schon mit „Stalins Comeback“ die Nase vorn. Maxwutzens Gegenspielerin ist die Stimmenrausch-Klassensprecherin Agnes. Valerie Constanze Hesselbach liefert sie in einer Mischung aus Gesinnungsmimose und Triebchaotin ab. Agnes ist sich weniger der Sache des antideutschen Linksrechtsradikalismus sicher als vielmehr ihrer selbst. Der Leute Schwächen lassen die Winkel am großen, bullös geschminken Rand zucken. Agnes zieht Register der Manipulation, doch kann man einem Schmutzwood von Sokatscheffs Dimensionen keinen Bären an die Backe tackern. Narziss M. führt allerdings die Stimmenrauschergilde hinters Licht. Er treibt seine Leute durch die Gasse ihrer halsstarrigen Rückgratlosigkeit, er plündert sie noch, da ist seine Frau (Nihan Jeménez) mit dem von Lumpen verkörpertem Nachwuchs bereits auf der Avenue nach Village Liberté sur … Maxfartwood besteht auf Führungsaussprache unter vier Augen, er überwältigt Agnes, erniedrigt sie zum Abschied delarös und macht per Anhalter die Biege. Eine Psychologin vom Roten Stern Pankow zwingt er zur Gefahrfahrt in ihrem Cabrio. Don Mistmann selbst spielt die invertierte Schönheit als erpresste Limone. Sie missachtet eine polizeiliche Ansage und schon ist sie mit von der Fluchtpartie. In der Zwischenzeit wird Agnes mit dem Verdacht der Fluchthilfe überzogen und von ihren Funktionen entbunden. Agnes versucht sich im finalen Tumult zu rechtfertigen. Die Stimmenrauscher beschließen ihre Hinrichtung. Sie stirbt für Maxwoods Verrat an einer Laterne.

Narziss Sokatscheff ist in aller Munde. Endlich hat das Gernegroß einen Star, doch keinen, der mit Frauen nach Hause geht. Die niedrigen Biester bleiben auf den Vorsprüngen ihrer Witterungen unangefochten. Wir drehen uns weiter im Kreis nicht idealer Paarungen. Gefickt wird, was da ist. Wer von wem sollte man als Frage nicht falsch verstehen und als Thema nicht komplizierter machen, als es ist. Die Erfahrung zeigt, irgendwann sind wieder zwei raus aus der Lotterie und leben monogam wie die Bisamratten am Sund der nordendlichen Saragossasee. Das ist dann genauso selbstverständlich wie vorher alles andere selbstverständlich war. Johnny kommt als Bräutigam mit einem Motorradreklamemädchen ins Gernegroß, zeigt den Gewinn vor und zieht weiter. Wer hat, dem wird gegeben. Das kann Nasenschweiß nicht auf sich sitzen lassen. Er ordnet eine Ausstellung mit Lieblingsgegenständen an. Toni verspricht eine Wasabierbsenbüchse der ersten Generation beizusteuern, Lila gefällt Nasenschweiß mit einem geklauten Kinosessel. Wieder ergreifen wir den Schopf einer Gelegenheit für Einfälle unter Niveau. Unter dem Pseudonym Promf. Gernemal vong Gernegroß beabsichtigt Nasenschweiß die Lieblingsgegenstände theoretisch zu verstauen.

„Die Bleiform einer professoralen Existenz in Deutschland ist stets mit Negativer Dialektik ausgegossen“, meldet Jeménez. Man kann sie nur bewundern. Gerade läuft „A Shot Of Love”, die Besserinformierten singen mit. So geht es nachts zu, während sich die einen den Anstrich des Gesellschaftlichen geben und die anderen darüber lachen. Die Neostalinistin Jeménez findet Fleckensteins Inszenierung zu lasch; sozialistischer Realismus (in Farbe) geht anders. Sie berichtet von indianischen Wolkenkratzern in der Prärie des achtzehnten Jahrhunderts und von Umweltkatastrophen in der Steinzeit. Sie beantwortet Fragen, die niemand gestellt hat. Goya findet die NKLL-Chefin zu räudig in ihrer Rolle als demokratisch eingespeistem Gesellschaftstroll. Er hat sich schon lange nicht mehr mit Jeménez so unterhalten, als hätten die Beiträge Bestand vor ihren inneren Gremien. Alle horchen in sich hinein, das führt zu der Frage, was die Wikinger in Amerika scheitern ließ.
Auf einmal ist da Rocko, er kam auf Djerba zur Welt. Nach seiner Familie heißt er so wie das Schwarze Meer auf Türkisch: Karadeniz. Auf wuchs er in Norden an der Mole. Eine ältere Stadt gibt es in ganz Ostfriesland nicht. Rocko beglückt Tanja mit der Wandervogelweise „Kein schöner Land in dieser Zeit“. Seine pantomimische Verätzung einer Schafbockschächtung taugt. Er macht sich über Emetophobie lustig, angeblich die neuste Krankheitsmode. Woher weiß er das? Rocko lässt der Ahnung Vortrieb zukommen, in Überbietungswettbewerben groß geworden zu sein.
„Man kriegt ja kaum noch eine untätowierte Frau “, behauptet er im Tonfall haarklein wie Dittsche. „Arschgeweihe sind das Übelste. Ich hatte mal eine Brasilianerin, bei der stand Made in Brasil original auf Steiß.“
Tanja nennt Rocko mien seuten Deern, er ist fünf Jahre jünger als sie und hat einen Tag nach ihr Geburtstag. Das heißt achtundvierzig Stunden Party und dann kommt die Verlängerung.

Social engineering setzt sich nicht durch. Wieder macht die Runde, was die schwarze Hand mit der Wurstzange kann. Der Park spannt den Nacken. Jedes Jahr zieht das Gernegroß in den Grüneburgpark und bespielt sechs Wochen die größte Wiese mit allem, was Hessen zu bieten hat. Der harte Personalkern hat „im ersten Park“ angefangen. Das war vor langer Zeit und ein bisschen wie im Paradies insofern, als dass alle noch gleich waren. Vorfreude war vorgestern. Heute drücken die vegetarischen Bedürfnisse des Nordends und seiner Mütter auf den Nerv der Lebenslust. Techniker Ibu echauffiert sich ohne Widerhall über das faschistische Gesundheitsgedöns der Mütter. Eine Sehnsucht nach Untergang und Verderben treibt ihr Wesen im bürgerlichen Lager. Türkische Obststände bieten „Fruits et Légumes“ an.
Kurt verrätselt sich ins Nachsichtige. Dies als Farce natürlich. Die Farce suggeriert vitalen Wahnsinn. Mancher sagte schon Jesus zu Kurt. Er holt jederzeit Schokokekse, Schmalzbrote und Spreewaldgurken aus Niederhessen für den hysterischen Rest.
„Die schwarze Hand muss sich bewegen, die hat Überaktivität.“
Wie nach einer Gipfelbesteigung auf Knien schafft sich Toni auf den Flügel. Eine letzte Tat könnte eben so stattfinden. Toni spielt Ray Charles auf der Suche nach den Tasten und singt dazu Monty Pythons I like Chinese: There´s nine hundred million of them in the world today./ You´d better learn to like them.
Wir wissen, warum sich Toni so aufspielt. Die ewige Apfelweinkönigin flüchtet in den Vordergrund, verfolgt von Kurt, von dem sie sich nach Jahrzehnten blinder Werbung gestern Nacht nun erkennen ließ. Quel malheur. Das hätte niemals passieren dürfen. Die Einzelheiten zirkulieren als Horrorfilm im Gebiet. Kurt, der Mohrendepp, von üblen Schlechtbabblern auch BastardIn Loretta genannt. Das arme Kind im Körper eines Stiers. Des Königs halbblütiger Halbbruder. Gut nur als Defender, überragend und nicht zu ersetzen allerdings im Kampf gegen Stimmenrauscher, arnoitische Dreckbatzen und das feministische Alarmkartell Kommando MargaBerg.

Schwamm drüber, denkt Goya im Stil eines Gebietsvorsitzenden. Es gibt so viele Bürgermeister im Nordend, Goya zählt keiner dazu. Er ist ein anderer Kurt, bloß um etliche Hesselbachgrade der schwarzen Hand über. Die Mamba mischt sich ein. Ihr schwebt ein Venedig-im-Winter-Seidenstrumpf-Fetischismus-Film mit Toni als Josephine Brodsky vor. Winter in Venedig klingt bei der Mamba wie Jim Beam in der Gondel. Sie hat aber auch an Toni einiges auszusetzen. „Was sie optisch zu bieten hat”, reicht gerade mal. Wo bleibt das Gardemaß und die haselbraun-mandelförmigen Augen der geheimnisvollen Eurasierin. Im Grunde sieht man von Toni nur Busen. Nasenschweiß widerspricht mit dem Unbehagen des Eunuchen. „Du kapierst das nicht“, kontert die Mamba eiskalt, „du bist definitiv kein Filmmensch, so leid es mir tut.“

Die Römer glaubten an das Genie in Jedermann. Es wurde ihnen in die Wiege gelegt und mit Honig und Keksen ernährt. Rocko (unser Mann für geschmeidige Lösungen) schaltet sich mit „rezentem Hingabehintern“ als Schlüsselreizwortkombination ein. Es liegt etwas in der Luft, Verrat sowieso, aber gleich schnappt einer über. Toni und Kurt erweitern als Paar (und sei es nur für eine Nacht) den Horizont der Zukurzgekommenen gewaltig. Die Konstellation lädt Burgmuränen zum Träumen ein.

Großes Künstleraufkommen nach Sendeschluss, das hatten wir lange nicht mehr. Um halbeins stecken Tanja und Friede noch in der Bewirtung. Cees Nooteboom reibt mit der Stiefelsohle das Überfällige eines Canapé in Flausch. Sieht man Nooteboom genau an, erkennt man einen alten Rocker. Spott lässt sein Gesicht aufspringen. Dreisprachig flippt er durch Gespräche, doch sein Blick sucht stets die texanische Sopranistin Eileen Dekker. Die Verhältnisse der Dekkers sind glänzend. Man tritt auf die Veranda, jemand macht eine Geste bis zum Horizont und beschreibt so Randphänomene des Dekker’schen Anwesens. Hermann Decker aka Herman Dekker (genannt Double Dutch in Verwechslung oder Gleichsetzung von Niederländisch und Deutsch) war Aktivist der absoluten Lone Star-Ära. Er gehörte zu den Kolonisten, die 1823 mit dem Missouri-Mann Stephen Fuller Austin San Felipe de Austín gründeten. Fragen Sie Stonewall Thunderbolt, er war dabei. Auch Jürgen Prochnow, Hans Liberg und Onkel Willi sind im Gernegroß, nach einem Abend in der Alten Oper. Ja, Onkel Willi, genannt der Eisenmann. Schmied von Beruf und tätig in dementer Rüstigkeit bis zum vierundachtzigsten Geburtstag. Mit bloßer Hand greift dir der Greis heute noch in die Glut. Er hat die Russen in Stalingrad und in der Gefangenschaft bezwungen, er kann nur geradeaus gehen. Zwei Kästen Diebels Alt kippt der Onkel quasi auf Ex. Als Legende gesellt er sich zum Kollegen Stonewall Thunderbolt. Stonewall Thunderbolt hat als Witwer die Muse, sich Eileen Dekker zu widmen. Was könnte der Unsterbliche ihr nicht alles erzählen von der Herzlichkeit und Treffsicherheit des vortrefflichen Ahnen.

Tanja bemerkt einen mexikanischen Schriftsteller im Exil. Sie hat ein Buch von ihm gelesen. Goya hört zum ersten Mal von Horacio Castellanos Moya. Die Späteinkehrer trinken aufs Haus, Tanja ist Hehdukannstema und Hastenichnoch, obwohl sie den Horacio Castellanos Moya gelesen hat. All die gemeinsamen Jahre (Friede) und Wochen (Tanja) sind wurscht. Goya hilft trotzdem. Die Einfalt füllt auf und trägt den Müll vor die Tür. Er überrascht seine Mutter mit dem Mexikaner im Burggarten. Er glaubt nicht, dass seine Eltern eine offene Ehe führen. Nasenschweiß glaubt nicht, dass Goya noch viel undichter werden kann. Er denkt mit Büchner: „Er hat die schönste Aberratio mentalis partialis, die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt. Er kriegt Zulage! Zweite Spezies: fixe Idee mit allgemein vernünftigem Zustand.“
Tückisch fragt er bei Gelegenheit: „Er tut noch alles wie sonst? Rasiert seinen König und ist ihm auch Donnerstags ein guter Freitag?“
Tanja kriegt die Gemeinheit mit. Goya als Woyzeck, während er sich doch als Spiderman in seinem eigenen Nordendroman kühn erlebt.
Paula putzt in einem Kleid ihrer Mutter, sie ist immer verkleidet und zugleich ihrer verschobenen Wahrnehmung angepasst. Stella bewundert ohne Begeisterung eine Vorrichtung für den Alltag ohne Wasser, das aus Hähnen fließt. Sie hört den Stundenschlag der Standuhr im Esszimmer. Der Esstisch stammt aus einem Haushalt der vorletzten Jahrhundertwende. Die Standuhr steht da wie ein Antikmarkt-Schnapp. Solche Märkte finden samstags auf Parkplätzen ländlicher Zentren statt.
Paula rastet am Küchentisch, vorhin sind ihr die Nachmieterinnen begegnet, ein Leben im Pulk, die Wohnung an sich zu klein. Die Neumieterinnen entwickeln Spiele, das man damit Geld verdienen kann, ist Paula neu. Sie machen die Nacht zum Tag im Treppenhaus. Sie veranstalten Pyjamapartys und tränken vergesellschaftete Topfgewächse mit Gin. Sie lassen Gläser auf der Treppe stehen. Sie baden nachts.
„Die können sich doch ganz was anderes leisten“, sagt Stella kleinlich. Ginge es nach ihr, müsste Paula den Walzer der Wohlfahrt tanzen. Sie streift Ohrenknist an einer Melonenschale ab. In Westpreußen bezeichnete man einen freien Bauern als Insassen. Das war der Stand ihrer Leute von der Zeit Friedrich des Großen bis in die Gründerzeit. Noch lebten Tiere mit Menschen zusammen, in den Küchen brüteten Gänse. Es gab triftige Gründe für solche Hausgemeinschaften, Küken mussten vor Mardern bewahrt werden. Die Kinder konnten sich vor Hähnen fürchten, das kann sich auch keiner mehr vorstellen. Mit dem Ertrag von Bienenvölkern ersparte man Ausbildungen.
Stellas Ahnen erlebten den Einmarsch polnischer Truppen zu Pferde. Deren Einquartierung in dem deutschen Nest ging glimpflich ab. Doch nach dem Krieg wurde die Familie ausgewiesen. Der Ast verzweigte sich.
Maybe this time/ I´ll be lucky/ Maybe this time/ I´ll stay, der Putzeimer gehört nicht auf die Anrichte. Wenigstens kümmert sich wieder jemand um den Garten. Goya versucht eine Erinnerung zu fassen, mit Paula und dem leiblichen Wayne (in einer Bomberjacke) im Bornheimer Bürgerhaus, die Grenze zum Ostend läuft durch die Arnsburger. Eine Hecke zog die Grenze, der letzte Heckenmeister hieß Wilhelm vom Südstern. Stella schiebt Paula in den Keller ab. Dem (hesselbachhistorisch interessanten) Küchentisch steht seine Einweihung als Schauplatz verspielter Unsinnigkeit noch bevor. Friede wäre gar nicht auf die Idee gekommen und Tanja hätte jederzeit ihr Taktgefühl davon abgehalten, den grenzgescheiten Museumsdiener in eine umfassende Partnerschaftspraxis zu locken. Stella kennt da keine Verwandten. Ihre Familie lief auseinander, so ist es wohl gewesen. Hugenotten hatten den Tabakanbau in Preußen populär gemacht, nun arbeiteten manche in der Prenzlauer Zigarrenfabrik. Sie schlossen sich der Deutschen Freischar an, die Jungen kampierten am Oberuckersee und an dem in Kieferwäldern wie vergessenen Küstrinchensee. Sie übernachteten in Wildscheunen des Grafen von Boitzenburg. Sie lernten den Protest von Sumpfvögeln kennen und nach Arten zu unterscheiden. Sie entdeckten Eichenpfähle und Brückenjoche im sandigen Grund des Oberuckersees. Das waren Bruchstücke einer unterseeischen Brücke, auf der sich bedrängte Ritter zu einer Burginsel hin in Sicherheit gebracht hatten.
In Mode waren Halswärmer aus Marderpelz. Man hielt Lachtauben, die an Sonn- und Feiertagen zum langen Ausschlafen unter Federbetten krochen. Man kletterte an den Mauern wüster Kirchen, die im Dreißigjährigen Krieg gelitten und seither keinem Gottesdienst mehr Raum geboten hatten. Stellas Urgroßvater kam mit der Reichsbahn nach Brandenburg an der Havel, in den erweiterten Nahverkehr von Berlin.
Auf einer Domäne starker Anfänge drehen sich Erwartungen im Kreis. Goya vermisst Metzgereien, in denen man mittags vorab Wurstsuppe bekam. Zu festen Fleischgerichten wurde Salat gereicht. Der Salat schwamm in Schmand. Jetzt hat man die Wahl zwischen dreißig Salaten ohne Schmand in den Filialen eines Moguls, der ganz klein am Oeder Weg angefangen hat. Goya weiß, wann die Straßenbahnschienen aus dem Oeder Weg gerissen wurden. Im Schwarzburg Zweiundachtzig stecken Männer ihre Köpfe über Bauplänen zusammen, Goya kassiert zu seinem Bier eine Breitseite der lächelnden Akzeptanz als Rendite. Grete schätzt den gutmütigen, vor Heimatliebe tropfenden Handlanger, der sich bei schweren Sachen vordrängt.

15. Februar 2017

Frei vom Druck sturer Selbsterhaltung

Misery makes strange bedfellows. Ursprünglich bedeutete Elend fern der Heimat zu sein. Bedenkt man die Etymologie, gewinnt die Shakespeare-Zeile Misery makes strange bedfellowsDas Elend schafft wunderliche Bettgenossen einen aufreizenden Wert. Die Elende legt sich zum Freitag des Königs.

Das Nordend war Wüste und tropischer Regenwald, es war Stammesgebiet der Mescalero Apachen, bevor sie nach Indien weiterzogen. Da wurden die Apachen Indianer. Man kann keinem Kontinent verbieten, sich zu verschieben. Immer wieder tut sich die Erde auf, um über lächerliche Kernschmelzen zu lästern. Was eine richtige Kernschmelze ist, das hat noch kein Mensch gesehen. Die Burg steht auf der Spitze von Frankfurt und im Zentrum der Ereignisse, die da genannt werden in der richtigen Reihenfolge Schnaps. Bis 1782 wohnte der Weltgeist ständig in der Burg, seitdem pendelt er zur Erweiterung seines Horizonts. Man wundert sich wohl, dass der Weltgeist Hesse ist.

Am Stammtisch geht es immer noch verdrehter und gerade um die Sonderstellung des „es“ in der Grammatik. Sprotte diskutiert mit Toni. Die beiden zählen sich auf sehr unterschiedliche Weise zur indigenen Bevölkerung. Sprotte findet daran nichts Besonderes, während Toni (Apfelweinkönigin auf Lebenszeit) sich für das Schmuckstück am Nabel der Welt hält. Für Toni ist Bornheim weit weg, das ist der Stadtteil auf der anderen Straßenseite. Ihr ständige Feststellung lautet: Du hast das Nordend nicht kapiert. Ihr Zuhause erhebt sich bourgeois über der Anlage des Gernegroß. Von der Warte ihrer Wohnzimmerperspektive erscheint das Imperium so geduckt und geflickt wie strohgedeckte Stallungen im achtzehnten Jahrhundert. Man sollte annehmen, dass alle schon bei Toni aus dem Fenster geguckt haben, aber so ist das nicht.
Im Nordend geboren und geblieben. „Geschöpfe der Gegend“ hat mal ein netter älterer Herr gesagt, als Toni und Sprotte Kinder waren. Er war auch ein bißchen aufdringlich, als ungebetener Spielplatzbesucher.
Der Stammtisch rückt geschlossen ab. Um den Sieg der Eintracht mit Präsenz im Waldstadion „herbeizuführen“. Fürst Fürchterlich und die Schichtsklaven bleiben in blickdichtem Drogennebel zurück. Das Klo verrührt Jogurt, Senf, Orangensaft, Tütenkraut, Essig, Zitrone und Öl zur Salatsoße. Es hat schon in so ziemlich jeder Frankfurter Kneipenküche gehaart. Der Cowboy fasst sinnlos Sachen an, guckt in Kühlschränke und sieht nichts. Man nennt das Klarschiffmachen.
Friede kreuzt auf, um für Nasenschweiß Brot zu schnorren. Sie erscheint wie knapp entronnen dem Schicksal einer heimlich trinkenden Lehrerin in einem totalitären Staat. Sie erinnert den Allwissenden (mich) an die Stummfilmschauspielerin Lara Soerensen, zu sehen nur in dem Film Sonderhuus. Da spielt sie eine Frau in unauffälligen Verhältnissen, eine Stadtrandfigur. Als doloses Werkzeug eines dämonischen Patriziers zieht sie das Begehren auf sich. Ihre vernichtende Aufgabe besteht darin, das Liebesempfinden der Simpel (in einem fantastisch-kleinstädtischen 18. Jahrhundert) so anzustacheln, dass sie den Verstand verlieren und Verbrechen begehen. Der Wahnsinn der Verehrer überrascht die Willenlose. An der Seite ihres diabolischen Galans wird sie Zeugin der Hinrichtungen.
Friede verletzt sich an der Schneidemaschine. (Alternativ: Friede ist zu blöd, Brot zu schneiden.) Die Pflastersuche zieht sich hin als willkommene Abwechslung. Im Gegenzug kommt Kaffee in die Küche. Lila bringt den Kaffee, ihre Zuneigung für alles Arme hebt die Verworfenen an. Das Klo fasst sein Glück nicht: eine nicht nur mit Abstrichen überwältigende Frau lächelt in seiner Gegenwart. Das wird vor den Toren unserer geschützten Werkstätten das letzte Mal vor zehn Jahren passiert sein. Vermutlich aus Versehen.

In der Schicht geht die Grüne Soße zu früh aus, um sie schon mit Anstand von der Karte nehmen zu können. Cowboy mischt die Zutaten in Schmier und Speichel, er arbeitet dem Klo zu: wie ewig in der Grundausbildung. Vor allem jedoch in ungleichgestelltem Unvermögen. Der Cowboy und das Klo haben beide keine Möglichkeit ausgelassen, einen verlorenen Posten anzusteuern und Fehler in Serie gehen zu lassen. Die Tageslichttauglichkeit kam ihnen schon abhanden, als im Grössenwahn noch der Flipper stand und Blutbad-Hans vis-à-vis im Veilchenhof seine Wirtschaft als grimmige Angelegenheit betrieb. Zweifellos ist die Burg Schauplatz ihrer letzten Bluffs. Ginge es gerecht zu, müsste jedes Mal ausgeknobelt werden, wer den Koch und wer den Küchenhelfer mimt. Doch entscheidet das entweder der König oder Finsterman Igor nach Gehör. Mit den heugabelförmigen Sauerkrauthebern könnten sich die Sklaven gegen ihre Herrschaft bewaffnen. Der Fleischwolf lauert auf seinem Platz. Ein Kartoffelsack steht gestaucht neben einem Sack voller Gemüsezwiebeln und einer Gurkentonne.
In Rio werden nachts Straßenkinder totgeschlagen, was manche Leute sich vormachen, das macht ihnen keiner nach. Erwarte kein Erbarmen. Tanja schwebt zwischen den Welten (der Gaststätte und dem Gernegroß), heute gehorcht sie Igor. Sie sieht nicht mehr so harsch aus wie eine dynastische Fleischerin, die nie die Wahl hatte. Igor versucht den Berufsstinker, der er ist, vor ihr zu verbergen. Seine Hände erpressen die Unterarme in unbewusstem Drangsal, er wurde mit einer Saugglocke an Land gezogen und kann sich genau erinnern.
Es ist doch alles falsch und gelogen. Igors Wohnung soll weitläufig genug für Skilanglauf sein. Über den Geländerlauf fährt ein Lift. Tanja darf ihn nicht benutzen. Sie muss Wasserkästen vor die Tür im dritten Stock tragen. Das ist natürlich Schikane, dient aber auch zur Sondierung finaler Verfügbarkeit.

Stella unterbricht einen Gebietsgang vor dem Glascontainer an der Eckenheimer Landstraße so, als müsste sie auf der Stelle niederkommen. Der Verbraucherehrgeiz junger Mütter, die aus dem Bio-Basic pulsen, als wäre der Tod abgeschafft, oder bloß ein abgeschmackter Einfall, zersetzt den Flüchtling und lädt den Ekel zum Nachtisch am Katzentisch ein. Stella ahnt die Last einer Atemnot in naher Zukunft. Ihr Vater konnte ein Lied davon singen. Sein Geröchel verätzte die Mutter. Er sagte Mutti zu seiner Frau. Vati wich vor Mutti zurück in die Grube.

Stella stolpert weiter: dem Obstfranzl direkt vor die Füße. Franzl hilft ihr auf als kein Unmensch. Er ist eine Verkörperung der lokalen Ordnung. Der Schlüsselbund am Gürtel zeigt das an, mit so vielen Schlüsseln und Haken wie für fünf Häuser vom Keller bis zum Dachboden. Trotzdem gibt Franzl keine Zitrone für Untereinemark ab. Es sei denn, es kommt der Richtige. Goya übernimmt die Erzieherin und führt sie in ein Wirtshaus seines Herzens. Er führt sie da ein, wo es zum Keller geht und zu den Lagerplätzen für die Putzmittel und den Tafelspitz. Aber für Cola light niemals. Noch nie ist im Schwarzburg Zweiundachtzig eine Flasche Cola light geduldet worden, wie Goya beschwörend hervor hebt.
Den Vortrag begreift er als social engineering. Goya beschließt, „social engineering” umgehend in Umlauf zu bringen. Das ist endlich ein Wort für alle, die im Gebiet Halt und Orientierung bieten. Erklär mal so einer ohne Wasserhäuschen sozialisierten Stella, die extrem spaßige Verkürzung einer Lichterkette zur Licherkette. Weiß die Ossi überhaupt, was Licher bedeutet? Entwicklungshilfeminister Goya-Tecumseh Hesselbach versucht es mit Badesalz: „Wenn einer Osama bin Laden mit einer Douglaseinkaufstüte sieht, stellt sich ihm doch unweigerlich die Frage nach einem Parfüm namens Explosion.“

Misery makes strange bedfellows. Ursprünglich bedeutete Elend fern der Heimat zu sein. Bedenkt man die Etymologie, gewinnt die Shakespeare-Zeile Misery makes strange bedfellows – Das Elend schafft wunderliche Bettgenossen einen aufreizenden Wert. Die Elende legt sich zum Freitag des Königs.

Stella gibt Goya ein verlorengegangenes Gefühl von Überlegenheit zurück. Dienstags schwimmt sie im Panoramabad, normalerweise mit einer Kollegin gemeinsam, aber heute lieber allein mit Goya. Sie schämt sich ein bisschen für das Wenige, das für sie Schwimmen ist. Stella hält nicht hinter dem Berg mit kleinen Abneigungen. Sie hatte was mit einem Kommandeur, der in Bananenrepubliken Polizisten ausbildete, für ein sagenhaftes Geld pro Quartal. Angeschossen seinerzeit in Honduras, zwei Meter lang und deshalb leicht zu treffen. Man nannte ihn The Rock.
Stella fängt ziemlich schnell auf Umwegen von ihren gescheiterten Verhältnissen als persönliches Versagen ohne Schuld an. Daher weht der Wind, denkt Goya. Er hat schon verstanden, dass nach Stellas Begriffen eine intime Bekanntschaft noch gar nicht stattgefunden. Vorhin das war bloß Sex gewesen. Kann jedem passieren, wenn es sich ergibt. Goya registriert gleichwohl den Wunsch nach Aufnahme im Himmelreich der anerkennenden Aufmerksamkeit.
Unterwegs sich noch mal überzeugen und vergewissern. Goya denkt an früher. Man duckte sich vor Grenzern, erleichterte sich im weiteren Verlauf mit Bemerkungen. Das Ziel war Fachwerk in der Zone, die Substanz selbstverständlich marode. Die Malaise hatte ein Onkel von Simon, die Großtante hatte es an der Schilddrüse und litt an Wasser in den Beinen. Ihre Tochter war eine Bluesschwester, jahrelang war Goya zu jung für Margots Interessen.
Die Familie astete jedes Mal auf die Wartburg. Margot verschleppte ihren Schritt, sie fiel mit Goya hinter den Älteren zurück. Ihre Stimme war ein Erzählreibeisen. Märchentante Margot hielt die DDR hoch, indem sie berauschende Errungenschaften ihres Freundeskreises feierte. Sie brachte sich mit Tablettencocktails auf Betriebstemperatur. Endlich war Goya alt genug, um die westdeutsche Drogen- und Terrorismusfront nach Informationen seiner Fantasie referieren zu können. Margot glich mit dramatischen Partyberichten aus. Sie gab ihren Neid auf Goyas Levi‘s nicht zu. Goya bot ihrem Neid Jacke wie Hose. Auch für ihn war die richtige Jeans eine Riesensache. Ein Kampfresultat. Ein Sieg über discountergenügsame Kapitalismuskritik. Eine Niederlage der Eltern im Kampf gegen den Markenschwachsinn.
Stets zur Sprache kam der BMW, der in Eisenach gebaut worden war. Dann stieg man wieder ins Erzgebirge der guten Stube. Den Holz- und Zinnsachen waren Sprüche eingeprägt: Luther spricht: Trink mäßig, aber regelmäßig. Die Männer bekakelten Familiengeschichte. Das waren Gespräche mit halblauten Ausläufern in die Politik. Margot zog Goya auf ein halbes Päckchen Bulgarienimport auf die Gasse. Sie fühlte sich gehetzt von der Absurdität, dass der kleine Frankfurter Scheißer einfach so auf einer Rückbank in den Westen rollen konnte.

Stella bittet Goya aufs Sofa, reicht Bier, hängt den Bikini auf.
„Willst du deine Badehose?“
Ist doch ne unverfängliche Frage soweit. Da kann man nicht meckern.
„Geht mich ja nüscht an.“
„Von mir aus“, sagt Goya und bietet einen Rucksack zum Auskramen. Stella greift gerade gern in fremde Sachen. Der Rucksack riecht nach verschwitztem Pfadfinder. Das macht nichts. Solange keine üble Unterhose gleich am Anfang.
Leichter Herzschmerz, mehr ein Seitenstechen. Schon seit Tagen. Sich auf jeden Fall deswegen keine Gedanken machen. Vor dem Haus rumort die Müllabfuhr. Früher kam die Müllabfuhr früher. Nicht allen Nachbarn ist es recht, dass man sie grüßt. Goya denkt über das Wort rücksichtslos nach, in Kombination mit angebracht.
Mit Musik die Stimmung heben. Gleich mal geguckt welch Geisteskind. Der CD-Ständer ist ordentlich bestückt. Selbst das Herumfahrende so dekorativ wie zur Dekoration.
Aus Lebenserfahrung klug, behält man Anwandlungen soweit für sich, dass sie dem anderen nur als eine Ahnung von Gemüt und Gefühlsvermögen begegnen. Goya orientiert sich in einem fremden Bad. Er reißt Schubladen auf. Immer wieder erhellend der Gegensatz von Außen & Innen. Die Innenwelt ist nicht polierbar. Eh bloß ein Betriebssystem mit Scheiße an den Flanschen. Der Wohnungsgeruch ist auf jeden Fall nicht unangenehm. Auf keinen Fall riecht es nach anderem Mann. Stammesgeschichtliche Wahrnehmungen, lautlos wie Indianer auf dem Kriegspfad. Die männliche Erregung als territoriale Maßnahme. Mit Stellas Befriedigung sich ihren Raum halbwegs schon erschlossen. Bei der nachträglichen Besprechung kommt heraus: Einmal hat es Stella mit einem Professor für Sozialarbeit versucht. Mit ihm war sie spätabends noch in der Burg. Bis dahin hatte sie Apfelwein gar nicht gekannt. In ihrer Jugend tat sie es gern im Auto, wenn der Typ danach war. Es ist kein Mensch was Besonderes, aber ein Auto kann besonders sein. Als Schlosser zum Beispiel leistete man sich das Auto als zusätzliche Bastelarbeit. Die Frisur mit Augenmaß. Born to be wild am Wochenende.

Ein Brummen weckt ihn. Goya begreift nicht gleich, dass sein Schädel brummt. So sehr klingt das Brummen nach Remisenflucht und dem anachronistischen Morgensfrüh in einem Speditionsbetrieb. Goya schwört Abstinenz für einen Monat und reduziert die Frist, in dem abergläubischen Bedürfnis, sich auf seine Vorsätze verlassen zu können. Stellas Arsch geht auf wie der Mond, am Ende fängt Stella von einer Großtante an, die ledig geblieben, jedoch nicht ohne Verhältnisse war. Vielleicht war sie eine heimliche Süfflerin, die bei Bedarf vor dem Postboten eine halbe Ohnmacht antäuschte. Der Bote könnte im Zweifelsfall auch die verlorenen Seelen aus den Inzuchtfamilien seines Zustellungsbezirks kuriert haben.

Die Kommandobrücke (das Burgbuffet) döst noch in Dunkelheit, die ersten Gäste fordern mehr Licht. Geräusche wie aus der Gruft. Tanja will schnell noch die Wäsche aus der Burgkellermaschine holen. (Sie muss nicht mehr in den Waschsalon, nach einem Beschluss des Königs.) Der Herr im Haus ruft im Nachmittagsschlaf nach seiner Mutter. Nasenschweiß ruft nach dem Cognac, den Hans Bornemann aus Spanien mitgebracht hat.
Tanja verschiebt die Wäsche. Wie schön sie nach der kupfergrünen Türklinke in einem Ramschraum der Kommandobrücke angelt, den Halfter schon am fliegenden Kopf. Guckt mal, wie sie zur Tür ohne Klinke trabt, die hinter dem Tisch namens Rolf, so benannt zur Erinnerung an einen, der an diesem Tisch verschied nach dem Verzehr von Brokkoli, der vorher schon dreimal zurückgegangen und deshalb vorübergehend eingefroren worden war, bis wieder einer da war, der Brokkoli richtig auf die Tafel schreiben konnte, wie an die Wand genagelt aussieht. Wie eine Attrappe oder Kunst sieht die Tür aus. Ist aber eine echte Tür.
Tanja setzt die Klinke ein, macht die Tür auf, weiß wo das Licht und die besten Flaschen und hat auch gehört von dem Gang, der von einem Gang abzweigt, wo noch ein Gang sein soll, der zum Veilchenhof führt und auch zu dem Eiskeller für die unchristlichen Messen und erdrosselten Miethaie. Das ist alles wahr. Und so wahr ich hier sitze als Gespenst, kommt Tanja mit dem Bornemann´schen Cognac zum heiligen Aschenbecher an den Stammtisch. Die Ereignisse torkeln einem Höhepunkt entgegen, der König fährt aus seinem Bett in den Himmel. Er schreit zum Vernehmen: „Das lassen wir uns von keinem bieten und schon allemal nicht von so einer Fruchtfliege wie dir auf meiner Maische.“
Tanja: „Der hat doch nicht mehr alle Flaschen im Keller.“
Nasenschweiß (intim): „Wer jetzt?“
Der beste Kuli schon wieder in der falschen Ecke. So kann ich nicht arbeiten, denkt Igorderschreckliche. Gestern war er auf dem Markt, so heruntergekommen bis zur Konstabler Wache. Halwer Frankfort uff de Baa.
Die Kühlung macht ihn froh mit ihrem Brummen. Er arbeitet in Schlappen und schlurft vorsätzlich. Er täuscht den alten Mann vor, ist aber elastisch wie ein Ninja.
Karaseks Hund sitzt auf dem hinteren Lattenrost und schlabbert sein Bier auch nicht unmanierlicher als Schmuddel zum Beispiel. Toni hat versucht, den Hund mit Jever Fun zu täuschen. Das gab eine Abmahnung wegen Tierquälerei.
Igor geht in der Burg spazieren. Auf seinen Wegen gehen ihm Gäste besser nicht auf den Geist mit Bestellungen.
„Was will ich denn mit Rippchenkraut?“ fragt er.
„Isch will Rippchenkraut“, barmt der Gast.
„Warum erzählst du mir das?
„Ich dachte.“
„Großer Fehler und ganz kleines Tennis“, sagt Igor. Er fühlt sich von der eigenen Verbindlichkeit abgestoßen.
In diesem Jahr fiel mehr Niederschlag als je seit Anbeginn der Messungen. Vor Florida soll es zu sexuellen Übergriffen von Delphinen auf Schwimmer gekommen sein. Was passiert als nächstes? Die bürgerliche Gesellschaft baut immer noch den Rahmen für jede Relevanz. Auf der Liste ihrer Ideale stehen Ingenieur und Künstler. Adorno in Abwandlung: „Die Gesellschaft empfindet die Kunst als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der künstlerische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Kunst … ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt.“
Davon ist auszugehen, da fängt jede Geschichte an, die auf einer Bühne endet, wie „Stimmenrauscher“ – eine Nasenschweiß/Fleckenstein-Produktion (mit Max-Pfeifer-Originalrassismus) im Gernegroß. Auf diesem Spielplatz kriegt Frankfurt seine akuten Formate verpasst, behauptete zuletzt ein Jubelperser der Frankfurter Rundschau. Egal. Die Rumpelwelt der Stimmenrauscher ist eine Reserve am Rand von Nirgendwo: Baracke, Plattenbau, Ghetto: wo die ganze Familie einsitzt, angeführt von Tim & Struppi aka Maxwood & Dirtyharry und der Auberginen-Agnes, die als Mutter Courage (Brecht) lispelnd unter die Räuber (Schiller) gefallen ist. Valerie Constanze Hesselbach assistiert und triumphiert, sie stellt fest: No fire in the pussy.

Stimmenrauscher Max Pfeifer:

vanishing… und dann verdampft!

die mission
oder wie der bürger mitgenommen wird der für seelen in not kerzen anzündet

von einem schlauchboot in seenot gerettete…
von unserer stolzen bundesmarine
das ist der sommerhit
ein schlauchboot
in seenot
gerettettet
an einem strang gezogen
in den sicheren hafen der ehre gelenlenkt
schiffe versensenkt
schlepper festgesetzt ätzt
besser wärs andersrum
sonst sind’s mehr schlepper die bleiben müssen als geflüchtete die dürfen
unter den leistungserschleichern diesmal keine balkanzigeuner
auch keine kurden armenier assyrer aramäer aus syrien
gerettet nur zahlende neger und ein paar schwarzfahrende berber
ina müller mit tocotronic singen den shanty dazu
hooray und auf gehts wieder
zum lebensmittelgutscheinball
schwager edeka reibt sich schon die hände
und der backpacker die augen
warum schwarze in deutschland
fahrscheine zum vorzugspreis anbieten können
den verwaltungsaufwand lassen wir uns doch was kosten
damit die schmarotzer nicht unser gutes bares in die finger kriegen
dann schon besser ein gediegenes deutsches nepperkonsortium zockt ab
das zahlt vielleicht steuern damit die brandflecken übertüncht werden können
Vielleicht

8. Februar 2017

wie heißt neger auf korrekt?

Die „toten warten auf der gegenschraege“ in einem Dunkel, „das uns blendet“, schreibt Müller zum Schluss. Er hat keine Handschrift mehr. Er kann nur noch mit einer Maschine schreiben: „Als Rechtshänder wäre ich älter geworden.“
Die Todesnähe entmachtet den Unterschied zwischen Tag und Nacht. Müller wehrt sich mit chemischen Keulen, doch wird der Tod Heimat („der tod wird heimat“). Das ganze Wissen und die Gabe, es zu bündeln, gehen dahin.
„Man tritt immer weiter aus der Bibliothek heraus und schreibt immer mehr in der eigenen Blindheit.“
Müller hielt sich ein Leben lang „mit Worten aus dem Abgrund“. Schließlich fing er an, die Stummen zu beneiden. Er sehnte das Schweigen herbei. Die in „Warten auf der Gegenschräge“ den nachgelassenen Gedichten folgenden Entwürfe erlauben es, davon eine letzte Weile abzusehen. Noch einmal zurück auf Los, wo Rimbauds „trunkene Schiffe“ mit Hoffnung in den Stauräumen vor den Azoren ankern. Müller meditiert über Shakespeare und Schiller, das Unfertige gibt sich in den Entwürfen, so wie der Druck sie zeigt, oft nicht zu erkennen. Das Eigentümliche bei Müller ist die Gleichzeitigkeit basaler, brachialer und artifizieller Muster, egal in welchem Stadium. In vielen Fällen scheint ihn die einfachste Melodie zu reizen, das Dichten auf einem Ton. Vielleicht hätte er jetzt dem Naheliegenden zwischen Ton und Thron Tribut gezollt oder zwischen Ton und Ton unterschieden. Ich glaube, dass Worte Müller ablenken und sonst wohin führen konnten, dass er von Brot auf Brecht wie vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen konnte, oder wie von Kot auf Not. Durch die Jahre variiert er lyrische Figuren aus einer Palette zwischen Gewalt (Klassenkampf), Gruben (Gräbern) und Beischlaf. Messer, Träume und maritimes Dekor kreuzen eine durchgehende phantasmagorische Spur, die von konkreten Mitteilungen unterlaufen wird.
Von Brecht lernt Müller positive Formulierungen für negative Aussagen. Er nimmt davon Abstand in einer Verdichtung der ersten großen Koalition in der Bundesrepublik als reaktionärer Veranstaltung: „Unter Kiesinger tänzelt Brandt / Für das gemeinsame Vaterland / Der Konzerne“. Wenn nach Strindberg das Theater „die Allgemeinplätze einer Epoche“ auf die Bühne bringt, dann bringt Müller Allgemeinplätze seiner Zeit auch in seiner nicht-dramatischen Produktion unter. Das verweist darauf, dass er in den Sechzigerjahren Gedichte als Vorformen von Stücken versteht. Müller dichtet sich in eine Elastizität hinein, die es ihm erlaubt, eine lapidare Darstellung wie „das Vaterland der Konzerne“ in Schwingung zu versetzen. Hier wäre nach jeder philologischen Taxierung die Lyrik nur ein Vorgeschmack der dramatischen Hauptsache. Müller lotet Agitprop-Chancen aus. Geht es um Agitprop, spielt Müller stets Brecht an, der sagt, Agitprop taugt nur dann, wenn sie töten darf.

Zu einem blind date ohne Reserve verabreden sich zwei auf einem Bahnsteig. Sie ist zwanzig Jahre jünger, das sieht nach einem Klassiker aus. Er weiß nichts von ihr, er könnte bloß Trittbrettfahrer eines Verlangens nach Verausgabung und abgefahrenen Konstellationen sein. „deine alten hände auf meiner haut“. Ihr Bild von ihm ist lebendig, sie reagiert auf seine Formulierungen mit Kinderwunsch und abschließenden Absichten, so heftig. Der Briefwechsel zeigt ihn ohne Anker, er fürchte sich vor einem Absterben an den Lagerfeuern bewährter Freundschaften. Das versteht sie.

Streng genommen ist das gar kein blind date. Zu viele Informationen sind vorab im Spiel. Die Spieler sagen trotzdem blind date dazu, ein blind date ohne Reserve, wie gesagt. Das heißt Sex nach Ankunft.

Im Zug kommen Tanja Zweifel. Der Mann auf dem Bahnsteig kann doch nur alles falsch machen, falsch gucken, das Falsche sagen und dazu hat sie ihn angestiftet. Da wartet ein abgebrannter Connoisseur, ein Typ wie der alte Max Frisch, nur ohne den Erfolg, die Entourage, das ganze Gewese. Der Bauch schiebt sich vor, Fett besetzt die guten Stellen, der Mann hustet und schuppt und dreht auf galant.

Sie kommt an, zum Glück ist es warm genug, um die Jacke auf den Arm zu nehmen.

„Hier bin ich.“

Es gab keine Fahrt zu einem Haus, das wie ein Tatort lesbar gewesen wäre. Der Mann hatte ein Zimmer in einem Bahnhofshotel gebucht. Er nannte sich Arthur Harris. Er hasste die Deutschen und hielt sich für einen Revolutionär. Es schien weiter nichts zu ihm zu gehören, keine Stadt, kein Horizont; der Bahnhof noch nicht mal Bebra und dreimal nicht world‘s end mit formidabler Böschung.

I don´t want to go back to war, sagt Tim an seinem letzten Abend vor Afghanistan in dem Irish Pub am Bahnhof. Tanja kostet ihn ein Getränk und das Zimmer, sie vermutet viele Laufhäuser in der Landschaft seines Lebens. Für Tim kann Tanja einfach ein Fick sein. Er klappt sie auf wie er es gelernt hat in seinem Amerika. Sie haben nichts gemeinsam, über diesen Tim könnte sich Tanja bei Bedarf noch nicht mal ärgern.

Sie verbirgt ihre Freude an dem unmittelbaren Körper. Tim reagiert auf Tanjas Räume wie ein Absolvent. Sie ist ein Abzählreim für ihn.

Ein singender Taxifahrer macht Tanja froh, das Auto riecht angenehm aggressiv. Jean trägt ein Hemd, das eben extra teuer gekauft wurde. Er ist auf der Durchreise hängengeblieben. Aus Versehen hat Tanja ihm Hoffnungen gemacht. Jean hat sich verirrt, Tanja kann ihm gar nicht sagen, wie falsch er ist in ihrem Leben. Sie ist nur mit ihm gegangen, weil Jean sie an einen Jungen von früher erinnert hat. Jetzt nicht mehr. Sie lotst Jean ins Schwarzburg Zweiundachtzig. Jean hat seinen Ehering abgelegt, er ist in dem Zustand der unhaltbaren Versprechen.

Was für ein Aufwand nur für Sex, denkt der Verlassene. Ihm wurde von höchster Stelle ein Film zugestellt, der König selbst fand es nötig, Goya letzte Zweifel ausräumen zu lassen. Das ist doch Paula noch ohne Geweih. Eine Funkenmariechenmaske verbirgt kaum die Stirn. Die Requisite beweist ein Trümmerfeld der Gleichgültigkeit. Das Technische und Räumliche beschränkt sich auf eine Kamera und das Zimmer – offensichtlich ein Hotelzimmer. Der Mann suggeriert Normalität. Er hat einen noch nicht lange trägen Mittelstandskörper. In der ersten Einstellung hört man nur das Kondom quietschen. Paula liegt schief, dem Anschein nach doch bequem. Von Dramaturgie und Inszenierung keine Spur. Stattdessen spielt eine Genügsamkeit mit, die zur Distinktion des Paares nicht passt. Paula trägt ein Unterhemd (unmöglich als erotisches Accessoire). Der Mann legt eine Brust frei und mangelt sie wie Hackfleisch mit Ei und nassem Brötchen. Er behält Paulas Zustimmung. Offenbar geschieht das Richtige. Zur Zufallspoesie zählt ein Moment, in dem die Kamera den Raum erfasst und wie von einem Ausflug ohne Eile und Auftrag zu Paula zurückkehrt. Sie prüft den Sitz der Maske, sie hat kein Lächeln für ihre Lage. Sie rückt sich auf einem Polsterhaufen zurecht. Die Kamera überfährt ihren Rücken, über keine Tätowierung flüchtend. Der Mann bringt sich in Stellung. Seine Art, sich zu bewegen, zeigt, dass man auch Porno lernen muss. Er sagt nur ein Wort. Move. Jedes Mal, wenn der Mann Move sagt, fängt Paulas Hintern wie ein Hase an zu hoppeln.

Das ist nicht Paula, Goya trifft sie im Hof. Sie wohnt jetzt wegen Mietschulden bei dem Funker in der Neuhofstraße, die Schwangerschaft hat sich in Luft aufgelöst. Sie entwickelt sich in der Verwaltung aller möglichen Mängel und spricht zum Gemüse mehr als früher. Zuletzt behauptete sie, einen Schwan am Strand gesehen zu haben. Die Erde kippt, riesige Gesteinswobbel sorgen im Bauch des Planeten für Unwucht. Tauben geben sich als Möwen aus, Paula ist zu Besuch bei ihren Pflanzen. Sie erzählt ihnen von einem Superstau. Endzeitliches spielt sich zu ihren Exzessgeschichten mit Sachsenhäuser Schauplätzen und den erfundenen Ausflügen bis weit hinter Lämmerspiel. Die Welt endet allgemein im Rodgau. An genauen Tagen endet die Welt in Bornheim.

Traktor kreuzt auf, Sprotte ist nicht zuhause. Der neuen Erzieherin fällt es schwer, Goya zu duzen. Diese Stella rangiert zwischen Stahlmimose und gymnastisch graduierter Pilatespersönlichkeit.

„Wo kommst du her?“

„Berlin.“

Goya hält die Auskunft für falsch, gewiss kommt Stella aus einem Dorf in Brandenburg, so klein, dass noch nicht mal der Bus hält. Eine Trauerweide breitet sich neben dem Unterstand für Fahrräder aus. Auch der Unterstand ist eine Gemeinschaftsproduktion. Der Isländer erscheint mit eingezogenem Kopf. Er ist so groß, dass er immer mit zu niedrigen Rahmen rechnen muss.

„Stink ich nur oder störe ich auch?“ fragt er. Er lernt immer noch Deutsch, nach zehn Jahren in Frankfurt. Am liebsten lernt er mutierte Sprichwörter.

„Heißt es richtig Schlechtbabbelei oder Schleichbabbelei?“ fragt er mit der Absicht, eine ordnungsgemäße Gesprächsrunde unter Nachbarn zu drehen.

„Geht beides und kommt darauf an“, antwortet Goya zuvorkommend. Es gab einen Fahrradmechaniker im Haus, sein Auszug war ein Verlust. Die Steuerberater hören Queen in Clublautstärke.

Paula macht sich wieder bemerkbar. Sie sucht einen Rahmen, in dem ihre Not klein erscheint. Sie lässt Goya mit der Ankündigung zurück, auf sein Angebot zurück zu kommen. Er hat ihr das Museum als Putzstelle angeboten. Zwei Stunden später steht sie mit Sack und Pack vor seiner Tür. Goya bringt sie im Keller unter, er rechnet noch mit Tanja. Der Keller ist angenehm kühl, er hat seine Vorteile. Wie andere Atlantis und Avalon halluzinierten, auf ihren Fahrrädern zu Kreuzzügen aufbrachen, in die Steinzeit zurückkehrten oder sich mit Vandalen einschifften, so erschuf das Kind Goya ein hessisches Rittertum von Weltgeltung im Geist der Bushi. Die Burg ersten Ranges steht im Zentrum des Kellergeschehens, Paula kennt die Anlage bis zur letzten Zinne. Sofort fängt sie an zu spielen. Sie pumuckelt, eine Vierzigjährige, die auf niedlich macht. Goya wehrt sich gegen die Zumutung. Er verschanzt sich, bleibt aber.

Goya zieht das Salatblatt aus dem Fischmeierweck, er isst vor der Tür und denkt an die alte Frau Fischmeier. Eine Kittelexistenz voller Zuspruch. Leben für andere. Warum? Lortzing schlappt an, bleibt stehen, während Goya isst. Beschwert sich, tratscht, trägt Bosheiten aus wie ein Bote. Versemmelt den Komparativ. Trotz großem Latinum. Ein Konditor mit Abitur, der Brot bäckt und es persönlich ausfährt. Zur Hand geht ihm der Stift seines Vaters. Peter hatte zwischendurch das Sporteck am Friedhof und einen Fuß in der Tür zum Milieu. Er schlug die harte Kelle des ungeprüften Bäckergesellen. Auf einer Flucht musste er den Main durchschwimmen. Nie Angst gehabt vor keinem nach eigenen Angaben. Wozu dann die Flucht? Das sind so Fragen. Peter erzählt jedem, dass er seine Frau täglich zur Brust nimmt, immer noch mit allen Schikanen nach zwanzig Jahren Ehe in seinem Eckenheimer Reich der Sinne. Goya kennt die Frau vom Sehen. Eine Zierliche, kurzhaarig, weil das ihren Typ nach einer Ansage von 1980 vorteilhaft unterstreicht. Unfassbar freundlich. Jederzeit bereit, ihrem Gegenüber eine Hand auf den Arm zu legen, so selbstbewusst und vertraulich. Die Frau ist gebildeter als Peter, der in ihrer Gegenwart nicht von seinen Holzschnitten lässt. Einer seiner Spezi betreibt die Fahrschule neben dem Fischmeier. Die Motorradfahrer halten steifnackig Abstand von anderen. Lortzing zieht weiter in seiner Adilettenpracht, dem kann keiner im Gebiet, Goya bemerkt die Tochter eines Agenturmagnaten im Kreis der Fahrschülerinnen. Eben noch Kind. Komm mir nicht so, weist er einen Gedanken zurück in den Untergrund der Fickgeschichten. Vis-à-vis ist der Waschsalon, die Leute davor sehen arm aus, aber he, da raucht Tanja. Goya geht zu ihr, unverfänglicher kann man sich nicht begegnen.

Tanja legt zusammen, in einem Riesentumult mit Hunden und Heroinabhängigen und Leuten, die das alles lieber ein bißchen geordneter hätten, sich aber nicht trauen, mehr als ihren Mißmut zu äußern. Alle Waschmaschinen sind belegt, in den Trocknertrommeln flattert die Privatsphäre. Goya denkt an Flucht und Vertreibung. Vorsichtig schiebt er hinter Tanja her durch die Menge ins Freie. Er will keinen direkten Kontakt mit den Altersarmen und diesen angehenden Landvermessern aus der Fachhochschule am Nibelungenplatz … nicht jetzt, so kurz bevor Tanja seinem Leben eine neue Richtung geben wird. Aber dann sitzen Tanja und er doch nur wieder im Feinstaub und telefonieren Leute herbei und von einem sinnlich gesteigerten Interesse an seiner Person bemerkt Goya nichts. Zum ersten Mal taucht ein Graslieferant mit seinem Namen in Tanjas Erzählungen auf. Er heißt Rocko wie Schamoni. Goya stellt ihn sich als Friesenjungen mit Wind im Haar vor.

Jemand ist im Suff durch eine Glastür gelaufen und hat sich die Kehle aufgeschnitten. Von einem Ohr zum anderen. Jemand schreibt Adyashadasgagangillhhafishauqkirangagarkar fehlerfrei auf eine Serviette, vielleicht als Gedächtnisübung. Jemand trinkt sein Kulmbacher Edelbräu nur kellerkalt. Jemand hat übermorgen Geburtstag und schmeißt schon mal eine Runde Hamburg Sauer vorab. Manche sagen auch WC-Ente zu Hamburg Sauer, der Cowboy wirbelt einen Kugelschreiber weich. Das Klo nennt ihn einen Blender. So hat Goya den alten Bornheim Crusader nie gesehen, jetzt klärt sich das in einer Blitzanalyse, Cowboy lenkt zu oft ein in seiner angeborenen Bequemlichkeit. Er ist ein Feigling, der Halsstarrigkeit höchstens vortäuscht. Das ist def. zu wenig im Wettbewerb der Lückenbüßer, Eckensteher und Hilfsarbeiter.

Vor dem Feinstaub, früher Nordpol, steht die Maschine eines Stimmenrauschrassisten. Er nennt sich Maxwood und finstert unter einer gestrickten Motorradhelmunterziehhaube durch das nordöstliche Grenzland. Die Haube hält er für Alberichs Zauberkappe, sie hat es in die Literatur geschafft und kommt vor in einem Falknerroman. Maxwoods Vater arbeitet auf dem Grünflächenamt. Er späht für seinen antideutschen, linksfaschistischen Sohn Leute aus, getarnt als Leinenführer. Maxwood ist der kleinste Mann im Konflikt der NKLL (Nordend-Kanakstar-Lauf-und-Lerngruppe) mit den Stimmenrauschern, er fährt die schwerste Maschine. Manchmal ist es so einfach, lang her, dass Tanja sich Hessisch beibringen ließ. Sie setzt T-Killa auf die Tafel im Gernegroß als neue Mitarbeiterin und Ersatz für die überall geschasste Paula. Don Mistmann steht ihr zu nah. Sein Atem treibt selbst den Wollmäusen Schweiß auf die Stirn. Die Wollmäuse erinnern an das schwere Schicksal der Putzfrau. Sollte man Tanja den Job anbieten, wird sie ihn annehmen. Die Burg im Ganzen erscheint mehr und mehr als ein Ort der Zuflucht und als Seelenasyl. Die Möbel auf der Bühne sind echter VEB-Schrott. Wahrscheinlich wurden in diesem Plunder schon einige Unternehmen in die Pleite geführt.

Tanja freut sich, Lila im Donnerstagsdienst zu sehen, sie ist überrascht. Donnerstags arbeitet sie mit Friede zusammen, die Einteilung hat Gegenwart und Ewigkeit seit vier Wochen. Tanja und Lila gönnen sich einen Stimmungsaufheller und stoßen mit den besten Espressotassen an. Die Tassen (zehn Mark das Stück) sind stolz auf eine Bodenstärke von achtkommafünf Millimeter.

Tanja legt Lila eine Pastille (Hustol Fruchtpastillen, Geschmacksrichtung Waldbeere) auf die Lippen, gegen die Fahne. Britta möchte auch probieren und außerdem eine mittlere Apfelschorle mit ausnahmsweise mehr Sprudel in einem Apfelweinglas. Lila richtet Kleinspeisen auf dem Tresen an. Ein Anruf unterbricht ihre Vorbereitungen, sie telefoniert in der Garderobe.

„Das war die Mamba“, berichtet sie besonnt. „Einen schönen Gruß soll ich ausrichten.“

Schöner Gruß. Tanja will gar nicht wissen, welche Gemeinheit hinter dem schönen Gruß steckt. Geraucht wird bis viertelvorsieben. Viertelvorsieben ist, wenn Nasenschweiß fertiggeraucht hat. Die Künstlerin des Abends beklagt, aus dem Gernegroß schon rausgeraucht worden zu sein. Sie deckt ihre Tasse mit der Untertasse ab und mischt sich barfuß unter die ersten Gäste. Das macht sie zur verhassten Person.

Tanja wird um Schnaps gebeten, den Nasenschweiß mit überklebtem Etikett aus Kassel mitgebracht hat. Er kursiert als Tittenterror im Krisenstab. Tittenterror ist Pflichtgetränk, schwerwiegend wie die ordnungsgemäße Verabschiedung. Getrunken wird aufs Nordend. Es stellen sich Fragen. Was hat eine Zimtlaugenbasis mit Penisimplantaten gemeinsam? Gibt es einen Nutzwert schlechter Laune für die Ackerwirtschaft in der Wetterau? Man ist ganz schön gefordert unter der Woche. Vor drei niemals ins Bett und morgensfrüh ist jedes Mal die Nacht vorbei.

Vor Lubbock brennt die Prärie. In Alexandria explodierte eine Autobombe. Böen ziehen durch den Saal. Das Meer rückt vor bis zur Bornemann Avenue. Tanja erscheint als überzeugenster Einwand gegen Selbstbedienung. Das Quartier ist zu Gast im Gernegroß und so soll es sich auch benehmen.

Die Eingeschweißten ziehen sich vor Tanja in den Leichenschauraum zurück und schauen einen königlichen Lieblingsstreifen. Zuerst sieht man einen Garten so, als wolle jemand für seine Zufriedenheit Gründe angeben. Spielsachen liegen bereit, Plastikmöbel bieten sich der Bequemlichkeit an. Die Szene erzählt von anspruchslosem Wohlstand außerhalb der gesicherten Zonen. Von einer Libertinage ohne bürgerlichen Überbau. Das nächste Bild präsentiert die Frau gesichtslos auf einer Abstellfläche. Der Pornomann taucht auf. Das Unvermeidliche vollzieht sich wie in einem Funkloch der Zeit. Als sei vorher der Rasen gesprengt, der Schlauch erst noch eingerollt worden. Der Vollzug erscheint so abseitig wie ein Sonntagsspaziergang im Industriegebiet. Wie ein Gespräch über zeitgenössische Lagerhallenarchitektur. Doch lässt die schutzlose Selbstverständlichkeit des Arrangements staunen.

„Mal mit, mal ohne Gummi“, bemerkt der König nicht zum ersten Mal. Natürlich gibt es reichlichere Vorlagen als diese Hausmannskost mit einem Anflug von Zellulitis wie im richtigen Leben. So viele festere Hintern bieten sich einer Besichtigung an.

„Das ist nicht Paula“, erklärt Goya. Der heilige Aschenbecher ist voller Zustimmung.

Im ersten Nachgang/ Warum ich dieses Buch schreibe: Die Gastgeber-Theorie oder Good riddance

“Sowenig ich dulden würde, das jemand gewaltsam meine Wohnräume betritt und sich bei mir einnistet (ich würde ihn herausprügeln!), denn ICH bestimme wer mein Gast ist und wer nicht (und da maße ich mir das Gewaltmonopol an), genauso hat ein Land das Recht zu bestimmen, wer dazu gehört und wer nur Gast ist.”

Facebook-Confessions für einen Groschen oder zwei

TK: (Ästhetik wirklich zu Ende gedacht … bedeutet nun mal das Gegenteil von dem nach Kacke riechenden Humanismus mit seinen Notunterkünften und Containerzonen am Stadtrand …) Das Berlin der Zukunft dürfte sich bald kaum mehr von dem heutigen Biokomposthaufen names Los Angeles unterscheiden – ein Riesen-Flickenteppich mit lauter “Kulturen”, die sich nicht mischen, sondern “listig” um die Vorherrschaft kämpfen … Bin gespannt, wann die verdummt-naiven “Willkommens-Deutschen”, deren Bierruhe sich dann erledigt hat, anfangen werden, über eine Goodridance-Culture des Auf Nimmer-Wiedersehens nachzudenken. Aber was soll's, die meisten von diesen Schrumpfformen der Menschlichkeit gehen doch lieber abends ins Tätowierstudio und denken über einen neuen Hautlappen nach… Mutti und ihr starkes “Kompetenz-Team” („wink“-Emoticon) aus überführten Betrügern (jetzt hat es auch die eklige Van der Leyen erwischt) wird den verfahrenen Karren schon irgendwie richten.

BK: Rassismus ist schon mal nicht das, was heute so linkspopulär darunter verstanden wird. Der heutige lingspopuläre Rassismusbegriff ist eine kulturideologische Konstruktion als Kampfbegriff. Und so wird er auch eingesetzt, um Andersdenkende zu stigmatisieren. Rassismus ist wissenschaftlich aber immer rein biologisch determiniert. Eine Ablehnung (negativ) oder Hervorhebung (positiv) einer bestimmten (biologisch-menschlichen) Rasse, z. B. wie bei den Nazis oder auch den israelischen Grenzkontrollen auf Flughäfen (da erriecht man Antisemiten anhand des Körpergeruchs, kein Scherz, genau das wird gemacht! Ob´s funktioniert weiß ich nicht), da darf man wohl von Rassismus sprechen. Jemand der aber darauf hinweist, das es unterschiedliche Rassen gibt und auch unterschiedliche natürliche Befähigungen, der ist kein Rassist. In der Medizin weiß man das und handelt auch danach, wenn auch oft etwas verschämt, da nicht PC. Der in seiner Deutungshoheit (noch) hegemonial kulturideologische Rassismusbegriff des Linkstums meint aber Ablehnungen, Ausgrenzungen, Differenzierungen die sich auf ökonomische, soziale, kulturgeprägte und/oder religiöse Differenzierungen inder Hierarchisierung eines Weltbildes und/oder der Lebensumstände von Individuuen ergeben. Es sind, wenn man es negativ ausdrücken möchte, chauvinistische (bei Staaten und Völkern), ökonomische (bei Klassen und Schichten) oder ästhetisch-kulturelle Ablehnungen (meinen Nachbarn, den ich nicht mag, der Punk der mich ekelt, der Milliardär dessen Flugzeug ich gerne hätte, etc.). Das alles ist kein Rassismus, wird aber heute pauschal darunter subsumiert. Ich persönlich bin der Meinung und nehme mir auch das Recht Leute die ich nicht mag, das auch offen zu zeigen, ebenso wie ich zeige, wenn ich jemanden mag. Insofern ist ein gewisser Grad von Diskriminierung gerechtfertigt. Sowenig wie ich dulden würde, das jemand gewaltsam meine Wohnräume betritt und sich bei mir einnisten wollte (ich würde ihn gewaltsam herausprügeln!), denn ICH bestimme wer mein Gast ist und wer nicht (und da maße ich mir das Gewaltmonopol an), genauso hat ein Land das Recht zu bestimmen wer dazu gehört und wer nur Gast ist. Und um das herauszufinden müßte es demokratische Volksabstimmungen wie in der Schweiz geben. Ja, jetzt bin ich bei den Pegiden. Denn ich behaupte, das es zu diesem ganzen Themenkomplex keine demokratische Entscheidungen gibt sondern eine diktatorisch-hegemoniale Unterdrückung der Mehrheit.

Max Pfeifer, “Stimmenrausch”:
wie heißt neger auf korrekt?
ich fahre besser
der fahrer fährt
nach osten wir ziehen
an einem stau vorbei
am kreuz wolfsburg
mit noch leichter sommerseele
unter tiefem dunkelgrau
die farbigen um mich sind dunkelbraun und müde
vom telefonieren oder vom erdnußsnack
der stau dauert an
die stimmung wechselt
von schadenfreude zu frohem verschontbleiben
wir sind schnell schneller als die wolken
meine wette holt das sommerwetter ein
spätestens bis zur berliner stadtgrenze
na warte der stau wurde passiert
auf der gegenspur

1. Februar 2017

An der Popelgrenze von Bornheim

Weil Rom den niederhessischen Torweg nach Sachsen nicht endgültig zu öffnen vermochte, ist die vorfränkische Besiedlung Hessens kaum dokumentiert. Hier setzten sich die Römer nicht fest. Germanicus stieß vielmehr von Mainz gegen das kattische Zentrum Mattium bei Fritzlar vor, um es zu zerstören … mit der Vorstellung, dass der Widerstandswille der Katten so zu brechen sei. Das bedenkt Goya auf einer Bank zwischen Fahrbahnen des Alleenrings. Eine halbe Pizza gibt neben ihm die Verschmähte. Sein Blick folgt dem Lauf eines nachfolgenden Kindes, das mit einem Eis kämpft. Da fällt die Kugel. Platsch. Das Kind bückt sich nach dem Verlust und verliert das Gleichgewicht.

An einem Nachmittag mit langen Schatten schreit das All nach Entgrenzung an der Popelgrenze von Bornheim. Floristen gehen mit Lenkstangen von Einkaufswagen auf fast vernichtete Vegetation los. Ihre Stammeszeichen sind Flaschenöffner an Halsbändern und Kronkorkenketten. Ihre Heilige ist der unbekannte Filmstar Flora Helsingør.

Jeder neue Kult entsteht unter dem Druck einer ins Aberwitzige ausgreifenden Verstiegenheitskonkurrenz. Strolch isoliert sich vom Verband, begleitet von der Musik des Leerguts. Er setzt neben Goya den Leib ab wie einen Fremdkörper. Er fängt Kurzwellen, sofern sie in gerader Linie wandern. Eine verblasste Freude an selbstgebauten Detektorenempfängern dringt durch den Wahn.
„Bedien dich“, sagt Goya. Die zum Mund gehende Hand sieht so sehr nach Rückbildung aus, das sie sich nur als Klaue ansprechen lässt. Goya fragt nach der Strandstreicherin. Vom Gruppendruck in Heimschlafsälen unsanft erzogen: Strolch glaubt, dass sie lediglich das Revier gewechselt hat. Soziophobische Schübe & Strategien: Strolch will sie in der Gegend des Hessischen Rundfunks gesehen haben. Da seien die Verstecke eine Klasse für sich. Füchsisches Dasein im Schutz unterwanderter Brombeerhecken: Goyas billig zu habende Großzügigkeit nennt Strolch Geiz.
Tanja ruft an, sie sitzt zwischen zwei Verabredungen vor dem Eldorado in einer invertierten Mulde, wenn man Frankfurt versteht. Goya schildert Tanja jeden möglichen Ausblick ihres Standorts. Diese schiere Aufmerksamkeit für Fressstellen, Denkmäler, Straßenverläufe, Hotelnamen und das alles auch noch einmal historisch, der größte Biergarten lag an der Stelle der Verkehrsleitzentrale, die Alte Gasse war eine Hotelstraße. Der Hinweis auf Solber in einem Kneipennamen zeigt an. Die Elefantengasse heißt Elefantengasse weil. In der Krawallschachtel wurde Stadtmauer verbaut. Heute Abend möchte Tanja auf dem Balkon essen und eine Rückkehr ins Gespräch wünscht sie sich auch. Plötzlich hat sie bis später keine Zeit mehr. Goya wittert einen Rivalen, einen Liebhaber des Bahnhofviertels mit garantiertem Sitzplatz im Moseleck.
Er steigt ab in sein Vieux Carré. Vor ihm liegt die Grande Tour. Zehn Stationen Minimum. Friede läuft ihm über den Weg. Sie schickt sich an, vor aller Augen zu verhungern. Vielleicht auch zu verglühen. („Francoise zog sich mit jedem Tag mehr von allen Freuden des Lebens zurück.“ Marcel Proust) Die Knochen spannen ihre Haut cineastisch auf. Sie gleicht einem höchstens noch nachtaktiven Zwischenwesen. In einer Vitrine verblasst Kuchen. Am Bufett arbeitet eine Sade und weiß vermutlich gar nichts von ihrer Ähnlichkeit. Wie schön, wenn man mal nicht vor Begeisterung gähnen muss. Das Schnitzel unter dem Ei schmeckt nach Glück. Die Besprechung des Wetters kommt ohne heidnische Einflüsterungen nicht aus. Älteste Befürchtungen stecken in Wetterberichten, die man sich so zusteckt, als hätte jeder sein eigenes Wetter. Ein Fuchs schnürt über die Bornemann Avenue, manchmal kehrt er auch ein. Die Hitze reißt sämtliche Fenster auf, eine Frau schreit: „So kommst du mir nicht ins Bett”. Das Leben könnte so schön sein. So mit leichter Hand zubereitet, könnte es sein, wie ein Essen aus Resten, so dass man sich erfreuen könnte am Zauber restloser Verwertung. Steckt darin nicht auch eine Metapher für die sich warmlaufende zweite Lebenshälfte? Vom Gebrauch gebräunt. Goya klappert von einem Café zum nächsten, es gibt schließlich genug Stühle und „gastronomische Konzepte“, die zum Scheitern verurteilt sind, nach einer Frist von drei Jahren. Es hält sich wenig, kaum eine Kellneridee kommt in Berührung mit Bestand. Die Wirte haben als Laufburschen auf dem Liebfrauenberg oder im Großen Hirschgraben angefangen, als Abräumer oder direkt als Pizza mit Sardellen. Ihre Selbständigkeit ist ein Fehler, dafür büßen zuerst Bedienungen. Die Liebedienerei der Bedienungen bringt nichts ein außer verkehrte Schwangerschaften.

Max „Stimmenrausch” Pfeifer:

dem multikultigehechselten
kulturrevolution an den hals
countryniggers as a cuss
u bloody stummelschwanz
all inclusive fuck u can reach

Das L ist ein gastronomischer Fingerhut unter dem Niveau der Rohrbachstraße. Die Wahrnehmung des Einstiegs dreht sich wie eine Kapriole. Rasant erzählt, taucht man kopfüber ein und schlägt hart auf Terrakotta. Zwischen einer antiken Registrier- und einer zeitgemäßen Espressomaschine erscheint die Mamba wie in einem Bilderrahmen. Sie schiebt einen Ellenbogen in das Fach über der Registriermaschine und prüft Goya mit ihrem Blick für die Engpässe im Leben anderer Leute. Die Mamba wittert Notzuchtgelegenheiten. Sie ist erstaunlich oft exakt da, wo Gemeinheit Not tut. Sie weiß, wer sich zur Rinne hinsäuft.
Überall steht: besetzt und vergeben an Jüngere und Gescheitere. Selbst die Krähen spielen sich vor Goya auf. Sie sind im Verlauf seines Lebens immer größer geworden, bald werden sie so mächtig wie ihre Ahnen sein. Im Vorgefühl künftiger Macht kultivieren sie halbstarkes Verhalten in der Spielart des Tollschockens.
Hessische Nester heißen mit ihren Reservatsnamen weiter Deutscher Michael und Gemütliches Eck. Auch der zentrale Windfang steht als Schildhaus immer noch vor der Stalburg. Die Veranda rückt von ihr ab. Fritz Reuter klebt wie ein Scherenschnitt am Fenster des Sommerschalters. Goya ignoriert Paulas ersten Liebhaber am Buffet. Der Lehrer markiert den verhinderten Jakobiner, gallig von Natur, bitter aus Erfahrung. Er nimmt sich die Zeit, um ein Wort aus dem Sprachfluss zu fischen, das am besten passt für den wichtigsten Unterschied zwischen einem Strand, den alle kennen, und seinem Strand, an dem er glücklich war als Student der Universidade Federal Fluminense. 
„Hast du schon mal operierte Brüste angefasst?“ fragt Traktor. Er kommt aus dem Feinstaub und will noch in die Gaststätte Frank. Meistens findet Goya es gut, dass alles so feststeht, nur manchmal überfällt ihn ein Grauen und er fängt an, in seinen Erinnerungen an andere Stadtteile zu kramen.
„Ich wollte bordeaurot und matt, aber er wollte burgunderrot und glänzend“, heult Rosa. Goya kennt keine Frau mit operierten Brüsten, soweit er weiß. Die Eingeschweißten verzichten auf jede Verzierung des Begehrens breit wie die Wand zu sein und abzurücken vom kakophonischen Schwall der Welt. Am Stammtisch (Codename Stalingrad) beleidigt man sich heute mit A am Anfang wie bei Achselschweißhomöopathie, Affenfehlfick und Aluminiumfolienglattstreicher.
Jede Nacht wiederholt Stürme wie in einem Katastrophenfilm. Goya sieht den vorgetäuschten Weltuntergängen am Strand zu und kehrt zum Trocknen bei Hassan ein. Der Türke schließt sein Wasserhäuschen nicht vor fünf. Er hält die Bude für eine Brasserie. Er hat eine kommunistische Vergangenheit und eine fantastische Vorstellung von Frankreich.

Bei Hassan residiert vorläufig die blonde Mexikanerin. Seit er dem Kommunismus abgeschworen hat, steckt Hassan seinen Kopf in den Sand esoterischer Ansichten, die Mexikanerin stärkt den Aberglauben. Sie unterhält das Publikum in einem Sprachmix, sie singt und begleitet sich auf der Gitarre. Sie befindet über diesen und jenen, im Grunde aber doch alle in die Klammer ihrer Erwägungen ziehend: What a waste of sperm.

Die Mexikanerin lässt nichts aus, nicht mal die Kaschemme gleichen Namens und das Hexenstübchen, wo sonst keiner hingeht, der nicht unten durch ist oder wenigstens von Geburt an im Gebiet. Sie kennt alle Kneipenspiele.
Sie schwängert das Milieu mit tragischen Andeutungen. Sie behauptet, der erste Mann im All sei ein Sohn von Sergei Iljuschin gewesen und gar nicht der Juri Gagarin. Iljuschin junior habe den Höhenrekord 1959 in einer modifizierten Suchoi Su-9 aufgestellt. Die Suchoi Su-9 sei ein Deltaflügler gewesen.
Auch die Wörter wie aus dem All. Die lebenden Fossile munkeln, Tanja ist an der Wasserkante, sie schmeißt den Haushalt einer gerade niedergekommenen Schwester. Ihren Job im Kinderladen ist sie los wegen zu viel Urlaub auf Krankenschein.
Nasenschweiß zieht seinen Pullover an den Ärmeln. Seine Kimme liegt frei, der Rumpf streitet mit der Schwerkraft des Übergewichts. Im Winter erwartet er Dornfelder zum Schnaps. Wechselt Nasenschweiß den Wein, bricht für seine Leute eine neue Jahreszeit notfalls schon im Februar an. Nicht allein Friede betrachtet es als Privileg, von Nasenschweiß zur Rotzfläche gemacht zu werden. Im Gegenzug betreibt das Personal Buchstabenmalerei, liest sich gegenseitig Horoskope vor und bewundert die Tapferkeit alternder Schauspielerinnen – das letzte Aufbegehren vor der Resignation.
Die herzerfrischenden Geysire des Ressentiments. Nasenschweiß hilft einer in den Mantel, dass die Schwarte kracht. Er überwindet seine Lähmungen in der Herabsetzung Schwächerer. Die Schauspielerin wehrt sich mit einem Timbre wie Manspreading in den Auffanglagern der Dritten Zähne. Die Kraft der Leere – sie kesselt und keult. Ihr Versuch an der Moritat von Mackie Messer führte früh am Abend zur Ermordung des Hais.

Goya beobachtet das Massaker. Er trägt eine Breitling Navitimer von Neunzehnhundertfünfundsechzig als Totem. Inzwischen treffen sogar ihn miesverdrehte Sprüche und blanke Beleidigungen. Ein Tabu, das Jahrzehnte wirkte, hat seine Kraft als Bezwingerin rassistischer Herabsetzungslust verloren. Zuletzt nannte der König Goya seinen Kelterfreitag. Kulturkaffer kam auch schon vor. Als Goya nach Mississippi kam, vibrierten die aufgehobenen Rassenschranken noch. Man konnte unverhohlen Rassist sein. Zum Grauen der Geschichte zählten Knochenfunde. Knochen in Stacheldrahtkränzen – Kreuzigungsrelikte. Ungeweihte Gräber wurden geöffnet, deren Lagen allseits bekannt gewesen und ganz selbstverständlich verschwiegen worden waren, bis ein Ermittlungsdruck die Friedhofsruhe störte. Mörder stolzierten zu Gerichtsterminen. Bundesbeamte erschienen als Repräsentanten einer Besatzungsmacht.
Es geht voran. Begierig greift die Gemeinde nach jedem Strohhalm der Gemeinheit. An den Rändern der vielen Freund- und Feindschaften vernimmt Goya Geräusche wie von brechenden Eisdecken. Das Betriebsklima ändert sich ständig und sorgt für immer neue Katastrophen. Tropen der Verbundenheit vereisen, eine Arktis taut plötzlich in unerwarteten Bündnissen. Immer wieder stellt sich die Frage, wann diese oder jene vom Kurs kollegialer Umgänglichkeit Richtung freundschaftlichem Überschwang abgewichen ist. In den Faltungen des Verhaltens fahndet Goya nach Bestandsgarantien. Was bleibt von Dauer und eignet sich zur Bebauung? Goya setzt skeptische Marken auf seiner Karte mit den Beziehungsflechten.
Eine vergessene Hand auf dem Tresen. Vom Rausch aufgeräumte Gesichter, ein Gutedel quatscht in den Imperialismus stalinistischer Kanakstar. Esst ihr auch Fisch? lautet eine unbeantwortete Frage. Man ist schließlich nicht durch die harte Schule gegangen, um von der Fischfrage abgeklärt zu werden.

Die Theaterpersonalwölfe knurren. Sie sind an Kunstwillen, Attitüde und Theatralik gewöhnt. Den Pleitegeiern auf den Schultern alternder Schauspieler, die sich in letzten Durchgängen noch einmal zum Affen machen, geben sie Namen. Augen auf bei der Berufswahl, Paula bedient nun in der Burg. Sie ist schwanger und Gero nicht länger interessiert. Er verspricht sich mehr vom Leben als eine Schlampe. Paula ist alt genug, um nicht nur ihr Arschgeweih zu bereuen. Geros Nachfolger sagt im Rundfunk an und geht wie Hefe auf in der Burgpatina. Er missfällt den Ultras hessischer Gemütlichkeit, doch das verschweigt man ihm, Paula zuliebe. Sie ist durch so viele Hände gegangen, dass an manchen Abenden lauter Lochschwager am Nebelberg (Stammtisch) zusammenkommen und sich ebenso untergründig wie hinterhältig über den fremden Funker lustig machen. Man nimmt ihn auf die Schippe, um ihn langsam abkippen zu lassen.

„Der mit seinem billigen Gesicht“, sagen die Eingeschweißten. So führen sie ihre Exzellenzdebatte. Über den hawwe se schon in der Bibel geschribbe: Er hüllte sich in Lumpen und irrte ziellos umher. Im Gegenzug hat Paula den Sexappeal einer Pissrinne. Sie ist schlaff, ohne je straff gewesen zu sein.

Gero schiebt Nasenschweiß im Einkaufswagen durch den Schankraum. Seit einer Kickboxerei im Feinstaub mit oder gegen den Sohn von Uschi Glas und mutmaßlichen Berufsmusikern trägt Gero Augenklappe. „Das war biologische Bückware“, behauptet er nach dem Abgang eines zermürbten Hartzerpaares, das in der Burg wie in einer Bahnhofswartehalle vergangener Zeiten herumgesessen hatte. Gero weiß garantiert nicht, was Bückware bedeutet. Das Wort hat er aufgeschnappt und selbstgefällig mit einer unbrauchbaren Bedeutung befrachtet. Die anderen haben von Bückware noch nie gehört, sie schnappen bloß nach der Verachtung. Para los homies. Respect your barrio. Let´s going to smoke them down. Schoppe! In den Sickergruben des Einvernehmens wird alles Gülle. Ein Leben ohne Kulissenwechsel und Nachsendeanträge. Einträgliche Arrangements an jeder Ecke. Mein Gott, was sind wir herumgekommen in der Welt.

Mischgetränke heißen Mao-Ono (mit Blutorangensaft) oder Yokotse extra trocken. So was denkt sich der König aus. Seine hundertdreißig Kilo hat er in einen Strampelanzug gepackt. Er quatscht viel, manchmal bellt er, während Geschäftsführer Igor wie ein Monument der Angriffslust lungernd und lauernd sein rabiates Ich verschweigt. Igor nutzt die Burg als illegalen Drugstore. Seine Kunden kommen zum Nebelberg, bestellen bei der überstürzt aufmarschierenden Bedienung eine Apfelschorle oder ein Schöppchen, das sie nicht bezahlen müssen, legen eine vergammelte Zigarettenschachtel voller Geld ab und kriegen dafür eine vergammelte Zigarettenschachtel voller Rauschgift.

Die Burg bleibt ein Vorhof der Dritten Welt mitten in Deutschland. Für die Verworfenen sind Verhältnisse alltäglich, wie man sie sonst nur aus Beschreibungen prekärer Migration kennt. Die Subalternen überleben in einem Schattenreich, eben so wie Leute ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, die beruflich und privat unterkriechen müssen. Die Deklassierten kommen aber alle nicht von außen.

Sie unterscheiden sich kastenartig voneinander. Die Unberührbaren sind ganz klar für den letzten Dreck zuständig. Man bezeichnet sich als Küchenhelfer und Läufer und wenn man König und betrunken ist auch als Sklaven. Über ihnen stehen die Köche, allesamt unbesorgt in die Jahre gekommene Studenten. Die Autodidakten am Herd bekämpfen sich gegenseitig, so wie sie auf die buckeligste Weise um die königliche Gunst buhlen.

Der Burgdunst suggeriert Abgeschlossenheit zwischen Mafia & Sekte. Ein seltsames Hausrecht hat die Gesetze des Staates abgelöst. Ein Blechschild zeigt an, dass der Nebelberg täglich ab siebzehn Uhr Ernst Mosch und seinen Freunden vorbehalten bleibt. „Man spricht deutsch“ steht zackig auf einem Reservierungsreiter neben dem heiligen Aschenbecher. Der König kämpft mit Folklore gegen Igors polnische Übernahmen. Beim letzten deutschen Fürstenkongress in Frankfurt (im August 1863) fand in seiner Burg eine Geheimkonferenz statt. (Die Zusammenkunft musste ohne den preußischen König Wilhelm I. auskommen. Er versagte ihr damit eine Reformchance des Deutschen Bundes (in Nachfolge des 1806 liquidierten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) die zumal vom österreichischen Kaiser Franz Josef angestrebt worden war. Bismarck hatte seinem Herrn mit Übernahmeabsichten zum Affront geraten.)

Ein Verein geschmeidiger Arschkriecher und gestopfter Versager hält sich als königliche Claque in der Burg. Dazu kommen Igors hartgesottenen Allrounder, die jedes Handwerk meistern, das die Burg zusammenhält. Die Entourage folgt dem König und seiner neuen Dienerin mit erhellenden Getränken und destruktivem Gesang vom Nebelberg in die Katakomben. Eurypteriden haben sich da dem Gestein eingeprägt. Die Mamba lässt Staffordshire-Terrier von der Leine. Die Leiber krachen zusammen, die geschliffenen Zähne reißen sofort Wunden. Eine Bauchdecke klafft. Das überlegene Geschöpf Gottes schnappt nach der Kehle des unterlegenen, die Mamba zwingt ein Stück Holz ins Siegermaul. Jeder Hund kostet dreitausend Mark, der Preis hält die Hunde am Leben.
Der König steigt als Wettkönig auf seinen Nebelbergthron. Er sitzt links vom Ofen, selbst Nasenschweiß wagt es nicht, den Platz einzunehmen. Paula darf sich auch nach Feierabend nicht als entlassen betrachten. Sie bedient weiter, nur Igors Vasallen beweisen Selbstversorgerqualitäten. Sie existieren in einer konspirativen Blase, schlafen in Burgschränken, frühstücken Reste und kochen nachts martialisch in der Burgküche.

Ewig still steht der Lastenaufzug im Museum. Tanja ist wieder da. Das Paar schunkelt in der Gewöhnung, ohne besondere Vorkommnisse. Sieht man einmal davon ab, dass an Tanjas vormalige Verschmelzungssehnsucht nichts mehr erinnert. Trotzdem bricht gleich das Glück aus, doch vorher zwitschert Tanjas Telefon. Sofort ist Tanja auf den Beinen, das kennt Goya auch anders. Ein Steuerberater brüllt sein Telefon an, es soll sich keiner ausgeschlossen fühlen. Sprotte dekoriert den Hof. Unter einem Schirm, den Traktor auf den Rasen getragen hat. Traktor badet Sonne neben Sprotte, das hat die Welt noch nicht gesehen. Heike schneidet Horst die Fußnägel auf dem Balkon, das Geländer braucht einen neuen Anstrich. Vielleicht war Tanja gar nicht an der Wasserkante, sondern mit Moseldreck bei den Currywurstfressern in Berlin.
Goya trifft Heinzbindestrich vor Aldi, Heinzbindestrichs Vater war der letzte Wehrwolf in der Wetterau. Er erschoss sich vor versammelter Mannschaft in der Wurstküche. Die Mutter spülte das Gehirn von den Kacheln. Der Hirnforscher lädt Goya in die Gaststätte Frank ein. Sie ist gerade in den Besitz junger Leute um die fünfundvierzig übergegangen. Sie haben der Bierwirtschaft den Kranz der selbstkelternden Wirte angehängt, ein Sakrileg, der noch zu Spannungen führen wird. Das Brot zum Handkäs ist Apfelweinbrot und eine Kreation des Konditors Lortzing, der mit seiner Schwester das Geschäft der Eltern weiterführt.
Lortzing trinkt Andechs Dunkelbier und freut sich, dass es das vom Hahn gibt und nicht bloß aus der Flasche wie beim alten Friedrich Frank, diesem vormals ältesten aktiven Frankfurter Gastwirt. Von einem, der seit siebenunddreißig Jahren in der Gaststätte Frank verkehrt, muss Lortzing sich fragen lassen, wieso das Nichts am Tresen ihn dutzt.

Hello again. Da steht der braune Johnny und mimt den Buffetier. Der ganze Mann eine einzige Pleite, wie schon sein Vater, dieser Irrtum seiner Frau. Johnnys Mutter strich den Irrtum aus ihrem Leben, da saß der Mann noch vor seinem Terrarium in einer Remise ihrer Eltern. Er störte im aufkommenden Frieden und wusste das auch. Er hörte den Bierkutscher auf das letzte Pferd im Ort einschlagen. Ohne ein Wort der Verwünschung schlug der Kutscher das Pferd. Jeden Morgen wurde einer vom Baum geschnitten, bei dem man das nicht gedacht hätte.

Johnnys Mutter war dann so freundlich, dem Irrtum eine Schlinge zu knüpfen auf dem Heuboden der Schwiegereltern. Er hatte eingeheiratet und wie die Made im Speck gelebt und jetzt war seine Zeit abgelaufen.
Nun tut ihm nichts mehr weh, sagte Johnnys Großmutter. Mit bloßen Händen räumten die Frauen Schutt, eine deutsche Aufsicht im Nacken. Die Männer auf den Baustellen waren gebildete Leute.

Zwangsverpflichtete Nationalsozialisten. Lehrer, Architekten, Richter. „Wir haben das klargestellt“, erklärt Lortzing mit deklassierendem Seitenblick für einen Mann der keine Geschäfte macht, also im Prinzip in der Gaststätte nur dumm herum steht. Er schenkt seine gefällige Aufmerksamkeit dem Geschehen am Pass. Wie oft ein Scheibchen aus seiner Backstube mit dem Rippchen am Kraut geht. Wie die Dinge zusammenspielen. Wie alles mit allem verzahnt ist. So wunderbar wie die Schöpfung selbst.

Auch der gelernte Metzger und Fleischlieferant Blutwurst-Bernd, wohnhaft bei der Oma, kommt so zur Sache. Nur keine Umstände. Blutwurst-Bernd trinkt Kristallweizen und versteht nicht, wie einer Hefeweizen trinken kann. Jemand sagt, ehrlich währt am längsten, dann ist man allgemein wieder beim germanischen ö in Motörhead.

Goya hatte in der Gaststätte einen Stammtisch, die Brüder knallten nacheinander durch. Zuerst der Lehrer, der die Rechtschreibreform nicht mitmachen wollte und deshalb seine Pensionierung durchsetzte. Er redete bayrisch, obwohl er Hesse war. Ihm folgte der Rock´n´Roller, Koch aus Leidenschaft. Er verschwand nach einem Totalverlust von zeitgleicher Kündigung und Scheidung. Als sei er auf der Straße geplatzt und in den Überresten von herumfliegendem Dreck nicht mehr zu unterscheiden gewesen. Der Lehrer wachte eines Morgens in der Psychiatrie auf. Er wurde noch einmal freigelassen, das war nicht gut für ihn. Ein Ingenieur, der gern Motorrad fuhr, das Wink- und Morsealphabet beherrschte und eine gescheiterte Ehe als Katastrophe erlebt hatte, verlor seine gut bezahlte Arbeit an den Suff. Er verließ sofort die Stadt, als hätte Frankfurt zu brennen begonnen.

Der Lehrer hatte Jahre mit der Untreue seiner Frau gelebt, die er einst mit den Worten, „von dir brauche ich nur die Löcher“ gefreit hatte. Er fühlte sich sogar über seine Eifersucht erhaben.

Marion kreuzt auf, sie hat Heinzbindestrich zum Vater von Zwillingen gemacht, die näheren Umstände kursieren im Gebiet. Vermutlich hat Goya sie verbreitet, in einer Version steht Goya in der Freiheit Beaumarchais’ den Freunden regelrecht bei. Beaumarchais’ „Figaro“ hatte seine Uraufführung 1783 als Privatveranstaltung mit dreihundert Gästen. Nach Sainte-Beuve „klatschten sie dem Beifall, was sie zugrunde richtete“. Marion ritt im Texas Style auf. Wir werden das niemals vergessen und auch nach uns wird das nicht vergessen sein. Das Schnitzel für siebenfünfzig nur montags jetzt neu geht schon. Die Cola leider nicht kalt. Am besten immer noch daheim. Da lassen Marions Eltern die Enkel über sich ergehen. Gestern Abend soll der Schlagbaumwirt als dynastische Erscheinung persönlich in der Gaststätte Frank anwesend gewesen sein. Er stammt aus einem Geschlecht von Wirten und verkörpert den niedrigen Adel der Eigentümer schwer gewichtig. Gesagt wurde über ihn: Ich kannte den schon, als er noch ein Kind war. (Hebt einen das?) Der war schon immer so dick.

Das ist ein Gedicht von einer Wirtschaft und ein Bild von einem Pils.
Die Wände sind halbhoch holzverkleidet. Das Einrichtungsholz scheint den Wurzeltrieb des Publikums zu fördern. Auf einer Holzbank hält einer die Tradition hoch, der zwölf Kinder großgezogen hat. Jemand feiert in seinen Geburtstag hinein.

Eine hämische Rede jagt die nächste. Richtig grün ist man einander nie. Man erträgt sich und hält fest an den feinen Unterschieden. Diese Thekeneinschätzung einer Abwesenden: Die bläst dir leichter einen als dass sie mit zehn Mark rausrückt. Es gibt nichts Schlimmeres als eine sexverrückte Alte. Polinnen sind am schärfsten. Der Betonbauer vergleicht seinen Werkstoff mit Evas Rippe. Daraus kannst du alles machen. Den Messeturm zog der Betonbauer in siebenunddreißig Monaten hoch.

25. Januar 2017

Der schwarze Falke Israels

Alles leuchtet im Rausch. B.K. Tragelehn schildert Nafri Nasenschweiß einen urwüchsigen Menschenhändler in den wilden Zeiten des expandierenden Ostblocks. Er beschreibt ihn als gedrungenen Alttrinker. Er ächzt in einsamer Verwitterung wie ein altes Hoftor. Der Schauspieler zitiert Peter Hacks, es geht gleich wieder um Lichteinfälle der DDR-Intelligenz am Beispiel von Heiner Müller: Seine Art zu wohnen kannte keine Eigenschaften. Auf den Regalen durften sich Einmachgläser wohler fühlen als Bücher. Der weit berühmtere Hacks, meistgespielter zeitgenössischer Dramatiker in beiden deutschen Staaten, unterstellte Müller: „Fragmente nach einer Ablagerungsfrist für vollendet zu halten.“ Er stellte fest: „Müller schläft, wenn er müde ist, isst, wenn er Hunger hat“. Das ist Insubordination. Müller entdeckte im Bett, dass der Ruhm da war. Jedenfalls erscheint der Prekäre dem Aristokraten Hacks als Mann von Laune, der „auf den Kommunismus so wettet wie Pascal seinerzeit auf Gott gewettet hat“. Im Übrigen wusste Müller alle Schliche der Lustgewinnung aus Gräuel. Für Müller war Hacks „Monarchist“ und „klassizistischer Kabarettist“, der „die DDR als Märchen“ falsch verstand. Müller warf Hacks Eskapismus vor, in einer psychologischen Volte nennt er diesen Eskapismus „eine spezielle Form der Gefängnisneurose, die in der DDR alle ausbilden“. Das Hack´sche Konzept erschöpfe sich „in historischen Analogien:“ „Hacks ist Schiller, obwohl er sich auf Goethe beruft … und „sich ein privates Weimar gebaut hat“. Zweifellos ist Hacks der Verbindlichere, hofft er doch zu wissen: „Wir verabscheuen uns mit Respekt“. Kaum zu glauben, dass Müller so untertourig lief.

1.

Die Nordend-Kanakstar-Lauf-und-Lerngruppe (NKLL) inspiziert Dresden, Jiménez nennt das alliierte Bombengelege vom Februar Fünfundvierzig einen Angriff auf die Rote Armee, die nach der britischen Planierung keine Stadt mehr einnehmen konnte, wie es das militärische Plansoll vorgesehen hatte, sondern eine logistische Katastrophe in den Griff kriegen musste. Wir ersparen uns sämtliche Sehenswürdigkeiten mit Ausnahme der Kleinodien im Grünen Gewölbe, mit denen Nafri Nasenschweiß Kindheitserinnerungen verbinden. Die bürgerliche Person schimmert durch den Katechismus des Aktivisten. Nasenscheiß steht kurz vor einer Abmahnung, scheint aber auch verliebt in Jiménez.

Wir essen auf einer Restaurantterrasse, mit Blick auf das Elbtal. Nach dem Nachtisch stoßen wir vor zum Erzgebirge. Im Vogtland fotografieren wir Spuren sowjetischer Panzer, die 1968 in die Tschechoslowakei krochen. Jiménez erklärt Fühmann und Bobrowski. Fühmann kam aus dem Riesengebirge, war beim SA-Reitersturm und blieb in der DDR „Böhme unter Preußen“. Er wandte sich gegen Operetten falschen Erinnerns. Bobrowski konnte mit Fühmann nicht viel anfangen, er hat sich seine Verluste auch nicht schön geschrieben. Für Bobrowski war die Mark Brandenburg eine Spielzeuglandschaft, unerheblich im Vergleich zum Memelland seiner Herkunft: „Ein Hof so groß wie ein ganzes märkisches Dorf“. Beide Autoren hatten den Überfall auf die UDSSR mitgemacht und waren in Unfreiheit belehrt worden. Doch Bobrowski blieb Zuhörer und skeptisch in den Schulungen, während Fühmann das Fass des leidenschaftlichen Antifaschismus aufmachte und (patriotische) Heimatempfindungen zum Aussterben verurteilen wollte. Euthanasie der Gefühle. Auch „dem eigenen Lied trat ich auf die Kehle“.

Nur zu. Gewalterlebnisse in meiner Kindheit wirken so nach, dass ich die Namen der Familien im Gedächtnis behalten habe, deren Söhne die Revierhackordnung mit Händen und Füßen buchstabierten. Jeder der Fünf, gegen die kurz nach dem Ausflug in die ehemalige DDR vor dem Frankfurter Schöffengericht wegen gefährlicher Körperverletzung verhandelt wird, hat solche Dschungelerfahrungen, als tribal initiation, die ihn lehrte, so gekonnt mit den Wölfen zu heulen, dass unter Umständen, also weder nüchtern noch allein, schon sein Schatten Schrecken verheißt. Zwei Größen bestimmen das Vokabular: das Territorium und die Konfrontation. Anschaulich macht das eine als Zeugin geladene Polizistin in Einlassungen zu dem mit zwei Bewährungsstrafen belasteten Björn Q. Er habe, so sagt es die dem K 14 zugeordnete Ermittlungsführerin, freiwillige Ordnungshüter am Betreten „seines Gebiets“ zu hindern versucht. Drohungen verlieh Björn Nachdruck mit Hinweisen auf seine Ghetto-Herkunft.
Im Prozess erscheint Björn entrückt. Seine kargen Aussagen sind weniger verwaschen als die Mitteilungsversuche im Milieusprech der Kumpane. Björn tüncht sich ordentlich. In Wahrheit hat er sich in zwei nachweisbaren Fällen an eingeschränkt handlungsfähige Personen mit räuberischen Absichten gewandt.
Die Polizistin soll, so will es der Richter, Björns Empathievermögen einschätzen. Die Einschätzung fällt ohne Einschränkung negativ aus.
Ich bin sicher, dass Gruppendruck und Bewährungszwang den Jungen deformiert haben. Björn zahlt für Zugehörigkeit in einer ethnischen Subkultur einen höheren Preis als andere. Es gibt keinen Migrationshintergrund, keine Brüder, überhaupt keine eindrucksvolle Verwandtschaft. Bloß eine resignierte Mutter und eine gefährdete Schwester. Vor die Wahl gestellt, ein Fußabtreter im Gebiet zu sein oder selbst zu treten, hat Björn eine Entscheidung getroffen. Folglich „verachtet“ er alle, die sich anders verhalten.
In drei Fällen lautet die Anklage auf gefährliche Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung. Die Angeklagten sind zwischen siebzehn und einundzwanzig Jahre alt. Zwei Angeklagten wurde wegen anhängiger Verfahren die Freiheit entzogen. Einer der in Rockenberg Arrestierten wird nun in Erwartung einer neuen Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung juristisch abgekoppelt und in Handschellen aus dem Saal geführt, da sind es nur noch vier.
Sie sollen gemeinschaftlich einen Mann im Alter ihrer Väter verletzt zu haben. Dem Angriff ging Randale in einer Bahn voran. Roland Koch nahm den Vorgang zum Anlass für Härteauftritte im Landtagswahlkampf. Die Angeklagten bewerten das als Vermehrung ihres Ruhms. Man sieht in ihnen Protagonisten „einer die Republik erschütternden Gewaltwelle“, sie sehen sich in einem Film Hauptrollen spielen. Die Politisierung einer, so der Richter, „unterdurchschnittlichen Straftat“, setzt die Kurzfristigkeit der Prozessaufnahme nicht nur dem Verdacht einer beeindruckten Rechtsfindung aus. Die Anklagen sind Treibstoffe für konservative Wahlkampfmotoren.
Die Angeklagten haben das Repertoire von Leuten, die wissen, dass sie verladen werden. Bloß wie, das bleibt unklar. Vier Mal Leben mit den Gespenstern des Ausschlusses.
Der Richter will nach Feierabend in Urlaub fahren, darauf kommt er zwei Mal zu sprechen. Er verbreitet gute Laune. Er betont die Gewöhnlichkeit des Falls. Jugendliche haben in der Bahn Türen und Scheiben demoliert. Im Suff haltlos geworden, brachte es einer nicht fertig, mit den anderen auszusteigen. Zugführer K. wollte der Unbeholfenheit abhelfen, das wurde als Provokation verstanden und nach Dschungelart geahndet. K. wäre ärger zugerichtet worden, hätte nicht (von einem Kollegen gerufene) Polizei den randgruppenförmigen Aufmarsch an einer Haltestelle in die Flucht geschlagen. Es gab keine Identitätsfeststellungen am Tatort.
Ich ahne das bürgerliche Entsetzen, das K. ankam, nachdem ihm klargeworden war, worauf er sich eingelassen hatte. Die Leute an den Kanten des Geschehens guckten beiseite, jeder hoffte, der Kelch möge an ihm vorüber gehen.
Die Verursacher des Unbehagens erlebten ihre Wirkung als Anerkennung. Vor Gericht können sie sich keine Geltung verschaffen. Ich denke über ihr Dilemma nach. Die Vernachlässigten begreifen keine Macht, die sich nicht körperlich legitimiert. Da geht ein Schmu vor – in ihrem Weltbild ohne (Faust-)Rechtsgrundlage.
Das Opfer ist traumatisiert. Wissen die Angeklagten, was das bedeutet? Ich beobachte Ratlosigkeit, Trotz, schiere Abwehr.
Der Staatsanwalt agiert vor großer Kulisse akkurat und demonstrativ maßvoll. Die Angeklagten sehen fern. Weit weg sind von den Möglichkeiten einer bürgerlichen Existenz. Devin F. ist unglaubliche Zwanzig. Das Milchgesicht trägt einen goldenen Hahnenkamm, es hat sich gewiss mehr Mühe mit der Frisur gegeben als je in der Schule.
Was Devin zum Besten gibt, bleibt fast unverständlich. Er hält seine Tatbeteiligung für möglich. Anscheinend muss ich ja wohl dabei gewesen sein. Wenn die das sagen. Ich glaub das aber nicht und kann mich sowieso an nichts erinnern.
Devin fällt es schwer, die anwaltliche Spitzfindigkeit zu transportieren. Der Schafspelz juckt. Während Devin sich windet, mustern die Freunde den Fußboden.
Björn muss für ein Jahr und neun Monate ins Gefängnis. Devin kann eine Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden. Einmal wird Jugendarrest angeordnet. Es setzt Tagessätze im Taschengeldformat auf Bewährung. Die Urteile spiegeln tristen Alltag. Damit kann kein Politiker etwas anfangen.

Der Richter hat Unabhängigkeit bewiesen. Ich esse mit dem Polizeireporter der Bildzeitung in der Gerichtskantine. Udo ist Rockabilly, passend verheiratet mit einer Wanda Jackson aus Gelnhausen. Er kommt aus dem Mannheimer Delta und wuchs in einer Horde fußballverrückter Schläger auf. Unter Pseudonym schreibt er für die taz. Er ist durchgängig gespalten, es geht ihm gut mit seiner Spaltung. Er erzählt von türkischen Brüdern, die im Kamerun (Gallus Viertel) Spiele entwickeln und Millionen umsetzen. Der Staatsanwalt setzt sich zu uns, er gehört zu Udos Eintracht-Bruderschaft und verwandelt sich an jedem Wochenende.

“schwarzer kaffee heißt heute nicht mehr negerschweiß” – Zitiert nach den zum Teil links- zum Teil ganz freidrehenden Stimmenrauschrassisten

Udo kann einen Vorgang in zwei Berichten so auffassen, dass er seinem Arbeitgeber und seinem publizistischen Steckenpferd passt. Er rasiert in der Bild und frisiert in der taz. Oder umgekehrt. Ich stecke ihm ein Papier zu, das ein Stimmenrauschrassist kursieren lässt. Es scheint einen linksidentitären Diskurs zu geben, der einen reaktionären Sound verträgt und Antideutsch & Volksgemeinschaft irgendwie unter einen Hut kriegt.

2.

Ein Handwerker legt seinen Sachverstand auf die Waage wohlfeilen Betragens, um den zur Hand gehenden Goya nicht vor den Kopf zu stoßen. Der gute Mann kommt aus dem nahen Osten bei Berlin. Er kommentiert seine Taten. Still zu schweigen kommt für ihn nicht in Betracht. Ab und zu pfeift er eine Runde. Die Zusammenarbeit mündet in der Vorläufigkeit einer guten Bekanntschaft, die für ihren Bestand nur noch eines Beweises außerhalb der Verrichtungssphäre bedarf. Bis dahin muss ein Graben im Gernegroßgarten ausgehoben sein. Ein besonderer Baum stand da bis vor ein paar Jahren. Er wurde umgelegt, obwohl sich zu seiner Rettung Leute zusammengeschlossen hatten. Das ist dokumentiert, zum Protestverlauf gab es eine Ausstellung. Der Baum beherbergte Vögel. Sie sind geblieben und scheißen auf alles.

Man steht schon auf der Sohle, als dem Handwerker einfällt, die männliche Verbundenheit mit einer Belastung zu prüfen, die ihm geringfügig erscheint. Er gibt ein antisemitisches Vorurteil preis. Goya steigt ihm sofort aufs Dach, er hat auch guten Seiten. Der schwarze Falke Israels zeigt sich dem Handwerker in seiner ganzen Ungemütlichkeit, während Ibu (ein Theatertechniker) einen halben Doughnut mit einem Dunking in einen Korb befördert. Ibu schlendert zum Korb, er hat die richtige Schlabbrigkeit.

Mit der Plötzlichkeit eines Überfalls kehrt der Sommer zurück. Noch einmal putzt sich alles heraus, wie um der Erkenntnis Vorschub zu leisten, dass alles nur für den Augenblick gemacht ist. Wir wenden uns, wie man in sparsamen Zeiten abgetragene Garnituren wendet. Das ist mein Bild der Lage im aufgewühlten Garten des Gernegroß. Weil Nafri Nasenscheiß so ein origineller Kopf ist, findet unsere Weihnachtsfeier im August statt.

Nasenschweiß wendet Würste. Der Grill ist eine Reliquie aus der Gründerzeit. Manche wissen so was, anderen darf das egal sein. Tanja, Britta und Ullala stecken erregt die Köpfe zusammen, die meisten Mitarbeiterinnen sind blond. Das hat sich in vielen Einstellungsgesprächen so ergeben. Der Wetterbericht hat Ullala persönlich am Morgen heitere Aussichten versprochen, ich entziehe mich den Turbulenzen. Meine Absicht mit ein paar sinnlosen Schlenkern verschleiernd, setze ich mich behutsam in die Geheimratsecke (das Kabinett) ab. Da steht der Fernseher, neben einem Turm aus leeren Kästen. Auf dem Tisch liegt ein angenagter Bienenstich auf seiner Tüte. In einem Aschenbecher aus der Ernte 23-Ära gammelt ein Joint. Ich inspiziere die Kronkorkensammlung in alten Bindinggläsern.

Der Cowboy findet mich zu seiner Erleichterung. Immer weiß er, wer ein Lied zuerst gesungen hat und in welcher Version es richtig klingt. Ihn verstimmt, dass zurzeit alle Welt Johnny Cash hört. Er spricht über Junior Browns selbstgebaute Gitarre. Er ergötzt sich am Klang von Pedal Steel. Sein Großvater war Korbflechter, sein Vater Polizist in einem Taunuskaff, das nach dem Zweiten Weltkrieg zum Randbezirk einer amerikanischen Garnison wurde. Auf Dorfstraßen lernte Cowboy die Weltsprache der Sieger. Er ahmte Soldaten nach und übernahm so zufällig einen fremdländlichen Lebensstil. Bauernsöhne aus Tennessee ließen ihn mit ihren Waffen spielen. Sie brachten ihm diese zurückgelehnte Art bei, die er im Gernegroß wie ein Schild zu seiner Verteidigung einsetzt. Er glaubt immer noch, mit den Adlern zu fliegen, ich möchte ihn in diesem Glauben lassen.

Ich gönne mir einen Humpen Rhönsprudel, Cowboy sagt erwartungsgemäß: „Schade um den schönen Durst.“

Schade um den schönen Durst sagte man in meiner Kindheit, wenn einer „ein Cola“ bestellte oder, was noch zweifelhafter war, Zitronensprudel. In Pilsstuben hatte man Pils zu trinken, aus Nullzweilitergläsern, mit abnehmender Trinkgeschwindigkeit. Allein die ersten drei waren im Nu zu leeren, anderenfalls ergaben sich Nachfragen, etwa, ob man „vorgetrunken“ habe. Das folgte einem strikten Reglement, von dem Onkel Hermann behauptete, es sei von seinem Patenonkel festgelegt worden. Unsere Familie brachte einige Wirte hervor, es gab Aufschwünge, bis zum Genre der Edelverköstigung.

Onkel Hermanns Patenonkel hieß Onkel Kurt. Er hatte eine Kneipe im Prüfling. Seine Gäste waren zugezogene Familienväter, ihre Frauen dankbar für Putzstellen. Wer auf dem Büro arbeitete, hatte es weit gebracht. Allgemein wurde auf den Pfennig geachtet. Die Schluckspechte kannten im Grenzland zwischen Bornheim und Nordend jedes Kind. Sie erschienen gleich nach der Arbeit. Onkel Kurt würfelte mit ihnen an der Theke, jeder Stammgast hatte einen eigenen Becher. Untereinander war man umgänglich und dazu aufgelegt, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen. Dem Gemeinschaftssinn zum Trotz entgleisten Freundschaften, so dass es nie wieder gut wurde zwischen zwei Männern. Fremde fanden sich nicht unbedingt willkommen in diesem öffentlichen Wohnzimmer. Frauen im Lokal hatten Ehefrauen zu sein und zu warten ohne Aufsehen zu erregen. Anderenfalls mussten sie mit übler Nachrede rechnen. Im Verlauf der Jahre trug Onkel Kurt ein paar Freundschaftszeichen zusammen, so wie einen Wimpel und Schnitzkram aus dem Erzgebirge, der über den Flaschen auf einem Regal verstaubte. Mit einer Glocke wurden Thekenrunden eingeläutet. Das passierte nicht oft. Es gab Termine der Freigiebigkeit, Onkel Kurt hielt sie sorgsam ein. „Schampfütze“ war ein Wort für den Rest, den einer im Glas ließ.

13. Januar 2017

Die Frau im Widerstand – Bestimmerinnen erreichen Stadtmitte

Aus einem Aufsatz von Nihan Jiménez, vorgetragen am 07.08. 1999 u.a. in Gegenwart von Friede Ungut, Gilla Solange und Norbert „Nafri“ Nasenschweiß im Gernegroß: Anfang der Neunzehnhundertfünfzigerjahre lebt Heiner Müller illegal in Berlin. Am Westen interessieren ihn nur die Filme, in jeder S-Bahnstation gibt es ein Kino. Müller kommt aus der Kleinstadt, da sind „die Ungerechtigkeiten persönlicher“. Er dichtet wie der Weise vom Berg: „Ihr lasst euch gern in euren Flüssen treiben / den sommerlichen, wenn der Himmel brennt. / Im Regen fragt ihr: wie lang wird der bleiben / vergessend: es ist Wasser, das ihr kennt.“

Berlin raucht noch, die Stadt „wird nie ganz in Ordnung kommen“. Halbasiatisch ist sie, eine Membran des Ostens. Eine Insel im Sumpf. Müller genießt seine Entwurzelung. Er erlebt die Erhebung von Dreiundfünfzig als Aufstand befehlsgewohnter Studienräte. Nazis werden auf dem Bau eingesetzt. Es rekrutiert sich die Arbeiterklasse aus nationalsozialistischen Lehrern und Offizieren. Die kriegen Schwerstarbeiterzulage, ihre Kinder sind als Arbeiterkinder privilegiert im Arbeiter- und Bauernstaat. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Der Lyriker Müller bewegt sich in einem zwar abgesteckten, doch elastischen Rahmen. Er ist ein Sänger seiner Gesellschaft. Er rechnet ab, manchmal nur mit einer Silbe: „Osterfahrung – Der auszog den Osten zu erobern / Leichthin, wie der Esser das Mahl / Wo ist er? / besiegt / (I)st er. Das Mahl / Hat den Esser besiegt.“

Im Februar Neununddreißig erreichten geschlagene Republikaner französischen Boden bei Latour de Carol. Anarchisten, Kommunisten, Brigadisten, die weggebrochene katalonische Front (26. Abteilung), alles in allem zwölftausend Mann auf der Flucht. In Latour de Carol lebt der Goethespezialist Otto Schilb. Der Legende nach lebt er als emeritierter Eremit. Wir besuchen ihn in einem roten Ziegelbau, ursprünglich Wohnung des Verwalters. Man ahnt im Umkreis eine große Anlage mit Herrenhaus, Ställen und Remisen als einer im 19. Jahrhundert vielleicht schon vergangenen Erscheinung.
Rot ist die Farbe bürgerlichen Selbstbewusstseins. La ville rose nennt man Toulouse. Pepe ist immer dabei. Jiménez ist seine Meinhof mit einem Schuss Ensslin. Schilb ist zu einer Leidenschaft seiner Jugend zurückgekehrt: zu Goethes erstem Faust-Wurf. In der frühen Fassung schimmern sagenhafte Vorlagen durch, die im protestantischen Widerstand gegen den Obskurantismus des 16. Jahrhunderts und in zeitgenössischer Nähe zu Luther entstanden sind – und sich von der Biografie jenes Johann Georg Faust ernähren, der alle Gründe des Himmels und der Erde mit Magie erforscht zu haben glaubt. Goethe stand unter dem Einfluss von Shakespeare, als er, dem „Sturm“ näher als der Klassik, die frühe Fassung schrieb. Darauf wurde hingewiesen, von Brecht erst, dann von Heiner Müller, der einem Shakespeare des 20. Jahrhunderts Horrorfilme zutraute, diese Formerzwingung wie im Blutrausch, und Faust so charakterisierte: „Da ist ein Mann, der fühlt sich alt und will gern jung sein.“
Er zieht den Teufel zu Rate und bekommt einem Mädchen schlecht. Von der Mutter zur Magd gemacht, kann das Mädchen die Schönheit gar nicht haben, die der verblendete Faust entdeckt.
Schilb geht als Wissenswurst im Schlafrock, er moussiert in Jiménez‘ Aufmerksamkeit. Es ist immer das gleiche Spiel, meine Beiträge verzinsen die Herrschaften niedrig. Zaimoglu und Schlingensief können aus dem Telefonbuch vorlesen und jedes Auditorium einnehmen. Bis Leute vor Verzückung anfangen zu speicheln. Ich feile wochenlang am Vortrag, fresse mich durch Bibliotheken, fresse Staub, der sich in Jahresringen in mir festsetzt, mache Liegestütze … Schilb ist mit achtzig noch eitel genug für einen toupierten Bart. Die Frau im Haus stellt er als Zugeherin vor, die pünktlich Pillen reicht. Sie bedient drakonisch. Ich vermutet sie fest im Haus. Ich halte sie für eine Marokkanerin. Wir sind in ihrem Territorium. Andere Wilde. Bewaffnet mit Kulturtechnik.
Vor einem Panoramafenster zeigt sich ein Junge. Scheu gemacht von den Fremden im Haus, taucht er ab. Unterholz wirkt wie Verhau und Grenze. Ich bin schon auf dem Zahnfleisch durch Frankreich gekrochen und habe in Mülltonnen nach Essen gekramt. Wie schön war es, zu einem Melonenfeld zu kommen. Das Fleisch stillte Hunger und Durst. In der Überreiztheit einer Unterversorgung führte schon Tabak in den Rausch. Man halluzinierte sich durch die Zeit bis zum Ende der Sommerferien.
Schilb nennt die Zugeherin Gretchen. Er will in Frankreich nicht nur sterben. Auch seine Asche soll da bleiben, wo es Schnee auf den Gipfeln und Savannenhitze in den Tälern gibt.
Schilbs Vater war Generalkonsul in … und Generalsekretär der …-Stiftung gewesen, ich finde die Angaben nicht mehr in meinen Unterlagen. Jurist, Musiker, Schriftsteller. Er führte ein von im Namen. Das hat der Sohn gestrichen. Otto Schilb findet alles in seinem Faust, einschließlich der „Orgien des Vergessens“ im Zuge der Zerstörung „unserer europäischen Erinnerungskultur.“
Mit jedem akademischen Greis geht das Abendland unter. Da hält sich einer warm mit einer Kanaka, die bei Weitem nicht halb so alt und bestimmt nicht freiwillig in ihrer Lage ist. Er lässt sich die Windeln wechseln, ohne seine Überheblichkeit zu verlieren. Als Kulturhosenträger steht Schilb so weit über Gretchen, dass ihm seine Scheiße und Inkontinenz überhaupt nicht peinlich werden kann.
Schilb ist bei der „Barbarei eines gedächtnislosen Sozialgefüges“, vorauserkannt von Goethe. Er sammelt „negative Memorabilien“.
Ob wir zum Abendessen bleiben?
Die Frage erzürnt Gretchen. Es verfärbt sich. Vermutlich hat Gretchen den Jungen am Fenster zu versorgen, als Alphafrau eines Verbandes, von dem Schilb nichts weiß.
Wir sollten uns verabschieden, Jiménez und Pepe machen keine Anstalten. Vielleicht erwarten sie eine Einladung über Nacht. Ich gehe grußlos in den sich selbst überlassenen Garten. Skulpturen im Botero-Stil erinnern an einen vergangenen Gestaltungswillen. Ich atme auf, die Luft im Haus war wie ein Kissen, das einem ins Gesicht gedrückt wird. Platanen stehen Spalier auf meiner Fahrt zur Ariège. Hinter Perpignan überquere ich die Grenze und halte erst in Portbou, Walter Benjamins Endstation. Wildschwein esse ich, wo alle nach Fisch rufen. Das Fleisch schmeckt nach Honig und Nüssen. Der Koch wittert Nachtluft, er kommt mit Sol y Sombra, es stellt sich heraus, dass ihm das Lokal gehört und er nach Jahren auf deutschen Baustellen. Er redet lustvoll über landwirtschaftliche Wildhaltung. Am Ende der Nacht tage ich mit ihm in seiner Küche, er grillt Secreto, einen zwischen Schweinerücken und Rückenspeck versteckten Muskel.

Nach einem Unfall erwacht einer aus dem Koma und erkennt seine Mutter nicht mehr. Er hält die Fürsorgliche an seinem Bett für eine Doppelgängerin der Verwandten. Das Orientierungsdesaster heißt Capgras-Syndrom. So Erkrankte verkennen ihre Liebsten.
Jiménez tut so, als sei ich ausgetauscht worden und sie zu smart, um auf die Täuschung hereinzufallen. Wir klappern ins Ruhrgebiet und erreichen eine Tagesstätte mit neunzig Prozent ausländischen Kindern. Nach meinen Begriffen sind die Kinder keine Ausländer, vielmehr im Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft ethnisch differente Deutsche.
Es ist doch völlig verkehrt, in so einer Kindertagesstätte das Lied von den zehn kleinen Deutschen (in einer Unterwelt der Überfremdung) anzustimmen.
Katja fragt: „Wen soll ich denn hier integrieren?“
Pepe sofort: „Es soll nicht integriert werden. Wir wollen Deutschland sämtlichen Kulturen öffnen.“
„Was heißt das? Türkisch als Unterrichtssprache für alle?
Jiménez funkelt Katja an. Da erdreistest sich eine. Da hört die Konfrontation mit der Wirklichkeit für Jiménez auf. Das ist zu viel Wirklichkeit.   
Ich recherchiere für die Frankfurter Rundschau, Katja versteht das als Gelegenheit, ihren Erfahrungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie wirkt weder resigniert noch überfordert, Jiménez hält Katjas Sachlichkeit nicht aus. Sie provoziert. Katja lässt sich nicht provozieren.
„Alles was ich in meiner Ausbildung gelernt habe, kann ich hier vergessen.“
Katja erklärt ihre Methode. Die Erzieherinnen deuten auf eine Tasse oder eine Puppe, benennen den Gegenstand, wiederholen das Wort. Ich sehe mir die Mühsal einen langen Vormittag an, Jiménez und Pele verweigern die Anstrengung. Von einer Zigarettenpause kehren sie nicht zurück.
„Sie kennen die Basis nicht. Sie machen aus der Migration ein Märchen. Wir produzieren Ausgeschlossene ohne Zukunft.“

Die meisten Kinder sprechen kaum Deutsch. Sie beherrschen die Sprache der Eltern nicht deutlich besser. Sprachliche Verkümmerung auf der ganzen Linie, von wegen Chancen doppelter kultureller Auswahl.
Wir logieren bei Schwestern und Brüdern. Das Haus gehört zu einem Ensemble der Industriemoderne. Eine gestorbene Zeche bietet sich als Prunkstück des Panoramas an. Jiménez und Pepe verschanzen sich in einem Zimmer, während Tagungsgäste eintreffen. „Migration als trans-lokale Herausforderung“ – elf Stunden „Einwanderung und Stadtentwicklung“. Es gibt einen akademischen Zug zur Unversöhnlichkeit. Gefordert werden kooperative Nachbarschaften. In der Mehrheitsgesellschaft setzen sich kooperative Nachbarschaften dem Verdacht freiwilliger Isolation aus. Für die Liebhaber von Action-directe klingt kooperative Nachbarschaft verheißungsvoll. Man will nicht nur Häuser, sondern Gebiete besetzen. Freiräume erobern. Territorien schaffen. Am besten mit eigener Flagge und Währung.
„Das ist die Flucht ins Reservat“, kontere ich im Geist Zaimoglus. Zaimoglu und ich denken immer noch einvernehmlich in die andere Richtung. Isolation ist Rückzug. Ist Selbst-Marginalisierung. Die Desintegration in den Milieus der Einwanderer hängt zusammen mit dem Umbau der SPD und der Gewerkschaften. Im Zuge eines globalen Industriestrukturwandels verlieren diese Motoren ihre Kraft als Integrationsmaschinen. In die preisgegebenen Räume stoßen Systeme der Selbstorganisation wie Milli Görüs. Islamische Gemeinden setzen der Straße etwas entgegen, sie schaffen Anreizstrukturen. Sie betonen ihre Distanz zur Mehrheitsgesellschaft. Integrationsstrategien geraten in Verruf. Dafür sorgt die Kulturalisierung sozialer Konflikte zwischen Nachrückenden und Eingesessenen. Man deklariert normalen städtischen Streit als Kulturkonflikte. Erst die Ethnisierung gestattet eine Dramatisierung, in der Deutsche unterschiedslos Christen sind und Türken Muslime.

Raus aus den Subkulturen, lautet die Losung der Zaimogluten. Lasst uns mit Kirchenvätern reden. Holt den Bundeskanzler. Schafft den Außenminister her. Bringt uns den Kopf von Alfredo Garcia. Spitzenahnungslose mit Bundestagsmandat erklären die spannungsreiche Koexistenz verschiedener Kulturen auf deutschem Boden für gescheitert. Wir sagen: Deutschland kann an der Migration scheitern. Die Migration aber nicht an Deutschland. Sie findet einfach statt. Die Wahrnehmungsverschiebungen sind nicht zuletzt Amnesien der Wiedervereinigung. Zafer Şenocak wusste 1990, dass die sozialen Kosten der historischen Volte (auch) auf die eingewanderten Minderheiten abgewälzt werden würden. Zum Erbe der aufgelassenen Deutschen Demokratischen Republik gehöre, so Şenocak, „ein dezidiert fremdenfeindliches Element“, das im Großen und Ganzen der Berliner Republik Karriere gemacht hatte. Ich zitiere unsere nachgängerischen Feinde, die Stimmenrauschrassisten, angeführt von Max „Ich bin gern mal ebbes Oi“ Pfeifer:
es wird immer enger
im zusammenverrückt
wachsen deutsche ängste
einschläge werden häufiger
negerlümmel kommen näher
wie so viele poetische topoi
dichter werden
und nicht untergehen wollen
“die natur verhandelt nicht”

So klingt der Herrenmensch an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Žarko Paić sagt: Der Rassismus hat sich vom einstigen Schwarz-Weiß-Konzept des Rassenhasses zu einem global anwendbaren kulturellen Paradigma entwickelt. Man hasst niemanden mehr aufgrund seiner Hautfarbe, sondern wegen seiner sich unterscheidenden kulturellen Zugehörigkeit. Die neofaschistische Rhetorik ist dem liberalen (reflexiven) Rassismus nicht fremd. Rassismus maskiert sich in der Gesellschaftsmitte mit Angst und Kritik vor/am Multikulturalismus. Wir sind da, wo die Aushöhlung widerständiger Impulse ständige Praxis ist. Die Kulturindustrie führt einen Typus zum Trog des Geschehen, der sich in der Warenaura immunisiert hat und in seinen Albträumen Hieronymus Bosch nachbetet. Bosch ist schon Verkümmerung, sagt Heiner Müller. Das Groteske verjüngt das Blickfeld. Im Karnevalesken revoltiert die Volkskultur gegen die Autorität von Staat und Tod. Mit Containern, Stein- und Schutthaufen wird eine Kreuzung aus dem Verkehr gezogen. Die Baustelle sieht aus wie ein Feldlager. Wir laufen durch Gassen einer Budenstadt, an deren Jahrmarktsrändern ein Dorf aus gestapelten Blechschachteln lag. Auf Trampelpfaden gelangt man dahin und hinein über verwinkelte Treppen, die an Rundstiegen alter Häuser erinnern. Greise schnüren am Krach vorbei. Vielleicht ist der Krach die Musik ihres Lebens gewesen. Zwischen niedergemachten Düsen und flachgetretenen Kippen langweilen sich Kartenspieler. Fahrzeugschnauzen fressen sich von allen Seiten in die Szene. Das Vorhaben ruft Spezialisten in Kitteln auf den Plan. Auch solche, die es sich erlauben können, in kurzen Hosen ganz leger zu erscheinen. Überall liegt vom Alten noch. Aufgerissene Asphaltdecken, abgetragenes Kopfsteinpflaster, gesprengte Mauern.

Querschnitte und Balkeneskapismus.

Ein funktionsbefreites Verkehrsschild steht einsam wie ein stehengelassener Baum.

Jemand hat die Baustelle als Kulisse für einen Film über Jiménez & Zaimoglu empfohlen – Bestimmer*innen erreichen Stadtmitte. Ein vorsichtiger Vogel, der in den Sechzigern mit Gudrun Ensslin zusammen eine ausgezeichnete Dokumentation über Trebegänger zustande gebracht – und sich danach/damit in öffentlich-rechtliche Sicherheit gebracht hat, bedauert einen Mangel an Produktionsfreiheit. Ich kenne das schon, das gehört zum Angestelltendasein der Kreativen. Angeblich wollen alle am liebsten frei sein, aber sobald sie die Wahl haben, wollen sie das doch lieber nicht.
Zaimoglu ist alte Bundesrepublik, der Freude am Furore zum Trotz ein SPD-Schriftsteller. Deutsch & dramatisch bedeutet für ihn Faschismus. Jiménez denkt über den Nationalstaat in einer antinomischen Ambivalenz von Überwindung und Bewahrung nach. Sie führt ihre Ungeheuer auf die Gasse und lässt sie da stehen. Dann kam die tatarische Invasion, zitiert sie immer weiter Heiner Müller. Das Trauma des Einbruchs der berittenen Steppe in die Welt der deutschen Manufaktur. Keine Sau weiß, wo Dschingis Khan begraben liegt. Die Mongolen ritten solange über die Gräber ihrer Chefs, bis es Hunde und Katzen regnete. Die Staubsäule, die indes aufstieg, wurde zur europäischen Signatur. Auch Kleists Metapher ist die Staubsäule, eine Figur der totalen Beschleunigung im Stillstand. Sie materialisierte sich schließlich in der Mauer. Der Tod kommt aus Asien. Die französische Revolution hat in Deutschland nur in der Literatur stattgefunden. (Die Weimarer Klassik als Revolutionsersatz.) Und eins und zwei und auf drei alle zusammen: Der Idealfall verwandelt Stoff in Form. Das Wappentier der Befreiung ist der Maulwurf. Die deutsch-deutsche Grenze fängt an mit der Ermordung von Rosa Luxemburg. Brecht wollte, dass man Mutter Courage verachtet. Als Hitler der Treibstoff ausging begann der Golfkrieg“ Hitler hat die Türken nach Kreuzberg gebracht. Spürt ihr den Müllergroove?
Müller sagt, Brecht hatte eine mythische Vorstellung von der Arbeiterklasse. Einmal wollte er sie in echt auf die Bühne bringen, wie ging das? Das ging einfach so, dass man der Gewerkschaft Bescheid sagt. Die Gewerkschaft schickte Arbeiter, mit denen Brecht arbeitete. Um anderen Arbeitern die Arbeiterschauspieler nicht vorzuenthalten, kaufte die Gewerkschaft das Premierenkontingent auf und verteilte die Karten. Die Kollegen steckten die Karten ein und verzogen sich in ihre Kneipen. Die Arbeiter auf der Bühne spielten vor einem leeren Saal. Der Maschinenaufwand, auf begleiteten Schwertransportern über Autobahnen herbeigeschafft … solide Mundartvirtuosen an Schlagbohrern im Rohbau, bedächtig an Schaufeln Gelehnten, zielgenauen Lastwagenrückwärtsfahrer … wir sind so verkehrt als Künstler, dass die ethnische Differenz gar nicht mehr ins Gewicht fällt. Kurz gedenken wir jener, die am Rand der Ausfallstraßen sitzen gelassen wurden. Heute nicht benötigte Polen.

Plötzlich war alles da. Am Ende des 18. Jahrhunderts legte die Menschheit ihre räudigen Pelze ab und ging als Renaissance-Erscheinung unter die Leute. Sämtliche Gegenstände der Literatur wurden erfasst und in Form gebracht.

„Wer ist unser Hölderlin? Wer Schiller?“, fragt Jiménez aufgebracht. Das Bürgerliche kreißt im Tanzsaal der toten Seelen vulgo Gernegroß. Schiller wollte die verworfene Welt gerade rücken auf dem Theater. Er war im falschen Bett geboren und fühlte sich von Standesschranken düpiert. Er war ein mit Schreibverbot belegter Flüchtling.

„Wer Büchner? Wer Lenz?“ Das ist die Frage nach dem neuen Menschen und seinem Ideal. Sturm und Drang war Rock´n`Roll, es wird geraucht wie unter militärischem Zwang. Jiménez begrüßt Bridget Rose. Rose saß zwölf Jahre im Armagh Frauengefängnis. Sie ist Engländerin und unterrichtete Philosophie, bevor sie den bewaffneten Kampf gegen die Briten in Nordirland aufnahm. Für Jiménez ist Rose „die Frau im Widerstand“. So soll die erste Kanak-A-Movement-Kampfschrift heißen. Jiménez betreibt Terrortourismus mit Pepe im Schlepptau. Sie besucht Kombattantinnen überall auf der Welt, doch Rose wollte lieber zu einem Vortrag eingeladen werden. Sie entstammt einer Offiziersfamilie, man hatte ein Gut in Devon, ein Haus in Chelsea, eine Loge in Covent Garden und ein französisches Kindermädchen. Mit achtzehn wurde sie ihrer Königin vorgestellt. Rose studierte in Oxford. Sie promovierte über Wittgenstein, arbeitete für die Vereinten Nationen. Ende der Sechziger folgte Rose einer Einladung nach Kuba. Sie radikalisierte sich auf einer Kakaoplantage und schloss sich nach ihrer Rückkehr der IRA an. Sie verliebte sich in „den schönsten Mann der IRA“, die Hochzeit fand im Gefängnis statt. Man entließ sie 1983, seither tritt sie als Sinn Fein-Aktivistin auf. Rose bereut nicht, sie sagt: „Es gibt drei Feinde: die Engländer, der Machismos unserer Führer und die Unwissenheit der Kämpferinnen.“

3. Januar 2017

Boule um halb zehn

Zur Erinnerung: Der unsterbliche Stonewall Thunderbolt zeigt sich in der konkreten Gegenwart als hess. Förster und Sicherheitsbeauftragter der Sport- und Literaturgemeinschaft Abschaum aka Nordend-Kanakstar-Lauf- und Lerngruppe (NKLL). Das Chapter vertritt Kanak-A-Movement in Frankfurt am Main. Es hört auf das Kommando von Nihan Jiménez, laut FAZ: Deutschlands schönste Lunte am Explosivkörper Migration (und Absolventin der Ernst-Busch-Schauspielschule). Ihr unterstehen auf der Leistungsteamebene Feridun Zaimoglu, Finnland Orkan, Pepe Sarrazin, Karl May so wie die Halbbrüder Hannes Fleckenstein und Goya-Tecumseh Hesselbach.

„Wo ist die Garderobe?“ fragt Stonewall Thunderbolt.

Eine Garderobe gibt es nicht im Gernegroß und auch keine Nummern auf Stühlen. Das erklärt Friede dem Mann. Direktor Norbert Nasenschweiß parfümiert seine Begrüßung, da steht Stonewall Thunderbolt so markant wie Sidney Poitier. Nasenschweiß gründete das Gernegroß, als Avalon noch nicht mythisch war im Tanzsaal der Burg ohne Namen. Nacht für Nacht wird der Spielplatz zur Suppenküche für Späteinkehrer. Erst splattert eine Show die Bühne, dann kommt einer mit dem Besen. Man klappt allerhand zu und stellt die Stühle an die Wand. Die Wurst bleibt auf dem Tresen. Freunde des Hauses laufen auf, der Künstler des Abends packt endlich seine Sachen. Zum Glück wohnt er in Mainz und muss die Bahn kriegen. Er geht noch mal kurz, vermutlich absichtlich daneben, die Klappe unter der Konstabler Wache ist seine nächste Station. Die Eingeschweißten prüfen sich gegenseitig in Verfassungstreue. (Sie beten das galaktische Taschentuch und den heiligen Aschenbecher an.) Jemand dimmt das Saallicht an einem Schalter namens Slave. Jetzt ist keiner mehr aus Versehen im Raum.

Nasenschweiß kehrt drehorgelig den Gastgeber heraus. Er drückt dem Gebrechen am Tresen einen Freibankstempel auf. Das heißt, ab in den Leichenschauraum und lasst euch heute nicht mehr blicken. Nasenschweiß bittet Friede da noch einmal zu fegen, wo gerade noch traulich der Dielenboden berieselt wurde. Ist an sich nur menschlich, aber nicht mit Stonewall Thunderbolt im Haus.
Die Greise auf der Galeere ihrer Tageslichtverpflichtungen sind von Friedes Verabredungsgenauigkeit eingenommen. Freitags und samstags arbeitet die Altenpflegerin am Gernegroßtresen. Stonewall Thunderbolt gibt Hut und Mantel bei ihr ab. Die Gegenstände hat der Herbst rau angefasst. Merlot singt ein Bedürfnis, dass im Ernst nicht Kokain und Rum befriedigen kann.

Um ihr klar zu machen, wen sie zu bedienen hat, erklärt Nasenschweiß: „Für diesen Herrn muss das Glas her, aus dem zuletzt Zorro selbst trank.“
Friede schmeißt den Mantel unter das Zwillingstiefbecken zu den Putzdingen. Der Hut (mit seinem Seidelbastschmuck) begattet die Espressotassen auf der Kaffeemaschine. Die Kaffeemaschine spricht über Kadavergehorsam, es hört ihr keiner zu. Friede nimmt Zorrros Glas aus der Vitrine, es macht sich unauffällig in ihrer Hand. Sieht aus wie jedes andere so ziemlich. Noch einmal spülen, der Mond ist doch jede Nacht ein anderes Nashorn. Friede hat das Wort vergessen, das eben noch so witzig, um unbedingt auf die Tafel unter Angebote der Woche, die bejubelten Restposten, hochstaplerisch angepriesen als Sensationen aus einem italienischen Rodgau.
Die Tafel hing früher im Horizont. Wer weiß das noch?

Das beliebteste Theater des viktorianischen Zeitalters waren Hinrichtungen. Das Publikum parodierte Überseeweisen, die Dschungelmusik jener Epoche, nur ersetzte man zum Beispiel Susanna mit dem Namen eines Delinquenten. Man drosch aufeinander ein, da war kein Marsyas, der einen Sieg einfach zu verschenken die Selbstvergessenheit besessen hätte. Die Gauner organisierten sich gemäß der Zunftordnung. Die Arbeiter hatten sich für Gin dem Kapital ergeben. Stonewall Thunderbolt fährt seine Extremitäten aus. Er kollidiert mit Goya. Über dem Tresen jaulen Triebwerke. Frankfurt wird pausenlos überflogen. Ein Flugzeug kriegt die Kurve nicht. Kriegt sie doch. Die Maschine schraubt sich nur noch einmal in den Himmel. Als kosmischer Dübel sieht der Himmel fabelhaft aus. Der letzte Zitronenfalter gibt sich dann auch noch die Ehre.

Ach so, das Dach ist abgedeckt. Ein Sturm hat es bis zum Unfallkrankenhaus mitgenommen.
„Mehr Merlot“, verlangt Stonewall Thunderbolt.
Friede verteilt Decken, dann beeilt sie noch mal vorsichtshalber. Eine Klingel zitiert Säumige auf ihre Plätze.
Goya beobachtet den Himmel im Ausschnitt und die Ausfahrt der landing flaps. Wie die gespreizten Flugfedern einer landenden Krähe verbreitern sie Tragflächen. Sie ziehen sich wieder zusammen, der Pilot startet durch. Das Flugzeug heult auf. Viele Passagiere können nicht an sich halten und veröffentlichen schreckliche Befürchtungen. Man vernimmt das Geschrei im Himmel. Wie mit Schaufeln geschlagen, fühlt sich Goya. Dabei wird er von Stonewall Thunderbolt nur angefasst.
„Fabelhaft.“
Das kann sich auf die Vorstellung nicht beziehen, vor ihrem Anfang ist noch nicht alles zu Ende. Die Technikerkanzel ist noch gar nicht besetzt.

Im Kampf gegen Rassismus und Kolonialismus entspricht es einer Kulturtechnik, negative Begriffe umzudeuten und ihren aggressiven Kern neu zu adressieren. Nach Frantz Fanon löst dieses Verfahren dann eine Krise aus, wenn das – in der kolonialen Perspektive – minderwertige Subjekt sich mit den Mitteln der „überlegenen weißen“ Zivilisation zu verbessern, Fanon sagt, zu maskieren versucht. Dagegen richtet sich die Négritude.
Auch sie operiert mit Umdeutungen, erkennt aber im europäischen Standpunkt keine positive Referenz. Folglich findet sie darin (angeblich) auch kein neurotisches Potential.
Die Emanzipationsformel stammt von dem 1913 in Basse-Pointe auf Martinique geborenen Aktivisten Aimé Césaire. Die Theatralisierung eines Gedichts, das 1939 als Schlüsseltext der Négritude entstandene Cahier d’un retour au pays natal, hat heute Premiere – in der Regie von Hannes.
Jiménez diktiert einem Freien der Frankfurter Rundschau: Wir sind die Goten, ihr wart Rom. Unsere Angriffe auf bewährte Muster zur Bewältigung von Differenzerfahrungen liefern der politischen Kunst neue Gegenstände.
Jiménez zieht eine Schau zwischen Bauchtanz und Headbanging ab. Sie ist die Angela Davis einer „Rebellion der Minderheiten“. Bei dem regional divers gerahmten, polylokalpatriotischen Aufstand mag weltweit mitmachen, wer will. Es kommt sowieso die Internationale der Blinden und Lahmen zu spät. Es kommen die Nachhinkenden und die Verhedderten. Die Sprachlosen im Wickelkleid eines Jargons oder einer fixen Idee. Sie verbreiten den üblichen Muff, in der Hoffnung auf Erlösung sind sie schon überall gewesen.
Deutsche erfinden zurzeit polnische Großmütter, um als Lamentoparasiten bei Jiménez’ Karneval der Kulturen ethnisch en vogue mitmachen zu können. Keinem fällt auf, wie dicht die völkische Selektion an der Rampe vorbeisegelt. 1976 selektierte die Rote Armee Fraktion Juden auf dem Flughafen von Entebbe wie ihre faschistischen Väter auf der Rampe von Auschwitz. Im Augenblick hebt und senkt Jiménez den Daumen. Seufzt sie antiimperialistischer Schutzwall, tritt Assistent Hannes seicht über seine Ufer. Sie singt Kampflieder auf dem Klo und meldet sich mit Rotfrontgruß zurück. Abla (ältere Schwester) lullen die Kombattanten, Jiménez versteht Abla als Rangbezeichnung. Herzlich wie eine Hitlerjugendführerin spricht sie von ihren Jungens und Mädels.
Ethnische Differenz als Eintrittskarte – Jiménez erklärt allen, was sie denken sollen. Sie will den Cumshothagel der Erkenntniszuwächse, die Turbo-Soziologie und das Cap Canaveral des psychoanalytischen Deutungsdschungels. – Marxismus mit Einheitsschnitt, invasiven Feminismus, Gruppenzwang und Geburtenkontrolle. Die Fusion von Marxismus und Psychose im Geist der Polytoxikomanie. Leute, die sonst nie ins Theater gehen, sind in Erwartung einer politischen Veranstaltung gekommen. Die mediale Politikdarstellung ist so theatralisch personalisiert, dass eine Schauspielerin dem Ideal näher kommt als jede Parteigängerin. Massenmedien liefern dem großen Theater der Legitimation die Bühnen.  
Es gibt keinen Wettbewerb der Systeme mehr. Konkurriert wird auf dem Feld der Scheinereignisse und der symbolischen Handlungen. Außerparlamentarisch kriegt neue Bedeutungen. Man füllt einen Raum mit Leuten und sagt: Ihr seid das Parlament. Was jetzt passiert, ist Politik. Eure Bedürfnisse legitimieren euch.
Stonewall Thunderbolt schwenkt tätlich aus. Rumms, das sitzt. Ein Hämatom in nächster Zukunft. Zack. Was hat der Mann lange Arme, Goya tauscht seinen Platz mit einem leeren Hocker. Friede räumt den Tresen bis zur nächsten Ausfahrt vulgo Wurstwanne. Stonewall Thunderbolt entdeckt Steffi in einer auf Taille getrimmten, Mieder und Rüstung raffiniert zitierenden Jacke. Mit ausgestellter Aufmerksamkeit verfolgt sie die Einstimmung. Enorm intensiv findet Stonewall Thunderbolt die Chefin der Ugly Casting Agentur Hackfresse. Er rumpelt gleich mal hin, vorstellen muss er sich nicht. Sogar an der Copacabana hat ihn ein Milcheisfachverkäufer schon einmal mit einer lokalen Größe verwechselt. So ähnlich sieht Stonewall Thunderbolt der Bedeutung an sich. Er schubst den links von der Dame vom Stuhl. Die Höflichkeit gebietet ihm zu sagen: „Das ist mein Platz. Fragen Sie das Fräulein mit dem pavianösen Steiß s´il vous please, Sie Arschloch.“
Steffi zupft an sich herum. Sitzt alles tadellos. Zur Abwechselung wendet sie sich dem rückwärtigen Publikum zu. Stonewall Thunderbolt schließt die Augen. Die Atmosphäre im bis auf den letzten Stuhl bemannten Raumflug soll ihn wie eh und je gefangen nehmen. Er ist so ein Kunstgenießer.
Die Flugzeuge donnern weiter, das Gernegroß steckt in einer eisernen Klammer der Konzentration. So muss sich das nach dem Krieg angefühlt haben, als man mit Kohlen ins Theater. Im Tross des Russen war auch Sibirien angekommen. Die Leute klatschen, man scheint sich inzwischen sicher zu sein, dass die Veranstaltung angefangen hat. Folglich passt die Pause vorzüglich ins Bild. Manche vermuten den Abtritt im Kassenhäuschen, Steffi verzieht sich. So wie es Stonewall Thunderbolt im Dschumm der zweiten Halbzeit sieht, hat das Gernegroß nie ausgesehen. Die gewölbte Decke mit den Segeln, die verschachtelten Tribünen, schwebenden Treppen und Brücken, die versetzten Wände und Balustraden: gibt es nicht an Ort und Stelle.
„Cahier d’un retour au pays natal verwandelt Césaires Kindheit auf einer französisch kolonisierten Antilleninsel in einen poetischen Gegenstand. In der Deklamation entsteht ein finsterweißes GegenIch“, formuliert der FR-Freier aus dem Gelenk.
„Willste noch Merlot?“ fragt der Direktor den Förster. Nasenschweiß sitzt auf dem Platz der Dame von vorhin. Friede bringt Merlot, für jeden eine Flasche, also drei. Wozu hat der Mensch vier Arme? Friede war mit den Gernecrossies auf Betriebsurlaub in Berlin. Herausgefordert von Nasenschweiß’ engstirniger Weltläufigkeit, wagt sie einen knappen Städtevergleich. Nasenschweiß fährt ihr über das Gesicht. „Berlin kann jeder, Frankfurt, das ist die Kunst.“
Stonewall Thunderbolt sagt Merlot.

Im Blaumann führt ein Obdachloser seine Tüten aus wie andere Leute kleine Hunde. Er hat die Tüten nach Farben sortiert, manche sind gefaltet. Der Blaumann erinnert an verdienstvolle Zeiten, sein Träger wirkt intakt und aufgeschlossen. Ach so, er hat einen Ast im Anschlag, mit dem er in Mülleimern rührt. Er sichtet totalitär. Er sorgt für Furore unter den Dingen.

Am Wochenende werden alle Eimer von Beuteln belagert. Lauter blauweiße Atolle, bewohnt von Picknickgabeln, Pizzamist, Geflügelkleinverpackungen, Blaumann ist nicht allein auf weiter Flur. Er beschwört eine wabernde Magdalena, sie schiebt sich an einem Rollgerät vor. Ihre Miene feiert das Leid. Goya verlangt von Tanja Aufmerksamkeit für die Kuriosen. Blaumann verliert Tüten. Das sieht so aus, als würden sich die Tüten selbständig machen, als hätten sie die Nase voll von Blaumann. Rabauken weisen Blaumann auf seine Verluste hin, er bedankt sich und bezähmt so oder wie auch immer natürliche Bösartigkeit.

Gräber ohne Gott im Rücken, Goya und Tanja sind auf dem kommunistischen Friedhof, wo religiös ungebundene Freiheitskämpfer liegen. Der Rücken des Günthersburg-Ballhauses ragt wie ein Mausoleum auf. Die Grabsteine sehen christlich aus, die Inschriften sind aber kernig.

Tanja bleibt vor jedem Stein stehen, das findet Goya bedenklich. Ihr fällt ein Ball zu, sie spielt Goya an. Kinder nehmen den Ball zurück, ihre Blicke zeigen deutlich, wie sehr sie an der Welt zweifeln: angesichts solcher Erwachsener. Tanja sagt etwas zu ihrer Entschuldigung, das soll sie lassen, eine Frau hält ein Mädchen ab, das schon schulpflichtig ist. Die schwarze Hand des Nordends (Kurt) kommt aus dem Wurstwagen und pisst mit lautem Behagen in die Landschaft. Goya könnte grüßen, will sich aber keine übertriebene Freundlichkeit nachsagen lassen. Tanja findet Kurt interessant, das ist typisch.

Der Strand nimmt seiner Umgebung immer mehr Raum ab. Die Nachtspieler rücken auf – Boule um halb zehn. Gitarristen fangen mit amerikanischer Volksmusik an. Goya hört einen Film, er sieht eine Kirche, Weiße in der Landwirtschaft, Männer vor einer Mine und den Samstagabend mit gewaschenem Hals in Vorfreude auf ein Tanzvergnügen.

Von Zeit zu Zeit bringt Goya Tanja ein hessisches Wort bei. Tanja hat es bei Gelegenheit akkurat parat zu haben. Er fragt wieder ein Wörtchen ab: „Fußbank auf hessisch?“

„Schawellche“, antwortet Tanja fix. Sie war im Hindukusch, sie hält mit keiner Ansicht hinter dem Berg. Goya behält den Überblick, indem er listig seine Wörter in Umlauf bringt und auf die richtige Aussprache achtet.

„Bon“, sagt Goya. Die Dinge entwickeln sich.

Sie reden über das Facial Action Coding System, Kurt hat seinen Wagen dicht gemacht und sich zu den Eingeschweißten gesetzt. Im Gebietsjargon ist er gerade aus der Wurst gekrochen. Goya achtet auf Kurts Zygomaticus major, diesen Lügenbaron unter Muskeln. Facial Action Coding stellt Kurt mehr oder weniger als seine Erfindung dar, mit schönen Grüßen von Truth Wizzard und Darth Vader. Germanen-Gero spielt sich wie ein Räumfahrzeug in die Runde, von ihm bezieht Kurt die Wurst. Geros Eltern hatten eine Metzgerei in der Rohrbachstraße, der Laden ist heute ein Blumengeschäft.

Paula lehnt sich an Gero, Bruno beobachtet seine peinliche Mutter. Die Nachtspieler rufen das Kind zum Boule. Sie rufen in Sorge um Bruno, doch ohne Zorn auf Paula. Paula ist als Kranke anerkannt.

Stunden später, das Paar rollt auf die Rohrbachstraße, vor dem Backstage stehen Männer, vertieft in ein Gespräch ohne Sperrstunde. Goya schnappt zwei Sätze auf.

„Aber viele haben doch bezahlt.“

„Was sind schon viele?“

Eine Entgegnung aus der Schmiede des Suffs. Sie gefällt Goya so gut, dass er sie einsteckt.

Tanja beseitigt den letzten Zeugen einer vergangenen Aufbruchsfreudigkeit. Sie schmeißt ihren Rucksack fort, das Ding hat multifunktional wie der Sattel als Kopfkissen im Straßendreck von Kathmandu gelegen. Goyas Freude über das Einnistende der Maßnahme nimmt sich Zeit. Der Unmut ist sofort da, als Tanja die Schublade aufzieht, in der Goya Streichholzschachteln versammelt. Tanja hält Streichhölzer für Gebrauchsgegenstände. Sie merkt sich die Geschichten der Dinge im Museum nicht. Einen ausrangierten zur Dekoration abgestiegenen Bembel hat sie wieder in Dienst gestellt. Jede Veränderung findet Goya verkehrt. Nie würde er den Bügel belasten, der aus der Zeit des Friedberger Pensionsbetriebs Hesselbach (bis 1934) stammt. Lange existierte der Bügel strikt gesondert von den anderen. Jetzt hängt er mit Hinz und Kunz zusammen.
Goya nimmt Tanja das Neunzehnhundertvierundfünfziger-Merkblatt zur Berechnung von Mist- und Jaucheanfällen (pro Jahr) weg. Auf der Seite der Kühe fiel damals zu etwa dreißig Prozent Festmist an. Der Rest der Ausscheidungen war Flüssigmist. Mit hegenden Absichten und nicht wenig verdrossen wirft er sich auf seine Grundig-Tonbandmaschine, gebaut im Jahr von Spinning Wheel als Ghettoblaster für den Mittelstand. – Annonciert einst als restaurierter TK 147 de Luxe mit automatischer Bandendabschaltung im „Auftritt“.

28. Dezember 2016

Der Bembel ist politisch

Die Geschichte als Wurst im Darm von Hauptsache heftig

Am Anfang noch und doch schon im Herbst, die Äpfel sind aufgeschüttet, sagt Tanja: „Du musst mich nicht jedes Mal fragen, wenn du Bock hast.“

Der Süße aus der ersten Pressung bekommt ihm nicht, so express nach dem Milchkaffee im Hänschenklein. Das Fenster zum Hof schließt nicht, der Haken rotiert vor dem Nagelkopf. Goya hört den Gesang des Keilriemens und die Litanei im Trichter der Apfelmühle. In zu großen Gummistiefeln mühsame Schritte matschen ein Galeerengeräusch. Otto Wundersamen jun., genannt der König, spricht vom Notstand in der Latrine. Die Ansprache trieft vor Verachtung für das kleine Licht im Klo der armen Leute. Königlicher Dünnschiss bekäme jederzeit eine Audienz in den gediegenen Verhältnissen des ersten Stocks. Da sagt kein Namensschild den Bewohner an. Dass weiß man, wer da wohnt, es sei denn, man weiß gar nichts.

Die Verachtung kommt aus der Verachtung. Sie regelt den Verkehr im Haus. Das Haus war eine Burg im Mittelalter und heißt so noch frei von Zusätzen. Der erste Burgherr war ein Freiherr von Eulburg. Sein Name überlebte architektonische und eigentümliche Neuordnungen. Mochten die nachrückenden Leute schließlich wie Jedermann Schuster oder Ritter nur heißen, sie wohnten doch immer noch in der Eulburg an einer markanten Stelle der nordwärts ausgreifenden Stadt Frankfurt am Main. Schon im frühen 19. Jahrhundert erinnerte nichts mehr an die ursprüngliche Wehrhaftigkeit der Anlage. Alles Vorzügliche oder auch nur Bemerkenswerte wurde ihr immer weiter weggenommen, bis zu dem Tag, an dem auch das Eul als Namensvorteil und Hinweis auf einen alemannischen Landstrich wegfiel. Übrig blieb ein allseits bekannter Kasten mit schrumpeligen Anbauten, geradezu explizit nebensächlich, für manches im Jetzt dieser Geschichte abgestorbenes Handwerk. Übrig blieb eine Gaststätte und hinzu kam ein Theater, das von Norbert Nasenschweiß im träumenden Tanzsaal gegründete Gernegroß.

Viel zu viel Milch war in dem Milchkaffee, den Hans Bornemann persönlich geschäumt hat, weil die Frühschicht zu spät. Schon wieder, muss man sagen, noch verquollen vom Feierabend, der vorhin erst zu Ende gegangen war. Das lief auf die Vorformulierung einer Kündigung hinaus, in aller vorsichtiger Beiläufigkeit. Bornemann trägt einen Panther verblichen auf dem Arm. Goya hatte noch einen Blick in die taz geworfen.

Das wissen alle, die im Nordend von gestern sind, wenn die Zeit gekommen ist, dann steht Goya in der Burgkelter. Das alte Betriebsfleisch, die Erben und Professoren und die vor der Rente stehenden Angestellten in ihren besten Jahren wissen das. Ihre Verdrängung nehmen sie kaum wahr. Die Abwärtsbewegungen in der Nachbarschaft haben aber ihre Genauigkeit.

Goya schaufelt wieder Äpfel in die Bütte. Die Mühle zerlegt sie seufzend. In dem Geruch der Maische ploppt schon die Hefe. Schon lange kommen keine Leute mehr, um Süßen direkt aus der Kelter zu holen. Selbst für Folklore taugen die Prozesse der Apfelweingewinnung nicht mehr. Die Hände schwitzen in den Haushaltshandschuhen, dem Kollegen Mandelstam kommt der Schwung abhanden. Mandelstam ist gleichfalls Geburtsfrankfurter, er fühlt sich dem König verwandt. Diese Illusion deutet Goya als Herkunftsprodukt aus heimischer Fantasie.

Mandelstam keltert zum ersten Mal, obwohl er schon zehn Jahre im Dienst der Burg steht. Er weiß nicht, was das zu bedeuten hat, aber Goya weiß es.

Kelterarbeit wird schlechter bezahlt als Küchendienste. Das hat Tradition und bedarf deshalb keiner Erklärung. Das waren noch Zeiten, als man nach einem Tag in der Kelter der Mamba am Stammtisch vor allen Leuten die Hunderter hingeblättert hat, während die Liebhaber einer volkstümlichen Lebensweise ihren kargen Lohn erst am Wochenende und erst nach nochmaligem Nachfragens, eher doch Bittens, warum nicht Bettelns so nachlässig wie möglich ausbezahlt und in die Hand gedrückt kriegten.

Die Verachtung schoss mit der Muttermilch auf das weiche Ziel des Säuglings. Sie wohnte mit den Leuten zusammen wie Schwamm im Gebälk. Sie saß fest im Sattel der Verhältnisse, die ganz natürlich nach Gärung rochen und nach Fremden, die sich willkommener fühlen sollten als der Sohn. Den Fremden wurde in der Burg eine Unbefangenheit empfohlen, die sich Michael Wundersamen nicht leisten konnte. Die Fallen der Verachtung waren zahlreicher als die Mausefallen. Kein Wort davon vor den Gästen. Die Großeltern fielen im Kampf ums gastronomische Dasein, bevor Michael alt genug für die Einschulung und eine abkürzende Amerikanisierung seines Namens war. Mit ihnen verabschiedete sich ein mildes Element. Etwas Mäßigendes. Der Vater fand an seiner Arbeit keinen Gefallen, er verrichtete sie wie einen Frondienst. In seinen öffentlichen Stunden verbarg er sich in dem alten Militärmantel Jovialität. Er musste seine Gäste heimlich verachten. Für sein Amt war er bei Weiten zu ungesellig. Er warf sich vor, einen Versager gezeugt zu haben. Er forderte auch von seiner Frau einen hohen Preis für den geheirateten Wohlstand. Kein Kellner blieb bei ihm. Sein Zustand war die Erbitterung.

Der König isst mit Goya und Mandelstam zu Mittag. Er schmatzt vor Behagen und Unachtsamkeit. Er hat ein Alkoholverbot für seinen Knecht ausgesprochen, deshalb trinkt Mandelstam Malzbier. Es steckt Entmündigung darin, der Geschmack eines fremden Willens, der beherzt aufreitet. Für Mandelstam ist das eine Ungerechtigkeit. Er zählt sich zu den Vorgesetzten. Zu seiner Legende gehört die Geschichte von der knapp verpassten Geschäftsführerschaft. Mandelstam war nie als Geschäftsführer vorgesehen, Goya weiß das aus erster Hand. Er zapft ein Bier für sich, Mandelstam ist ein Knapp-vorbei-Mann in allen Hauptrollen, die das alte Nordend zu vergeben waren. Alt in der Perspektive von Vierzigjährigen. Die Vergangenheitsform wirkt sich wie Zement aus. In der Gegenwart dieser Geschichte sind alle Verfehlungen endgültig. Paula maust als Putzfrau hinter das Burgbuffet. Drei Jobs und kein Einkommen: die Nachbarin agiert auf der Kommandobrücke des Königs. Von da hat man die Welt im Blick. Wer mehr für möglich hält, ist ein Spast oder eine Schlampe. Grundsätzlich sind alle Frauen Schlampen, die für ihren Lebensunterhalt so arbeiten müssen wie Paula.
Über der Burg zieht sich der Himmel spastisch zusammen. Der König spricht mit Mandelstam über Kühlschränke, der Sonnenuntergang des Abendlandes ist beschlossene Sache im Fleischwolf des gesunden Volksempfindens. So geht es zu in der Welt. Und anders geht es nicht. Die Welt besteht aus einem Schankraum und einem Saal. Sie besteht aus Gängen, Zufahrten, Randzonen, Abstellkammern, Kühltruhen und Katakomben. Goya kehrt zurück zu den ungarischen Äpfeln, die nach hessischer Landschaft duften, so abgerundet und lieblich wie die Wetterau. Er redet mit Tanja in Gedanken. Der Wille, eine Familie zu werden, arbeitet in ihm. (Tanjas Eifersucht steht auf einem Extrablatt. Sie ruft zwanzig Mal am Tag an, war selbst aber schon zweimal nicht zu erreichen, mit fadenscheinigen Erklärungen und ein paar Juwelen der Unverständlichkeit auf Nachfrage.)

Traktors Porsche steht vor dem Haus, das stimmt Goya heiter. In ein paar Monaten wird Traktor sich hinter Goya bei den Nieten einreihen, die Sprotte blind gezogen hat. Goya wird dann noch viel weiter vor ihm in der Reihe stehen, verheiratet vielleicht schon mit Tanja, aber verliebt bestimmt für immer in Sprotte.

Tanja entscheidet sich für die kurze Jacke mit dem Verschlussdefekt. Sie beschallt den Raum ihrer Vorbereitung mit Element Of Crime. Goya und Tanja wollen zu Santana in die Festhalle. Geilheit durchkreuzt den Aufbruch. Bloß nicht fackeln. Schon streckt Tanja ihre Arme zur Kante, wo ein Rahmen sein könnte. Das ist auch so eine Sache, Goya glaubt, dass Tanja sich gerade etwas vorstellt, was in ihrem Leben mit ihm nicht vorkommt.

Tanja redet über die Eltern der Earth Tones. Sie verwandeln ihre Enttäuschungen in Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit wie eine Sichtblende kaschieren soll. In „Microsklaven“ spielen Armutssubkulturen keine Rolle mehr. Geeks arbeiten für viel Geld als Spieleentwickler. Sie träumen davon, mit ihren Rechnern sprechen zu können.
„Geek impliziert Geld, schreibt Coupland“, sagt Tanja. Sie gibt dem Schoss die Hände. Sie errichtet sich nach Maßgabe ihrer Rückenschule. Sie verblasst hinter ihren spiraligen, von Heilserwartungen angetriebenen Erzählungen. Sie handeln von einem gottgleich richtenden Vater, seltsam in das Leben der Schwester eingreifenden Brüdern, ganz anders gearteten, spießig geborenen Schwestern und kollernden Kleinstadtgestalten so wie von scharf geschnittenen Liebhabern.
Leute der konfessionellen Fürsorge tagen im Hof, die Sozialarbeiter sind Drogenexperten mit Drogenproblemen, fragt man Goya. In seiner Lesart des Lebens ergänzen sie den Frankfurter Bodensatz mit ihrer abstaubenden Art. Das Paar sitzt beim Mensch-ärgere-dich-nicht auf dem Balkon, der vegane Hund der Steuerberater erscheint in Begleitung von Kindern aus dem Haus, sie gehören zu der deutsch-isländischen Familie im vierten Stock.

Goya kehrt zum Schreibtisch zurück. Mit der preußischen Annexion Hessens konnte sich mein Vater unmöglich abfinden, liest er in den Erinnerungen des Försters Freisiedel. In alten Büchern findet man Wetterbeobachtungen auf Schmuckbögen. Einen im Streik ausartenden Widerstand der Bauern gegen Spanndienstverpflichtungen wusste Landgraf Friedrich II. zu brechen.
Die kurhessische Landesgeschichte ist Goyas Steckenpferd, das Auf und Ab einer feudalen Gesellschaft, die in der weiten Welt keine große Rolle spielte. Durch die Jahrhunderte nicht klein, nicht groß und dann kamen die Hohenzollern. Vielversprechend sind Archive, von denen sich seit Jahrzehnten keiner mehr etwas versprochen hat. Kirchenbücher. Auswanderungschroniken. Hofmiseren. Dass zwei zusammen waren in der Schutzbehauptung gemeinsamer Bewirtschaftung könnte ein Beispiel für Homosexualität in bäurischen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts sein.
Falls es das nicht gibt im Nachweislichen, kann man es doch gut und gern erfinden. Goya studiert in der Küche, die Schreibplatte liegt genauso hoch auf ihren Böcken wie die Anrichte mit den Becken an der Wand klebt. In einer Fensterecke gründen Fliegen eine Kolonie.
Der vegan ernährte Hund aus dem vierten Stock kratzt sich lauthals im Treppenhaus. Die Briefkästen scheppern.

Freisiedel erwähnt Adam Ludwig Ochs, Generalmajor im Dienst Friedrich II. von Hessen als Vorfahren eines Vorgesetzten. Gern wäre Ochs zu den Preußen gegangen, 1802 wurde er in den Adelsstand erhoben. Er kämpfte in Amerika und starb als Baron in der Heimat … Hannes meldet sich, mit Indiskretionen dementiert er üble Nachrede. Die lebenden Fossile entlassen den falschen Fleckenstein nicht aus seiner Rolle als kindlicher Klugscheißer. Der Hesselbach-Fleckenstein’sche Nachwuchs wurde alle Zeit wie im Dressurwettbewerb vorgeführt, bei jeder Matinee im Hessischen Rundfunk und auf sämtlichen Volkstheaterpremieren. Man bläute ihm Bedeutung ein, bis die Bedeutung jedem zu Kopf gestiegen war – und ausgerechnet der Bastard anfing, dem Oberbürgermeister Ratschläge zu geben.
Goya vernimmt die ewige Klage. Die gemeinsame Halbblütigkeit trennt ihn und Hannes vom Glutkern epochaler Sippenzugehörigkeit. Goya kann sich Schlimmeres vorstellen, aber Hannes erlebt den leiblichen Vater nicht als Pfadfinderführer auf einem Sonderweg, sondern als biografische Belastung. Er sortiert Wayne zu den heroinsüchtigen Ex-GIs, die mit ihren ergrauten Beatschuppenbekanntschaften in höhlenartiger Abgeschiedenheit von dem weißen Mittelstandsverkehr existieren.

Für Goya ist das Nordend nur formal ein Viertel in Frankfurt und viel mehr ein Dorf mit eigener Regierung. Die Regierung tagt in der Burg und hält das Gesetz hoch. Das Gesetz schreibt vor, wie man zum Apfelwein geht. Es bestimmt die Beziehungen der eingesessenen Familien. Es unterscheidet zwischen evangelisch und katholisch. Paula hat den „Geburtsfehler“ katholisch zu sein.

„Die mit ihrem faulen katholischen Arsch“, sagt Tante Franz, ansonsten viel beschäftigt mit Herzensgüte und in Angelegenheiten der Gemeinde. Simons früh verwitwete Schwester summt wie ein Bienenschwarm in leidenschaftlicher Haushaltsführung. Was sich alles nicht schickt. Sie erzählt von dem in Amerika geparkten Spross eines afrikanischen Potentaten. In Semesterferien besucht der Sohn seinen Papa. Umgehend übernimmt er eine Staatsgang, zieht in den Busch und mischt die Bevölkerung so auf, dass man ihn mit Spezialkräften aus dem Verkehr ziehen muss. Ohne Vorlauf gleich mal ärger als der Alte.

„Wie kann das sein? So ein Popcorn-Boy aus Massachusetts, der in den großen Ferien und zu aktuellen Liedern Leute lyncht?“

Der zeitgenössische Zivilisationsbruch. Einerseits die abwaschbaren Oberflächen der Plastikwelt und andererseits und doch gleichzeitig die paradiesischen Verhältnisse einer erst einmal ruchlosen Terrorpraxis, die man, nicht unbedingt mit guten Gründen, älteren Epochen zuordnet – ein ganzes Land als Ballerspielplatz.

Franz nötigt Tanja zu noch mehr Torte, einem dreistöckigen Schokoladengewitter. Mit ihrer Schwester Toni und Schwägerin Marian tauscht sie sich über „hauchdünne Echtlederunterbrustkorsagen“ aus, verliert den Faden und stolpert über die nächste Unschicklichkeit.

Drei Sätze in den blauen Dunst von Ernte 23 und man ist beim Thema. Wer mit wem vor allem damals. Als die Schwestern noch blutjung und kaum eine Ahnung. Aber die Soundso schon. Und jetzt macht die Dirne auf Dame, wie lächerlich und geradezu. Franz und Toni können vor Verachtung glühen. Jedes Urteil nimmt sie aus.

Valerie und Babu streiten in geschwisterlichem Einvernehmen vor Jims Kneipe. Tanja dekoriert den Kneipentürrahmen mit ihrer Ausgelassenheit. Müßiggänger bleiben an ihr hängen. Jim gerät immer wieder in sagenhafte Schwierigkeiten, dann finden im Nordend Verfolgungsjagden statt. Er räumt Stühle und Schirme zu Tischen auf dem Bürgersteig. Ein Stammgast geht in den Service, Jim nennt das Erlebnisgastronomie. Er verkauft original irisches und schottisches Wasser, angeblich um aus einem Whiskey mehr Geschmack zu heben. Man kann bei Jim gigantische Zechen machen, seine Kneipe ist voller seemännischem Abfall. Goya glaubt, dass Jim Leitungswasser mit interessanten Etiketten als Quellwasser anbietet. Ohne ernste Absichten wünscht er sich einen Mangel, dem man nicht sofort mit einem Taxi entkommen kann. Tanja erzählt dem Wirt: „Von Leitrim bis Limerick klapperten wir die irische Westküste ab. Roger ließ nichts aus. Kein Konzert, keinen Wettkampf. Jemand sagte Tango und Roger buchte vierzehn Tage „Tango Intensiv“ in Buenos Aires.“
Wie (Goyas Halbbruder) Hannes ist Babu „ein Ausrutscher“. Tante Franz hat den Samen vom Börsenwinkler empfangen. Der Rheinländer kehrt den Hessen hervor. Er glänzt als triefender Handkäs und zwanghafter Handküsser jederzeit in der Komödie. Die Hesselbachen leimen auf jedem Schleim, sie kennen nur die Bütt. Die Lebensfreude hat sie verdonnert zu ewiger Brummkreiselei. Babu leitet sich direkt von ihrem Krawallhumor ab: Ba-bu = (dem gehörnten) Babba (Hesselbach) sein goldischer Bubb. Ein Brummkreisel der nächsten Generation ist Valerie. Ihr fideler Familiensinn trudelt im Extremismus. In ihrem Familienpatriotismus lässt sie sich nicht übertreffen.
Babu bläst zum Aufbruch. Er hat in der Burg ein zweites Zuhause mit vielen Verpflichtungen. Er ist abhängig von Schweinchen, wie der Schnaps, angeblich noch aus Wehrmachtsbeständen, von Veteranen beschimpft wird. Seine Knautschzone hat zwar Dellen, aber der Rest, die Hemden, das Rasierwasser und die Schuhe schicken den gängigen Schick zum Nachsitzen auf die Reservebank.
Die Hesselbach’sche Bagage besetzt die Reservebank der Regierung und atmet den Mief lebender Fossile. Ein Toast auf alle Altvorderen und besonders auf einen früh verschiedenen Onkel. Ausgeschieden auf einer privaten Hessenrundfahrt.
„Herzinfarkt am Berger Hang: Zum letzten Mal hat sich der Amateur Adolf Wagner zu viel vorgenommen!“
So stand es geschrieben auf einer Stalburgmauer zur Ermahnung der Lebenden. Damnatio memoriae – Babu lobt den harten Schoppen und die Eintracht, trinkt aber lieber Export und geht auch lieber zum FSV-Frauenfußball am Bornheimer Hang. Die Eltern seiner Geliebten haben sich auf dem Balkan in einen Bus nach Deutschland gesetzt, als junge Menschen. Die Freundin heißt vorläufig Schatzi mit Vor- und Zunamen.
Man teilt sein Essen mit den Fliegen, der Apfelwein verschlammt auf dem Gaumen. Angeblich muss es so sein. Jemand hat Bänke verschleppt.
„Wie geht das?“
Valeries Interesse an jedem Käse, Kurt schaltet sich ein, die Ramones sind ihm nach einem Konzert in New York vorgestellt worden. Da müssen andere passen wegen Ehrlichkeit. Nie weiter als nach Italien gekommen und dazu steht man als ehrliche Haut und guter Kerl und verträglicher Charakter.
Eine Marinade des Vergehens im Blechkombinat des Lebens. Worauf manche Leute stolz sind. So wie Nasenschweiß auf seine verspiegelte Kloschüssel. Er riecht nach nassem Hund und altem Teppich. An sich ist Nasenschweiß gegen Hunde allergisch, aber dann kommt es auch wieder darauf an, wem der Hund gehört.
Sieh an und schau her: wie der Nasenschweiß tropft. Seine Armlehne ist ein Stuhlrücken. Nun geht es wieder um den Holzhausenpark, Babu unterbreitet einmal wieder seine Idee von einem Golfplatz, man könne dann im Schlossgraben nach den Bällen tauchen. Golfplatztauchen als Lehrberuf – und auf Empfehlung des Ortsbeirats Nordend-West am nördlichen Parkrand ein Spielplatz für Elitekinder (ab 40.000 Euro Taschengeld per annum). Babu mutiert amphibisch und wirkt als halbes Seeungeheuer erschreckend.

Goya hockt im Versteck der Stadtstreicherin, Verwahrlosung greift um sich. Die Frau lässt nun ihren Abfall liegen.
Goya beobachtet ein Paar im Einvernehmen auf der Promenade. Mann und Frau erscheinen wie Geschwister. Es fällt auf den ersten Blick nicht auf, dass sie körperlich verschieden sind, auf verschiedene Weise deformiert, da ein Gesicht wie das andere ist. Gleichzeitig ziehen sich die Züge zu. Beide stehen unter hochgefahrenem Missbilligungzwang.
Ein Mann und eine Frau ergeben gemeinsam mit einem Mädchen eine Familienkarikatur. Der Mann ist gebrochen, ein zum Erliegen gekommener Mensch, der einmal körperlich stark war. Er tut so, als könnte er noch Bäume ausreißen. Die Frau wirkt intakt. Das Kind ist ihr Kind, der Mann spielt nur den Vater. Das Mädchen fordert ihn heraus, läuft vor, will, dass er folgt. Der Mann schafft höchstens drei schnelle Schritte, dann muss er verschnaufen. Er verbirgt die Schwäche mit prahlerischen Gebaren. Die Frau stört das nicht. Der Mann versetzt der Luft Ohrfeigen, das Mädchen kreischt. Es weiß, der kriegt mich nicht. Der Mann sucht seine Autorität, sie wird von ihm erwartet. Er schlafft auf einer Bank ab, das Mädchen will ihn wieder in Gang bringen. Plötzlich fällt die Frau ins Gras. Sie streckt die Arme, man soll ihr aufhelfen. Der Mann macht keine Anstalten, das Mädchen imitiert schließlich Bewegungen, die von dem Mann vergeblich erwartet werden.
Es regnet seit Tagen, Tanja wird zur Wegelagerin in der Wohnung, sie hat sich wieder krankschreiben lassen und kann so oder so nicht aus der Haus. Der kurze Dienstweg zeigt einen Nachteil. Goya kommt an ihr nicht vorbei ohne Liebesbeweis. Doch gibt es schöne Momente. Das Paar spielt Mau Maut. Tanjas Vorschlag, verkleidet auszurücken, um ein Saunaklangbad mit Trallala aufzusuchen, schmettert Goya kategorisch ab.
Die Möbel seiner Oma dürfen nicht verrückt werden. Tanja entdeckt Sand in einer Lade, der Sand könnte aus der Sahara sein. Mittags wieder Grüne Soße, obwohl jetzt die Zeit dafür nicht ist.
Mit der Müllverordnung kriegst du jeden klein, im Türrahmen steht die Mamba als ehemaliger Rocker und bringt Drogen. Die Anfahrt wird nicht berechnet. Auf einen Schoppen bleibt die Mamba gern, ich erinnere an Gläser mit Goldrand. Die Mamba hatte einmal eine Beaulieu-Kamera und war Freund von Eichinger und dem Klaus Lemke. München leckte sich die Finger nach ihr und lockte mit echten Orgasmen bei den amerikanischen Auditions. Der Mamba wurde das zu viel, sie entsagte dem high life. Seitdem ist der Kunstfilm tot. Hat sich Cannes erledigt. Ist der Oscar eine Farce. Taugt Wenders nichts mehr.
Die Mamba heult wie ein Hund in der Wolfsfalle, es regnet weiter. Gibts nicht, geht nicht, kommt überhaupt nicht in Frage. Das stand auf dem Beipackzettel ihrer Kindheit. Das hieß, keine Reitstunden, keinen Ballettunterricht, keinen Sprachkurs in den Ferien. Keine Reisen, noch nicht mal Ausflüge. Keine Brille, die der Mamba passte, und Verachtung von allen Seiten. Mitleid war noch schlimmer.
Bösartige höhere Töchter tauften die Mamba Assel.
„Gibts Kekse?“ fragt sie.
Goya holt Kekse. Sie sind beliebt wegen der schöner Dosen, in denen sie im Aldi verkauft werden. Das ganze Haus hat solche Dosen. *
Hannes Fleckenstein, Hessischer Filmpreisträger und Erfinder der Serie Der Bembel des Todes, leitet die Kanakstar-Sport- und Literaturgruppe Abschaum aka Nordend-Kanakstar-Lauf- und Lerngruppe (NKLL). Wer die Termine seines Kulturprogramms oder den wöchentlichen Regenbogen-Retreat im Bockenheimer Drittewelthaus versäumt, muss sich rechtfertigen.
Es gibt Dramen, mancher bleibt auf der Strecke seines kurzen Verstandes. Pseudologia phantastica vergröbert den Unsinn. Zuletzt sah die Gruppe Trotzki Mon Amour im Kino und Nackt für Stalin in der Schirn. Hannes erwartet Stalins Rehabilitierung und eine Renaissance des Sozialistischen Realismus. Er bringt Boris Groys an: Nach Stalins Tod und den Epochen der Ekstase (setzte) sofort eine allumfassende Langeweile ein.
Auf einer Gruppensitzung im Sing- und Tanzsaal der Burg ohne Namen warnt Hannes vor einer nationalististischen Unterwanderung des Hip Hop. Der rechtsradikale Übergriff auf die Jugendkultur schafft sich seinen eigenen Untergrund. An den demokratischen Rändern brechen Leute Lanzen für Faschisten. Dass man mit Hip Hop Rassismus transportieren kann … in London besucht Hannes die Ausstellung „Heimweh – Young German Art“ in die Galerie Haunch of Venison. Fascho-Symbole. Kruden Schnickschnack. Geschichte als Wurst im Darm von Hauptsache heftig. Die Galerie ist zum Ableger des Auktionshauses Christie’s geworden, vor der Tür stehen Sechzigerjahre-Rolls-Royce-Coupés. Als einfacher Millionär verkörpert man den kleinen Mann. Der NKLL-Verbindungsmann, ein Hamburger Dennis, der sich Deniz nennt, lebt in No-Go-Bow. Klar, dass er Hannes für einen Poser hält und sich für den Mann mit der Zugangsberechtigung für Realness. Dennis bringt Hannes ins Bett. Plötzlich ist da kein Platz mehr. Hannes achtet darauf, nicht über die Clubkante vor die Tür geschoben zu werden. Troubadoure spielen die Musik der Dhoad. Sie folgen einer Tradition vagabundierender Virtuosen, die Maharadscha-Heimstätten abklapperten wie in Europa Minnesänger auf Burgen vorstellig wurden. Als Magic Carpets nomadisieren sie mit zwei Tänzerinnen und einem Fakir. Der Fakir sieht aus wie ein Mörder von Agatha Christie. Er schluckt Feuer, wälzt sich auf einem Scherbenbett bis zum blanken Grund und kratzt sich ausgiebig. Seine Fähigkeiten langweilen ihn offenbar. Vielleicht entstammt er einer Fakirfamilie und wurde vom Vater zur Ausübung seines Berufs gezwungen. Unverblümt bringen sich die Tänzerinnen ins Spiel, die Sache hat Methode. Wahrscheinlich ist das Bett deshalb so voll.
Hannes fliegt zurück, Goya holt ihn in der Corvette ihres gemeinsamen Vaters ab. Goyas nordostdeutsche Geliebte Tanja und seine Ex Friede spielen Delegation. Sie tragen Nordend-Babe-Tops, das findet Hannes in jedem Fall ranschmeißerisch.
Wie eh und je drischt Friede das leere Stroh der Feindesliebe. Angeblich hängen alle Feinde der NKLL, besonders aber die Stimmenrauscher und die Fränkischen Arnoiten in einer maladaptiven Schleife.
Wenn denen keiner hilft, laufen die heiß bis zur Verdampfung, behauptet Friede, sich brutal intensiv auf Hannes werfend.
Fehlanpassungen an Misserfolge nennt man zurzeit maladaptives dysfunktionales Post-Event-Processing. Friede wähnt sich in einem besonderen Verhältnis zu Hannes, da sie Goya so lange unterwanderte. Der Soziallethargiker Goya unterstützt eine aktivistische Forderung nach Handkäs für alle überall und grundgesetzlich garantierte Grundversorgung mit Ebbelwoi. Sein Credo lautet: Der Bembel ist politisch.

Im Ausland gibt sich Friede als Deutsche ungern zu erkennen. Sie wird von einem Sendungsbewusstsein angetrieben, das sich wie eine Gleichgewichtsstörung auswirkt. Friede bekennt sich dauernd, mal hierzu, mal dazu und immer zu den Omas von Achtundsechzig. Mit der deutschen Vergangenheit kann sie sich nicht aussöhnen. Hannes erscheint aussöhnen verräterisch. Das klingt, als solle sich die Welt bei Friede entschuldigen.
Die deutsche Schuld nagt an Friede als persönliche Verfehlung. Sie kommt aus Aschaffenburg, die Mutter hat ihr Bestes allein gegeben. Ein klassisches Radiokonzert galt als Mahlzeit und Ficken für den Frieden als Notwendigkeit.

Das NKLL-Leistungsteam fährt direkt nach Vilbel durch, wo Hannelore Hoger, Nihan Jeménez, Alexander Kluge und Roger Willemsen wie Weltreisende erscheinen, in Schuhen für die Parkettdramen in den Hotels. Der Schauplatz ihres Auftritts ist ruiniert. In der niedergelegten Burg steht eine Bühne vor Tribünen. Das Vergnügen am Saum folgt einer Routine mit Glaspfand. Die Leute im Service sind blitzgescheite Kanak-A-Movement-Aktivisten, sie tragen Piratenkopftücher: als Anzeigen, dass der Bereitschaft, sich für den Job zu verkleiden, eine Grenze gesetzt ist. Der Limes des guten Geschmacks von Achtzehnjährigen.

Der Abend pendelt in der Wirtschaft von Karl May aus. In der Früh hat der Wirt Kartoffeln bekommen, die Säcke stehen noch in der Diele. Die Speisetafel bietet einen Strammen Max für sieben Mark an. Die Bildzeitung für die Allgemeinheit ist ordentlich gefaltet und sieht gebügelt aus. Den Vormittag über bleibt sie den Rentnern vorbehalten, die auf ihre Garderobe achten und den Ruhestand als Karrieresprung betrachten. Sie gehen äußerst sorgfältig mit der Zeitung um. Sie rücken auch an den Filzen mit zurechtweisenden Bewegungen herum.

May ignoriert die Prominenz in gegenseitigem Einvernehmen. Er hat seine eigene Bildzeitung, seine eigene Tasse, seinen eigenen Wimpel und seinen eigenen Aschenbecher. Die Winkel zwischen den Gegenständen in seiner Ecke sind berechnet. An dieser Ordnung rührt keiner.

May hat sein Leben an Ort und Stelle verbracht, er wohnt im Haus seines Großvaters. Bilder von Willi Sitte und Wolfgang Mattheuer hängen in seiner Wohnung wie röhrende Hirsche.Jedes Kompliment fasst er als Beleidigung auf, man hat sich schlicht und ergreifend kein Urteil zu erlauben. May ist ein enzyklopädischer Knochen der schankwirtschaftlichen Spruchmeisterei. Doch fehlen im TBC-Krankenhaus von Jaroslawl Einweghandschuhen und Zahnbürsten, wendet sich Chefärztin Olga Emeljanowa an May. Der NKLL dient er als Geheimer Rat, in einem Unterordnungsverhältnis zu dem alten Hasenschreck Stonewall Thunderbolt. Beide Despoten schwören im Widerstand gegen ein neues Dreiunddreißig Kraut und Rüben auf Kanak-A-Movement.

21. Dezember 2016

Bornheim im August

Immer gab es einen Perser, der deutsche Tugenden rühmte, und einen Sven auf der Flucht vor Gläubigern. Den Boris im Alimente-Rückstand, ungefragt Besserung gelobend. Es gab falsche Fröhlichkeit und echten Neid. Soziale Wucherungen, die Bildung von Randgewächsen und ein vehementes Aufkommen von Verfallserscheinungen. In manchen Sommern fanden Wochenmärkte nachts statt. Kegel von Flakscheinwerfern unterhielten sich über den Leuten. Die Zeit hatte einen Sprung in der Schüssel, Genossen nahmen die Hitze zum Vorwand, um das Bekleidungsminimum zu unterschreiten. Dagegen schritt der Freiwillige Heimatschutz ein. Trotzdem traf man Angehörige der neuen Stämme mit barocken Abweichungen. Ich erinnere an die Barfüßer, die sich weder waschen noch rasieren durften.

Von Automaten geschluckte Karten, Cocktails in Kellerbars, Bornheim im August. Abstürze im Wein-Düncker, das Wiedersehen von Leuten nach Jahren. Ein ruhiger Abend am Küchentisch. Die späte Einkehr nach einem Besuch bei melancholisch gewordenen Freunden. Die mondsüchtigen Viertelstunden nach dem Kino, all die Abkürzungen und Umwege. Die überbelichteten Mienen der letzten Gäste, das Repertoire lebender Fossile, die den heiligen Aschenbecher und das galaktische Taschentuch in der Burg anbeten. Goya erklärt Tanja den Hauptfriedhof. Da liegen bedeutende Leute genauso tot in der Erde wie andere. Der Aidshospizverein hat Tulpen gegen Hoffnungslosigkeit gepflanzt. Ein neuer Stamm tanzt in Formation. Die Tänzer bekennen sich zu einem Getränk ihrer Großväter. Sie huldigen dem Jägermeister im Sambaschritt. Sie beten die grüne Flasche an. Peter Härtling belagert das Grab von Ricarda Huch in einem Klappstuhl. Die Arme stützen den Rumpf strebengeometrisch, die Hände hängen raumfordernd vor dem Leib in der Luft. Der schwäbische Liebling aller Buchhändlerinnen zieht eine Kontemplationsschau ab. Eine Frau in der Aufmachung privat musizierender Lehrerinnen, eine von Selbstzucht verbogene Schwärmerin, schleicht sich an. Schon wieder Abend.

Jemand sagt: „Der hat den Groove kapiert.“ Jemand sagt: „Man muss Druck erzeugen und trotzdem nach hinten spielen.“ Jemand kennt jemanden, der genau weiß, wo der Kinderstuhl von Friedrich II. steht. Das findet Goya zu ausgesucht. Er gerät in einen erinnerten sonntäglichen Auflauf von Portugiesen oder Spaniern. Auf einer Rennbahn des Assoziativen verläuft sich Goya bei der Schilderung. Ein Bahnhofvorplatzkonvent im ewigen Mistwetter der Siebziger wächst mit der Kantinenbetrieb des spanischen Kulturvereins an der Staufenmauer zusammen – Goyas Alltagsvergesslichkeit droht den Horizont seiner Vergangenheitsgenauigkeit zu verdunkeln. Er gibt Tanja seinen Tabak, da sie darum bittet. Tanja sagt, auf türkisch heißt Tabak Tütün. An die Fallen der Differenz von Laut- und Schriftbild gewöhnt, begeistert beide, dass man das Wort so schreibt wie es ausgesprochen wird. Tanja malt es auf einen Filz, durchdrungen von dem Gefühl, dass ihr Leben gerade genau richtig ist.

Immer mehr Leute trinken Cocktails auf der Straße, gemischt von Vietnamesen in Telefonläden. Es gehört zum new style mit einer Monsterkühlbox voller Fertigcocktails durch die Gegend zu laufen. Man macht drei, vier athletische Bewegungen und slammt dann sein Getränk.

Bruno schlumpft an. Paulas Sohn hat sich von seiner Mutter abgewandt. Er wohnt bei Boulefanatikern in der Hallgartenstraße. Die bosnischen Brüder suchen Anschluss. Ohne Eltern sind sie in Frankfurt gestrandet. In geschwisterlichem Schutz- und Trutzbund leben sie auf der Straße. Sie nomadisieren in der Stadt, angetrieben von ihren Verstörungen und unerreichbar für Maßnahmen. Sie orientieren sich an Bruno, der sich seine Zieheltern selbst ausgesucht hat und auch sonst eine schöne Selbständigkeit beweist. Sie haben eine Basis im Park und geheimnisvolle Verbindungen zu den Boulespielern. Sie fordern Schutzgeld von Goya.

Goya bemerkt seinen Vater am Steuer einer cordobablauen Siebenundfünfziger Corvette. Man sieht ihn auch in einem Neunzehnhundertfünfziger Champion Starliner Coupé in den Farben des Kranichs. Neben Wayne entspannt Stonewall Thunderbolt – schwarze Jäger im Gebiet.

Sie liegen vor Madagaskar. Es ist wieder (ständig) um halbdrei, das Fest der Freundschaft verwandelt die Nacht am Gernegroßtresen. Friede (Goyas Ex) übernimmt die Einlagerung der akuten Einfälle in den Fundus. Sie spielt das Gedächtnis der Eingeschweißten. Der Neuen kommt sie besonders freundlich entgegen.
Gleichheit macht glücklich. Fast jeder Taufname wurde eingetauscht gegen eine originelle Verminderung. Einer liegt als Mogli vor Madagaskar, er färbt sein Haar und findet sich bedenklich alt, obwohl er jünger ist als mancher, der noch gut mithalten kann, wenn man Fünf gerade sein lässt.

Mogli wartet auf seine Wirkung. Er erwartet sie wie einen Zug mit Verspätung. Kommt die Wirkung nicht an, sieht man ihn manchmal mit hängenden Armen dastehen als Denkmal einer Vergeblichkeit.
Zwanghaft probiert Winnie was mit apportiert und approbiert. Winnie geht als das Klo unter die Leute. In seiner besten Zeit trug das Klo kurze Hosen auch im Winter. Sein Rennrad ist in tausend betrunkenen Nächten nicht einmal geklaut worden. Ein Wunder. Im Grössenwahn war das Klo Küchenhelfer, in der Oma Rink lernte es kochen von Sean, dem Iren, der früher im Frankfurter Hof Küchenchef war.
Friede gestattet sich eine Tablette, sie behält den Konsum argwöhnisch im Auge. Ihre persönlichste Zeche zahlte sie mit Kopfschmerzen und unergiebigem Schlaf. Wäre Goya aufmerksamer, würde er die Male der Zersetzung erkennen. Seine Selbstbezogenheit überließ Friede letztlich der Gleichgültigkeit bis zur Trennung. In dieser Gleichgültigkeit bleibt sie eine Falschgeborene und hat sich zufrieden zu geben.
Mit zu viel Glück sollte kein Nager am Tuch der Dürftigkeit rechnen. Tanja gibt sich bestimmt nicht zufrieden. Angelegenheiten des Nordends ordnet sie mitunter schon treffend historischen Ursachen zu. Warum sollte das Klo auf Schlüsselreize anders reagieren als ein Marktmeister, der ihr nach zwei Minuten Bekanntschaft einen guten Job, eher noch bezahlte Erholung in Aussicht gestellt hat. Die orthografische Differenz zwischen Leben und Lieben ergibt sich aus einem Buchstaben. Goya guckt grimmig, wie niedlich ist das denn. Dann ist Tag und das Gernegroß ein Komparsengefängnis. Man hat die Komparsen weggestellt, um die Not ihres fehlgehenden Ehrgeizes nicht ertragen zu müssen. Sie geben voreinander und vor den liegengebliebenen Eingeschweißten an. Ihre Angaben stehen in abenteuerlichen Gegensätzen zu ihrer Bedeutung im Geschehen. Der Widerspruch zieht Konfliktketten nach sich. In Spezialtaschen mitgeführte Sachen werden der Ansicht zur Verfügung gestellt. Die technische Einweisung liefert eine Assistentin, die, von Arbeit wie gerupft, beinah schmutzig, vor den geleckten Komparsen um Hochmutsbegrenzung sich bemüht. Während der Dreharbeiten dürfen die Komparsen nicht in die Kamera schauen. Sie sollen tonlose Redebeiträge liefern. Das Warten nennt die Assistentin eine unvermeidliche stand-by-Situation.

Die Zeit der Komparsen ist billiger als jedes andere Modul einer Bembel-des-Todes-Folge. Das sagt die Assistentin. Nach vier Stunden lässt der Regisseur die Randfiguren zum ersten Mal aufs Set im Schankraum der Burg, in einer Lamettaszene mit Männern, die nach Feierabend noch Krawatte tragen, und Frauen, die ihre Chefs aufregend finden. Männliche Komparsen müssen sich so setzen, dass die Kamera ihre Rücken, allenfalls das Profil zeigt, während die Kolleginnen frontal zur Kamera platziert werden. Gesichtsprostitution.

Goya hat in jeder Bembel-Folge stellvertretend für den großen Bruder einen Cameoauftritt, seine Situationspartnerin erschlägt die Nähe zu Persönlichkeiten. Sie kann den Blick von den Schauspielern nicht abwenden, obwohl sie nur Goya angucken soll. Die Schauspieler machen ihren Job, Goya weiß nach Jahren in der Filmwelt immer noch nicht, ob gut oder schlecht, die Assistentin schmiert um den Regisseur herum. In seiner Macht- und Leibesfülle gleicht er einem zynischen Buddha.
Es kommt zu einem Andachtsmoment, als Valerie auftritt. Goyas Partnerin bewundert Valeries Rokoko-Korkenzieherlocken hemmungslos.

Ein Vater möchte das Kind sein, das ihn bedrängt. Während die Mutter sich an einem anderen Tisch mit Freundinnen bespricht. Manchmal hält ihre Nachsicht Ausschau. Das Kind spricht vollendet, aus ihm spricht Freude.
Den Vater kennt jeder. Spaziergänger und Radfahrer bleiben stehen, um mit ihm zu reden. Keiner, der nicht auch dem Kind Beachtung schenken würde, nach der Mutter fragt.
Die sitzt da, sagt der Vater fleißig. Trotz der Glückwünsche und Selbstbeglückwünschungen zu einem gelungenen Tag sind Unruhe und Hader bei ihm. Der Vater sitzt fest, das Kind zerrt an ihm.
Höhere türkische Töchter am Nebentisch. Wahrscheinlich verbringen sie gestohlene Zeit. Ihre Mappen passen Ton in Ton zu Lederjacken, die Stühle vor einer Besetzung sorgfältig bewahren.
Die Mädchen würden eher sterben, als sich die Blöße einer unschönen Haltung zu geben. Ihre Disziplin ist kaum zu glauben. Wie vor einer Kamera: schnattern sie konzentriert und genüßlich, bis Goya sich einschaltet. Er will einen Stift. (Er will stören.) Die Mädchen öffnen zuvorkommend Etuis und bieten Kugelschreiber als Geschenke an.
Kannst du behalten.

Goya wendet sich ab und hört, dass sie deutsch reden, bis die Störung vergessen ist. Sie rüsten zum Aufbruch, sie müssen an Goya vorbei. Er rückt mächtig den Stuhl, hinter seinen Rücken fällt ein doppelter, fast gleichzeitiger Dank.

Zum ersten Mal essen sie gemeinsam im Terrence Tino. Sofort wird Tanjas Name zum Begriff, die Wirtin singt in der Küche: „Tanja, bevorzugst du deine … lieber mit … oder ohne?“
Tanja sagt: „So viel Aufmerksamkeit ist schon schön.“
Goya vernimmt einen Vorwurf, er kennt so viel Aufmerksamkeit bereits aus dem Geburtsvorbereitungskurs seiner Mutter und im Terrence Tino ist noch jede seiner Freundinnen begutachtet worden. Die Wirtin: „Tanja möchtest duuu …?“ und Tanja möchte geradezu alles bis hin zum Pfeffer aus der übermannshohen Mühle, einem Erbstück und einer Rarität und trotzdem voll funktionsfähig, wenn auch nicht praktisch. Sie schlägt sich den Bauch voll, Tanja sagt ja zum Grappa aprés.
Erstmal noch mehr Alkohol, zuerst in der Weinstube an der Eckenheimer Landstraße. Ist eine Bornemanngründung im Besitz der Nordend GmbH. Das erklärt Goya nicht zum ersten Mal, er wiederholt sich erbarmungslos. Tanja versteht den Sinn der Übung nicht. Wozu jetzt noch ein Abstecher ins Gernegroß? Ab und zu sagt Tanja was außer der Reihe, zum Beispiel sagt sie: „Muskeln werden enerviert und werden sie das nicht, ist Atrophie die Folge“.
Goya kann sich nicht merken, was Tanja schon alles, das war schließlich nicht in Frankfurt am Main. Also, was soll das?
Gerade geht es darum, wie Pfeilgifte am Amazonas gewonnen werden. Goya bringt den Phyllobates terribilis ins Spiel, die Leute stolpern durch ihre Phoenix-Kenntnisse.
Tanja dreht das gute Gras aus Neustadt in eine Tüte. Das ist der wahre Küstennebel. Sie interessiert sich nicht für die Hierarchie der Spezialgläser. Warum nicht Wein aus einem Weinglas trinken?
Paula zettelt kleine Aufstände gegen die Neue an. Der aktuelle Gesprächsstand in zwei Sätzen: … ist endlich schwanger. … tritt demnächst ihre erste Stelle an.
Augen auf bei der Berufswahl, sagen die Eingeschweißten. Der beste Beruf ist immer noch Kraftfahrzeug-Sachverständiger. Ein Kraftfahrzeug-Sachverständiger verkehrt mit allen auf Augenhöhe. Ein Kraftfahrzeug-Sachverständiger hat beim Bund alle Führerscheine gemacht. Der kann mit einem Panzer in die Burg fahren, das ist kein Problem für den. Ein Kraftfahrzeug-Sachverständiger kennt jederzeit seine Pappenheimer.

„Was heißt Obacht auf Englisch?“

„Watch out“, antwortet Tanja automatisch. Daraus ergibt sich ein Singspiel mit dem Titel: Wir fotografieren unsere Ohren. Die Schwarze Hand des Nordends (Kurt) bespricht die flache Instrumentierung der Ramones. Er markiert den bäurischen Brocken.

Kurt simuliert die arglose Rücksichtslosigkeit von Männern, die für Empfindungszwischenlagen nicht empfänglich sind. Sein knurrender Blick lässt Sprotte das Überhängende ihres Dekolletés bemerken. Sie zieht an Fasern. Die Fasern widersetzen sich dem Zug.

Die ersten Aufbrüche sind allenfalls Anläufe. Man verabschiedet sich ein bisschen, dann hat man doch wieder ein Bier in der Hand. Aber schon die Kappe auf.

Sie wiederholen sich, im Frühstadium ihrer Routinen, jeder Tag beginnt mit sub, Frankfurts erstem schwulen Frühstücksradio. Coming out als Hörspiel – Tanja braucht Minderheitenfunk, um frei atmen zu können. Das geht morgens los mit Radio X-Mix auf 107.5. Alle hören HR3, Tanja hörte unabhängiges Stadtradio. Sie stört sich nicht an den herumlungernden Aufklärungsabsichten der Programmmacher, die auf dem Sprung ins Establishment sind und ihr Publikum feist mit liebe Zielgruppe ansprechen.

Das Paar nebenan setzt sich zu Liedern der Spencer Davis Group unter Drogen. Keep on Running. Tanja erzählt von ihrem Ostseestrand und seinen Suchscheinwerfern. Das Licht fiel über die Grenze. Schlugen Hunde an, waren Leute auf der Flucht.

Das Paar nebenan setzt sich zu Liedern der Spencer Davis Group unter Drogen. Keep on Running. Tanja erzählt von ihrem Ostseestrand und seinen Suchscheinwerfern. Das Licht fiel über die Grenze. Schlugen Hunde an, waren Leute auf der Flucht.

Horst ist Maler, Heike Galeristin. Ihr Dreh und Schnapp heißt art for rent, so dass die Agenturen immer wieder andere Sachen im Foyer haben, den Mist aber nicht kaufen müssen. Horst und Heike waren Hippies, richtige Schmorenten, die den Arsch nicht hochbekommen und Tag und Nacht im Hanauer Schwarzmarkt abgehangen haben – bis zu ihrer Geschäftsidee. Zuerst sammelten sie Bilder von Freunde ein und schoben sie der Geschäftswelt für ein paar Groschen unter. Nun sind Horst und Heike reich und lieben sich immer noch. Sie kleben zusammen. Sie haben nach fünfzehn Jahren ununterbrochenen Beisammenseins noch Sex miteinander.

Keine Barriere trennt die Balkone der Paare. In einer Pose nachlässiger Beweglichkeit lehnen Heike und Horst an der Brüstung und gaffen in Goyas Küche. Ihre Figuren sind Kampfresultate, aber was um alles in der Welt macht man mit müder Haut. Der Haut ist das Kampfgeschehen doch Jacke wie Hose, die könnte sich auch an gelassenere Skelette hängen, so evolutionär indifferent ist die Haut zu ihrem Glück.

Heike verbreitet einen DDR-Brüller in der Mangelwirtschaft. Was für die Kaffeefahrt mit Muttern auf der Stulle. In Frankfurt ist der Witz kaum bekannt. Wie lang keiner mehr gefragt hat, ob Heike Taschentücher einstecken hat. Diese Umsicht und Gerüche von Familie, Schule und ländlicher Überschaubarkeit. Wo man hundert Jahre lang immerzu U2-Fan bleiben konnte. Abba reichte schon. Damals, als Heike sich ein Getränk ausgedacht und einen Namen dafür außerdem erfunden hatte.
Ist nicht jede Antwort auf die Herkunftsfrage soziale Pornografie? Heike war Fahrschülerin, das hat sie unterschieden. Sie musste morgens zwei Stunden vor allen anderen aufstehen und aus dem Haus und an der Haltestelle anstehen.

Sie stand an der Haltestelle im Dunkeln und die Autos rauschten Volllicht vorüber.

Ich stand an der Haltestelle wie eine Hinweistafel, die Freier fuhren an mir vorbei in ihren Volkswagen. Ich glaube, meine Eltern haben keine Freude mehr aneinander seit hinter dem Sportplatz bei jedem Wetter gegrillt wird.

Ich saß morgens in der Aula vor allen anderen, die Verbindungen waren ungünstig.

Ich fände es schrecklich, wenn ein Mann, von dem ich begehrt werden will, mich nicht ganz und gar begehren würde – mich nicht so sehr begehren würde, dass er fürchten müsste wahnsinnig zu werden, wenn er mich einen anderen Mann küssen sähe. Als ich mich zum ersten Mal verliebte, hieß der Junge Mario. Ich fuhr mit ihm auf den Baumarktbauplatz. Der Baumarkt war für mich so großartig und ewig wie ein Schloss. Ich weiß, wann das Glück meiner Eltern aufgehört hat. Meine Eltern sind in den üblichen Grenzen unzufrieden. Die aromatische Verbindung von Fleisch und Feuer – mir ist, als hätte ich nie etwas Stärkeres erlebt, als an einem Sommerabend, der nicht abkühlt, zu den Leuten und ihren Kindern hinter den Sportplatz zu laufen, wo mein Vater grillt bis in alle Ewigkeit.

Für dauerhaft gelten kurze Fristen. Wer zwölf Monate durchgehalten hat, kriegt einen Traditionswimpel ins Fenster gestellt. Goya verteilt die Wimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und Kauft im Kiez. Die Vereine geben Rabattmarkenhefte aus. Rabattmarken sind geiler Schnickschnack. Goya stellt seine Wimpel in unerzählbare Hipster-Schwemmen und Frisör-Stuben mit piefigem Pfiff. Er platziert Wimpel auf Umschlagplätzen für gebrauchte Tonträger. In Steffis Studio steht ein Weltraumfahrrad. Die Studioleitungen liegen auf dem Putz. In Metallschränken verwahrt Steffi immer noch sechstausend Karteikarten. Sie raucht am offenen Fenster, die Zigarette riecht nach Nelken. An der Pinnwand klemmen das Pilates-Flugblatt und die Thai-Speisekarte.

Assistent Andi arbeitet die nächsten Topmodelle ab. Karteikarten anzulegen, ist leichter und geht schneller, als die Mädchen abzuwimmeln. Das Geschäft mit dem Foto, das sogar dich reich und berühmt machen kann, übt enorme Anziehungskraft nicht nur auf die Siebzehnjährige aus, die keinen Zweifel daran hat, dass ihr Karriere-Glück in naher Zukunft wie in einem Überraschungsei steckt. Ein paar Gepiercte erwarten den Kamerablitz stoisch im Vorraum.

Steffi nimmt den Nachwuchs mit, ihr Hauptgeschäft ist die Vermittlung von in Perückenbenutzung versierten Rentnerinnen mit Spaß an krauser Performance. Sie bittet Goya in den Hinterhof. Ein Bassin steht da als Teich getarnt. Es gibt das Campingstuhlensemble und den kaputten Grill und eine Begrünung, die im Herbst dramatisch rot wird. Steffi kommt aus Bad Soden und ist normal geblieben. Sie hakt nicht in die Luft, um etwas in Anführungszeichen zu setzen. Sie bearbeitet Anfragen für leicht schräg und ein bisschen witzig. Die Gewissheiten ihrer Eltern wird sie vielleicht nie entbehren müssen. Im Vorderhaus ist Willies Lokal. Verbrauchte Broker schreien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport ist Rugby. Manchen reicht es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.

Für den Traditionswimpel ist Willie zu lang im Geschäft. Glühend kommt sie aus ihrer Küche. Sie hisst halbe Ärmel über den Oberarmen, die apart durchhängen wie ältere Schenkel mitunter.

Ein Schneewittchen rauscht mit Schminkkoffer auf. Viersprachig laut eigenen Angaben und einem ordentlichen Stand zugehörig, zeigt es eine verstörende Bereitschaft zur Kooperation mit der routiniert erniedrigenden Steffi. Den Ursprung der Verfügbarkeit, vermutet Goya in einem Hoffnungsschlund, in den er nicht gucken will. Der Kamera schenkt Schneewittchen das Lächeln der Verliebten, da Steffi es von ihr verlangt.

Im Park wird eine Treppe zur Rampe umgebaut. Mit den Arbeitern erreicht der Stadtlärm den Strand. Frauen in weißen Kleidern erscheinen wie Schwestern einer Sekte, obwohl sie sich wahrscheinlich nur einem schönen Tag gewachsen zeigen wollen.
Ein Bläserquartett stellt sich auf.

Die Stadtstreicherin schnürt vorüber. Eine Hyäne, die Zeichen der Zerstörung verwandeln sich in ihrer Erscheinung zu Merkmalen kurz vor Eigenschaften.

Im Schlepptau erwachsener Fahnenträger spielen Kinder Blindekuh. Friede tritt im Gefolge von Wanz auf. Sie glaubt mit einem Strindberg geschlagen zu sein. Der von Kunstanstrengung gebändigte Wahnsinn ist als Idee ihre Zuflucht. Sie rettet sich zu der Legende vom kranken Genie und verwirrten Einzeltäter.

Wanz ist aber kein Einzeltäter. Seine Lyrik entsteht in Kollaborationen. Er kommt Leuten gern zu nah, läuft auf, fasst an … als Spielart des braunen Johnny. Auch Peter Hamlet Kuper bietet sich Goya zum Vergleich an. Er wundert sich über seinen Nachfolger.

Tanja kreuzt auf, Goya hat schon ein Getränk für sie in kühler Vorhaltung. Heute morgen ist sie aus dem ersten Stock in den Kindergarten gefallen und hart aufgeschlagen. Trotzdem hat der kurze Weg viel für sich.

Wir wollen heiraten und Kinder kriegen, wurde schon gesagt. Die Schutzlosigkeit einer Achsel, Goya vertieft sich in die falsche Frau. Tanja greift über den Tisch nach dem Mann. Sie versucht ihm zu gefallen, indem sie sich seinen hesselbach’schen Gemütlichkeitverdrehungen unterwirft.

„Wenn es um die Familie geht, kennst du keine Verwandten.“
Der Satz fällt hinter Goya. Er dreht sich um und sieht Valerie und Hannes in der Isolation extremer Vertrautheit. Alle Stücke und Folgen sind Liebesnotwendigkeiten, die Valerie Hannes abverlangt. Wieder fragt sich Goya, warum die beiden kein Ehepaar geworden sind. Cousin und Cousine wie bei den Türken.

Fahrräder fallen. Tauben kommen trotzdem näher. Tischnachbarn unterhalten sich über Glamour und Kahlschlag in einer Frisur. Goya registriert einen Greis in fiebriger Erwartung. Auf wen man so intensiv warten kann, wenn man erst mal fünfzig ist? Frauen fallen über Säuglinge her. Sie laden volle Beutel auf einen Tisch. Eine trübe Tasse als Person möchte den Scheiß beim Abräumer abgeben. Der Abräumer wendet sich mit Grausen, er flüchtet in eine Rückholaktion von Gläsern.

Für noch einen vorletzten Lütten ist Tanja jetzt auch fast schon zu haben. Im Dunast verlegt Tanja Frankfurt zu den Kühen ihrer Verwandten in die Holsteiner Heide. Sie zeichnet ihren Strand am Strand in Asche. Sie zitiert Hinkemann im Original. Hinkemann treibt Kurtaxe bei Touristen ein. Im Sommer schliefen Touristen in Tanjas Kinderzimmer, sie frühstückten im Wohnzimmer.

We gut sich Apfelschnaps mit Grauburgunder verträgt.

„Jens wollte immer nur seins, aber wenn ich dann meins“, sagt eine. Jens dreht gerade auf einem Berg in der Schweiz, so dicht sind wir am internationalen Filmgeschehen.

Jetzt lautet die Frage: Ist Schabracke nur ein Schimpfwort oder kann Schabracke im Einzelfall auch eine korrekte Zustandsbeschreibung sein. Gern gestellt werden Fragen dieser Güte von Sprotte, doch hat sich heute Lila erbarmt. Richtig, unsere Lila, die frühere Rosa, der um 1990 beinah ein Plattenvertrag angeboten worden wäre. „Schabracke geht schon“, erklärt Tanja. Jemand hat sie als Blaumacherin angeschwärzt. Alles Heimliche wird breitgetreten und klein geklopft und in den Kies geharkt. Auf den Nebenwegen, den Spielplätzen und Höhleneintrittsstellen, zwischen geparkten Autos, in den Gärten, auf den Friedhöfen, vor mythischen Wasserhäuschen so wie im Wasserwerk, hört man überall das Gras husten.

14. Dezember 2016

Blood in blood out

Zur Erinnerung: Goya-Tecumseh Hesselbach ist ein Sohn des seit Jahrzehnten im Frankfurter Nordend notorischen Wayne Raymond aus Natchez, Mississippi. In Verkennung der Tatsachen nennt man ihn den letzten Hippie. In Wahrheit ist Wayne Meister des geheimen Drunken Monk Style. Der aktive Alkoholiker hat eine Vergangenheit als NSA-Agent. Er ist immer noch im Dienst. Zu Goyas Mutter Marian geb. O’Reilly, eine 1970 in Deutschland abgetauchte IRA-Killerin, legte sich der Trinker als junger Bond mit der Legende eines Deserteurs der amerikanischen Streitkräfte. Marian verließ den „politischen Rohling“ (und Versager in der Vaterrolle) für den Sponti-Beau Simon Hesselbach, inzwischen Grandmaster der Goethe Universität und Chef des Hauses Hesselbach-Fleckenstein. Von jeher betrachtet der millionenschwere Salonkommunist den halbirren Ziehsohn als Prüfung eines Protestanten. Ich skizziere ein paar Stationen im Vorraum des Romangeschehens.

1972 erfüllten amerikanische Einheiten in Vietnam „ein Wochensoll an toten Feinden“. Ermordete Kinder listeten sie als Vietkongs, Marian meldete das auf einer Wandzeitung. Sie hoffte, von Wayne mehr über „das Töten am Fließband eines verbrecherischen Krieges“ zu erfahren. Auf die Überschrift war sie stolz.

Sie trennte sich gerade von Wolf. Um der Angelegenheit Vorschub zu leisten, zog sie Wayne unter ihren persönlichen Himmel aus durchhängenden Tüchern. Wayne zeigte untypisches Verhalten für einen Verfolgten. Politisch war er ein Idiot, wenn nicht Schlimmeres.
In der Küche stritten Genossen. Melodien der Angst untermalten ihre Gereiztheit. Im Hamburger Büro von Grönewolf, Reinhardt & Degenhardt waren Brandsätze gezündet worden. Reinhardt vertrat Gudrun, Marian machte Generalbundesanwalt Martin für den Terror verantwortlich. Wolf führte das große Wort, das bedeutete, die stets besser als der Rest Informierten zogen um die Häuser.

Wolf führte den Rest an, das konnte man auch traurig und wenig aussichtsreich finden.

Wayne saugte am Geruch des Frauenzimmers. Er war in einem Bordell aufgeklärt worden, sein Sprung in der Schüssel hatte die Heeresleitung als Talent erkannt. Die Vorstellung, Marian das Genick zu brechen, ließ ihn Fahrt aufnehmen.

Über dem Bett schwebte ein Schwalbenkasten, eine solide Arbeit, die von handwerklicher Genugtuung erzählte. Wayne erinnerte die Absurdität an eine Erzählung, die ihm als Junge das Einschlafen schwer gemacht hatte. Sie handelt von einem christlichen Geistlichen, der in orientalische Gefangenschaft gerät. Man trennt ihn von seiner Zunge und legt einen Stein auf die Wunde. Der Mann verfällt dem Wahnsinn, aber die Wunde heilt. Man hält ihn in einer Grube, ab und zu wird er an einem Strick herum geführt. Seine Entführer führen ein Höhlendasein. Es gedeiht kaum eine Distel in ihrem Karst. Sie halten Ziegen, denen es besser geht als den Sklaven, die sich um die Ziegen kümmern müssen. Eines Nachts zitiert man den Gefangenen zu einer religiösen Höhlenveranstaltung. Er bemerkt an den Wänden Zeichnungen, die ein wasserreiches Leben mit Krokodilen und Stelzvögeln dokumentieren. Der Held erlebt bei der Zeremonie eine Verwandlung, die ihn zum stummen Austräger einer frohen Botschaft macht.

In Vietnam hatte diese Geschichte Waynes Phantasmagorien von Gefangenschaft vage bestimmt, er fand das Ende zu optimistisch. Das Motiv der Sonderstellung reizte Wayne aber. Eine exotische Herkunft bewahrte den Christen vor dem Schicksal eines Ziegenhirten ohne Menschenrechte. Man konnte sich das Leben der Nutzsklaven gar nicht trist genug vorstellen. Die Volksgemeinschaft demütigte sie. Manchmal wurden sie von morgens bis abends erniedrigt. Das war wie Fernsehen für die Herrenrasse. Es gab so gut wie nichts zu tun. Die Männer hockten im Schatten, mastrubierten ihre Vorderlader und guckten dem Nachwuchs zu, wie er Sklaven quälte. Die Freien hatten keine anderen Funktionen als zu zeugen und zu töten.

In manchen Wohngemeinschaften waren die Türen ausgehängt, das kam für Marian nicht in Frage. Sie stolperte über ihre kleinbürgerlich-katholischen Schamgrenzen, sie wusste, dass sie eine Charaktermaske trug, so wie ihr klar war, dass der Kapitalismus von seinem Ursprung und Kern her einseitig quantitativ ausgerichtet war: auf das Hervorbringen immer größerer Warenmengen, von denen Marian jede Menge schick fand. Das war falsch, geboren aus falschem Bewusstsein. Marians selbstbewusster Orgasmus ließ die Wohngemeinschaft aufhorchen, man guckte, wie Wolf es aufnahm.

Wolf hatte die Nacht mit Daniela verbracht. Marian fand, dass Wolf zu schnell zu einer neuen Tagesordnung überging. Er schien politisch genau so unreif wie Daniela. Jedenfalls war Marian nicht bereit, Brötchen zu holen, obwohl der Gang zum Bäcker nicht allein ornithologischen Gewinn versprach. Ihr gefielen die Spielarten bürgerlicher Tierhaltung. Stets sah Marian nach den verlorenen Männern auf Grünflächenbänken, die sich nur noch mit Flaschen abgaben.
Plötzlich lagen sich Marian und Wolf in den Haaren. Ein Mann des SDS-Vorstands schaltete sich ein, Simon Hesselbach war zu Besuch und fühlte sich zuständig und auch herausgefordert von diesem Amerikaner, der dem Ausrottungskrieg gegen das vietnamesische Volk gedient hatte und so breitbeinig wie Jean-Paul Belmondo in Außer Atem auftrat.

Wayne spannte nach einem vollständig gelösten Kreuzworträtsel, das auf dem Tisch liegen geblieben war. Kreuzworträtsel halfen ihm, sein verschwiegenes Deutsch zu verbessern. Neben dem Rätsel stand: Das Geschäftsjahr 1971 war für Krauss-Maffei erfolgreich. Der Erfolg hörte auf den Namen Leopard.

Er staunte über das Wort Samosir. So hieß eineSumatrainsel. Da gab es einen Ort namens Trou d’Enfer – Höllenschlund. Marian kam aus dem Trou d’Enfer im Rebel County Cork. Sie war die Witwe eines Belfaster Armenhausalbtraums und die Schwester von Long Kesh-Knastbrüdern. Ihre Großtanten hatten Cumann na mBan absolviert, ein nach dem Osteraufstand von 1916 hingerichteter Urgroßvater hatte gemeinsam mit John MacBride im Burenkrieg gegen die britische Armee gekämpft. Man verdächtigte Marian eines Mordes, begangen in Devion-in-the-valley-below, wo die Zeit still stand. Ursprünglich war der unterbelichtete Klecks in einer Moränenlandschaft ein römisches Fort gewesen. Das dämonische Davion-Tal erreichte man auf einer von Mersey-on-Sea abgehenden Straße. Die erdgeschichtlichen Formationen der Gegend waren grandios. Sedimentschichten setzten sich deutlich voneinander ab. Manche Stellen rosteten dramatisch.

Wayne demonstriere neben Marian gegen Nixon vor der Kaserne in der Gutleutstraße. Die Kameraden pflanzten ihre Bajonette auf. Im Straßen- und Häuserkampf kam ein Wort der Verheißung aus dem 19. Jahrhundert – Sous les pavés, la plage – Unter dem Pflaster liegt der Strand. Pariser Studenten hatten sich daran in ihrem Mai Achtundsechzig erinnert. Marian druckte den Frankfurter Pflasterstrand, Genossen rissen das Pflaster auf. Wayne amüsierte diese Steinzeit.

Es ging um Rimbaud, erst einmal nur um ihn. Dann auch um Verlaine, den, so sagte es Simon Hesselbach, „Rimbaud ausgehoben“ habe. Der angehende Professor zeigte sich als erschöpfter Kartograf seiner Ansichten. Er zitierte Verlaine in einem die Sprache erdrosselnden Französisch: „Tu mérites la prime place en ce mien livre.“

Marian stand vor einem Glasbogen und erwartete die Ankunft ihres Sohnes unter den eisernen Rankenbögen des SBahn-Artdécos. Sie hatte ihn Goya-Tecumseh genannt. Sein Vater war wie Jesus angeblich in einem Stall zur Welt gekommen. Simons Ausbildung hatte in einer Reitschule begonnen. Mit einem Reglement, das die Haltung zu Pferde in die Beurteilung einer Person einfügt.

Die Unterhaltung mäanderte von Verlaine zu Psilocybe Mexicana. Europäer in Amerika hatten für den Kahlkopf das Wort „Chose diabolique“ gefunden. Später hieß es: „Les Champignons hallucinogènes du Mexique“. Die den Entgrenzungensehnsüchten entgegen gesetzten Reden rotierten in einer Trommel der Skepsis. Da half kein Walter Benjamin. Simon setzte Wörter ein, die sonst kein Mensch im Umlauf hielt.

Simon legte Mutter und Sohn restaurierte Folianten vor, er schlug für Marian und Goya in kurfürstlichen Hof- und Staats-Handbüchern nach. In einer „Skizze für Reisende“ aus dem Jahr 1825, erschienen in der Kriegerischen Buchhandlung, entdeckt er ihnen die Drolligkeit: „Herr Oberhofrath Völkel, dem die Direction des Museums und der kurfürstlichen Bibliothek übertragen ist, so wie die dabei angestellten Herrn Gebrüder Grimm, sind ausgezeichnete Literatoren, die den Fremden mit größter Gefälligkeit zuvor kommen“.
Simon schenkte Goya einen Schild-Louisdor (Caroline), der in Handel und Wandel höher im Kurs gestanden hatte als in den lokalen Regierungskassen. Der schlichte Louisdor hieß Pistole, es gab einen Laubthaler.

Simon fasste seine Familiengeschichte satirisch auf. Er griff in die Klamottenkiste, um sein Publikum zu unterhalten. Ihm erschien die Sippenprosa bloß als Kommisskuriosa, Familienmilitarismus, Minette-Gesänge und Teichmann´sche Arien. Der hessische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. Hatte eine Ehe zur linken Hand geführt, mit Gertrude geb. Lehmann, erhoben zur Fürstin von Hanau und Gräfin von Schaumburg. Aus dieser Verbindung waren neun Kinder hervor gegangen. Der 1836 geborene, wegen der morganatischen Ehe seiner Eltern nicht nachfolgefähige Wilhelm zeugte als Leutnant im Leibgarde-Regiment 1865 unehelich eine Tochter mit einer Garderobenjungfer seiner Mutter. Die doppelt Illigitime hieß Minette Teichmann. Verheiratet wurde sie mit Albert von Hesselbach-Ochsenheim zur Taubenbleiche.

Wayne war ein Fürst im Gebiet. Die Frauen liefen ihm nach. Sie kamen morgens, wenn jeder in Eile ist, in die Küche, und ließen sich Kaffee reichen. Sie legten ihre Hände alle gleich auf die Keramik. Sie erschienen alle gleich elegisch.

Ein lebensgroßer Django stand in der Küche als Pappkamerad. Über die Runen am Ärmel sah man hinweg. Wayne nutzte eine Stange neben dem Herd für Klimmzüge. Er forderte Goya auf, ihn zu übertreffen.

Goya gehörte an erster Stelle zu Waynes Manish Boys, ein als Rasenkraftsportgruppe getarnter Heimatschutzbund. Wayne formte die Jungen mit Orientierungsläufen und Guerillatraining. Er vertrat die taktischen Leitlinien von Colonel Aaron Bank, der 1952 die Special Forces gegründet hatte. Bank war im Zweiten Weltkrieg als Sabotagefuchs in der Koordination der Résistance mit den amerikanischen Streitkräften verwickelt gewesen. Wegweisend, zumindest für Wayne, war Banks Analyse der entblößten Verbände. Die Wehrmacht hatte in besetzten Gebieten komplette Volksgruppen dazu eingeladen, am Kampf gegen die Rote Armee teilzunehmen. Nach dem Rückzug der Deutschen blieben diese Einheiten ohne Aussicht auf Pardon im sowjetischen Einfluss. Antikommunistische Partisanen hielten sich bis in die Sechzigerjahre auf der Landmasse des Warschauer Pakts im Kampf. Nach ihrem Vorbild stellten die Amerikaner in Westdeutschland eine Schattenarmee auf. Der Schattenoffizier Wayne rekrutierte in seiner Kraftsportgruppe die nächste Generation. Sie sollte nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts hinter den feindlichen Linien das Prinzip Hit and Run verfechten.

Der M203 Granatwerfer erweitert regelmäßig Möglichkeiten des M16. Technologisch folgt der Werfer dem M79 (Blooper). Am Lagerfeuer seiner Erinnerungen sagte Wayne zu Goya: If you timed it right, your grenade would blow up right in gook´s face. We called that a facial.

Wayne vertauschte links mit rechts, weil links in Mode war und man den Jungen die langen Haare nicht abgewöhnen konnte. Einmal traf Goya seine Klassenlehrerin vor Waynes kunstvoll gemauerter Herdstelle. Wayne half ihr aus der Verlegenheit. In den Sommerferien war Frau M. in Rio gewesen, sie erzählte von Straßenjungen, undankbar und wild … bis Goya verstand, dass die Jungen von Polizisten totgeschlagen wurden wie Katzen im Sack. Ladenbesitzer zahlten dafür, um ihrer Kundschaft den Anblick der Armut zu ersparen.

Als die abgeklungene Studentenrevolte noch ein Wohnzimmer in der Burg hatte, belauschten Simon und Goya das vorlaute Gemurmel der Spitzenprädatoren. Sie begriffen sich als Vater und Sohn. Goya empfand es so, dass er zwei Väter hatte. Mit dem einen zelte er, mit dem anderen auch. Der alte Michael Wundersamen bewirtete die Häuserkampfexperten und Grünengründer verächtlich. Die greisen Gebietsgranden nannten ihn immer noch Diamanten-Michel. Die Dynastie der Wundersamen hatte nach dem Krieg manchen Edelstein für eine Stiege Kohlen eingezogen. Man handelte mit Nazi-Devotionalien. Der Führer hing in einem geheimen Raum an der Wand als Jux mit Trauerflor. Michels Consiliere, Ottozwo, ging als stille Hand durch das Nordend. Verschwendung hasste er so sehr, dass er einen Mann beschäftigte, der nachts die Mülltonnen abklapperte. Ottozwos einziger Sohn war von Michel gezeugt worden, es hätte deswegen beinah Tote gegeben.

Es gab noch einen Otto, Revierchef an der Eisernen Hand. Polizisten-Otto kannte Hinz und Kunzelmann und die meisten Häuser im Viertel von den illegalen Brennbuden im Keller bis zu den Dachböden der Bordsteinschwalben. Nach dem Krieg war das Nordend Trümmerland gewesen, der Aufbau ging dann Hand in Hand. Wer nicht spurte, wurde renoviert, viele Nutten hießen Hildegard.

Die Gangster respektierten Otto. Sie steckten ihm die Konkurrenz, diese Volksschädlinge, gezeugt in undichten Mansarden. Sie redeten immer noch wie das Dritte Reich, dachten aber wie die Southside und handelten wie Spanier. Spanier nannte man mexikanische Amerikaner, der Krieg hatte sie zu Weltmännern gemacht. Sie kamen aus nomadischen Erntehelferstämmen, die in den Dreißigerjahren „im Valley“ sesshaft geworden und in Los Angeles eingesickert waren. In der Presse rassistischer Verhältnisse organisierten sie sich in Nachbarschaftsverbänden, die nach den stärksten Familien benannt wurden. Soweit sie Englisch konnten, sagten sie blood in, blood out. In den kalifornischen Barrios wurde ständig geschossen. Mit diesem Konzept tauchten sie als Besatzer im Nordend auf und stießen da auf Wundersamen und seine Korona. Wie daheim in Los Angeles klärten sie zuerst untereinander, welche Familie das Sagen hatte. Dann besprach ein Mann, den seine Leute Tejas und alle anderen Goya nannten, mit Michel und Ottozwo die Einzelheiten. Fortan ging kein Spitzbube mehr über die Straße, ohne eine Steuer zu entrichten, und keine Hildegard wäre in ihrer Lenaustraße auf die Idee gekommen, spanische Beteuerungen nicht für bare Münze zu nehmen und auch noch was darauf zu legen für ein Jackett aus Haifischflossen. Getagt wurde nachts in der Burg. Die großen alten Männer des Nordends küssten Goya die Hand. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, blood in, blood out, was es bedeutet, mit Leuten Geschäfte zu machen, die unruhig werden, wenn zwei Tage lang nicht geschossen wurde. Gleichzeitig ging der kriminelle Betrieb so verschlafen über die Bühne, dass Polizisten-Otto ohne Waffe verhaftete. Sollte zum Beispiel ein Dieb aus der Koselstraße dem Haftrichter vorgeführt werden, sagte ein Laufbursche der Kriegerwitwe im Haus Bescheid. Die schleppte sich dann in den dritten Stock, um dem Dieb zu verkünden, dass Otto gleich erscheinen würde. Der Dieb wusste, was von ihm erwartet wurde, nämlich, sich die Zähne zu putzen, die Zahnbürste einzustecken und im Treppenhaus auf Otto zu warten – und bei seinem Erscheinen umgehend die Handgelenke der eisernen Acht zu überlassen.

Ein neues Wort kursiert im Park, man geht nicht mehr zum Kiosk oder zu Khan, man geht an den Strand. Straßenmusiker mischen den Strand auf. Erst nach einer Weile begreift Goya die Gravitation einer Gruppe. Die Spielerinnen schotten sich in Erwartung einer vergiftenden Aufmerksamkeit ab, die es gar nicht gibt.

Der Park legt eine Pause ein.
Goya kriegt wenig Luft, ist ihm egal, worauf er allergisch reagiert. Er achtet darauf, keine Zigarette weniger zu rauchen als sonst.

Kurts Bratwurstbude wird in den Oberpark geschleppt. Eine Kurzmitteilung fragt: Willst du nie mehr ans Tel. gehen. Kein Fragezeichen. Im Unterpark geben halberwachsene Flüchtlingssöhne den Ton an. Sie schikanieren Geschwister und andere Kinder. Eben waren sie selbst noch klein, Goya sah sie größer werden. Erschüttert waren die Eltern nach Deutschland und in den Park gekommen. Mit ihren Sorgen und ihrem Heimweh strichen sie die Segel auf der Promenade. Zehn Jahre später beherrschen ihre Söhne ein Territorium. Sie halten Tischtennisplatten besetzt. Die Platten sind ihre Sitzplätze. Ab und zu spielen sie. Sonst spielt keiner Tischtennis, solange sie da sind.
Eine Spaziergängerin lässt sich auf ein Wortgefecht ein, sie versucht Zeugen in den Streit zu ziehen. Niemand steht ihr bei. Ihr nicht und nicht den Drangsalierten. Die Jungen wehren die Frau engagiert, aber nicht aufgeregt ab, sie sind sich sicher. Nebenbei machen sie sich über ein Kind lustig, das sich in ihrem Kreis verlaufen hat.

Gegen seine Gewohnheiten wählt Goya einen Parkplatz an der Promenade. Ihm gefallen Abzählreime, die gelangweilte Nachzüglerinnen herunter leiern. Sie trödeln hinter Erwachsenen her, die den Spaziergang mit Leibesübungen verbinden. Die Eltern tragen Ballons, die die Kinder zwar haben, aber nicht halten wollen.

Goya merkt sich den akkuraten Einzelgänger (Solitär in sportlichem Leder) dessen Anschrift er bei der Mutter vermutet. Die Frauen mit den zusammengesteckten Köpfen, für die in der Welt zu sein ständige Überwindung und Besprechung der Überwindung bedeutet. Den Schlaffen im Bierkastenstil. Ein Paar, das ergreifend gut zum Gesamtbild passt.

Zur Probe quartiert sich Goya im Versteck der Stadtstreicherin ein. Ein Winkel, der den Irrtum fördert, er könne im Verborgenen liegen, dient ihr gelegentlich als Schlafplatz. Da wachsen Obstbäume und -sträucher, die aus den Gärten am Parksaum eingezogen sind. Sie erscheinen unter vornehmen Bäumen (gekrönten Häuptern) wie Boten einer neuen Wildnis. Sie unterminieren die Parkarchitektur. Goya beobachtet Kaninchen auf Kohlköpfen.

Tanja fliegt morgen, Goya überhört alle Anrufe. Zwischen Ampfer schillert das Hochseil einer Spinne. Ein Kinderwagen rollt vorbei. Die Frau am Wagen schlüpft aus Schlappen, auch sie könnte von dieser (vom Gartenamt vernachlässigten) Stelle angesprochen werden und ein Freiheitsversprechen vernehmen. Goya sucht Spuren in der Wohnung einer Unbehausten. Er findet nichts, die Stadtstreicherin räumt ihren Dreck weg. Goya tauft den Flecken Platz des himmlischen Friedens.

Goya setzt sich zu Willie, man sieht sie überall in der Stadt auf Plakaten. Die Lingerie-Matrone nagt an einer Salzgurke. Sie hat eine Schwäche für fußballverrückte, armdrückende Hool-Banker, angeblich nur echt mit dem Gütezeichen Made in England, die Willie in ihrer eigenen Kneipe aufreißt.

Valerie schwebt ein, begleitet vom Rosahemd. Wahrscheinlich gibt es kein größeres Hemd auf Erden, es platzt trotzdem gleich. Valeries Schönheit beschämt Goya. Er unterstellt ihrer Exzellenzverbindung einen kosmischen Erlebnishorizont.

Valerie muss erst einmal in die Gurke beißen. Alle kaufen bei Heide und deren Vogelsberger Bauern ihre eingelegten Gurken, am liebsten vormittags, bevor die Horden den Wochenmarkt auf dem Friedberger Platz sprengen.

Goya zweifelt an Heides ländlichem Vortrag. Valerie schickt Rosahemd mit einer Sammelbestellung zum Schalter. Es sind alle eingeladen. Sogar Tanja, die plötzlich da sitzt mit der Feststellung:
„Ich habe den Flug storniert.“

Ein zahmer Igel macht seine Honneurs am Strand. Vielleicht hält er sich für eine Taube. Er kennt jeden Hund auf dem Platz. Kein Hund kümmert sich um den Igel, als wären alle in einem Himmel der Eintracht.

Nomaden ruhen in der Sonderstimmung aus. Goya beobachtet den Ingenieur, der den Sommer im Park verbringt. Sein verbrannter Rumpf erinnert an ein vertrocknetes Blatt. Das Hemd trägt er auf dem Kopf, ohne der Abweichung eine besondere Bedeutung zu geben. Der Ingenieur war im Bergbau als fundierte Person. Ein falscher Pegel der Normalität nordet ihn ein. Tanja rettet eine Wespe, sie würde jeden Flügel richten. Sie kann kein Fleisch braten vor lauter Tierliebe.

Kinder spielen Fangen und kreisen doch nur unermüdlich und instinktiv um die Herde der Erwachsenen. Nachts rutschen die Erwachsenen auf ihrem Spielplatz.

Die Hitze fordert Verluste. Eine Punkfamilie gibt ihre Flaschen direkt bei einem Sammler ab und schnorrt im Gegenzug Tabak. Ein Briefträger überlebt in der Verbundenheit mit einer Weinflasche. Ein Mann sammelt Kippen, als hätten wir Fünfundvierzig. Eine Zwergnase erklärt Goya, dass sie jetzt hinter ihrer Schwester Heti auf ihrem Laufrad her müsse.

„Du schaffst das“, erklärt Goya.
Das Kind gibt sich mit der Ermutigung zufrieden – ein kleiner Vogel unter satten Geiern. Es überfährt eine Dose und betrachtet die Deformation als sein Werk. Befriedigt von der Zerstörung. Die Punkfamilie verabschiedet sich von dem Sammler wie von einem Freund. Arme, die sich unter die Arme greifen. Der Sammler sortiert wie ein Sachverständiger.

Ein Schuh segelt durch den Abend, sparsam streicht Tanja Krümel zurück in den Tabakbeutel. Sie registriert nistenden Dreck unter Goyas Nägeln. Er könnte sich auch mal wieder rasieren.

Die Abfallkästen werden kontrolliert. Letzte im Verteilungskampf sind die Restefresser. Sie vertrauen erst seit diesem Sommer ihre Dürftigkeit dem Tageslicht an. Sie scheinen sich von ihrer Unansprechbarkeit ausreichend geschützt zu fühlen. Goya gefällt die Vermutung, er selbst möchte sich von keiner Auslegung seiner Person mehr zerlegen lassen.

Die Tangotänzer sind da. Sie treten festlich auf.
In der Nacht sehen die Denkmäler im Park wie erstarrte Lebewesen aus. Wir sind alle nur Möglichkeiten füreinander. Überall werden Verabredungen getroffen, als müsste sterben, wer nichts vor hat. Goya bemerkt Paulas Sohn im Flutlicht der Boulespieler. Die Boulespieler sind unnachgiebig in ihren Gewohnheiten.

*Der kostbarste Augenblick des Abends hebt seine Lider. *

„Du bist mein Mann“, sagt Tanja. Sie lehnt sich an, die Tänzer schwelgen auf einer betonierten Fläche. Goya träumt von einer Diktatur der Bäume. Ein Einkaufswagen wird über den Platz geschoben. Die Sorgfalt der Abstände. Vor Jahrhunderten in Reihen gepflanzt und jetzt stehen die Bäume ganz groß da. Der Wagen klingelt vom Leergut.

„Mit dir möchte ich alt werden, selbst wenn wir keine Kinder haben sollten. Kannst du dir das auch so gut vorstellen?“

Goya beobachtet Paula bei dem Versuch, glücklich zu erscheinen. Goya war mit Paula in der Anstalt (Musterschule). Ihr Vater war da Lehrer. Ein Kollege deflorierte Paula, er ging noch jahrelang bei der Familie ein und aus. Paulas Lehrervater hielt sich für einen unterschätzten Intellektuellen. Die Tochter verstummte innerlich, ihr Vater führte sie vor. Sie revanchierte sich mit Gesellen. In einem Kreis machte sie die Runde. Sie war der Wanderpokal im Schwarzburg Zweiundachtzig. Stammgäste wohnten über der Kneipe. Von ihren Hockern fielen sie ins Treppenhaus. Wenn Paula nicht bei G. oder M. schlafen wollte, ging sie zwei Straßen weiter zu Goya. Er wollte nichts von ihr, Goya besorgte eine zweite Matratze. Eines Nachts kroch Paula zu Goya, als sei er ein Tier, das auf Wärme reagiert und nicht gefragt werden musste.

Goya verstört Tanjas bodenloser Maximalismus. Der gebieterische Drang ihn in ihre Haltlosigkeit zu ziehen: „Mit dir möchte ich alt werden, selbst wenn wir keine Kinder haben sollten.“

Das tonnenschwere Gewicht, das manchen Sätzen nach ein paar Monate leichten Herzens wieder abgesprochen wird.

Paula erreicht im Abendkleid den Tisch der Eingeschweißten, sie verneigt sich vor der Extravaganz eines Kühlers. Khan versorgt sie, er hat einen Raubtierbegriff von seinem Revier. Er winkt einem Knecht, es wird Zeit für die guten Sachen.

Paula streift Goya fast zufällig in ihrer blauen Stunde. Eine Frau schreit: „Das wagst du nicht.“

7. Dezember 2016

Schöne Momente

Goya belauscht ein Nebentischgespräch über angeschwemmte Leichen. An Urlaubsstränden aus dem Wasser gezogen. Namenlose einer Völkerwanderung, die es nicht geschafft haben, in europäischen Küchen und Kellern dem Wohlstand nah zu verelenden.

Ein halbes Jahr nach der Trennung erscheinen sie vielen noch als Paar. Sie arbeiten zusammen in der Vergabestelle und nach Dienstschluss sitzen sie im Café Kanak oder vor Khans Kiosk im Günthersburgpark so zusammen wie immer. Sie begrüßen und verabschieden sich wie ein Paar. Kein Dritter erkennt die Verzögerungen und Verschiebungen, die das Vollbild der Vertraulichkeit allmählich aus dem Rahmen nehmen. Sie verbringen ihre freien Abende gemeinsam, sie gehen nur nicht mehr gemeinsam nach Hause.
Sie vermeiden Streit, sie sitzen fest in einer Förmlichkeitsfalle. Sie richten eine Denkmalschutzkommission ein, zur Bewahrung der schönen Momente. Manchmal geraten die Trennungsgründe außer Sicht.

Eine Weile können sie sich nichts mehr sagen, ohne wenigstens einen Rückzug einzuleiten. Wenn Goya eine bestimmte Sache besprechen möchte, will Friede bestimmt kein Wort gerade über diese Sache verlieren. Sie hat Angst, dass sich das Gute ihrer gemeinsamen Vergangenheit in Goyas Betrachtungen verformt.

Bevor eine Vertrauensblase platzt, durchläuft jeder eine Phase, in der er sich selbst widerspricht. Er bekämpft Verstand und Instinkt. Er will die Brustwärme nicht auf einem Abtritt des Misstrauens verlieren. Friede und Goya kühlen an einen Tisch vor Khans Kiosk aus. Paula sitzt da zwar auch, zählt aber nicht. In ihrem Rücken wirbeln Kinder spielend Staub auf. Der Staub überzieht sämtliche Flächen.

Paula kratzt Butter von einem Dosenboden. Die Leute bringen alles Mögliche mit zum Spielplatz, Paula hat auch eine Tischdecke mitgebracht. Mit ihren Fingern fettet sie die Decke. Goya belauscht ein Nebentischgespräch über angeschwemmte Leichen. An Urlaubsstränden aus dem Wasser gezogen. Namenlose einer Völkerwanderung, die es nicht geschafft haben, in europäischen Küchen und Kellern dem Wohlstand nah zu verelenden.

Goya entdeckt Sprotte. Sie badet in einem Gummiboot, Möbel zum Aufblasen sind der letzte Schrei. Goya ist, als sähe sie ihn mit ihren Beinen an, die Knie noch aus der Kindheit aufgeschlagen.

Mülltonnengestank zieht in den zweiten Stock. Goya steht im Bad am Fenster, Parterre ist der Kinderladen, in dem er und Sprotte waren. Reste ausgewogener Ernährung gären in den Tonnen mit den chemischen Reaktionen von Convenience Food um die Wette. Auf dem Hof rauchen Erzieherinnen. Goya bleibt unbemerkt auf seinem Logenplatz, manchmal feiert die Hausgemeinschaft im Hof. Das Haus hat im Krieg einen Schlag gekriegt und steht seither so schandhaft schief da wie sein eigenes Mahnmal. Das nächste Haus Richtung Friedberger Platz wurde in eine Lücke gesetzt und hat als Nachkriegsneubau ein Stockwerk mehr als die Gründerzeitigen. Die Frauen rücken auf einer Mauer zusammen. Keine kann sich strecken, ohne die andere anzustecken. Immer wieder unterbrechen sie sich, um zu lachen. Eine Erzieherin ist neu. Sie steckt vorbeugend ein Feuerzeug in eine Zigarettenpackung. Wahrscheinlich sind aus ihrem Leben schon viele kleine Sachen einfach verschwunden. Die Überlegung hält Goya davon ab, in seinem Vormittag fahrplanmäßig fortzufahren. Paula kommt mit einer Kanne auf den Hof, die Neue sagt: „Wenn mir etwas schwer fällt, denke ich mir ein anderes Ich dafür aus. Das muss dann da durch.“

Goya gefällt der Einfall so gut, dass er die Frau auf der Stelle heiraten möchte. Solche hirnrissigen Verknüpfungen sind auch neu.

Paula inspiziert ihre Beete. Die greise Frau Meise zieht Flusen aus einem Besen und kämpft am Fenster mit den Flusen, die bei ihr bleiben wollen. Klogeräusche im dritten Stock untermalen das Geschehen.

„Er erwartete noch etwas Besonderes, aber zum Schluss geht nichts Besonderes mehr.“

Die Feststellung verbirgt eine Frage. Kollegin nickt bloß, ist gerade nicht ihr Thema. Paula, die Blinde, bemerkt Goya erst jetzt und ruft ihn an. Ihre Bürokostüme trägt sie als Bedienung im Schwarzburg Zweiundachtzig auf. Die Frauen heben synchron die Köpfe, sie stehen ertappt auf. Goya grüßt erhaben, Paula kehrt ihm den Rücken zu. Man kennt sich schon so lange …

Auf dem Weg zu den Tonnen prallt Goya im Hoftürrahmen auf Sprotte. Sie trägt ein Malerschiffchen zum Ausweis ihres Fleißes. Sprotte renoviert nach dem Auszug ihres letzten städtischen Angestellten. Sie steht auf abgerundete Lebensläufer mit Ecken und Kanten. Mit Goya gab es gemeinsame Fernseh- und Spieleabende. Eine im Gespräch vertiefte Nacht.
Der Auszug des Angestellten war dramatisch, ein Fegefeuer im Treppenhaus. Sämtliche Sprotte-Sympathisanten rotteten sich gegen den Mann zusammen. Sprotte streicht nach jeder Enttäuschung geübt ihre Wände neu. Goya findet das elementar.
Man müsste einmal wieder im Hof feiern, möchtest du nicht das Organisationskomitee ins Leben rufen?
„Mach ich“, verkündet Goya.
Kinder platzen aus dem Laden, verfolgt von Schnuller und der Neuen. Jemand ruft sie, nun kennt Goya ihren Namen. Er kennt auch ihr Ziel ganz bestimmt besser als sie.

Goya fährt sein Rad in den Park. Auf dem Spielplatz dreht sich Tanja wie eine von Kindern gespielte Orgel. Müllmänner räumen verträumt eine Deponie der letzten Nacht weg. Halb auf den Spielplatz gekippten Dreck. Abseits bleibt ein Sofa stehen. Bald steht neben dem Sofa eine Kinderwache. Ein Pritschenwagen rollt auf den Platz. Die Männer, die das Sofa aufladen, haben keinen Blick für den Park.
Einbier-Otto steigt vom Klapprad. Er sieht nach Herzinfarkt in nächster Zukunft aus. Kioskkhan vertreibt einen Strolch, der vor zwei Tagen auf einem Tisch einen hohen Bogen vorgeführt hat. Mit den Zwangsmaßnahmen wartete man, bis er fertig war. Er ließ sich einfach vertreiben, offenbar mit dem Gefühl, sein Ziel erreicht zu haben.
Otto grüßt aufgeweicht. Strolch wählt einen Lagerflecken hart an einer Grenze zur bewirtschafteten Fläche. Sonst verrät nichts seinen Groll, vielleicht hat er sich darauf spezialisiert, an Grenzen zu lavieren (unverschämt, aber nicht illegal) – mit Exzessen als gelegentlichen Zugaben.
Schnuller scheint an Tanja nicht interessiert zu sein, das sieht ihm ähnlich. Die Kindergartenkinder sind wie Kreisel. Stillstand bringt sie zu Fall.
Ein Rumäne oder Bulgare, der lange mit der Rundschau am Abend unterwegs war, setzt sich zu Otto. Man nennt ihn K, für Goya steht fest, dass das K von keinem Punkt begrenzt wird. Die Parkstreicherin lädt die Beutel ihrer Obdachlosigkeit zwischen Otto und K ab.

Das Nordend platzt aus seinen Nähten. Es ist ein Spielplatz dreißigjähriger Sieger, ein vorläufiger Ort. Zeitlich liegt das Nordend vor den Eigenheimen in der Wetterau. Für die Neubürger ist die alte Quartierordnung unbedeutend. Zugehörigkeit ist eine Frage des Geldes. Die aufgegebenen Metzgereien am Saum der Rohrbachstraße sind egal. Das alte Betriebsfleisch des Viertels stinkt vor Gleichgültigkeit. Es macht weiter gute Geschäfte. Goya interessiert sich nur für die lebenden Fossile, für das Andauernde und an einer Stelle Überlebende. Er existiert in seiner Witterung, Goya besucht Sonderschulen inoffizieller Verlautbarungen. Er kauft Weingummis bei den winzigen Tamilen an der Eckenheimer Landstraße. Sie haben der deutschen Armut einen Korridor neben ihrem Wasserhäuschen eröffnet. Die Armen lehnen im Gang an Kästen, die Tamilen pfeifen durch ihr Reich wie getrimmte Mäuse. Goya bemerkt einen Posten abgefahrener Reifen, eine Skulptur aus Marmeladegläsern, eine Kupferrohrinstallation.
Kupfer bringt Kohle.
Haben Sie Schwierigkeiten Ihre Frau zum Höhepunkt zu bringen? fragt Bild. Jemand möchte seine Zeitung mit Karte bezahlen. Schon wieder Abend, Rotwein wird mit seinem Namen auf die Tafel im Schwarzburg Zweiundachtzig geschrieben. Die Zahl im Wirtshausnamen nennt die Hausnummer und wirkt wie eine Ermahnung, bloß nicht originell werden zu wollen. Im Rachen der Kneipenhäuslichkeit bricht ein vom Karies der Vergreisung ruinierter steiler Zahn einen Aufbruchsversuch ab. Goya erschlafft neben Traktor, Buffet-Kurt, Germanen-Gero und der Mamba am Tresen, Paula spricht zur Gemeinde. Goya hört kaum hin. Beteiligungen im Millimeterbereich. Anteilnahme wie aus der Bauchhöhle. Die Fadenscheinigkeit seines Wohlwollens lässt ihn freundlich aussehen.
Jemand fragt, ob Konsonanten Unterlaute haben können. Jemand versucht die phonetische Unschärfe zwischen Backwahn und Bhagwan zu melken. Bloß, wer weiß denn noch, wer Bhagwan war?
Germanen-Gero berichtet wieder einmal von seiner Zeit als Regisseur. Regie führte er in einer Schneewittchenadaption mit zurückgebundenen Penissen wie bei den Papua in Neuguinea. Als Anspielung auf das elisabethanischen Theater, in dem Frauenrollen mit Männern besetzt wurden.

Zum Beweis seiner Selbständigkeit kehrt Peter Karaseks Hund ohne Karasek ein, Paula kippt für ihn Bier in ein Schlabberdings.
„Sauf dich nie mehr als voll“, rät die Mamba dem Hund. Soldaten in Vietnam tauften die Grüne Mamba Twostep, weil der Tod plötzlich nach zwei Schritten.

Mit der Absicht, das Schauspiel des fortschreitenden Nachmittags an einer bestimmten Stelle in Ruhe zu betrachten, erreicht Goya den Park. Ein Kinderbasar auf der Promenade vereitelt die Absicht. Die Beflissenheit der Kinder, ihr abgegucktes Geschäftsgebaren, verstimmen Goya. Nussknacker aus dem Altenheim im Prüfling legen einen Zahn in kurzen Hosen zu. Goya resigniert auf einer Wiese, Tanja war heute nicht im Kindergarten. Er hat den letzten Abend mit ihr verbracht, von ihm aus geht alles in Ordnung. Tanja raucht am liebsten Camel ohne, sie sucht sich ihre Kioske nach ihren Feierabendvorlieben aus. Sie lässt sich von Goya nicht erziehen. Wenn er sagt, in Frankfurt heißt das Wasserhäuschen, sagt sie trotzdem weiter Kiosk. Bei Schnaps sagt sie nein, in Frage kommt höchstens Fernet. Die angeblich in ihrem Ausweis behauptete Größe hält Goya für falsche Angabe. Tanja marschiert trainiert, mit einem in Kursen geschulten Körper, durchs Leben. Spirituelle Gymnastik ist ihr Dope. Sie erklärte Goya schon einmal das Programm. Erst Yoga, dann unter die Dusche.

Verstehst du?

Von einem Freund war den ganzen Abend nicht die Rede. Tanja schwärmte für frische Petersilie. K sah aus Knastaugen herüber. Der Henker im Himmel köpfte Blüten, die in den Staub auf Tischen und Bänken fielen. Khan stellte sich bündig zu Goya und Tanja, um die neue Frau in seinem Territorium zu überprüfen. Tanja unterhielt sich mit Khan über Gerichte, von denen Goya noch nie gehört hatte. Sie kennt sich in Indien aus. Sie strahlte Khan an, anscheinend eingenommen von seiner vulkanischen Erscheinung.

Für Goya ist schon Seckbach weit. Tanja wohnt an der Seckbacher Grenze in einer Senke. In einem Siedlungshaus, das man der Gegend nicht wünscht. Die zweckstarre Nachkriegsarchitektur verätzt bäurischen Bestand. Goya hat das Haus ausfindig gemacht, nach ungenauen Angaben. Er geht jeden Satz durch, den Tanja gesagt hat. Sollte er etwas überhört haben? Eine Zurückweisung durch die Blume? Goya hatte Tanjas Beiträge insgesamt als Ermutigung aufgefasst. Einmal hatte sie ihn dazu aufgefordert, „Didgeridoo“ zu buchstabieren. Goya wurde ausgelacht, weil er das nicht konnte. Da bemerkte Goya einen unerwarteten Bildungsstolz.

Goya trottet mit seinem Fahrrad über die Wiese zum Kiosk. Früher gab es da nur die Klos. Ein Trittbrettfahrer des Brezelbuben verkauft Teigrollen mit dramatischen Füllungen. Sein Korb ist schmuck, er serviert in raffiniert gefalteter Serviette. Die Servietten passen farblich zu den Rollen.
Khan bietet selbst Speisen an, er verliert Geld an fliegende Händler. Trotzdem dürfen sie auf seinem Gebiet ihren Geschäfte nachgehen.
Mit zunehmender Armut wird in der Öffentlichkeit immer mehr verzehrt. Alles frisst aus der Hand. Unter einem Baum löst sich Tanja von einem Mann, der zügig abfährt. Vielleicht hat sie ihn nur zum Abschied umarmt. Sie wendet sich Khans Platz zu und sieht Goya von einer Warte entrückter Überlegenheit an. Ihr Blick sagt, du läufst mir nach. Was glaubst du denn, was ich für dich Besonderes habe?
„Bist du krank?“ fragt Goya.
Tanja antwortet nicht. Khan lädt Goya und Tanja ein, sich zu seinen Freunden zu setzen. Goya will, Tanja fragt wozu.
„Was hast du vor?“ fragt Goya zurück.
„Das, was du auch vorhast.“

Niedergemachte Briefkästen. Fahrradschrott im Flur zum Hof. Tanja hat mit der Bude eines geborenen Untermieters gerechnet. Jetzt sieht sie, dass Goya ein Tageslichtbad zur Verfügung steht.
„Wer macht hier sauber?“
„Meine Mutter. Manchmal schickt sie ihre Putzfrau.“
„Sind wir hochwohlgeboren?“
Goya war zu jung für jedes Begreifen, als sich seine Mutter von Wayne trennte. Eine in Deutschland untergetauchte IRA-Aktivistin war auf ihrer Party durch Wohngemeinschaften, Kneipenschichten, Druckereijobs und Kinderladengeschichten schleichend legal geworden. In der Ehe mit Simon Hesselbach wurde sie bürgerlich in der größten Wohnung des Hauses. Das Simon gehörte und jetzt seiner Mutter und Simon gehört. Goya findet es zu früh, zu sagen: Als meine Eltern sich kennenlernten, war meine Mutter ein Flüchtling. Nach der Trennung kriegte ich einen Hesselbach zum Stiefvater. Goya holt den Wohnungsbembel aus der Kühlung und schenkt in Gläser mit Goldrand ein. Die Gläser standen lange als Leihgabe im Historischen Museum.
Tanja hat noch keinen Wohnungsbembel gesehen.
„Schoppe“, sagt Goya. Er kramt nach Musik, findet nichts passend. Tanja betrachtet alte Ansichten der Stadt an den Wänden. Mit den tauben Fingern der Fremdheit betastet sie eine Musiktruhe, Goya wohnt in einem Museum. Die Truhe gehörte Simons Mutter, die lange Witwe und für Goya die einzige greifbare Oma war.

„Warum hast du keinen Freund?“ fragt Goya. Das beschäftigt ihn, Goya hatte noch nie eine Freundin, die nicht erst einmal einen Mann verlassen musste.
„Ich habe mich gerade getrennt“, behauptet Tanja. Eine Stunde später glaubt Goya, eine Freundin zu haben.
„Ich kann heute Nacht nicht bei dir bleiben“, sagt Tanja.

Sie segelt nach Seckbach, eine Energie voller Yoga und Eigenliebe. Es ist noch nicht zwölf, Roger begießt die schöne Nacht auf dem Balkon.
Wenigsten mit Balkon, darauf hat Tanja in all ihren Bruchbuden und Übergangsheimen geachtet. Roger lebt an sich schon wieder in den Staaten, seine Wohnung in Hanau, wo er stationiert war, ist nur noch erinnerter Schauplatz einer Liebesgeschichte, die sich dem Ende zuneigt. An eine transkontinentale Verbindung, die mehr sein könnte als Brieffreundschaft, glauben beide nicht. Sie halten sich beide für vernünftig. Beide wollen zum Schluss aber noch einmal etwas miteinander erleben, eine Wanderung auf Waldwegen in Kentucky. Roger wird voraus fliegen. Tanjas Flug ist gebucht.
Roger ist Wildwasserfahrer, Bergsteiger, Skiläufer. Er holt noch ein Glas, er lacht über die deutsche Sprache, die so funny in seinen Ohren klingt. Im Wohnzimmer singt Willie Nelson the night life ain't no good life/but it's my life, Tanja rutscht unverfänglich in eine Lücke. Der Balkon ist kaum mehr als ein Vorsprung. Ich male die Szene nicht aus, jeder weiß, was Goya sieht, der Tanja hinterher gefahren ist, mit der Kompetenz eines Trappers für das Nordend und für Bornheim. Nach seinem Verständnis der Lage geht Tanja fremd.

30. November 2016

Durch die Wetterau/ein Riss

„Der erste Schlag soll dich zum Jäger weihen. Der zweite Schlag soll dir die Kraft verleihen, zu üben stets das Rechte. Der dritte Schlag soll dich verpflichten, nie auf die Jägerehre zu verzichten.“

Stonewall Thunderbolt schlägt mit dem Geweihgriff eines Hirschfänger zu. Erschüttert nehmen Goya und ich unsere Jägerbriefe vom Lehrgangsleiter der Arbeitsgemeinschaft Wetterauer Jagdvereine entgegen. Gemeinsam haben wir Pirschpfade angelegt, mir ist feierlich zumute.

Allgemein redet Stonewall Thunderbolt dem Jagd-ist-vornehmster-Naturschutz-Zeitgeist nach dem Mund. Unter der Hand und im Kreis der Spießgesellen verbreitert er die Allgemeinplätze der Lustschießer. Seine Waffenbrüder haben in die lichten Wälder der Rhein-Main-Ebene Schlösser und Burgen gesetzt, sie rallyen im Camouflagelook mit ihren Utility Vehicles durch den Forst und schreiben alle auf, die es ihnen gleich tun, jedoch nicht zur Bruderschaft gehören.

Der Militärpolizist im Ruhestand räuspert sich. Ein monumentales Geräusch, das von monumentalen Vergleichen begleitet wird. Einst gab es Rom und Karthago. Jetzt gibt es nur noch Rom. Stonewall Thunderbolt nutzt die phonetische Nähe von Kanada und Knast für einen krummen Scherz. Wie oft hat er in Altsachsenhausen im Schwung eines Rollkommandos die Ordnung unter Doughboys wiederhergestellt.

Was ist nicht alles praktizierter Artenschutz. Entscheidend bleibt die Verpflegung. Am Ende zählt bei jedem Lehrgang nur das Mittagessen. Stonewall Thunderbolts jüngste Tochter erscheint im Landfrauenstil mit einem Blech Streuselkirsch. Carly ist Jagdhornbläserin und Hundeobfrau. Die Bläser proben im Dorfgemeinschaftshaus von Ranstadt – Bobenhausen. Da nutzte Carly ihren letzten Geburtstag, um in die Kindheit abzugleiten. Bald wird es für unsere Generation eine schicke Selbstverständlichkeit sein, Geburtstage auf den Hartplätzen der Heimatgemeinde zu begehen. Im Augenblick ist das noch Avantgarde mit Carly Thunderbolt in der Pole-Position.

Im letzten Jahr sind ein paar Heckenmeter am Hundeplatz gerodet worden, um Erntemaschinen Durchfahrt zu schaffen. Totholz soll die Lücke nun schließen. Ob das nicht eine Aufgabe für uns sei? fragt Carly. Ihr Vater verliert sich im Wert von Totholzhecken als Lebensräume. Er sieht es gern, wenn ich Carly zum Tanz auf die Tennen im Elvis Presley-County vor Frankfurt zu Countryschwof, Square Dance-Auditions und Gene-Vincent-Ähnlichkeitswettbewerbe begleite. Carly macht es mir leicht. Sie verliert kein Wort über Jiménez. Sie lässt ihre Verehrer abfahren, einen nach dem anderen, bevor ich sie heimzubringen habe auf einem Umweg, vielleicht über Ockstadt, mit sommerlichen Begehungen von Streuobstwiesen. Wir werden als Ehepaar auf den Parcours zurückkehren.

Jagd ohne Hund ist Schund. Ein großer Hund gehört nicht in eine kleine Wohnung. Seit Carly sich gegen Zwingerhaltung ausgesprochen hat, geht ein Riss durch die Wetterau. Ein glühender Debattenkern dreht sich um die Frage, ob man für jeden Jagdzweck brauchbare Hunde selbst halten muss. Das harmlose Wort brauchbar ist zum Kampfbegriff geworden. Als Inbegriff der Unbrauchbarkeit hält der Gebirgsschweißhund im Niederwildrevier her.

Die Bläser unterstützen Höhlenbrüter mit Nistkästen. In jeder Brutsaison schwärmen sie mit den Kästen aus und kein Mensch, der nicht in Karben-Peterweil oder Rosbach-Rodheim zuhause ist oder da wenigstens Verwandtschaft hat, erfährt davon.
Das Landleben bleibt für (auf der nördlichen Mainseite aufgewachsene) Geburtsfrankfurter mysteriös. Zwar kann ich Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins in der Wetterau nachweisen und Goya immerhin mich und sämtliche vorstädtischen Hesselbachs, doch sind wir für jeden Peterweiler nur Überlebende im Moloch. Bis nach Kassel pendeln Polizisten, die in Frankfurt Dienst tun, täglich zwischen ihrem Daheim und der verrufenen Stadt.

Kein Spiel für höhere Chargen

1837 beendete ein Sklave in der Gegend von Natchez seine Unfreiheit. Er zog einen Aufseher vom Pferd und schlug sich in die Büsche. Er ließ eine Familie zurück, das waren Leidtragende. Etwas musste über ihn gekommen sein, vielleicht eine Offenbarung seines längst christlich überformten Götterglaubens. Ihn könnte ein Fuchs gebissen haben, mit irdischer Vernunft ließ sich sein Verhalten nicht begreifen. An seiner Verfolgung mit Bluthunden beteiligten sich der philanthropisch gestimmte Plantagenbesitzer und seine Söhne. Die Herrschaften waren wie vor den Kopf geschlagen, erkannten sie doch mit mildtätiger Wirkung und Hausandachten auch in Schwarzen liebenswürdige Geschöpfe Gottes. Sie waren Vorreiter einer „menschenwürdigen Sklavenhaltung“, die Nachbarn bezweifelten deshalb ihre Satisfaktionsfähigkeit. Doch ging das Seelenheil vor guter Nachbarschaft, die Hölle brannte ewig. Das Anwesen endete in einem Sumpf voller Schlangen, Alligatoren, Bären und den Geschöpfen afrikanischen Aberglaubens. In der Unwegbarkeit trafen die Verfolger den Tod. Für Gebildete war das die Varusschlacht am Mississippi. Der Entsprungene überlebte den Betriebsunfall der Geschichte, er verkroch sich bei einer Splittergruppe, die sich im Verborgenen hielt. In diesem Verband traf Europa Afrika, die Karibik und das ursprüngliche Nordamerika, um noch einmal wild zu werden. Die Welt als Dorf/ein genetischer Kurzschluss – die Gestreiften existierten wie Tiere im Wald in kurzlebiger Generationenfolge. Abe Lincoln holte sie nicht aus ihren Verhauen. Sie kamen kaum je aus den gespenstisch-vorzeitlichen Atchafalaya-Auen, im späten 19. Jahrhundert ergab sich immerhin eine neue Nachbarschaft. Moormenschen begegneten schwarzbrennenden Misfits, die genauso wahnsinnig und räudig waren wie sie selbst. Fanatismus, Debilität, Mordlust, Kannibalismus, Trunksucht, Pilzbefall, Deformationen – nichts störte das Geschäft der Fortpflanzung. Man nahm es, wie es kam. Wer keiner Norm entspricht, kann auch keine aufstellen. Die Unterschiede zwischen Diebstahl und dem Gemüse da, zwischen Raub und ein paar Schweinen in einem faulenden Gatter, zwischen Jagd und Mord schwammen wie der Boden unter den Füßen. Den Bewohner fester Ortschaften erschienen die Sumpfsiedler (Swamp People) wie Treibgut in einem Rückstau des Hades. Auf Booten ohne Tiefgang erreichten Alligatoren, Schlangen, Knochenhechte und Gürteltiere im Feenkleid der Menschheit die Zivilisation von Natchez. Das 20. Jahrhundert verwandelte sie, bis ein Nachkomme des entsprungenen Sklaven im vietnamesischen Dschungel von gekochtem Schweinebauch und pochierten Karotten träumte. Wayne Raymond lag mit geschlossenen Augen in einem vollgelaufenen Graben. Das Brackwasser schwitzte Fäulnis. Es stank wie die Pest nach Lilien. Ein Schuss fiel dem Gespräch des Waldes ins Wort.

1660 stürmte ein Mann in eine Kirche bei Nantes, um da einen Widersacher zu erschlagen. Für Zeitgenossen wog die Kirchenschändung schwerer als die Bluttat. An einem anderen Ort vollbracht, hätte die Bewertung eines Vorgangs gegen Leib und Leben nicht unbedingt auf Mord hinauslaufen müssen. Dem Berserker gelang die Flucht nach Akadien (im heutigen Maine); die Kolonie gehörte zur Krondomäne Neufrankreich. Er taufte sich selbst auf den Namen Pierre Caprice, entzog sich der spärlichen Zivilisation in das Hoheitsgebiet der Wabanaki-Konföderation und gründete eine Familie. Soviel man weiß, starb Pierre Caprice ohne Reue. Ein Nachkomme strandete mit anderen Redbones und verwilderten Weißen am St. Catherine Creek (nach unserem Verständnis im Bundesstaat Mississippi). Er fristete eine spröde Uferexistenz in einem Gebiet, das französisch war. In der nächsten Generation verflüchtigte sich der Einschlag, vielleicht wurde er auch nur geleugnet, jedenfalls gab es einen Bon Caprice unter den Aufsehern einer Plantage nahe dem Pontchartrain-Salzsee. Bon überlebte den Natchez*-Aufstand und wurde sogar alt genug, um mitzukriegen, wie die Gegend 1763 der britischen Verwaltung zufiel.

*Natchez bezeichnet ein Volk der ersten Nation Amerikas. Französische Frontiers des 18. Jahrhunderts tauften die erste weiße Siedlung am Mississippi Natchez. Sie dezimierten die indigene Bevölkerung und schufen im Schatten von Fort Rosalie den Sockel einer kolonialen Verwaltung, die von Engländern übernommen und schließlich amerikanisch wurde. In der Ära des Antebellum South war Natchez das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum einer Sklavenhaltergesellschaft im Bundesstaat Mississippi. Wenn hartgesottene Sportsfreunde und Bombenleger mit Stammbäumen bis zu den Indianerkriegen und von Geburt an im Ku-Klux-Klan beschlossen, den „Nigger-Prediger“ Martin Luther King und Jacks kleinen Bruder Bobby K. umzulegen, geschah dies in der historischen Konsequenz von Appomattox.

Das Gefecht bei Appomattox Court House war die letzte militärische Aktion der Rebellenarmee vor ihrer Kapitulation. Robert E. Lee ergab sich Ulysses S. Grant, Männer, die den katholischen Yankee Robert Kennedy für einen Vaterlandsverräter hielten, empfanden die Schmach des Südens Jahrzehnte später noch als persönliche Niederlage. Bei einem Großbrand kamen 1940 über zweihundert Besucher eines Konzerts von Walter Barnes and his Sophisticated Swing Orchestra ums Leben. Barnes war in Chicago zuhause, er hatte sich seine Sporen in Al Capones Speakeasies verdient. Die Band spielte „Tuxedo Junction”, als das Feuer ausbrach. Howlin Wolf besingt „The Natchez Burning“.

Aus diesem Krieg werden keine Erinnerungsvereine mit Pauken und Trompeten hervorgehen, dachte Wayne. Es wird alles gleich vergessen oder für immer Schande sein. Okra und Schwarzaugenbohnen – Neben Wayne rastete Lance Caprice. Er stammte aus einer Schwarzbrennerdynastie in Jerry Lee Lewis’ Geburtsstadt Ferriday am Louisianaufer des Mississippi.

Wayne öffnete ein Auge. Feuerschiffe strichen über Wipfel, ihre Flügel segelten. Feuerschiffe – fliegende Kanonenboote – Gunships. Die Gunships rasierten einen Dschungelsaum und schossen Bäume zu Fetzen. Staff Sergeant Amsterdam aus Lafayette, Louisiana, befahl: „Also dann, Ray, lassen Sie aufsitzen.“

Während der Tet-Offensive war Amsterdam von Splittern einer Claymore-Mine getroffen worden, man hatte ihn in Japan zusammengeflickt, die längste Narbe maß sagenhafte zwanzig Zentimeter. Amsterdam hätte sich nach Hause schicken lassen können.

Viele blieben im Dreck liegen, unerklärte Kriegsdienstverweigerer, Corporal Wayne Raymond aus Natchez, Mississippi, machte den Männern Beine. Er hatte Trooper erlebt, die vor Erschöpfung schwachsinnig geworden waren. Manchen Männern fehlte die Kraft, sich eine Fliege von der Nase zu wedeln.

Das Geschmeiß fiel sie an wie Aas.

Ein Maschinengewehr sang sein Lied. Männer rutschten wie losgelassene Puppen zurück in ihre Löcher, die Feuerschiffe drehten ab. Der Lieutenant fiel auf die Knie, er sah verärgert aus. Der Sergeant hatte jetzt wieder das Kommando. Er sagte: „Scheint kein Spiel für höhere Chargen zu sein.“
Das gefiel Wayne, es gab ihm das Gefühl, jedem Lieutenant etwas voraus zu haben. Er rechnete nicht mehr mit seinem Ableben in Asien. Sein Glück erschien ihm selbstverständlich, Wayne hatte schon angefangen, eigene Erlebnisse mit dem Pech der anderen zu frisieren.

Sie sickerten an Binh Phu vorbei, einem Dorf in der Provinz Dinh Tuong, siebzig Kilometer vor Saigon. Eine Vorstellung des Feldtheaters der Nationalen Befreiungsfront bannte die Aufmerksamkeit des Volkes. Ein gelber Stern auf blaurotem Grund markierte den Spielplatz. Jemand rief: „Hoan ho hoa binh“ – Es lebe der Frieden.
Für Wayne klang das wie Hohn, in diesem Land töteten Kinder Männer, die zu ihrer Befreiung gekommen waren. Die so genannte Provisorische Revolutionsregierung hatte sich in der Gegend längst festgesetzt. Wayne vermutete eine Lockheed YO-3 im Himmel über dem Kommando, ein leises Flugzeug. Near-silence. Die Männer glitten zum Fluss, in dessen Delta sie operierten, sie bewegten sich in einer Kraterlandschaft mit unschönen Grüßen der B-52. Die Anspannung verwandelte versehrte Palmen in zugespitzte Totempfähle.
„Giang Song“ sagen Vietnamesen zu ihrer Heimat – Berg und Fluss. Wayne roch Terpentin in den Schwaden auf dem Mekong.
In Wyoming nannte man Bullenhoden Prärie Austern, Wayne versah seine Angelegenheiten mit dem Gleichmut eines Mannes, der sich nichts anderes vorstellen kann als in Kämpfen verschlissen zu werden. Seine Umfangsformen verrieten wenig, als fürchtete er, dass sich ein Bild von ihm verfestigen und man ihn darauf festlegen könne. Er verhielt sich flüssig. Die verschlafene Art, mit der er seine Bewegungen tarnte, gehörte nicht nur zu ihm.
Er erschoss einen Scharfschützen, suchte die Leiche und fand ein totes Mädchen in der schwarzen Uniform des Feindes.
Jemand zog unter Leichen ein lebendiges Kind hervor.
Wayne stand abseits. Man konnte von ihm vergessen werden, während er neben einem schwieg. Er hatte die mimische und gestische Beweglichkeit einer Statue. In ihm kochte eine Brisanz aus Misstrauen und introvertierter Gereiztheit.
Der Sergeant suchte seine Nähe, nichts bedeutete die Bewunderung oder Ablehnung der Kameraden, die nur taten, was nicht zu vermeiden war und von Thailand träumten als ihrem Paradies auf Erden. Im Vergleich mit Amsterdams Anerkennung.
Redbone & Redneck. Amsterdams Vorfahren hatten mit weißen und schwarzen Sharecroppers um den Fettrand direkt unter der Rückenhaut der Hausschweine konkurriert und sich patriotisch versteift, ihr Gumbo, ein Eintopf mit Fisch und Fleisch, verleugnete die Verwandtschaft mit Bouillabaisse, da Bouillabaisse wie ein Verrat am Vaterland klang.
Amsterdam wäre mit Lee* geritten, genauso wie Wayne. *Lincoln hatte Robert E. Lee vor Ulysses S. Grant und allen anderen West Point-Absolventen das Kommando über die Unionstruppen angetragen, Lee es indes nicht fertiggebracht, gegen seinen von der Union abgefallenen Heimatstaat Virginia Krieg zu führen. Lee war ein Gegner der Sezession zunächst gewesen. Alles Weitere war trotzdem geschehen.

Die Sache des Südens

Vater und Sohn fuhren zu Anna’s Bottom wie sie es an langen Nachmittagen beim Boule im Günthersburgpark besprochen hatten. Anna’s Bottom war Schwemmland im Fruchtmantel des ursprünglichen Mississippiverlaufs. Es war Baumwollland unter bewaldeten Hügeln. Aristokratische Weiher mit ihren von der Gegenwart erniedrigten Herrenhäusern säumten die Strecke. Die Paläste sahen nach einer Nacht im Casino aus und ein bisschen auch wie ein wahrhaft verwunschenes Heidelberg. Wie etwas, das man für die Erinnerung stehengelassen hatte und dann war es doch vergessen worden in zig Durchgängen von Jetzt.
„Habe ich zu viel versprochen?“ fragte Wayne.
Goya war zu jung für jedes Begreifen gewesen, als seine Eltern sich getrennt hatten. Das schwarze Gold des Erdöls war dem weißen Gold der Baumwolle als Gegenstand der Exploitation im Mündungsdelta gefolgt. Arme Weiße hatten den Siedlungsgrund gentrifiziert. Bis dahin hatte es Herren und Knechte nach Schema F gegeben. Fortan gab es jede Kreuzung, und der Country nahm genauso Fahrt auf wie der Blues. Wayne liebte beides, Country und Blues, das Delta war sein Babylon am Highway 61. Er bat Goya, vor Albert’s Juke Point auf einen mit Muscheln geschotterten Parkplatz zu halten. Es roch viehisch nach Schwein und Kloake. Die Gerüche konkurrierten wie fettsteife Schwergewichtler. B.B. King, Big Mama Thornton, Wilson Pickett und Muddy Waters hatten im Albert’s auf der Bühne gestanden. Die Tische trugen bayrisch blau-weiße Decken. Es gab den Landhauskamin im französischen Stil und die Jagdtrophären; einen europäischen Mix wie von Walt Disney. Wayne hatte lange vergessen, wie wenig Realität die alte Welt in Amerika besaß. Auf den Tellern dampften Fleischvulkane, sie waren fast so hoch wie die Müllberge hinter dem Haus.

Lance Caprice zog ein Bein nach, er sah aus wie Steve McQueen. Er wäre so weiß wie ein aufgeschlagener Mehlsack gewesen, hätte die Sonne ihn nicht zur Rothaut gemacht. Lance hatte für das Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms in Baton Rouge gearbeitet. Er war einer Mafia in die Quere gekommen, man hatte ihn fertiggemacht und aus Versehen am Leben gelassen. Lance lebte wieder in der Gegend seiner Herkunft. Er hatte nicht mehr viel vor, er war nicht der Typ für Heimwerken.
In einem Saigoner Freudenhaus hatte er mit Wayne gemeinsam Jambalaya zubereitet, Lance erzählte Goya das auf dem Weg zu Mortimer Caprice, einem Mann vom Schlag Will Sampsons (dem Häuptling in „Einer flog über das Kuckucksnest“). Die Männer tranken Schaefer-Bier – mit der Aussicht auf einen Yachtclub.
Underdogs rissen auf schiefen Campingstühlen Witze über reiche Clubleichen. Man hätte sie im Club nicht die Birnen austauschen lassen. Handwerker unterlagen einer Kleiderordnung wie für den Opernball von New Orleans. Der Service war komplett schwarz und besonders adrett in seinen weißen Uniformen. Hatte man erst einmal die Augen aufgemacht, sah man, dass die Sache des Südens ein heißes Eisen („Happiness is a warm gun“) geblieben war, egal, wer regierte und was offiziell gesagt wurde. Für Leute wie Lance und Mortimer lagen die Dinge noch vertrackter, es gab keine Repräsentation ihrer Interessen. Die Nachkommen der Swamp People und Ghost Dogs hatten ihre Gangarten unübersichtlichem Terrain angepasst. Sie informierten sich gegebenenfalls in einer Zeichensprache, ihre Kommunikation war kodiert.
Goya vermutete bei Mortimer die Gleichgültigkeit eines Reptils bei der Menüzusammenstellung …
Lance vertrödelte seine Tage in einem 68er Mustang. Er trank mit Heimwehr-Veteranen, die refraktär ihre Standpunkte vertraten. Eine Hochkultur sei ohne Sklaven nicht zu haben, sagten sie. Von Inzucht verzeichnete Hellbillies führten Mesopotamien, Griechenland und Rom an. Sie sprachen von Prädestination und Destination und erinnerten daran, dass Schwarze (nach der Befreiung 1863) sich selbst unter den Schutz ihrer ehemaligen Besitzer gestellt hatten. Es bestand eine im 18. Jahrhundert am Mississippi ansässig gewordene, aus dem Pilgrim-Pool geschöpfte Virginia-Familie fort, die von 1627 bis 1863 Sklaven gehalten hatte. In der Zwischenzeit hatten die Herrschaften Evolution gespielt. Sie waren Menschenzüchter gewesen.
„Du kannst solche Leute nicht ändern“, sagte Wayne in einem schwimmenden Restaurant auf dem Old River, einem See, der einmal eine Mississippischleife gewesen war und sich einer Flussbegradigung verdankte.

Goya aß Alligator am Spieß.

„Es ist eine Erinnerung des Blutes, die sie so hochmütig macht. Ihre Ahnen waren Gottes Amtmänner auf Erden. Unumstritten, kannst du dir vorstellen, was es bedeutet, unumstritten zu sein? Es geht überhaupt nicht um Rassenschranken für sie. Sie wähnen sich über allen. Lance ist für sie Abschaum in der fünften Generation und du kannst sicher sein, dass sie wissen, wie der erste Caprice mit Vornamen hieß, der in diese Gegend kam.“
Der Alligator schmeckte wie Hühnchen. Er dümpelte in einer süßscharfen Soße.
Goya konnte mit Erinnerungen des Blutes nichts anfangen. Sein Vater verwirrte ihn als Amerikaner.
„Sie werden in einen Orden hineingeboren. Für sie ist die Gegenwart eine Flaute, die haben auch noch alles in ihren Kellern. Die glauben, dass sie oder ihre Nachkommen dazu bestimmt sind, das Jüngste Gericht abzuhalten.“
Goya war Einundzwanzig, sein Vater hatte mit einundzwanzig in Vietnam gekämpft, als Amerikaner hätte sich Goya jetzt im Irak bewähren dürfen. Kurz tauchte der Kopf des Kochs auf. Die Gäste zeigten sich zurückhaltend und ernsthaft angezogen, die Bedienungen wirkten gedrillt. Goya ahnte einen stillschweigenden Zusammenhalt auf der Grundlage gemeinsamer Überzeugungen, von denen keine zu ihm passte.

„Hab gehört“, sagte der Honk. Es war mehr ein Gurgeln.
Goya und Wayne atmeten flimmernde Luft im Schatten eines Denkmals zu Ehren der 82. Airborne Division auf dem Rastplatz der Atchafalaya Sumpf Brücke, einem besonderen Stück Interstate 10. Sie wollten nach Lafayette, um sich von Amsterdam zu verabschieden.
Dem Honk ordnete Goya einen Dodge Pickup mit Käfigen auf der Ladefläche zu. Wie hatte es der Verpeilte bis zum Rastplatz geschafft? Die Brücke war beinah dreißig Kilometer lang.
Der Honk setzte wieder zum Sprechen an, eine innere Bewegung war stärker. Jemand rief einen Namen, Goya meinte Louis zu hören, ein Mädchen, es konnte nicht älter als vierzehn sein, näherte sich. Es heftete seinen Blick bezwingend auf die Fremden. Das Mädchen schien eine komplizierte Lage anzunehmen und Goya und Wayne für die Verursacher zu halten. Es erreichte Louis, nahm seine Hand und führte ihn ab. Es redete français cadien. Den Dodge fuhr es wie ein alter Honk vom Platz.

Amsterdam erfüllte die Mission eines geräuschlosen Abgangs in absehbarer Zeit. Doch gab es Spuren familiären Zuspruchs; eine Höhlenmalerei der Anteilnahme. Der Mann war nicht allein. Er stellte zwar die Behauptungen der Einsamen auf, doch der Zustand seines Hofs erzählte eine andere Geschichte. So wie Goya Lance mit Revolvern identifizierte und seinen Vater mit tödlichen Händen, dachte er bei Amsterdam an Messer und Schlingen. Amsterdams Totemtier war die Schlange. Im Hauptraum stand ein Kriegerschrein, die Devotionalien glänzten. Ein Foto zeigte Wayne zwischen Lance und Amsterdam, glücklich und übermütig wie ein junger Kennedy.

Sie passierten das Atchafalaya Basin, die Raffinerien im Marschland fackelten Gas ab. Die Luft roch nach Salz und Kiefern. Bald gliederten Raffinerien eine leuchtende Kette an der Küste. Plötzlich waren die Prärie da. Sobald sie die Staatsgrenze passiert hatte, unterbrachen sie die Fahrt.
Vor dem Motel lagen Karosserieleichname. Eine Sprinkleranlage sprengte Beton. Ein Sprengstoffexperte grillte. Er kaute aromatisierten Tabak und schwor auf Composit B. Goya malte sich aus, wie er in der Stunde des Gebets sein Gebiss einem Glas überließ.

Ein Junggeselle aus Amerillo arbeitete auf einer Bohrinsel im Golf.
Auf Feldern verrotteten Schober der Baumwollära. Rampen und Kräne fristeten ein Dasein als Dekor. In Buchten schimmerten Schlieren. Schilfhaine hielten jeden Dreck fest. Galveston war Piratenland auf einer Insel im Golf von Mexiko, Tortuga auf texanisch. Spanische Eroberer hatten zur Zeit der Conquista einen Schatz vergraben, doch erst der französische Pirat Louis Michel Aury hatte im 19. Jahrhundert eine europäische Siedlung auf der Insel gegründet.
Der europäische Imperialismus vergangener Jahrhunderte überlebte in den spanischen und französischen Familiennamen der Gegenwärtigen. Zusammengehalten wurde diese Welt von den Nieten des Patriotismus, der Paranoia und den Vorurteilen einer Klasse, die ganz bestimmt nicht mehr zum Zug kommen würde. Die Grammatik der weißen Verlierer kannte keine Vergangenheit. Immer war jetzt. Jetzt waren Goya und Wayne in einer Bar und der Ärger begann. Dreiäugig kollernde Fiebergestalten, die lustvoll die Fauna plattfuhren und mit ihren Waffen zu Bett gingen, griffen an. Ihr Hass brütete Grillen der Gemeinheit aus.


Audry hatte die spanische Marine im Golf von Mexiko herausgefordert und Jean Lafitte in Galveston eine Freihandelszone errichtet. Die Leute am Strand erfüllten alle Klischees – das Bademodenmodell auf dem Motorrad, der keuchende Greis mit Schweißband, die Fellini-Vettel (im rosa Tüllkleid und einer Schleife im Haar) mit dem Würstchen in der Hand und dem Hündchen an der Leine.
Auf dem Bildschirm im Motelzimmer sprangen Delphine wie im Meer vor der Tür.

23. November 2016

Subarktischer Separatismus

Das 16. Jahrhundert ging seinem Ende längst entgegen/ als England Anstalten erst machte/ auf den Meeren sich zu bewähren. 1599 rief Elisabeth ihre besten Kaufleute, den Grafen von Cumberland so wie zweihundert Ritter zusammen und befahl die Gründung der Ostindischen Handelscompagnie. Compagnie bedeutet Brotgenossenschaft. Die Königin erstrebte mit der English East India Compagnie eine Brotgenossenschaft des Reiches.

Die Tochter Anne Boleyns gab einem Zeitalter ihren Namen. Ihren Zeitgenossen erschien sie fad. Selbst da, wo sie erfolgreich wirkte, verlor sie eine uncharmante Spitzmäusigkeit angeblich nicht. Trotzdem sagt man ihr nach, sie habe eine große Leidenschaft für sich selbst empfunden.

Reisende des 19. Jahrhunderts stellen den „Australneger” auf die niedrigste Zivilisationsstufe. Ihnen gelingen Herabsetzungen sogar in Vergleichen mit den Herabgesetzten Afrikas, die ich nicht zirkulieren lasse. Sie dramatisieren die Erbärmlichkeit der dem Einwanderungsdruck Erliegenden und übertreiben Opferzahlen.
Dreißigtausend Australier überleben die britische Invasion im ersten Durchgang von 1778 bis 1805. Ihnen begegnen die Verdammten Großbritanniens. Vornehmlich sind das junge Männer aus Elendsquartieren, die Krone exportiert den Youth Bulge.
Ein Sträfling macht an der australischen Ostküste, nahe der Bucht, die 1770 James Cooks Endeavour aufnahm und seitdem Botany Bay heißt, einen paläontologischen Fund. Thunderbolt ist sofort zur Stelle. Seinen Lesern verkauft der Journalist den Fund als fast vollständiges Skelett eines reißzahnbewehrten Beutelsäugers mit dem Aussehen einer Säbelzahnkatze. Seit Thylacoleo carnifex hat es in Australien nichts in der Art (von Sparassodonta) gegeben, doch weiß das noch kein Mensch. Thunderbolt dichtet eine steinzeitliche Knochenklinge in das Ensemble: zum Beweis, dass auch der ursprünglichste Australier als tödlicher Verdränger infolge technologischen Vorsprungs wirkte. Die Erfindung eines im Pleistozän auftretenden Raubbeutlers überzeugt wegen der vielen Koalas und Kängurus.
Die Fossilien bleiben lange unbestimmt, zuerst im Haus von Philip Gidley King, dem dritten Gouverneur von New South Wales. Auch er unterhält in die Vaterschaft führende Beziehungen zu einem weiblichen Sträfling, 1827 landet der Fund auf dem Dachboden des soeben in Sydney eröffneten Australian Museum. Später ordnet man ihn dem Riesenbeutler Diprotodon zu, der im Pleistozän an einem Megafaunamassensterben teilnahm.

Thunderbolt begleitet den indigenen Jäger Yayan, einmal vermutlich bis zu einem von Weißen kaum gekannten See (Cuddie Springs?) im Norden von New South Wales. Die Lebensweise seines Führers nennt er gemütlich. Thunderbolt schreibt: „Fast alles unterwirft Y. seinem Belieben. Mühsames überlässt er seiner Frau.”

Es gibt Nahrungsmittelvorschriften, die in ihren Verzweigungen Thunderbolt offenbar so kurios erscheinen, dass man seinen Überlieferungen wieder nicht trauen darf. So sei Mädchen der Verzehr von Schlangen verboten, während Jungen keine Jungtiere frisch aus dem Beutel der Mutter essen sollen.

Yayan bruncht am liebsten Larven. Er snackt Kakadus, Papageien, Schildkröten, Frösche und Eidechsen. Ab und zu steigt er auf einen Baum, ermutigt von Anzeichen, die sich Thunderbolt nicht zu erkennen geben. Yayan zieht dann ein Opossum aus einem hohlen Ast und wirft es mit so viel verwirbelndem Geschick zu Boden, das die Ratte tot ankommt. Den Einwanderern wird er als Wilderer lästig, der lässig in ihre Herden greift, weil der europäische Eigentumsbegriff ihm nichts sagt.

Man muss so viel Verständnislosigkeit gesehen haben, um sie für möglich zu halten, notiert Thunderbolt. Einmal begrüßt er seine Leser mit den Worten: Willkommen in der Steinzeit. Kurz zuvor hatte ihm Yayan einen Lagerplatz mit kultischer Bedeutung gezeigt. Angeblich handelte es sich um eine Ahnentafel. Thunderbolt entdeckt nahe dem Heiligtum Waffen und Werkzeuge, die ihm alt vorkommen. Eine Klinge jubelt er dem Fossilienfund in der Residenz des Gouverneurs unter. Sie beherrscht bis in die Gegenwart das Bild vom durchsetzungsfähigen Steinzeitjäger.

Thunderbolt trägt zusammen: Yayan erledigt beinah alles mit einem primitiven Wurfholz, das bei der Beute liegenbleibt. Er zieht diese Waffe dem (technisch anspruchsvollen) Bumerang vor. Bekehrte Landsleute verachtet er, auf Missionsstationen verbreitet er Unruhe. Er steht seiner Ausrottung ohne Absicht im Wege. Arbeiten geht überhaupt nicht. Kurz, als Kulturfolger sei jede Wanderratte effektiver als dieser Eingeborene. Thunderbolts Einlassungen stützen in den folgenden Jahrzehnten pessimistische Behauptungen. Freiherr v. Waldschmidt bezieht sich auf Thunderbolt, wenn er 1840 feststellt, jeder Kulturfolger sympathisiere erfolgreicher mit dem Kulturschaffenden als der gemeine Wilde in seiner Art. In Lateinamerika bewahrt die Kirche dem zahmen Indianer ein Daseinsrecht in seiner Verniedlichung. Sie stellt ihn als Kind hin.
Man wiederspricht ihr weltweit: „Gegen die Behörden (die es auf eine Vernichtung der ursprünglichen Bevölkerung abgesehen haben) soll nicht der leiseste Vorwurf erhoben werden. Denn gewiss wird der Zivilisation mehr mit der Ausrottung als mit der Erhaltung der Wilden gedient.“
Autoren setzen barbarisch und human vor Ausrottung und Erhaltung, doch barbarisch erscheint ihnen allein die Erhaltung. Sie fordern den Mut, die Sache zu Ende zu bringen. Sie nennen es Feigheit, den aus dem Kuckucksnest der Steinzeit gefallenen Wilden im Elend zu lassen, wo er doch nichts anderes als das Elend vererben kann.

Die Spanier unterscheiden zwischen Indio manso und Indio salvajes. Yayan kennt den Unterschied, er dient ihm zur Distanzierung von seinen sanftmütigen Landsleuten auf den Missionsstationen. Sie sind Gezähmte, er ist wild. Sie haben vielleicht eine Zukunft, er hat ganz bestimmt keine. Yayan beschreibt sich mit einem negativen Attributionsstil, zeigt dabei jedoch keinerlei Unzufriedenheit. Thunderbolt schreibt: Yayan und seine Leute scheinen die Weißen für Werkzeuge einer Zeitumstellung zu halten.


Noch hat Großbritannien allenfalls einen Fuß in der australischen Tür. Die britischen Ansprüche sind unbefestigt. Jederzeit könnten sie von Frankreich bestritten werden. Chinesen wandern einfach ein, graben britischen Siedlern das Wasser ab, graben Gold aus, und steigen mit einem Kleinvermögen in den Einzelhandel ein. In der Zwischenzeit scheitern amtsgewaltige Siedlungsgründungen hier und da an menschlichem Versagen. Das Übelste des Empires kommt in Australien zusammen, der schwache Gouverneur King wird von Bill “Bounty” Bligh abgelöst. Massiv geht Bligh gegen die Schwarzbrennerei vor, Rum ist eine Währung in der Kolonie. Bligh hat schon vorher bewiesen, dass ihm zur Diplomatie die Voraussetzungen fehlen. Er markiert den harten Hund bis zum Anschlag und hat gleich wieder eine Meuterei am Hals. Die Meuterer setzt ihn fest, das kennt er schon.

Thunderbolt sieht in Blighs einen Mann, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der falschen Seite stand. In einer Schilderung gibt er seiner Abneigung keinen Raum. Stattdessen erinnert er daran, dass Bligh, der als Navigator und Karthograf James Cooks letzte Reise mitmachte, nach dessen Ermordung auf Hawaii das Flaggschiffkommando verlangte.

Das 16. Jahrhundert ging seinem Ende längst entgegen/ als England Anstalten erst machte/ auf den Meeren sich zu bewähren. 1599 rief Elisabeth ihre besten Kaufleute, den Grafen von Cumberland so wie zweihundert Ritter zusammen und befahl die Gründung der Ostindischen Handelscompagnie. Compagnie bedeutet Brotgenossenschaft. Die Königin erstrebte mit der English East India Compagnie eine Brotgenossenschaft des Reiches.
Die Tochter Anne Boleyns gab einem Zeitalter ihren Namen. Ihren Zeitgenossen erschien sie wenig besonders. Selbst da, wo sie erfolgreich wirkte, verlor sie eine uncharmante Spitzmäusigkeit angeblich nicht. Trotzdem sagt man ihr nach, sie habe eine große Leidenschaft für sich selbst empfunden.

Durch England ging ein Ruck. Kaufleute rührten die Nation. Sie produzierten divers für die überseeischen Märkte. Man reiste nicht überall mit dem gleichen Tinnef an. Hoheitlich erscheinende Unternehmer schlugen Münzen, hoben Truppen aus und rüsteten Faktoreien. Bis ins 17. Jahrhundert bestand ein kaufmännischer Gesandtschaftsbetrieb fort, der im Stil von Reiseregentschaften privilegienheischend Audienzen bei Potentaten anstrebte. Homo oeconomicus übernahm die Regie auch in der Umdeutung von Konflikten und bei der Verteidigung europäischer Interessen an diesem und jenem Hindukusch. Die Privatisierung griff um sich und mit ihr die bürgerliche Emanzipation. Elisabeths Kapitäne waren amtlich bestallte Piraten, aus ihnen sprach bürgerlicher Aufstiegswille. Wie Balzac sagt: Am Anfang jedes großen Vermögens … Die Kapitäne waren Pfadfinder auf See, Wegweiser, Quartiermacher. Ich nenne nur Richard Grenville wegen des eingestellten Gedichts von Lord Tennyson:
At Flores, in the Azores Sir Richard Grenville lay, And a pinnace, like a flutter’d bird, came flying from far away; Spanish ships of war at sea! we have sighted fifty-three!

Then sware Lord Thomas Howard: Fore God I am no coward; But I cannot meet them here, for my ships are out of gear, And the half my men are sick. I must fly, but follow quick. We are six ships of the line; can we fight with fifty-three?

Then spake Sir Richard Grenville: I know you are no coward; You fly them for a moment to fight with them again. But I’ve ninety men and more that are lying sick ashore. I should count myself the coward if I left them, my Lord Howard, To these Inquisition dogs and the devildoms of Spain.


Elisabeth machte einen Sheriff von London, Thomas Smythe, zum ersten Gouverneur der Ostindien Compagnie. Er managte ferner das englische Engagement in Amerika (Westindien). Den ersten vier Ostindienfahrten gewährte die Königin das Privileg der Abgabenfreiheit, um ein hohes Risiko nicht noch teurer zu machen. Ein Schiff taufte sie auf den Namen The Trade's Increase.

Unverzüglich kam es zu Schlägereien mit Niederländern und Portugiesen. Jede Partei spielte sich als Monopolist von Gottes Gnaden auf.
Wo ein Engländer sich einmal festgesetzt hatte, da ging er nicht mehr ab. Den lokalen Herrschern versprach der Wettbewerb Vorteile. Alles wurde zur Auktion, die Fürsten rieben sich die Hände. Sie wussten nicht, wie ihnen geschah. Portugal rutschte auf einem absteigenden Ast, im Zweifelsfall verbündeten sich Engländer mit Niederländern.

Elisabeths Nachfolger, Jakob I., Sohn der auf Elisabeths Geheiß hingerichteten Maria Stuart, verfügte im frühen 17. Jahrhundert über eine staatliche Handelsflotte von lediglich zwanzig Schiffen. Die Krone stand wie ein Bettlerhut vor ihren Pfeffersäcken. Jakob war König von England und Schottland. Er ließ blutige Gegensätze verschwimmen, indem er Britannien ausrief. Zweihundert Jahre später sollte nahezu alles britisch sein, was zu seiner Zeit in Ostindien noch weitflächig portugiesisch, spanisch, niederländisch und französisch war. Man darf Jakobs Anteil an diesem Prozess geringschätzen. Jene Kraft brauchte ihn nicht, deren Dynamik in protestantischen Ländern über die Ufer trat. Sie spülte die von Papst Alexander VI. aka Rodrigo Borgia im Vertrag von Tordesillas 1494 katholisch fundamentalisierte Weltordnung weg.

Nebenbei. Was wäre zum bewegenden Geschehen geworden, wenn Elisabeths Vater, Heinrich VIII., nicht eine eigene Kirche aufgemacht hätte?
Ich las eben, dass von zwölf englischen Kauffahrten vor 1612 acht unglücklich verliefen. Dennoch ergab sich ein Gewinn von durchschnittlich zweihundert Prozent. Zum kauf- und seemännisch-regulären Gelingen rechnete man illegale Erwerbungen. Raub und Diebstahl zu Lande und auf See bestanden gleichmäßig neben geschäftsförmigen Abwicklungen und wurden ordentlich vermerkt.

Karl I. folgte Jakob I., dann kam Karl II. Er war schon König von England, Schottland und Irland. Zeitweise war er ein König ohne Land, doch stellt er sich mir vor als ein Mann für den Tee noch eine exotische Kostbarkeit ist. Man nannte ihnen einen franzosenhörigen Stuart. Nach ihm katholisierte Jakob II. offen den Thron.

Der Katholizismus war im englischen Volksmund die Spanische Seuche. Engländer schmähten ihre Gegner als Hunde der Inquisition. Sie beschimpften ihre jakobischen Könige aus dem Haus Stuart. Es kursierte das Wort von der Stuart-Wirtschaft als einer verdrießlichen Angelegenheit, da sie den Franzosen in Ostindien Platz machte.
Die Bestimmer der English East India Compagnie waren de facto einflussreicher als Karl II. Ihnen unterstand in Übersee jede Gerichtsbarkeit und das Militär. Sie hatten das Recht, Krieg zu führen und Frieden zu schließen. Die im court of proprietors (of East India Compagnie) zusammengeschlossenen Direktoren setzten Könige ein. Anspielend auf die jungfräuliche (ledig/kinderlos gebliebene) Gründungsmutter Königin Elisabeth, nannte man die Handelsgesellschaft Hamamelis virginiana – Virginische Zaubernuss. Karl II. knackte die Nuss, indem er die Spielräume der Gesellschaft erweiterte und die Macht der Gesellschafter beschnitt.

Versuche, in den Niederlassungen Autonomie gegen den eingreifenden König zu behaupten, schlugen fehl. Vereinzelt füsilierten royalistische Kapitäne Renegaten. Sie gehorchten Josiah Child. Child war der Bankier des britischen Hochadels. Er verlor seine Bedeutung, als 1689 ein Niederländer in England König wurde – Wilhelm III. von Oranien-Nassau.
Ein Bild zeigt Child im Kreis der Direktoren. Die Kunsthistorikerin Geza Ronniger erinnert in der einfaltsreichen Studie „Kunst und Merkantilismus“ daran, dass für Einzeldarstellungen in den Schaubildern von Gilden und Milizen eine Gebühr anfiel. Das Bild stellte auch insofern eine Distinktionmarke auf. Deszendenz war ein entscheidendes Motiv. Gerda Prings-Zybowski unterstützt Ronniger, wenn sie feststellt, dass für die Gruppenbilder kein öffentlicher Rahmen vorgesehen war. Das auf See und in Übersee voranstürmende Britannien strebte daheim an den Herd. Es existierte in einer nationalen Blase.


Auf den Gesellschaftsinseln sieht Thunderbolt kaum hundert Jahre nach dem letzten Katholiken auf einem britischen Thron eine von Missionsbemühungen geschundene Ursprünglichkeit im Vergehen. Noch schwimmen die Begriffe zwischen Handel und Liebe. Auf jedem Markt suchen die Einheimischen sich Liebhaber und gehen mit ihnen Arm in Arm umher, als kennte man sich lange. Die zärtlichste Spekulation endet in der Verfolgung eines geschäftlichen Interesses, das in der nächsten Umarmung vergessen wird.

„Diese Archipelier sind so anders“, schreibt Thunderbolt, „das man ihnen jede Antwort erlässt, da doch sowieso nichts in Erfahrung zu bringen ist, was die Psyche erhellt. Sollte das Leben seinem anfänglichen Betriebe nach auch in unseren Breiten gleichsam vorbewusst sich vollzogen haben nach dem freien Pendel der Bedürfnisse und Notwendigkeiten?“

Doch so lustig ist das alles nicht mehr oft. Europäer verseuchen Einheimische mit Geschlechtskrankheiten. Der christliche Glaube verhakt sich schräg im Gemüt der Bekehrten. Säuglingstötungen finden weiter statt, nur mit schlechtem Gewissen. Die Entweihung der Götzen führt zu Verstellungen. Die Leute verlegen ihren heidnischen Dienst und treten in Verhandlung mit furchterregenden, kaum menschlich wirkenden, stelzenstolzen Kriegern, die ihr Haupthaar zwischen Rasurschneisen zu Teufelshörnchen aufbiegen. Sie sind vom Schädel bis zu den Füßen tätowiert und genarbt. Ihre Rückzugsräume sind eingeschlossene Vulkanfelsen, die sie mit Kolonien bildenden Nesseltieren teilen. Jeder Schiffer, der in ihre Gebiete fährt, muss sich für verloren halten. Es gibt keine Kette, die lang genug wäre, einen Anker da Grund fühlen zu lassen. Die Winde sind widrig, die Elemente laufen kreuz und quer.

Alles scheint sich gegen die christliche Seefahrt auszusprechen. Thunderbolt bleibt unverdrossen. Er flaggt seine französische Flotte um und startet mit lauter Franzosen die erste nautische Expedition der Vereinigten Staaten. Wer ihm nicht folgen will, erwartet seine Aussetzung auf der nächstbesten Øen af Mytteristerne in Ketten. Eine unberechenbare Brandung vereitelt die Landung auf einem roten Monolithen. Thunderbolt vermutet, an Pitcairn gescheitert zu sein. So heißt die von ihm für menschenleer gehaltene Insel nach dem Europäer, der sie zuerst sah. Die erste Positionsbestimmung von Philipp Carteret 1767 war so ungenau, dass die Insel wieder und wieder nicht gefunden wurde. Darauf setzte 1789/90 Fletcher Christian als Anführer der Bounty-Meuterer. Die Mannschaft irrte zwei Monaten über See, bis sich ihr Versteck zeigte. Sie fand es unbewohnt, doch nicht frei von Siedlungsspuren. Heute nimmt man an, dass ein Ökozid im 16. Jahrhundert zur plötzlichen Entvölkerung von Pitcairn führte.

Thunderbolt segelt weiter zur Norfolkinsel, einem Ausläufer der ersten britischen Kolonie in Australien. Seit 1788 konzentriert man da Verbrecher unter der Aufsicht von Philip Gidley King, einem der kommenden Männer des Empires. Ihm überlässt Admiral Thunderbolt seine den Gehorsam genauso wie die Freiheit verachtenden Franzosen.
Bei einem Abendessen lernt Thunderbolt den amerikanischen Walfahrer und Robbenschlächter Mayhew Folger kennen. Folger wird Pitcairn 1808 wieder einmal entdecken. Er trifft dann den einzigen weißen Überlebenden einer Mordserie, den auf Blutfesten bis zum Wahnsinn gläubig gewordenen John Adams im Kreis seiner Lieben.

Während die Französische Revolution vor ihrer Beruhigung dem Genre der Raserei neue Tapetenkompositionen und Tafelbilder liefert, befährt Thunderbolt auf der Exception die Frobisher Straße. Von Martin Frobisher war schon die Rede, doch drängt es mich, den Blick des Lesers auf eine überlebensgroße Erscheinung in der Gegenwart noch Größerer zu konzentrieren. Frobishers Bedeutung hing nicht vom Gelingen ab. Er scheiterte bei allen, mit den höchsten Erwartungen verbundenen und folglich extrem populären Erkundungen eines (nordwestlichen) Durchgangs zu den orientalischen Märkten. Trotzdem erschien Frobisher seiner Zeit enorm. Er zählte zu jenem dreckigen Dutzend erklärter Staatsfeinde, das in einem rehabilitierenden/nobilitierenden Verhältnis zu Elisabeth I. glänzend wurde. Man findet den Günstlingsbetrieb und die Argonauten-Patronage der ledig gebliebenen Königin nicht genug beleuchtet. Wer da wen anschmachtete. Wie Herz und Kalkül sich auf der Waage hielten.
Die Spanier und die ihnen zunächst überlegenen Portugiesen waren landläufigen arabischen Erpressungen und Preistreibereien auf einem Seeweg nach Indien entgangen. Um sich nicht weiter in die Quere zu kommen, hatten sie Papst Alexander VI. aka Rodrigo Borgia dazu bestimmt, im Vertrag von Tordesillas 1494 die Welt von Pol zu Pol aufzuteilen.

Borgia gab seiner Epoche das Gesicht, er war der Renaissancefürst. In der Frage, wie funktioniert Macht, bot sich Borgias Sohn Cesare B. Machiavelli als Zentralgestirn der Inspiration an. Was aber geschah der königlichen Kirchenmaus Elisabeth in ihrem Armenhaus England? Wollte sie Querelen vermeiden, brauchte sie eine eigene Route zu den Gewürzinseln und allem, was sagenhaft war im Fernen Osten. Ihre Piloten vermuteten eine Passage im arktischen Archipel des Nordpolarmeeres wie anderso auch. Man erlag bei den nördlichen Erkundungen den gleichen Irrtümern wie bei den südlichen. Immer wieder wurden atlantische Mündungstrichter für den Pazifik und Flüsse für Straßen zum Pazifik gehalten.

Frobisher begann seine Karriere als Brigant auf den Kanalinseln, er lernte das Grauen in portugiesischen Kerkern kennen, segelte als Vize-Admiral unter Francis Drake, verschleppte Menschen, heiratete über seine Verhältnisse, schlug in einer Seeschlacht einmal die Spanier fast im Alleingang, erhielt den Ritterschlag und verlor auf einem Raubzug unter Walter Raleighs Kommando ein Auge.
Das war alltägliche Exzellenz im 16. Jahrhundert, wir wüssten weniger, wäre Frobisher ab 1576 nicht drei Mal aufgebrochen, um die Nordwestpassage seiner Königin zu sichern. Nun steht im Jahr 1794 Thunderbolt an der Spitze einer Flotte, die er mit dem magischen Programm des Unsterblichen an sich gezogen hat. Er denkt an John Davis, der Frobisher im Scheitern folgte und doch weiter kam in seiner sachlichen, zur wissenschaftlichen Ansicht neigenden Art. 1607 passierte Henry Hudson das Land of Desolation (Grönland) mit dem Ziel, über den Pol zu rutschen. Halb erfroren und fast verhungert brach er vor Spitzbergen die Reise ab. Im nächsten Jahr segelte Hudson in den natürlichen Hafen des künftigen Nieuw Amsterdam und besichtigte die Insel Manhattan an der Mündung eines Flusses (dem Hudson River), dem er zutraute, im Stillen Ozean zu münden. 1611 endete seine letzte Expedition in einem atlantischen Becken, das so gewaltig ins Land (Labrador) greift, dass sich die Seefahrer schon wieder auf dem Pazifischen Ozean (Mare Magnum) wähnten. Wegen einer Versorgungsklemme nach achtmonatigem Eiseinschluss unmutig gewordene, von Hudsons mit einem hysterischen Optimismus verbundener Entdeckerausdauer verstörte Matrosen wagten eine Meuterei, als das Schiff wieder frei fuhr. Sie zwangen den Kapitän, dessen Sohn und alle Kranken in ein Boot. Ein Freiwilliger schloss sich an. Die Ausgesetzten trieben zwei Tage auf dem eisbehauchten Spiegel und landeten dann lediglich unterkühlt, aber überhaupt nicht festgefroren vor den Haustüren von Leuten, die sich Sakâw-iginiw-ok – Waldläufer nannten und für ihr Leben gern in Schwitzhütten berauschende Dämpfe einatmeten. Unter ihnen waren hellhäutige Nachkommen von Europäern. Der Begleittext erlaubte keinen Zweifel. Der genetische Einlauf war den Ansässigen in der Frobisher-Ära verpasst worden.

Hudson ordnete Quarantäne für die Hinfälligen an. Um sie ihrer Qualen zu berauben, brachte man sie bald um. Die Sakâw-iginiw-ok erkannten in Hudson und seinem Sohn Würdenträger und in dem Freiwilligen einen Diener. Entsprechend brachten sie die Gäste unter.
Der alte Hudson malte, als Thunderbolt im fünften Jahr der Französischen Revolution von blonden Sakâw-iginiw-ok an einem Ufer der Hudson Bay begrüßt wird, steht dem Admiral eine Überraschung bevor. Hudsons Werk beschreibt eine Verwandlung. Es überwindet den wie mit Eisenoxid patinierten Verherrlichungswillen von Kreuz und Krone im Gewinn einer nachlässigen Lebensauffassung. Der Scherz, die Arabeske, das Dekor triumphieren. Und so auch die dekorierte Dürftigkeit so wie der elitäre Putz … zwölfreihiger, schwer zu tragender Federschmuck in einem Arrangement mit Hörnern, Fellstreifen und Skalps.

Hudson studiert couples de personnes de même sexe … die Liebe in ihren muskulösen Spielarten.
Die Sakâw-iginiw-ok haben die Bilder kanonisiert. Sie gehören zum kulturellen Erbe eines Volkes, das in einem Geflecht verwandschaftlicher Verbindungen und regionaler Unterschiede über tausend Kilometer (wandernd und siedelnd) gesellschaftlich wirkt. Sie zählen zur Ayisiniwok-Gemeinschaft, von den Franzosen les Cris genannt. In einem weiten Begriffs von (auf jeden Fall nicht ethnisch definierter) Zugehörigkeit gibt es indigen-urbane Varianten, Aufschlüsse zu europäischen Gemeinden, tundrische Vermeidungen solcher Kontaminationen, subarktischen Separatismus, Fallensteller-Kooperativen und von Pferden abhängige Präriemonarchien.

Thunderbolt und seine Mannschaft wohnen bei Kanuten, die Aufgaben in dem Versorgungssystem einer Handelspostenkette (Hudson’s Bay Company) erfüllen. Sie treiben Zwischenhandel und verdienen als subunternehmerische Fernfahrer und Mietruderer.
Thunderbolt tauscht zwei für keinen Konsumenten bestimmte und von Prunkbegierde nicht beschädigte Hudsons gegen einen Akku-Zweigang-Boschbohrschrauber für 244.99 Euro. Seinen zuzeiten wegen Unfähigkeit auf Wasser und Brot gesetzten Marinemaler Arnus Babule lässt der Admiral freiliegende Felszeichnungen von Karibus kopieren. Er selbst hält sich mit Jagdszenen auf, die seit dem Jungpaläolithikum state of the art geblieben sind.

Lamellen und andere Abschläge von Rohstücken finden bei den Gastgebern die bewährte steinzeitliche Verwendung in heimwerklich hergestellten Kompositgeräten. Kein Fortschrittszwang treibt das Verhältnis von Bewusstsein und Entwicklung in die Ungleichzeitigkeit. Thunderbolt erkennt in Trennung & Teilung Indikatoren der Zivilisationsprozesse. In einem Flirt mit Rousseau geht er zu weit.
„Ich war kurz davor, den Wilden die schönsten Girlanden zu binden”, bekennt er 1874 als preußischer Professor in Deutschlands erstem Fachbereich für den Wilden Westen.

Er war Herzog der Normandie, Graf von Thunderbolt, Konstabler von Frankreich, der Trainer von Richard Löwenherz, erster James Bond der Vereinigten Staaten und Admiral der ersten nautischen US-Expedition. Er beteiligte sich an der Erfindung Amerikas und gründete Texas, die Texas Ranger so wie (gemeinsam mit Gouverneur Grand Slam Coogan) die Kasseler Gesamthochschule. Er berief sich zum ersten Lehrstuhlinhaber für den Wilden Westen und gewann sieben olympische Goldmedaillen. Vier Mal wurde er zum Sexiest Man Alive gewählt. 1965 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Truman „Texas” Capote das von Spezialisten als Autobiografie gehandelte Meisterwerk „Kaltblütig”. Manche Frauen kannten ihn nur als Stevie Ray Vaughan. Nun spielt der Unsterbliche den Förster in der Wetterau als Person of color.

„Da.“
Thunderbolt reicht Goya das Fernglas. In einer Auslage am Turm der Müllverbrennungsanlage horstet ein Wanderfalkenpaar. Es treibt Vorratshaltung. Eine Taube verwest im Gitter der hohen Randerscheinung. Der Nistplatz klebt unter dem Schlot und erscheint so ungemütlich wie eine mit mehr Müll als Möbeln übernommene Wohnung.
Abwärme beflügelt Segler. Thunderbolt bewundert den Lebensstil der Vögel, Goya fehlt der ornithologische Enthusiasmus. Mein Halbbruder packt das Fernglas in eine Fahrradtasche und kramt in Vorräten mit überschrittenen Verfallsdaten. Alles noch gut. Ein Tauchermesser reicht Goya für vieles. Rotz zieht er mit der Hand ab, die Kante trocknet in der Kniekehle.

Die Halbbrüder Goya Hesselbach und Hannes Fleckenstein sind Söhne des seit Jahrzehnten im Gebiet (Frankfurt-Nordend/Bornheim. Manche sagen auch Nordend-Ost zu Bornheim.) durchhängenden Wayne Raymond. (Seit Vietnam nicht mehr nüchtern. Sieht aus wie Charles Bronson als Squaw.) Für Goyas Mutter Marian O’Reilly, eine in Deutschland abgetauchte IRA-Aktivistin, war Wayne ein „politischer Rohling“ und Versager in der Vaterrolle. Sie verließ ihn für den Sponti-Beau Simon Hesselbach, heute Soziologie-Bluff an der Goethe Universität und Chef des Hauses Hesselbach-Fleckenstein.

Hannes’ Entstehung wird nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiter erzählt. Angeblich soll Monika Scharmico, Tochter der Volkstheaterlegende Bianca Scharmico, Wayne ohne Vorgespräch zu den Mülltonnen auf einen Eschersheimer Hinterhof gefolgt und unter alkoholdementem Zuspruch von einem Balkon befruchtet worden sein. Danach kannte man sich nicht mehr. Schwanger heiratete Monika einen Cousin von Simon H., den in der Regel- und Messtechnik (beim Ankermann) beschäftigten Hannes Fleckenstein. Hannes jun. ist Hessischer Filmpreisträger und Erfinder der Serie „Der Bembel des Todes”. Er spielt Aufsicht für den beschränkten Goya.

Wir erreichen das vor Jahren aufgegebene, nun von Kanak-A-Movement besetzte Schwesternheim. Kletterkraut überzieht die Fensterläden in rechtsgängiger Helix. Die Tür ist eingetreten.
Den Rumpf konziliant vorgesetzt, dass Kinn und Knie hochtief eine Linie bilden, die Beine übereinandergeschlagen, den rechten Ellenbogen auf der Madonna ihres erhabenen Knies, die Zigarette ragt aus der Hand, der ganze Mensch wie frisch vom Föhn, so eifrig wie eine Zwölfjährige aus neutralem Elternhaus, die gerade die katholische Kirche als Arena des Widerstands für sich entdeckt hat, widerspricht Jiménez sich selbst.

Sie ist weit und breit die einzige ausgebildete Schauspielerin. Kombattantinnen ihres Schlags leben in Frankfurt wie in einer Schleuse. Der unvermeidliche Don Mistmann und Finnland Orkan dienen Jiménez als Bewunderer. Joint attention nennt der Fachmann die geballte Aufmerksamkeit. Ohne dieses evolutionäre Format einer menschlichen Fähigkeit gäbe es kein Theater.
Mistmann spielt mit Jiménez in der Klamotte Das Schwein und die Stadt zurzeit einmal wieder sich selbst. Sein Komparsen-Hartz IV lässt er zu „Drehterminen” aufrauschen. Am liebsten bespricht Mistmann mit jungen Kolleginnen Zukunftsfragen. Ganz so, als hinge seine Zukunft nicht bei den vergessenen Sachen neben der Durchreiche an einem verbogenen Haken, sondern immer noch im Foyer des Staatstheaters Witzenhausen, wo Mistmann vierzig Jahre den Durchbruch verpasst hat. In der Zwischenzeit sind Menschen zum Mond geflogen, die DDR gab ihren Geist auf und der elektronische Tortenheber wurde erfunden. Finnland Orkan hat sich selbst zum Türken gemacht, ursprünglich aus Liebe. Die Liebe ging, doch Finnland blieb Türke.

Jiménez zieht eine Schau zwischen Bauchtanz und Headbanging ab. Noch ist sie meine Freundin und das Zentralmassiv einer „Rebellion der Minderheiten“. Bei dem regional divers gerahmten, polylokalpatriotischen Aufstand mag weltweit mitmachen, wer will. Es kommt sowieso die Internationale der Blinden und Lahmen zu spät. Es kommen die Nachhinkenden und die Verhedderten. Die Sprachlosen im Wickelkleid eines Jargons oder einer fixen Idee. Sie verbreiten den üblichen Muff, in der Hoffnung auf Erlösung sind sie schon überall gewesen.
Vor der Weißfrauenkirche beschützen Trinker ihre Gesichter mit den Händen. Der Glockenturm überragt wie ein Feuerwehrsprungturm die Anlage. Die Beziehungen zwischen Gott und dem Milieu eskalieren auf der Weserstraße, die wie eine Sackgasse des Schicksals auf die Gutleutstraße zuläuft. Auswüchse der legalen und der illegalen Migration, des schieren Elends, des hochfahrenden und des niederschmetternden Wahns, einer Kriminalität, die nach Mundraub und Totschlag riecht, sitzen Gott im Genick der Nachbarschaften.
Im Guantánamolook steht einer unter dem Zwang, in Mülltonnen für Ordnung zu sorgen. Im „Cardek“ hüllt man sich in Rauch und Schweigen. Im nächsten Loch seufzt eine gequälte Seele im Schlaf. Wer anschlussfrei gekommen ist, spricht bis zum Ende der Krise mit seinem Telefon.

Im siebten Jahrhundert verlor das oströmische Reich Syrien, Mesopotamien, Nordafrika und viel von Kleinasien an den Islam. Konstantinopel musste Belagerungen widerstehen. Slawische Völker wanderten in den Peloponnes ein. Byzanz schien weder leben noch sterben zu können (Jacob Burckhardt) – und doch währte die römische Resterampe tausend Jahre. Tausend Jahre vergebliche instauratio imperii Romani. Byzanz hielt sein Leben der äußersten Verteidigung für Wert. Es träumte von Wiedergewinnung des Okzidents noch, als es schon ganz und gar dem Orient anheimgefallen war. Stonewall Thunderbolt schleust uns zu der ramponierten Tischtennisplatte, dem Eingemachten, der Steyr Mannlicher und dem Mosin Nagant in einen Bunker, der als Wurstküche getarnt ist. Er offeriert Schutz wie ein Sicherheitsunternehmer und empfiehlt alle möglichen Trutzkomponenten bis zum explosiven Stacheldraht. Wir reden über Mudschaheddin, die in der Türkei zu Flugleitspezialisten ausgebildet – und in Bosnien von Amerikanern übernommen werden.
Stonewall Thunderbolt ist Barbecue-Fanatiker, er schlachtet selbst. Bekenner rühmen seine geschmacksexplosiven Würste nach Westtexasart. Die Mudschaheddin werden keinen regulären Truppen inkorporiert. Eine Firma, die Regierungsaufträge erfüllt, wie eine Staatsstreitmacht auftritt und sich als Verstärkung der internationalen Schutztruppe, kurz KFOR (1999 zur Abdeckung von NATO-Interessen in Priština etabliert) darstellt, erscheint den afghanischen Gotteskrieger als Arbeitgeber. Im Kosovo steuern die Mudschaheddin Luftangriffe auf Serbien vom Boden ins Ziel. Man ist Mitglied der Kosovo Force und kämpft in der NATO, bis man wieder Mudschahid ist und gegen die NATO kämpft. Diese Flexibilität stößt Schwungräder der Verständnislosigkeit an, Stonewall Thunderbolt nennt das deutsche Doppelspiel aus Engagement und Distanzierung verdorben und angsthasig. Sein jeden Montgomery-Bus-Boycott und Trail-of-Tears beglaubigendes Gesichtsmassiv faltete sich erdgeschichtlich auf. In ihm kreuzt sich die Bürgerrechtsbewegung mit dem Hurrapatriotismus. Er ist bewandert im hessischen Münzwesen. In seiner Burg am Winterstein gräbt Stonewall Thunderbolt einen Schild-Louisdor (Caroline) aus dem Tresor. Er legt uns restaurierte Folianten vor, schlägt in kurfürstlichen Hof- und Staats-Handbüchern nach und rät zur Durchsicht einer Darstellung karolinischer Forstpolitik.

16. November 2016

Genies des Aufstands

Er sah sie kommen und er sah sie gehen – Der unsterbliche Herzog von Thunderbolt war Zuchtmeister von Ludwig XI., der den Absolutismus (und Zentralismus) in Frankreich salonfähig machte, und ein Augenzeuge der Hinrichtung von Ludwig XVI., mit dem der Absolutismus auf dem Place de la Révolution endete. Während der Scharfrichter von Paris das eben noch Undenkbare vollbrachte, blockierten in der Nationalversammlung Genies des Aufstands die Übergänge in geordnete Bahnen. Wie vor ihnen die Könige, behaupteten sie, das Schicksal Frankreichs wolle von ihnen bestimmt sein. Sie rechneten die Philosophie zur Politik, um großartiger zu erscheinen. Sie verschwiegen die Kosten der Unsicherheit, mit der sie ihre Macht befestigten. Die Gewinne waren längst flüchtig, Thunderbolt zählte zusammen, wer an der Revolution verdiente. Die Republik zählte nicht dazu.

12. August 1447, der Herzog von Thunderbolt zu sich am Abend: Talbots Mann hat Terbourg nach zweitägigem Sturm aufgegeben, obwohl die Festung ein halbes Jahr zu halten gewesen wäre. Das korrupte Schaf Llewelyn (Lord Warden of the Marches Thomas Ap L.) ließ sich gerade lang genug unter Feuer nehmen, um den Schein zu wahren, und übergab dann an den Ziegenbock Ary. Dessen Pinsel Messys gockelt seither, als sei er Pinsel eines bedeutenden Mannes.

Wie hoch die Magie bei bescheidenem Inhalt gehen kann. Der Konstabler von Frankreich wurde am Nachmittag von Clermont informiert. Clermont ist die Beflissenheit in Person. Zu seiner Bedeckung hält er sich zwei im ozeanischen Stil skarifizierte Spitzbuben, der eine lang und dumm, der andere kurz und abgefeimt. Seinen Servilitätssalat verdient Clermont nicht allein mit übler Nachrede. Er dient der von Condorcet persönlich zu Terbourg ins Leben gerufenen Pêcheur Stiftung als Stuhlgänger. Braucht jemand einen Stiftungsstuhl, beansprucht er Clermont. Die Sachknechtschaft hat sich ihm vollkommen eingeprägt. Zudem malt er; alles halbgroß gegen einen kindischen Himmel stellend.

Thunderbolt bewacht und schult den Dauphin de France, als Ludwig XI. wird jener 1461 den Thron besteigen. Der Dienst verbietet es Thunderbolt nicht, Ary zu inspizieren. Herrje, im Fort liegen vierzig Kanonen, siebentausendzweihundert Projectile d’artillerie, zwölftausend Bomben, vierzehnhundert Granaten, siebzehntausend Gargoussen und was nicht alles noch, abgesehen einmal von siebzigtausend Pfund Blei.

Thunderbolt will in der Sache die grotesken Züge galoppieren lassen und mit neuen Einzelheiten begreifen, dass bei gehäuftem Witz jedes weitere Ding eine Perle vor der Sau ist. Was vom Gelächter gedeckt ist, das rettet keine Mühe mehr.

Ludwig verlangt nach dem Connétable, auf Italienisch Consigliere, das kennt man von der Mafia. Der Kronprinz empfängt den Konstabler verstimmt von väterlichen Nachrichten. Die Herrschaften verstehen sich nicht, sie fußen im Trüben und fassen Vertrauen zu den Chancen offener Feindschaft. Ludwig ist klüger, kälter, fieser als der gekrönte Glückspilz Karl. Der nächste König von Frankreich wird kein Filou sein.

Ludwig residiert auf Le Rivau, der Burgherr buckelt in Karls Nähe. Das könnte viel bedeuten. Es bedeutet hier wenig, da seine Frau königlich versippt ist. Sie hat die Burg dem familiären Portfolio zugeschanzt. Der König liebt ihren Patron, unseren Jean II. de Bourbon. Das kränkt Ludwig, er entdeckt jeden Tag ein neues Versagen des Vaters. Einer Eingebung folgend, rät ihm Thunderbolt, Clermont und seine Halunken im Keller einmauern zu lassen. Vielleicht spioniert die farine saucisse für den Engländer. Gleichviel, la meilleure partie du courage, c’est la discrétion, zumal Talbots Haufen vor Terbourg sich sammeln. Sollte Talbot selbst den Stoß führen, gäbe es für Ary nichts zu hoffen.

Ludwigs Gemütserkältung lässt die Stunde verkarsten. Thunderbolt gibt an wegen eines freistehenden Magazins besorgt zu sein, es könnte dem Feind noch in der Nacht zufallen. Er entzieht sich dem Frost mit Fleiß. Bald reitet der Herzog geschwind durch Nacht und Wind. Die Versatilität seiner Stute lobt er mit einem dadaischen Wortspiel. Fragt nicht, wo der Sinn seine Haftung verloren hat. Vermutlich sind der blödköpfigen Kopistin Christine Römer bei der Übertragung der Aufzeichnungen aus dem Dialekt der Île-de-France die Pferde durchgegangen. Thunderboldts vortrefflicher Gegenspieler, John Talbot, könnte viel daran setzen, alle ihm gehorchenden Leiber auf die Errichtung eines Lagers nahe Terbourg zu werfen. Ihm gehen wohl dreißigtausend Mann zur Hand, schon sieht Thunderbolt Feuer am Ufer der Vienne. Talbot spielt mit Success, aber unter ihm kommandieren Leute, die Bankrott gemacht haben.

Das avancierte Elend, wie man es überall findet, denkt Thunderbolt. Die Stute Thomas zeigt sich beunruhigt, sie hat vor Aufregung schon viel Mist fallen lassen. Das Magazin ist völlig entblößt, kein Mann wurde als Schildwache zurückgelassen. Es liegt immerhin gut im Futter eines Felsens. Nur eine starke Tür zeigt den Bunker.

Thunderbolt verweigert sich das Recht, eigenhändig eine Tarnung aufzubauen. Fängt man einmal mit so was an, ist man ruckzuck der kriechende Fußschemel von sonst wem, der aus seinem Pilzbefall ein Prädikat geschunden hat. Siehe Ary. Der aktuelle Kommandant von Terbourg stammt aus dem Geschlecht der Eingepissten (Comte de Incontinente). Grottenolme (Proteus anguinis) besitzen mehr natürliche Grazie als diese Leute. Die Arys werden noch Jahrhunderte das Volk an der Nase herumführen, einen gelinden Blutzoll an die Revolution abführen und dann blutig weiter kaspern.

Thunderbolt reitet zur nächsten Köhlerkate und beruft vom Ross herab eine Versammlung der Sippe vor ihrer Notdurft ein. Die Verworfenen stolpern wie geblendet zusammen, kein Selbstbewusstsein zwingt sie empor. Sie dürfen haltlos staunen über den glänzenden Reiter, jeder Steigbügel an Thunderbolts Sattel ist kostbarer als alles, was hinter ihnen liegt.

„Untertanen des Königs von Frankreich, Wir sind der Herzog von Thunderbolt und … … … blabla … …

bla
… … … bla
… bla … … … blabla
… so wie der Konstabler von Frankreich, also der wichtigste, stärkste, klügste, reichste und schönste Mann auf Erden”, sagt Thunderbolt, seine Bedeutung auf einen Planeten sarkozyrend. Sein pädagogisches Genie empfiehlt ihm, die vom Ruß Diskriminierten nicht mit einem Hinweis auf seine transplanetarische Unsterblichkeit zu überfordern.

„Nun brauchen Wir zwei Gsellas, die das Waffendepot da hinten vor den Augen Talbots verbergen und sich dann selbst klandestin in Bereitschaft halten, bis Wir euch zu ersetzen belieben.”

Szene reiht sich an Szene. Die vom Vater mit kaum einem Wort dem Konstabler zugeteilten Söhne laufen zum Bunker und transferieren Unterholz vor die Tür. Der Rest rückt auf, Vater, Mutter, Schwestern, die Jüngsten und erschaffen ein drolliges Bild der Zusammengehörigkeit und der Bereitschaft, dem großen Augenblick sämtliche Sensationen abzugewinnen. Bis an ihr Lebensende wird das erzählt werden. Wie eines Nachts der Konstabler von Frankreich, ungemein prächtig auf einem Ross wie von Samt, sich herabließ, das Wort an sie zu richten wegen einer Kleinigkeit und ihnen weiter das Vergnügen gewährte, ihn anzubeten. Mit Rettich und Schnaps steigern sie sich zu stiller Raserei. Während jenseits eines Kammes englischer Schmähgesang das französische Ohr beleidigt.

Es singt wenig Hass und noch weniger Hoffnung. Jeder Mann wünscht sich zu seinem Besten einen raschen und vollständigen Tod. Bloß nicht verletzt und wehrlos den zombiegleichen Überlebenden eines malträtierten Dorfes in die Hände fallen. Bis zum Wahnsinn verkrätzten Gemüsehökerinnen, die sich nicht erklären können, warum sie noch leben. Die nichts mehr wissen.

„Sie hatten sogar vergessen, wie man stirbt”, schreibt Thunderbolt an anderer Stelle. Er beobachtet bei Köhlers eine geschulte Tüchtigkeit in den Verrichtungen. Sich im Zupackungseifer überholende Hände.

„Die komplette Bagage erlöste sich in der Geschäftigkeit. Thomas kräuselte indigniert die Nüstern.”

Mit der Freude an der Tätigkeit wird die Familie gesprächig, der nahen Gefahr von der gewaltig wirkenden Gegenwart des Herzogs entfremdet. Wo Thunderbolt ist, da duckt sich jede Gefahr. Der Konstabler treibt Thomas in den keimenden Tag, der Stunde des Angriffs entgegen. Talbot sollte jetzt den Befehl geben. Doch seine Soldaten singen nur.

Thunderbolt reitet vorbei an schwelenden Ruinen. Eine Jagdgesellschaft staubt über seine Bahn. Zum Vivat stoßen Reiter die Luft mit Lanzen. Thunderbolt registriert Spiel, Trunk und die furchtbarsten Verläufe der Liebessucht. Im Hinterland des Aufmarschgebiets schulzt und schnulzt das Leben kurios. Vor einer zusammengeschossenen Wachstube campieren fahrende Inder wie in einem Film über die ursprüngliche Lebensweise von Sinti und Roma.
„Jede geschichtliche Exactitude versagte.”

Scherzend passieren Ordonnanzen vom Wind bewegte Gehängte. Goya fängt die läppische Herzlosigkeit in der Vorläufigkeit eines Frühstarts ein, noch ist der verknechtete Mensch nicht weit entfernt vom Repertoire der Karolinger – christianisierter Germanen, die ihre Herzöge nicht mehr wählten, sondern schmachvoll einen Kaiser über sich bestimmen ließen. Wer sich noch rühren kann, bewegt sich auf ein Getümmel zu oder von einem Getümmel fort. Wie sinnlos alles ist, zeigt jeder Kampf um eine Standarte. Die Sinnlosigkeit bedeutet nichts.
Wie aberwitzig alles ist, zeigt die Herrlichkeit einer Kavallerieattacke. Immerhin hat man es bei einem Reiterüberfall mit Leuten zu tun, die unter Druck nicht nur das Einfachste (wenn überhaupt) vollbringen.

Zu den Verpflichtungen umfassender Staatsführung gehören Suspendierungen der Reinheit. Sind genug gute Münzen im Umlauf, darf aus royalen Beimischungen schlechter Münzen keine Staatsaffäre gemacht werden. Ein Volk allein mit vorbildlichem Verhalten zu beherrschen, kann nicht gelingen. Eine Verfassung ohne trügerische Zugaben gibt es nicht, sagt Seneca bündig. Um den Misstand zu überspielen, setzt man dem Mysterienspiel vom Ursprung alles zu, was ein einnehmender Prospekt braucht. Mit verdummenden Erzählungen und Verlegungen grundgesetzgebender Versammlungen (siehe die Zehn Gebote) in den Himmel lassen sich geduldige Gläubiger erziehen. Jeder Staat hält wenigstens einen Gott an der Spitze. Weiß der Staat nicht weiter, bemüht er seinen Gott (seine Götter). Cicero: Wie die Tragiker die Götter bemühen, wo sie den Knoten nicht selbst lösen können.
Nun zum Tod, fuhr der Herzog von Thunderbolt fort in der Unterweisung des Kronprinzen Ludwig. Eine königliche Aufgabe besteht darin, den Kriegern des Reiches das Sterben leicht und den Tod schmackhaft zu machen. In gelungener Gesellschaft wird man alle beweglichen Männer mutig finden. Sie sterben für ein Versprechen, das auf Erden nicht gehalten werden muss. Der König kann folglich nicht wortbrüchig werden.

Ludwig, genannt die Spinne, genehmigt dem Konstabler einen zweifelnden Blick. Seit Tagen pisst der zwanghafte Beischläfer Blut. Ludwigs Vorliebe für die niedrigen Stände hält das Gesinde in Aufregung. Ein lombardischer Kunsthändler antichambriert halb auf dem Bauch. Er negoziiert wie dull und präsentiert ein paar Mütter Gottes als Kraftakte epigonaler Gemüter und Produkte einer italienischen Bilderfabrik, in der eine verbrauchte Moderne nachgemacht wird. Dieser Verfall ist nicht verwerflich, weiß Ludwig, sondern Resultierende eines Niedergangs. Inzwischen hat die Renaissance sämtlichen Vorhänge gehoben. Der Kaufmann erlebt das Wunder einer persönlichen Ansprache des Dauphin de France:
Qu’on m’ôte ces magots-là.
In der Kunst kann die Berechtigung von Bedeutung (Ruhm) in Jahrhunderten fragwürdig bleiben. Das gilt in geringerem Maß für die Liebe, nur auf dem Schlachtfeld lässt sich in Echtzeit und für die Ewigkeit feststellen, wie der Hase gelaufen ist.

Die Kunst darf man von ihrem Zweck nicht beurlauben, sie wird sonst irre.

Ab und zu wartet die Welt auf einen, doch geschieht das selten.

Oheim Thunderbolt gibt mit Ovid zu bedenken: Was nur aus Furcht vor Schande vermieden wird, ist schon getan. Besinnt Euch nie lange, es kommt sowieso anders stets als Ihr denkt.
Ludwig stellt sich den Händler als toten Hasen mit strammgezogenen Läufen vor. Er malt sich aus, wie dem Crétin das Fell über die Ohren gezogen wird. Ihm leuchtet ein, was der Onkel sagt. Verwandt ist er um Ecken auch mit der femme hydropique, die im Château du Rivau Gastgeberin spielt. Anne de Fontenay leidet gut aufgehoben in einem Sessel. Eine schöne Wirkung erzielt ein streifender Lampenschein.
Der Prinz versteht das Ensemble als häusliche Allegorie. Er vernimmt den Herzog: Zu den guten Absichten. Sie verlangen besondere Mäßigung. Viel Übel kommt mit den guten Absichten. Wir empfehlen Euch, sie zu vermeiden.


Nehmt jene ernst, die sich scheuen, sich etwas anvertrauen zu lassen.

Man soll das nicht schmutzig nennen, was notwendig ist.
Anne de Fontenay entdeckt ihre Lebhaftigkeit, da Ludwig aufsteht. Alle müssen sich mit ihm erheben und ihn in diesem Vorgang überholen, so dass sie bereits krumm stehen, wenn des Prinzen Haupt sich anschickt über den gestreckten Gliedern ebenso vollkommen (schiefmäulig) wie missmutig zu erscheinen. Selbst Thunderbolt macht in flüchtigster Manier das Theater mit. Es gehört zur Fürstenerziehung, ihn zu lehren, solche zu achten, die sich nicht wegwerfen vor Hingabe und ihre Bereitschaft an einschränkende Bedingungen knüpfen, anstatt sich rücklings wie Ruderer vorwärts zu bewegen.

Bei Pferden ist das etwas anderes. Der Herzog behält eine gewisse Freude an seiner Stute Thomas, die ihn aufgezäumt erwartet, da er den englischen Feldherren Talbot gleich treffen will. Der Gaul verschleudert treuherzig Rotz, als ihn Thunderbolt zwischen seine totalitären Schenkel nimmt.

Erst unter französischem Einfluss definiert sich England. Bis dahin bestimmen Territorialfürsten seine politische Gestalt, deren Vorfahren das von Rom aufgegebene oder nie erreichte Britannia kämpfend zu ihrer Sache gemacht haben, ohne eine zentralgewaltige Instanz etablieren zu können. Man vergeht fünfhundert Jahre lang in angelsächsischen Familienfehden und in der Abwehr nachfolgender Usurpatoren. Königreiche und Grafschaften behalten den Charakter von Exklaven. Bis 1066 lassen sich in England dänische und norwegische Interessen durchsetzen. Ein Herzog der Normandie macht Schluss damit. Er kommt als Willi der Bastard und bleibt als Wilhelm der Eroberer. Ihm gelingt die Einrichtung einer bestandssteigernd um sich greifenden, das Angelsächsische im Normannischen dynastisch einschmelzenden Monarchie. Wilhelm folgt noch lange nicht, schließlich doch Adela, die erste Frau auf einem englischen Thron. Zwar ist sie nur eingeschränkt legitimiert, dafür aber Kaiserin als Gattin eines Deutschen, dessen Familie hundert Jahre Kaiser stellt. Nach dem Tod ihres, den männlichen Nachkommen entbehrenden Saliers Heinrich V. heiratet Adela ohne Begeisterung den schönen Gottfried. Er ist bloß Graf.

Nun nähern wir uns einer Sache, die mich heute noch so aufzieht wie ich als Kind von ihr hingerissen war. Ich rede von der Geschichte des Empire Plantagenêt. Jeder, der England so gern hat wie Frankreich, der in der Bretagne, der Normandie, auf den Îles Anglo-Normandes und im Kent der Unbesiegbaren (Invicta) zum Ritter von eigenen Gnaden wurde, affiziert von Richard Löwenherz, Chevalier-Memorabilien – und den Sagen der Nordmänner, die als Invasoren in England und Frankreich prekär unterschiedliche Karrieren absolvierten, muss fühlen wie ich. In England bewahren die norwegischen und dänischen Aristokraten ihren ursprünglichen Habitus, sie heißen Harald bis zum bitteren Ende; bis der Kontinentalnormanne Guillaume le Conquérant sie von der Platte tot ins Meer putzt. Solange bleiben sie die Larve in der Larve. In Frankreich wird aus dem Nordmann ein anderer. Die skandinavischen Räuber nehmen auf dem Festland die überlegene Kultur an. Ihre Chefs stärken und bedrohen jenes fränkische Geschlecht, aus dem ab Hugo (940 – 996) bis zum letzten Ludwig (gest. 1793) jeder französische König kommt. Herzöge der Normandie heißen Wilhelm Langschwert, Richard der Furchtlose, Robert das Sackgesicht, Porno Hasenfuß (Hasenfuß wegen der Jagdgeschicklichkeit) und Rollo mit der kurzen Hose.

William Ætheling, dessen Name einen alten Anspruch klingen lässt, ist aber ein Enkel vom Conqueror und der ungeschickte Bruder unserer Adela. Er säuft in jungen Jahren ab, so schließt sich der Kreis. Adela, die Notlösung auf dem Thron, an der Macht gehalten vom Prestige des Kaisers, ist nach des Saliers Tod keine erstklassige Partie mehr, gleichwohl irgendwie immer noch Königin von England und (wegen des Opas) mit deutlich mehr Durchschlagskraft Herrin der Normandie. Man verheiratet sie mit Gottfried von Anjou, (zuerst) scherzhaft Graf Plantagenêt. So wird sie zur Stammmutter eines anglo-französischen Fürstenhauses, das in Frankreich die Monarchie in Frage stellt und in England die Monarchie garantiert. Indem die Grafen von Anjou den Feudalismus auf die Spitze treiben, unterstützen sie eine Neigung der Kapetinger, den Machtanspruch absolutistisch zu formulieren.

Der Graf von Anjou trägt den Namen einer Region, eines Dialekts und einer stammesgeschichtlichen Erinnerung. Gottfried repräsentiert die Nachkommen keltischer Siedler, die sich so deutlich auswirkten, das man sich darauf berufen kann. Die Anjous aka Plantagenets begreifen sich als Erben dieser keltischen Kultur, die auf beiden Kanalseiten ihre Spuren hinterlassen hat.

Jede Gründungsgeschichte braucht einen mytischen Anker, Löwin Erna, die ein Lamm säugte, der mehrsprachige Affe Toto als aller Räte Klügster. Bei den Plantagenets ist es das kanaluntergrabende keltische Erbe und ein sagenhaft avalonisch-albionisches Königreich. Ihr angevinisches Revier hat ein keltisches Gesicht. In der nächsten Generation kommt wieder etwas dazu, schon spricht man von Aquitanien. Spricht von Richard Löwenherz in der dritten Generation, hundert Jahre nach Wilhelm dem Eroberer. Dreihundert Jahre nach der heidnischen Invasion stellen Nordmänner das christliche Abendland sicher, dessen zweitgrößte Bedrohung sie quasi gestern noch waren. Und schon naht der Herzog von Thunderbolt, Zucht- und Degenmeister des in der Lauerstellung eines Dauphin de France flach atmenden, jeden Treppenabsatz fickenden Ludwig XI. zuzeiten des Hundertjährigen Kriegs. Die Krone hat sich Territorien unter den Nagel nahezu unmittelbarer Verfügungsgewalt gerissen, die zu Adelas Zeiten als Lehen noch stark bewehrt und vor dem König viel sicherer war, Ludwigs Vater, der siebte Kapetinger-Karl, stutzt seine Vasallen, wo er sie trifft, Ludwig will ihn übertreffen, Thunderbolt reitet aber auf seiner Stute Thomas John Talbot entgegen, einem Mann, der seine Achtung verdient. Talbot führt seit zwanzig Jahren Krieg gegen Frankreich, ich meine, mit persönlichem Einsatz. Er ist ein Vorgänger jener elisabethanischen Verwegenen, die sich eine Welt in die Tasche steckten, um sie vor ihrer Königin aus dem Hut zu zaubern. Mit einer Geste, die alle Mühe verschwieg.

So viel Grandezza für eine fischige, selbst zur Megäre ungeeignete Person, deren Mutter noch auf dem Klotz die Gründe ihres Ungemachs nicht zu kennen wusste. …

Noch ist die stulle Betty Tudor nicht am Start. Talbot liegt mit dreißigtausend Mann vor Trebourg. Seine Überlegenheit erscheint ehrenrührig lächerlich. In der Festung hält Ary die Stellung. Ihm zur Seite steht ein dekorierter Esel namens Messys. Das Gespann hat den Waliser oder Schotten Ap Llewelyn, der als Kommandant von Fort Trebourg unrühmlich abdanken musste, in die Bequemlichkeit der Gefangenschaft gestürzt. Man nahm ihm seine Burg, quel malheur. Heul leiser in deinem Arrest.

Talbot erweist dem Unsterblichen vor einem Zelt nahe der Loire die Ehre. Beinah hätte er einen Knicks getan.

Thunderbolt stoppt einen Anflug von Jovialität. Hier stehen sich nun zwei seltene Männer gegenüber. Kein Staat hält so viele Titel im Vorrat, um ihre Verdienste in die Länge zu ziehen. Ihre Art bestürzt.

Kriegerische Völker der Antike verspotteten ihre Nachdenklichen als Griechen. Sie fürchteten das Wissen als Hemmschuh, sie lobten die Einfalt sogar bei ihren Führern. Sie verstanden nicht, dass Bildung Muskulatur sein kann, eine Potenz, die auf die Mechanik wirkt.

Es ist nicht falsch, zu sagen, ein Ölüberschuss, der die Lampe trifft, löscht sie wie Wasser. Doch versagt da nicht das Öl, sondern die Lampe. Thunderbolt und Talbot sind solche Leuchten, dass man ihnen das Öl direkt aus der Pipeline einschenken kann. Bevor sie es verbrauchen, verkaufen sie es drei Mal. … Hinter dem Herzog schnaubt Thomas, die sensible Stute. Kacken und Angst haben, das ist ihr Programm.

Wir schreiben das Jahr 14.., England und Frankreich haben sich mit tödlichem Eifer auf französischem Boden verkrallt. Die Verhältnisse liegen so bizarr, dass der angreifende englische König zugleich ein Lehnsmann des Angegriffenen ist. Man bemerkt Cousins, die im Streit ihre Fürstenerziehung vergessen und sich die Hälse verbiegen. Die Steaks werden immer blutiger serviert.

Man hat einen Tisch vorbereitet, Offiziere kehren belustigt von der Jagd zurück ins Lager. Den Eindruck einer Belagerung vermindern Szenen wie aus dem Wirtshaus oder einem Bordell. Wenig schöne Köpfe und kaum ein Ebenmaß an Gliedern spielt Geschehen. Man ist als Generalleutnant verdrossen, die Magensäure schießt über den Lippenrand, geraucht wird noch nicht. Man kann nicht einfach den Fernseher einschalten und Tagesschau gucken, während die Luftwaffe den Gegner rasiert und am Boden lediglich Auxiliartruppen ins Gras beißen.

Der Herzog von Thunderbolt und die Französische Revolution

Am Hof Ludwig XVI. verstand man das Geschäft des Speichelleckers als Lehrberuf. Unterwürfigkeit spielte mit Gelenkigkeit zusammen in Allianzen, die uns zwar nichts mehr sagen, den Damaligen aber bis zur Gleichgültigkeit geläufig waren und natürlich erschienen – da sie soziale Stoffwechselfunktionen erfüllten. Als dann der Hof weggefegt wurde, ergaben sich für seine Milieus oft nur Rinnsteinlösungen, wenigstens im Vergleich mit einem beim Sonnenkönig akkreditierten Speichellecker.

Wer zum Fintieren erzogen worden war, konnte sich als Spieler und Rummelplatzfechter durchbringen. Dealer ging auch, zu einer Zeit, als Drogen in allen Boutiquen der Anschauungen rasend angepriesene Gebrauchsgegenstände waren. In einem Beitrag vom 21. August 1793 rückt Thunderbolt den Alkohol in einen überzeitlichen Rahmen. Der Wein habe „Europa stärker verändert als das Schwert“. Thunderbolt vermutet, dass die verflossenen Jahrtausende Wirkungen des Weins schwächten. Der Unsterbliche erinnert an Weinfeste der Götter, die wie Kokainorgien über den Horizont gegangen waren. Er betrachtet den gelinden Rausch als kultivierendes Moos auf den Findlingen der Gewalt, die zu Völkern und Staaten führen. Er stellt Wein als eine Sache heraus, die Eroberungszüge überdauert.

Thunderbolt beobachtete die Revolution in Paris für die Virginia Gazette und die Gazzetta dello Sport. Er wirkte als Berater und Spion und residierte am Place de la Révolution (heute Place de la Concorde) im konfiszierten Palais des Herzogs von Crillon. Am Tag der Niederschrift köpfte man den König direkt vor der Tür auf dem größten Platz der Stadt. Thunderbolt machte ein Vermögen mit der Vermietung seiner Balkone und Terrassen an Schaulustige, die das Vergnügen der Hinrichtung mit Aristopunk steigerten.

Als Veteran des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges war Thunderbolt nichts weniger als zimperlich und schon gar nicht royalistisch. Karikaturen zeigen ihn unter ätzenden Überschriften als reitenden Boten der (oft als Brand dargestellten) Weltrevolution. Vorbemerkungen zu einem nie ausgeführten Gedicht tragen den Titel „Das Lächeln der Guillotine“. Man nimmt an, dass Thunderbolt den Zeitpunkt von Ludwigs Enthauptung mit einer Feder in der Hand, der Zigarre im Ohr und einem Speichellecker zu seinen Füßen begrüßte. Für ihn war, um auf den Artikel zurückzukommen, Tabak das „Geschenk Amerikas an Europa“. Er vermutete allerdings auch eine Verminderung der permanenten Umsturzbereitschaft „in der alkaloiden Sphäre“.

Dem Henker widmete Thunderbolt einen Aufsatz. Charles-Henri Sanson zählte zu den berühmtesten Männern Frankreichs. Er versah sein Amt ohne Freude, doch mit Fleiß. Er hatte in Paris keinen Kollegen. In den 1790er Jahren richtete er im Akkord hin. Er exekutierte Gegner und Anhänger der Revolution ohne Ansehen der Person. Das Amt war im Erbgang auf ihn gekommen und ging so weiter.

Thunderbolt nannte Paris die größte Favela Europas. Seinen Lesern begegnete er von oben herab. Nur wer belehrt werden wollte, wurde mit Thunderbolts Prosa glücklich. Alle anderen mussten sich von der Überheblichkeit des Autors abgestoßen fühlen.

Bis zur Revolution hatten nur Schranzen das königliche Privileg erhalten, ein Casino/Freudenhaus führen zu dürfen. Damit sollte Schluss sein, trotzdem betrieben und besuchten diese Orte 1793 dieselben Leute wie zuvor. Damit hielt sich Thunderbolt wochenlang auf. Er stiefelte durch die Akademien der Liederlichkeit und berichtete von Schnapphähnen mit am Leib schmählich verborgenen Waffen und manchen charmanten Compagnien mit Gefallenen aus der derangierten Oberschicht. Für einen Louisdor konnte man die Nacht durchtanzen und sein Elend vergessen. Parolen und Klopfzeichen dichteten das Geschehen gegen die Revolutionswächter ab. In den Verließen des Vergnügens kursierten noch die Titel des Ancien Régime. Gräfinnen trieben die Kuppelei soweit, dass sie ihre Töchter anboten. Thunderbolt fand die entmachtete Aristokratie ohne Halt und ganz bedeutungslos. Dass sie so schlapp und verworfen die Revolution einfach überleben würde, um bei der nächsten Restauration förmlich wieder aufzuerstehen, war für den Vorgänger von Gertrude Stein und Ernest Hemingway (als publizierenden Amerikaner in Paris) unvorstellbar.

1794 berichtete Thunderbolt von Stiergefechten in der Camargue. Er zählte zur Entourage eines mediatisierten Fürsten, der sich aus dem Abstieg viel weniger machte als seine Trabanten, die mit den Schranzen anderer Verlierer um Distinktionsgewinne im Millimeterbereich feilschten. Heruntergekommene Aristokraten lebten nun als Berufsspieler und Kaskadeure zwischen Pferden und Stieren und einem sehr eigenen, dem Wesen der Bukaniere verwandten Schlag im provencialischen Auenreich.

„Dem französischen Granden ist nur ein Anschein von Geltung geblieben. Der gemeine Mann buckelt gleichwohl vor ihm aus grauer Gewohnheit.“

Thunderbolt bemerkte natürliche Amphitheater, die von Eidechsen bespielt wurden wie zur Erinnerung an ihre gigantischen Vorgänger: „die Motivlieferanten für die Albträume der Menschheit.“ In dieser Gegend fasste keine Pariser Regierung Fuß. Genehmigungen erteilten Familienväter. Sie gaben sich als Fischer und Züchter aus, ihre wahre Profession erschöpfte sich im Widerstand gegen das Fremde, es sei denn, es kam ihnen gelegen wie diese Grafen und ihre Kleinstaaten im Stil wandernder Zirkusse. Wo sich die Verjagten niederließen, wurde ein Spielbetrieb aufgezogen.

„Entweder du verlierst alles an den Tischen oder ein Mädchen hakt sich ein, was aufs Gleiche hinausläuft.“

Man muss Thunderbolt als einen Mann der Aufklärung mit enzyklopädistischem Schwung verstehen. Er wähnte sich vom Fortschritt verhaftet und hielt die Enträtselung der Welt für so gewiss wie ein Sektierer die umgehende Ankunft des Jüngsten Gerichts. Inzwischen waren die ersten Robespierristen auf der Flucht vor dem eigenen Terror und trafen in der Camargue untergetauchte Indulgenten, die von Dantons Tod am 5. April gewarnt worden waren. Alle wussten von desaströsen Wahlbeteiligungen. Ein paar tausend Aktivisten besorgten das Demokratiegeschäft der Bürger bei absoluter Entbehrung von Achtung. Das Volk war zwar nach revolutionärer Auffassung rein, aber unaufgeklärt, während ehedem hohe Personen vom Lauf der Geschichte gelangweilt an Strohhalmen sogen.

Der Republikaner Thunderbolt begleitete Angehörige des hingerichteten Ludwigs nach Calais. Er reiste verwundert über die Nonchalance der verkleidet Emigrierenden. Niemand hatte damit gerechnet, dass sich die Revolution so hinzog. Jeder erwartete Diversion in seinem Fall, trotz des blutigen Unmuts jakobinischer Politik.

Woher nahmen diese Leute das? Lag es in ihrem Blut, leichtsinnig das Beste anzunehmen, wenn schon die Annahme von der Wirklichkeit widerlegt worden war? Thunderbolt korpulenzte darüber in Artikeln. Er kam zu dem Schluss, dass der Adel aus Erfahrung entspannte. Der Adel glaubte nämlich nicht an die Macht des Volkes wie sehr es sich auch aufführte. Er wartete auf den nächsten Caesar, der es praktisch finden würde, die alten Eliten zu reaktivieren.

Thunderbolt erzählte die Fluchtgeschichte als eine Wallfahrt von Invaliden, die kaum stehen und schon gar nicht gehen oder reiten wollten. Sie lagen mehr als sie saßen in der Kutsche und erwarteten alles auf einen Fingerdeut hin. Interessanter noch fand der Amerikaner, dass sie es auch kriegten von einer Dienerschaft, die stolz darauf war, seit Jahrzehnten der wallfahrenden Herrschaft zu gehorchen.

Thunderbolt kehrte nach Paris zurück, wo er am Place de la Révolution zuhause war. In seiner Abwesenheit hatte sich die Stadt verwandelt. Genies des Aufstands blockierten in der Nationalversammlung die Übergänge in geordnete Bahnen. Wie vor ihnen die Könige, behaupteten sie, das Schicksal Frankreichs wolle von ihnen bestimmt sein. Sie rechneten die Philosophie zur Politik, um großartiger zu erscheinen. Sie verschwiegen die Kosten der Unsicherheit, mit der sie ihre Macht befestigten. Die Gewinne waren längst flüchtig, Thunderbolt zählte zusammen, wer an der Revolution verdiente. Die Republik zählte nicht dazu. Sie verlor eine Kolonie nach der nächsten, da wurde Robespierre gestürzt. George Washington zog seinen Supermann ab nach Australien.

Ich möchte die Überfahrt nutzen, um eine Kuriosität der Kolonialgeschichte zu verbreiten, namentlich die wiederholte Entdeckung. Manches Land wurde in den Jahrhunderten zwischen Magellan und Cook mal von dieser, mal von jener europäischen Macht entdeckt und manchmal mehr als einmal von derselben. Ich erinnere an die ausführlich besprochene Entdeckungsgeschichte Neufundlands ab 1450. Australien war bereits im 16. Jahrhundert ein europäisches Ziel, blieb aber zweihundert Jahre lang Niemandsland in der europäischen Perspektive. Es gab eine ozeanische Vergesslichkeit, die einsetzte, wenn kein Missionseifer und keine wirtschaftlichen oder strategischen Interessen Engagement forderten; wenn nicht Eifersucht und Konkurrenz zwischen Staaten der Alten Welt stimulierend wirkten. Manchmal reichte ein Besiedlungsungeschick, um eine Insel von der Karte des Begehrens zu nehmen. Der niederländische Kapitän Abel Tasman bezeichnete die begehbaren Flächen im Pazifik als vorbewusste Räume der Welt. Er fand schlafende Länder, Stein- und Traumzeitreservate, die der Empfindung Vorschub leisteten: in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Er passierte Inselflure und beschrieb sie als poly nēsoi. 1642 erreichte Tasman Neuseeland, nachdem er das seit der Antike sagenhafte Südland (terra australis) umfahren hatte. Er segelte für die Dutch East India Company von Batavia aus, wieder ging es um Durchgänge und Abkürzungen … während sich Thunderbolt 1794 auf einem Schiff der British East India Company verleugnete. Er markierte einen Briten. Als erster US-Geheimagent kannte er das 1855 nach Tasman benannte Land noch unter dem Namen eines Generalgouverneur von Niederländisch-Indien – Van Diemen’s Land (Vandiemensland).

Das hatten wir schon im Großen und Groben. Thunderbolt glaubte noch, Van Diemen’s Land sei die südlichste Festlandkante, die insulare Eigenständigkeit Tasmaniens wurde erst 1798 von dem Schiffsarzt George Bass festgestellt. In Australien stand alles auf Anfang: seit man den alten Admiral Arthur Phillip, einen halben Hessen in britischen Diensten, dazu bewegt hatte, Vormund für siebenhundertzweiundneunzig von England nach Australien verbrachte Verbrecher zu spielen. Heute bringt man mit den Deportationen (umgangssprachlich: Transportation) zuerst Van Diemen’s Land in Verbindung, siehe den gleichnamigen Film. Macquarie Harbour Penal Station wurde zur Heimat für solche, die in überseeischer Gefangenschaft straffällig geworden waren. Man isolierte sie von den in der ersten australischen Kolonie New South Wales nahe Port Jackson (Sydney) Arrestierten. Von 1788 bis 1793 gab es da nur Gefangene und Soldaten, abgesehen von der ursprünglichen Bevölkerung. Thunderbolt reiste mit dem zweiten Schwung freier Einwanderer. Er war noch in Australien, als der Marineoffizier John Bowen 1803 im Alter von zweiundzwanzig Jahren das Kommando auf Vandiemen’s Land übernahm. Das erste Sträflingslager lag an einer Bucht namens Risdon. Bowen gründete eine Werft und stieg mit seinen Delinquenten in den Bergbau ein. Zu Ehren des 4. Earl of Buckinghamshire, der als Kolonial- und Kriegsminister Bowens berufliche Laufbahn bestimmte, taufte er den Schauplatz seines Unternehmungsgeistes Hobart Town. Heute ist Hobart die Hauptstadt von Tasmanien.

Bowen nahm die Tochter einer Gefangenen zur Geliebten. Martha Hayes bekam zwei Kinder vom Chefaufseher, der sich bald weiter in der Welt umsah. Martha blieb auf der Insel und heiratete einen Landwirt. Sie erreichte höchstes Ansehen in Verhältnissen, die, so Arthur Phillip in seinem Bericht „Kommodore Phillip’s Reise nach der Botany-Bai auf Neuholland. Nebst einer genauen Nachricht von der neuen englischen Niederlassung zu Jacksons-Port und einer kurzen Geschichte und Beschreibung von Neuholland“, der Teufel in der Maske des Zufalls am Kochen hielt.

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erstellt am 17.11.2016