Christine Lavant, Foto: Hans Schmid Privatstiftung

Die Schriftstellerin Christine Lavant (1915-1973) ist in den 1950er Jahren durch ihre Lyrik bekannt geworden. Ihre „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ wurden erst 2001 publiziert. Darin erzählt Lavant von ihrem Aufenthalt in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt im Jahr 1935. Das Buch liest sich stellenweise wie ein phantastisches Stück Prosa, meint Riccarda Gleichauf.

Buchkritik

Ein erzähltes Stück Leben

Wer schreibt und das Geschriebene der Öffentlichkeit zeigt, setzt sich bewusst der Meinung des Publikums aus. Das mag der Autorin, dem Autoren, die nötige Anerkennung und den Mut geben, sich an weitere Texte zu setzen. Die österreichische Autorin Christine Lavant ist in einer Zeit groß geworden, in der Frauen noch viel stärker als heute gesellschaftlichen Normen unterworfen waren. 1915 im Lavanttal (Kärnten) als Tochter eines Bergmanns geboren, kostete es sie viel Selbstüberwindung, ihr Pseudonym eines Tages hinter sich zu lassen, und ihre Texte als ihr „erzähltes Stück Leben“ vorzustellen. Als Frau geboren, stammt sie zusätzlich aus einem proletarischen Elternhaus. Schlechtere Voraussetzungen, um mit den eigenen Schriften Fuß zu fassen, gab es fast nicht. Dazu irritierte die Autorin ihre Kritiker – die ausschließlich männlich waren – (Kritikerinnen gab es auch in den 1950er Jahren kaum), ihr autobiographischer Schreibansatz, der einen anderen, ungewohnten Blick auf gesellschaftliche Phänomene warf, als ihn die akademische Elite kannte und propagierte. Die Schriftstellerin Christa Wolf hat in ihren Werken, zum Beispiel in Kassandra, immer auch nach einer „weiblichen“ Art des Schreibens gefragt – sie hat sich auf die Suche begeben nach den unterdrückten Frauenstimmen der Jahrhunderte, die uns möglichweise von einem anderen, vielleicht besseren Leben erzählen. Lavant stellte das Schreiben von Prosa leider nach vernichtenden Kritiken ein, schrieb nur noch Gedichte, weil sie es nicht ertrug, missverstanden zu werden. Jetzt könnte man sagen, warum hat sie sich nicht ein dickeres Fell zugelegt, was ihr passiert ist, damit mussten und müssen sich männliche Schriftstellerkollegen auch immer wieder auseinandersetzen. That’s business.

Einblick in das System der Psychiatrie

Bezeichnenderweise sollte der nun vorgestellte Text zu Lebzeiten der Autorin dann auch nicht gedruckt werden, weil der Verleger einen „frommen Schluss“ verlangte. Jahre später wurden die Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus zum Glück wiederentdeckt und 2001 zum ersten Mal veröffentlicht. Lavant gewährt den Lesern einen Einblick in ein sonst abgeschlossenes System – das der Psychiatrie. Ihr gelingt es, im Schreiben sowohl innerhalb als auch außerhalb der „Landes-Irrenanstalt“ zu stehen, weil sie über das, was sie sieht, reflektiert, und somit fast automatisch poetisch autofiktionalisiert. Sie nimmt eine Doppelrolle ein, ist einerseits die suizidale, um den eigenen Zustand kreisende Patientin. Andererseits nimmt sie ihre Umwelt schonungslos ins Visier. Sie lebt ihr „Innen“ intensiv, um gleichzeitig einen wachen Zugang zum „Außen“ zu bewahren:

„Eben hat Berta getanzt. Seltsam, dass es keiner der Schwestern, auch dem Nusserl nicht, einfiel mich diesmal wegzuschicken. Scheinbar tanzt sie selten, denn der ganze Saal nahm daran teil, sogar Schwester Minna hörte für einige Augenblicke auf, an ihrem Babyjäckchen zu stricken und lachte mit ihren runden schwarzen Augen überaus gutmütig und fast wohlgefällig vor sich hin.“

Hier ist sie reine Beobachterin einer der wenigen fast glücklichen Momente der Insassen. Ihr gelingt es durch genauen Blick und feiner Empathie, die Szene so erscheinen zu lassen, als sei sie alltäglich, als hätten die „psychisch Kranken“ Zugang zum normalen Leben der Bürger außerhalb ihres unfreiwillig gewählten Lebensumstands. Sekunden später kippt das Bild, zeigt das, was wirklich in den Räumen passiert. Beleuchtet die Dramen, die sich tagtäglich abspielen. Da wird unter unwürdigen Bedingungen einsam gestorben, werden aufmüpfige Frauen von masochistischen Betreuern lustvoll in Zwangsjacken gesteckt:

„Die Magere, die im zweiten Bett rechts von mir lag und ihre Zeit damit hinbrachte zu schreien oder nach den Spritzen wie eine Tote zu schlafen, ist am Morgen sterbend in den kleinen Raum vor den Klosetten gebracht worden, wo sie auf der niederen Bahre endlich allein starb.“

Die Erzählerin prangert die unmenschlichen Bedingungen an, unter denen die Anstaltsinsassen zu leiden haben, und geht gleichzeitig mit sich selbst hart ins Gericht. So schämt sie sich ihrer Hoffnung, doch das Bett der „wie ein Stück Vieh“ Verstorbenen zu bekommen.

Wer ständig in einem Klima des Hasses und der Angst lebt, resümiert sie, wird schnell ein Teil dieser asozialen Gruppe – nur um zu überleben.

Als sie Zeugin der sexuellen Belästigung einer Patientin durch Pfleger wird, zweifelt sie auch an der Existenz eines helfenden Gottes oder sonst einer Lichtgestalt:

„Warum, wenn es Engel gibt, obliegt keinem davon die Aufgabe, Dinge die erst in der äußersten Hölle vorkommen dürften, hier auf Erden zu verhindern.“

Im Nachwort der von Klaus Amann differenziert kommentierten Ausgabe aus dem Wallstein Verlag (2016) betont der Literaturwissenschaftler, dass gegen 15 Personen aus der Abteilung, die den Schauplatz der Erzählung Lavants bildeten, 1946 Anklage erhoben wurde.

Vielleicht ist die Autorin nur knapp der Vernichtungsmaschinerie entkommen, möglicherweise, weil sie dem Oberarzt eine schlüssige, (erfundene) Erklärung für ihren Selbstmordversuch liefert.

Schauerliche Erlebnisse und kurze Glücksmomente

Geschickt wählt sie den gesellschaftlich anerkanntesten Grund für ihr „irrationales“ Handeln, ein Klischee, das für sämtliche Frauenleiden herhalten muss, weil es schlüssig erscheint und dem Bild eines weichen, schutzbedürftigen Geschöpfs am besten entspricht. Es war: Selbstmord aus unerfüllter Liebe.

Ohne nachvollziehbaren Grund wäre ihre Krankheit zu einem Mysterium geworden und hätte nicht geheilt werden können –  die Arsenkur, spezialisiert auf gebrochene Herzen – hätte ihre Wirkung verfehlt. Lavant wird nach ein paar Wochen entlassen und ist um eine Erfahrung reicher, die ihr die Erkenntnis gibt:

„Nicht das Leben ist ja wichtig, nur das Erlebnis“.

Schauerliche Erlebnisse reihen sich in den Aufzeichnungen an kurze Glücksmomente, die alle zusammen von Lavant in Dichtung gefasst werden, weil sie sich von den spottenden Stimmen nicht bremsen lässt, die ihr suggerieren, dass eine Bergarbeiterstochter lieber die Finger von der hohen Schreibkunst lassen sollte:

„Sie will ja nur dichten, sagte da die spitze Stimme vom Fenster her. Alle lachten, warum hätte ich nicht auch lachen sollen?…Ja meine Teure sagte da der Kleine, diese Gewohnheiten wirst du dir freilich abgewöhnen müssen. Düchten mit Umlaut ü, gelt, wahrscheinlich kann sie nicht einmal ordentlich rechtschreiben, aber dichten will sie! Sehen Sie, Kollege, solche Geschichten kommen heraus, wenn jeder Bergarbeiter schon glaubt, seine Sprösslinge in Hauptschulen und so schicken zu müssen. Also mein Kind, das Düchten überlass du schön anderen Leuten…“

Zum Glück ist Christine Lavant dem bösen, altväterlichen Rat des Herrn Primarius nicht gefolgt, und der Text fand seinen Weg in die richtigen Hände, um ihn letztlich doch noch zu einer Leserschaft sprechen zu lassen.

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erstellt am 13.11.2016

Christine Lavant
Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
Gebunden, 140 Seiten
ISBN-13: 9783835319677
Wallstein Verlag, Göttingen 2016

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