Der Singer-Songwriter und Autor Leonard Cohen ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Der Schriftsteller Gert Heidenreich erinnert sich an die langen Nächte des bewegten Jahres 1968, durch die Cohen ihn mit seiner Musik und seinen Versen begleitete.

Erinnerungen an Leonard Cohen

Nächte mit Leonard

Seine beiden ersten Platten haben sich gut gehalten. Sie stehen bei mir seit 1968 und 1969 im Schrank, die Alben Songs of Leonard Cohen und Songs from a Room, die sorgsam gehüteten Vinyl-Scheiben klingen fast so frisch wie damals – ein wenig bass-lastig, und wenn man die Höhen zu sehr herauskitzelt, hebt sich ein leises Knistern ans Ohr, das ich als Spur der Zeit höre: Aus winzigen Rissen, aus Fissuren besteht dieser Ton der Ferne, der Klang jener Sprödigkeit, die man eben in 45 Jahren erwirbt, ob man will oder nicht.
Seinerzeit waren wir naturgemäß elastischer, obwohl Sport nicht unsere Sache war und längere Fußwege nicht dem Joggen, sondern dem Demonstrieren geschuldet waren.
Ich höre im Dunst meiner Erinnerung die Frage einer Kommilitonin: „Was, du kennst Cohen nicht?“
Ihr Erstaunen war pure Arroganz, sie hatte eine Schwester, die in Toronto arbeitete, war darum über den kanadischen Poeten besser informiert als wir in der Bundesrepublik, wo die erste Platte des Sängers gerade mal ein, zwei Monate käuflich war.
Ich klapperte seinerzeit an den Abenden die Mietshäuser in München-Schwabing ab und sammelte Adressen, an die ein Möbelversand seine Kataloge verschicken konnte. Pro Adresse gab es 2,50 Mark. Manchmal konnte ich dem Regionalvertreter fünf Adressen übergeben, nicht selten brachten zwei Stunden treppauf treppab keine einzige.
Die LP kostete 22,— DM, das grüne Preisschild klebt heute noch auf dem Cover mit dem unendlich traurigen Gesicht des Sängers, ein sepiabraunes Foto auf schwarzem Grund. Sein Namenszug ist zwar klein, jedoch in Flammenfarben gestaltet, was wohl darauf deuten sollte, dass man hier Feuer fangen kann.
Vielleicht ist das heute gar nicht mehr vorstellbar: Dieses Ritual, wenn man mit einer neuen LP nachhause kam, sie aus der äußeren Hülle nahm, dann vorsichtig aus dem Papierhemdchen zog, sich über ihren schwarzen Glanz freute und sie an den Enden ihres Äquators zwischen den Mittelfingerspitzen in Balance haltend auf den Plattenteller legte, den Tonarm vorsichtig über die Fangrillen am Rand hob und absenkte. Der dumpfe, knackende Laut, mit dem der Saphir in die Spur rutschte, war Auftakt zu einem seltsamen Vorgang: Wie behext starrte man auf die sich drehende Scheibe, als könne man nicht begreifen, wie dieses Karussell der Töne funktioniert. Dabei wusste es jeder … Doch besonders, wenn man allein war und die Musik gefiel oder sogar begeisterte, war es schwer, den Blick vom Plattenteller zu lösen und sich frei zu machen von dieser Klangspirale, die irgend etwas gemein haben muss mit Kaminfeuer, Meereswogen und Sonnenuntergängen, die man ja auch zur Genüge kennt und doch immer wieder unverwandt betrachtet.
Und da sang er nun. Sang von Suzanne. Suzanne takes you down to her place near the river… Sang davon, dass Jesus ein Seemann gewesen sei, als er übers Wasser ging … Sang von dem Fremden, dem Spieler, der trotz der Liebe einer Frau immer wieder aufbrechen und weiterziehen muss …

Leonard Cohen, London 1974

Das waren wirklich nicht unsere Themen. Das Jahr ’68 war voller Härte und Schrecken. Auch wenn die sexuelle Befreiung sich allmählich ins Bürgertum verlagerte – mit Filmen wie Zur Sache Schätzchen und Oswald Kolles Aufklärungsfilm Das Wunder der Liebe – die politische Kontur des Jahres war durch Attentate und den Krieg in Vietnam gezeichnet:
Im Februar protestieren Studenten in Berlin gegen das mörderische Napalmbombardement der Amerikaner, im März ermorden US-Soldaten in dem südvietnamesischen Dorf My Lai 507 Kinder, Frauen und Greise, ein Aufschrei geht durch die Jugend, erst drei Jahre später kommt es zum Prozess gegen den Befehlshaber der Truppe.
Zu unserer Beruhigung trägt auch nicht bei, dass die Hochschulen den numerus clausus einführen, dass Bundespräsident Heinrich Lübke als ehemaliger Architekt von KZs vorgeführt wird (was sich 1992 als Fälschung des DDR-Geheimdiensts erweist), und dass, im April, der Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King von einem weißen Attentäter niedergeschossen wird.
Keine Woche später fallen in Berlin die Schüsse eines jungen Bildzeitungslesers auf Rudi Dutschke, und wir sind alle überzeugt, dass die Springerpresse, die gegen die Studenten mit allem gehetzt hatte, was die Sprache hergab, mitgeschossen hat. Jetzt beginnen die, teils blutigen, Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Polizei. Jetzt dreht sich die Spirale der Gewalt.
Und Leonard singt in unseren Nächten, wenn wir die Lage diskutieren und manche von uns im Streit um den einzig richtigen Weg zur gerechten Gesellschaft heftig aneinandergeraten, unverdrossen von Liebe, von Sisters of Mercy, und verabschiedet sich im Walzertakt von Marianne …, weil er seine Freiheit mehr liebt als die Liebe.

In Paris toben Straßenschlachten, die Gewerkschaften solidarisieren sich mit den Studenten durch einen Generalstreik, das Land versinkt im Chaos. Hatten wir uns nicht noch ein Jahr zuvor gestritten, wer der bessere Chansonier sei: Gilbert Bécaud oder Georges Moustaki, der linke Georges Brassens oder doch der traurig-nihilistische Jacques Brel, der in seinem Lebensgefühl nicht weit von Leonard Cohen war?
Erstaunlich im Nachhinein, dass ich überhaupt die Ruhe fand, Leonard zuzuhören, dass es Abende mit Freunden und Freundinnen gab, an denen wir, eingesponnen in seine Lieder, am Boden saßen oder lagen, das Weinglas neben uns, das schneller leer wurde, weil der Hund der WG sich anschlich und die gepantschte Billigware schmarotzte.
Manche zogen ihren Joint durch, andere servierten Haschischtee oder Haschischplätzchen; ich hatte nach dem ersten Mal genug, weil das Zeug mich nur müde machte, während ein Freund mir vorschwärmte, er könne Leonard spielen sehen unter der Zimmerdecke. Kein Wort habe ich ihm geglaubt, zu Recht, denn später hat er mal ein Foto von Al Pacino mit einem von Leonard verwechselt.
Aber es waren wundervolle Abende, die früh begannen, wenn die Seminare geendet und alle sich geeinigt hatten, wo es gemeinsam weitergehen sollte. Cohens Lieder waren für uns mehr als nur schöner akustischer Hintergrund: Sie entsprachen in einer Weise uns selbst, wie wir es noch gar nicht wissen konnten.
Denn die aufmüpfigen Generation, die vom Establishment gefürchtet und bekämpft wurde, war nicht aus freien Stücken so zornig. Diejenigen, die 1968 junge Erwachsene waren, hatten als Kinder die Folgen des Krieges, die zerstörten Städte, die verstörten Menschen gesehen; sie waren in einer vaterlosen Gesellschaft aufgewachsen, sie erfuhren, was die Elterngeneration angerichtet hatte: Wie sollte man frei leben vor dem Horizont des monströsen und unbegreiflichen Massenmords, der mit kalter Hand und steinernem Herzen geplant und durchgeführt worden war?
Ich habe es mehrfach gesagt und geschrieben und wiederhole es hier: Das Deutschland der Fünfziger und frühen Sechziger Jahre war für unsere Hoffnungen und Erwartungen, für unseren jugendlichen Geist unbewohnbar.
Wir entdeckten eine Gesellschaft, die ungeachtet aller Wiedergutmachungsparolen ihre Nazis in höchsten Stellen, in Wissenschaft und Justiz, Politik und Kultur übergangslos behalten hatte; wir klebten an dieser Lüge vom gewandelten Land wie Fliegen am Leim. Und es war eine gewaltige, im Wortsinn: gewaltige Anstrengung, sich loszumachen und freien Raum zu gewinnen. Es galt, das Land geistig bewohnbar zu machen für unsere Generation.
Sehr fraglich, ob es so gekommen ist.
Aber die Wahl hatten wir nicht. Im Kern ihres Wesens nämlich waren viele von uns traumatisiert von der Kenntnis der deutschen jüngsten Geschichte und vom verstockten oder trotzigen oder schamhaften Schweigen vieler Väter und Mütter.
Die meisten meiner Freunde, mehr noch die jungen Frauen, die manchmal wenigstens darüber zu sprechen bereit waren, sind Melancholiker gewesen, viele depressiv. Ihre innere Verdunklung, die Hilflosigkeit, das Schuldgefühl war weder für Eltern, noch für Lehrer ein Thema, und so dauerte es, bis wir begriffen, dass wir eine Aufgabe hatten: Dieses deutsche Land anders zu gestalten als die Adenauergeneration mit ihrer Schlussstrich-Mentalität, nämlich es zu unserem zu machen als gerechtes, offenes, liebenswertes Gebiet für Fremde und uns selbst.
Gelungen?
Unsere Fehler sind sichtbar.
Inzwischen weiß ich, was ich in jenen langen Nächte, durch die Leonard mich begleitete, an ihm hatte: Seine melancholischen Lieder schienen mich zu verstehen, sein Lebenswille verbündete sich mit unserer Hoffnung: mit dem Wunsch, frei zu sein, den von den Autoritäten beschworenen inneren Schweinehund an den Nagel zu hängen und Grenzen aufzustoßen; für eine Nacht zu lieben und nicht für die Gründung einer Familie; die Nazilehrer, die unter ihren Talaren den Muff von tausend Jahren trugen, dem Gelächter preisgeben zu können und sich gegen die Macht der Generäle, Minister und Präsidenten mit der Jugend auch noch des fernsten Kontinents zu verständigen.
Je mehr wir gesellschaftlich dachten oder es zumindest versuchten, je mehr wir unser eigenes Leben politischen Zielen unterordneten, um so mehr bedurften wir gleichsam der Speise seiner Lieder.
Denn Leonard Cohen weiß wie jeder gute Dichter, dass es in der Poesie nicht um die Gesellschaft als solche, sondern immer um ihren Widerschein im Schicksal des Einzelnen geht, und dass die Dichtung uns durch unsere Hoffnungen, Enttäuschungen, Wünsche, unseren Mut und unser Versagen trägt, weil dies ihr Stoff ist.
Darum erzählt jedes seiner Lieder eine Geschichte. Mit traumwandlerischer Sicherheit schwenkt er, wenn es sein muss, ins Französische über, mit präziser Dramaturgie findet er aus der Klage in den Humor, der immer etwas Brüchiges hat – zugleich aber die ironische Souveränität gegenüber dem eigenen Werk erhält: Man solle seinen Roman Beautiful Loosers (1966) nicht zu ernst nehmen, schreibt er 34 Jahre nach der Erstveröffentlichung an die Leser der chinesischen Ausgabe: Ich habe das Buch in der Sonne auf einer griechischen Insel geschrieben und nie einen Hut aufgehabt. Was Sie jetzt lesen, ist also weniger ein Buch als ein Sonnenstich.
Hinter dem Lächeln aber lauert die zu jung erworbene Weisheit, schwingen Wehrlosigkeit und Lebenstrauer, aufgefangen in der Poesie.
Als ich damals, 1968, zum ersten Mal seine Gedichtlieder hörte, ahnte ich zwar, dass sich da einer im Widerstand gegen die eigene Resignation übt; aber ich wusste nicht, dass ich derjenige war und er mir mit seinen Songs klarmachte, in welchem Zustand ich mich befand.
Es waren sanfte Abende mit ihm, nach aufregenden Demonstrationen, geschrienen Protesten, gebrüllten Forderungen. Als hätte seine leise Nachdenklichkeit und volksliedhafte Musikalität uns zu uns selbst zurückgeführt.
Cohen ist kein Dichter, den man im Chor mitsingen kann wie Bob Dylan, der gewiss der bessere Sänger, aber gewiss auch der mindere Poet ist. Wenn Like a Bird on the Wire vermutlich fast meine ganze Generation auswendig zu können meint wie das Non, je ne regrette rien der kleinen Riesin Piaf , so ist das ein Missverständnis – Leonard ist von Beginn an ausschließlich einer zum Zuhören gewesen, weil er aus der inneren Sprache der Lyrik stammt und erst später in ihren Ursprung, das Lied, zurückgekehrt ist. Wo Dylan Gefolgschaft findet, bleibt Cohen Einzelgänger und ist darum dem musikalisch und mental so ganz anderen Jimmy Hendrix ähnlich. Wir spürten damals bereits, wie wichtig uns seine Texte waren, vielleicht, weil sie mit unseren nach außen getragenen Forderungen nur wenig zu tun hatten. Sie erklangen in einer anderen Welt und ließen uns dort ein.
Erholten wir uns bei Leonard? War er das Kissen, in das wir uns nach getanem Aufstand fallen lassen konnten?

Die deutsche Regierung hat 1968 so viel Angst vor den Studenten, dass sie eine Notstandsgesetzgebung durchpeitscht, die erst recht unseren Widerstand provoziert. 30.000 marschieren dagegen nach Bonn. Auch Bürgertum. Vergeblich. Das Jahr kommt nicht aus der Gewaltspirale heraus: Bobby Kennedy wird erschossen; Andy Warhol bei einem Attentat einer radikalen Feministin lebensgefährlich verletzt. In Frankfurt zünden vier selbsternannte Revoluzzer zwei Kaufhäuser an – der Beginn der RAF, die mit ihrer Mordstrecke keines ihrer angeblich fortschrittlichen Ziele erreichen, allerdings eine hysterische Gegenreaktion des Staates gegen Schriftsteller und Künstler provozieren wird. Und in den USA wählt die Mehrheit, nicht zum letzten Mal, einen fintenreichen, obskuren Präsidenten: Richard Nixon …
Die Bilanz legt nahe, dass ich die zuweilen grüblerische und selbstversunkene Melancholie von Leonard als Rückzugsgebiet genutzt habe. Natürlich kam dazu, dass ich längst selbst schrieb, auch Gedichte, die ein Freund von mir vertonte. Ich habe zwar nie so viel getrunken wie Leonard und kann schon gar nicht bei seinen Drogenexperimenten mitreden, doch wer mit Entgrenzung der Sprache arbeitet, wer sich den Reichtum ihrer Bildvorräte erschließen will, ist immer auf einem ähnlichen Weg wie andere gleichen Wollens, mit den gleichen Zweifeln und mit unterschiedlichem Gelingen.
Das ist vielleicht der eigentliche innere Zusammenhalt der Weltliteratur.

Leonard hat während des Jahres 1968 seine Poesie noch einmal vertieft und im Jahr darauf sein Album Songs from a Room veröffentlicht. Diesmal musste mich niemand darauf aufmerksam machen.
Ich weiß noch, dass ich seine Lieder hörte, als meine Hoffnung auf einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht endgültig verloren ging: In Prag, wo russische Truppen den Prager Frühling erbarmungslos zusammenkartätscht hatten und unser einundzwanzigjähriger tschechischer Kommilitone Jan Palach sich aus Protest selbst verbrannte.
Doch immerhin weist das Jahr 1969 auch die Erinnerung an ein Fest auf, das uns damals hoffen ließ: In Woodstock versammelten sich fast eine halbe Million Rockfans, und für eine Weile schimmerte Frieden auf, oder wenigstens Flower Power
Während ich das schreibe, brennen Kriege an zahllosen Plätzen unseres kleinen Globus. Man nennt sie Konflikte. Und ich erinnere mich, was Leonard im Jahr, als die Mauer fiel – befragt, was er von der Zukunft erwarte – geantwortet hat: Murder. Mord und Totschlag.
Kein Trost mehr vom Poeten der Klage und der Freiheit. Aber wer weiß, wozu er sich noch entschließt: Er ist ja nur zehn Jahre älter als ich.

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erstellt am 11.11.2016

Leonhard Cohen

Leonard Cohen um 1970

Leonard Cohen um 2010 © Rama. Quelle: Wikipedia

Leonard Cohens letztes Album

Leonard Cohen
You Want It Darker
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Columbia, 2016

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