Am 8. November 1916, vor genau einhundert Jahren, wurde Peter Weiss geboren. Bekannt wurde er vor allem als Prosa- und Theaterautor. Harry Oberländer zeichnet Weiss' Lebensweg und künstlerische Entwicklung anhand des autobiografischen Romans „Fluchtpunkt“ aus dem Jahr 1962 nach.

Zum hundertsten Geburtstag von Peter Weiss

»An kein Land gebunden«

„Ich suche also nach einem Weg und kann ihn nicht finden“, schrieb Peter Ulrich Weiss im Januar 1937 aus Warnsdorf in Böhmen an Hermann Hesse in Montagnola und Hesse antwortete: „Versuchen Sie immer wieder, neben ihren anderen Arbeiten her, literarische Übungen, das Aufzeichnen von Erlebnissen, von Gesehenem, von Kunstwerken, das möglichst genaue, präzise, nüchterne Nachzeichnen durch Worte, und nehmen sie jede solche Übung immer wieder nochmals durch bis jedes Wort feststeht und Sie für jedes Wort einstehen können. Mehr Rat kann ich ihnen nicht geben, ich eigne mich zum Lehrer gar nicht.“ (1)

Peter Weiss, geboren am 8. November 1916 in Nowawes bei Potsdam, hat sich an Hesses Rat gehalten und ist ihm zeitlebens dafür dankbar gewesen. „Begabung haben Sie ohne Zweifel, sowohl als Dichter wie als Zeichner“, hatte Hesse außerdem geschrieben und das war für den zwanzigjährigen Weiss die Initiation zum Künstler. Für zehn Wochen nahm Weiss 1937 Quartier in Hesses altem Haus in Montagnola, der Casa Camuzzi. Noch im Herbst 1937 begann er in Prag Kunst zu studieren.

Liest man die weitgehend autobiografischen Bücher von Weiss, Abschied von den Eltern (1961) und Fluchtpunkt (1962), wird deutlich, dass die Faszination von Hesses Steppenwolf noch andauerte und bis in das literarische Muster reichte, das der Erzählung „Abschied von den Eltern“ zugrunde liegt. Die Welt der Eltern ist die bürgerliche Welt des Zwangs, der Pflichten und der Moral, der Disziplinierung und Züchtigung, die verlockende Gegenwelt des jugendlichen Künstlers ist die einer befreiten Sexualität oder eine Welt, in der das Thema Sexualität überhaupt thematisiert, also zur Sprache gebracht werden kann. Weiss erzählt vom Weg der Familie in die Emigration nach England, Prag, in die Schweiz und schließlich nach Schweden. Seine Familie stellt er dabei als „einen gänzlich missglückten Versuch von Zusammenleben“ auf. (2)

»Mit dem Schreiben schaffe ich mir ein zweites, eingebildetes Leben«

In Fluchtpunkt beschreibt Weiss den Zeitraum von 1940 bis 1947, sein Leben in Stockholm. Der Ankunftstag ist der 8. November 1940, sein 24. Geburtstag, im Alter von 30 Jahren wird er Schweden wieder verlassen. Er kam nicht als Flüchtling und Asylsuchender, denn seine Eltern waren keine Deutschen. Der Vater hatte die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit, die Mutter Schweizer Vorfahren. „Dass ich kein Deutscher und väterlicherseits von jüdischer Herkunft war, erfuhr ich erst kurz vor der Auswanderung.“ (3) Weiss wollte in Stockholm als Maler leben, nicht als Schreibender. „Meine Sprache war mit keinem Landstrich verbunden“, heißt es am Anfang und später, als ihm das Malen nicht gelingen will, stellt er fest: „Was ich sagen wollte, war ebenso gestaltlos wie die Bilder. Die Worte, die sich einstellten, deckten nichts. Ein unartikuliertes Stammeln lag darunter. Doch es gab einen genauen Ausdruck für alles, was mir vorschwebte Alles, was mir widerfuhr, konnte sich mitteilen lassen. Es gab nichts, was nicht außerhalb des Reichs des Fassbaren lag. Das größte Abenteuer war die Herstellung einer eindeutigen exakten Welt“ (4) Der Wunsch nach Exaktheit der Darstellung wird in Fluchtpunkt allerdings relativiert durch die Einsicht, dass zwischen der erlebten Wirklichkeit und der Erinnerung sich eine unüberbrückbare Kluft auftut. „Die gusseisernen Drachenköpfe an den Geländerpfosten der Zirkustreppe sind längst verschwunden. Verschwunden sind diese altmodischen, lächerlich wirkenden Gestalten, die wir damals so selbstverständlich zur Schau trugen. Tausendfach verändert sind unsere Gedanken, Empfindungen, Erwägungen, versuchsweise werden sie hingeschrieben, zwanzig Jahre später nicht mehr überprüfbar, denn der einzige Zeuge, der mich widerlegen könnte, mein damaliges Ich, ist verwittert, in mich aufgegangen. Mit dem Schreiben schaffe ich mir ein zweites, eingebildetes Leben, in dem alles, was verschwommen und unbestimmt war, Deutlichkeit vorspiegelt.“ (5) Das Bewusstsein von der Fiktionalität der eigenen Erinnerungen ist möglicherweise ein ebenso guter Grund, die Autobiografie einen Roman zu nennen, wie es die Verwendung bewusst fiktionaler Elemente wäre. Es gibt allerdings keinen Grund zu bezweifeln, dass die Begegnung mit dem Pergamonaltar, die gleich eingangs erinnert wird, autobiografisch ist. Der Erzähler zieht ein Foto seines Schulfreundes Uli aus der Brieftasche, der die Uniform von Hitlers Luftwaffe trägt. Mit ihm hat er einmal vor dem Fries im Museum auf der Berliner Insel gestanden, der Uli in Begeisterung versetzt hatte, ihm selbst aber – wie alles klassisch Heroische – fremd geblieben war. Diese Erinnerung aber veranlasst den Erzähler zu einem Bekenntnis, dass ihn als wahren, nämlich radikalen Autobiografen (6) auszeichnet, der seinem Leben auf den Grund geht. „Ich hätte auch auf der anderen Seite stehen können, sagte ich, hätte mich nicht der Großvater im Kaftan davor bewahrt, so wäre ich wohl drüben geblieben. Es gab Augenblicke, in denen ich es bedauert hatte, dass ich nicht mehr dabei sein durfte.“ (7)

Es ist aufschlussreich zu lesen, mit welchen Accessoires der Erzähler von Fluchtpunkt unterwegs ist. Es ist nicht die Not, die ihn mit kleinem Gepäck reisen lässt, sondern das Bedürfnis, sich von den geordneten Verhältnissen der Eltern zu trennen. Der Ordnung des geregelten Tagesablaufs, der Tisch- und Kleiderordnung, der Ordnung einer bürgerlichen Zukunftsplanung. Was er dabei hat, ist sein persönliches Minimum: Ein paar Wäschestücke und Kleider, Rasierzeug, Zahnbürste und Seifendose, eine Staffelei, die Utensilien und Materialien des Malers. Dazu allerdings auch Bücher: Von Hesse den Steppenwolf, von Hamsun Hunger und Pan, von Stendhal Lucien Leuwen, von Voltaire Candide. Der häufige Wohnungswechsel schafft das Bedürfnis mit dem Inventar der Wohnung eine Widerstandskraft gegen die Fremde außerhalb des Zimmers zu schaffen. Die Bücher, im Lauf der Zeit sind es auch in Schweden mehr geworden, sind in „Verwandtschaftsbeziehungen“ geordnet. Zu der Liste der Erzähler und Titel gehören später noch unter anderen Dostojewski, Jakob Wassermann, Döblin, Kleist, E.T.A. Hoffmann, Stifter, die Brüder Mann, Canetti, Musil, Kierkegaard, Zola und auch Célines Reise ans Ende der Nacht. (8) Franz Kafka fehlt, er passt nicht mehr ins Regal. Dafür entschädigt die folgende Erzählpassage über Prag. Er hatte dort „Das Schloss“ und „Der Prozess“ von seinem Freund Peter Kien (9) bekommen. Aber erst jetzt, in seinem Zimmer in Stockholm, kann der Erzähler Kafkas „Prozess“ zum ersten Mal lesen, der ihm in Prag zu nahe war, als dass er ihn hätte erkennen können: „Dieses Buch las ich in der ersten Nacht in meinem neuen Zimmer. Alles, was ich bisher gelesen hatte, trat in den Hintergrund. In allen Büchern, die mir ihre Welt gezeigt hatten, dass ich mich darin wiedererkenne, hatte es noch Rückzugsmöglichkeiten gegeben, in eine Mystik, oder in den Begriff einer Schönheit, in ein Idyll oder eine Liebesillusion. In allen Büchern wurden mir Vorbehalte und Ausflüchte deutlich, die es in Kafkas Bericht nicht mehr gab. Hier war alles Außenwerk abgeschält und das Ich des Buches stand schutzlos und entkleidet da.“ (10)

Mit der Lektüre Kafkas kehren die Erinnerungen an Prag zurück, an Kafkas Beschreibungen erkennt der Erzähler seine eigenen Wege wieder „durch die Straßen und Torgänge, an denen sich die Treppen befanden zu den Kanzleien der Ankläger und machtlosen Advokaten, durch den Schlosshof und in den Dom.“ (11) Und er denkt daran, entkommen zu sein, während der Freund Peter Kien 60 Kilometer weiter interniert war. „Aus Theresienstadt erhielt ich ein Papier von ihm, das mit blauen und blassroten Pinselstrichen durchkreuzt war und den Stempel des Adlers mit den ausgebreiteten Schwingen enthielt. Ein sonderbar friedlicher Ton sprach aus seinem Schreiben, als befände er sich in einem Ferienaufenthalt, zu dem er Bücher und Malerausrüstung mit genommen hatte. Er berichtete vom Blick auf die blühenden Kirschbäume vor seinem Fenster.“ (12)

Theresienstadt wirkt auf den Erzähler wie eine ländliche Idylle, und eben das war der Eindruck, den die Nazis von diesem Konzentrationslager der Welt vermitteln wollten. Peter Kien war wie Weiss Sohn eines Textilfabrikanten. Weiss hatte den Maler und Lyriker an der Akademie in Prag kennengelernt. 1941 bis 1944 war Kien in Theresienstadt von wo aus er nach Auschwitz deportiert wurde und nach seiner Ankunft an einer Infektion starb.

»Rauch war Rauch, Pferd war Pferd, Schnee war Schnee und nichts anderes.«

Zu den dramatischsten Passagen in Fluchtpunkt gehören die Erlebnisse des Erzählers bei seiner Arbeit als Holzfäller in den schwedischen Wäldern. Eine Bogensäge im Rücken, im Gürtel eine Axt, in den Händen Fuchsschwanz, Schaufel und Kerbeisen stapfen die Männer durch den hohen Schnee. Im Morgengrauen setzen sie die Säge am Baum an. „Ein stöhnender Laut drang plötzlich aus dem Stamm, als wäre eine Sehne gerissen und ein Zittern war im Holz zu vernehmen. Halb liegend ließ ich die Säge hin- und herfahren, der Schweiß strömte aus allen Poren, das Blut hämmerte in den Schläfen und ich fauchte zum Takt der Armbewegungen. Es krachte im Baum und ich sah, daß der Spalt sich erweiterte. Ich blieb liegen und sägte weiter, während der Stamm sich langsam neigte und am Fuß zerbarst und in einer Wolke von Schnee herabkam. Dröhnend schlug er auf, das Geäst bohrte sich tief in den Schnee. Die hohen Zacken des geborstenen Stumpfes federten pfeifend hin und her und Holzsplitter umflitzten mich. Der zerfledderte Stumpf, dieses Schandbild des Laien, musste glattgesägt werden. Die tief eingerissenen Kerben am Stamm drohten mit Lohnabzug.“ (13)

In Schweden begegnet Weiss einem Proletariat, das sich mit seiner Situation abgefunden hat. Die Holzfäller lebten gleichsam in den Mauern der überlieferten Gesetze. „Dass sie freie Arbeiter waren, bedeutete für sie nicht, daß sie eine Zugehörigkeit empfanden für die Güter, die sie erzeugten. Sie arbeiteten gleichgültig, nur auf den Lohn bedacht. Sie hatten ihre Gewerkschaften und glaubten, daß ihre Macht damit gesichert sei. Nie kam ihnen der Gedanke, daß sie betrogen waren.“ (14) Noch mehr irritiert den Erzähler, dass seine Kollegen nichts von Büchern halten und nicht einmal den Begriff von Weiterbildung kennen. Wie es scheint, haben sie auch keinen Begriff von Schönheit, keinerlei Ästhetik. Das Farbspiel des Sonnenuntergangs sagt ihnen nichts, der blendende Nachthimmel nichts, nichts das leise Fallen von Schneeflocken. „Rauch war Rauch, Pferd war Pferd, Schnee war Schnee und nichts anderes.“ (15) In der Ästhetik des Widerstands wird es eines der immer wiederkehrenden Motive sein, dass der Kampf gegen den Faschismus weder auf politische noch auf ästhetische Bildung verzichten darf.

Schließlich stellt Weiss sich seiner jüdischen Identität. Am Endpunkt einer Entwicklung sieht er sich im Frühjahr 1945 angekommen. Nachdem er einen Zusammenbruch erlitten hat und im Krankenhaus ein Nierenstein entfernt werden muss, halluziniert er, während er in die Narkose sinkt, seine Kindheitstraumata. Aus der Narkose erwacht er mit dem Trauma des Holocaust. „ Auf der blendend hellen Bildfläche sah ich die Stätten, für die ich bestimmt gewesen war, die Gestalten zu denen ich hätte gehören sollen. … Dort vor uns, zwischen den Leichenbergen kauerten die Gestalten der äußersten Erniedrigung, in ihren gestreiften Lumpen. … Diese Bilder gehörten fortan zu unserem Dasein, sie waren nie wieder wegzudenken, und oft machten sie jedes Wort, das gesprochen wurde, jede Aufzeichnung zu Lüge und Hohn. Lange trug ich die Schuld, dass ich nicht zu denen gehörte, die die Nummer der Entwertung ins Fleisch gebrannt bekommen hatte, dass ich entwichen und zum Zuschauer verurteilt worden war. Ich war aufgewachsen, um vernichtet zu werden, doch ich war der Vernichtung entgangen.“ (16) Als Weiss dieses Schuldbekenntnis abgab, hatte die wissenschaftliche Erforschung des Holocaust-Syndroms gerade erst begonnen. Die dafür bahnbrechenden Untersuchungen des Psychiaters William G. Niederland erschienen erst auf Deutsch 1980 in deutscher Sprache in der edition suhrkamp unter dem Titel Das Überlebenden Syndrom / Seelenmord. (17)

Weiss hatte 1965, vor der Veröffentlichung seiner autobiografischen Texte, das Thema für die Anthologie Atlas des Verlags Klaus Wagenbach aufgegriffen. Neben Beiträgen von Bobrowski, Grass, Lenz und anderen erschien dort sein Prosatext Meine Ortschaft. Weiss beschreibt das Vernichtungslager Auschwitz als Besucher, der nach eigenem Bekunden 20 Jahre zu spät dort eintrifft. Er besucht eine Gedenkstätte, ein Museum als den Ort, gegenüber dem alle Städte, in denen er gelebt hat, etwas Provisorisches an sich haben. „Nur diese eine Ortschaft, von der ich seit langem wusste, doch die ich erst spät sah, liegt gänzlich für sich. Es ist eine Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam. Ich habe selbst keine andere Beziehung zu ihr, als daß mein Name auf den Listen derer stand, die dorthin für immer übersiedelt werden sollten.“ (18)

Der Roman Fluchtpunkt endet mit einer Absage an die Literatur, die Weiss als jungen Mann beschäftigt hatte. Die Worte erreichen ihn nicht mehr und sind zu einem unverständlichen Brodeln geworden, man könnte auch sagen in ein schwarzes Loch gefallen. „Hunger, Pan, Steppenwolf, Klingsor. Alles was Literatur war, war verwelkt, nur hier und da konnten noch einzelne Sätze herausgegriffen und in das große Gedankenbuch eingefügt werden.“ (19)

Kurzentschlossen steigt der Erzähler in den Zug und fährt nach Paris. Er hat sich für die Zukunft einiges vorgenommen. Er wird mit seinem Werk darauf antworten, dass sein Vernichtung geplant war, dass er Auswanderer, aber kein Widerstandskämpfer war. „An diesem Abend, im Frühjahr 1947 auf dem Seinedamm in Paris, im Alter von dreißig Jahren, sah ich, dass es sich auf der Erde leben und arbeiten ließ und daß ich teilhaben konnte an einem Austausch von Gedanken, der ringsum stattfand, an kein Land gebunden.“ (20)

1 Hermann Hesse/Peter Weiss, „Verehrter großer Zauberer”. Briefwechsel. Herausgegeben von Beat Mazenauer und Volker Michels. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.

2 Dorothea Dieckmann, die in den horen 262 über ihre Lektüre von „Abschied von den Eltern“ schreibt, fragt: „Wer ist dieser Erzähler: autobiographisches Ich oder Romanfigur? Ein Jahr später erklärte Enzensberger, mittlerweile nicht mehr Lektor bei Suhrkamp, in einer begeisterten Rezension der Fortsetzung Fluchtpunkt, dieser sei ‚eine Autobiographie und durchaus nicht, wie der Verlag uns weismachen möchte, ein Roman’. Legt man allerdings als Kriterium den Grad der Fiktionalisierung an, dann ergibt sich das Gegenteil.“ Da bietet sich mir als Lösung der Streitfrage an, was Hans-Ulrich Treichel im gleichen Heft der horen dazu anmerkt: „Dass Abschied von den Eltern die Gattungsbezeichnung ‚Erzählung’ ausweist und Fluchtpunkt dagegen ‚Roman’ genannt wird, mag irritieren, lässt sich doch Fluchtpunkt durchaus als Fortsetzung von Abschied von den Eltern betrachten. Möglicherweise fühlte sich der Autor von Fluchtpunkt mehr noch als zuvor als Epiker, zumal Abschied von den Eltern eine Zeit lang den Arbeitstitel Textur trug, was ein Schreibbewusstsein vermuten lässt, das eher den Rückschluss an sprachliche Selbstreferenzialität sucht als an den eigenen Lebensstoff. Dieser Lebensstoff freilich ist es, der verbunden mit dem speziellen Erzählton des Autors und seiner Bereitschaft einer bis zur Selbstentblößung reichenden Offenheit, die Wirkung der beiden Bücher ausmacht.“ die horen 262, Der Wundbrand der Wahrheit – Peter Weiss lesen, Wallstein Verlag, Göttingen 2016

3 Peter Weiss, Fluchtpunkt, (FP) Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962, S.11

4 FP S.11 und 57

5 FP S.36

6 Hans Magnus Enzensberger, DER SPIEGEL, 5.12. 1962:
Die Autobiographie, von allen Schreibübungen die gefährlichste, ist ins Geschäft und auf den Hund gekommen. Der Clown und der Minister, der Boxer und der Dalai Lama, der Chirurg und der Henker, sie alle wollen uns für ihr Leben gern ihr Leben erzählen, oder doch erzählen lassen, nämlich durch den Mund fixer Journalisten, Ghostwriters und Reklametechniker. Aber auch, wenn einer sich selbst an die Maschine setzt, um sein Leben abzutippen, schreibt er meist, wie Ilja Ehrenburg, als wäre er sein eigener Neger, im besten Fall schwammig und gebläht, im schlimmern duckmäuserisch und verlogen.
Wem die Hand geschüttelt, was schon immer gewußt, durch wieviel Schlüssellöcher der Geschichte geblickt: das erzählen diese Bücher. Sie erzählen mit einem Wort, was uns nichts angeht; und deshalb wohl werden sie so gern gelesen.
Aus anderm Holz ist die wahre Autobiographie. Sie ist radikal, erlaubt keine Ausflucht, nicht dem Schreiber und nicht dem Leser, und unterscheidet sich doch von aller Indiskretion; denn mit dem Leben, dem sie auf den Grund geht, und wäre es das obskurste, wird jedes andere, und wäre es das berühmteste, zugleich verhandelt. So nichtig das Staatsbegräbnis zu Lebzeiten, dem die landläufigen Memoiren gleichsehen, so bedeutend kann das sein, was im entlegensten Winkel vorgeht, wenn einer unerbittlich genug ist, es zu erzählen.
So ein Mann ist Peter Weiss, so ein Buch ist „Fluchtpunkt“.

7 FP S.15

8 Er kann sich von seinen Büchern nicht trennen. Einmal, als er sich entschlossen hat, einen Koffer damit vollzupacken und ins Antiquariat zu bringen, kommt es ihm so vor, als transportiere er einen Koffer mit Leichenteilen.

9 František Petr Kien, 1. Januar 1919 – 16. Oktober 1944 schrieb Gedichte, Erzählungen, dramatische Versuche und Filmdrehbücher. Am 4. Dezember 1941 wurde er nach Theresienstadt deportiert. Die Panik vor dem inneren Absterben, ohne vorher gelebt zu haben, war groß bei Petr Kien. Er zeichnete, schieb das Libretto zur Oper „Der Kaiser von Atlantis“ von Victor Ullmann, die erst 1975 uraufgeführt wurde, schrieb Gedichte, darunter den Zyklus „Die Peststadt“. Er meldete sich freiwillig mit seiner Frau und den Eltern zum Transport nach Auschwitz am 16. Oktober 1944. Petr Kien überstand die Selektion auf der Rampe in Auschwitz, kam aber durch eine Infektion Ende 1944 ums Leben. Sein künstlerischer Nachlass befindet sich in der Gedenkstätte in Theresienstadt.

10 FP S. 86
11 FP S. 88
12 FP S. 89
13 FP S. 138
14 FP S. 149

15 FP S. 151 Davon aber scheint Weiss profitiert zu haben, denn in seinem literarischen Debut von 1960 „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ ist alles gegenständlich und nichts wird kommentiert: Nicht der Schuppen, nicht die Säge, nicht der Hausknecht, nicht die schweren Holzblöcke, nicht die Haushälterin, nicht der Schatten des Kutschers und auch nicht der Herr Schnee.

16 FP S. 210 ff.

17 William G. Niederland, Das Überlebenden-Syndrom, Seelenmord. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980
Der aus Würzburg stammende jüdische Emigrant Niederland (1904-1993) war seit 1953 im Auftrag der Opferorganisation United Restitution Organization als medizinischer Gutachter bei deutschen Sozialgerichten tätig, die die Rentenansprüche von Überlebenden des Holocaust festsetzten. Entgegen den von deutschen Psychiatern im Wiedergutmachungsinteresse des deutschen Staates erstellten Gutachten, wonach eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit ehemaliger KZ-Insassen, Zwangsarbeiter oder deren Angehörigen nach relativ kurzer Zeit nur noch auf individuelle Prädispositionen zurückzuführen seien, führte Niederland die lang anhaltenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf die NS-Verfolgung zurück. 1961 erschien hierzu seine erste Veröffentlichung: The Problems of the Survivor-Part I und ab 1963 organisierte er an der Wayne State University unter der Themenstellung Late Sequelae of Massive Psychic Trauma eine Reihe von Konferenzen. Zusammen mit Robert Jay Lifton, Ulrich Venzlaff und Henry Krystal prägte Niederland die Theorie vom Überlebenden-Syndrom, wozu 1964 die erste Veröffentlichung erschien.

18 Peter Weiss, Meine Ortschaft in: Rapporte Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968

19 P S. 298

20 FP S. 307
Peter Weiss starb am 10. Mai 1982 in Stockholm. Er hatte sich noch auf die Verleihung des Büchner-Preises vorbereitet, der ihm Herbst 1982 postum verliehen werden musste. Der Laudator Walter Jens sagte unter anderem: Peter Weiss: ein Mann auf der richtigen Seite und eben deshalb, da gerade für ihn, den Sozialisten, die Morde in der Sowjetunion nicht leichterwogen als die Morde in Auschwitz, ein Mann zwischen den Fronten – in welchem Ausmaß, das verdeutlichen die Notizbücher, mit ihrer sich steigernden Verdüsterung („Warum überhaupt schreiben… angesichts des bevorstehenden Todes, des gesamten Untergangs?“), und dem besessenen Insistieren auf einem allerletzten – und wahrhaft entsetzlichen! – Werk: der Zurücknahme der Dante’schen Komödie durch ein Welttheater, eine Art von planetarischem Charenton, wo es kein Paradies, keine Revolution, keine gerechte Gesellschaft mehr gibt: nur eine winzige Hoffnung, so windgebeutelt wie das Segel auf dem Floß der Medusa. (Peter Weiss’ opus postumum: endend mit der schauerlichen Vision der zu Henkern avancierten Opfer, die sich als Herren gebärden und neue Abhängigkeitsverhältnisse schaffen – und nur ein – nahezu paradoxes, da durch keine Erfahrung gestütztes – Vertrauen auf eine Durchbrechung des Kreislaufs irgendwann einmal?

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erstellt am 05.11.2016

Peter Weiss
Peter Weiss

Peter Weiss
Fluchtpunkt
Roman
Broschur, 197 Seiten
ISBN: 978-3-518-10125-4
edition suhrkamp

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