In Stuttgart inszeniert Frank Castorf die von Charles Gounod 1859 komponierte Faust-Oper. Doktor Faust und das Gretchen werden darin zu glaubwürdigen Bewohnern von Paris, das Castorfs Bühnenbildner Aleksandar Denić gebaut hat. Der lang anhaltende Premierenapplaus galt dem Ensemble und auch dem Regisseur, berichtet Thomas Rothschild.

Oper

Castorfs Faust

Also, so schrecklich deutsch, wie allgemein angenommen, ist dieser Doktor Faust und ist selbst das Gretchen gar nicht – jedenfalls nicht, wenn sich Frank Castorf ihrer, gebrochen durch Charles Gounod, annimmt. Da werden sie zu absolut glaubwürdigen Bewohnern von Paris, das Castorfs Bühnenbildner Aleksandar Denić nach bewährtem Muster gebaut hat in einer Technik, die man als dreidimensionale Collage kennzeichnen könnte, und das mehrere offene und geschlossene Räume, Versatzstücke des Paris-Klischees, in einander verschachtelt. Dazu kommen die bei Castorf unverzichtbaren Leinwände, auf die simultane Videos, teils mit unsichtbaren Teleobjektiven, teils von auf der Bühne umherflitzenden Kameraleuten aufgenommen, sowie, mit kaum merklichen Übergängen, vorproduzierte Filmchen projiziert werden. So vertraut kann ein Stoff gar nicht sein, dass Castorf ihn nicht seiner unverwechselbaren Ästhetik unterwürfe.

Zu Castorf gehört auch die Überfülle an Assoziationen, die nicht immer nachvollziehbar sind. Was etwa hat die Mordlust der Fremdenlegion mit Fausts geilem Liebesverlangen zu tun? Sei‘s drum. Das Stichwort liefert Margarethes Bruder Valentin: „Ich sterbe durch dich, doch als Soldat und brav!“ Aber reicht das? Überforderung ist Castorfs Prinzip, und wahrscheinlich gehört es zum Kalkül, dass manche Anspielungen in der überbordenden visuellen Darbietung untergehen. Zumal der Schauwert dieser aufwendigen Stuttgarter Produktion nicht auf Kosten der Musik erworben wird. Aus dem formidablen Ensemble seien der Mephisto Adam Palkas mit seinem vollen, in allen Registern kraftvollen Bass, Mandy Friedrich als üppige Margarethe im Glitzerkleid und mit prächtigen Ohrgehängen, deren Unschuld eher von Fausts Fantasie als von der Realität eingelöst zu werden scheint, sowie Josy Santos in der kleinen Rolle des in Margarethe züchtig verliebten Siebel hervorgehoben. Atalla Ayan als Faust zeigte bei der Premiere vorübergehend Intonationsschwächen, für die allerdings sein strahlender Tenor, zumal in den Höhen, mehr als nur entschädigte. Der Chor bestätigte einmal mehr sein Renommee, und das Staatsorchester unter Marc Soustrot kostete die Farben von Gounods süffiger Partitur voll aus. Keine Abstriche also beim Opernvergnügen zugunsten des Starregisseurs.

Castorf arbeitet hier mit choreographischen Mitteln, lässt die Szenen gleitend in einander übergehen, fügt seine Zutaten – etwa Verse von Rimbaud – nicht unbedingt szenisch, sondern als Übertitel hinzu. Dort scheinen, kursiv, auch Goethe-Zitate auf, die Gounods Librettisten 1859 umformuliert hatten. Castorfs Faust, bei Gounod gegenüber dem Goetheschen Vorbild zu einem eher trivialen Liebhaber reduziert, wird wieder zum Zentrum eines Welttheaters, das freilich überall eher als im Mittelalter angesiedelt ist. Margarethe stirbt denn auch bei Castorf nicht im Kerker, sondern nimmt andeutungsweise Gift ein: sie richtet sich selbst, ehe der Chor an Stelle der Stimme von oben sie rettet. Der Versuchung zu ausufernder Verlängerung, die Castorf im Sprechtheater neben bedingungsloser Bewunderung auch Gegnerschaft einbringt, werden durch die Partitur Grenzen gesetzt. Einhelliger, lang anhaltender Applaus für das Ensemble und eben auch für den Regisseur, der ihn mehr oder weniger nonchalant entgegennahm.

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erstellt am 03.11.2016

Szenenfoto Faust, Oper Stuttgart: Thomas Aurin

Oper

Faust

von Charles Gounod

in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Marc Soustrot
Regie Frank Castorf
Bühne Aleksandar Denić

Faust Atalla Ayan
Mephistopheles Adam Palka, N.N.
Margarethe Mandy Fredrich

Oper Stuttgart

Szenenfoto Faust, Oper Stuttgart: Thomas Aurin