Ortsbeschreibung

Die Furie der Funktionalisierung

Von Jürgen Lentes

Mit nur wenigem aus meinem Leben kann ich in geselliger Runde Punkte sammeln. Aber daß ich an der Mosel in einem Wingert gezeugt worden sein soll, in einem Altenheim zur Welt kam (als ein Benjamin-Button-Derivat), mich in dem dem Altenheim gegenüberliegenden Kindergarten (nicht weit entfernt vom Friedhof, also quasi alles in der Reichweite von drei Minuten) zum erstenmal verliebte (natürlich in die Kindergärtnerin) und meine ersten vier Schuljahre in der Reichweite von einer Minute von meinem Elternhaus verbrachte (kleine Wege, die mich geprägt haben), das reicht für eine Minute Aufmerksamkeit.

Ach ja, und die Geschichte vom Kaplan (der Exkurs gehört dazu), der uns kleinen Menschen in der Grundschule die katholische Heilslehre nahezubringen versuchte. Er war ein Virtuose mit dem Rohrstock. Es gab drei Abstufungen seiner quasi göttlichen Bestrafung auf Erden. Nummer eins: Für leichte Vergehen bekamen die Mädels und Jungs was auf den Rücken. Nummer zwei: Für mittelschwere Vergehen bekamen die Mädels und Jungs was auf die Handteller. Nummer drei: Für schwere Vergehen bekamen die Jungs (waren die Mädchen zu solchen Verstößen nicht fähig?) was auf die Handknöchel. Das tat dann wirklich weh. Bis heute habe ich davon Abstand genommen, Schmerzensgeld für die Qualen und Demütigungen zu verlangen, die mir diese sadistische Ausgeburt einer repressiven Ideologie zugefügt hat, und ich habe auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Mit der verlogenen und perversen Institution der katholischen Kirche will ich schon lange nichts mehr zu tun haben.

Als ich nach der Grundschule aufs Gymnasium ging, mußte ich als nachhaltig im Namen christlicher Nächstenliebe verprügeltes Kind, das seine Mutter am liebsten nie von der Hand gelassen hätte, mit dem Zug nach Trier fahren. Zum erstenmal hatte ich mehr als drei bis vier Minuten zu Fuß zurückzulegen (zwanzig, um genau zu sein, bei Wind und Wetter), zum außerhalb des Dorfes gelegenen Schweicher Provinzbahnhof (hier hat Jimi Hendrix der Legende nach seinen großen Sehnsuchtsblues übers Abhauen geschrieben, „Hear My Train Comin’“).

Der Trierer Hauptbahnhof galt für ein Wingertkind vom Tor zur Mittelmosel als Moloch. Dazu gaben die Trierer noch mächtig an – mit Gleisnummern à la 10, 11, 12 und 13. Dabei hatte der Trierer Hauptbahnhof nur zwei Gleise mehr als der Schweicher DB-Nothalt. Die Gleise 1 bis 9 suchte man vergebens. Höchstens irgendwas mit 1 F oder 3 T war auf der nach oben offenen Richterskala dieser revolutionären Trierer Gleiszählung zu finden. Doch eines zeichnete den Trierer Hauptbahnhof aus, und das war sensationell für einen verängstigten jungen Menschen vom Tor zur Mittelmosel. Dieses Wunder entdeckte man allerdings erst zusammen mit „Kindkollegen“ (Gerhard Polt), als man größer und stärker wurde und sich die Wartezeit, die man dann gerne auch mal verlängerte, zunächst mit Cola und später mit Bier in einer gigantischen Bahnhofskneipe vertrieb. Aus den Tiefen meiner Erinnerung taucht eine geradezu herrschaftliche Lokalität riesigen Ausmaßes auf – Tische über Tische, soweit das Auge reichte. Das hatte Stil, und da war sie zum erstenmal zu riechen und zu schmecken, die große weite Welt, auch wenn sie nur bis Koblenz, Saarbrücken oder Metz reichte. Hier saßen sie alle beieinander, schwätzten, qualmten und soffen manchmal mehr oder minder um die Wette: Pendler, Fernreisende, Bahnarbeiter, Schüler und Studenten, und dazwischen huschten wieselflinke, schwarzweiß gekleidete Kellner aufmerksam umher.

Hier traf man auch zuverlässig das Schweicher Schachgenie, versorgt mit einem Brotjob bei der DB. Wundersam krumm im Kopfe war der Mann, und er hatte, während er mit beeindruckender Konstanz, die an das Rattern und Ruckeln der Züge erinnerte, seine Bierchen zischte, viel zu erzählen. In Frankfurt war er schon oft gewesen, sogar im Bordell. Er war ein ausnehmend lieber Mensch. Ich weiß nicht, ob er noch lebt. Hie und da denke ich gerne an ihn zurück.

„Bahnhof: eine Art Ersatzheimat der Menschen mit Heimweh“, schreibt ein mir hingegen nicht näher bekannter Silvio Mazzinghi. Stimmt. Für mich könnte man das Wort „Bahnhof“ durch „Bahnhofskneipe“ ersetzen. Wenn ich viele Jahre später aus Frankfurt mit dem Zug an die Mosel fuhr, hatte ich weniger Heimweh nach den Gleisen 10 bis 13, sondern ich freute mich stets auf ein Ankommenspils in der Trierer Bahnhofswirtschaft. Eines Tages war sie nicht mehr da. Seither ist der Trierer Hauptbahnhof für mich eine Wüste, ein „Nicht-Ort“.

Nicht-Orte heißt ein Klassiker des französischen Ethnologen Marc Augé. Für Augé hatte schon Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Urbanen ein Paradigmenwechsel stattgefunden: „So, wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder als relational noch als historisch bezeichnen läßt, einen Nicht-Ort. Unsere Hypothese lautet nun, daß die ‚Übermoderne‘ Nicht-Orte hervorbringt, also Räume, die selbst keine anthropologischen Orte mehr sind und, anders als die Baudelairesche Moderne, die alten Orte nicht integrieren; registriert, klassifiziert und zu ‚Orten der Erinnerung‘ erhoben, nehmen die alten Orte darin einen speziellen, festumschriebenen Platz ein. Eine Welt, die Geburt und Tod ins Krankenhaus verbannt, eine Welt, in der die Anzahl der Transiträume und provisorischen Beschäftigungen unter luxuriösen oder widerwärtigen Bedingungen unablässig wächst (die Hotelketten und Durchgangswohnheime, die Feriendörfer, die Flüchtlingslager, die Slums, die zum Abbruch oder zum Verfall bestimmt sind), eine Welt, in der sich ein enges Netz von Verkehrsmitteln entwickelt, die gleichfalls bewegliche Behausungen sind, wo der mit weiten Strecken, automatischen Verteilern und Kreditkarten Vertraute an die Grenze des stummen Verkehrs anknüpft, eine Welt, die solcherart der einsamen Individualität, der Durchreise, dem Provisorischen und Ephemeren überantwortet ist“, in einer solchen Welt verschwinden die klassischen Bahnhofswirtschaften, in einer Welt, die zunehmend „Nicht-Orte“ schafft, an denen die Menschen als numerische Einheiten in hoher Geschwindigkeit durchgeschleust und individuelle Identitäten von der unmerklichen Furie der Funktionalisierung verwischt werden und die Herstellung sozialer Beziehungen zusehends unmöglich wird. Situationen wie in der Fürther Bahnhofsgaststätte, wie sie Mitherausgeber Jürgen Roth in dem Zeitungsartikel „Das Verschwinden des dicken Luftraums“ 2003 so eindrücklich geschildert hat, werden bald nur noch Teil der Erinnerungsfolklore sein: „Wie sie da sitzen und bald nicht mehr sitzen werden – die vier Schafkopfer, seelenstumm in ihre spielerische Wirklichkeit versenkt, jeweils ein Halbliterglas Helles vor sich. Die Karten platschen auf die klebrige Tischplatte, die zerknitterten Gesichter verschwimmen im Zigarren- und Zigarettenrauch, das Lampenlicht durchdringt den dunkeldicken Qualm kaum. Ein Endfünfziger bringt Bier – Stirn und Wangen eine Schluchten- und Kraterlandschaft, die Augen wäßrig und weich, Schildkrötenhaut bedeckt seine knochigen Finger. Das mache vier Euro zwanzig, sagt er, für zwei Halbe. Das sei ja, würde der Metropolenmensch jetzt ausrufen, hätte er hierher gefunden, ‚fast geschenkt!‘ Bald aber wird man in Fürths Bahnhofsgaststätte wohl nichts mehr geschenkt bekommen, und man wird nicht mehr bewirtet werden von einem Mann, der dies sehr gut kann – ohne Sperenzchen, ohne Tamtam – und der wahrscheinlich nichts anderes kann, weil er wahrscheinlich nie etwas anderes werden konnte als Bedienung in der Bahnhofsgaststätte zu Fürth. Auch die vier Schafkopfer werden ihre Raucherhölle verlassen müssen, in der sie niemand belästigt und in der sie sein können, was sie noch sein können, denn die Modernisierung der Bahnhöfe schreitet voran. Fürth, so steht zu vermuten, ist demnächst dran, in Nürnberg nebenan hat die ‚Unternehmensbereichsleitung DB Station&Service‘ ihr Werk ja schon vollendet und ganze Aufräumarbeit geleistet, nämlich ein an innerstädtische Einkaufspassagen erinnerndes, durch Securitykräfte geschütztes, luftig-lichtes Konsumparadies aus Boutiquen, Hot-Snack-Points, Wok-Opens, Rail-Ins und Coffee-Table-Lounges geschaffen, in dem für Nichtsnutze, Gescheiterte, Deklassierte und Müßiggänger kein Platz mehr ist. Bis 2010, vermeldet die Deutsche Bahn AG denn auch stolz, werde man weitere fünfhundert Millionen Euro ‚in unsere Bahnhöfe investieren’ und sie unwiderruflich ruinieren.“

Was hier in Nürnberg begann und in Fürth unterdessen wohl „nachgeholt“ worden ist (Ironie der Geschichte: Die erste Bahnstrecke in Deutschland verlief zwischen Fürth und Nürnberg), ist natürlich auch anderswo schon lange Realität.

Ich sagte, daß ich ein furchtsamer Mensch sei, einer, der nicht viel von der Welt gesehen hat. Doch von einem zweiten Bahnhof, der damals noch kein „Nicht-Ort“ war, kann ich erzählen. Es war Anfang der achtziger Jahre. Wer erinnert sich noch daran, daß die Ankommenden und Abreisenden am Haupt des Frankfurter Kopfbahnhofs schlichte Biertische empfingen und ihnen einen Platz der Muße boten? Wann immer ich, bevor ich nach Frankfurt zog, meinen Freund Rainer Dorner in Frankfurt besuchte, war Zeit für ein, zwei helle Halbe. Rauchen konnte man dabei auch. Man wußte, daß man angekommen war, man wußte, daß man wieder wegfahren und wiederkommen würde, möglicherweise. So viel Zeit sollte sein.

Man stand in aller Bierruhe mit Pendlern, Reisenden, Beamten, Malochern und Lebenskünstlern, Hausfrauen und Nutten, Trinkern und Junkies an den langen Tischen, und leicht entstanden wunderbar flüchtige Gespräche. Diese Gespräche machten aus dem Frankfurter Hauptbahnhof einen Ort.

Ich habe nicht recherchiert, wann diese Biertränkegesprächsanstalt verschwunden ist. Es würde mich zu traurig stimmen. Der Frankfurter Hauptbahnhof hat aber für mich seitdem jeden Reiz verloren. Wenn ich heute mal wegfahre oder ankomme, bin ich froh, diesen Nicht-Ort möglichst schnell verlassen zu können. Das ist ja wohl Sinn der Sache.

Die Mehdornisierung, eine Cousine der Blatterisierung, hat ganze Arbeit geleistet. Beide Organisationen, DB und FIFA, agieren nach Gutsherrenart: die eine ist Staat im Staat, supranational die andere. Hier wird das Eigentum des Volkes im Hinblick auf einen möglichen Börsengang verscherbelt, dort der Volkssport Fußball pervertiert. Nicht nur die Einkommen zwischen Arm und Reich klaffen immer weiter auseinander, auch die verdeckten No-go-Areas für Außenseiter und Verlierer der Gesellschaft werden kontinuierlich mehr.

„Ich könnte jahrelang zu Hause sitzen und zufrieden sein. Wenn nur die Bahnhöfe nicht wären“, notierte Joseph Roth. Ich brauche die Bahnhöfe, und seien sie nur dazu da, um mal hinzufahren, ohne die Stadt zu verlassen, nicht mehr, um meine Sehnsucht zu stillen. Gegen eine solche Haltung hätte wohl auch der große Reisende und Unstete Joseph Roth nichts einzuwenden gehabt. Es gilt, neue Orte zu finden. Es soll ja Menschen geben, aus denen nichts geworden ist und die trotzdem keine Lust haben, in Versicherungen zu machen. Diese Leute schaffen möglicherweise die neuen Orte, die man gerne aufsuchen und an denen man gerne verweilen wird. Wir müssen sie nur finden. Wir brauchen die Entschleunigung jenseits aller Ghettos – und sei es im Waschsalon.

Aus: Im Bahnhofsviertel. Expeditionen in einen legendären Stadtteil, B3 Verlag, 2011
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erstellt am 28.4.2011

Wer nichts wird,
wird Wirt.
Wer gar nichts wird,
wird Bahnhofswirt.
Ist ihm dieses nicht gelungen,
reist er in Versicherungen.

Jürgen Wissarionowitsch Jonas

Hauptbahnhof Frankfurt am Main, 1965

Hauptbahnhof Frankfurt
Foto: Institut für Stadtgeschichte
Hauptbahnhof Frankfurt
Foto: Institut für Stadtgeschichte

Im Bahnhofsviertel
Expeditionen in einen legendären Stadtteil

Herausgegeben von Jürgen Lentes und Jürgen Roth
Autoren u.a. Matthias Altenburg, Matthias Beltz, Eva Demski, Bodo Kirchhoff, Jürgen Lentes, Jürgen Roth, Peter Zingler
Frankfurt, B3-Verlag, April 2011

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