Wien hat, allen Unkenrufen und allen berechtigten Klagen zum Trotz, eine reiche und vielfältige Theaterlandschaft. Neben den Traditionshäusern des Sprech- und Musiktheaters gibt es jede Menge mittlere und kleine Bühnen, Kabaretts und neuerdings Spielstätten für freie Gruppen. Thomas Rothschild ist nach Wien und Graz gereist und berichtet vom dortigen Bühnengeschehen.

Theater

Österreichische Impressionen

Kurios ist es schon. Da wurden allein im kleinen Österreich innerhalb von nur acht Jahren fünf Dramatiker – neben Ferdinand Schmalz Ewald Palmetshofer, Thomas Arzt, Gerhild Steinbuch und Thomas Köck – geboren, deren Stücke allesamt von renommierten Bühnen aufgeführt werden, aber Dramaturgen, deren kulturelle Bildung über die Filme und die Popmusik ihrer Jugend nicht hinausgeht, klagen, es gebe keine Dramatiker mehr. Man nenne ein Jahrzehnt, in dem eine deutschsprachige Region eine größere Zahl erfolgreicher Dramatiker hervorgebracht hat. Nicht der Mangel an Dramatikern ist das Problem – der Überfluss an Dramaturgen, die ihre Fähigkeiten maßlos überschätzen, ist es.

Ferdinand Schmalz also. In Zürich wurde gerade erst sein jüngstes Stück „Der thermale Widerstand“ uraufgeführt. Das zum Burgtheater gehörende Akademietheater zeigt in der Regie von Alexander Wiegold den erst vor knapp einem Jahr in Leipzig uraufgeführten „herzerlfresser“. Schmalz entwickelt in knappen Dialoge und Monologen, in denen die verbreiteten kolportagehaften Herz-Metaphern wörtlich verstanden werden, eine zwischen volksstückhaftem Naturalismus und symbolistischer Skurrilität pendelnde Mordsgeschichte, deren zentrales Motiv auf dem realen Fall eines Serienmörders in der Steiermark des 18. Jahrhunderts beruht. Das gattungsmäßig schwer einzuordnende Konglomerat aus szenischer Moritat, Groteske und Lyrischem Drama lokalisiert Schmalz vor dem Hintergrund einer zu gründenden Shoppingmall, deren anvisierte Kundschaft durch die grauslichen Morde abgeschreckt werden könnte. Was im Text als Moorlandschaft gekennzeichnet ist, hat die Bühnenbildnerin Katrin Brack in einen dichten Glitzerwald verwandelt, der an Shakespeares Ardennen oder auch an seinen Sommernachtstraum denken lässt. Denn was hier geschieht, ist von der Transformation eines Handwerkers in einen Esel so weit nicht entfernt. In der österreichischen Nachkriegsdramatik folgten auf die eher zaghaften Wolfgang-Bauer-Nachahmungen die Thomas-Bernhard-Imitate und dann die Werner-Schwab-Simulationen. Plausibler als der fast automatisierte Verweis auf Schwab ist beim „herzerlfresser“ die Besinnung viel weiter zurück, auf HC Artmann. Aber Ferdinand Schmalz hat seinen eigenen Ton gefunden. Auch die österreichische Literatur ist nicht bloß eine Folge von „Einflüssen“.

In Graz zeigt das Schauspiel in seinem Haus Zwei das Stück „dosenfleisch“ von Ferdinand Schmalz, das zuvor auch schon am Burgtheater zu sehen war. Der Stoff eines Splattermovies wird in der Sprache eines klassischen Dramas gebändigt. Ort der Handlung ist eine Autobahnraststätte, wo ein voyeuristischer Versicherungsvertreter, selbst wiederum beobachtet von zwei Fernfahrern, Opfer zweier mörderischer Frauen wird. Die minimalistische Inszenierung von Jan Stephan Schmieding bringt die vorbildlich gesprochene rhythmisierte Prosa umso stärker zur Wirkung. Bindeglied zwischen „dosenfleisch“ und „herzerlfresser“ ist die gesteigerte, aber nicht spekulative Lust am Makabren. Es ist wohl nicht ganz abwegig, zwischen dieser Lust und einem Phänomen wie Norbert Hofer einen Zusammenhang zu erkennen.

»Alte Meister« als Dialog

Wien hat, allen Unkenrufen und allen berechtigten, meist budgetären, Klagen zum Trotz, eine reiche und vielfältige Theaterlandschaft. Neben den Traditionshäusern des Sprech- und Musiktheaters gibt es jede Menge mittlere und kleine Bühnen, Kabaretts und neuerdings Spielstätten für freie Gruppen wie das brut, das WERK X oder das schon 2001 gegründete Tanzquartier. Sie ergänzen, was nach wie vor mehr als nur seine Berechtigung hat.

Video: Volkstheater Wien – „Alte Meister“ von Thomas Bernhard

Am Volkstheater geht die über Mainz, Düsseldorf und Graz nach Wien übersiedelte Intendantin Anna Badora mit einem breit gestreuten ambitionierten Programm in die zweite Spielzeit. Es ist keine leichte Aufgabe, die Bühne, die als Belastung und Vermächtnis, als Tradition und als Herausforderung eine gewerkschaftsnahe Vergangenheit mit sich trägt, neben den anderen beiden großen Schauspielhäusern, dem Burgtheater und dem Theater in der Josefstadt, zu profilieren, die Stammklientel zu halten oder wieder zu gewinnen und ein neues, junges Publikum anzuziehen.

Aus der vergangenen Spielzeit hat das Volkstheater die Bearbeitung von Thomas Bernhards Roman „Alte Meister“ durch den zurzeit an mehreren renommierten Häusern umworbenen tschechischen Regisseur Dušan David Pařízek wieder aufgenommen. Nun ist der Versuch und die Versuchung, den Erfolg von Bernhards Bühnenstücken durch Adaptionen seiner Erzähltexte zu verlängern, nicht immer überzeugend. Auch „Alte Meister“ verändert durch die Weglassung des Erzählers und die Umwandlung in einen Dialog zwischen dem Kunstkritiker Reger und dem Museumswärter Irrsigler Charakter und Perspektive. Aber die Operation geht auf, das Ergebnis in der Regie des Bearbeiters kommt eminent szenisch daher. Pařízek macht aus dem Roman eine Variante des Herr-und-Knecht-Themas, ein österreichisches „Endspiel“. Nicht ohne Grund hat man Thomas Bernhard gelegentlich einen Alpen-Beckett genannt. Die gegen Ende surreal überhöhte Inszenierung funktioniert allerdings vor allem durch die hervorragende Besetzung. Lukas Holzhausen als Reger und Rainer Galke als Irrsigler sprechen den Text diszipliniert und in der Melodie differenziert und versuchen nicht erst, die zwischen Naturalismus und Stilisierung oszillierende Darstellungsvorgabe zu sprengen. Man darf nur hoffen, dass Anna Badora diese beiden Schauspieler aus der Schweiz und aus Deutschland, die sich das Burgenländische zurufen lassen müssen, halten kann.

Wilhelminische Komik

Neuerdings überschlagen sich die großen Bühnen mit Schwänken, insbesondere des Wilhelminismus, die sie früher nicht einmal mit der Feuerzange angefasst hätten. Ist es eine Flucht nach vorne, die dem Publikumsschwund entgegenwirken soll? Oder deutet es auf eine Neubewertung dramatischer Kunst, einer Begünstigung unterhaltsamer Vorlagen, deren vertiefende historische, politische und künstlerische Exegese man fallweise im Programmheft nachliefert?

Das Burgtheater hat sich für „Pension Schöller“ Andreas Kriegenburg geholt, der zuvor in Wien Wedekind, Schiller, Büchner, Heiner Müller und zuletzt Gorki inszeniert hat. Was Volker Klotz das „bürgerliche Lachtheater“ genannt hat, ist nicht unbedingt sein Metier. Aber Kriegenburg forciert nicht die Aussage, wonach es nur eine Frage der Perspektive sei, dass die bürgerliche Normalität als Irrenhaus erscheine, und der Einbruch des alltäglichen Irrsinns notwendig ins Chaos führe, sondern dekliniert stattdessen die Möglichkeiten des Komischen auf der Bühne durch.

So liefert denn das Bühnenbild von Harald B. Thor nicht ein gemütliches Café, einen Salon oder ein „behaglich eingerichtetes Wohnzimmer“, die Interieurs also wilhelminischer Bürgerlichkeit, sondern fünf moderne Ziegeltürme, die sich bei Drehung in den Schriftzug SMILE verwandeln. In dem an einem Abend von dreieinhalb Stunden eher überflüssigen Vorspiel macht Kriegenburg deutlich: Wir befinden uns in Berlin. So darf auch der gefoppte Philipp Klapproth, dem von seinem Neffen und dessen Freund eine Pension als Heilanstalt für Geisteskranke vorgemacht wird und der in zwei legendären Inszenierungen am Nebenhaus des Theaters in der Josefstadt zu einem Ladislaus Robitschek eingewienert worden war, wieder ein Berliner sein.

Szenenfoto „Pension Schöller“, Burgtheater Wien: Reinhard Werner

Das Überdrehte, das zum Schwank gehört wie der Tod zur Tragödie, realisiert Kriegenburg eher verbal als physisch. Die akrobatische Körpersprache, die Herbert Fritsch in seiner „Spanischen Fliege“ exemplarisch vorgeführt hat, beherrscht bei ihm lediglich Christiane von Poelnitz als Josephine Krüger, die Romane für die „Gartenlaube“ schreibt. Dass der Abend, trotz gelegentlichen Durchhängern – eine Todsünde bei einem Schwank –, dennoch vergnüglich ist, verdankt sich dem überragenden Ensemble, allen voran Roland Koch als Klapproth, um den sich alles im wahrsten Sinn des Wortes dreht, Alexandra Henkel als Klapproths Schwester Ulrike und Max Simonischek, der als Eugen Rümpel, der kein L aussprechen kann und es daher durch ein N ersetzt, aber Schauspieler werden will, am Haus seines berühmten Vaters gastiert. Mit einer längeren Schmierentheater-Parodie hat er das Publikum endgültig für sich gewonnen.

Eugens Sprachfehler ist ein Musterbeispiel für einen Running Gag und für die Tatsache, mit welch geringen Mitteln Lachen provoziert werden kann. Dabei ist gerade diese Figur ein Beleg für die Ambivalenz der Komik. Wir lachen über die Tragik eines Menschen, der just einen Beruf anstrebt, für den er am wenigsten geeignet erscheint. Zu den Kalauern kommen das Stolpern und Fallen des Slapstick sowie aktuelle Ergänzungen – etwa die mehrmalige Allusion des Möchte-gern-Schauspielers auf „Knaus Maria“. Auch eingefügte Zitate sorgen für Komik und scheren sich nicht um Anachronismen. Ein scheinbar improvisierter Monolog für Klapproth hat mehr mit Nestroy zu tun als mit dem „Pension-Schöller“-Gespann Carl Laufs und Wilhelm Jacoby. Ob die bei diesen vermiedenen Zoten und die wiederholten Griffe ans Geschlecht diverser Inhaber eine Bereicherung sind, sei dahingestellt. Die bessere Wiener Gesellschaft, die bei der Premiere fast vollzählig anwesend war, weiß nun jedenfalls Bescheid.

Ein inhumanes Verlangen

Wer nach dem Besuch von „Toni Erdmann“ an Entzugserscheinungen leidet, sollte sich am Burgtheater Christian Stückls Inszenierung von Godonis „Der Diener zweier Herren“ ansehen. Peter Simonischek spielt mit und – man höre und staune – trägt falsche Zähne. Zum Brüllen. Eigentlich sollte man eine Fassung meiden, in der die Zofe Smeraldina verkündet: „Wenn es nach mir ginge, würde ich allen Ehebrechern die Schwänze abschneiden“ – nicht, weil dieses Verlangen ebenso inhuman ist wie die Forderung der Todesstrafe oder der Folter (das wollen wir auf das Konto theatraler Rhetorik verbuchen wie das Schmähwort von Sarastros Sprecher „Ein Weib tut wenig, plaudert viel“), sondern weil es sich auf schmierige Weise anbiedert und nach Applaus schielt, den es auch prompt erhält. Das passt zu dem Faible, den Stückl für das Unappetitliche zu haben scheint und dem er eine der schönsten Pointen der Komödie opfert, jene nämlich, die Truffaldino das gekaute Brot, mit dem er einen Brief versiegeln möchte, vor Hunger verschlucken lässt.

Szenenfoto „Schon wieder Sonntag“, Kammerspiele Wien: Erich Reismann

Dann schon lieber ein schlichtes Westend-Stück wie Bob Larbeys „Schon wieder Sonntag“ in den Kammerspielen, jenem Theater, in dem einst auch die „Pension Schöller“ ihre Heimat fand. Es passiert fast nichts in diesem Drama über Cooper, der in einem Altersheim lebt, einmal im Monat von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn besucht wird, für die junge Krankenschwester schwärmt und zusehen muss, wie sein Freund Aylott sein Gedächtnis verliert. „Schon wieder Sonntag“ war Helmuth Lohners letzte Regiearbeit, und die Rolle des Cooper ist Otto Schenk wie auf den Leib geschrieben. Die Beliebtheit dieses Schauspielers in seiner österreichischen Heimat ist in Deutschland kaum nachzuvollziehen. Aber auch, wer seine Spielweise als traditionell ablehnen mag, wird wohl zugeben, dass die genaue psychologische Zeichnung der Figur, die Subtilität der Darstellung und die stimmliche Ausformung der in ihrer sarkastischen Ironie sehr englischen Dialoge eindrucksvoll und, ja, berührend ist. Otto Schenk, sein Partner Harald Serafin und die Regie schaffen es, knapp am sentimentalen Kitsch vorbeizuschrammen. Avantgarde ist das nicht, aber eine Variante der Schauspielkunst, die allemal mehr über das Leben zu sagen hat als der Vorschlag, Ehebrechern die Schwänze abzuschneiden. Schon weil die Frauen mit den reumütigen schwanzlosen Ehemännern wenig anzufangen wüssten. Cooper träumt von einer Halskette zwischen den schweren Brüsten der Krankenschwester, die ihm von ihrer bevorstehenden Heirat erzählt. Er betröpfelt seine Pyjamahose, Ehebruch kommt schon lange nicht mehr in Betracht, und abschneiden muss man ihm nichts. Für Gesinnungsapplaus ist hier kein Platz. Der Beifall gilt Otto Schenk. Der mit seinen 86 Jahren immer noch ein Theaterviech ist. Auch das ist eine Qualität.

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erstellt am 26.10.2016

Szenenfoto „herzerlfresser“, Akademietheater Wien: Marcella Ruiz Cruz

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Kammerspiele (Theater in der Josefstadt)

Szenenfoto „dosenfleisch“, Schauspielhaus Graz: Lupi Spuma