2016 erhält die Publizistin Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das Anliegen, schwer zugängliche Erfahrungen authentisch zu erzählen, führte sie in diverse Krisengebiete der Welt, in denen sie immer wieder an die Grenzen des sprachlich Erzählbaren gestoßen ist. Riccarda Gleichauf stellt Carolin Emckes Werk vor.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016

Theorie und Poesie

Die promovierte Philosophin und politische Journalistin Carolin Emcke bekommt diesen Sonntag (23.10.) hochverdient den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt verliehen.

Es ist eine ganz besondere Mischung aus Empathie und Theorie, die das Schreiben dieser interdisziplinären Autorin auszeichnet. Ihr gelingt es dabei, schwer zugängliche, „unsagbare“ Erfahrungen authentisch zu erzählen. Dieses Anliegen führte sie in einschlägige Krisengebiete der Welt, in denen sie selbstverständlich immer wieder an die Grenzen des sprachlich Ausdrückbaren gestoßen ist. Warum für sie diese Grenzen kein Hindernis darstellen, Zeugnis abzulegen, den ohnmächtig erlauschten Geschichten also eine sprachliche Form zu geben, liegt vielleicht auch an Emckes persönlicher Vergangenheit.

Carolin Emcke hat Gewalt in der eigenen Familie erlebt, verbunden mit der Sprachlosigkeit, die sie erzeugen kann. In einem ihrer wohl eindrucksvollsten Bücher, „Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF“, beendet sie nach 18 Jahren ihr Schweigen über die eigene traumatische Erfahrung, weil, wie sie betont, „nur ein Ende des Schweigens fordern kann, wer selber zu sprechen bereit ist“.

Emcke bricht in „Stumme Gewalt“ mit einem Tabu, indem sie als Opfer die Täter zum Dialog einlädt. Sie tut dies zunächst, weil sie verstehen möchte, warum ihr Patenonkel Alfred Herrhausen in den Augen der RAF sterben musste, aber vor allem, weil sie das Schweigen der Täter über die Motive ihres Handelns nicht akzeptieren kann. Sie möchte ihnen die Möglichkeit geben, ihre eigene Sprache wiederzufinden. Es geht ihr um ein Sprechen aller jenseits von Korrektur, außerhalb einer Gruppe. Um die Schaffung eines öffentlichen Ortes, an dem Platz ist für individuelle sprachliche Suchbewegungen. Denn letztlich ist alles beschreibbar, wenn der Erfahrung ein Raum gegeben wird, in der sie sich Gehör verschaffen kann.

Zu diesem Raum gehören elementar Zuhörer und Zuhörerinnen, die empathisch lauschen und mithelfen, Unbeschreibbares „durchdringbar“ und vielleicht dadurch besser ertragbar zu machen.

Als Kriegsreporterin ist Carolin Emcke im Kosovo, in Afghanistan, Gaza und Israel unterwegs gewesen und immer wieder auf Menschen gestoßen, die ihre Erzählungen loswerden mussten. Egal auf welche Weise, stotternd und stammelnd, scheinbar zusammenhanglos, bruchstückhaft. Trotzdem, oder gerade deswegen, hat sie zugehört und ihnen zum Beispiel in der Essaysammlung „Weil es sagbar ist“ eine Stimme gegeben. Emcke achtet bei ihren Beschreibungen ungemein intensiv auf Details, legt Zeugnis ab von den Zeugnissen anderer und entschlüsselt Botschaften, die sonst versteckt, also unverständlich bleiben würden, durch ihren genauen Blick. Ihre Intention hierbei ist es, zu verhindern, dass aus einem erlebten Trauma ein Fetisch wird, dem man machtlos gegenübersteht.

Das Böse als etwas absolut Dämonisches, Übersinnliches zu erklären, wäre für die Zuhörer bzw. Leser natürlich die angenehmste Lösung, um die eigene Handlungslosigkeit zu rechtfertigen – denn ohne Zweifel können Carolin Emckes Beschreibungen schmerzen. Dadurch, dass sie immer theoretisch unterfüttert werden, entsteht aber ein Erkenntnisgewinn, der, so paradox es klingt, ein Stück weit befreiend wirkt, weil er hilft, Geschehnisse besser zu verstehen und somit zu verarbeiten.

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Wie wäre es, den Satz von Ludwig Wittgenstein umzuformulieren und aus dem Schweigen ein Schreiben zu machen?

Carolin Emcke gelingt es in ihrem Werk jedenfalls auf überzeugende Weise, den erlauschten Erfahrungen in einer analytisch-poetischen Sprache Ausdruck zu geben. Die dicken Brocken scheinbarer Unsagbarkeiten werden dabei für die Leser und Leserinnen in verständliche Kieselsteine der Sagbarkeit umgewandelt: in Teile eines irritierenden, endlosen Mosaiks, die sich mit anderen Erzählungen verbinden lassen.

Ihr Anschreiben gegen das Verstummen lässt sich problemlos mit dem Ansinnen berühmter Vertreterinnen der Literatur und der Philosophie vergleichen, zum Beispiel mit Ingeborg Bachmann und Hannah Arendt.

Bezeichnenderweise kommen beide Autorinnen aus zwei unterschiedlichen Disziplinen, die sich miteinander verbinden müssen, wenn es um den Versuch gehen soll, Grenzen sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten zu überschreiten. Carolin Emcke führt diese beiden Disziplinen in ihren Texten wie selbstverständlich zusammen:
Theorie und (empathische) Poesie.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Emcke!

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erstellt am 21.10.2016

Carolin Emcke
Carolin Emcke
Zur Person

Carolin Emcke

Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt am Main und Harvard. Sie promovierte über den Begriff „kollektiver Identitäten“. Von 1998 bis 2013 bereiste Carolin Emcke weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. Sie ist freie Publizistin und engagiert sich immer wieder mit künstlerischen Projekten und Interventionen. 2016 erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016

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