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Noch in den 1960er Jahren war „Martha oder Der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow eine beliebte Oper auf den deutschen Bühnen, dann wurde sie eingemottet – bis Loriot sie 1986 aus der Klamottenkiste wieder heraus holte! Aber erst in den letzten Jahren haben sich meistens kleinere Häuser diese Oper vorgenommen: in Halle, Gera und Ulm wurde sie schon gespielt, in Regensburg ist die Premiere für Ende Oktober 2016 angekündigt. Nun wird eine neue „Martha“-Inszenierung an der Oper Frankfurt vom Generalmusikdirektor Sebastian Weigle dirigiert und damit von einer Schmonzette zur komisch-dramatischen Oper aufgewertet. Das Orchester und vor allem die Sänger sorgten für einen geradezu fulminanten Premierenabend, berichtet Stefana Sabin.

Oper

Her die Bauernmieder!

Vielleicht lässt sich der Erfolg einer Oper auch an den vielen Persiflagen erkennen. Nach dem großen Wiener Erfolg der Oper „Martha oder Der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow 1847, komponierten sowohl Johann Strauss-Vater als auch Johann Strauss-Sohn eine „Martha-Quadrille“, Johann Nestroy schrieb eine parodierende Posse mit Gesang und Alois Berta eine Farce mit Musik, für die Franz von Suppé die Musik besorgte. Die Parodien wurden nach nur wenigen Aufführungen wieder abgesetzt, aber Flotows Oper blieb ein Hit. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war sie die meistgespielte Oper an den deutschsprachigen Opernhäusern – und sie ist bis heute die wohl einzige Oper von Friedrich von Flotow, die immer noch zum Repertoire gehört. Aber es war die verspielt amüsante Inszenierung von Loriot an der Stuttgarter Oper 1986, die Flotows Oper wieder in Erinnerung brachte und ihr weitere Inszenierungen bescherte. In der Neuinszenierung von Katharina Thoma unter der Leitung des Generalmusikdirektors Sebastian Weigle ist sie nun an der Oper Frankfurt zu sehen. Dass der Chef selber eine Oper dirigiert, die normalerweise dem Kapellmeister überlassen wird, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass man nicht nur das Stück, sondern auch den Komponisten aufwerten will.

Tatsächlich gelang Weigle eine geradezu perfekte Balance zwischen Orchester, Sängern und Chor, die alle mit erkennbarer Lust auf der Bühne agierten. Die Handlung spielt in Richmond zu Anfang des 18. Jahrhunderts. Zwei Damen aus der guten Gesellschaft, die sich in ihrem Luxusleben langweilen, verkleiden sich als Dienstmägde: „Her die Bauernmieder“ befiehlt Lady Harriet ihrer Dame Nancy. Als Mägde Martha und Julia lassen sie sich auf dem Gesindemarkt in Richmond von den Pächtern Lyonel und Plumkett für Haus- und Hofarbeit anwerben, fliehen aber sofort, als sie tatsächlich arbeiten sollen – aber da sind die Herzensbande schon geknüpft! Nach einer burlesken und einer dramatischen Wendung der Handlung und mehreren süffigen Arien endet das Ganze mit einer Doppelhochzeit. Allein bleibt nur der Cousin, der den Mägden bei ihrer Flucht geholfen hat.

In der Frankfurter Inszenierung wird die eher plumpe Verkleidungskomödie zu einem amüsanten Rollentausch, bei dem die Frauen die Überhand haben und bis zuletzt behalten. Thoma hat mit gutem Grund auf eine Aktualisierung oder gar Problematisierung verzichtet und stattdessen ein munteres Beziehungsspiel mit anachronistischen Gags zusammengestellt: Partnersuche per App (dass die Partnervermittlungsfirma, deren Logo auf dem Bühnenbildschirm gezeigt wird, im Programmheft eine Anzeige geschaltet hat, ist da nur angebracht!), Wohnwagen statt Bauernhof, ein Mini-Morris als Fluchtauto – allerdings mit kontinentalem Lenkrad, was insofern wieder passt, als der Markt zu Richmond trotz der großen Neonanzeige an der Bühnenwand nach Oktoberfest aussieht und die Mägde Dirndl tragen.

Dass die Wirkung der Inszenierung vier Akte hindurch anhält, ist vor allem den Sängern anzurechnen. Die fünf Hauptfiguren bilden ein ausgewogenes Sängerquintett und sind auch schauspielerisch wunderbar aufeinander abgestimmt. Maria Bengtsson singt Martha mit stimmlichem Einfühlungsvermögen: ihre Koloraturen sind virtuos, ihre Höhen immer sicher. Mit dem Tenor AJ Glueckert als Lyonel, dessen Stimme große musikalische Bögen schlägt, bildet sie ein überzeugendes Bühnen-Paar, und ihr Duett nach dem Schlager „Die letzte Rose“ erreicht eine ergreifende Intensität. Katharina Magiera als Nancy und Björn Bürger als Plumkett haben ihrerseits eine große Bühnenpräsenz und entlocken der Flotowschen Musik eine wohltuende Frische. So hat diese Inszenierung alle Zutaten für einen Erfolg.

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erstellt am 19.10.2016

Szenenfoto Martha, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Romantisch-komische Oper in vier Akten

Martha

Von Friedrich von Flotow
Text von W. Friedrich
Nach einem Ballett von Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges

Musikalische Leitung Sebastian Weigle
Regie Katharina Thoma
Bühnenbild Etienne Pluss

Oper Frankfurt

Szenenfoto Martha, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller