Dem Fotografen und Fotoreporter Robert Lebeck (1929-2014) gelang es stets, den richtigen Moment zu treffen. Was sich so leicht dahersagt, ist eine hohe Kunst, denn sie erfordert nicht nur Geschick, sondern man muss auch zum besten Zeitpunkt am Platz sein, sein Objektiv instinktiv auf den richtigen Ausschnitt dieser Welt halten. Lebeck selbst nannte es „unverschämtes Glück“, wenn er im rechten Moment abdrücken konnte. Ein neuer Fotoband zeigt bekannte und zumeist unveröffentlichte Fotos in einer durchdachten und höchst sehenswerten Zusammenstellung.

Der Fotograf Robert Lebeck

Blicke und Begegnungen

Lebeck war ein „Sammler von Blicken und Begegnungen“, wie Kerstin Stremmel im Vorwort des bei Steidl erschienenen Fotobandes „Face the Camera“ sein Werk definiert. Und genau darum dreht es sich in dieser Publikation. Sie zeigt eher unbekannte Werke des Fotografen von Reisen nach Japan, Indien, Bulgarien, Peru. Wir sehen lächelnde Menschen, stolze Menschen, arme Menschen, hungrige Menschen. Die Schwarz-Weiß-Bilder entstanden in den sechziger und siebziger Jahren.

Dazwischen ein paar Prominente, wie die unvermeidliche Romy Schneider, die an ihm großen Gefallen gefunden hatte und ihn zu ihren Lieblingsfotografen erkor. Lebeck verfolgte wie viele andere Fotografen den in Friedberg 1958 stationierten Soldaten Elvis Presley, dem es anscheinend auf den Nerv ging, von Objektivlinsen beobachtet zu werden und den Kamerablick mit weit aufgerissenen Augen zurückschickt. Gayle Hunnicutt und George Peppard fotografiert Lebeck 1967 in Hollywood, als sie gemeinsam den Film „P.J.“ (deutscher Titel: „Der Gnadenlose“) drehen. Peppard, eine Zigarette im Mundwinkel, hält noch die Waffe in der Hand. Die Schauspielerin kniet. Beide blicken auf zum stehenden Fotografen. Im Buch zwei Seiten hinter Elvis folgt Woody Allen in New York, mit Schlapphut und ebenfalls aufgerissenen Augen. Weiter hinten eine Gruppe indonesischer Soldaten, die offensichtlich großen Spaß daran hat, ihre Gewehre auf den Fotografen zu richten, während er dieses Fotos schießt.

Rote Linien schlängeln sich durch das Buch: aufgerissene Augen, Tanzende, Teenagergruppen, aufschauende Gesichter. Immer wieder sind Kinder verschiedener Nationen zu sehen. Der kleine japanische Junge mit forschendem Blick, dessen Arme in großen Männerstiefeln stecken und wie Flügel ausschauen, Kinder in ärmlicher Kleidung in Peru, 1971 aufgenommen, vier Ganzfigurenportraits von Kindern in Dharamsala, wo er für den STERN war, mit Tafeln in der Hand, auf denen Nummern stehen. Auch sie sehen zum Fotografen auf. Dann sieht man einen Jungen in Ibadan, Nigeria, einen Rinderschädel auf seinem Kopf tragend. Lebeck reiste damals für die Illustrierte Kristall durch das postkoloniale Nigeria. Weiter hinten folgen fröhliche Kinder, denen Lebeck in Italien 1963 begegnete, und daneben stehen Bilder von ernst schauenden Jungen in Bulgarien und Rumänien. Neben schönen und reichen Personen in Hollywood und auf Sylt finden sich gleichberechtigt Bilder von Krankheit und Hunger, die auf Reisen nach Indien etwa oder bei einem Besuch in Bethel eingefangen wurden.

Lebeck gelingt es, die Betrachter mit seinen Protagonisten in Kontakt treten zu lassen, indem er just den Moment findet, in dem die Fotografierten sie selbst sind. Es ist immer ein aktives Posieren. Der Kamera wird selbstbewusst begegnet, der Blick wird zurückgeworfen. Es sind uninszenierte Portraits, ganz gleich, ob sie Medienprofis zeigen oder Menschen, die nie oder selten fotografiert werden.

Dem für seine hervorragenden Fotobücher bekannten Verlag von Gerhard Steidl ist hier ein vorzüglicher Fotoband gelungen. Die Bilder stellte nach Vorarbeiten Lebecks seine Witwe und engste Mitarbeiterin Cordula Lebeck zusammen. Im Frühjahr 2016 waren die Fotografien in einer Ausstellung in Berlin zu sehen.

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erstellt am 17.10.2016

Abbildung aus: Robert Lebeck, Face the Camera, Steidl Verlag, 2016

Vita

Robert Lebeck

1929 in Berlin geboren. Nach seinem Studium der Völkerkunde entschloss er sich, die Laufbahn eines Fotografen einzuschlagen. Über dreißig Jahre lang reiste Lebeck als Fotoreporter für den STERN um die Welt, unterbrochen von einem Intermezzo als Chefredakteur von GEO. 1991 erhielt er den Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie und 2007 als erster Fotoreporter den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Er starb 2014.

Robert Lebeck
Face the Camera
Gestaltung: Cordula Lebeck and Gerhard Steidl
Hardcover, 208 Seiten
ISBN 978-3-95829-143-0
Steidl Verlag, Göttingen 2016

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