Der Regisseur Falk Richter und die Choreographin Anouk van Dijk haben für ihr Projekt „Safe Places“ vier Sprecher und eine Gruppe von sieben Tänzern aus aller Welt auf die Bühne des Frankfurter Schauspiels geholt. Unser kulinarisches Theater wird so wieder politisch, meint Martin Lüdke.

Theater

«Wir schaffen das!« – Nicht?

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Es brennt an allen Ecken und Enden. Abend für Abend werden uns die Bilder des Schreckens ins Wohnzimmer geliefert. Die Politik sieht hilflos zu.

Und wir schalten, in aller Regel, danach ins Unterhaltungsprogramm um.

Es ist, zugegeben, die alte Leier, die hier gespielt wird. In den späten zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bemühten sich Brecht & Genossen um ein „eingreifendes Theater“. In den frühen sechziger Jahren knüpften Peter Weiss & Konsorten an solche Intentionen an. Und, bei Lichte betrachtet, keineswegs vergeblich. Wer weiß, ob die Amerikaner Vietnam nicht bis zum letzten Vietnamesen weggebombt hätten, wäre nicht eine weltweite Bewegung, von der das Theater ein Teil war, protestierend dagegen aufgestanden.

Die heutige Situation ist, naturgemäß, eine andere. Es gibt keine klaren Fronten mehr. Ein wirklicher Gegner lässt sich schwerlich noch ausmachen. Die Lage ist nicht nur kompliziert, das ist sie allerdings auch, sondern völlig verfahren. Und wir sitzen am Couchtisch, knacken libanesische Nüsse, trinken argentinischen Wein und legen die Füße hoch. Mitten in einem Prozess, in dem uns, wie Falk Richter, der Stückeschreiber und Regisseur, aus guten Gründen meint, Europa demnächst um die Ohren fliegen könnte.

Hier liegt der Ansatzpunkt für sein neues Stück „Safe Places“, das jetzt am Schauspiel Frankfurt Premiere hatte. Richter bietet, gemeinsam mit der holländischen, in Melbourne arbeitenden Choreographin Anouk van Dijk, natürlich keine Lösungen an, sondern nur eine ordentliche Symptombeschreibung. Sozusagen als einen ersten Schritt. Die alte Frage Lenins wird gestellt: „Was tun?“ Denn das Dilemma ist klar: Die Armen der Welt kommen nach Europa. Das Schließen der Grenzen hilft nix. Die Öffnen der Grenzen hilft erst recht nichts. Das Theater kann da keine Lösungen bieten. Aber es kann wenigstens zeigen: was ist!

Die Richtung stimmt. Die Konsequenz, mit der das Stück in Szene gesetzt wurde, war beeindruckend. Das Theater wurde zurück geführt an seine Ursprünge: Kollektives Bewusstsein auszustellen. Der riesige Bühnenraum leer, bis auf einige Tische, Stühle, Bänke, die in unterschiedlicher Anordnung zusammengestellt werden, mal lange Reihen, mal eine Kreuz bilden, mal aufeinandergestellt an den Seiten verstaut sind. Im Hintergrund eine hügelige Landschaft, saftiges, grünes Gras, und einige Bäume, die im Laufe der Zeit ein gutes Stück nach vorne rücken. Und: Öffnungen, aus denen die Menschen hervorkommen.

Vier Sprecher, dazu eine Gruppe von sieben Tänzern aus aller Welt, die mit ihren Körpern vor allem zeigen wollen, was sie (uns) nicht sagen können.

Das Resultat: Minutenlanger und stürmischer Beifall, sogar mit spitzen Jubelschreien aus dem Publikum garniert. Damit bekundeten einige anwesende Ensemble-Mitglieder neben der Begeisterung für ihre Kollegen zugleich ihre eigene stimmlichen Fähigkeiten in höheren Tonlagen. Doch, um kein Missverständnis zu provozieren, selbst professionelle Nörgler, die mit ihrer Zustimmung noch sparsamer umgehen als unser Bundes-Schäuble mit seinen Steuer-Milliarden, konnten nicht ganz verhehlen, dass sie dieser Abend doch spürbar beeindruckt hatte. Die Gruppe der Tänzer, die sich nur durch ihre zeitweise extreme Beweglichkeit von den Schauspielern abhebt, bringt genau jenes Tempo ins Spiel, mit dem die Veränderungen auf uns zukommen. Dadurch wird auch der idyllisch anmutende Charakter des Bühnenbilds wieder relativiert. Die liebliche Hügellandschaft, die in der Ferne offenbar am Meer endet, dient zugleich als Transferraum. Aus einem dort vor Anker liegenden Boot quellen immer wieder Menschen hervor.

Wie gesagt: die Konsequenz ist beeindruckend. Falk Richter geht mit seinem Vorhaben noch einen deutlichen Schritt über den Vietnam-Diskurs von Peter Weiss hinaus. Er verzichtet auf alle erkennbare Handlung. Und in der Folge auch auf die Subjekte, die eine Handlung tragen könnten. Und damit natürlich ebenso auf jegliche Psychologie. Richter stellt nur noch Stimmen aus, die Stimmungen präsentieren. Die vier Sprecher stellen dabei aber nicht einmal mehr, jenseits aller Individualisierung, Charaktermasken dar. Sie sprechen nur etwas aus, was in der Luft liegt. Unsere gegenwärtige Situation, das heißt Fakten, durchsetzt mit bloßer Meinung und diffusen Gefühlen und jenen Ängsten, die schon längst nicht mehr grundlos sind.

Mit „Safe Places“ wird unser kulinarisches Theater wieder politisch.

Es ist an der Zeit.

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erstellt am 10.10.2016

Szenenfoto Safe Places, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Ein Projekt mit Schauspiel und Tanz

Safe Places

Text und Regie Falk Richter
Regie und Choreographie Anouk van Dijk
Bühne Katrin Hoffmann

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto Safe Places, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld