Der Protagonist in Silke Scheuermanns neuem Roman „Wovon wir lebten“ heißt Marten und lebt in Offenbach – einem lästigen Vorort von Frankfurt, wie die Frankfurter meinen. Scheuermann erzählt von Martens Erwachsenwerden, von seinem Weg vom Drogenkurier zum Spitzenkoch. „Wovon wir lebten“ ist ein Roman, der sehr zu loben ist, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Der Ernst des Lebens hat begonnen

Wenn Erwachsene sich in Kinder hineinversetzen wollen, die vielleicht schon gar keine Kinder mehr sind, sondern verfrüht auf die Pubertät zumarschieren, in der es angeblich erst richtig schwierig wird, haben sie Probleme, besonders wenn die Kinder, wie sich herausstellt, die eigenen Kinder sind. Aber auch mit dem Nachwuchs aus anderem Haus ist es nicht besser; das Einfühlungsvermögen stößt an seine Grenzen. Wer als Schriftsteller darüber berichtet, tritt meist als Sachbuchautor auf oder schreibt ein Jugendbuch, mit dem die Kritiker in der Regel gnädiger umgehen als mit dem Werk eines ambitionierten Literaten. Diese Gemengelage hat Silke Scheuermann, die für ihren Roman „Wovon wir lebten“ den elfjährigen Marten als Berichterstatter wählt, der dann aber zügig älter wird, nicht zu befürchten, was daran liegen mag, dass sie eine vergleichsweise junge Autorin (Jg. 1973) ist, vermutlich aber auch mit ihrer lakonischen Kunstfertigkeit zu tun hat, die sich nicht damit aufhält, sprachliche Differenzierung im Sinne generationenübergreifender Korrektheit auszubreiten, sondern eine Geschichte erzählt, die erzählt werden will, egal ob man sie in jungen Jahren beginnen lässt oder vom Ende her aufrollt – (was auch möglich gewesen wäre). Marten lebt (wie die Autorin) in Offenbach, einem lästigen Vorort von Frankfurt, wie die Frankfurter meinen, und hat die Probleme, die man in seinem Alter so hat. Die Familie ist nicht besser und schlechter als andere; der Vater, überkorrekter Beamter mit Sachbearbeiterwissen, das sich auf die gesamte Weltlage anwenden lässt, nervt, auch weil erziehen will, wo es nichts mehr zu erziehen gibt; die Mutter, deutlich liebevoller, aber mit Hang zum Alkohol, gegen den sie tapfer angeht, um dann doch wieder rückfällig zu werden; schließlich noch eine fünfjährige Schwester, die bevorzugt niedlich ist. Marten hält in dieser weitgehend unauffälligen Familie den Laden zusammen, er ist reifer, als sein Vater meint, hat keine Berührungsängste, bleibt aber auch gerne für sich. Überdies, erfreulich für den Leser, leiht ihm die Autorin ihren Blick für feine Situationskomik und unauffällige Geschehensbeigaben: „’Glaubst du, das ist eine tote Nutte?’ (…) Ein Stück über mir steht ein Junge, den ich hier noch nie gesehen habe … Gerade habe ich beschlossen, ihn … nicht zu beachten, da fängt er an, zu mir herunterzusteigen. Das Gras ist nass vom Tau und rutschig; vielleicht fällt er hin. Aber nein. Knackend zerbricht Gehölz unter seinen Schritten, und er steht neben mir. (…) ‚Hast du sie angefasst? Atmet sie noch?’ – ‚Reg dich ab. Natürlich atmet sie noch. Wenn du mal die Klappe hältst, hörst du sogar, wie sie schnarcht. Das ist übrigens meine Mutter. Und sie schläft nur.’“

Mit Micha, dem Jungen, der hier Bekanntschaft mit einer schnarchenden Mutter macht, freundet sich Marten an; die beiden passen zueinander. Michas Elternhaus ist ganz anders, als es sich Marten vorgestellt hat; man geht freundlich, ja sogar: liebevoll miteinander um, was besonders für Rudi, Michas Vater gilt, der als begabter Kunstschreiner amtiert, dem seine Arbeit noch immer Spaß macht. Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als Marten, ohne groß nachzudenken, zum Drogenkurier wird. Dafür ist er bestens geeignet; er unterläuft sämtliche Altersgrenzen, die in der Branche gelten, kann charmant sein und beweist durchweg Zuverlässigkeit. Was scheinbar harmlos beginnt und zunächst wie ein Kinderbeschäftigungsprogramm ohne Risiken und Nebenwirkungen anmutet, kann so nicht bleiben. Im Drogengeschäft geht es nun mal nicht gemütlich zu, auch und gerade wenn Halbwüchsige am Werk sind. Der Ernst des Lebens hat längst begonnen, was der Autorin Gelegenheit gibt, den Spannungsbogen ihres Romans noch einmal gekonnt anzuziehen. Marten avanciert schließlich zum Spitzenkoch, der ein eigenes Szenerestaurant betreibt und seine Künste sogar im Fernsehen vorführen darf. Ein gewisser Ruhm kommt über ihn, den auszuhalten er nicht gelernt hat; insofern wird es schwer für ihn, was auch für Stella, seine große Liebe gilt, die er zunächst aus den Augen verliert und wiedersieht, als sie sich als Künstlerin versucht. Künstler aber, wir wissen es, haben es schwer, besonders wenn sie von ihrer Kunst leben wollen; ein Fernsehkoch mit halbkrimineller Vergangenheit hat es da leichter, auch wenn er ruckzuck wieder aus dem Verkehr gezogen werden kann.

„Wovon wir lebten“ ist ein Roman, der sehr zu loben ist; seine Autorin, mit etlichen Preisen dekoriert, die sie, wagen wir kurzentschlossen zu behaupten, allesamt verdient hat, versteht sich, vielleicht auch, weil sie von Haus aus Lyrikerin ist, auf die Kunst des zweiten Blicks. So kommt ein Glanz in ihr Erzählen, der nicht überdehnt wird oder gar blendet. Am Ende bleibt eine Botschaft, die nicht nur in Frankfurt und Offenbach zu verstehen ist: „Wenn ich die Augen schließe, kommen die Bilder (…), und alles, was ich sehe, in dieser Schwärze hinter meinen Augenlidern, leuchtet … Ich muss an das Sprichwort meines Vaters denken: Schließe die Augen, und alles, was du jetzt siehst, gehört dir. Niemals hätte er sich vorstellen können, wie viel das ist. Ja, es ist wirklich alles in Ordnung. Eigentlich noch mehr als das. Ich habe so unendlich viel bekommen. Das ist merkwürdig, denn ich hatte ja keine großen Erwartungen.“

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erstellt am 09.10.2016

Silke Scheuermann
Silke Scheuermann, Foto: Alexander Paul Englert

Silke Scheuermann
Wovon wir lebten
Roman
Gebunden, 536 Seiten
ISBN-13: 9783895613784
Schöffling & Co, Frankfurt am Main, 2016

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