Eine Erinnerung an David Hume – 300. Geburtstag am 7. Mai 2011

Deine Wissenschaft sei menschlich

Von Otto A. Böhmer

Wer sich mit der Philosophie einlässt, sollte erst mal nicht zu viel von ihr erwarten. Diese Erfahrung machte der Student David Hume, der zuvor die Rechte studiert hatte, ohne von seiner eigentlichen Liebe, der Philosophie, lassen zu wollen. Das ging nicht gut; als Studienabbrecher kehrte er nach Hause in seinen schottischen Heimatort Ninewells zurück, wo er sich seiner Familie erklärte. Nachdem ihm der Familienrat, angeführt von seinem Onkel George, der nach dem frühen Tod von Davids Vater als erster Erzieher fungierte, zögerliche Zustimmung zu seinen Plänen, sich nur noch der Philosophie widmen zu wollen, signalisiert hatte, lag die Welt des Denkens in aller Offenheit vor ihm. Was sich als verführerische Aufgabe darstellte und euphorische Gefühle auslöste, erwies sich jedoch bald als quälerisches Unterfangen: Die Gedankengebäude, die Hume betrat, glichen, bei näherem Hinsehen, architektonischen Ungetümen, die eher zum systematischen Verlaufen einluden denn zur konsequenten Erkundung. Hume hatte sich, so schien es, übernommen; statt Erkenntniszugewinn sah er sich mit Zweifeln und Desorientierung bedacht. Er flüchtete in die Krankheit. Ein rätselhafter Hautausschlag setzte ihm zu, zudem litt er unter übermäßigem Speichelfluss, der auch die gewöhnliche Rede zur Mutprobe machte. Ein Arzt, den man konsultierte, konnte keine körperlichen Krankheitssymptome erkennen; er mutmaßte, dass die Leiden des jungen Mannes aus „dem geheimen Born seiner Seele“ stammten, und riet zu verstärktem Gottvertrauen. Als Hume bereits glaubte, seine Krankheit überwunden zu haben, gab es im Frühjahr 1731 einen Rückschlag: ihn befiel eine geradezu aberwitzige Fresslust. Er wurde zum Dauergast in der Speisekammer, wo er sich auch nachts mit dem Nötigsten versorgte, um die elend langen Stunden bis zum ausgiebigen Frühstück unbeschadet zu überstehen. Innerhalb weniger Wochen wurde aus dem hageren David Hume ein zur Dicklichkeit neigender junger Mann, der so gesund aussah, dass sich Fragen nach seinem Befinden erübrigten. Als sein gesteigerter Appetit schließlich nachließ, war dies das Zeichen, dass sich die Krankheit bereit erklärte, den Rückzug anzutreten. Hume kam zur Ruhe; eine neue Besinnungsphase setzte ein: „Da ich jetzt Zeit und Muße hatte, meine entflammte Einbildungskraft abzukühlen, begann ich ernsthaft zu überlegen, wie ich bei meinen philosophischen Untersuchungen vorgehen sollte. Ich fand, dass die aus der Antike überlieferte Moralphilosophie unter demselben Mangel litt, der schon in ihrer Naturphilosophie gefunden wurde, nämlich gänzlich spekulativ zu sein und mehr auf Erfindungen als auf Erfahrung zu beruhen. Jeder nahm nur seine eigene Phantasie im Errichten von Lehrgebäuden über Tugend und Glück ernst, ohne die menschliche Natur zu beachten, von der jede moralische Schlussfolgerung abhängen muss. Ich entschloss mich daher, die menschliche Natur zum Hauptgegenstand meines Studiums zu machen und zur Quelle, aus der ich jede Wahrheit ableiten wollte.“

Im Sommer 1734 gönnte sich Hume einen Ortswechsel und ging nach Frankreich, wo er auf dem etwas heruntergekommenen Herrensitz Yvandeau bei Reims Unterkunft fand. 1737 kehrte er nach England zurück. Er hatte ein umfangreiches Manuskript bei sich, das 1739 unter dem Titel Traktat über die menschliche Natur erschien und zu einem bemerkenswerten Misserfolg wurde. Die Ignoranz seiner Zeitgenossen musste Hume um so unbegreiflicher erscheinen, als er der Meinung war, der Philosophie ein Fundament auf schwankendem Boden verliehen zu haben: eine Art Gewissheit in der Welt gängiger Ungewissheiten. Er hatte die Bandbreite des menschlichen Denkens durchmessen und war zu dem Ergebnis gekommen, dass alle Erkenntnisprozesse als ein gewöhnungsbedürftiges Zusammenwirken von Sinneswahrnehmung und Verstandestätigkeit funktionieren; die Muster dieser Vorgänge wiederholen sich, ein ums andere Mal, so dass der Mensch mit einiger Berechtigung vermuten darf, es handele sich dabei um Gesetzmäßigkeiten, die für alle Zeiten gelten. In Wirklichkeit jedoch herrscht ein Diktat der Einzelfälle; sie alle, zusammengenommen, machen Erfahrung aus, und Erfahrung ist, wie Hume nicht müde wurde zu betonen, das halbe Leben. Sogar das Ich, eine Art heiliger Bezirk der neueren Philosophie, in dem man sich erhaben glaubt über empiristische Anfechtungen, verfällt dem Verdikt, eine nützliche Fiktion zu sein, ausgeheckt von der Einbildungskraft.

David Hume ließ sich von seinem Misserfolg nicht entmutigen. Er begann mit den Arbeiten am dritten Band des Traktats, der sich vorwiegend ethischen Problemen widmete und im Oktober 1740 in London erschien. Der Skeptizist Hume relativierte in diesem Buch auch die Moral des Menschen: Sie ist für ihn kein aus den Zeitläufen herausgehobenes Werteangebot, an dem sich gesellschaftliches Zusammenleben orientieren kann, sondern Bestandteil des allgemeinen Erfahrungsprozesses, der sich mühsam und die Möglichkeiten des Irrtums mittragend vorwärts bewegt. Vernunftgründe können moralisch-ethische Entscheidungen nicht zwingend reglementieren; die Begründungen, die sie liefern, verdanken sich vielmehr nachträglicher Reflexion. Hume entdeckt zudem eine der unscheinbarsten Tugenden des Menschen, das Mitgefühl, dem er, durchaus hochachtungsvoll, die Funktion zuspricht, ein wesentliches, wenn nicht gar das entscheidende Regulativ für moralische Handlungen zu sein. Seine persönliche Lage erforderte ebenfalls Mitgefühl, und zwar mit sich selbst. Da seine Bücher ohne Anerkennung blieben und auch ein zwischenzeitlicher Versuch, als Professor an der Universität Edinburgh Fuß zu fassen, fehlschlug, musste er sehen, dass er andere Erwerbsquellen auftat. So kam ihm ein Angebot des Marquis von Annandale, der in St. Albans bei London residierte, gerade recht: Der hochgestellte junge Herr, über den widersprüchliche Gerüchte im Umlauf waren, suchte einen Hauslehrer; das Gehalt, das er zu zahlen versprach, war solide. Hume sagte zu. Der Marquis, der Jahre später entmündigt und für geisteskrank erklärt wurde, entpuppte sich jedoch als bizarre Gestalt, die sich vor allem auf die Kunst des Mobbings verstand. Im April 1776 wurde Hume entlassen; er versuchte, sein Restgehalt einzuklagen, ein Verfahren, das sich als langwierig erwies und erst elf Jahre später von Erfolg gekrönt war. In der Zwischenzeit hatte er die Untersuchung über den menschlichen Verstand fertiggestellt, die gleich zu Beginn mit programmatischen Empfehlungen aufwartet: „Die Natur scheint dem Menschengeschlecht eine gemischte Lebensweise als die geeignetste angewiesen und es im geheimen gewarnt zu haben, sich hier keiner Voreingenommenheit allzu sehr hinzugeben und dadurch die Fähigkeit für andere Arbeiten und Vergnügungen einzubüßen. Fröne deiner Liebe zur Wissenschaft, spricht sie, aber deine Wissenschaft sei menschlich und lasse sich in unmittelbarer Beziehung zum tätigen und geselligen Leben setzen. Unzugängliche Gedanken und tiefbohrende Forschungen untersage ich; ihre strenge Strafe sei grübelnde Schwermut, zu der sie dich führen, endlose Ungewissheit, in die sie dich verstricken, und die kalte Aufnahme, welche die Mitteilung deiner angeblichen Entdeckung erfahren wird. Sei ein Philosoph; aber inmitten all deiner Philosophie bleibe Mensch!“

Hume wurde auf dem Umweg über Nebenarbeiten zu einem anerkannten Autor: Er schrieb eine opulente Geschichte Englands, die viele Leser fand, und trat auch als Nationalökonom hervor. Die neue Wertschätzung erfreute ihn, kam ihm aber übertrieben vor. Im Lager der konservativen Theologie indes traute man ihm nicht über den Weg, man verdächtigte ihn, nicht ganz zu Unrecht, des fortgesetzten Atheismus. Da es schwer war, ihn im internen Argumentationsgang seiner Schriften zu widerlegen, richtete sich die Kritik auf Äußerlichkeiten, die leider nicht zu übersehen waren: „Sein Aussehen spottete jeder Physiognomik, und der Tüchtigste in dieser Wissenschaft würde nicht die mindeste Spur seiner Geisteskräfte in den nichtssagenden Gesichtszügen haben entdecken können. Die Augen waren leer und geistlos, und beim Anblick seiner Korpulenz hätte man eher glauben können, einen Schildkröten essenden Ratsherrn als einen kultivierten Philosophen vor sich zu sehen. Die Weisheit hat sich sicherlich noch nie in eine so sonderbare Gestalt verkleidet.“
Als ebenso beleibter wie beliebter Denker ließ sich Hume 1763 noch einmal nach Frankreich einladen. Dort machten ihm auch einige Philosophenkollegen die Aufwartung, allen voran Rousseau, der als schwierig galt. Zu ihm unterhielt Hume eine Beziehung, die von seiner Seite als Vernunftehe gedacht war, auf Seiten Rousseaus jedoch als missverständliche Liebesaffäre betrieben wurde. Gegenseitige Lobpreisungen wechselten mit tiefen Verstimmungen ab; für den eher zurückhaltenden Schotten waren es besonders die unvorhergesehenen Gefühlsausbrüche Rousseaus, die ihn irritierten: „Er setzte sich auf meine Oberschenkel, schlug seine Hände um meinen Hals, küsste mich mit größter Innigkeit, und während er mein Gesicht mit Tränen benetzte, rief er aus: ‚Kannst du mir je vergeben, mein teurer Freund? Nach all den Beweisen der Zuneigung, die ich von dir erhalten habe, belohne ich dich mit diesem törichten und unpassenden Benehmen. Aber nichtsdestoweniger habe ich ein Herz, das deiner Freundschaft würdig ist. Ich liebe dich, ich achte dich. Und nicht ein Fünkchen deiner Güte ist an mir verschwendet.“

Der Lebensabend David Humes verlief in ruhigen Bahnen. Man rühmte seine Altersweisheit und die dazu passenden Umgangsformen. Eine Aura der Zufriedenheit umgab ihn; seine Besucher merkten, dass sie einem Mann gegenübertraten, der mit mild gestimmtem Wohlwollen auf sein Leben zurückblickte. Dabei hatte er den Menschen mehr Illusionen genommen als erhalten: Wir wissen weit weniger, als wir zu wissen vorgeben, weiß Hume – was auch für unsere Einschätzung von Zufall und Notwendigkeit gilt: „Man gibt allgemein zu, dass nichts da ist ohne Ursache für sein Dasein, und dass Zufall im strengen Sinne nur eine Verneinung ist und keine wirkliche Kraft bezeichnet, die irgendein Dasein in der Natur hätte. (…) Keine Zufälligkeit irgendwo im Universum, keine Gleichgültigkeit, keine Freiheit: Während wir handeln, wird gleichzeitig an uns gehandelt.“

Sein Spätwerk Dialoge über die natürliche Religion schätzte Hume als so brisant ein, dass er es nur postum veröffentlicht wissen wollte. Tatsächlich wagte es die letzte Schrift des Philosophen, endgültig am Nimbus des gerechten Gottvaters zu kratzen, der, damals wie heute, die ins Leben beförderten Menschen lieber teilnahmslos gewähren lässt, als ihnen zu helfen: „Die menschliche Gattung hat die stärksten Bedürfnisse und die größten körperlichen Mängel. Sie … besitzt nichts, was sie nicht ihrem eigenen Geschick und Fleiß verdankt. Kurz, die Natur scheint eine genaue Berechnung des für ihre Geschöpfe unerlässlich Notwendigen angestellt und ihnen, einem harten Herrn vergleichbar, wenig mehr an Kräften und Fähigkeiten gewährt zu haben, als zur Befriedigung dieser Grundbedürfnisse unbedingt erforderlich ist. Ein gütiger Vater hätte eine reichliche Ausstattung gegeben, um seine Kinder vor Unfällen zu bewahren und ihr Glück und Wohlergehen selbst unter ungünstigen Umständen sicherzustellen … Auf Epikurs alte Fragen gibt es noch immer keine Antwort: Ist er willens, aber nicht fähig, Übel zu verhindern? Dann ist er ohnmächtig. Ist er fähig, aber nicht willens? Dann ist er boshaft. Ist er sowohl fähig als auch willens? Woher kommt dann das Übel?“

erstellt am 28.4.2011

David Hume, 1766
David Hume, 1766